In nächster Instanz: Landgericht

Landgericht, der Roman von Ursula Krechel, hat es als Zweiteiler ins Fernsehen geschafft, bevor ich ihn gelesen habe. Gelesen stimmt nur zum Teil. Ich hatte Buch gekauft, die ersten Seiten gelesen, dann blieb es bei meiner Tochter liegen und als ich es zurückbekam, hatte ich längst mit einem anderen Buch begonnen. Es blieb liegen, bis ich die Hörbuchfassung in der Stadtbücherei sah, sie mitnahm und tatsächlich hörte. Bis auf den Schluss, da kamen mir die Ferien dazwischen.

Hörbücher bleiben bei mir dem ÖPNV vorbehalten, also hätte ich bis nach den Ferien warten müssen, zu lange für das bisschen Resttext. Also habe ich den Schluss gelesen. Die Fernsehfassung habe ich mir nicht angeschaut, eine Wiederholung würde ich mir vermutlich ansehen.

Als Anmerkungen zum Buch mag das einigen noch ein wenig dünn erscheinen, aber all dem ist ja schon zu entnehmen, dass ich es geschafft habe, dass ich bis zum Ende durchgehalten habe. Das tue ich nicht immer, nicht mehr. Ich erlaube mir, bei Büchern, die mich nicht mitnehmen, sie auch nicht mehr mitzunehmen.

Krechel hat mich also nicht enttäuscht. Möglicherweise muss ich noch mehr von ihr lesen, denn ein Hörbuch funktioniert ja anders, selbst dann, wenn es um eine ungekürzte Lesung gehen sollte. Weiterlesen

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Deutschland – Stockholm

Eigenes Bild

Stockholm kann ich nicht besuchen, ohne daran zu denken, dass auch diese Stadt wichtig für das deutsche Exil während der NS-Zeit war. Gottfried Bermann-Fischer, als Geschäftsführer des S. Fischer-Verlags eine Größe des deutschen Literaturgeschäfts, hatte einen Teil des Verlags nach Wien, dann nach Stockholm und später in die USA ausgelagert, immer auf der Flucht vor der Verfolgung durch die Nationalsozialisten oder, wie das in Schweden schließlich der Fall war, einer Veränderung des gesellschaftlichen Klimas.

Deutsche Truppen waren in Dänemark und Norwegen einmarschiert. Deutschland hatte Transitrechte für seine Truppen durchgesetzt und Schweden fürchtete, trotz seiner Neutralität ebenfalls angegriffen und besetzt zu werden. Da waren Vertreter des deutschen Widerstands oder der Exilliteratur keine gern gesehenen Gäste. Stureplan 19 war die Anschrift des Verlages, damals wohl auch schon eine sehr gute Adresse, heute ein Ort der Schönen und Reichen oder zumindest ganz schön Reichen.

Sturegatan 60, etwa 800 Meter entfernt vom Verlag, lag das Hotel Jernberg, Weiterlesen

Klaus Mann, Hendrik Höfgen und Gustav Gründgens

By United States 5th Army (Handschriftenabteilung der Stadtbibliothek München) [Public domain], via Wikimedia Commons

By United States 5th Army (Handschriftenabteilung der Stadtbibliothek München) [Public domain], via Wikimedia Commons

„Alle Personen dieses Buches stellen Typen dar, nicht Porträts.“ K.M.

Wohl selten hat ein Autor so nachdrücklich darauf hingewiesen, dass die handelnden Personen seines Romans nicht mit konkreten Menschen gleichgesetzt werden dürfen. Von Klaus Mann stammt nicht nur das oben wiedergegebene Zitat, sondern auch noch eine Richtigstellung an die Presse, die den Roman vorab druckte. Natürlich nicht in Deutschland, denn jeder, aber auch wirklich jeder, erkannte die Personen dieses Buches, das 1936 im Amsterdamer Querido Verlag erschien. Und derartige Unbotmäßigkeiten waren 1936 in Deutschland völlig undenkbar. Der Führer, der Propagandaminister und der Ministerpräsident, immer wieder auch als der General oder der Dicke tituliert: Wir verstehen sogleich, dass es um Hitler, Goebbles und Göring geht.

Aber es sind nicht Hitler, Göring und Goebbels, von denen Mephisto handelt. Es ist Hendrik Höfgen, dessen Karriere während der Weimarer Republik, also in den zwanziger Jahren, und vor allem in den ersten Jahren der NS-Diktatur geschildert wird. Dieser Hendrik Höfgen steht ganz zweifellos für Gustav Gründgens, dem es als Schauspieler und Theaterintendant gelang, von 1922 bis 1963, dem Jahr seines Todes, das deutsche Theater zu prägen. Ein Schauspieler, der sein Talent unter gleich welchen Bedingungen zu nutzen verstand, ein Mensch, der Karriere machte, dem es vielleicht gleichgültig war, Weiterlesen

Ein Mensch fällt aus Deutschland

Die Wut, die wir so nicht kannten, der Hass,  das Gefühl vieler, dass es so nicht weitergehen könne, weil nichts mehr wahr ist, man niemandem mehr trauen kann, dass es einen Wandel bräuchte, einen kleinen Hitler vielleicht, einen Krieg, möglicherweise, die Brandbeschleuniger, die in vielen Ländern an der Macht sind oder nach der Macht greifen: Wir stecken bis zum Hals mitten in diesem Schlamassel und manchmal, so scheint es mir, schlagen die Wellen auch schon über uns zusammen.

Einen Schritt zurück, etwas Abstand einnehmen und mal in eine andere Richtung gucken, ein Buch lesen, statt der breaking news, statt der push-Nachrichten auf dem Handy. Ein altes Buch, eins aus dem Jahr 1936. Konrad Merz, der eigentlich Kurt Lehmann hieß, hatte bis zur Machtergreifung, die in Wahrheit ja durch nichts anders als eine demokratische Wahl zustande gekommen war, ein gewöhnliches Leben in Berlin geführt.  1933 emigrierte in die Niederlande, nachdem er seiner jüdischen Herkunft wegen sein Studium hatte abbrechen müssen. Weiterlesen

Literarisches Amsterdam (8)

Multatuli schaut Marinus Pütz skeptisch über die Schulter Foto: Elfie Voita

Multatuli schaut Marinus Pütz skeptisch über die Schulter
Foto: Elfie Voita

Endspurt. Diesmal sollte es doch klappen mit dem letzten Beitrag zur literarischen Führung in Amsterdam. Allerdings nur, wenn es mir gelingt, diese Einleitung zügig abzuschließen. Die Tour liegt jetzt schon fast einen Monat hinter uns. Die Fotos von der Reise habe ich mir gerade noch einmal angesehen. Jetzt will ich wieder hin. Am liebsten sofort.

Dass in der Keizersgracht 569-571 bis Ende der neunziger Jahre das P.J. Meertens-Instituut voor Dialectologie, Volkskunde en Naamkunde seinen Sitz hatte, interessiert wohl nur diejenigen, die Voskuil gelesen haben oder lesen wollen. Es ist nämlich das Vorbild für das A.P. Beerta-Instituut, Schauplatz des Buches, der Bücher, genau genommen, denn es sind immerhin sieben Bände.

Und Multatuli? 

In der ersten Folge dieser Reihe habe ich über ihn geschrieben. Marinus Pütz hat uns zu seinem Denkmal geführt.

Ich hatte nicht gewusst, dass es dieses Denkmal gibt. Jedenfalls nicht bis zum Vortag, als wir zufällig davor landeten. Macht nichts. Marinus erklärt uns, dass es ein Multatuli-Museum in der Nähe gibt. Ich glaube, da will ich nicht hin. Nicht, bevor ich den Max Havelaar gelesen habe. Und nein, wir sind nicht so kultur- und literaturbeflissen, dass wir nicht auch Zeit für anderes gehabt hätten: Gut und schlechter essen, tropfnass werden in einem überraschenden Regenschauer, der sich zu einem echten Landregen entwickelt, von Mücken zerstochen werden, nach Abkürzungen suchen und Umwege finden, vor Schaufenstern stehen und in Geschäften stöbern, vor Radfahrern flüchten und glücklich auf eine stille Gracht im frühmorgendlichen Licht blicken.

Teil 7

Literarisches Amsterdam (7)

Von Rudolphous - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16407658

Von Rudolphous – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=16407658

Vermutlich war ich einer der Letzten, dem klar wurde, dass ich hier keine Serie über eine literarische Führung durch Amsterdam schreibe. Oder doch, schon, aber eben nicht über die konkrete Führung, an der wir teilgenommen haben. Die bildete den Anlass und lieferte ergänzendes  Material und Stichworte zu einem ganz eigenen Spaziergang, einem mit Orten, die ich noch besuchen möchte, mit Orten, die ich besucht habe, aber auch mit Häusern, die es im heutigen Amsterdam nicht mehr gibt.

Cees Nooteboom hat in seinem Text ‚Die Form des Zeichens, die Form der Stadt‘ in der Anthologie ‚Amsterdam: Eine Stadt in Geschichten‘ ein Modell für einen Stadtspaziergang entworfen, wie er mir gefallen könnte, einen, in dem auch die Geschichte einer Stadt immer gegenwärtig ist, ablesbar, und Schicht für Schicht abgetragen werden kann. Weiterlesen

Literarisches Amsterdam (6)

Foto: Elfie Voita

Foto: Elfie Voita

Wie, noch eine Folge? War die fünfte nicht so eine Art Resümee? Ha! Zu früh gefreut, kein Resümee, nur ein Intermezzo. Exil in Amsterdam war eines meiner Themen und ein Thema, das sich anders als von mir erwartet entwickelte.

In der Nähe der Westerkerk, der Kirche, in der eine Gedenktafel an Rembrandt erinnert und den Eindruck erweckt, er läge in der Kirche begraben, dabei wurde er nur auf dem einst angrenzenden Friedhof bestattet und niemand kennt den genauen Platz, in der Nähe dieser Kirche mit ihrem prächtigen Turm also, gerade einmal um die Ecke, befindet sich das Haus, in dem die Familie Frank sich von 1940 bis 1944 verstecken musste.

Paul Auster, der amerikanische Schriftsteller, hat sich die Räume angesehen, in denen die untergetauchten Menschen leben mussten und diese Besichtigung hat ihn tief beeindruckt. In seinem stark Weiterlesen