Von oben herab

Von Fyodor Borisov – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=25080267

„Hallo Tower, erbitten Landeerlaubnis.“

„Besonderheiten an Bord?“

„Besonderheiten? Ach so. Ja. Möglicherweise besteht Ansteckungsgefahr. Wir haben da ein paar Verdachtsfälle.“

„Okay, Landeerlaubnis kann nicht erteilt werden. Versuchen Sie es mal mit Berlin-Brandenburg.“

„Dem Hauptstadtflughafen? Ist der jetzt doch schon in Betrieb?“

„Nein. Deshalb ja.“

„Keine Alternative für uns. Der Sprit reicht nicht mehr für einen Umweg. Wir müssen hier runter.“

„Nur mal als Hinweis. Sie werden jetzt von zwei Jagdflugzeugen eskortiert. Falls Sie sich nicht an die Regeln halten oder eine Gefahr für die Stadt besteht…“

„Sie haben wohl zu viel Ferdinand von Schirach gelesen? Der Abschuss von Passagierflugzeugen ist nur gestattet, wenn sie von Terroristen gekapert wurden.“

„Okay. Sie können dann ja später klagen.“

„Gehen jetzt auf Autopilot. Nehmen die rechte Landebahn.“ Weiterlesen

nearer to thee

Riksarkivet (National Archives of Norway) from Oslo, Norway [No restrictions]

Wie nah kommt man einem toten Künstler? Ein Thema, das mich immer wieder mal bewegt. Eigentlich immer, wenn ich mich mit einem toten Künstler beschäftige. Bei lebenden Künstlern, das fällt mir gerade auf, stelle ich mir nie die Frage, wie ich ihnen nahe kommen könnte „Ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern“ hat der damalige Bundesinnenminister Thomas de Maizière mal gesagt. Soweit würde ich nicht gehen. Möglicherweise ist es so, dass es Antworten auf diese Frage gäbe, die mir nicht gefallen würden.

Zum Beispiel die, dass es möglich sein könnte, ihnen nahe zu kommen und aus der Frage, wie ich die Nähe herstellen kann, die Frage würde, was ich mit dieser Nähe anfangen möchte. Arno Schmidt ist tot, Rembrandt ist tot. Maarten t‘ Hart und Dirk de Keyzer leben. Ihre Anschriften sind zu ermitteln, es wäre möglich, zumindest Weiterlesen

Kalk erwischt

Von Cgoodwin – Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3434079

Es ist mir etwas peinlich darüber zu berichten, aber wir sind hier ja unter uns. Als ein Ergebnis der familiären Arbeitsteilung bin ich nämlich seit einiger Zeit auch für die Reinigungsarbeiten im Haus zuständig und stolz wie Bolle, wenn irgendwas mal sauber ist. Das Universum neigt bekanntlich zur Entropie, es ist also nicht weiter verwunderlich, dass Sauberkeit und Ordnung nicht lange anhalten. Mit anderen Worten: So endlos wie das Universum vermutlich ist, so endlos muss geputzt werden. Staubsaugen, Staubputzen, Wischen. Schlafzimmer, Treppe, Wohnzimmer, Küche, Bad. Gäste-WC und so weiter und wieder von vorne.

Ich gebe zu, ich habe diesen Moment herausgezögert: Das Klo musste auch geputzt werden. Jetzt sind wir schon ganz nah dran am heiklen Punkt oder besser Streifen. Hartnäckigen Streifen. Das Internet weiß ja heute in allen Lebenslagen Rat, also googelte ich, fand ein entsprechendes Forum Weiterlesen

Nie wieder!

[[File:Bundesarchiv B 285 Bild-04413, KZ Auschwitz, Einfahrt.jpg|Bundesarchiv B 285 Bild-04413, KZ Auschwitz, Einfahrt]]

Vor 75 Jahren befreite die Rote Armee die Gefangenen des Konzentrationslagers Auschwitz. „Nie wieder“ steht, so fasse ich es auf, dafür, dass es nie wieder Judenverfolgung, allgemeiner, nie wieder religiös oder rassistisch begründete Verfolgung und Vernichtung anderer Menschen geben darf.

Juden müssen in Deutschland sicher leben können. Was für ein furchtbarer Satz, wie schrecklich ist es, dass wir 2020 diesen Satz noch oder wieder sagen müssen. Dabei geht es mir nicht um Religion, nicht darum, dass Menschen sich zum Judentum bekennen oder nicht, das war den Nazis auch egal. Ihnen genügte eine irgendwie konstruierte Verwandtschaft.

Deshalb müssen auch Moslems und Christen, Hindus und Buddhisten ihren Gott oder ihre Götter anbeten können, denn was uns trennt, sind vielleicht Religion und Parteien, aber was uns eint, ist die schlichte Tatsache unseres Menschseins. Wem das nicht genügt, um andere als gleichwertig und gleichberechtigt zu sehen, der verrät nicht seine „Rasse“ oder sein Land, der verrät die Menschheit.

Gans unvorsichtig

Quelle: Google

Heute ging die Meldung durch die Medien, dass die FDP ein neues Thema gefunden hat: Kanadagänse. Diese Vögel machen sich in NRW breit, in Düsseldorf sind sie inzwischen so lästig wie Lobbyisten. Da ich nicht in Düsseldorf lebe, gehöre ich nicht zu den unmittelbar Betroffenen, freue mich aber natürlich für die FDP. Drohnen, so hieß es, wolle sie einsetzen lassen, damit die Kanadagänse sich neue Futtergebiete suchen, Köln vielleicht. Weil die Meldung im WDR etwas verkürzt kam, googelt ich sogleich und fand die oben abgebildete Seite, die die Motive der Freien Demokraten doch recht zwielichtig, wenn nicht gar eigennützig erscheinen lässt.

Mir doch Latte

Von Andrea014 – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=59556364

Eine unserer Töchter ist umgezogen. Bei dieser Gelegenheit wollte – oder sollte? – sie einen großen Lattenrost statt der bisherigen zwei kleinen Lattenroste für ihr Bett bekommen. Okay, da wir ohnehin mit dem Anhänger zu ihr fuhren, ließ sich der Lattenrost – der große – gut transportieren. Bis wir ihn in die Hände von Umzugshelfern gaben, denen es gelang, die Latten, die, wie ich gerade feststelle, Leisten heißen… äh, Unterbrechung: Ich habe gerade gegoogelt. Ich hätte nicht gedacht, dass ich den Lattenrost googeln könnte. Falsch, hätte ich das nicht gedacht, hätte ich es auch nicht versucht. Der Lattenrost heißt mit Hausnamen eigentlich Bettenrost, was nichts damit zu tun, dass, wer rastet oder ruht, rostet. Wikipedia sei Dank, durfte ich mich gerade an den Drahtrost oder auch Sprungfederrahmen erinnern. Sowas hatten meine Eltern mal.

Und da ist natürlich die Nähe zum Grillrost viel größer, denn der heutige Lattenrost eignet sich kaum als „tragfähiges horizontales Gitter, beispielsweise über oder unter einem Feuer“ . Wie Doppeldeutig ein Wortes sein kann, zeigt sich auch hier, denn im Allthochdeutschen, wer wüsste das nicht, steht rōst für den Grill, die Pfanne und den Scheiterhaufen, während das germanische raustaż eine „Vorrichtung zum Bräunen von Fleisch“ bezeichnet haben soll – was Grill und Scheiterhaufen in eine unangenehme Nähe rückt. Ende der Unterbrechung: Den Umzugshelfern, denen ich ansonsten übrigens sehr dankbar bin, gelang es also, die Leisten aus den Weiterlesen

Auf der Warteliste

Meistens lese ich mehrere Bücher gleichzeitig. Warum das so ist, weiß ich eigentlich nicht. Es hat sich eben so ergeben. Hier oben in meinem Arbeitszimmer, wenn man die Ecke mit PC und Büchern und Kabeln und Videos und Ordnern und Krimskrams ein Zimmer nennen will, liegen die Bücher herum, die noch gelesen werden wollen. Also nicht das es ihre Absicht wäre, ihr Wille, gelesen zu werden, es ist schon mein Wille, aber mit einem einfachen „mein Wille geschehe“ ist das ja nicht getan. Manche stehen da und müssen warten, werden sogar wieder zurückgestuft, wenn sie fast dran gewesen wären.

Das ist vermutlich hart für sie. Oder für ihre Autoren, die in dem betreffenden Moment sicher Herzstechen kriegen oder zumindest ein nervöses Zucken des linken Auges. Gut, vielleicht auch nicht, wie sollte es dann all den Autoren gehen, deren Bücher nicht mal das Lager des Großhändlers verlassen.

Arno Schmidt hat das in „Tina oder über die Unsterblichkeit“ allerdings genau anders herum gesehen. Bei ihm gilt nicht, dass wer schreibt, bleibt, sondern dass, wer gelesen oder besprochen oder auch beworben wird, bleiben muss. Bei Schmidt bleiben die unglücklichen Autoren nach ihrem Tod in einer unterirdischen Welt und hoffen darauf, endlich vergessen zu werden. Den meisten Autoren, die ich kenne, geht es allerdings so, dass sie darauf hoffen, endlich gelesen zu werden. Okay, ich geben zu, dass es sie nicht danach drängt, zu erfahren, ob ich sie endlich gelesen habe.

Obwohl das ja auch was hätte, wenn Deon Meyer, ein niederländischer Krimiautor, der mir völlig unbekannt ist, mich anriefe um sich zu erkundigen, warum ich sein Buch „De vrouw in den blauwe mantel“ noch nicht gelesen habe, obwohl es schon seit dem 15.06.2017 hier rumsteht. Ich weiß das genau, weil der Kassenzettel noch im Buch liegt. Das Buch selbst war ein Geschenk. Nein, ich gehe mit Geschenken nicht generell so um, das hier war eines anlässlich der „Woche des spannenden Buchs 2017“, Beifang beim Kauf eines anderen Buches sozusagen.

Deon Meyer muss noch warten, obwohl er jetzt gerade links neben der Tastatur liegt. Hoffnungsvoll. Aber rechts liegt „Drachenblut“ von Christoph Hein. Das ist dran. Und Meindert Evers „Begegnungen mit der deutschen Kultur.“ Je nach Laune lese ich auch Peter Wohlleben weiter „Das geheime Netzwerk der Natur“. Seit ein paar Tagen ist Elisabeth Etty mit „Minnebrieven aan Maarten“ dazugekommen.

Wie gesagt, meistens lese ich mehrere Bücher gleichzeitig. Sage ich so, stimmt abe nicht, ich lese sie nicht gleichzeitig, sondern ich lese einfach nicht erst das eine zu Ende und beginne dann mit dem nächsten. Manche sagen ja auch, sie hätten ein Buch aus gelesen. Klingt für mich, als sei das Buch jetzt alle. Leer. Fertig. Nein. Ich lese Bücher nicht aus. Ich lasse sie warten, ruhen, reifen um ihnen dann meine geteilte Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.