Sie ist wieder da

Sie ist wieder da

Sie ist wieder da. Natürlich nicht dieselbe, obwohl ich das nicht einmal überprüfen kann, aber es ist schon hinreichend seltsam, dass es die gleiche Single ist, die wir seit ein paar Tagen wieder im Haus haben. 1968 lebte ich schon in Leer in Ostfriesland, ließ meine Haare wachsen, was ja ein Prozess war, der viel Zeit und Aufmerksamkeit benötigte, damit nichts schief ging und für den konzentriertes Musikhören sehr förderlich war. Beat, so nannte sich, was wir da hörten, bis mir ein Kumpel sagte, dass es ab sofort Rock hieße. Warum die einzige geschmackssichere und unersetzliche Musiksendung im bundesweit zu empfangenden Fernsehen bis zu ihrem Ende weiterhin Beat-Club heißen durfte, hat sich mir bisher nicht erschlossen. Egal.

Ich hörte also Beat. Aber mein musikalischer Geschmack war mehr vom deutschen Schlager, als vom amerikanischen Rock’n Roll geprägt worden. Freddy, Gitte und Rex und was da noch lief, neben den beliebtesten Operettenmelodien. Damit war ich, damit waren viele meiner Generation nicht gefeit gegen den Angriff der Musikindustrie, die zügig erkannt hatte, dass das Phänomen Popmusik sich doch recht gut eignete, Kasse zu machen. Natürlich wurden schnell Bands gecastet und Hits von erfahrenen Teams produziert. Die Hitparaden waren voll von dem Zeug, Massenware für die schnelle Mark im Plattenladen. Qualitätskriterien hatte ich zunächst überhaupt nicht.

Mir gefiel, was ich hörte, wenn es nur englisch war und die Leute lange Haare hatten. Ja, manches in meiner Plattensammlung ist leider nicht anders zu erklären. Schon bald kam aber ein drittes Kriterium hinzu: Gut war, was meine Freunde auch mochten. Später war auch gut, was manche Leute nicht mochten. Inzwischen haben sich meine Ohren an den Klang der Welt gewöhnt und ich kann nicht mehr erklären, warum mein Geschmack ist, wie er ist und warum ich die Musik, die ich eigentlich mag, so gut wie überhaupt nicht höre und stattdessen ständig irgendein Zeug höre, dass ich definitiv nicht mag. Das wäre mir 1968 nicht passiert.

Oder doch, denn darum geht es hier. Als großstadterprobter Beatfan kaufte ich in Leer meine Schallplatten nicht, wie noch in Hagen, in einem kleinen, dunklen Radio-Fernseh-Laden, in der Mitte des Raumes ein paar Tische, ich weiß nicht, wie diese Teile hießen, die wie ein nach oben offenes Regal, genau, ein horizontales, nach oben offenes Regal aussahen. Da standen die LPs von Künstlern, die ich nicht kannte oder nicht mochte. Und dann gab es noch kleinere Kästen mit Singles, dem täglichen Brot des beatsüchtigen Teens. In Leer führte der zuständige Händler auch Kühlschränke, Waschmaschinen und alles, was sich die Welt des Jahres 1968 unter weißer und brauner Ware vorstellte. Mit fünf Mark in der Tasche, Geld, das zu Musik werden sollte, stand ich also in einem profanen Geschäft, das meine Kaufentscheidung für eine Nummer 1 der Hitparaden mit der für eine Wäscheschleuder gleichsetzte, nein, sie weit hinter dieser Entscheidung einordnete.

Vielleicht erklärt das, warum ich eines Tages mit der aktuellen Single der Bee Gees nachhause kam, mit World. Wie gesagt, im Radio lief Popmusik nur unter Sicherheitsvorkehrungen und mit Warnhinweisen, im Fernsehen einmal im Monat. Ich kannte manche Stücke aus der Hitparade, wenn die nicht gerade am Samstag zur familiären Badezeit lief, manche kannte ich nicht, bevor ich sie auf meinen Plattenteller legte. Wie gesagt: englisch und lange Haare. Diese Voraussetzungen erfüllten die Bee Gees. Dann hörte ich mir den Song an und er war nicht kompatibel mit den Small Faces, mit den Byrds oder mit der Spencer Davis Group. Also verschenkte ich die Single an Michael, ich weiß seinen Nachnamen nicht mehr, ein Typ in meiner Klasse mit einem Lockenkopf wie Art Garfunkel. Also der junge Art Gurfunkel. Und mit mehr Haaren. Er war glücklich, eine Platte umsonst zu bekommen, ich war froh, dass Ding los zu sein. Jetzt ist sie wieder da. Ein Kreis schließt sich. Könnte man sagen, aber weshalb sollte man?

Foto: Von NCRV – 68411162-7 pos.png Beeld en Geluidwiki – Gallery: TwienBeeGee’s bij Twien (NCRV, 1968). Archief Beeld en Geluid, catalogusnummer 68411162, fotonummer 7, CC BY-SA 3.0 nl, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9801882

Manni, kein Nobelpreis, ein Hafen und der Kaiser

Es goss und wir saßen mit unseren selbstgedrehten Zigaretten in einem der Salons der Fähre nach Terschelling. Manni und ich, Ende der sechziger Jahre. Ich war ein umgezogner Jugendlicher. Wenige Jahre zuvor waren meine Eltern nach Leer umgezogen und ich war mit umgezogen worden. Aus Hagen, einer Großstadt, so fühlte sich die Stadt jedenfalls in der Erinnerung an, in ein ostfriesisches Kleinstädtchen mit plattdeutschem Umland und touristischem Potenzial. Ein Schuljahr später war ich angekommen, fühlte mich zwar immer noch wie der Großstädter unter Landeiern, wusste in Wahrheit aber über das Großstadtleben genauso wenig wie über das Erwachsenwerden.

Ob es der ewige ostfriesische Wind war oder das völlig grundlose, aber zweifellos vorhandene Gefühl einer Überlegenheit: Ich hob plötzlich die Nase aus dem schulischen Sumpf, tat, was ich konnte und sah, dass es gut war, wählte meinen eigenen Weg und der führte zur Handelsschule.

Ja, ich weiß. Nichts klingt weniger nach Befreiung und Revolte als die zweijährige kaufmännische Handelsschule, aber dort fingen wir alle gemeinsam neu an, ich war nicht mehr der Neue, ich war einer von den Neuen und plötzlich saß ich nicht mehr allein in meinem Zimmer und hörte  Lutz Ackermann in „Musik für junge Leute“ auf NDR 2, sah aus dem Fenster und hoffte, dass es anfangen würde, irgendwas, was auch immer, keine Ahnung. Plötzlich gab es  Leute, die auch ihre Haare wachsen ließen, mit denen ich zur Schule fuhr, mit denen ich in der Pause auf dem Schulhof stand und mit denen ich nach der Schule in der Stadt eine Cola trank und eine Runde flipperte, in einem Eiscafé, dessen Chef wir Charly nannten und duzten, einen Erwachsenen!

Plötzlich gab es auch Mädchen, ich weiß nicht, wo die sich bis dahin versteckt hatten, aber jetzt waren sie nicht mehr zu übersehen und legten mir im Gespräch eine Hand auf den Unterarm oder wollten von mir zur Weiterlesen

Hiddensee (2)

Hiddensee (2)

» Heute morgen verließ Ringelnatz das Haus in Badehosen, knallrote Badeschuhe, ein gelbes Tuch um den Kopf und eine bunte Tasche auf dem Bauch für Bernsteine, die er zu suchen beabsichtigte. Es ist wohl überflüssig zu bemerken, dass er nicht einen einzigen gefunden hatte «, das schrieb Asta Nielsen am 12. Juni 1929 in ihr Tagebuch. Keinen Bernstein zu finden, das gehörte lange Zeit auch zu unseren Strandbeschäftigungen. Auf Hiddensee haben wir unsere Aktivitäten aber um das keine-Hühngergötter-finden angereichert.

Hühnergötter sind nicht etwa geflügelte Eier legende Gottheiten, sondern Steine, die ein natürlich entstandenes Loch aufweisen. Am Enddorn, dem südlichen Ende der Insel Hiddensee, die übrigens auf der Landkarte wie ein zorniges Seepferdchen aussieht, gibt es Steilküsten und eine Menge Steine, die von den Gletschern der Eiszeit dort abgeliefert wurden. Die Steine liegen am Strand oder im Wasser, kleine Steine, große Steine, oder sie stecken noch in der Steilküste.

Wir kamen an einem Samstag an, gegen 18:00 Uhr, was an sich nicht weiter bemerkenswert wäre, allerdings ist es für meine Hypothese zum Nichtfinden von Hühnergöttern ein wichtiger Baustein. Hiddensee ist nämlich eine ordentliche Insel am Rande der Welt. Das mit dem Rand der Welt fühlt sich nur so an. Wenn man hinguckt, sieht man nämlich zunächst nur Hiddensee, dann Rügen, dann das Festland. Erst wenn  man sich umdreht, sieht man nichts außer der Ostsee.

Egal, es geht um Hiddensee und darum, dass diese Insel trotz des Rebellen- und Außenseiterimages, das sie zu DDR-Zeiten hatte, trotz ihrer immernoch zumindest stellenweisen Unaufgeräumtheit mehr einer kunstvoll verwuschelten Frisur als wahrem Ungekämmtsein ähnelt,. Was erzähle ich hier überhaupt?

Also Hiddensee ist eine deutsche Insel und damit ist eigentlich alles gesagt. Es gibt Behörden und Regeln und deshalb nehme ich an, dass das mit den Hühnergöttern auch ordentlich geregelt ist, denn deutsch sein heißt bekanntlich, eine Sache um ihrer selbst willen zu tun. Und getan, da sind wir wieder bei meiner Hypothese, wird im Rathaus. Das Hiddenseer Rathaus steht in Vitte,  im größten Ort der Insel und es steht auch Rathaus dran, da gibt es also kein Vertun.

Ich nehme fest an, dass dort im Keller –  sonst würde es die ganzen Akten zustauben, die abgelehnten Baugenehmigungen und Anträge auf eine Ausnahmegenehmigung zur Nutzung eines PKWs – ein kurz vor der Pensionierung stehender Mitarbeiter in einem grauen Kittel und mit schütterem grauen Haar an einem Tisch aus alten Bootsplanken sitzt. Jemand, der sich damit auskennt, hat dort eine Tischbohrmaschine befestigt. Hinter dem Gemeidebediensteten erkennen wir auf einem Regalbrett eine Thermoskanne, eine Tupperdose und ein etwas staubiges Foto von einer Frau, einem blassen Mädchen und einem dünnen Hund. An der Wand hängt ein Abreißkalender, der den 8. November 1989 zeigt, auch wenn das Blatt offensichtlich mit einer Büroklammer nachträglich wieder befestigt wurde. Der Mann setzt die Sicherheitsbrille auf, wirft noch einen sehnsüchtigen Blick durch das vergittertete Kellerfenster, sieht zappelige Kinderbeine und gleich darauf ein Eis in den Sand fallen. Dann heult die Bohrmaschine kurz auf und wieder ist ein Hühnergott fertig.

Soweit klar? Die Nachfrage nach Hühnergöttern übersteigt die Möglichkeiten einer Moränenlandschaft, andererseits darf man die Wünsche der Touristen nicht einfach ignorieren. Behörden arbeiten aber auch auf Ferieninseln nicht an sieben Tagen in der Woche, deshalb werden die letzten Hühnergötter freitags im Verlauf des Vormittags produziert, in unbeschrifteten Kisten an die Steilküsten transportiert und von den Auszubildenden, angehenden Inselverwaltungsfachangestellten und Küsteninspektorenanwärterinnen so unauffällig wie möglich unter das bereits vorhandene Geröll gemischt.

Es hätte zwar die Möglichkeit gegeben, Hühnergötter aus chinesischer Produktion in größeren Stückzahlen und zu günstigeren Preisen zu beziehen. Die stets gleichbleibenden Steine, die sich bei Sonnenaufgang zudem immer nach Osten ausrichteten, irritierten allerdings die älteren Besucher der Insel, sodass wieder auf das in den zwanziger Jahren noch von Gerhart Hauptmann angeregte Verfahren zurückgegriffen wurde.

Klar? Freitags letzte Lieferung an den Strand, schönes Wetter, viele Besucher, da ist vor Montag, ach was, vor Dienstag nicht mit Nachschub an Hühnergöttern zu rechnen. Aber ich denke ja immer erst hinterher nach. Deshalb heißt es ja auch nachdenken.

Hiddensee (1)

Hiddensee (1)

Hauptmanns Feder am Himmel über Hiddensee

Gerhart Hauptmann machte Urlaub auf Hiddensee. Ringelnatz auch. Autoren, Bildhauer, Maler, Regisseure, alle kamen und hatten Spaß. Nehme ich zumindest an. Ehrlich gesagt hatte ich, wie ich nur ungern zugebe, nie daran gedacht, dass nicht nur sozialversicherungspflichtig Beschäftigte, vielleicht auch Beamte und Gewerbetreibende, Urlaub machen, ach was, das ist, was ich dachte: Wie kann es sein, dass Ringelnatz Urlaub brauchte, Hauptmann Berlin verließ, um baden zu gehen? Wovon brauchten die Urlaub? Vom Genie? Geht das? Meine Verwirrung darüber war so groß, dass ich außer Acht ließ, dass ich Urlaub brauchte, na ja, brauchte, machte, ich als Rentner. Wovon? Von meinem beschaulichen, recht selbstbestimmten Dasein außerhalb der großen Tretmühle?

Da haben wir ja auch schon die Erklärung: Urlaub macht vielleicht, wer ihn braucht, aber jeder braucht Urlaub, weil der Urlaub das andere ist, die Abweichung von der Regel, der Moment des Innehaltens oder auch des Aufdrehens, der Besinnung oder auch der Besinnungslosigkeit. Jedenfalls sollte das Recht auf Urlaub im Grundgesetz stehen. Mindestens. 1903 haben übrigens Brauereiarbeiter das Recht auf Urlaub erstmals durchgesetzt. Drei Tage im Jahr. Natürlich bei einer Sechstagewoche. Drei Tage!

Hauptmann hatte Hiddensee zu jener Zeit längst als Urlaubsziel festgemacht. Für drei bis vier Monate im Jahr. Natürlich hat er auch auf Hiddensee gearbeitet. Was manche Künstler eben so Arbeit nennen. Denken und Formulieren. Produktivspaziergänge hat er seine Strandspaziergänge genannt, weil ihm am Strand der Ostsee klar wurde, was die Träume der vergangene Nächte an Rohmaterial zurückgelassen hatten. Im Schlaf kamen die Bilder, die Ideen, am Strand der rote Faden und im Kreuzgang in Haus Seedorn die Wörter und Sätze, wenn er seiner Helferin Fräulein Jungmann, seinem Jungmännchen, im Gehen und Stehen diktierte, was in abendlicher Runde zum Klingen gebracht wurde. Gerhart Hauptmann also machte Urlaub auf Hiddensee – und wir auch. Also nicht zusammen, nicht einmal gleichzeitig.

Obwohl, wenn man so will, also eigentlich… ja, doch. Gerhart Hauptmann ist auf Hiddensee begraben worden, das war nicht sein Plan, falls es denn zu seinem Plan gehörte, irgendwann zu sterben und begraben werden zu müssen. Seine schlesische Heimat gehörte 1946, als er starb, nicht mehr länger zu Deutschland und die Polen, die neuen Herren im Lande, wollten ihn nicht. Hiddensee wollte ihn, den Literaturnobelpreisträger, der Hiddensee wohl erst zum Ferienparadies der Künstler und Intellektuellen gemacht hatte. Also kann jetzt, wer will, Hauptmann auf Hiddensee besuchen und bei der Gelegenheit auch gleich Haus Seedorn besichtigen, Hauptmanns Domizil, das jetzt als Gerhart-Hauptmann-Haus ein Museum geworden ist und auch ohne Führung eine Menge über den Mann und seine Zeit erzählt.

Wir waren also bei Gert, ich hoffe, das klingt nicht despektierlich, immerhin sind wir inzwischen häufige Besucher seiner Grabstätte und des Hauses bzw. der Buchhandlung, die zum Museum gehört. Elfie, meine Frau, hat während ihrer Schulzeit den Bahnwärter Thiel gelesen, also nicht während ihrer gesamten Schulzeit, so dick ist das Reclamheftchen auch nicht. Gelesen ist auch zu schwach, durchgearbeitet, Zug um Zug.

Ich mit meiner kaufmännischen Bildung, Ausbildung wohl besser, hatte nichts von ihm gelesen oder jedenfalls nichts, was ich bei einem Verhör gestehen könnte. Also musste ich das nachholen, mit einem der dünneren Bücher aus der Museumsbuchhandlung, weil ich fand, ich könnte nicht in seinem Haus herumstreifen und an seinem Grab stehen, ohne seine Stimme im Ohr zu haben. Ach ja, die habe ich mir bei YouTube angehört. Aber seine Sätze, seine ausschweifende, etwas altväterliche Art der Formulierung, seine Adjektive, seine Sprache wollte ich lesen, weil ich ihm, wie ich das an anderer Stelle schon sagte, nicht einmal an seinem Grab oder in seinem Haus näher kommen kann, als in seinen Texten.

Stein des Anstoßes

Stein des Anstoßes

„Psst. Kopf… Psst.

„Ja?“

„Hier… hier bin ich.“

„Wo?“

„Hier, gleich links.“

„Nein. Lalala..lala.“

„Ohren zuhalten, singen und weggucken. Als würde das helfen.“

„Lalalal…“

„Aber stehenbleiben und rüber linsen.“

„La…“

„Ja… ist schon gut. Dann nicht. Ich sag nichts mehr.“

„Doch… doch… du hast es schon wieder getan. Und jetzt antworte ich dir auch noch. Wenn mich jemand sieht.“

„Ach.. die kennen dich hier, die sind einiges gewöhnt.“

„Das war nicht nett. Aber was kann man auch von einem Monster anderes erwarten!“

….

„Hallo. Bist du noch da?… Bist du jetzt etwa eingeschnappt?

„Monster. Das tut mir jetzt auch weh. Erst zimperlich sein und dann gleich die große Keule…“

„Aber du bist doch ein…“

„Dämon. Und nur weil ich aus Stein bin, meinst du, mich auch so behandeln zu können. Ja?“

„Behandeln… gutes Stichwort. Ich muss zum Arzt. Ich steh neben der Kirche und rede mit der Wand.“

„Sag ihm aber, dass ich angefangen habe.“

„Ja… das wird es besser machen. Vielleicht reicht es dann für die Geschlossene.

„Ihr seid komisch. Ständig höre ich, wenn diese Steine sprechen könnten, was die alles zu erzählen hätten. Und dann will keiner zuhören.“

„Okay… sag schon.“

„Wie, jetzt? Gleich? Hast du einen Moment?“

„Schon..“

Also 1404…“

„1404… ? Das sind 600 Jahre.“

„618. So viel Zeit muss sein.“

„Vielleicht eine Kurzfassung? Bei deinem Blickwinkel und hier an der Südseite der Kirche…so viel kannst du…“

„Ach… jetzt liegt es wieder an mir? Hab ich mir das etwa ausgesucht? Ich wäre auch lieber irgend so ein bescheuerter Heiliger auf einem Kapitell. Drinnen. Aber auf uns Dämonen wurde schon immer alles geschoben. Glaubst du, dass es mir Spaß macht, hier bei Wind und Wetter? Und…

Halt, wo willst du hin? Kopf einziehen. Das wollte ich doch schon die ganze Zeit sagen. Das ist ein niedriger Durchgang. Au… das hat er wohl nicht mehr gehört. Nie hört mir einer richtig zu.“

Antriebsarm

Antriebsarm

 

Schon viertel vor elf. Und sie war immer noch nicht wieder da. Er stand am Fenster, achtete nicht mal mehr darauf, notdürftig von der Gardine verdeckt zu werden. Eifersüchtig war er nicht, er fühlte sich nur nicht ganz wohl, hatte Magenschmerzen und dann plagte ihn auch noch diese Unruhe. Es konnte ihr doch etwas zugestoßen sein! Seit Stunden war Martha unterwegs. Examensvorbereitungen mit Stephan. Wer weiß, was für Übungen die beiden miteinander machten! „Tschüs, um sechs bin ich zurück, spätestens!“ hatte sie ihm noch zugerufen und die Tür hinter sich zugezogen.

Was hatte der Kerl nur, was er nicht hatte? Na schön, Haare und dafür ein paar Kilo weniger. Außerdem war Stephan zehn Jahre jünger. Aber sonst, was sonst? Er sah sein Spiegelbild in der Fensterscheibe und schaute schnell weg. Zählten denn die inneren Werte überhaupt nicht mehr? Gut, für ihn nicht, aber von Frauen konnte man das doch erwarten, oder? Und Martha war eine schöne Frau! Er würde um sie kämpfen! Ratten, die nicht kämpfen konnten, wurden krank, das war wissenschaftlich erwiesen. Probeweise schlug er mit der Hand gegen die Wand, die Magenschmerzen ließen auch sofort nach, dafür schmerzte die Hand höllisch.

Zu viel Nikotin und Koffein, die Nacht würde eine Katastrophe: Erst Schlaflosigkeit machte Sodbrennen zu einer richtig scharfen Erfahrung. Dabei musste er früh raus. Wenn er morgen nicht pünktlich käme, hatte der Chef gesagt, brauche er in Zukunft überhaupt nicht mehr zu kommen. „Ein ganz wichtiger Kunde!“ hatte er noch hinzugefügt.  „Nicht für mich – aber für Sie!“ Nicht nur, dass es privat nicht lief – schnell kontrollierte er, ob sich etwas vor dem Haus tat, konnte jedoch überhaupt nichts mehr erkennen, längst war es draußen stockfinster – beruflich stand er auch auf der Kippe. Umsatz, Umsatz, Umsatz, sonst zählte nichts mehr. Und Stephan verdiente schon mit seinen Nebenjobs besser, jedenfalls, wenn er Marthas Erzählungen Glauben schenkte. Wenn sie nur endlich käme, dann könnten sie sich aussprechen… In Anbetracht der Zeit würde es vielleicht auch ausreichen, wenn er sie anschrie und dann ab ins Bett, versöhnen und schnell schlafen.

Er riss sich vom Fenster los, machte schon mal das Licht im Schlafzimmer an und schlug die Bettdecke hoch. Schnell noch den Wecker kontrollieren, um halb sechs sollte er klingeln… würde er klingeln, wäre er nicht stehen geblieben. Er rüttelte an der Uhr, ein kleines Plastikteil fiel ab, sonst passierte nichts. Der Sekundenzeiger rückte nicht weiter vor. Bestimmt waren die Batterien leer!

Er öffnete das Batteriefach und entnahm ihm die merkwürdige eckige Batterie mit den beiden druckknopfartigen Kontakten. So eine hatten sie bestimmt nicht in der Rummelschublade, in der sonst für jedes Gerät im Haus eine passende Batterie zu finden war. Ob vielleicht…? Sogleich eilte er in die Küche und zerlegte den Kurzzeitmesser, musste aber feststellen, dass der mechanisch war und keine Batterien enthielt. Dafür bekam er die beiden Hälften des Gehäuses nicht wieder zusammen, auch egal.

Er hörte den dumpfen Schlag, der immer ertönte, wenn die Treppenhausbeleuchtung aufflammte – das brachte ihn auf eine Idee. Martha besaß so eine seltsame Leuchtdiodenlampe, die nacheinander in verschiedenen Farben strahlte und batteriebetrieben war. Ein Schlüssel drehte sich in der Wohnungstür, das würde schon seine Ordnung haben, Einbrecher kamen schließlich tagsüber, für so was hatte er jetzt keine Zeit.

Marthas Lampe fand sich und tatsächlich, die Batterie stimmte. Im Badezimmer lief Wasser. Er tauschte die Batterien aus und sah mit großer Befriedigung, wie der Sekundenzeiger sich langsam wieder auf seinen Weg machte.

„Hallo Arne!“

„Martha, der Wecker läuft wieder!“

„Ja.. sehr schön.“

„Die ganze Mühe mit der Ausrede“, dachte sie, „völlig umsonst. Er hat offenbar nicht mal registriert, dass ich weg war.“

Er schlief dann auch sehr schnell ein, kein Wunder übrigens, denn es war sehr still im Raum. Sogar der Wecker tickte nicht mehr.

Frieden schaffen!

Ich weiß nicht, was ich denken soll. Auf einmal alle gemeinsam auf der Straße, gemeinsam für mehr Waffen und für einen Schulterschluss mit jedem, der nicht Putins Positionen teilt? Irgendwas daran kann doch nicht stimmen. Irgendwas übersehen wir. Finde den Fehler. Okay, ich bin bereit, sofort die aktuell von jedem geforderte Erklärung abzugeben: Ich finde es nicht akzeptabel, dass russische Truppen in die Ukraine einmarschieren und dort was auch immer wollen.

Ich finde es aber auch nicht akzeptabel, dass jede und jeder, der über einen russischen Pass oder eine ausgeprägte Nähe zu Russland verfügt, jetzt Unterwerfungserklärungen abgeben muss, ob er nun ein Orchester dirigiert oder Fußball spielt. Das kann auch nicht die Welt sein, die wir in Zukunft wollen. Ich erinnere mich an das Ende der DDR und die peinlichen öffentlichen Befragungen bei Wetten, dass? Wer als Promi aus der DDR ins Westshowgeschäft wechselte, wurde quasi entsozialisiert, um mal einen analogen Begriff für das zu basteln, was nach dem WK II in Deutschland geschah. Auch das – die Entnazifizierung – war vermutlich richtig, vermutlich schreibe ich nur, weil ich nicht dabei war, weil ich nicht weiß, wie das gemacht wurde und weil ich weiß, dass die Persilscheine großzügig verteilt wurden und wir alle, die nicht rechtzeitig nach Südamerika flüchten konnten, zügig wieder in Amt und Würden gebracht haben.

Die DDR-Promis hatten es nicht so leicht, die mussten vor einem Millionenpublikum Farbe bekennen, und die hatte schwarz-rot-gold zu sein – ohne Hammer und Zirkel im Ährenkranz – und sie mussten Einsicht zeigen und dem Unrechtsstaat DDR abschwören. Dann erst wurden die Futtertröge freigegeben.

Wenn jemand aus Russland kommt und Putin okay findet, dann soll er das halt, solange er hier nicht gewalttätig wird oder mit Gewalt droht. Das nennt man Meinungsfreiheit. Wir dürfen dann alle aufstehen und buh rufen. Der öffentliche Gesinnungs-TÜV gefällt mir nicht. Ich sehe mich auch noch nicht auf einer Großkundgebung mit einer halben Million Menschen, die Atomwaffen für Deutschland fordern.

Da muss es doch einen anderen Weg geben, das kann doch nicht die Lösung sein. Mit mehr Waffen konnte man Syrien, den Irak oder Afghanistan doch auch nicht befrieden. Mir geht das zu schnell, zu glatt, zu einstimmig. Und in ein paar Jahren haben wir ein waffenstarrendes Deutschland in der Mitte Europas, dass jedem Angst macht, der sich nicht zu 100 Prozent bekennt. Wozu auch immer.

Immerhin können wir dann die Festung Europa gegen die Klimaflüchtlinge verteidigen, denn die werden kommen, auch wenn die Klimakatastrophe wegen anderer Katastrophen gerade mal vertagt wird.

Und ja, ich leide mit, wenn ich die Bilder aus der Ukraine sehe und die Menschen, die dort um ihr Leben fürchten und kämpfen und die jungen russischen Soldaten und überhaupt die Menschen, die einem Krieg ausgesetzt sind, den niemand braucht.

fie muß fie auch deuten

fie muß fie auch deuten

Heute suchte ich im Netz nach der Verwendung plattdeutscher Bezeichnungen für Onkel, Tanten und andere Verwandte im Münsterland und kam, wie sich das gehört, ordentlich vom Kurs ab. Warum ich beim Handbuch der Deutschen Mythologie aus dem Jahr 1855 gelandet bin, kann ich nicht einmal sagen. Nur so viel: Es ist von Google digitalisiert worden. Eigentlich bin ich ein Befürworter der Digitalisierung von Büchern, gerade von alten Werken, an denen es keine Rechte mehr gibt und die nur ab und zu jemanden interessieren und deren Zustand es oft auch nicht erlaubt, sie im Original zu lesen. Was aber hier entstand, hat Comedy-Qualitäten. Ich stelle mir den Text vor, gelesen von einem Häschen.

„Soll die Mythologie mehr fein als Aufzählung der Götter und Helden, mehr als Darftellung ihrer Thaten und Schidfale, ſoll fih das Bewuſtſein des Volks in der vorhiftorifchen Zeit in ihr fpiegeln, fo darf fie fich nicht begnügen, die Mythen vorzulegen, fie muß fie auch deuten, den Logos des Mythos erfchließen. Dft freilich dringen wir zum Berftändnifs eines Mythus nicht vor, weil uns der Sinn noch verſchloßen ift“

So ist es, oft dringen wir zum Verständnis nicht vor, weil uns der Sinn noch verschlossen ist. „Schidfale“ mag ich übrigens besonders gern. Stellen wir uns das kurz auf der Bühne in Bayreuth vor, da zerbröselt jedes Pathos.

Die eingesetzte Software zur Schrifterkennung dürfte kurz nach der Entstehung des Originaltextes erworben worden sein und umfasst neben einigen Befehlen wahrscheinlich auch Bitten und Verwünschungen.

Bild: Von Corageousdddjrrrrr – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=46796601

Außen vor

Außen vor

Ich hatte Lokalverbot. Im Club. Der besten, der einzigen Diskothek in der Stadt. Vertrieben aus dem irdischen Paradies, war mein Leben plötzlich sinnlos geworden.

Ich habe keine Erinnerung daran, womit ich es verdient hatte, dass Francesco, so hieß der Wirt, ein energischer Italiener, mich des Ladens verwies. Vermutlich eine Kollektivstrafe für unsere konsumschwache langhaarige Gammlertruppe. Ich war eigentlich zu brav für sowas. Obwohl, wenn ich nachdenke… aber das muss ich ja nicht gerade jetzt tun.

Auf den ersten Blick hätte man denken können, dass alles so weiter ging wie bisher. Wir führten die gleichen Gespräche wie zuvor, lagen auf der Wiese am Hafen in der Sonne oder hockten am Kriegerdenkmal, drehten Zigaretten und boten einen erschröcklichen Anblick für die braven Bürger der Stadt. Sobald es aber dunkel wurde, sobald es kalt wurde, verengte sich die Stadt auf eine Straße, leuchtete nur noch ein Licht – und ich musste im Dunklen bleiben.

Wir Ausgeschlossenen, ich teilte mein Schicksal, Glück im Unglück, mit drei oder vier anderen, suchten Asyl im Venezia, einer neonlichtkalten Eisdiele mit Edelstahlbestuhlung und Tischplatten aus Marmorimitat, die erst um 22 Uhr dichtmachte. Mit einer Jukebox, in der nichts unsere Gnade fand und die wir doch manchmal mit Kleingeld füttern mussten, damit nicht jedes unserer Worte bis in die letzte geflieste Ecke getragen wurde. War die Cola alle, dauerte es auch nicht mehr lange und es wurde ungemütlich.

Also stromerten wir wieder durch die Stadt, suchten in den Eingängen der Läden Schutz vor dem ewigen Wind und träumten von Konzerten und Festivals, von Hendrix und den Scherben, die nie auch nur in die Nähe unseres Provinzstädtchens kommen würden. Die Glücklichen, die sich jetzt im Club drängelten, zu Songs von Marvin Gaye oder Santana tanzten, okay, auch zu Peter Maffay und das ging ja eigentlich gar nicht. Draußen trafen wir natürlich auch die schrägeren Typen, die, die das immerwährende Lokalverbot ereilt hatte, die in schlecht beleuchteten Ecken dealten und angeblich sogar mit einer Waffe gesehen worden waren. Mädchen allerdings sahen wir nie, die schienen sowas wie Lokalverbot nicht mal zu kennen.

Einmal, in einer beleuchteten Schaufensterpassage, griff Conny mir ins Haar. Damals kämmte ich meine Haare von einem ordentlichen Linksscheitel aus schwungvoll nach vorn, so dass sie meine Stirn vollständig verbargen und praktisch eine Linie über meinen Augenbrauen bildeten. Mit wenigen Handgriffen, vielleicht hatte Conny sogar seine Bürste in der Jackentasche, zauberte er einen Mittelscheitel, den ich seither brav beibehalten habe, auch wenn der Scheitel in der Mitte inzwischen ein wenig breiter geworden ist und meine Haare nicht mehr lang und nicht mehr schwarz sind.

Irgendwann war das Lokalverbot vorbei. Es endete nicht mit einer Einladung, doch bitte wieder unser Geld im Club abzuliefern, sondern mit unserer zunächst zögerlichen, mit schrägen Blicken bedachten, dann aber selbstverständlichen Rückkehr in den Club. Wir machten uns wieder über die Dorfjugend lustig, tranken am Wochenende unser schal werdendes Bier, rauchten frierend vor der Tür mit denen, die gerade mal wieder ausgesperrt waren und warteten darauf, dass das Leben endlich mal Gas geben würde.

Edward Hopper, Public domain, via Wikimedia Commons

Kein schnelles Geld

Kein schnelles Geld

Wenn ich etwas hab, dann Zeit. Nicht gleich morgens, da ist es hektisch. Frühstück, Zeitung lesen, aufräumen, die Mahlzeiten des Tages planen. Verschieben, was sich verschieben lässt, weil es viel zu werden droht und dann los, einkaufen. Mit dem Einkaufszettel. Ich habe es auch mit einem retrograden Einkaufszettel versucht: erst einkaufen, dann aufschreiben. Das führt zu einer hundertprozentigen Übereinstimmung von Plan und Planerfüllung, weil ja nie etwas fehlt. Probleme, wie eine Krise bei der Toilettenpapierproduktion oder im Einkaufswagen vergessene Hefewürfel, treten nie auf, weil, was  nicht gekauft wurde, auch nicht auf die Liste kommt. Leider passte sich unser reales Konsumverhalten nicht der nachträglichen Planung an. Was nicht da ist, fehlt, auch wenn es nicht vergessen, sondern einfach nur nicht gekauft wurde.

Im Supermarkt husche ich zielstrebig durch die Regalreihen. An der Käsetheke drängele ich mich vor, natürlich  unter Verweis auf mein Alter. Wir Rentner dürfen das, weil unsere Zeit knapper als die aller anderen ist. Auf den letzten Metern vor der Kasse überhole ich entschlossen noch jeden und jede, die einen Moment zögern, eine sich vor ihrem Einkaufswagen auftuende Lücke augenblicklich wieder zu schließen.

Noch vor kurzem las ich, dass man sich nicht darauf verlassen soll, welche Schlange vor den Kassen länger scheint. Man kann nämlich mit einer alten Kulturtechnik, dem sogenannten Zählen, feststellen, wie viele Menschen tatsächlich vor einer Kasse warteten. Das klingt genauso überzeugend, wie es falsch ist, denn im Zweifelsfall sollte man nur darauf achten, dass ich nicht vorn in der Reihe stehe, denn, wie gesagt, nun habe ich Zeit.

Ich schiebe mich langsam auf die Kasse zu wie der Eisberg auf das Nordmeer, studiere die Quengelware, betrachte die Abbildungen auf Weiterlesen

Analog, digital, egal

Analog, digital, egal

Vor einiger Zeit habe ich schon ein paar alte Videos digitalisiert, was ja in Wirklichkeit nichts anderes bedeutete, als dass ich sie von einer Kassette auf den PC rüber kopierte. Okay, die technischen Details sind vielleicht etwas komplizierter, für mich reduzierte sich das aber auf die richtige Herstellung von USB-Verbindungen.

Jetzt bin ich mit Dias beschäftigt. Bis ungefähr 1990 haben wir Diafilme verwendet und nach dem Entwickeln die einzelnen Bildchen ordentlich gerahmt. Seitdem stehen sie in grauen Kästen im Schrank. Standen sie jedenfalls bis vor ein paar Tagen. Dann dachte ich mir, es könnte nett sein, diese Bilder wieder zugänglich zu machen. Heute schreckt ja der Dia-Abend niemanden mehr, denn was sind ein paar Dutzend Dias gegen die Masse an Fotos, die ein Smartphone bereithält? Bilderwochen könnte ich veranstalten, Monate, nähme ich die Festplatte meines Rechners noch hinzu. Und nichts davon will irgendwer sehen. Das immerhin haben die Digitalbilder mit ihren analogen Vorgängern gemein. Warum also sollte ich die Zahl der verfügbaren Bilder nicht um ein paar Hundert erhöhen?

Sogar der Diaprojektor war noch da und spendete Licht. Okay, die Lichtwurflampe und das Objektiv haben sich voneinander verabschiedet, so dass ich mit Fingerspitzengefühl versuchen muss, eine Einstellung zu finden, bei der das Bild einigermaßen scharf ist. Die Vorrichtung, mit der ein einzelnes Dia aus dem Magazin in den Projektor geschoben wird, ist abgebrochen. Zum Glück gibt es oben auf dem Projektor so eine Art Noteinstieg, mit dessen Hilfe genau ein Dia der Lichtquelle zugeführt werden kann. Die Automatik beginnt zu surren und versucht das Bild scharfzustellen, erreicht aber aus den genannten Gründen das Gegenteil. Also drehe und drücke ich, bis das Bild meinen bescheidenen Ansprüchen genügt und fotografiere dann das Ergebnis. Nicht von der Leinwand, die hat die dreißig Jahre nicht so gut überstanden, sondern von der Wand im Flur, der oben zwischen Bad und Gästezimmer. Da passt das Bild gerade unter den Lichtschalter links und den Türrahmen rechts.

Mit dem Smartphone lässt sich das auch fotografieren, allerdings nicht mit meinem, jedenfalls nicht, wenn man darauf verzichten kann, die eigenen cholerischen Anteile kennenzulernen. Mit der Kamera geht es besser. Nicht gut, das nicht. Nach all dem habe ich dann die Bilder da, wo sie vor dreißig Jahren auch schon mal waren: in der Kamera. Nur diesmal natürlich auf einer Speicherkarte. Und anschließend muss ich alles noch zuschneiden und vielleicht etwas bearbeiten, also heller machen oder dunkler oder einfach löschen. Wenn auch das erledigt ist, zeige ich sie allen und stoße auf mäßiges Interesse, speichere sie auf einer externen Festplatte und vergesse sie dort wahrscheinlich endgültig. Die Dias könnte ich jetzt entsorgen, aber…mhm, vielleicht warte ich damit noch ein paar Jahre.

Meine Vorgehensweise ist natürlich gänzlich unprofessionell. Es gibt Diascanner für richtig viel Geld, Handbücher, Youtube-Filme. Es gibt sogar Unternehmen, die sich darauf spezialisiert haben, die Urlaubsfotos von 1982 vorzeigbar zu machen und die Highlights des vierunddreißigsten Geburtstags, an den sich zurecht niemand mehr erinnert. Aber mein Vater, der hätte das auch so hübsch umständlich gemacht.

Von drauß‘ vom Walde (2)

Von drauß‘ vom Walde (2)

Teil 2

zu Teil 1

„Und du? Bist du eine Mädchen oder so?“ äffte der kleine Bursche ihren Tonfall nach.

Benni knurrte.

„Ja. Ist ja schon gut. Ich bin hier der Waldmeister. Llanfairpwllgwyngyll, aber du darfst Willi zu mir sagen, Lina.“

„Dieses Lalafair, bedeutet das was?“ fragte sie

Willi schüttelte den Kopf. „In der Schule haben sie mir gesagt, es bedeutet „Blöder Zwerg, dessen doofe Eltern ihn nach einem Dorf in Wales genannt haben“. Aber das glaube ich nicht. Und Willi bedeutet… eben Willi.“

„Puh“, Lina seufzte und Benni sah auch erleichtert aus.

„Ich heiße Lina und das ist Benni.“

„Der Hund muss an die Leine und dass du Lina bist, das weiß ich doch längst.“

Willi war ganz schön streng. Quengelig, hätte Mama gesagt.

„Ich darf überhaupt nicht mit dir reden“, stellte Lina entschieden fest.

„Aber Puh sagen, wenn ich mich vorstelle! Und wie willst du deinen doofen Baum finden? Ohne meine Hilfe?“

Willi drehte sich um und… war verschwunden.

„Willi!“ Jetzt, ohne den komischen Kerl, fühlte Lina sich plötzlich ziemlich allein im Wald. Aber da war er auch schon wieder und grinste.

„Umsonst gibt’s hier aber nichts. Dass das schon mal klar ist.“

Lina zückte ihr pinkes Portemonnaie.

„Geld?“ Willi sprang einen Schritt zurück. „Komm mir bloß nicht damit.“ Er schien einen Moment lang nachzudenken, dann leuchteten die Gläser seiner Sonnenbrille kurz auf.

„Ein Gedicht!“

„Sowas wie ‚Lieber, guter Weihnachtsmann, zieh die langen Stiefel an‘?“

„Ja. Aber rückwärts.“

„Na…“ sagte Lina und das stimmte natürlich, war aber ein bisschen kurz.

„Du kannst auch einfach rückwärtsgehen und das Gedicht vorwärts aufsagen.“

Schon bei „Weihnachtsmann“ lag Lina lang im Schnee.

„Super!“ sagte Willi und klatschte vor Freude in die kleinen dicken Hände.

„Das ist aber nicht nett!“ Lina setzte sich im Schnee auf und streckte die Hand aus, um sich hochziehen zu lassen. Willi zögerte einen Moment, aber dann half er ihr hoch.

Überrascht blickte Lina auf ihre Hand, das war ja seltsam gewesen. Eine Wärme und eine Kraft hatte sie gespürt und plötzlich war ihr der Wald auch überhaupt nicht mehr dunkel vorgekommen. Willi zwinkerte ihr zu, drehte sich um und stapfte los. „Da lang!“

Es war eigenartig mit Willi, denn sogar, wenn der Weg geradeaus führte, kannte Willi noch eine Abkürzung und so schien nur ein Augenblick vergangen zu sein, als sie auf dem kleinen Hügel standen. Hinter ihnen lag der grüne und graue, braune und ziemlich schäbige Wald, aber was da vor ihnen lag, das war… also sowas hatte Lina überhaupt noch nicht gesehen. Es blitzte und glänzte und funkelte so, dass in der Luft über diesem Wald ein kleines, lautloses Feuerwerk stattzufinden schien und Lina war so fasziniert, dass sie nicht gleich bemerkte, dass sie vor dem Nadelwald stand, vor einem metallisch glänzenden Wald mit starren spitzen Nadeln, so dicht wie Tannennadeln und so schrecklich spitz und scharf wie die feinen Nadeln, mit denen Mama zu lange Hosenbeine absteckte. Und erst jetzt, als sie das entdeckt hatte, bemerkte sie auch, dass diese gruseligen Nadeln kleine Schmetterlinge und Käfer, sogar Vögel und andere Tiere aufgespießt hatten. Dieser Nadelwald war rechts und links und vor ihr und schien überhaupt kein Ende zu nehmen. Benni, der, wie Hunde das so machen, ein wenig vorgelaufen  war, kam jaulend zurück und Lina sah, dass er einen kleinen Blutstropfen an der Nase hatte.

„Ich glaube, ich hatte die Leinenpflicht erwähnt.“ Willi betrachtete den Hund Weiterlesen

Von drauß‘ vom Walde (1)

Von drauß‘ vom Walde (1)

Teil 1

Die letzte Häuserreihe der Neubausiedlung war geradeso vor dem Fest bezugsfertig geworden. In manch einem der Häuser stapelten sich deshalb noch die letzten Umzugskartons neben bunten Paketen, Päckchen und Umschlägen mit vielen Briefmarken aus den Staaten und von Tante Inge aus Hannover. Im allerletzten Haus lagen noch keine Pakete unterm Christbaubaum, im allerletzten Haus stand noch nicht einmal ein Baum.

Draußen, jenseits des Gartenzauns, wuchsen Bäume, Birken und Weiden, nicht sehr viele und nicht besonders mächtige Bäume, sondern solche, die einst gepflanzt und später geduldet worden waren und die trotzdem auf geheimnisvolle Weise verbunden waren mit dem großen Wald. Vorposten waren sie, den Launen der Menschen ausgesetzt, die sie mal umarmen und mal umhauen wollten.

Hinter dem Feld, das nun im Winter ruhte, hinter dem vereisten Entwässerungsgraben, der die Grenze bildete, begann der Wald, der Nadelwald, wie Mama gesagt hatte. Mit jedem Schritt weg vom befestigten Pfad hinein ins Unterholz, blieb das Bekannte zurück. Schnee knirschte unter den kleinen Stiefeln. Es knackte, huschte und flatterte, aber nur, wenn Lina nicht so genau hinschaute, nur aus den Augenwinkeln ein wenig nach links oder rechts schielte, sah sie ein Kaninchen davonhoppeln oder ein Reh erstarren.

Lina tastete nach ihrem Lillifee-Portemonnaie. Ja, es war noch da. Papa hatte gesagt, dass es in diesem Jahr keinen Weihnachtsbaum geben würde. Das neue Haus hatte so viel Geld gekostet, vielleicht brächte der Weihnachtsmann ja noch ein kleines Geschenk für Lina, aber einen Baum brächte der bestimmt nicht mit.

Bäume, das wussten ja schon babykleine Kinder, wuchsen im Wald. Also war Lina losgegangen, um einen Weihnachtsbaum zu holen. Wo sollten denn die Geschenke liegen, wenn nicht unter dem Weihnachtsbaum? Wie sollte es denn im Wohnzimmer leuchten und duften und überhaupt Weihnachten werden, wenn da kein Baum stand? Lina schüttelte empört den Kopf und stapfte weiter, die Hände in die warmen weiten Taschen ihres pinken Sternchenmantels gesteckt und die Kapuze tief in die Stirn gezogen, so dass nur die Augen und eine kleine rote Nase  herausschauten. Es roch schon ganz schön gut nach Weihnachtsbaum, fand Lina, aber die Bäume, die sich immer dichter drängten und nicht mehr viel Licht auf den ziemlich unaufgeräumten Waldboden fallen ließen, waren alle viel zu groß und zu dick und überhaupt nicht schön. Eigentlich ein bisschen unheimlich. Grüne Riesen waren das mit langen Ästen, wie dicke Bärte sahen die aus oder wie weite Ärmel.

Huh, da hätte sie sich aber beinah erschreckt, Weiterlesen

Hinter Singravens Mauern

Hinter Singravens Mauern

Wenn es auch in der Vergangenheit immer wieder Versuche gab, paranormale Vorfälle auch in Reihenhäusern glaubhaft zu machen, zu einem Gespenst gehört etwas Großzügigeres, eine Burg, ein Schloss, zumindest aber ein Herrenhaus. Nur dürftig darauf vorbereitet, haben wir das Landgoed Singraven bei Denekamp besucht, ohne Kenntnis seiner Geschichte, ohne irgendwelche Amulette, Knoblauchketten oder andere Schutzmaßnahmen. Dass wir in den Innenräumen nicht fotografieren durften, hätte uns misstrauisch machen müssen, denn was wir nicht durch die Linse unserer Kameras oder Smartphones gesehen haben, das haben wir nicht gesehen, doch wer weiß, was die Kamera festgehalten hätte, wo unsere wenig geschärften Sinne versagt hätten?

Die Kette unglückseliger Ereignisse, die mit dem Landgut Singraven verbunden sind, dort ihren Ursprung hatten oder ihr Ende fanden, ist wahrlich zu lang, um sie hier aufzulisten, erwähnt sei nur der unglückliche Herr des Hauses, dessen Bart in Flammen geriet und der nicht mehr zu retten war, obwohl ihn seine herbeistürzenden Bediensteten in den nahen Fluss geworfen hatten. Dann war da noch Jan Adriaan Laan, der das Gut 1915 ersteigerte und mit seiner Frau Eva und zwei seiner Kinder fortan dort lebte. Oder eben nicht, denn erst starb seine Frau, dann raffte es ihn dahin und 1922 schließlich auch noch seine Tochter Agatha. „Het zwarte huis“, das schwarze Haus, so wird Singraven wohl auch genannt.

Früher, also viel früher, im 15. oder 16. Jahrhundert, war Singraven ein Kloster und eine der Nonnen, deren Name bedauerlicherweise nicht überliefert ist, nahm es wohl nicht so genau mit den Regeln ihres Ordens. Unkeusch sei sie gewesen, heißt es und da fand man es natürlich nur angemessen, sie  bei lebendigem Leibe einzumauern. Jetzt ist es nicht weiter überraschend, dass diese Dame, der man das Verlassen des Hauses unmöglich gemacht hatte, es fürderhin auch nicht mehr verließ und bis auf den heutigen Tag immer mal wieder das Haus begeistert.

An manchen Tagen, so heißt es, könne man sie hinter einem der Fenster des Hauses stehen sehen. Die Nummer mit dem Einmauern glaube ich jederzeit, in diversen Kirchen haben sich Menschen einmauern lassen, mir fällt kein gescheiter Grund dafür ein, und zu sehr vielen Burgen gibt es ähnliche Geschichten, nur dass sie eben nichts mit freiwilliger Entsagung, sondern eher mit ungebührlichem Verhalten oder einer unglücklichen Liebe verknüpft waren.

Was hinter den Mauern Singraven geschah, ob es mehr als eine Schauergeschichte ist, ich weiß es nicht. Aber in den neunzehnhundertzwanziger Jahren wurde, so heißt es, hinter einer Mauer ein Hohlraum gefunden, über dessen Inhalt bisher Schweigen bewahrt wurde. Gut, über manche Räume unseres Hauses würde ich auch gern schweigen.

Ein unpassendes Gedicht

Ein unpassendes Gedicht

Entlang des Nordhorn-Almelo-Kanals radelt es sich gut in Richtung Denekamp. Denekamp liegt in Twente und Twente ist ein Teil der Provinz Overijssel. Tukker nennen sich die Menschen, die in Twente leben. Eine Erklärung für diesen Ausdruck bezieht sich auf die Hosentaschen, die im Platt, das man in Twente spricht, Tuk heißen. Beide Hände in den Hosentaschen, etwas rustikal, bäuerlich, so sei der Tukker. Vermutlich gibt es noch reichlich andere Erklärungen. Na gut, Regionen basteln sich ihr Selbstbild. Übrigens kenne ich die Bezeichnung schon etwas länger, aber wie das so ist, wenn man etwas dazu erzählen will, schaut man mal nach.

Der Nordhorn-Almelo-Kanal ist nur einer der Kanäle in der Gegend und es fährt sich wunderschön unter den herbstbunten Bäumen und über das großzügig verteilte Laub auf den mal schmalen, mal breiteren aber immer gut ausgeschilderten Radwegen. In den Niederlanden, aber auch in der Grafschaft, ist das Knoppunten-System verbreitet, eine simple Methode, die eigene Tour zu planen und die Wege auch zu finden. Ab Denekamp kennen wir den Weg nicht mehr und sind augenblicklich überrascht, wie schön es weitergeht. Bald gelangen wir an eine Brücke, der meine Frau nicht traut, was natürlich nicht heißt, dass sie nicht auf die andere Seite will, sondern dass ich vorgehen soll. Ich bin zwar nicht mutig, habe aber keine Wahl. Die Brücke hält wider Erwarten.

Wie schön und fremd eine Gegend doch sein kann, wenn man abseits der Hauptstraßen unterwegs ist. Ich denke an ein Gedicht von Hendrik Marsman. Es heißt „Herinnering aan Holland“ und eigentlich denke ich auch nur an die erste Strophe.

Denkend aan Holland

zie ik breede rivieren

traag door oneindig

laagland gaan,

Übersetzt könnte es etwas so heißen:

Denke ich an Holland,

sehe ich breite Flüsse

träge durch endloses

Tiefland strömen

Okay, das passt überhaupt nicht zur Landschaft, zu dem eher lieblichen Kanal, den schmalen Wegen, den schmucken Bauernhäusern, aber was kann ich denn dafür, das mir gerade dieses Gedicht einfällt? Der Hälfte der Niederländer fällt es auch ständig ein, zumindest die ersten zwei Zeilen und Marsman war am Mittelmeer, als er in den frühen dreißiger Jahren das Gedicht schrieb. Es ist also überall und jederzeit erlaubt, völlig unpassende Gedichte zu erwähnen. Regelmäßig denke ich an dieses Gedicht, wenn wir bei Deventer über die Ijssel fahren. Und während ich sowas vor mich hin denke, sind wir auch schon beim Landgoed Singraven und das wollen wir uns gern zeigen lassen.