Bielefeld, 19:30 Uhr

​German Wikipedia Benutzer Jens Rusch [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)%5D

Bernd Rauschenbach und Joachim Kersten stehen vor der Tür der Stadtbücherei Bielefeld. 19:30 Uhr. Es ist eiskalt. Arno Schmidt selbst hat es bis heute kaum mal in die Stadtbüchereien geschafft, die ganz großen mal ausgenommen. Na, Humor müssen sie haben, ist ja ihr Thema, der Humor bei Schmidt. Kühe in Halbtrauer und ein paar Stürenburg-Geschichten. Doch viele Leute da, aber die haben ja auch sonst nichts in Bielefeld. Und es ist kalt draußen. Kann man schon mal Schmidt hören gehen.

Ältere Leute. Fast hätte ich Herrschaften geschrieben. Da hätte der Herr Schmidt aber gegrummelt. Stimmt auch nicht, also nicht ganz. Schon ein gesetztes Publikum, eins, das wohl typisch ist für einen Arno- Schmidt-Abend. 1979 gestorben, fast hätte ich gesagt: neulich. Das kommt davon, wenn man selber eher Jahrzehnte als Jahre zählt. Trotzdem: Ist noch nicht so lange her und war doch eine ganz andere Zeit. Na, ob sich so viel verändert hat, ob es nicht immer noch die Welt ist, an der Schmidt sich einst rieb? Gut, keine DDR mehr, aber Aufrüstung, Kirche und Amerika, die alten und die jungen Nazis und Literatur als Teil des Showgeschäfts. Ob er das Weiterlesen

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Ein Abend in Neuenhaus

Dinkelberg43 [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, von Wikimedia Commons

2018 hatte ich mich mit meinem Text „Der Kahn“ erfolgreich an dem Wettbewerb „Vechtegeschichten / Vechtverhalen“ beteiligt. Ich habe an anderer Stelle darüber berichtet. Am 17.01.19 findet wieder eine Lesung statt, diesmal in Neuenhaus in der Grafschaft Bentheim. Eintritt frei und für die Besucher gibt es das Buch gleich mit dazu. Das ist möglich, weil die Europäische Union das Projekt gefördert hat. Das bedeutet umgekehrt allerdings auch, dass dieses Buch nicht im Handel erhältlich ist. Man muss schon in die Grafschaft Bentheim oder eine Weiterlesen

Nach Hause gehen

von Bärwinkel,Klaus [GFDL oder CC BY 3.0 ], vom Wikimedia Commons

Jörn Klare ist nach Hause gegangen. Jedenfalls heißt das Buch so: Nach Hause gehen. Aber der Untertitel „Eine Heimatsuche“ macht klar, worum es geht.

Meine Töchter haben mir das Buch geschenkt, weil Jörn Klare nach Hohenlimburg gegangen ist. In Hohenlimburg bin auch ich geboren worden, es könnte also, so haben wohl meine Töchter gedacht, Übereinstimmungen geben.

Jörn Klare ging als junger Mann nach Berlin. Einundzwanzig war er, wenn ich mich recht erinnere. Meine Eltern haben die Möbel und mich eingepackt und sind von Hohenlimburg nach Hagen umgezogen. Ein Umzug, der heute so nicht mehr möglich wäre, weil Hohenlimburg inzwischen ein Stadtteil von Hagen ist. Aber in Wirklichkeit war es der Umzug aus einer kleinen Dachwohnung in einen Neubau, ein Mehrfamilienhaus, in dem mein Vater eine Werkswohnung bekam.

Jörn Klare denkt auf seiner Wanderung von Ost nach West über Weiterlesen

Weltliteratur: ungelesen

Eigenes Foto

Bei einem Spaziergang bemerkte ich den oben abgebildeten Briefkasten. Utopia. Gleich musste ich an ein Buch denken, das ich vor Jahrzehnten gekauft und noch nicht gelesen habe. Utopia von Thomas Morus. Ich hoffe, es steht noch im Regal… Oh oh, ich habe es nicht gefunden. Muss ja nichts heißen, bedeutet nicht zwangsläufig, dass mir die Utopien abhanden gekommen sind. Obwohl, möglich wäre es schon.

Ha, gefunden. Unter M, wie sich das gehört. Goldmanns Gelbe Taschenbücher. Gemeint war damals der gelbe Rücken des Buches, inzwischen sind die Blätter auch gelblich. Eine Ausgabe aus dem Jahr 1960, kostete damals 1,90. DM natürlich, nicht Euro. In Leder 10,80 DM. Kann jetzt eigentlich wieder ins Regal. Gekauft habe ich das Buch natürlich nicht 1960, sondern vermutlich um 1970 herum. Ich hatte Orwell gelesen und Aldus Huxley, Lem und H. G. Wells. Das waren ungefähr meine Erwartungen. SF-Literatur.

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Die Treppe runter

Foto: Amelie Voita

In Enschede, in der Stadt, in der Brakman lange gelebt und gearbeitet hat, erinnert eine Treppe auf dem Gelände der Saxion-Hochschule an ihn. Es ist heiß und die Stadt voller Menschen, Google lotst mich mit lustig ausgesprochenen niederländischen Straßennamen durch die Gegend am Bahnhof, dann langsam raus aus der Einkaufsstadt und schließlich zur Saxion-Hochschule. Die Treppe, so heißt es, sei von der Straße aus zu sehen. An der Villa Serphos. Die Villa finde ich. Eine Treppe sehe ich . Zugang verboten. Auf der Treppe steht auch nichts. Also gehe ich weiter, links um die Ecke auf eine andere Straße, dann zweigt links die Galenstraat ab und führt zwischen Gebäuden der Hochschule hindurch. Die Treppe, da ist sie. „Die Philosopie deutet, die Wissenschaft erklärt, aber die Kunst zeigt, und zwar gerade das, was sie nicht sagen kann.“ Willem Brakman (1922 – 2008)

Das Brakman-Porträt auf der Treppe setzt sich, wählt man den richtigen Standpunkt, ordentlich zusammen. Das ist mit der Literatur Brakmans nicht immer so gewesen. Es reicht nicht, des Niederländischen mächtig zu sein, man braucht auch einiges an Geduld und Humor, um sich auf der Suche nach den Perlen durch sein Werk zu arbeiten. Aber dann sind da wieder Sätze und Ideen, für die sich die Mühe lohnt.

 

 

 

 

Abendlich gestimmt

Eigenes Bild

Zum Einschlafen zu sagen

Ich möchte jemanden einsingen,
bei jemandem sitzen und sein.
Ich möchte dich wiegen und kleinsingen
und begleiten schlafaus und schlafein.
Ich möchte der Einzige sein im Haus,
der wüßte: die Nacht war kalt.
Und möchte horchen herein und hinaus
in dich, in die Welt, in den Wald.
Die Uhren rufen sich schlagend an,
und man sieht der Zeit auf den Grund.
Und unten geht noch ein fremder Mann
und stört einen fremden Hund.
Dahinter wird Stille. Ich habe groß
die Augen auf dich gelegt;
und sie halten dich sanft und lassen dich los,
wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt.

Rainer Maria Rilke: Das Buch der Bilder, 1902

 

Eine meiner Töchter wies mich auf dieses Gedicht hin, als ich ihr gestern Abend von meiner Lektüre erzählte. Stefan Zweig beschreibt in seinem autobiografischen Buch „Die Welt von Gestern“   seine Begegnung mit Rilke. Im 7. Kapitel dieses Buches lässt sich das nachlesen.