Der Circle

Dave Eggers: „Einer der bedeutendsten Autoren der Gegenwart“. Gut, wenn man verkaufen will, darf man auch schon mal übertreiben. Aber gleich so, wie Amazon das tut? Dann wären The Sweet auch eine der bedeutendsten Bands des zwanzigsten Jahrhunderts, weil sie ordentlich verkauft haben. Stopp, ich werde ungerecht, ich kenne nämlich mehr Musik von The Sweet, als Bücher von Dave Eggers. Ein Umstand, den ich bedauere. Nicht wegen Eggers, nur wegen Sweet. Von Eggers kenne ich nur „The Circle“, den Roman, der inzwischen auch verfilmt wurde und 2017 in die Kinos kam. Den Film habe ich nicht gesehen, vielleicht schaue ich ihn mir an, wenn er mal im TV läuft. Den Roman habe ich wie so oft als Hörbuch gehört.

Als das Buch erschien, konnte man ihm medial praktisch nicht ausweichen. Zeitungen und Zeitschriften, Kultursendungen im Fernsehen, wohin man auch sah, Eggers war da, The Circle war das Thema. Kurz gesagt geht es darum, dass in einer nahen Zukunft ein Internetkonzern entsteht, der praktisch konkurrenzlos ist, etwas, das uns an Google, Apple, Amazon oder Facebook erinnert. Nein, nicht erinnert, sondern andeutet, wohin es mit denen gehen könnte. Eine Datenkrake, eine freundliche, mitarbeiterorientierte Wohlfühlkrake. Ein Unternehmen, das mit seinen Dienstleistungen die Welt beglückt und dafür von Millionen geliebt wird. Selbstverständlich dehnt es seine Einflusssphäre immer weiter aus, bis in die Politik und bis in die letzten Winkel des einst Privaten.

Eggers lässt eine sehr gut ausgebildete, aber völlig naive junge Frau Weiterlesen

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Maarten `t Hart

Mit Bedauern wurde mir bewusst, dass ich nur noch wenige Seiten der Kurzgeschichtensammlung von Maarten `t Hart zu lesen hatte. Jeder, der gern liest, kennt das wohl. Ein Buch geht zu Ende und man muss man Abschied nehmen von einer Welt, die immer vertrauter wurde. Kurzgeschichten verursachen dieses Gefühl gewöhnlich nicht in so starkem Maße, aber „De moeder van Ikabod“ ist sehr autobiografisch geprägt, so dass jeder, der nicht nur „Das Wüten der ganzen Welt“ gelesen hat, in eine bekannte Gedankenwelt eintritt.

Typisch für diesen Autor ist ein meist humorvoller, angenehm selbstironischer, aber auch eigensinniger Blick auf das moderne Leben, auf die Niederlande, aber auch auf den Literaturbetrieb, den Maarten `t Hart mit bösem Spott begegnet.

Kurt Vonnegut hat mit 75 seinen letzten Roman verfasst, der eigentlich auch nicht mehr so recht funktioniert hat. Wie lange schreibt Maarten `t Hart noch, frage ich mich und schaue in seine Biografie. Jahrgang 1944. Vor kurzem habe ich noch ein sehr resigniert wirkendes Interview mit ihm gelesen. Sein Garten verwildert, seine Gesundheit angeschlagen. Und „De moeder von Ikabod“ berichtet aus den letzten Jahrzehnten, von einem Schwedenbesuch Mitte der achtziger Jahre zum Beispiel.

Notiz an mich selbst: Es gibt einen guten Grund, noch mal ganz von Weiterlesen

John Edward Williams: Stoner

Francis Quadrangle mit Jesse Hall im Hintergrund

John Edward Willams Großeltern waren arme Kleinbauern, er studierte nach dem zweiten Weltkrieg englische Literatur, promovierte und unterrichtete an der Universität von Missouri. Williams Roman Stoner erschien 1965 und schilderte das Leben des William Stoners. Sohn armer Kleinbauern, der vor dem ersten Weltkrieg englische Literatur studierte und anschließend Professor an der Universität von Missouri wurde.

Soviel zu biografischen Bezügen in der Literatur. Jeder, der selbst schreibt, weiß, dass ihm das eigene Leben und Erleben immer wieder in die Texte gerät, ja, dass es eigentlich kein anderes Schreiben gibt. Nicht immer sind diese Bezüge allerdings so deutlich. Gut, die literarische Figur William Stoner ist nicht identisch mit John Edward Williams. Wie weit die Ähnlichkeiten gingen, kann wohl auch nur beurteilen, wer Williams kannte. Die Ähnlichkeit spielt für uns Leser allerdings weniger eine Rolle, die interessiert vielleicht den Literaturwissenschaftler, je nachdem, welche Theorie da gerade vorherrscht.

Der Roman ging nach seiner Veröffentlichung unter, erreichte kaum Leser, obwohl seine literarische Qualität in Fachkreisen schnell bemerkt wurde.  Erst die Neuausgabe im Jahre 2006, fast vierzig Jahre nach der Erstveröffentlichung, machte das Buch zu einem Erfolg.

Was erzählt Williams uns da eigentlich? Ein Mann hat ein literarisches Erweckungserlebnis und wird zum Lehrer. Ein weitgehend unspektakuläres, ruhiges Leben an einer Universität, Machtkämpfe, persönliches Glück und Unglück.

Alles ganz unspektakulär, aber alles ganz nah dran an diesem Mann, der mit einer großen Ruhe, fast möchte man sagen Naivität, sein Schicksal annimmt und nur manchmal, zu seiner eigenen Überraschung, so scheint es fast, dagegen rebelliert. Ein Jahrhundertwerk und makellos, so die Kritik nach der Wiederveröffentlichung.

Ich will mich nicht in die Reihe der Marketingstrategen einfügen, die Bücher verkaufen müssen, mir reicht es, dass ich das Hörbuch gern bis zum Ende gehört habe, was sicher auch an Burghart Klaußner lag, der den Text zum Klingen brachte.

Julian Barnes

Chislehurst, Royal Parade By Ian Capper, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=14285386

Ich habe mal wieder ein Hörbuch gehört. Das stimmt so nicht, ich höre fast täglich im Zug und auf dem Bahnsteig und auf dem Weg vom Bahnsteig in die Schule und von der Schule zum Bahnhof und auf dem Fahrrad vom Bahnhof nach Hause meine Hörbücher. Auf dem Fahrrad höre ich selbstverständlich ordnungsgemäß nur mit einem Ohr hin. Gehört habe ich unter anderem Sunset Park von Paul Auster, die Pfaueninsel von Thomas Hetche, In Zeiten des abnehmenden Lichts von Eugen Ruge und jetzt gerade Julian Barnes: Vom Ende einer Geschichte, gelesen von Manfred Zapatka.

Es ist nicht so, dass ich in der Stadtbücherei nur in der Kiste mit den Empfehlungen von Denis Scheck wühle, unsere Stadtbücherei ist einfach klein und da lässt es sich nicht vermeiden, dass man auch mal ein ordentliches Stück Literatur mit nach Hause nimmt. Es befinden sich auch Hörbücher aus den Kategorien Angst & Schrecken, Wut & Blut Weiterlesen

Kopflos

von Friedrich Schiller [Public domain], via Wikimedia Commons

Machen Sie sich keinen Kopf. Was für ein gedankenloser Ausspruch! Hätte man sich doch einen machen können, aber nein, keiner hat sich einen Kopf gemacht. Es musste, na, es sollte schon der richtige sein und den brauchte man sich ja nicht extra zu machen, der war ja da. War er vermutlich auch, selbst das lässt sich nicht mehr überprüfen.

Weil man alles eingeebnet hat, nachdem man dachte, man habe den richtigen Kopf und als dann klar war, dass es doch der falsche war, da war es eben zu spät. Alles platt gemacht. Typisch natürlich, dass es um Schillers Schädel ging, nicht Goethes, der wusste immer den Kopf oben zu halten und der war auch so gut vernetzt, so nah an den Mächtigen und Zahlungskräftigen, dass es keine Unklarheiten über seine letzte Ruhestätte geben konnte. Die Fürstengruft.

Und weil es Goethe war und ist, der dort ruht, ist es längst die Gruft des Dichterfürsten, in der neben ihm auch noch ein paar Adelige stehen dürfen. Schiller hingegen, nein, er wurde nicht verscharrt, so war das auch wieder nicht, aber der Mann, der als der erste freie Schriftsteller Deutschlands gilt, der nicht nur frei in dem Sinne war, dass er kein Gehalt bezog, sondern Weiterlesen

Und dann doch

Julius Ludwig Sebbers [Public domain], via Wikimedia Commons

Wir waren in Weimar. Ich betone das mal, klingt ja viel besser als z. B. wir waren am Ballermann. Viel gebildeter. Weimar also. Stadt der Klassiker, der Weimarer Republik, der Nazis und Buchenwalds. Natürlich auch eine Stadt mit DDR-Geschichte. Das lässt sich überhaupt nicht alles erzählen. Das will ja auch keiner wissen.

Residenzstadt, Thüringer Bratwurst, Ginko-Blätter und Goethe- und Schillerbüsten in allen Größen. Rappelvolle Cafes und Restaurants. Es ist das Wochenende vor dem Reformationstag, da nimmt ganz Deutschland einen Brückentag und NRW hat auch noch den Mittwoch frei, Allerheiligen.

Eigentlich zog mich nichts nach Weimar. Nichts, bis auf meine Frau. Nicht mal Goethe. Oder Goethe schon überhaupt nicht. Ja, ich weiß. Er hat wunderschöne Lyrik geschrieben, aber die kann ich auch zuhause lesen. Und dann passiert es doch wieder: Die Stadt, die in großen Teilen immer noch seine Stadt ist, sein Haus, seine Häuser, sein Sarg schaffen eine Nähe, die ich nicht erwartet hätte. Der Mensch hinter dem Werk wird greifbarer, wozu auch eine hervorragende Stadtführung beiträgt. Und die Menschen in der Masse sind dann doch nicht so stumpf, so Weiterlesen