Ohne Ochs und Esel

Weil wider Erwarten immer noch nicht Weihnachten ist, habe ich noch einen weiteren Text herausgekrammt, der, wenn er auch an Qualität nicht gewonnen haben sollte, so doch wenigstens nicht an Aktualität verloren hat. Die Überschrift habe ich allerdings etwas zugespitzt.

Saustall ohne Ochs und Esel

„Wir kommen wegen der Wohnung.“
Der Mann maß sie mit Blicken und es war nicht schwer zu erkennen, zu welchem Ergebnis er kam. Aus dem Haus erklang leise ein Weihnachtslied.
„Sie sind nicht von hier, oder?“
„Wenn ich jetzt ja sage, dann sagen Sie, das die Wohnung schon weg ist, oder?“ fragte der junge Mann, der einen Arm schützend um seine Begleiterin gelegt hatte.
„Nun werden Sie mal nicht gleich frech! Das ist ein freies Land und ich kann meine Wohnungen immer noch vermieten an wen ich will.“
„Maria – das ist meine Frau – sie… wir erwarten ein Kind.“

Wortlos verschwand der Mann in der Wohnung und knallte die Tür hinter sich zu. Das Pärchen starrte ihm nach und während dicke Schneeflocken vom Himmel zu fallen begannen, rollte eine Träne über die Wange der jungen Frau.
„Stopp! So geht das nicht!“
Die Tür öffnete sich, mürrisch trat der Vermieter wieder heraus.

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Weihnachtsbraten

Weil es gerade wieder einmal passt: Ein Text, den ich hier vor vier Jahren vorgestellt habe, für alle, die ihn noch nicht kennen oder wieder vergessen haben.

 

Weihnachtsbraten

Die Schiffssirene heulte noch einmal, jetzt bereits aus großer Entfernung, dann verschwand der festlich erleuchtete Dampfer hinter dem Horizont.

Nach Einbruch der Dunkelheit scharrten sie sich um das Feuer, zusammengekauert, Schutz suchend, nicht vor der Kälte der Nacht, sondern weil da etwas war, das stampfte durch den Busch, zerbrach Zweige, knickte Äste ab, trat nieder, was sich ihm in den Weg stellte, doch die lodernden Flammen ließen die Finsternis, die wie ein dunkles Tuch auf die Insel herabsank, nur noch tiefer wirken.

Waren wirklich erst wenige Stunden vergangen, seit man sie hier ausgesetzt hatte? Auf einem Eiland, weit ab von jeder Zivilisation mit nichts als einem Wohnwagen und einem Dixieklo, der Minimalausstattung für einsamkeitsliebende Ornithologen, die im Sommer im Auftrag einer australischen Universität monatelang hier hausten, um seltenen Vögeln beim Aussterben zuzuschauen.

Die Frauen hatten Feuerholz gesammelt,

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Die Fahrradpanne

Von California Historical Society Digital Collection – https://www.flickr.com/photos/chs_commons/14193303564/, No restrictions, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=52957639

Geld ist bei uns zuhause kein Thema. Es ist einfach keins da. Geistig Arme sind selig, hat eine Nachbarin gesagt, aber keine von den netten. Das stimmt auch, denn Schnaps ist eigentlich immer da. Jetzt kommen Sie mir nicht mit bildungsferne Schichten. Wir wohnen nämlich weit weg von allem, aber die Schule, die ist ganz in der Nähe.

Unsere Eltern sind so arm, dass sie sich nicht mal verschiedene Vornamen für uns Kinder leisten konnten, deshalb heißen wir alle Klaus. Auch die Mädchen. Falls welche dabei sind, irgendwann haben unsere Eltern wohl den Überblick verloren. Ist ja auch nicht leicht, weil neben den vielen eigenen auch immer noch eine ganze Bande von Nachbarskindern bei uns durchs Haus tollt. Manche von denen sind einfach nicht wieder weggegangen und das war dann eben so. Wenn nichts da ist, teilt es sich leichter und einen Platz zum Schlafen hat noch jeder gefunden. Gut, das war jetzt gelogen. Wir heißen überhaupt nicht alle Klaus, aber sonst ist alles wahr. Ich schwör!

Ich hab ja schon erzählt, dass wir am Stadtrand wohnen. In einem Haus am Ende von einem langen, holperigen Weg, der entweder staubig oder schlammig ist. Ganz versteckt hinter Büschen und Bäumen mitten in einem Garten, ohne den wir sicher noch öfter hungrig ins Bett gegangen wären. Im Sommer pflücken wir Beeren, im Herbst ziehen wir Rüben aus dem Boden und verbrennen das Kartoffelkraut mit allen möglichen Abfällen hinten im Garten. Da machen wir mit allemann ein riesiges stinkiges Feuer und essen halbgare und halbverbrannte Kartoffeln, die wir an langen Stöcken im Feuer rösten. Wie richtig coole Outlaws. In einem ziemlich wackeligen Stall wohnen zwei dicke Kaninchen. Ihr Leben hängt davon ab, dass wir Kinder zu ihnen halten und manchmal tun wir das wohl nicht genug, dann heulen wir beim Essen, aber bald hausen wieder zwei Kaninchen im Stall.

Papa ist eigentlich immer arbeitslos aber lustig und Mama lacht und weint über ihn. Dann ist da noch die Oma. Also wir sagen bloß Oma zu ihr, weil sie ist nur die Schwester von der Oma. So genau nehme ich das mit der Wahrheit, das wollte ich nur noch mal sagen! Oma bekommt nur eine kleine Rente und im Unterschied zu uns Kindern bleibt die Rente auch klein. Eigentlich ist das ja auch ganz okay so, Oma wird schließlich auch immer kleiner. Trotzdem reicht ihre Rente mal gerade für das Allernötigste. Sagen unsere Eltern.

Sneaker zum Beispiel, oder ein Netflix-Abo oder ein Tablet, mir fehlt eigentlich immer eine ganze Menge vom Allernötigsten. Ganz besonders fehlte mir ein neues Fahrrad, eins mit schmalen Reifen und einem Rennlenker und zweifarbigen Plastikbändern um diese Kabel, weiß nicht wie die heißen, die von den Handbremsen.

Und dann kam Weihnachten. Ja, ich weiß. Das kommt jedes Jahr und wird wohl auch weiterhin jedes Jahr kommen. Aber so wie das Wetter nicht jeden Tag gleich ist, ist auch Weihnachten nicht jedes Jahr gleich. Geil an Weihnachten ist schon mal, dass wir Ferien haben. Weil es in dem Jahr, also in dem, von dem ich gerade erzähle, so viel geregnet hatte, war der Weg zu unserem Haus mindestens einen Meter tief und man blieb mit den Stiefeln stecken. Wenn man sie wieder rausbekommen hatte, war man bis zu den Knien voller Schlamm und so sah dann auch das Haus aus. Mama schaffte das mit dem Putzen nicht allein und Papa weiß nicht, wie man sowas macht. Also waren wir Älteren dran, wenn wir nicht gerade einen Arm in Gips oder ein Loch im Kopf hatten. Es half überhaupt nicht, wenn ein paar von uns zugaben, dass sie nur zugelaufen waren. Willst du Weihnachtsgeschenke, Klaus, hieß es dann und wer will denn keine? Schon hatte man einen Lappen in der Hand oder eine Bürste und dann wurde mächtig Staub aufgewirbelt. Ein paar Stunden später hatte sich der Staub wieder gelegt und alle waren zufrieden.

Andere Kinder bekamen alle möglichen Geschenke, Spielkonsolen und Barbiezeugs, Handys und Weiterlesen

Nein, bitte nicht!

Von יצרתי בעצמי – צילום נחום עסיס, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37156958

Interviews und Talkshows mit politischer Prominenz sind ein großes Vergnügen. Für viele Menschen, sonst würden sie ja nicht in so schöner Regelmäßigkeit präsentiert. Für mich nicht. Die Reduktion von  politischen Fragen auf persönliche Entscheidungen löst Würgereiz aus. Nein, ich will niemanden würgen, aber wenn immer aufs Neue die Frage variiert wird, ob Frau Esken und NoWaBo die GroKo brechen wollen und die beiden immer aufs Neue versichern, dass es darum nicht ginge, dann wird Sende- und Lebenszeit verschwendet. Warum kann man nicht über Inhalte reden? Ach ja, die sind für die Zuschauer einer politischen Talkshow vermutlich zu komplex oder einfach uninteressant. Wir wollen das Spektakel. Den Bruch vor laufenden Kameras und Anne Will möchte die Täter auf frischer Tat ertappen. Deshalb bohrt sie nach wie ein Kind, das so gern wissen möchte, was es zu Weihnachten gibt.  Dabei weiß sie, dass ihre Gesprächspartner ihr den Gefallen weder tun wollen noch können, wenn sie nach dem Ende der Sendung noch designierte Parteivorsitzende sein wollen. Doodgeverfde partijleiders, so nennen die Niederländer das. Totgefärbte Parteivorsitzende. Ich werde den Teufel tun und jetzt anfangen, das weiter zu erläutern, aber das Bild gefällt mir. Weiterlesen

Weihnachtsgeschäft

Ein Konzert in Bielefeld. In der Oetkerhalle. Dr. Oetker war jemand, dem man nicht vorwerfen konnte, sein Geld verpulvert zu haben. Ganz im Gegenteil. Nach seinem Sohn Rudolf wurde die Halle benannt. Also nicht Rudolf-Halle, sondern Rudolf-Oetker-Halle. Es sind nur etwa 50 Kilometer bis Bielefeld, aber wir sind eher selten dort. Münster, dann mit ziemlich großem Abstand Osnabrück, na, wohl eher Enschede, dann Osnabrück, nein, Düsseldorf, dann Osnabrück und dann immer noch nicht Bielefeld. Dabei liegt Bielefeld am Teutoburger Wald, also für unsere Verhältnisse im Gebirge. Die Halle soll eine hervorragende Akustik haben, nicht nur deutschlandweit, sondern weltweit für ihren guten Klang berühmt sein. Es ist ein Gebäude aus den zwanziger Jahren, nach dem Krieg wiederaufgebaut und modernisiert. Wir sind selten in städtischen Theatern oder Konzertsälen, eher mal im Kino oder in im Theater am Wall, einem ehemaliges Kino, das zu einem Veranstaltungsort ausgebaut wurde. Uns beeindrucken also Räumlichkeiten, die eine großbürgerliche Eleganz ausstrahlen.

Das Publikum hat sich entsprechend gekleidet. Nein, einige haben sich so angezogen, als gingen sie zu einer Weihnachtsgala. Nicht dass Weiterlesen

Fehlerfrei

Eigenes Foto

Ein typischer Wintertag, regnerisch und lauwarm. Ein Knirps in gelber Warnweste wies mich ein, ich parkte hinter Flatterband auf einer durchweichten Wiese. Hergebracht hatte mich ein Insidertipp: Es gäbe da einen Bauern, der Tannen aus eigenem Anbau verkaufe, so frisch, dass die während des Verkaufsgesprächs noch in der Heimaterde wurzelten. Ich müsse nicht mal selbst Hand anlegen, hatte man mir versichert, da gäbe es hilfsbereite Mitarbeiter, die den vor mir angewiesenen Baum fällen würden. Oder erntet man Weihnachtsbäume vielleicht? Ein Geheimtipp war das jedenfalls nicht, wie ein Blick auf den Parkplatz zeigte. Bratwurst und Glühwein waren im Angebot und irgendwo lief natürlich auch Last Christmas.

Das letzte Weihnachtsfest war übrigens nicht so gut. Nicht, dass ich dafür verantwortlich gewesen wäre. Das lass ich mir nicht anhängen. Erfolg ist mein zweiter Vorname, mein Lebenslauf ist makellos. Ich kenne alle Tricks. Immer wieder habe ich umformuliert, gefeilt und poliert. Das brauchte natürlich ein Weilchen und als er fertig war, mein Lebenslauf, als er in einem Stapel von Bewerbungen geleuchtet, was sage ich, geglüht hätte, war es Zeit für mich, in Rente zu gehen. Aber Scheitern als Teil meiner Biografie? Fake News!

Ich will ja nicht unbescheiden sein, aber wenn ich etwas gelernt habe, dann doch, dass ich möglicherweise nicht Herr meines Lebens bin, aber doch meiner eigenen Geschichte, und die erzähle ich gewiss nicht als eine zufällige Abfolge von Ereignissen, die mir passierten, während ich gerade davon träumte, dass alles ganz anders werden müsste. Ja, John Lennon hat das mal so ähnlich formuliert, aber deshalb ist es ja nicht gleich falsch. Da ist kein Raum für Scheitern, gut, vielleicht für Experimente, für das Vortasten in neue, unerforschte Räume, für das Lernen aus Erfahrungen.

Während man noch mit dem Kopf in den Wolken steckt, merkt man ja nicht, wie sich an den Füßen schon Moos ansetzt, also bildlich gesprochen. Das war  allerdings nicht ganz das Bild, nach dem ich suchte, klar geht es um Moos, aber… Erde, genau das war es, diese Erdung durch suboptimal verlaufene Begegnungen mit der Realität. So muss man das doch sehen. Die dreihundert Euro, die ich verloren habe, weil Holland in der letzten Minute des Spiels noch den Ausgleich schoss, verdammte Hacke, aber wenn, dann ist da Deutschland gescheitert, für mich war das eine Investition in meine Zukunft. Lernen, wie schon gesagt. Manchmal ist Lernen eben schmerzhaft.

Apropos: Wenn ich an meinen Vater denke, der lernte einfach nicht. Jahr für Jahr kaufte er einen Weihnachtsbaum. Wie viele andere auch, aber mein Vater erwischte immer den, der, wie man ihn auch drehte, schief stand. Oh Tannenbaum! Weil mein Vater aber ein begeisterter Handwerker war, dem zum richtigen Handwerker nur das Geschick fehlte, vom richtigen Werkzeug mal ganz abgesehen, konstruierte er in den darauf folgenden Tagen ein Netz aus Seilen und Schlingen, Haken und Ösen, in dem der Weihnachtsbaum hing wie die Spinne im Netz und mit dem wir, hätte der Weihnachtsmann je versucht, uns persönlich zu bescheren, einen unerwarteten Fang gemacht hätten.

Sowas passiert mir nicht. Obwohl ich die handwerklichen Talente meines Vaters geerbt habe – und ich hätte lieber seine leuchtend blauen Augen gehabt – murkse ich nicht mit dem Weihnachtsbaum rum. Meine handwerkliche Unfähigkeit hat, wie soll ich es sagen, die nächste Stufe erklommen, ich versuche es gar nicht erst mit dem Werkzeug, ich habe meine Probleme im Umgang mit den Handwerkern. Aber da kann von Scheitern unmöglich die Rede sein, da geht es um Genetik.

Weihnachten ist natürlich auch für mich ein Thema. Weihnachtsbäume auch. Nachdem man mich mehrfach durch perfiden moralischen Druck dazu verleitet hatte, beschädigte Bäume zu kaufen, die nur mit Sekundenkleber, Zahnstochern und grünem Draht dazu gebracht werden konnten, ihre Spitze nicht vor dem ersten Weihnachtsfeiertag abzuwerfen – der perfide moralische Druck entstand übrigens durch einen deutlich reduzierten Kaufpreis und eine seltsame Art von Mitleid mit einer ramponierten Tanne – nachdem man mich also genau zweimal auf die gleiche Weise um einen sorgenfreien Blick auf den geschmückten Baum betrogen hatte, wollte ich mich vom Zwischenhandel unabhängig machen. Oh nein, ich ziehe nicht mit dem Beil in den Wald, denn sonst bekäme die Redensart „die Beine in die Hand nehmen“ eine ganz neue Bedeutung. Deshalb war ich so dankbar für den Hinweis auf den Bauern mit den Bäumen.

Wenn es schon lästig war, Weiterlesen

Weihnachten

Foto: Manfred Voita

Vorfreude auf Weihnachten

Ein Kind – von einem Schiefertafel-Schwämmchen

Umhüpft – rennt froh durch mein Gemüt.

Bald ist es Weihnacht! – Wenn der Christbaum blüht,

Dann blüht er Flämmchen.

Und Flämmchen heizen. Und die Wärme stimmt

Uns mild. – Es werden Lieder, Düfte fächeln. –

Wer nicht mehr Flämmchen hat, wem nur noch Fünkchen glimmt,

Wird dann doch gütig lächeln.

Wenn wir im Traume eines ewigen Traumes

Alle unfeindlich sind – einmal im Jahr! –

Uns alle Kinder fühlen eines Baumes.

Wie es sein soll, wie’s allen einmal war.

Joachim Ringelnatz

Ich wünsche schöne, ruhige, lebendige, fröhliche, besinnliche oder jede andere Art von Weihnachten, die sich jemand wünschen mag.

Manfred

Praktische Theorie

 

 

Advent. Lassen wir die Hektik des Alltags, das Gedränge des Weihnachtsgeschäfts und die Weihnachtsmärkte mit den glühweinberauschten Minderjährigen doch einfach einmal draußen vor der Tür. Advent: Sonnige Vormittage und dunkle Nachmittage, klare Kälte und warme Jacken, festlich geschmückte Häuser und Lichter in der Nacht. Glocken läuten und Schnee liegt in der Luft. Da ist es gut, daheim zu sein, bei seinen Lieben. Im Kamin knistert ein wärmendes Feuer, vom Adventskranz strahlen die Kerzen und nur Ebenezer Scrooge könnte sich der Magie solcher Tage entziehen.

„Du bist jetzt acht Jahre alt, Tobi. Das Thema Weihnachtsmann…“

„Weißt du was, Papa. Ich glaube, mit dem Weihnachtsmann ist es wie mit dem Sex. Wir reden in der Klasse ständig drüber, aber dann passiert wieder ganz lange überhaupt nichts.“

„Aber Tobi…“

„Schon gut, Papa, mach dir keine Sorgen. War nur ein Scherz. Wir reden natürlich überhaupt nicht über den Weihnachtsmann. Eigentlich glaubt bei uns niemand mehr an den Weihnachtsmann.“ Weiterlesen

Feuerlichkeiten (2)

von Rainer Halama (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

zu Teil 1

Teil 2 und Schluß

Weil es vielleicht keine Alternative gab, weil es vielleicht nur ein einziges Fernsehprogramm gab?

Der Kirchgang bildete die nächste Etappe auf dem Weg zur ersehnten Bescherung.  Der religiösen Dimension des Festgottesdienstes will ich gar nicht weiter nachspüren, zumal ich mich an keines der gesprochenen Worte erinnern kann. Dafür  weiß ich noch genau, dass gleich links an der Eingangstür um Spenden für die armen Negerkinder gebeten wurde. Auf dem Kästchen, in das die Spendengroschen fielen, saß ein „Mohrenkind“ – Nickneger genannt – und neigte bei jedem Münzeinwurf das lockige Köpfchen.

Die Kirche war voll, eng und warm. Vorn standen der Pfarrer und der Weihnachtsbaum. Mit Hilfe eines langen Stabes, an dessen Spitze wohl ebenfalls eine Kerze brannte,  entzündete der Küster die Kerzen an diesem hohen Baum, dann konnte der feierliche Teil beginnen. Der erhabene Klang der Orgel, der einstimmende Chor, der etwas schleppende, aber wuchtige Gesang der Gemeinde und die triumphierenden Blechbläser: Diesem geballten Gefühlsangriff weihnachtlicher Stimmungsmusik konnte wohl niemand standhalten. Irgendwann aber steuerte die Liturgie auf die Predigt hin, es wurde leiser, schließlich stand der Pfarrer auf der Kanzel und sagte, was von ihm erwartet wurde, während meine Gedanken zunächst abdrifteten.

Säulen, Balken, Fenster wurden gezählt, die Quersumme der Nummern der angeschlagenen Gesänge gebildet, bis mein Blick am Weihnachtsbaum hängen blieb. Immer, egal in welchem Jahr oder in welcher Kirche, gab es eine Kerze, die viel kürzer war, die viel schräger hing als alle anderen und deren Flamme bedrohlich nach dem nächstbesten Zweig leckte. Sofort war es Weiterlesen

Feuerlichkeiten (1)

Von Alexander Sharp, Illustrator. – The Project Gutenberg., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3206208

Da war nur ein Haus, dieses kleine Haus, gleich neben einer mächtigen schneebedeckten Tanne. Erste Zeilen, Bruchstücke von Liedern und Gedichten fielen mir ein.

„Von drauß vom Walde komm ich her…“.

Es schien Licht in dem Häuschen zu brennen,

„Still erleuchtet jedes Haus…“

Schnee, nun, was konnte der Schnee schon tun? Er rieselte natürlich leise. Doch es blieb nicht bei

„Scheeflöckchen, Weißröckchen“,

denn es begann stärker zu schneien, immer stärker, endlich tobte ein wahrer Schneesturm und das kleine Haus mit den heimelig erleuchteten Fenstern, gerade noch zum Greifen nahe, war kaum noch zu sehen und auch der Weihnachtsmann, der mit seinem Schlitten oben am Himmel seine Bahn zog, verschwand in den wirbelnden weißen Massen. Weiterlesen

Frohes Fest!

Viggo Johansen [Public domain], via Wikimedia Commons

Viggo Johansen [Public domain], via Wikimedia Commons

Also dieser Baum ist der schönste, definitiv.

Fröhliche Weihnachten übrigens.

Ärger mit dem Baum gehört zum Fest. Vielleicht nicht in allen Familien, bei uns schon. Mein Vater war jemand, der seinen Keller in eine Werkstatt umgebaut hatte und jeder, der diese Werkstatt sah, wusste, dass mein Vater mit viel Begeisterung und Erfindungsreichtum bei der Sache war. Was ihm fehlte, war handwerkliches Geschick. Und so sahen seine Lösungen dann auch aus. Der Weihnachtsbaum wurde über eine komplizierte Seilkonstruktion gerade gehalten, jedenfalls kurzzeitig, so dass dann neben dem schiefen Baum auch noch ein paar durchhängende Bindfäden zu sehen waren.

Das handwerkliche Geschick meines Vaters habe ich geerbt, seine Begeisterung für alles Handwerkliche geht mir allerdings ab. Weiterlesen

Süß

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Anfang Dezember. Ein Hochdruckgebiet über Skandinavien beschert uns eine klare, kalte Nacht. Falls man 18 Uhr als Nacht bezeichnen kann. Die Straßenbeleuchtung in der Siedlung reicht gerade aus, damit man nicht gegen die Laternenmasten läuft.  Immerhin kommt die mehr oder weniger aufwändige Weihnachtsbeleuchtung der Nachbarn so besser zur Geltung.

Lange Schlange an der Kasse im Supermarkt. Endlich fast geschafft. Ganz vorn ein Kind, vermutlich im schulpflichtigen Alter. Für uns Rentner sehen die ja alle gleich aus. Ohne Einkaufswagen oder Korb, nur einen Schokoladenweihnachtsmann im Arm. Wenn dem mal nicht zu warm wird, wenn der mal nicht zum Schokoldadenschweißnassmann wird.

Zweineunundneunzig, sagt die Kassiererin. Und guten Abend. Weiterlesen

Jahresendzeitstimmung

Es war kalt und weil die Dunkelheit früh einsetzte, machte es auch kaum etwas aus, dass kein Schnee lag. Wer brauchte schon Schnee, wenn die rote Nase, die tränenden Augen und der quälende Husten doch als Indikatoren für die Jahreszeit ausreichten? Andere hatten Ziegenpeter, ich hatte Winter. Und das alles für das bisschen Weihnachten!

Nachrichten von der Weihnachtsfront

Franz Skarbina: Weihnachtsmarkt in Berlin, 1892

Franz Skarbina: Weihnachtsmarkt in Berlin, 1892

Ein ganz entzückender Kinderchor mit einem Medley weihnachtlicher Weisen, der Duft von frisch gebrannten Mandeln, Reibekuchen, Glühwein, Bier, Currywurst, Döner und Erbrochenem. Weihnachtsmarkt eben. Die Doppelstreife der Polizei soll mir Sicherheit signalisieren, erinnert mich aber zugleich daran, dass in diesem Jahr Sprengstoffgürtel zu einem beliebten Accessoire geworden sind.

Mitten auf dem rappelvollen Weihnachtsmarkt bleibe ich ratlos stehen. Will ich wirklich noch ein Jahr älter werden, um das noch einmal zu erleben? Dann aber geht mir ein Licht auf! Mein Stern von Bethlehem leuchtet mir in meiner tiefen Sinnkrise. Bei all dem Trubel, bei all den Widerwärtigkeiten, bei all den betrunkenen Jugendlichen dürfen wir doch nicht vergessen, worum es wirklich geht, was wirklich wichtig ist: der umsatzstärkste Monat für den Einzelhandel!