Grenzerfahrungen

Grafschaft Bentheim, Foto: Manfred Voita

Wir doch nicht. Alle anderen, klar, aber wir doch nicht.

Ostermontag. Ein ganzer Tag liegt hinter dem Land, ein vergeudeter Tag, einer, an dem man nicht einkaufen konnte. Jedenfalls nicht in Deutschland. Wir sind auf dem Weg in die Grafschaft Bentheim, Familienbesuch. Ob wir über Holland fahren, fragt meine Frau. Klar, immer gern mal. Und wenn wir schon da sind, könnten wir auch noch ein paar Kleinigkeiten mitbringen, also die Sachen, die man nun wirklich nicht dringend braucht.

Völlig naiv fahren wir über die Grenze, also fast, denn der Stau beginnt schon kurz vor der Grenze. Ganz Deutschland muss nach Denekamp oder irgendeinem anderen beliebigen Grenzort. Dabei ist es noch nicht einmal lange her, dass wir in einen vergleichbare Schlamassel geraten sind. Nur ging es da um Winterswijk und Bredevoort. Egal, wenden kann Weiterlesen

Selbst schuld

 

Antiquariate sterben offenbar aus. Ich habe noch nie so oft gebrauchte Bücher gekauft wie in letzter Zeit. Zwei Sätze, die sich scheinbar widersprechen, aber nur scheinbar.

Wir waren in Bredevoort, einer niederländischen Stadt. Stadt, weil sie die Stadtrechte besitzt, nicht, weil sie durch ihre Größe das Recht hätte, als Stadt bezeichnet zu werden. Schon Städtchen wäre gelogen. Für ein Dorf könnte man sie durchgehen lassen. Knapp. Alles unter 5.000 Einwohnern zählt in Deutschland als Landgemeinde. Aber, wie gesagt, wir waren in Holland.

Bredevoort ist hübsch, also streckenweise, hier und da mal. Nicht insgesamt, nicht beeindruckend. Die Sint-Joriskerk ist spätgotisch, gut, frühgotisch hätte ich auch nicht erkannt. Es gibt darin einen sogenannten Boerenzolder, eine rustikale Empore gegenüber der Kanzel, die als Bauernspeicher bezeichnet wird, weil Bauern immer so viel zu tun hatten, dass sie oft als letzte in der Kirche ankamen und dann dort oben saßen. Man muss nicht nach Bredevoort, um das gesehen zu haben. Man muss auch nicht nach Bredevoort, um im mittelalterlichen Restaurant zu essen, vor allem dann nicht, wenn man sowieso draußen sitzen möchte.

Aber die Antiquariate. Bredevoort ist nämlich Bücherstadt. Ganz viele Antiquariate… hatten sich dort angesiedelt, bis das Internet kam und die Leute ihre Bücher, gerade auch ihre gebrauchten Bücher online kauften. Ich auch. Schande über mein Haupt. Dabei mag ich es, in Reihen mehr oder weniger vergilbter Bücher zu stöbern und zu finden, was ich nicht gesucht habe. Vorbei. Kaum noch ein Antiquariat ist zu finden und die, die wir finden, haben Ruhetag. Montags. Manche auch montags und dienstags. Zum Glück kriegen wir noch koffie mit appelgebak.

Dann geht es weiter nach Winterswijk. Nur ein paar Kilometer entfernt. Die ganze Stadt hat sich auf den Ansturm der deutschen Nachbarn eingestellt, einen zusätzlichen Markttag installiert und einen Seniorenchor wachgerüttelt, der in der Fußgängerzone sein Bestes gibt. Kibbeling und Kaas, gevulde Koeken und noch ein paar Kleinigkeiten.

Das Antiquariat ist geschlossen.

Weiß, wusste… habe gewusst

Wie unsere niederländische Korrespondentin mitteilt, gibt es im Niederländischen das „ofschoon“, das dem „obschon“ oder „obwohl“ vergleichbar ist. Ich spreche niederländisch, nein, das ist so nicht ganz richtig. Vor vielen Jahren habe ich Niederländisch gelernt, nein, noch genauer: Ich habe Niederländisch studiert. Das nur als Erklärung dafür, dass ich es eben nicht spreche. Hätte ich es gelernt und nicht nur studiert, spräche ich vielleicht ein akzeptables Niederländisch. So reicht es, um unsere westlichen Nachbarn zu irritieren.

Ich verfüge über einen halbwegs großen Wortschatz und wie das so ist mit Schätzen, ich halte ihn gut unter Verschluss. Weiß man zum Beispiel, dass Pferdeäpfel auf Holländisch paardenvijgen heißen, ist das eine Bereicherung für so manches Gespräch. Obwohl ich genau mit diesem Terminus aushelfen konnte, allerdings nur deshalb, weil es in Warendorf – der Reiterstadt – Trüffelpralinen gibt, die den verlockenden Namen Warendorfer Pferdeäpfel tragen. Auf Niederländisch hätte ich diesen Satz möglicherweise mit ofschoon begonnen, aber, wie gesagt, mein Niederländisch ist eher medientauglich: Ich lese und höre diese Sprache und nicht nur das, ich verstehe was ich lese und höre, aber mein Sprachgefühl ist nicht so ausgeprägt, dass ich sagen könnte, ob ofschoon total antiquiert klingt oder einem Satz einen Hauch von Eleganz verleiht.

Die Abbildung zeigt übrigens ein Fragment aus dem 11. Jahrhundert, dass lange als erster überlieferter niederländischer Satz galt.

Hebban olla uogala nestas hagunnan hinase hi(c) (a)nda thu uuat unbidan uue nu

Übersetzt soll das heißen: Alle Vögel haben begonnen Nester zu bauen, außer ich und du. Worauf warten wir?

So, wie meine Sprachbeherrschung den Bach runter gegangen ist, haben sich auch die Auffassungen über diesen Satz verändert.

  1. Es ist kein niederländischer Satz, sondern irgendein Dialekt aus England mit kontinentalen Einflüssen.
  2. Es ist schon mal überhaupt nicht der älteste Satz.

So geht es einem, wenn man schon mal was gelernt hat. Entweder es stimmt nicht mehr oder man kann es nicht mehr.

Die Reifenprüfung

Wir waren mit dem Fahrrad unterwegs.

Zunächst auf dem Bratesel durch den Hochsommer, dann wassertretend durch die niederländischen Polder.

Eine Woche lang. Leben auf dem Sattel und aus der Satteltasche. Da gab es keinen Spielraum für Ballast. Verfahrene Situationen wurden mit der Landkarte geklärt und brennende Probleme abends eingecremt. Der Kopf war gut genug, um ihn in den Gegenwind zu halten.

Jetzt muss ich wieder selber Wind machen.