Julian Barnes

Chislehurst, Royal Parade By Ian Capper, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=14285386

Ich habe mal wieder ein Hörbuch gehört. Das stimmt so nicht, ich höre fast täglich im Zug und auf dem Bahnsteig und auf dem Weg vom Bahnsteig in die Schule und von der Schule zum Bahnhof und auf dem Fahrrad vom Bahnhof nach Hause meine Hörbücher. Auf dem Fahrrad höre ich selbstverständlich ordnungsgemäß nur mit einem Ohr hin. Gehört habe ich unter anderem Sunset Park von Paul Auster, die Pfaueninsel von Thomas Hetche, In Zeiten des abnehmenden Lichts von Eugen Ruge und jetzt gerade Julian Barnes: Vom Ende einer Geschichte, gelesen von Manfred Zapatka.

Es ist nicht so, dass ich in der Stadtbücherei nur in der Kiste mit den Empfehlungen von Denis Scheck wühle, unsere Stadtbücherei ist einfach klein und da lässt es sich nicht vermeiden, dass man auch mal ein ordentliches Stück Literatur mit nach Hause nimmt. Es befinden sich auch Hörbücher aus den Kategorien Angst & Schrecken, Wut & Blut Weiterlesen

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Kopflos

von Friedrich Schiller [Public domain], via Wikimedia Commons

Machen Sie sich keinen Kopf. Was für ein gedankenloser Ausspruch! Hätte man sich doch einen machen können, aber nein, keiner hat sich einen Kopf gemacht. Es musste, na, es sollte schon der richtige sein und den brauchte man sich ja nicht extra zu machen, der war ja da. War er vermutlich auch, selbst das lässt sich nicht mehr überprüfen.

Weil man alles eingeebnet hat, nachdem man dachte, man habe den richtigen Kopf und als dann klar war, dass es doch der falsche war, da war es eben zu spät. Alles platt gemacht. Typisch natürlich, dass es um Schillers Schädel ging, nicht Goethes, der wusste immer den Kopf oben zu halten und der war auch so gut vernetzt, so nah an den Mächtigen und Zahlungskräftigen, dass es keine Unklarheiten über seine letzte Ruhestätte geben konnte. Die Fürstengruft.

Und weil es Goethe war und ist, der dort ruht, ist es längst die Gruft des Dichterfürsten, in der neben ihm auch noch ein paar Adelige stehen dürfen. Schiller hingegen, nein, er wurde nicht verscharrt, so war das auch wieder nicht, aber der Mann, der als der erste freie Schriftsteller Deutschlands gilt, der nicht nur frei in dem Sinne war, dass er kein Gehalt bezog, sondern Weiterlesen

Und dann doch

Julius Ludwig Sebbers [Public domain], via Wikimedia Commons

Wir waren in Weimar. Ich betone das mal, klingt ja viel besser als z. B. wir waren am Ballermann. Viel gebildeter. Weimar also. Stadt der Klassiker, der Weimarer Republik, der Nazis und Buchenwalds. Natürlich auch eine Stadt mit DDR-Geschichte. Das lässt sich überhaupt nicht alles erzählen. Das will ja auch keiner wissen.

Residenzstadt, Thüringer Bratwurst, Ginko-Blätter und Goethe- und Schillerbüsten in allen Größen. Rappelvolle Cafes und Restaurants. Es ist das Wochenende vor dem Reformationstag, da nimmt ganz Deutschland einen Brückentag und NRW hat auch noch den Mittwoch frei, Allerheiligen.

Eigentlich zog mich nichts nach Weimar. Nichts, bis auf meine Frau. Nicht mal Goethe. Oder Goethe schon überhaupt nicht. Ja, ich weiß. Er hat wunderschöne Lyrik geschrieben, aber die kann ich auch zuhause lesen. Und dann passiert es doch wieder: Die Stadt, die in großen Teilen immer noch seine Stadt ist, sein Haus, seine Häuser, sein Sarg schaffen eine Nähe, die ich nicht erwartet hätte. Der Mensch hinter dem Werk wird greifbarer, wozu auch eine hervorragende Stadtführung beiträgt. Und die Menschen in der Masse sind dann doch nicht so stumpf, so Weiterlesen

Der Friedhof von Prag, Eco und die Protokolle der Weisen von Zion

Foto: Elfie Voita

Die Protokolle der Weisen von Zion. Nie davon gehört? Das wäre ja mal ein gutes Zeichen.

Vermutlich gab es zu jeder Zeit Versuche, irgendwem die Schuld für den ganzen Schlamassel aufzudrücken. Der Homo Sapiens Sapiens, der erstmals einen Bezugsschein für eine Höhle ausfüllen musste, gab die Schuld dafür sicher dem Neandertaler, dem blöden Höhlenmenschen. Später wurden die, zu deren Religion oder Tradition der Sündenbock gehörte und die sich das Wort Schlamassel ausgedacht haben, zum Premiumfeind, zum Universalübel. Übrigens habe ich bis gerade nie darüber nachgedacht, dass in Schlamassel ja auch der Massel steckt, Schlamassel also einfach kein Massel ist. Manchmal hat man kein Glück und dann kommt auch noch Pech hinzu, wie es mal ein Bundesligaprofi formuliert hat.

Weil die Welt aber immer komplizierter wurde und immer mehr Menschen nicht verstanden, warum gerade sie nicht reich und berühmt wurden, dafür aber den Kopf für alles hinzuhalten hatten und anschließend auch noch einen Tritt in den Allerwertesten bekamen, bedurfte es einer Erklärung. Nein, nicht die von Herrn Marx. Die war auch kompliziert und hätte unangenehme Folgen für das Zusammenleben in der Gesellschaft gehabt. Weiterlesen

Abendlicht & 1 Gedicht

Bild: Manfred Voita

Wir gehen am Meer im tiefen Sand

Wir gehen am Meer im tiefen Sand,
Die Schritte schwer und Hand in Hand.
Das Meer geht ungeheuer mit,
Wir werden kleiner mit jedem Schritt.
Wir werden endlich winzig klein
Und treten in eine Muschel ein.
Hier wollen wir tief wie Perlen ruhn,
Und werden stets schöner, wie die Perlen tun.

Max Dauthendey (1867 – 1918)

Die Mühlen der Ebene mahlen langsam

Eine Tageszeitung muss sein. Worüber sonst sollte man sich am frühen Morgen schon aufregen?

Zeitungen hatten lange Zeit das Privileg, Nachrichten zu transportieren. Von der ursprünglichen Bedeutung her war die Zeitung ja auch nichts anderes als der Bericht, das mittelhochdeutsch zîtûnge geht wohl auf das mittelniederdeutsche tidinge zurück, das für Geschehen bzw. Ereignis stand. Die Nachricht begleitete bald der Kommentar und eine deutsche Zeitung, ein deutsches Nachrichtenmagazin kommt kaum noch aus ohne den Zusatz „meinungsstark“. Für den Fall, dass ich gerade mal keine eigene Meinung zur Hand habe, ist immer jemand da, der mir seine andient. Wie nett und wie uneigennützig.

Jetzt hätte ich doch fast den Anlass meiner morgendlichen Begeisterung vergessen: Es ging um den Herrn Macron, Emmanuel Macron, von Beruf Präsident. Herr Macron war, so ist jedenfalls anzunehmen, nicht um seiner selbst willen gewählt worden, sondern weil viele Frau LePen nicht so gern als Chefin gesehen hätten. Weiterlesen

Lesbare Stadt: Enschede

Und wieder ein Mauergedicht aus Enschede, gut, diesmal nicht tatsächlich auf einer Mauer.

Ich versuche mal eine Übersetzung, für Korrekturen bin ich dankbar!

Packerei

Ein gewöhnlicher Dienstagabend und

betrunken schreitet es heimwärts:

– die Zukunft –

lässt von sich hören

Wir kümmern uns auch um persönliche

Entwicklung

– meine Dame –

Auf dem Boden eines jeden Glases

ein Plan

 

und da ist wieder ein Wackelkontakt

Überprüfung Jacke und Schlips

 

Die Zukunft

bewegt sich wohl schwankend.