Mit anderen Augen

Von Michielverbeek – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5129016

Maarten t’ Hart, der niederländische Schriftsteller, der vor nicht allzu langer Zeit seinen 75. Geburtstag feierte, na, sagen wir: dessen 75. Geburtstag vor kurzem gefeiert wurde, er selbst ist wohl kein Mensch, der Feierlichkeiten schätzt, hat, was sollte ein Schriftsteller auch sonst tun, ein Buch geschrieben und seinen Leser*innen damit ein Geschenk gemacht. De Nachtstemmer heißt es und ist wohl noch nicht auf Deutsch erschienen. Es handelt von einem Mann, der Orgeln stimmt. Es handelt auch von einer Frau und ihrer Tochter. Es spielt, und das ist für mich der Anlass, diesen Text zu verfassen, in Maassluis.

Na und, wird fragen, wer weiß, dass Maarten t‘ Hart aus Maassluis stammt und gefühlt 90 Prozent seiner Romane und Kurzgeschichten dort angesiedelt sind. Wer weder Maarten t‘ Hart noch Maassluis kennt, darf trotzdem weiterlesen, denn es geht mir nicht um Maarten t‘ Hart und auch nicht um Maassluis. Es geht um den literarischen Kunstgriff, mit dem der Autor in diesem neuen Buch ein ganz anderes Maassluis kreiert.

Gabriel Pottjewijd, so heißt der Nachtstimmer, stammt nämlich

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Driessen liest vor

Dietmar Rabich / Wikimedia Commons / „Telgte, Clemenskirche und Gnadenkapelle — 2014 — 8455“ / CC BY-SA 4.0

Martin Michael Driessen sagte mir nichts, aber die Buchhändlerin unseres Vertrauens hatte ihn zu einer Lesung in Telgte eingeladen und wir wollten sie nicht mit einem fremden Mann allein lassen.

Sie war dann auch nicht allein. Für Coronazeiten war der Veranstaltungsraum gut besucht, zu anderen Zeiten hätten auch nicht mehr Leute Platz gefunden.

Gleich neben der Gnadenkapelle in einem schönen alten Raum mit Stühlen, die auf dem unebenen Steinboden wackeln, saß Driessen vor dem Kamin. Ein älterer Herr, also jünger als ich, aber mehr Herr. Ein Niederländer mit deutscher Mutter und langer Berufstätigkeit als Theater- und Opernregisseur in Deutschland, der jetzt in einem Hausboot in Rotterdam lebt.

Driessen liest und plaudert gern. Seine Tätigkeit als Regisseur hat seinen Blick auf Texte geprägt, er weiß, wie Texte funktionieren und welche Funktion bestimmte Textteile erfüllen. Das führt dazu, dass er nicht nur liest, sondern gleich die Interpretation mit liefert. Er beschreibt, warum er was wie gemacht hat und was er sich dabei gedacht hat, was ihm schwer fiel (ein Mord) und was mit eigenem Erlebnissen zu tun hat. Es macht Spaß, ihm zuzuhören. Er liest langsam, nicht, weil ihm die Sprache Mühe bereitet, sondern weil er die Sätze wirken lassen will. Auch das erklärt er, will den Lesefluss verlangsamen mit sperrigen Begriffen, mit fremdsprachlichen Zitaten. Er kommentiert sich.

Ein schöner, ein langer Leseabend. Das Buch „An den Flüssen“, ein schmales Bändchen mit einer längeren Kurzgeschichte und zwei ganz kurzen Romanen, wie Driessen sagt, haben wir gekauft. Ich habe es noch nicht gelesen. Noch habe ich Driessen zu sehr im Kopf, um  eigene Bilder und eigene Töne für seine Texte finden zu können.

Auspacken

Jean de Vaudetar presents his gift of a book to Charles V of Franc

Ich habe ein neues Buch geschenkt bekommen.
Es ist nicht Weihnachten und ich habe auch nicht Geburtstag.
Darum geht es also nicht.
Es geht darum, dass ein Buch ein ganz besonderes Geschenk ist, eins, das man nicht auspackt und sagt: Oh, ein Buch!
Sondern etwas, das man geschenkt bekommt und das dann Seite für Seite ein Geschenk ist. Nicht immer natürlich. Manchmal. Wenn es ist, wie es sein sollte.
Dann ist es ein Geschenk, wie es sonst wohl keines gibt, weil in diesem Buch etwas wartet, vielleicht eine Welt, vielleicht ein Abenteuer, eine Idee, eine Reise in einen anderen Kopf und eine Begegnung mit dem eigenen Kopf.
Was für ein Geschenk.

Auf der Warteliste

Meistens lese ich mehrere Bücher gleichzeitig. Warum das so ist, weiß ich eigentlich nicht. Es hat sich eben so ergeben. Hier oben in meinem Arbeitszimmer, wenn man die Ecke mit PC und Büchern und Kabeln und Videos und Ordnern und Krimskrams ein Zimmer nennen will, liegen die Bücher herum, die noch gelesen werden wollen. Also nicht das es ihre Absicht wäre, ihr Wille, gelesen zu werden, es ist schon mein Wille, aber mit einem einfachen „mein Wille geschehe“ ist das ja nicht getan. Manche stehen da und müssen warten, werden sogar wieder zurückgestuft, wenn sie fast dran gewesen wären.

Das ist vermutlich hart für sie. Oder für ihre Autoren, die in dem betreffenden Moment sicher Herzstechen kriegen oder zumindest ein nervöses Zucken des linken Auges. Gut, vielleicht auch nicht, wie sollte es dann all den Autoren gehen, deren Bücher nicht mal das Lager des Großhändlers verlassen.

Arno Schmidt hat das in „Tina oder über die Unsterblichkeit“ allerdings genau anders herum gesehen. Bei ihm gilt nicht, dass wer schreibt, bleibt, sondern dass, wer gelesen oder besprochen oder auch beworben wird, bleiben muss. Bei Schmidt bleiben die unglücklichen Autoren nach ihrem Tod in einer unterirdischen Welt und hoffen darauf, endlich vergessen zu werden. Den meisten Autoren, die ich kenne, geht es allerdings so, dass sie darauf hoffen, endlich gelesen zu werden. Okay, ich geben zu, dass es sie nicht danach drängt, zu erfahren, ob ich sie endlich gelesen habe.

Obwohl das ja auch was hätte, wenn Deon Meyer, ein niederländischer Krimiautor, der mir völlig unbekannt ist, mich anriefe um sich zu erkundigen, warum ich sein Buch „De vrouw in den blauwe mantel“ noch nicht gelesen habe, obwohl es schon seit dem 15.06.2017 hier rumsteht. Ich weiß das genau, weil der Kassenzettel noch im Buch liegt. Das Buch selbst war ein Geschenk. Nein, ich gehe mit Geschenken nicht generell so um, das hier war eines anlässlich der „Woche des spannenden Buchs 2017“, Beifang beim Kauf eines anderen Buches sozusagen.

Deon Meyer muss noch warten, obwohl er jetzt gerade links neben der Tastatur liegt. Hoffnungsvoll. Aber rechts liegt „Drachenblut“ von Christoph Hein. Das ist dran. Und Meindert Evers „Begegnungen mit der deutschen Kultur.“ Je nach Laune lese ich auch Peter Wohlleben weiter „Das geheime Netzwerk der Natur“. Seit ein paar Tagen ist Elisabeth Etty mit „Minnebrieven aan Maarten“ dazugekommen.

Wie gesagt, meistens lese ich mehrere Bücher gleichzeitig. Sage ich so, stimmt abe nicht, ich lese sie nicht gleichzeitig, sondern ich lese einfach nicht erst das eine zu Ende und beginne dann mit dem nächsten. Manche sagen ja auch, sie hätten ein Buch aus gelesen. Klingt für mich, als sei das Buch jetzt alle. Leer. Fertig. Nein. Ich lese Bücher nicht aus. Ich lasse sie warten, ruhen, reifen um ihnen dann meine geteilte Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.

 

Texte, schlaflosen Frauen in tiefer Nacht vorzutragen

Max Liebermann [Public domain]: Theodor Fontane

Manchmal schläft man nicht so gut. Ich schon, ich schlafe eigentlich immer gut, meistens schon, bevor mein Kopf das Kissen berührt. Meine Frau ist da anders, sie will es nicht, aber sie liegt manchmal da und wartet auf den Schlaf, der offenbar was anderes zu tun hat und nicht zu ihr kommen will. Das ist sicher blöd, weil sie jetzt gerade Zeit hätte und auch nichts anderes auf dem Programm steht. Das Büro ist zu, niemand will um drei Uhr in der Früh angerufen werden, nicht mal der lästigste Klient versucht es um diese Zeit. Warum eigentlich nicht? Wieso verabreden die Schlaflosen nicht nächtliche Sprechstunden, dann könnten sie am frühen Morgen, wenn der Schlaf dann endlich zu ihnen gefunden hat, noch etwas liegen bleiben. Aber nein, sie drehen sich wie Würstchen auf dem Rost, zupfen an der Bettdecke und denken.

Ich vermute, das Denken macht es nicht besser. Denken ist ohnehin lästig, bei Dunkelheit und einer der Schlaflosigkeit geschuldeten miesen Grundstimmung kennt es, so wurde mir berichtet, fast immer nur eine Richtung, die in die tiefere Dunkelheit. So werden alltägliche Sorgen zu schier unüberwindlichen Hindernissen aufgebläht. Der Schlaf, der vielleicht gerade irgendwo in der Nähe war, findet die Schlaflose hellwach aufrecht im Bett sitzend und zieht gleich wieder unverrichteter Dinge von dannen.

Das ist dann der Moment für meinen Auftritt. Sensibel wie ich nun mal bin, bemerke ich beim Blick auf den Wecker oder der Rückkehr von einem der Prostata geschuldeten nächtlichen Toilettenbesuch, dass meine Frau wach ist. Gut, ich bemerke es nicht, sie sagt es mir. Nun Weiterlesen

Ein Niederländer in Münster

Vor einiger Zeit hat ein Freund mir ein Buch geschenkt. Nun habe ich in meinem letzten Beitrag darüber berichtet, dass es mir schwerfällt, mich von Büchern zu trennen, bei Sachbüchern ließe ich aber mit mir reden. Okay, das wäre ein Selbstgespräch, nennen wir es lieber einen inneren Dialog. Das Geschenk war, wie inzwischen klar sein dürfte, ein Sachbuch. Begegnungen mit der deutschen Kultur. Niederländische – deutsche Beziehungen zwischen 1780 und 1920 von Meindert Evers. Wer bitte soll den sowas lesen?

Ich.

Das Buch stand rum und wartete auf seinen Einsatz. Der Krimi war durch, spannend aber sicher nicht von bleibendem Wert. Auf einem Regal im Arbeitszimmer, auch wenn ich Rentner bin, gönne ich mir ein Arbeitszimmer, Rentnerzimmer klänge blöd, stehen Bücher, die ich noch nicht oder noch nicht zu Ende gelesen habe. Evers stand da und war dran. Nach einem kurzen Abriss der niederländischen Geschichte/Kulturgeschichte geht es in sechs Kapiteln um Niederländer, die auf jeweils eigene Art Deutschland für sich entdeckten. Der erste in dieser Reihe ist Christiaan Winand Staring,  24 01.1767 bis 18.08.1840, von dem ich noch nie gehört hatte.

Staring hat in Göttingen studiert und später in Vorden in der niederländischen Provinz Gelderland gelebt. Vorden? Das liegt doch bei Ruurlo. Weiterlesen

Bücher

Von Alphonse de Neuville – Scanned from a recent edition of 20000 Lieues Sous les Mers by Rama, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=40145

 

Der Platz reicht nicht mehr. Ich muss was wegschmeißen. Bücher. Das fällt mir so schwer. Geht aber nicht anders. Also fange ich mal an. Alte Lehrbücher, von denen kann ich mich trennen. Wenn sie nicht zu alt sind. Dann müssen sie natürlich aufbewahrt werden. Logisch ist das nicht, weil die, die ich wegschmeißen will, dann nicht mehr die Chance haben, so alt zu werden, dass ich sie aufbewahren will. Eigentlich bedeutet es mir auch nichts, dass ein Buch alt ist oder ein Original. Mich interessiert nur, ob ich daran hänge. Aus völlig rätselhaften Gründen. Also weil es alt ist oder selten. Oder weil ich es noch nicht gelesen habe. Oder weil ich es noch einmal lesen möchte. Irgendwann. Obwohl ich sicher nicht dazu kommen werde. Lehrbücher werde ich nicht wieder lesen. Die können weg.

Okay. Weiter. Sachbücher generell? Oder Sachbücher, die mir nicht gehören? Geliehen und nicht zurückgegeben, weil der Verleiher nicht mehr lebt. Oh, sowas Weiterlesen