Eine Nummer kleiner

Inzwischen habe ich mich auf allerlei Seiten umgesehen und festgestellt, dass viele Schreibende einen Roman verfassen möchten.

Warum muss es denn immer gleich ein Roman sein?

Dagegen ist zunächst mal ja auch überhaupt nichts zu sagen. Eine eigenständige Veröffentlichung ist eine tolle Sache, die Spiegel-Bestsellerliste, der deutsche Literaturpreis oder eine lobende Erwähnung bei Denis Scheck: Ich will das alles auch, am liebsten sofort.

Mir geht es allerdings so, dass ich Texte mit einer Länge von zehn oder auch zwanzig Normseiten gerade mal bewältigen kann – also die Figuren zusammenhalten, die Geschichte vorwärts bringen und am Ende mit einem Knalleffekt und heiler Haut wieder aus der Nummer raus komme. Natürlich missgönne ich jedem seinen Erfolg und würde schon gern ein allgemeines Schreibverbot verhängen, damit die Nachfrage nach meinen Texten dramatisch ansteigt, doch auch bei mir ist es so, dass ich ganz hervorragende Anfänge für Geschichten in meinen digitalen Schubladen aufbewahre. Ein weißes Blatt kann Angst machen – aber ein guter Anfang ist auch nicht mehr als ein guter Anfang.

Schreiben ist vielleicht eine Kunst aber ganz sicher auch ein Handwerk, da sollten wir nicht gleich mit einem Meisterstück beginnen wollen.

Puh… jetzt ist es raus. Nun die frohe Botschaft: Es ist auch viel leichter, eine Kurzgeschichte in einer Anthologie zu veröffentlichen. Schaut euch im Netz um, es werden ständig Texte gesucht und nichts ist geiler, als sich das erste Mal gedruckt zu sehen (doch, da war noch …*)
*bitte selbst ergänzen

Schreiben?

Blöde Frage.

Warum überhaupt malen, warum aus einem Felsblock eine Skulptur erschaffen? Aha, da ist es ja schon: das Schaffen, das Erschaffen. Der göttliche Funke, der Kuss der Muse, der Schöpfer eines eigenen kleinen Universums sein.

Darf es auch eine Nummer kleiner sein? Kreativität, und darum geht es hier natürlich, ist zunächst doch wohl etwas sehr alltägliches, keineswegs den Künstlern vorbehaltenes. Wir haben Ideen, wir finden Lösungen für Probleme. Ich mach hier nicht das ganz große Fass auf und versuche, die eine richtige Definition für Kreativität zu geben, nicht einmal zu finden.

Wichtig ist mir die Freude an der Erfahrung der eigenen Kreativität. Weil aber diese Erfahrung nach meiner Überzeugung nicht nur vom Wollen abhängt, sondern schon auch ein wenig mit dem Können zu tun hat, tummeln wir uns in der Regel eben nicht auf allen denkbaren Feldern. Das Komponieren überlasse ich den Musikern, das Malen den Malern, aber Schreiben, das kann doch jeder. Klar, es kommen unterschiedlichste Texte dabei heraus, manche werden mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, andere sind die Lachnummer überhaupt.

Im Ernst, auch das mit dem Schreiben kann nicht jeder, hoffe ich. Ich höre jedenfalls immer mal wieder, dass jeder Mensch singe könne. Ich nicht. Dafür erlebe ich Momente beim Schreiben, für die mir spontan das Wort beglückend einfällt. Manchmal, hinterher, weiß ich, dass es zwar gefunkt hat, aber trotzdem nicht funktioniert. Das nimmt dem vergangenen Moment ein wenig von seinem Glanz, aber nach jedem Rausch wird man ja irgendwann wieder nüchtern.

Alles andere, meine Texte einem wie auch immer gearteten Publikum präsentieren, kommt später, hat auch seine Reize – aber deshalb schreibe ich nicht.