Rad, Ruhr, Ruhe

Eigenes Foto

Mit dem Fahrrad auf dem Ruhrtalradweg unterwegs. Nur ein Stück, denn der Weg ist lang, länger, als wir an einem Tag fahren wollen bzw. können. Von Warendorf aus mit dem Auto nach Wickede (Ruhr). Erst durch das vertraute Münsterland, dann ein Stückchen Soester Börde und dann Wickede, ein Industriestädtchen, für uns an diesem Tag der Anfang des Ruhrgebiets.

Ein Maitag mit Sonne und Wolken. Viele, aber erträglich viele Radfahrer*innen auf der Strecke. Immer wieder führt der Weg über die Ruhr oder begleitet sie ein Stück.

Ich bin im Ruhrgebiet aufgewachsen. In Hohenlimburg geboren und in Hagen zur Schule gegangen. 14 Jahre meines Lebens war mir nicht klar, dass wir im Ruhrgebiet lebten, weil Hagen mit dem Slogan „Tor zum Sauerland“ warb. Hätte ich wissen müssen, dass wir vor dem Tor lagen? Draußen, im schmuddeligen Ruhrgebiet? Schreckliche Wahrheiten bringt man seinen Kindern vielleicht so spät wie möglich bei. Ich habe es nebenbei bemerkt nicht als schrecklich erlebt. Als laut und grau, als staubig und Weiterlesen

Umrundetes Essen

Von Elkawe – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=10985278

Die Sonne schien, es war warm und für den folgenden Tag war Regen angekündigt. Wir luden die Räder auf den Fahrradträger. Wie leicht sich dieser Satz schreiben lässt. Na, irgendwann waren wir damit fertig und fuhren nach Bad Essen. Beim Frühstück war das noch nicht klar, da stand nur fest, dass es nicht einfach nach Telgte oder Beelen gehen sollte. Osnabrücker Land, hatte ich vorgeschlagen und dann nach geeigneten Rundstrecken geguckt. BE 3 – rund um Bad Essen schien zu passen. Gut 60 Kilometer mit dem Auto, dann gut 40 Kilometer mit dem Rad.

Auf dem Weg nach Bad Essen hörten wir Joachim Meyerhoff. Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke. Falls jemand die autobiografischen Texte Meyerhoffs nicht kennt: Ja, es gibt die melancholischen und schmerzhaften Stellen, aber es ist auch urkomisch. Meyerhoff liest seine eigenen Texte vor Publikum und er kann lesen und schreiben. Nicht im Sinne der Beherrschung von Kulturtechniken, sondern der Mann ist ein toller Erzähler, der eigentlich Schauspieler ist.

Gut, wir fuhren nach Bad Essen. Um das ungefähr zu verorten: Wiehengebirge, Teutoburger Wald, Mittellandkanal, Hase, Hunte. Zu kleinteilig? Niedersachsen. Norddeutschland. Deutschland. Europa.

Viel schönes Fachwerk mit markanten Türen, Toren eher, die ein wenig an die Form eines Apfels denken lassen. Bei Gelegenheit sollte ich die mal fotografieren. Schlösser und blühende Rapsfelder rechts und links des Weges, der recht gut markiert war. Trotzdem schafften wir es, uns einmal ordentlich zu verfahren und die Strecke um gut 10 Kilometer zu verlängern. Google half uns zurück auf den richtigen Weg. Kleine Pause in Wimmer. Da gibt es eine hübsche

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Muscheln auf der Fensterbank

Eigenes Foto

Ich denke ans Meer.

An diesen Moment, wenn man über die Dünen schauen kann, wenn erst das Wasser da ist, dann der Wind und das Rauschen der Wellen. Die Weite, die man nicht in Worte fassen kann, nicht einfach nur von hier bis da. Ja, ich weiß, hinter dem Horizont geht es weiter, da liegt was, vielleicht nicht gleich da, wo es unscharf wird, sondern weiter weg. So fühlt es sich aber nicht an. Muscheln knirschen unter den Schuhen und ich ignoriere den Einwegrasierer, der aus einem der Container stammen muss, die von der MSC Zoe Anfang 2019 verloren worden waren.

Laut ist es und salzig, Möwen scheinen über der Gischt in der Luft zu stehen und feiner Sand fliegt. Ein Hund jagt einem Stock hinterher, stürzt sich in die Nordsee und ist schon wieder zurück. Wenige Menschen, manche mit ihren Schuhen in der Hand. Ein paar Regentropfen und gleich wieder Sonne. Schnell geht das an der Küste. Erinnerungen an andere Küsten, andere Inseln, andere Seen. Andere Zeiten. Andere Menschen. Sommer und Bälle und Eis und Sonnenbrand. Handtücher und Decken, Zigarettenkippen im Sand. Bücher, Ferien und Kinder. Der Geruch feuchter Badesachen.

Die See ist da. Der Strand ist da. Der Wind weht. Aber ich bin nicht da.

Insellos

Eigener Entwurf

Natürlich haben wir uns gefragt, ob wir fahren sollten. Dann sind wir gefahren. Wie viele andere auch. Freitag kamen wir auf Juist an, hatten einen schönen Abend und zwei schöne Tage mit ausgedehnten Spaziergängen am Strand und dem Gefühl, weit weg zu sein, in einem anderen, gesünderen Land. Selbstverständlich immer nur, bis die nächsten Meldungen kamen, Italien, Spanien, Frankreich. Schulschließungen, Absage der Geisterspiele, dann die Mitteilung, dass Schleswig-Holstein die Inseln sperrt. Da war klar, dass wir vielleicht auf einer Insel der Seligen wären, die Seligen aber ohne uns noch seliger sein würden. Niedersachsen zog nach: Die ostfriesischen Inseln sollten ab Montag gesperrt werden. Damit war unsere Abreise um einen Tag vorgezogen worden.

Meine Oma und meine Mutter waren aus Ostpreußen vertrieben worden, wir nun aus Ostfriesland. Niemand warf mit Steinen nach uns, alle waren nett, die Abreise gut organisiert und völlig problemlos. Trotzdem schade. Man muss uns offenbar erst verbieten, was wir selbst längst eingesehen haben und trotzdem nicht lassen.

Ein Niederländer in Münster

Vor einiger Zeit hat ein Freund mir ein Buch geschenkt. Nun habe ich in meinem letzten Beitrag darüber berichtet, dass es mir schwerfällt, mich von Büchern zu trennen, bei Sachbüchern ließe ich aber mit mir reden. Okay, das wäre ein Selbstgespräch, nennen wir es lieber einen inneren Dialog. Das Geschenk war, wie inzwischen klar sein dürfte, ein Sachbuch. Begegnungen mit der deutschen Kultur. Niederländische – deutsche Beziehungen zwischen 1780 und 1920 von Meindert Evers. Wer bitte soll den sowas lesen?

Ich.

Das Buch stand rum und wartete auf seinen Einsatz. Der Krimi war durch, spannend aber sicher nicht von bleibendem Wert. Auf einem Regal im Arbeitszimmer, auch wenn ich Rentner bin, gönne ich mir ein Arbeitszimmer, Rentnerzimmer klänge blöd, stehen Bücher, die ich noch nicht oder noch nicht zu Ende gelesen habe. Evers stand da und war dran. Nach einem kurzen Abriss der niederländischen Geschichte/Kulturgeschichte geht es in sechs Kapiteln um Niederländer, die auf jeweils eigene Art Deutschland für sich entdeckten. Der erste in dieser Reihe ist Christiaan Winand Staring,  24 01.1767 bis 18.08.1840, von dem ich noch nie gehört hatte.

Staring hat in Göttingen studiert und später in Vorden in der niederländischen Provinz Gelderland gelebt. Vorden? Das liegt doch bei Ruurlo. Weiterlesen

Antwerpen (2)

Peter Paul Rubens
Selbstporträt
Foto: Elfie Voita

Habe ich erwähnt, dass Peter Paul Rubens aus Antwerpen stammt? Die Niederländer und die Flamen sagen Rübens und das klingt ein wenig despektierlich, vermindert praktisch sofort den Abstand zum Künstler. Und er stammt nicht aus Antwerpen, er ist in Deutschland geboren worden, worauf wir uns etwas einbilden könnten, ich weiß spontan zwar nicht was, aber wir könnten es ja mal versuchen. Er hätte uns gutgetan. Antwerpen hat er gutgetan.

Der Mann hat am Wapper, so heißt die Straße, ein Haus gekauft und umgebaut, wie es ein Malermeister, Entschuldigung, Meistermaler brauchte. Auch wenn das Haus im Laufe der Jahrhunderte immer wieder umgebaut wurde, hat man doch versucht, es in einen Zustand zu versetzen, der dem Original nahekommt. Außerdem ist es mit vielen Gemälden ausgestattet.

Nicht jeder mag die Malerei dieser Zeit, aber das eine oder andere Bild hätte ich ganz unabhängig von seinem Marktwert schon gern mitgenommen. Da hängen auch ein paar Werke von Jan Brueghel dem Älteren, der mit dem kleinen Pinsel sowas von fein und detailliert malen konnte und ein Selbstporträt, das Rubens als jungen Mann zeigt und das mich fasziniert. Dieser Maler, der 1640 starb, hat sich so lebhaft, so wach dargestellt, wie es kein Foto hätte leisten können. Rubens nahm Aufträge an, Weiterlesen

Antwerpen (1)

Foto: Elfie Voita

Bis zur Autobahn ist es nicht so weit, dann ein Stück durch Deutschland, ein längeres Stück durch die Niederlande, ein bisschen durch Belgien, runter von der Autobahn, im Kreisverkehr die zweite Ausfahrt, etwas seltsam ausgeschildert, aber da ist er schon: der P+R-Parkplatz vor Antwerpen. Es ist genau ein Stellplatz frei.

Mit Koffer und Taschen zur Tramstation gleich in der Nähe. Die Straßenbahn, ein ziemlich altes Modell, wartet schon oder noch, bis wir eingestiegen sind. Tickets gibt es beim Fahrer und los. Durch ziemlich langweilige Vororte, die ein bisschen runter sind, wie sich das für langweilige Vororte gehört. Dann steigt der Fahrer aus, ein langes Werkzeug in der Hand, das wir als eine Art Schraubenschlüssel identifizieren. Er stellt etwas um, nehmen wir jedenfalls an, dann steigt er wieder ein und wir fahren nicht weiter geradeaus, er hat also wohl eine Weiche manuell bedient, es geht jetzt hinab in den Untergrund. Aus unserer Straßenbahn ist eine U-Bahn geworden. Dunkelheit, die Bahn quietscht und kreischt in den Kurven, der Tunnel sieht aus wie ein Stollen, der notdürftig in den Berg gehauen wurde, Bergleute sind allerdings keine zu sehen. Beleuchtete Haltestellen, manche sind wegen Bauarbeiten stillgelegt. Dann geht es wieder hoch ans Tageslicht.

Langsam sollten wir doch am Bahnhof sein. Eine sehr breite Straße, wenig Verkehr. Ab und zu öffnen sich Ausblicke auf prächtige Bauten, auf große Weiterlesen