Wehrlos

Foto: Elfie Voita

 

Unterwegs, um Abschied zu nehmen. Ein schwerer Gang, wie man so sagt. Umsteigen in der kleinen Stadt, in der ich meine Jugend verbracht habe. Eine halbe Stunde Aufenthalt. Ich schaue mich um, habe das Gefühl, mich hier auszukennen, wohl nur noch ein Gefühl, was weiß ich denn vom Leben in der Stadt, von den Menschen in der Stadt.

Dabei habe ich hier gelernt, wie sich Heimat anfühlt. Nein, nicht damals, sondern erst viel später, wenn ich als Besucher zurückkehrte. Für ein paar Tage, ein paar Stunden. Liebe geht angeblich durch den Magen, Heimat möglicherweise auch, ich spüre sie im Bauch. Nein, ich könnte den Punkt jetzt nicht benennen, nicht darauf zeigen, aber er ist da, reagiert sofort. Mein kleines, warmes Heimatgefühl, vielleicht so wie, nein, ganz anders, an einer anderen Stelle als das Glück, Weiterlesen

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Mein schönstes Ferienerlebnis

Bild: Manfred Voita

Zuverlässig wurde nach dem Ende der Sommerferien, das seltsamerweise immer mit dem Wiederbeginn der Schule zusammenfiel, eine äußerst unglückliche Koinzidenz, wie ich damals fand, uns Schulkindern ein Aufsatz abverlangt: Mein schönstes Ferienerlebnis. Obwohl mich diese Themenstellung während meiner gesamte Schulzeit begleitete, okay, lassen wir die Handelsschule und die Fachoberschule außen vor, überraschte sie mich immer wieder. Wie ein Komet aus einem anderen Sonnensystem, fremdartig und nicht vorhersehbar. Eigentlich eine Art Strafarbeit dafür, dass wir es gewagt hatten, Ferien zu beanspruchen. Sechs Wochen lang. Und nicht ein einziges Mal an die Schule zu denken.

Neue Schulbücher, die Anlass boten, vor dem ersten Schultag ein Sachbuch zur Hand zu nehmen, gab es nämlich nur zum Schuljahresbeginn. Zu meiner Zeit war das noch im Frühling. Ich war immer mächtig gespannt auf die neuen Bücher, die ich allerdings erst in die meist ungewaschenen Finger bekam, nachdem Mutter sie sorgfältig in die Schutzumschläge gesteckt oder in eine Folie einschlagen hatte.

Jedes Mal hohe Erwartungen – und jedes Mal wieder eine Enttäuschung. Für mich als begeisterten Leser war gerade mal das Lesebuch akzeptabel, aber selbst da fand sich nichts von Karl May. Erdkunde bot Weiterlesen

Das Kontor (4)

Das Kontor

Teil 4 und Schluß

Wiard begreift, während er die ersten Worte überfliegt, dass er den letzten Willen seines Vaters in Händen hält, in dem dieser – weder Frau noch Sohn bedenkend – seinen gesamten Besitz dem Großvater – Jelde Siebo Poppinga – hinterlässt; Wiard hat das bisher kaum bekümmert, seiner Mutter aber war es stets rätselhaft geblieben. Er blättert weiter, stößt auf ein zweites Schriftstück, ebenfalls gesiegelt, gleich hinter dem ersten Schreiben – blitzartig erkennt er, dass es jüngeren Datums ist; es gibt ein zweites Testament, eines, in dem der Vater seinen letzten Willen neu geregelt und seine Familie zu Haupterben seines Nachlasses eingesetzt hat. Ungestüm reißt Wiard die Blätter an sich, steht im Nu bei der Mutter, die kaum Zeit findet, sich über das unvermutete Auftreten ihres Sohnes zu wundern, denn der bestürmt sie mit der guten Nachricht vom Ende ihres Elends. Die Mutter tritt, um das Testament besser lesen zu können, näher an die Kerze heran , dann – noch ehe sie sich versieht,  erfasst ein Windstoss die Kerzenflamme, sie flackert, ein Funke springt auf das trockene Papier –  ist die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zu Asche, das bisher schon schwere Schicksal vollends untragbar geworden.

In eben diesem unglücklichen Moment tritt unerwartet der Großvater ein, erfasst mit raschem Blick die Szene Weiterlesen

Das Kontor (3)

Von Stephen Taylor – Dorotheum, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=19584148

Teil 1

Das Kontor

Fortsetzung

Dieses Büro nun war für das einzige Kind im Hause, besagten Wiard also, ebenso tabu, wie für alle anderen Bewohnern des Hauses, als da waren die Mutter des Jungen, Taalke Poppinga, und die angenommene Tochter des Alten, Okka Tammena, die im gleichen Alter wie Wiards Mutter gewesen sein mochte.

An jenem fatalen Tage weilt der Großvater in der Stadt, um wichtige Geschäfte abzuwickeln, von denen ein Kind nichts versteht, sucht seine Anwälte auf, bespricht sich mit seinem Bankier, jedenfalls aber ist niemand in der Nähe, der verhindern kann, das kindliche Neugier einen Weg in das verbotene Reich des gestrengen Hausherren findet. Während Wiard, durch eine halbhohe Theke vom übrigen Raum getrennt und vor den Blicken der Erwachsenen verborgen, die Aktenwände daraufhin abzuschätzen sucht, was daran so bedeutsam und geheimnisvoll sein mag, ein Buch nach dem anderen herauszieht und enttäuscht zurück stellt, weil nur langweilige Zahlenkolonnen die Seiten füllen, in der exakten Handschrift des Großvaters pedantisch genau in die vorgedruckten Kästchen eingetragen, hört er plötzlich ein Geräusch. Schritte… die Tür öffnet sich. Es kommt jemand. Kehrt etwa der Großvater zurück? Schon sieht Wiard die strenge Miene des alten Herren vor sich, fühlt sich von harter Hand hoch gezerrt und durchgeschüttelt – doch es ist die Stimme seiner Mutter, die er vernimmt. Sie spricht mit Okka, Tante Okka, wie der Junge sie nennt, der es nicht anders, nicht besser weiß. Doch was offenbart sich ihm dort, in seinem Versteck? Ein Vorhang zerreist, eine ganz andere, dunklere Welt eröffnet sich ihm. Nach dem frühen Tod des Vaters fand die kleine Familie im Hause des Großvaters Unterschlupf; wiewohl der alte Mann wenig großväterliche Regungen zu verspüren schien, so zweifelte Wiard bis zu diesem Tag nie daran, in diesem Hause willkommen zu sein.

Nun muss er mit anhören, dass auf Heller und Pfennig notiert und festgehalten wird, Weiterlesen

Das Kontor (2)

 

Zu Teil 1

Von Juan J. Martínez – Flickr: [1], CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=27955217

Teil 2

Mit offenen Augen, aber ohne das rege Treiben auch nur zu bemerken, das sich auf dem der Kaimauer vorgelagerten Platze entwickelte, auf dem Schulklassen sich unter lautem Geschnatter sammelten, um eine Hafenrundfahrt mit einem der weißen Ausflugsschiffe zu unternehmen, die es noch nicht gegeben hatte, als er in jenem Alter war, der Kindheit nämlich, die wohl zu keiner Zeit so unbeschwert gewesen ist, wie es die Erwachsenenwelt aus reiner Vergesslichkeit oder Ignoranz zu behaupten nicht müde wird, fand er sich wenig später auf einer Bank neben der großen Klappbrücke, die man eher im Holländischen erwartet haben würde.

Dabei war es nichts Besonderes, nichts als Bohnerwachs, vergilbtes Papier, Stempelfarbe und …ja, wer hätte das zu sagen gewusst, ein kaum näher zu bestimmendes Etwas, ein Geruch, der wie ein Halluzinogen die alltägliche Realität verdrängt und Wiard Janssen Poppinga in eine andere Zeit katapultiert hatte, zurück zu jenem Tag, an dem sein Leben und das der ihm nahe stehenden Menschen so einschneidend verändert worden war.

Es war das alte Kontor seines Großvaters Jelde Siebo Poppinga, das, kaum hatte er das Antiquariat betreten Weiterlesen

Das Kontor (1)

Das Kontor

Von Unbekannt – Heinrich Schmidt: Politische Geschichte Ostfrieslands. Rautenberg, Leer 1975 (Ostfriesland im Schutze des Deiches, Bd. 5), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9093704

Unser Geruchsempfinden besitzt die bemerkenswerte Eigenschaft, weit über jene Sekunde hinaus zu wirken, in der uns ein besonderes olfaktorisches Erlebnis zu teil wird und ganz im Gegensatz zu dem als so viel dramatischer empfundenen, ja im eigentlichen Sinn erlittenen Schmerz einen festen Platz in den uns meist fest verschlossenen Gemächern unserer Erinnerungen zu belegen, in welchen wir keineswegs, wie wir allzu gern glauben, nur wertvolle Schätze aufbewahren, sondern die auch, wenn nicht gar hauptsächlich, aus Rumpelkammern bestehen, in denen, wie Kraut und Rüben durcheinander geworfen, das ferne Echo glücklicher Momente neben beiläufigen Eindrücken lagert, die dort ganz ohne unser eigenes Zutun, ja sogar ohne das wir verstehen, warum gerade dies oder jenes denn so des Erinnerns wert gewesen sein soll, oftmals ein Leben lang darauf warten, sich noch einmal im hellen Licht des Bewusstseins zu sonnen. Ist aber dieser Augenblick gekommen, dann lässt ein Hauch des fast verflogenen Duftes eines seltenen Parfums wie durch Zauberhand ein längst vergangen und vergessen geglaubtes Stück des eigenen Lebens vor uns erscheinen, deutlich und klar, so reich Weiterlesen

Gallimarkt in Leer

von Manfred Schilling Leer (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

„Radeau, Radeau, raditjes doe,

de Stadt, de hört de König toe,

radeau, radeau raditjes dum!

De Börgmester led vebeden,

dat nüms mag kopen of verkopen

bevör de Klocke negen sleit,

bi Verlüß van Goderen

un all wat over tein Pund weggt,

is na de Waage to brengen,

un darnaa dree Daag free Markt!“

 

Obwohl ich überhaupt kein Kirmesgänger bin, obwohl ich das Gedränge und Geschiebe nicht ausstehen kann: Wenn Gallimarkt in Leer ist, dann habe ich immer noch ein bisschen Heimweh. Okay, sonst auch.