In den Sand gesetzt

Foto: Elfie Voita

Ein kleines Stück noch. Nur noch um die nächste Düne.

Bei Paal 19 hatten wir angefangen. Ich hatte noch nie bewusst auf diese Pfähle geachtet, aber auf der Karte waren sie eingezeichnet, also konnten wir die Länge unseres Strandspaziergangs vorher ermessen, denn bei Paal 24,2 sollte das Drenkelingshuisje stehen. Nein, nicht das Haus der Ertrunkenen, sondern für die dem Ertrinken Entkommenen, für die, die sich aus dem Meer retten konnten und auf Terschelling Boden unter die Füße bekamen. 24,2 – 19 = 5,2 Kilometer bei schönstem Wetter über den Strand spazieren, um eine touristische Attraktion der Insel zu besichtigen, klang eigentlich ganz gut. Ursprünglich wollten wir ja bis zu Paal 22 oder lieber bis zu Paal 23 fahren, aber der Radweg endete vorher und die Karte zeigte uns nicht, ob es von dem Wanderweg auf der Landseite der Dünen einen Weg zum Strand gab.

Also ab Paal 19. Viele Menschen an der See. Ebbe. Die Strände auf Terschelling sind auch bei Flut noch breit, aber bei Ebbe  bis zum Wasser? Ein Kilometer vielleicht? Also 6,2 Kilometer, plus den Weg durch die Dünen bis zum Strand natürlich.

Es läuft sich nicht gut auf feinem losen Sand, auch nicht auf hartem, von der See in ein Wellenmuster geformten Sand. Feuchter Sand, der unter den Füßen nachgibt, macht auch keinen Spaß. Also am Wasser bleiben. Aber dann tun sich kleine Sandbänke auf, die zu tiefen Stellen führen, zu tiefen Stellen führen. Ich habe das zu im zweiten Nebensatz betont, nur als Hinweis, damit das niemand überliest. Also die kleine Halbinsel zurück und das Wasser umgangen. Wieder ein paar hundert Meter. Nicht  mehr ganz so viele Menschen unterwegs, wir sind jetzt bei Paal 22. Sehen kann man noch nichts. Doch schon, Seevögel, Muscheln, Quallen, Schiffe und das Meer, das ja nie langweilig wird, nur noch kein Drenkelingshuisje.

Barfuß durchs Wasser. Ab und zu einen Schluck trinken, es ist hochsommerlich warm. Paal 24. Die Pfähle stehen Weiterlesen

Erbaulich

Ich lese gerade mal wieder Zeitung. Wir waren in Utrecht und da bringe ich mir gern mal eine niederländische Tages- oder Wochenzeitung mit. De Groene Amsterdammer zum Beispiel. Seit 1877 gibt es diese, na, ich würde eher sagen Zeitschrift. Sie erscheint im Format A4+ und die Ausgaben bis 1940 sind, so steht es bei Wikipedia, kostenlos als Faksimile im Netz verfügbar. Eine linksliberale Zeitschrift und das „liberale“ hat aber auch überhaupt nichts mit neoliberal am Hut. Die Artikel sind lang, da mutet man, nein, traut man der Leserschaft etwas zu. Ich lese nicht regelmäßig, nicht einmal unregelmäßig, bin aber im Netz immer wieder mal dabei. Ich habe mit de Groene, was übrigens keine ökologische oder politische Zuordnung ist, nicht gekauft, ich schwärme nur gerade etwas vor mich hin. Ich habe mir den Volkskrant mitgebracht. Ich schwärme jetzt mal nicht. Könnte ich aber. Es geht mir hier aber nicht um Zeitungen oder Zeitschriften. Gut, hat bisher sicher niemand gemerkt.

Es geht mir um Sozialwohnungen, um den Wohnungsmarkt in Deutschland. Um das Totalversagen dieses Marktes, der kein Markt sein sollte, denn Wohnen ist ein Grundbedürfnis, eine Notwendigkeit und wer nicht die Mittel hat, sich eine anständige Wohnung zu leisten, sollte auf öffentlich geförderte, besser im öffentlichen Besitz befindliche Wohnungen zurückgreifen können. Ich habe überhaupt nichts gegen privates Wohneigentum, darum geht es hier auch nicht. Es geht darum, wie private Weiterlesen

Gestrandet

Eigenes Foto

Der Radweg endet in den Dünen, das letzte Stück zu Fuß, erst noch über einen befestigten Weg, dann durch den feinen weißen Sand. Die Brandung ist schon zu hören, ach, was heißt hier schon, die Nordsee ist allgegenwärtig auf der Insel. Wie kann etwas so lautes so beruhigend wirken? Dann öffnet sich der Blick auf das Wasser und es ist wieder anders als erwartet, größer, weiter, endlos. Nicht in Worte zu fassen.

Ein breiter Strand, nach rechts und links ist kein Ende in Sicht. Ein Strandpavillon: Vielleicht später Weiterlesen

Naturfotografie

Die Natur hat neben vielen Vorteilen, die mir jetzt nicht so schnell einfallen, auch eine Menge Nachteile. Sie ist ungeduldig. Gut, das gilt jetzt mehr für die belebte Natur und um es gleich noch weiter einzugrenzen, für die Fauna. Also die Tierwelt, um hier keine Verwechslungen mit der griechischen Götterwelt aufkommen zu lassen. Von wegen Faune und so.

Ja, ich weiß auch, dass nicht gleich die ganze Welt der Tiere ununterbrochen herum hüpft. Faultiere, Schildkröten und Schnecken sind vermutlich nicht allein mit ihrem Schongang. Aber gestern in, nein, um Deventer herum war die Fauna schon recht hektisch. Wir hatten uns eine Radtour ausgesucht, die Landgoederen fietsroute Deventer-Olst. Rittergüter und Herrenhäuser in reizvoller Landschaft. Wenn man weitgehend flaches Grünland für reizvoll hält.

Ich tue der Region damit unrecht, soweit man eine Landschaft beleidigen kann, die Weiterlesen

Sand in Sicht

Foto: Manfred Voita

Schiermonnikoog: die östlichste der bewohnten niederländischen Watteninseln.

Von Lauwersoog aus geht es mit der Fähre hinüber. 45 Minuten durch das Wattenmeer. Kreuz und quer, hin und her, wie die Fahrrinne es eben zulässt. Die Insel ist ganz nah. Zwei Leuchttürme, ein weißer und ein roter. Deich und Dünen, ein Dorf.

Ein Schiff voller Vorfreude. Ein Schiff voller Leben und Sommer. Das Meer, ja, die Nordsee! blitzt im Sonnenlicht, Segelschiffe… nein, die liegen im Schlick, können erst bei Flut weiter. Ehrlich gesagt riecht das Watt auch nicht gut. Ebbe eben. Aber dann ist die Insel da, die Zugbrücke wird heruntergelassen und los geht es.

Den Deich entlang, dann über schmale Wege in den Ort. Schiermonnikoog. Der einzige Ort auf der Insel. Die Insel der grauen Mönche. Zisterzienser haben hier gelebt, dann gab es verschiedene Herren und Herrschaften. Weiterlesen

Grenzerfahrungen

Grafschaft Bentheim, Foto: Manfred Voita

Wir doch nicht. Alle anderen, klar, aber wir doch nicht.

Ostermontag. Ein ganzer Tag liegt hinter dem Land, ein vergeudeter Tag, einer, an dem man nicht einkaufen konnte. Jedenfalls nicht in Deutschland. Wir sind auf dem Weg in die Grafschaft Bentheim, Familienbesuch. Ob wir über Holland fahren, fragt meine Frau. Klar, immer gern mal. Und wenn wir schon da sind, könnten wir auch noch ein paar Kleinigkeiten mitbringen, also die Sachen, die man nun wirklich nicht dringend braucht.

Völlig naiv fahren wir über die Grenze, also fast, denn der Stau beginnt schon kurz vor der Grenze. Ganz Deutschland muss nach Denekamp oder irgendeinem anderen beliebigen Grenzort. Dabei ist es noch nicht einmal lange her, dass wir in einen vergleichbare Schlamassel geraten sind. Nur ging es da um Winterswijk und Bredevoort. Egal, wenden kann Weiterlesen

Selbst schuld

 

Antiquariate sterben offenbar aus. Ich habe noch nie so oft gebrauchte Bücher gekauft wie in letzter Zeit. Zwei Sätze, die sich scheinbar widersprechen, aber nur scheinbar.

Wir waren in Bredevoort, einer niederländischen Stadt. Stadt, weil sie die Stadtrechte besitzt, nicht, weil sie durch ihre Größe das Recht hätte, als Stadt bezeichnet zu werden. Schon Städtchen wäre gelogen. Für ein Dorf könnte man sie durchgehen lassen. Knapp. Alles unter 5.000 Einwohnern zählt in Deutschland als Landgemeinde. Aber, wie gesagt, wir waren in Holland.

Bredevoort ist hübsch, also streckenweise, hier und da mal. Nicht insgesamt, nicht beeindruckend. Die Sint-Joriskerk ist spätgotisch, gut, frühgotisch hätte ich auch nicht erkannt. Es gibt darin einen sogenannten Boerenzolder, eine rustikale Empore gegenüber der Kanzel, die als Bauernspeicher bezeichnet wird, weil Bauern immer so viel zu tun hatten, dass sie oft als letzte in der Kirche ankamen und dann dort oben saßen. Man muss nicht nach Bredevoort, um das gesehen zu haben. Man muss auch nicht nach Bredevoort, um im mittelalterlichen Restaurant zu essen, vor allem dann nicht, wenn man sowieso draußen sitzen möchte.

Aber die Antiquariate. Bredevoort ist nämlich Bücherstadt. Ganz viele Antiquariate… hatten sich dort angesiedelt, bis das Internet kam und die Leute ihre Bücher, gerade auch ihre gebrauchten Bücher online kauften. Ich auch. Schande über mein Haupt. Dabei mag ich es, in Reihen mehr oder weniger vergilbter Bücher zu stöbern und zu finden, was ich nicht gesucht habe. Vorbei. Kaum noch ein Antiquariat ist zu finden und die, die wir finden, haben Ruhetag. Montags. Manche auch montags und dienstags. Zum Glück kriegen wir noch koffie mit appelgebak.

Dann geht es weiter nach Winterswijk. Nur ein paar Kilometer entfernt. Die ganze Stadt hat sich auf den Ansturm der deutschen Nachbarn eingestellt, einen zusätzlichen Markttag installiert und einen Seniorenchor wachgerüttelt, der in der Fußgängerzone sein Bestes gibt. Kibbeling und Kaas, gevulde Koeken und noch ein paar Kleinigkeiten.

Das Antiquariat ist geschlossen.