Das Kontor (4)

Das Kontor

Teil 4 und Schluß

Wiard begreift, während er die ersten Worte überfliegt, dass er den letzten Willen seines Vaters in Händen hält, in dem dieser – weder Frau noch Sohn bedenkend – seinen gesamten Besitz dem Großvater – Jelde Siebo Poppinga – hinterlässt; Wiard hat das bisher kaum bekümmert, seiner Mutter aber war es stets rätselhaft geblieben. Er blättert weiter, stößt auf ein zweites Schriftstück, ebenfalls gesiegelt, gleich hinter dem ersten Schreiben – blitzartig erkennt er, dass es jüngeren Datums ist; es gibt ein zweites Testament, eines, in dem der Vater seinen letzten Willen neu geregelt und seine Familie zu Haupterben seines Nachlasses eingesetzt hat. Ungestüm reißt Wiard die Blätter an sich, steht im Nu bei der Mutter, die kaum Zeit findet, sich über das unvermutete Auftreten ihres Sohnes zu wundern, denn der bestürmt sie mit der guten Nachricht vom Ende ihres Elends. Die Mutter tritt, um das Testament besser lesen zu können, näher an die Kerze heran , dann – noch ehe sie sich versieht,  erfasst ein Windstoss die Kerzenflamme, sie flackert, ein Funke springt auf das trockene Papier –  ist die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu Asche, das bisher schon schwere Schicksal vollends untragbar geworden.

In eben diesem unglücklichen Moment tritt unerwartet der Großvater ein, erfasst mit raschem Blick die Szene Weiterlesen

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Das Kontor (3)

Von Stephen Taylor – Dorotheum, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19584148

Teil 1

Das Kontor

Fortsetzung

Dieses Büro nun war für das einzige Kind im Hause, besagten Wiard also, ebenso tabu, wie für alle anderen Bewohnern des Hauses, als da waren die Mutter des Jungen, Taalke Poppinga, und die angenommene Tochter des Alten, Okka Tammena, die im gleichen Alter wie Wiards Mutter gewesen sein mochte.

An jenem fatalen Tage weilt der Großvater in der Stadt, um wichtige Geschäfte abzuwickeln, von denen ein Kind nichts versteht, sucht seine Anwälte auf, bespricht sich mit seinem Bankier, jedenfalls aber ist niemand in der Nähe, der verhindern kann, das kindliche Neugier einen Weg in das verbotene Reich des gestrengen Hausherren findet. Während Wiard, durch eine halbhohe Theke vom übrigen Raum getrennt und vor den Blicken der Erwachsenen verborgen, die Aktenwände daraufhin abzuschätzen sucht, was daran so bedeutsam und geheimnisvoll sein mag, ein Buch nach dem anderen herauszieht und enttäuscht zurück stellt, weil nur langweilige Zahlenkolonnen die Seiten füllen, in der exakten Handschrift des Großvaters pedantisch genau in die vorgedruckten Kästchen eingetragen, hört er plötzlich ein Geräusch. Schritte… die Tür öffnet sich. Es kommt jemand. Kehrt etwa der Großvater zurück? Schon sieht Wiard die strenge Miene des alten Herren vor sich, fühlt sich von harter Hand hoch gezerrt und durchgeschüttelt – doch es ist die Stimme seiner Mutter, die er vernimmt. Sie spricht mit Okka, Tante Okka, wie der Junge sie nennt, der es nicht anders, nicht besser weiß. Doch was offenbart sich ihm dort, in seinem Versteck? Ein Vorhang zerreist, eine ganz andere, dunklere Welt eröffnet sich ihm. Nach dem frühen Tod des Vaters fand die kleine Familie im Hause des Großvaters Unterschlupf; wiewohl der alte Mann wenig großväterliche Regungen zu verspüren schien, so zweifelte Wiard bis zu diesem Tag nie daran, in diesem Hause willkommen zu sein.

Nun muss er mit anhören, dass auf Heller und Pfennig notiert und festgehalten wird, Weiterlesen

Das Kontor (2)

 

Zu Teil 1

Von Juan J. Martínez – Flickr: [1], CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=27955217

Teil 2

Mit offenen Augen, aber ohne das rege Treiben auch nur zu bemerken, das sich auf dem der Kaimauer vorgelagerten Platze entwickelte, auf dem Schulklassen sich unter lautem Geschnatter sammelten, um eine Hafenrundfahrt mit einem der weißen Ausflugsschiffe zu unternehmen, die es noch nicht gegeben hatte, als er in jenem Alter war, der Kindheit nämlich, die wohl zu keiner Zeit so unbeschwert gewesen ist, wie es die Erwachsenenwelt aus reiner Vergesslichkeit oder Ignoranz zu behaupten nicht müde wird, fand er sich wenig später auf einer Bank neben der großen Klappbrücke, die man eher im Holländischen erwartet haben würde.

Dabei war es nichts Besonderes, nichts als Bohnerwachs, vergilbtes Papier, Stempelfarbe und …ja, wer hätte das zu sagen gewusst, ein kaum näher zu bestimmendes Etwas, ein Geruch, der wie ein Halluzinogen die alltägliche Realität verdrängt und Wiard Janssen Poppinga in eine andere Zeit katapultiert hatte, zurück zu jenem Tag, an dem sein Leben und das der ihm nahe stehenden Menschen so einschneidend verändert worden war.

Es war das alte Kontor seines Großvaters Jelde Siebo Poppinga, das, kaum hatte er das Antiquariat betreten Weiterlesen

Das Kontor (1)

Das Kontor

Von Unbekannt – Heinrich Schmidt: Politische Geschichte Ostfrieslands. Rautenberg, Leer 1975 (Ostfriesland im Schutze des Deiches, Bd. 5), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9093704

Unser Geruchsempfinden besitzt die bemerkenswerte Eigenschaft, weit über jene Sekunde hinaus zu wirken, in der uns ein besonderes olfaktorisches Erlebnis zu teil wird und ganz im Gegensatz zu dem als so viel dramatischer empfundenen, ja im eigentlichen Sinn erlittenen Schmerz einen festen Platz in den uns meist fest verschlossenen Gemächern unserer Erinnerungen zu belegen, in welchen wir keineswegs, wie wir allzu gern glauben, nur wertvolle Schätze aufbewahren, sondern die auch, wenn nicht gar hauptsächlich, aus Rumpelkammern bestehen, in denen, wie Kraut und Rüben durcheinander geworfen, das ferne Echo glücklicher Momente neben beiläufigen Eindrücken lagert, die dort ganz ohne unser eigenes Zutun, ja sogar ohne das wir verstehen, warum gerade dies oder jenes denn so des Erinnerns wert gewesen sein soll, oftmals ein Leben lang darauf warten, sich noch einmal im hellen Licht des Bewusstseins zu sonnen. Ist aber dieser Augenblick gekommen, dann lässt ein Hauch des fast verflogenen Duftes eines seltenen Parfums wie durch Zauberhand ein längst vergangen und vergessen geglaubtes Stück des eigenen Lebens vor uns erscheinen, deutlich und klar, so reich Weiterlesen

Gallimarkt in Leer

von Manfred Schilling Leer (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

„Radeau, Radeau, raditjes doe,

de Stadt, de hört de König toe,

radeau, radeau raditjes dum!

De Börgmester led vebeden,

dat nüms mag kopen of verkopen

bevör de Klocke negen sleit,

bi Verlüß van Goderen

un all wat over tein Pund weggt,

is na de Waage to brengen,

un darnaa dree Daag free Markt!“

 

Obwohl ich überhaupt kein Kirmesgänger bin, obwohl ich das Gedränge und Geschiebe nicht ausstehen kann: Wenn Gallimarkt in Leer ist, dann habe ich immer noch ein bisschen Heimweh. Okay, sonst auch.

 

When we were young: Alternativzeitungen

Stadtzeitung

Im November 1978 erschien in Leer die Nullnummer der Stadtzeitung. Im Selbstverlag, Kontaktadresse war meine damalige Wohnung in Leer, Telefon gab es nicht, Redaktionssitzungen sollen angeblich im Jugendzentrum stattgefunden haben. In der Gründungsphase war das möglicherweise auch so, später lief das in meiner Wohnung.  Ich stieß nach dem Abschluss meines BWL-Studiums zu den Gründern, wollte nie wieder was mit BWL zu tun haben und plante, Weiterlesen

Fietsen

Mein nächstes Projekt hat zunächst einmal nichts mit Texten zu tun, aber das weiß man ja eigentlich immer erst hinterher – und wann genau hinterher ist, weiß man auch erst, wenn es dann doch zu einem Text wurde. Vielleicht aber auch nicht, weil man sich nicht mehr daran erinnert. Bevor das hier ausufert: Es geht um meinen Urlaub. Um unseren Urlaub natürlich.

Wir haben den Fahrradurlaub für uns entdeckt. Ein paar hundert Kilometer fahren wir vorher schon mit dem Auto, bevor wir dann auf unsere Räder steigen. Sonst könnte man ja denken, dass wir uns eine richtige Reise nicht leisten können.

Diesmal radeln wir in Ostfriesland und den angrenzenden Niederlanden, also der Region zwischen Winschoten und Groningen auf der niederländischen Seite und Leer, Aurich, Norden und Emden einschließlich der Krummhörn auf der deutschen Seite. Wer meinen Blog kennt, weiß, dass wir die Niederlande sehr mögen. Ein wenig kennen wir uns da schon aus, trotzdem sind wir immer dankbar für gute Tipps

In jener fernen Vergangenheit, in der deutsche und niederländische Fußballer sich noch bespuckten und die Geschäfte samstags noch um 13:00 Uhr schlossen, habe ich mal Niederländisch gelernt. Leider sehen die Niederländer das nicht ein. Also spreche ich nicht mit ihnen – oder wenn, dann halt auf Deutsch. Dafür höre ich dann heimlich hin, wenn sie sich auf Niederländisch über uns lustig machen, damit sind wir quitt.

Aber in der Folge meiner Bemühungen um die niederländische Sprache und Kultur habe ich es zu schätzen gelernt, niederländische Autoren im Original zu lesen – und es gibt einige, bei denen sich das lohnt. Um die zu hören, wäre es vermutlich klüger, einfach zuhause zu bleiben, denn früher oder später lesen sie im niederländischen Seminar der Uni Münster. Maarten ’t Hart, Geert Mak und Thomas Rosenboom – um nur einige zu nennen, die in Münster lasen – haben es ja auch in die deutschen Buchhandlungen geschafft.

Also werden wir in Groningen oder wo auch immer wir eine Buchhandlung finden… daran vorbei gehen, weil wir nämlich keinen Platz für Ballast haben (ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal über Bücher sagen würde.) Folglich werden wir ins Museum gehen, da kann man gucken, darf aber nichts mitnehmen. Ich kann nämlich in einer Buchhandlung nicht Bücher gucken gehen, man geht doch auch nicht zum Bäcker, um sich dort Brote anzusehen. Jedenfalls nicht zu einem holländischen Bäcker.