Erbaulich

Ich lese gerade mal wieder Zeitung. Wir waren in Utrecht und da bringe ich mir gern mal eine niederländische Tages- oder Wochenzeitung mit. De Groene Amsterdammer zum Beispiel. Seit 1877 gibt es diese, na, ich würde eher sagen Zeitschrift. Sie erscheint im Format A4+ und die Ausgaben bis 1940 sind, so steht es bei Wikipedia, kostenlos als Faksimile im Netz verfügbar. Eine linksliberale Zeitschrift und das „liberale“ hat aber auch überhaupt nichts mit neoliberal am Hut. Die Artikel sind lang, da mutet man, nein, traut man der Leserschaft etwas zu. Ich lese nicht regelmäßig, nicht einmal unregelmäßig, bin aber im Netz immer wieder mal dabei. Ich habe mit de Groene, was übrigens keine ökologische oder politische Zuordnung ist, nicht gekauft, ich schwärme nur gerade etwas vor mich hin. Ich habe mir den Volkskrant mitgebracht. Ich schwärme jetzt mal nicht. Könnte ich aber. Es geht mir hier aber nicht um Zeitungen oder Zeitschriften. Gut, hat bisher sicher niemand gemerkt.

Es geht mir um Sozialwohnungen, um den Wohnungsmarkt in Deutschland. Um das Totalversagen dieses Marktes, der kein Markt sein sollte, denn Wohnen ist ein Grundbedürfnis, eine Notwendigkeit und wer nicht die Mittel hat, sich eine anständige Wohnung zu leisten, sollte auf öffentlich geförderte, besser im öffentlichen Besitz befindliche Wohnungen zurückgreifen können. Ich habe überhaupt nichts gegen privates Wohneigentum, darum geht es hier auch nicht. Es geht darum, wie private Eigentümer und Investoren, vor allem aber der Staat die Mieter im Regen stehen lässt.

Es gibt, so las ich im Volkskrant, in den Niederlanden 2,4 Millionen Sozialwohnungen. In NRW, das vergleichbar groß ist und vergleichbar viele Einwohner hat, gibt es keine 500.000 Sozialwohnungen. Und es werden von Jahr zu Jahr weniger, weil Jahr für Jahr weitere Wohnungen aus der Sozialbindung fallen. Sozialbindung bedeutet, dass der Staat die Eigentümer beim Bau finanziell unterstützt hat, also Grundstücke verbilligt oder kostenlos zur Verfügung stellte und Kredite gewährte. Dafür darf für einen Zeitraum von 15 Jahren nur an Menschen vermietet werden, die im Sinne der entsprechenden Gesetze und Verordnungen Anspruch auf Unterstützung haben.

Das sind inzwischen viele. 45,5 % wohnen in ihren eigenen Wohnungen. 54,5 % sind also auf bezahlbaren Wohnraum angewiesen. Und Wohnraum ist leider zur beliebtesten Kapitalanlageform geworden und wird es, wenn das Zinsniveau weiterhin im Keller ist, wohl auch weiter bleiben. Wer nämlich für sein Geld keine Zinsen mehr bekommt und eine einigermaßen risikoarme und zugleich gewinnträchtige Anlageform sucht, der baut oder kauft Wohnraum.

Für die Normalverdiener bedeutet das vereinfacht, dass sie leider keine Zinsen mehr bekommen, dafür aber höhere Mieten zahlen müssen, weil, wie gesagt, der Staat, also Bund, Länder und Gemeinden, im Namen der schwarzen Null des heiligen Schäubles, verantwortlich für die Vernachlässigung der Infrastruktur und den Abbau von inzwischen dringend benötigtem Verwaltungspersonal, privatisierte, was ihm gehörte und wenig tat, um neuen Wohnraum zu schaffen. Ich hör auf, bevor ich mich noch aufrege.

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7 Gedanken zu “Erbaulich

  1. Ich finde die Idee, seine Schulden zu bezahlen schon anständig. Schwarze Null bedeutet ja noch nicht einmal das. Sich an Grundbedürfnissen anderer zu bereichern, passt in die gleiche Schublade. Beides ist Charakter unseres Gesellschaftssystems. Ich bin ja schon froh, wenn nicht jede Stadt ihre kommunalen Wohnungsgenossenschaften an, „Finanzinvestoren“ verkauft. Da muss ich auch immer aufpassen, dass ich mich nicht zu dolle ärgere. Danke für deine Gedanken. Grüße.

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    • Es ist völlig korrekt, wenn der Staat seine Schulden bezahlt. Es ist aber ebenso notwendig, dass ein Staat für eine funktionierende Infrastruktur und einen funktionsfähigen öffentlichen Dienst sorgt. All das ist unter Schäuble vernachlässigt worden, angelblich, um künftigen Generationen keine Schulden zu hinterlassen. Dafür stehen die dann mit den Kosten für die Investitionen da, die einfach mal unterblieben sind. Ich will da auch nicht nur Schäuble kritisieren, es war die SPD, die vorher die Steuern gesenkt hat und damit dem Staat die Mittel gekürzt hat. Mehr Steuern oder mehr Schulden, umsonst ist eine funktionierende Gesellschaft nicht zu haben.

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      • sorry, bin zu früh auf Senden gekommen… die Landesbänker, die sich verspekuliert haben. Geld ist offensichtlich zur Genüge da. Es wäre doch toll, wenn diese 200 Mio in den sozialen Wohnungsbau fließen würden. Das wäre dann aber eine Politik für eine andere Klientel. Das ist nur so ein Gedanke. Im Grundsatz bin ich bei dir. Grüße.

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      • Oh, ich bin auch nicht davon überzeugt, dass der Staat der bessere Unternehmer ist, wie sollte er auch, die besten Köpfe arbeiten im Normalfall für mehr Geld in der Wirtschaft. Und wer zockt, sollte wissen, dass er verlieren kann. Das geht mit öffentlichen Mitteln überhaupt nicht. Banken, die Einlagen verwalten, sollten auf die Kreditvergabe beschränkt sein.

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  2. Ein Thema über das man sich aufregen kann und auch sollte. Ich wohne in München und der Markt…man kennt es und doch graust es einem jeden, eine Wohnung zu suchen. Selbst besser verdienende scheitern. Krankenschwestern und Erzieherinnen scheitern und wohnen, wenn sie allein stehend sind mit 40 noch oder wieder in WGs. Besser wird es so schnell vermutlich nicht.

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  3. Since 1877 – das wäre moderner geschieben. 😉
    Zum Wohnungsmarkt möchte ich sagen, daß weit über 600Tsd. Leute aktuell wohnungslos sind im reichen EU-Deutschland, also praktisch ganz Frankfurt am Main. Adorno, der dort im Kettenhofweg/Westend gewohnt hat, hätte gesagt, er selbst wohne eh in der Sprache. Und wenn die Wohnungslosen das erst mal raffen, diese Sympathie, dann kommt auch die Revolution gegen Venova, LEG und WohnStadtBau sowie Kettler Münster. Ich wär dabei!

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