Aufgepasst, Europa!

Foto: Manfred Voita

Italien hat eine neue Regierung, die etwas anders machen will. Das geht so nicht, erfahre ich aus den Medien. Die naiven Italiener können das ja nicht wissen, aber was sie da vor haben, das schadet Europa vermutlich, Deutschland ziemlich sicher und aller Wahrscheinlichkeit nach auch Italien. Wie gesagt, die Italiener verstehen das nicht, aber unsere Zeitungen, Radio- und Fernsehsender und unsere Politiker wissen das genau.

Steuern runter. In Deutschland geht das, klar, aber doch nicht in Italien. Sozialausgaben erhöhen, Weiterlesen

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Lichtjahre entfernt

Deutsche Fotothek‎ [CC BY-SA 3.0 de (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)%5D, via Wikimedia Commons

Hauptstraßen und Einkaufsstraßen, den Bahnhof, ein paar Restaurants, Cafés, den Markt, viel mehr kennen wir kaum von Nachbarstädten, denen wir, wie vermutlich viele andere auch, weniger Aufmerksamkeit widmen, als Orten, die mehr Fremdheit, ein exklusiveres Reiseerlebnis versprechen. Für uns gehören Osnabrück und Bielefeld, Dortmund und Hamm oder eben auf der niederländischen Seite Enschede zu diesen Städten. Kennt man doch.

Kennt man natürlich nicht.

Über Enschede, die Niederländer machen sich über diese Aussprache lustig, aber wer Düblin statt Dablin sagt, wenn er Dublin meint, ach, ich habe keine Ahnung, was die Iren sagen, lassen wir das also, über Enschede, das die Niederländer so  aussprechen, schreibe ich hin- und wieder. Wir sind ja auch hin und wieder da. Und manchmal hin und weg. Obwohl die Stadt auf der Liste der schönen niederländischen Städte ungefähr an… nein, an keiner Stelle auftaucht. De Oude Markt, also der alte Marktplatz, der sich vom neuen dadurch unterscheidet, dass auf dem Oude Markt kein Markt mehr stattfindet, sondern ein Cafe neben dem anderen, ein Kroeg neben einem Restaurant darauf wartet, dass die Sonne und mit ihr die Kundschaft für die Außengastronomie kommt. Lekker een terrasje pakken, nennt das die niederländische Cousine.  Der Satz wird zu lang, also der Oude Markt ist so überfüllt, so laut, weil Enschede sich auf den Marathon vorbereitet.

Also biegen wir gleich wieder ab, in eine der schmalen Gassen, die keineswegs alle malerisch oder wenigstens nett sind. Manche aber doch. Da finden sich kleine Läden, Restaurants, die nicht überfüllt sind, ein kleines Cafe, in dessen Hinterhof  zwei, drei Tischchen und  Alltagsgeräuschen aus dem direkt nebenan gelegenen Friseurgeschäft.

Ein paar Schritte weiter eine Passage, Neubau, im Durchgang spricht uns ein Mann an, auf Deutsch. Sehr freundlich, überhaupt nicht aufdringlich und doch finden wir uns gleich darauf in seinem Laden wieder, weil er uns etwas zeigen will. Rico Pronk , wie ich inzwischen weiß. Wir haben nichts gekauft, sind nicht mit Weiterlesen

Die Treppe runter

Foto: Amelie Voita

In Enschede, in der Stadt, in der Brakman lange gelebt und gearbeitet hat, erinnert eine Treppe auf dem Gelände der Saxion-Hochschule an ihn. Es ist heiß und die Stadt voller Menschen, Google lotst mich mit lustig ausgesprochenen niederländischen Straßennamen durch die Gegend am Bahnhof, dann langsam raus aus der Einkaufsstadt und schließlich zur Saxion-Hochschule. Die Treppe, so heißt es, sei von der Straße aus zu sehen. An der Villa Serphos. Die Villa finde ich. Eine Treppe sehe ich . Zugang verboten. Auf der Treppe steht auch nichts. Also gehe ich weiter, links um die Ecke auf eine andere Straße, dann zweigt links die Galenstraat ab und führt zwischen Gebäuden der Hochschule hindurch. Die Treppe, da ist sie. „Die Philosopie deutet, die Wissenschaft erklärt, aber die Kunst zeigt, und zwar gerade das, was sie nicht sagen kann.“ Willem Brakman (1922 – 2008)

Das Brakman-Porträt auf der Treppe setzt sich, wählt man den richtigen Standpunkt, ordentlich zusammen. Das ist mit der Literatur Brakmans nicht immer so gewesen. Es reicht nicht, des Niederländischen mächtig zu sein, man braucht auch einiges an Geduld und Humor, um sich auf der Suche nach den Perlen durch sein Werk zu arbeiten. Aber dann sind da wieder Sätze und Ideen, für die sich die Mühe lohnt.

 

 

 

 

Das Land von Thorn

Eigenes Foto: Fenster in Thorn

 

Das Land Thorn? Nie gehört? Ich auch nicht, bis unsere Regionalzeitung eine Tagestour anbot. Die wir nicht gebucht haben, wir machen unsere Seniorenreisen auf eigene Faust. Im Süden der Niederlande, nicht weit von Aachen, liegt Thorn, das weiße Städtchen, wie es beworben wird.

Schön und gut, aber das, was heute als touristisches Highlight vermarktet wird, führte am 25. November 1797 zum Ende des Reichsfürstentums Thorn. Französische Revolutionstruppen lösten das Damenstift auf, vieles wurde beschlagnahmt, abgerissen, zweckentfremdet. Die hohen Damen flohen, die verarmten Dörfler wurden mit einer Steuer auf die Fenster belegt, nein, keine Gardinensteuer, wie sie immer als Begründung für die unverschleierten niederländischen Fenster genannt wird. Eine Fenstersteuer also, der die Thorner zu entkommen wußten, indem sie Fenster zumauerten. Nicht gleich alle, aber viele. Und weil das nicht gut aussah, wurde die Wand gleich neu gestrichen. Weiß. Das lässt sich immer noch gut sehen und verleiht dem Ort einen gewissen Reiz. Der nicht ausreicht, um dort hinzufahren.

Eigenes Foto

Die Geschichte des Ortes allerdings schon. Graf Ansfried und Hilsondis, seine Frau, gründeten  im 9. Jahrhundert ein Kloster, das nach der Regel Benedikts lebte, aus diesem Kloster entwickelte sich ein Damenstift, der weltliche und geistliche Macht verband. Die Äbtissin des Landes von Thorn war zugleich auch die Landesherrin, herrschte über rund 52 km² und ein paar Tausend Untertanen. Zum Vergleich: Warendorf dehnt sich auf üppigen 176 km² aus. Nur hochadlige Damen, die ihre Zugehörigkeit Weiterlesen

Friesland (8): Zurück

Eigenes Foto

 

Herinneringscentrum Kamp Westerbork

Einfach nur fahren, unterwegs sein, um dann anzukommen, ist langweilig. Dann sitzt man im Auto die Zeit ab. Beamen wäre praktischer. Der Reiz des Reisens liegt für mich aber auch darin, eben nicht einfach nur von A nach B zu fahren, sondern anzuhalten, einen Umweg zu machen, einem Ortsnamen oder einer Erinnerung zu folgen und zu sehen, wohin man kommt. Auf unserem Weg nach Leeuwarden waren Zwolle und Kampen Zwischenstationen, auf dem Rückweg haben wir uns für das Kamp Westerbork entschieden. Auschwitz, Dachau, Buchenwald, Bergen-Belsen, ich nenne Namen, die jeder kennt, Orte, die jeder besucht haben sollte. Besucht ist ein so falsches Wort dafür.

Aber ich war auch noch nicht an all diesen Orten und den vielen anderen Orten des Schreckens und der Grausamkeit, die ich nicht genannt habe, großen Lagern, Gestapohäusern, Gefängnissen. Manche davon sind weit entfernt, aber für Westerbork gilt das nicht. 200 Kilometer von Warendorf, 100 von Leer aus, wo ich lange gelebt habe. Es war immer erreichbar und jedes Mal, wenn ich auf der Autobahn das Hinweisschild sah, empfand ich es als eine Art Mahnung. Vielleicht ganz zu Recht. Vielleicht sollten wir uns verpflichtet fühlen, diese Orte zu sehen, uns dem auszusetzen, was diese Orte erzählen. Nun also Westerbork.

1939 richteten die Niederländer ein Lager für die überwiegende jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland ein. Nicht zu nah bei den Städten, nicht in der Nähe des königlichen Sommerpalastes, also bei Hooghalen in Drenthe, in der Nähe des Dorfes Westerbork, nicht weit von der deutschen Grenze. Die ersten Bewohner waren Menschen, Weiterlesen

Friesland (7): Drachten, Dada, Rinsema

Anfang der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hatte Drachten rund 5.500 Einwohner. Es gab Autos, es gab eine Bahnverbindung, es gab Arbeit. Man verhungerte nicht in Drachten. Aber Drachten war auch nicht gerade ein pulsierendes Zentrum, ein kreativer Hotspot. Es gab da allerdings eine Werkstatt, die nicht nur für ein abgelegenes friesisches Dorf ungewöhnlich war.

Thijs und Evert Rinsema waren Schuhmacher, beide hatten nur die damals übliche minimale schulische Ausbildung absolviert und mochten sich dennoch nicht auf ihr Handwerk beschränkten. Autodidakten waren sie, Thijs malte, Evert schrieb und ihre Werke konnten in der Werkstatt erworben werden.

Evert Rinsema hatte während seines Militärdienstes Weiterlesen

Friesland (6): Drachten & De Stijl

Theo van Doesburg [Public domain], via Wikimedia Commons

Von Leeuwarden aus unternahmen wir einen Ausflug nach Drachten. Man muss nicht in Drachten gewesen sein, jedenfalls nicht wegen Drachten. Die Drachtener mögen das anders sehen, es gibt jedenfalls außergewöhnlich viele Fotos aus Drachten auf der entsprechenden Wikipediaseite. Je mehr ich von diesen Bildern betrachte, umso trauriger werde ich.

Wieso wir dann hinfuhren?

Weil ich es mir vorgenommen hatte.

Unterwegs nach Drachten, es war ein kalter, windiger Tag, fuhren wir über eine wenig befahrene, ziemlich neue Straße. Ich mag es, wenn das Navi nicht mehr weiß, wo wir gerade sind und uns einen Punkt im Nichts anzeigt, zwischenzeitlich kurz wieder einen Straßennamen aufgreift, um gleich darauf wieder in unerforschter Wildnis auf jeden weitere Anweisung zu verzichten. Wir kamen trotzdem an. Eine endlose Straße führte in die Stadt, die inzwischen die zweitgrößte frisische „Stadt“ geworden ist, trotzdem aber nicht zu den elf Städten Frieslands gezählt wird. Selbst Sloten mit seinen 740 Einwohnern darf sich zu dieser Elite Frieslands zählen, zu den Städten, die das Stadtrecht erhielten. Alles andere sind Gemeinden, Dörfer, zufällige Ansiedlungen. Drachten war ein Weiterlesen