Junge Stimmen

Junge Stimmen

Wir entscheiden die Wahlen. Klingt trivial, ist es auch. Natürlich, wer sonst? Klingt weniger schön, wenn man sich dieses wir genauer ansieht, denn wir, die Alten entscheiden. Ab wann man sich zu den Alten zählt, interessiert mich eigentlich nicht sehr, aber die Wählerinnen und Wähler, die 50 und älter sind, stellen die Mehrheit der Stimmberechtigten und nicht nur das, ihr Anteil an denen, die tatsächlich wählen, ist noch einmal größer. Wir dürfen nicht nur wählen, wir tun es auch. Und in den nächsten Jahren wächst diese Gruppe weiter.

Wir sind die, denen es gut geht. Ja, ich weiß, nicht allen ab 50 geht es gut. Wir sind auch die, die mehr Zeit beim Arzt verbringen, als gut für die Krankenversicherungen ist. Zu uns gehören auch diejenigen, die kaum mit ihrem Geld auskommen und die jobben müssen, bis der Arzt kommt. Aber der kommt ja nicht, der behandelt unsere Zivilisationskrankheiten.

Wir sind tendenziell konservativ, wir wollen nicht, dass sich Dinge ändern, weil wir uns die Namen der Handelnden dann nicht mehr merken können und in einer Welt, in der nichts mehr sicher zu sein scheint, sollten wenigstens die Renten sicher sein. Wir machen uns keine großen Sorgen um den Klimawandel, weil wir mehr Angst vor Kriminalität und Terrorismus haben, vor zu vielen Ausländern und zu wenigen Pflegerinnen und Pflegern. Vor dem Gendern und davor, dass die Bäckerblume und die Apothekenrundschau eingestellt werden könnten. Wir mögen es sicher, sauber und satt. Gegen uns entscheidet keiner.

Nach uns die Sintflut.

Vielleicht sollten wir ein Wahlrecht einführen, dass die Zahl der Stimmen, die ein Mensch bei einer Wahl abgeben kann, an die durchschnittliche Restlebenserwartung koppelt. Eine 18jähre hätte bei einer Lebenserwartung von 83 Jahren dann 65 Stimmen, eine 83jähige, gut, sein wir nett, 1 Stimme. Die, über deren Zukunft entschieden wird, würden über die Zukunft entscheiden. Jetzt sagt bloß nicht, junge Leute seien nicht erfahren und vernünftig genug. Ich weiß, was für einen Unfug ich anstelle und was für einen Unsinn ich mir zurechtdenke. Okay, es muss ja nicht gleich jeder so seltsam sein wie ich. Aber klüger und besser als der Rest sind wir auch nicht.

Wenn wir die Stimmen dann auch noch verteilen dürften, kämen viele lustige Parteien in die Parlamente. Ich fürchte nur, dass ich mit den Ergebnissen solcher Wahlen genauso unzufrieden wäre, wie mit den gegenwärtigen.

Bild: Francis Danby, Public domain, via Wikimedia Commons

Ob ich für das Eichhörnchen wohl Deko bin?

Ob ich für das Eichhörnchen wohl Deko bin?

Da ist ein Drinnen und ein Draußen und dazwischen eine klare Grenze aus Stahl und Glas und Stein. Ein Innen, das wir für uns beanspruchen und ein Außen, das wir auch für uns beanspruchen, ein Draußen, das uns auch gehört. Drinnen gelten unsere Regeln, der Hund darf rein, die Taube nicht. Wir verteidigen uns gegen alle, die sich nicht an unsere Regeln halten, weil sie diese Regeln nicht kennen, weil es in ihrer Welt diese Grenze nicht gibt. Die Spinne wartet draußen vor der Tür, bis sie eine Gelegenheit findet, sich in Lebensgefahr zu bringen. Die Mücke weiß das geöffnete Fenster zu nutzen und macht mit ziemliche Sicherheit ihren Stich. Ameisenarmeen marschieren ein und ziehen sich nicht ohne langwierige Kämpfe wieder zurück. Mit Pflanzen sind wir sogar noch strenger. Die haben in ihren Töpfen zu bleiben und wenn sich ein Pilz erdreistet, eine Silikonfuge zu besiedeln, werden Chemiewaffen eingesetzt.

Unser Drinnen ist auch deren Drinnen, unser Haus ist nichts anderes als ihre natürliche Umwelt, ihr Jagdrevier und Rückzugsort und wir, die Damen und Herren dieses Planeten, sind ihnen so egal wie uns dieser kleine schwarze Punkt dort auf der Mauer, der, wenn ich wegsehe, vermutlich macht, das er weiterkommt.

Gleich hinter der Grenze liegt die Terrasse und ein paar Schritte weiter und eine Stufe tiefer wächst das Gras. Unsere Terrasse und unser Rasen, aber wir sind da offen für Besucher. Das Eichhörnchen ist eingeladen, die Spatzen braucht niemand einzuladen, die haben ein lebenslängliches Nießbrauchrecht auf alles, was essbar ist und nicht entschieden verteidigt wird.

Der Rasen wäre heilig, wären wir Gärtner, wüssten wir ihn zu bändigen, doch so: ein Mischgebiet, eine Übergangszone, auf die wir gewisse Rechte anmelden und in der wir auch schon mal grob werden können, wenn die Wühlmäuse es gar zu toll treiben oder die Tauben den Grassamen wegpicken. Aber es ist nicht wirklich unser Rasen, es fühlt sich eher an, wie ein Stadtteil, in dem die Polizei noch patrouilliert, die Hoffnung aber aufgegeben hat, auch wenn sie das Gegenteil behauptet. Da wächst, was will und was sich wiederzukommen traut, wenn der Tag des Zupfens und Rupfens, des Stechens und Schneidens vergangen ist.

Dann ist Ruhe und die Amsel kontrolliert, ob ein Wurm den Fehler macht, die aufgekratzte Erde neugierig zu erkunden. Die Elster kommt, klaut eine Nuss von der Terrasse und gibt uns schwarz auf weiß, dass das auch ihr Garten ist. Nein, das auch, das würde sie nicht unterschreiben. Der Grünspecht schon, der flüchtet immer mit großem Spektakel, dabei nehme ich ihm die Löcher, die er in den Rasen haut, doch nicht einmal übel. Seit kurzem kommt auch eine Taube, keine von den groben, ungelenken, die sich für Sänger halten und doch nicht aus dem Stimmbruch kommen, sondern ein Täubchen, ein schlanker, grauer Vogel mit Federn wie gebürstet. Das Rotkehlchen schaut wohl gern auf andere herab, denn es sitzt meist auf der Skulptur, dem Geschenk einer Freundin an uns, die, hätte sie das geahnt, die Skulptur auch dem Rotkehlchen geschenkt hätte.

Dann eine Mähkante und direkt danach und einen Stein hoch: die Mauer, die uns gegen das Chaos schützen soll. Noch immer sind uns von Staat und Kirche alle Rechte gegeben, beurkundet und eingetragen, sind wir von Gott gerufen, uns den Garten untertan zu machen, denn so heißt es in Genesis 1, 28: „füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“

Ja, wir haben es versucht, wir sind haben die Füße gehoben über den Stein und sind hinabgestiegen in die, nein, nicht die Hölle, sondern in die Tiefe, in den Graben, den breiten Graben,  das Reich der Brombeeren und Brennnesseln, des Efeus und der Pflanzen, die wir nicht gesät und nicht gepflanzt haben und die doch wachsen, der Bäume, die uns mit Laub zuschütten und knarren im Sturm  und drohen, sich auf uns zu stürzen und die nicht Untertan sein wollen, denn groß sind sie und alt und haben ihr eigenes Recht, dort zu wurzeln, ein Recht, das vor Gericht sogar bestand haben würde. Jetzt, da es gerade dunkel wird, stehen sie da, schwarz, bewegen sich im Wind und machen, was Bäume so machen.

Natürlich wir sind umgekehrt, zerkratzt, gebissen und dreckig, denn hinter dem Stein, hinter dem Mäuerchen, wächst und lebt, was wachsen und leben will und an manchen Tagen bricht dieses Leben aus und klettert über die Mauer und kommt in den Garten und auf den Rasen und in den Rasen und fordert mehr und es stimmt, das, wenn man der Brennnessel den kleinen Finger gegeben hat, sie auch die ganze Hand will und das Bein und sie kein Mitleid kennt. Aber sie soll ja gut sein gegen Rheuma.

Wasserwege

Wasserwege

67 Kilometer sind für einen Fluss nicht so richtig viel, obwohl die Pader es mal gerade auf vier bringt und dennoch als Fluss durchgeht und einer Stadt – richtig: Paderborn – ihren Namen gibt. 67 Kilometer sind ganz okay. Sie reichten sogar aus, um den Werseradweg zu entwickeln. Der ist – Überraschung – 125 Kilometer lang. Man fängt einfach etwas früher an und fährt noch ein bisschen weiter und auch mal etwas flussferner, kriegt man schon hin.

Bevor nun jemand auf den Gedanken kommen könnte, sich für seine Touren einen etwas längeren Fluss zu suchen, will ich ein bisschen Reklame für die Werse machen. Sie ist nämlich schön. Schön schmal, schön leise, mal rechts, mal links des Weges, flach, mit dicken Steinen darin, die ein Überqueren möglich machen, mit Stromschnellen, okay, zugegeben, künstlich angelegten Stromschnellen, mit Fauna und Flora. Mit Graureihern, die sich in ihrer etwas nörgelig wirkenden Altmännerhaltung an einem kleinen Hügel versammeln, mit Kühen und Kälbern in den Farben der Saison, mit Ponys und Fohlen und Pferden, mit kleinen Mädchen, die stolz ihre ersten Reitstunden nehmen und vielen Rentnern, die mit ihren E-Bikes und unangepasster Geschwindigkeit die schmalen Wege noch schmaler wirken lassen. Mit Bauernhöfen und Kirchtürmen, mit Brücken und steilen Ufern.

Von Angelmodde nach Rinkerode, das war unsere Tagestour. Und zurück von Rinkerode nach Angelmodde. Ortsnamen, die klingen, als hätten ihre Wurzeln schon in der sumpfigen Ursuppe gestanden. Leider können die Orte trotzdem nicht mit der Flussromantik mithalten, weil unsere Automobilität ihre Ortskerne in Durchgangsstraßen verwandelt hat.

Rinkerode hat gerade mal dreieinhalbtausend Einwohner, einen Bahnhof und eine Bundesstraße. Münster ist nicht weit. Jeder grüßt. Eine Handvoll schöner alter Häuser, die hübscheste Sparkasse des Münsterlandes, eine Kirche, Kneipen, die alle noch geschlossen sind. Jeder grüßt.

Bei Tage wird hier nicht öffentlich getrunken. An der Durchgangsstraße, die reichlich und zügig befahren wird, eine Bäckerei und ein Fleischer, ein umzäuntes Grundstück, demnächst entsteht hier exklusiver Wohnraum. Mit einem Becher Kaffee und einem Liebesknochen, so heißt das Gebäck, knochentrocken übrigens, wieder auf die andere Straßenseite, zwei Bänke, ein voller Papierkorb, ein Brunnen, kein Trinkwasser, aber ohnehin abgestellt. Jeder grüßt.

Dörfliche Ruhe gibt’s hier nicht mehr, aber wer nicht gerade mit dem Fahrrad kommt, merkt das vielleicht nicht mal. Der letzte Happen des Liebesknochens, der mit der Schokolade, mundet dann doch. Und dann ist da ja auch noch der Rückweg.

Bild von I, Jkl-foto, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2491478

Autsch

Autsch

Es gibt ein Schmerzgedächtnis, was bedeutet, dass der Körper, genauer das Gehirn oder das Rückenmark, einen Schmerzreiz, der intensiv genug war, lernt und künftig reproduzieren kann, auch wenn der Anlass dafür eigentlich nicht ausreicht. Das erklärt nicht, dass ich schon mal entschieden jammern kann, obwohl es überhaupt nicht schlimm ist. In solchen Fällen geht es nämlich nicht um das Schmerzgedächtnis, das mir Böses will, sondern um fehlende Aufmerksamkeit. Wer Kinder hat oder mal ein Kind war, weiß, wovon ich schreibe.

Hier will ich aber von einer eigenen Erfahrung berichten, die mit einem Schmerz begann. Zu meinen hauswirtschaftlichen Aufgaben, über die ich nicht groß klagen will, gehört auch, dass ich ab und an die Fensterbänke abwische. Unsere Fenster werden durch Raffstoren beschattet, ein System, das aus Kunststofflamellen besteht, die durch Bänder zusammengehalten werden. Und durch Drähte. Diese Drähte stehen unten hervor, ragen also ein Stückchen aus der untersten Lamelle heraus und wenn man unvorsichtig über die Fensterbank wischt, kann man sich an einem solchen Draht die Haut aufschürfen.

Den Schmerz, der dabei entsteht, hat mein Körper verinnerlicht. Interessanterweise, also interessant für mich, funktioniert dieses Schmerzgedächtnis aber nur, wenn der Draht auch da ist und ich den Lappen in der Hand halte, verbunden mit dem festen Willen, jetzt auch die Fensterbank zu wischen. Es  lässt sich nicht täuschen. Jetzt, da ich darüber schreibe, weiß ich, dass es wehtat, ohne den Schmerz zu spüren. Gehe ich an der Fensterbank vorbei, passiert nichts. Nehme ich den Lappen und nähere ich mich putzwillig der Fensterbank, ist der Schmerz da. Ein strahlender, blitzblanker Schmerz. Ohne körperlichen Kontakt, einfach so, auch nicht an einer konkreten Stelle der Hand, sondern als psychisches Erlebnis. Ich erfahre den Schmerz. Ganz großes Kino. Und immer wieder. Aber nur bei der Fensterbank vor dem Haus.

Wenn unsere Schmerzgedächtnis ein wenig menschenfreundlicher wäre, wie friedlich die Welt dann wohl wäre? Wenn wir spürten, was der andere fühlt, den Schmerz eines anderen Menschen körperlich erführen wie den eigenen, wem könnten wir noch wehtun?

Bild: Von Guillaume Duchenne – Scanned from 1965 version with foreword by Konrad Lorenz published by University of Chicago Press, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4045698

Sprachgrenze

Sprachgrenze

Wir waren in Haltern am See. Also nur in Haltern, nicht am See, aber die Stadt heißt eben Haltern am See. Der See ist in Wahrheit ein Stausee, aber Haltern am Stausee klänge natürlich bei weitem nicht so gut. Ein See und ein Römerlager, Aliso hieß es. Varus, lagerte dort. Der Feldherr, dessen Legion im Jahre 9 im Raum Kalkriese – oder doch im Teutoburger Wald? – von Arminus, der überhaupt nicht Hermann hieß, geschlagen wurde, also nicht von Arminus allein, sondern von einem germanischen Heer.

Noch einmal kurz zum Mitdenken: Arminus, der die Schlacht schlug, wurde für die deutsche Geschichte zu Hermann, weil es besser klingt, wenn der Held einen kernigen deutschen Namen hat, nehme ich an. Dieser falsche Hermann steht bei Detmold auf einem Sockel und droht mit erhobenem Schwert den Feinden des Reiches. Praktisch wäre gewesen, hätte man den Herrmann auf einen drehbaren Sockel gestellt, damit er immer den aktuellen Feinden drohen kann. Jedenfalls steht er am falschen Ort, dort hat die Schlacht eher nicht stattgefunden. Ob sie in Kalkriese stattfand, ist auch nicht so sicher, immerhin haben die dort ein Museum. In Haltern hat zumindest der Gegner des Arminius, der Feldherr Varus, gelagert, das scheint völlig unstrittig. Verzeihung: in Haltern am See.  

Mit Haltern am See gibt es ein anderes Problem, weil irgendwie nicht ganz klar ist, wohin es gehört. Ist es nun Ruhrgebiet oder Münsterland? Wikipedia sagt. „Die Stadt liegt am Nordrand des Ruhrgebiets und gleichzeitig am Südrand des Münsterlandes.“ Gleichzeitig? Kippt sie noch in die eine oder andere Richtung oder wird das am Schreibtisch entschieden, so wie bei Schiermonnikoog, der östlichsten der Westfriesischen Inseln? Schiermonnikoog ist durch Sandanspülungen in die Provinz Groningen gewachsen und  gehört nur dank eines Vertrages ganz zur Provinz Friesland. Damit auch das mal klar ist.

Ruhrgebiet und Münsterland? Das geht doch nicht zusammen. Gut, unter dem gemeinsamen Oberbegriff Westfalen schon, aber sonst? Wenn man im Ruhrgebiet unterwegs ist, dann trifft man auf Menschen, die freundlich und gesprächig sind, die etwas fragen oder etwas erzählen wollen, einem durch nichts gerechtfertigten Gruß auch noch ein paar freundliche Worte anhängen, sowas wie „Tschüss und noch ein schönes Wochenende“. Das wünscht man doch nicht Wildfremden? Jedenfalls nicht in einer städtisch geprägten Region? Okay, auf dem Lande, da, wo der Gruß und der prüfende Blick ein Teil der sozialen Kontrolle und Kriminalitätsprävention sind, da grüßt man schon jeden. Aber nicht freundlich.

In „Das Büro“, dem Romanzyklus des niederländischen Schriftstellers  J. J. Voskuil, ist einer der Protagonisten in das Bijlmermeer gezogen. Das Bijlmermeer ist eine 1965 entstandene Vorstadt Amsterdams, die für 100.000 Einwohner gebaut wurde und rasch zu einem sozialen Brennpunkt wurde. Zu viele Menschen in zu hohen Häusern auf zu wenig Raum. Jedenfalls grüßt die Romanfigur dort einen Nachbarn, der daraufhin mit „Krijgen we dit nou iedere dag?“ reagiert, also ungefähr mit „Machen Sie das jetzt immer?“ Das beschreibt sehr schön den Unterschied zwischen dem Ruhrgebiet und dem Münsterland. Der Münsterländer an sich kann auch sprechen, er muss es aber nicht.

Das Foto stammt von Dietmar Rabich, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=29504769

Das wird schon gehen

Das wird schon gehen

Habe ich von unserem Urlaub in einem Ferienhaus an der holländischen Küste erzählt? Nachts, bei offenem Fenster, hörten wir die Brandung der Nordsee. Also nicht gleich die ganze Nacht, zwischendurch schliefen wir schon auch mal. Morgens war die Brandung dann nicht mehr zu hören, obwohl die Nordsee, davon haben wir uns mehrfach überzeugt, immer noch da war. Menschen sind einfach ziemlich laut. Wir hatten morgens aber auch anderes zu tun, als der Brandung zu lauschen. Wir frühstückten nämlich.

Wäre dieser Text ein heiß-kalt-Spiel, würde es jetzt wärmer werden, wir nähern uns dem Kern und der Ursache dieses Textes. Mein Stuhl stand ganz links am Tisch, von der Außenwand nur noch durch einen Heizkörper getrennt. Einen kalten Heizkörper. Wären meine Tischmanieren manierlich, hätte ich beide Hände, aber nicht die Unterarme, auf den Tisch gelegt, eine Haltung, die für mein Empfinden etwas angriffslustig aussieht, gäbe es diesen Text nicht. Mein linker Arm suchte außerhalb des Tisches Halt. Ich muss das leider eingestehen, obwohl ich ansonsten ein Gegner von Armlehnen bei Stühlen bin. Da war aber nur dieser kalte Heizkörper und niemand kann gemütlich frühstücken, während der linke Unterarm auf einem kantigen kalten Heizkörper liegt. Also suchte ich nach einer Lösung für diese unangenehme Lage und fand sie fast augenblicklich: Der linke Arm gehörte in eine Schlinge. In der Folge hätte ich natürlich während der Mahlzeiten meine linke Hand nicht mehr frei bewegen können, hätte also eine Art Verlängerung für die Gabel gebraucht, um Kartoffeln vom Teller zu befördern oder die Zeitung umzublättern.

Das war’s, das war der Moment, um den es geht, der Moment, in dem ich unser Universum verließ und in ein paralleles Universum eintauchte. Wir alle haben von der Theorie der Multiversen gehört, aber ausgerechnet ich muss mich daran versuchen, sie in meinen Text einzubauen. Für meine Zwecke reicht allerdings die Idee, dass alles immer da ist. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft existieren gleichzeitig. Was die Wissenschaft aber nicht bedacht hat, Autoren wie Kurt Vonnegut aber sehr wohl, z. B. in seinem Roman „Schlachthaus 5 oder der Kinderkreuzzug“, ist, dass wir uns durch ein Stolpern am falschen Ort oder einen verdrehten Gedanken plötzlich in einem dieser parallelen Universen wiederfinden.

Ich jedenfalls landete in einem nicht genau zu terminierenden Teil meiner eigenen Vergangenheit im Keller meines Vaters und es war die Idee der Schlinge um den Arm, die mich in die Vergangenheit zog, denn so und nicht anders hätte mein Vater dieses Problem gelöst.

Der gerade angesprochene Keller hat sich in meiner Erinnerung längst von jeglicher bestehender Architektur gelöst und existiert als eigene nicht materielle Einheit fort, auch wenn das Haus oder die Häuser, in denen es den Keller gegeben hat, nicht mehr bestehen sollten.

Da ist ein Raum mit einem schwarzen Bakelit-Lichtschalter gleich neben der Brettertür, der von einem ewigen Licht, das von einer in einem Drahtkäfig steckenden Glühbirne ausgeht, völlig unzureichend beleuchtet wird, so dass große Teile des Raumes im Dunklen bleiben und verborgen bleibt, was dort liegt oder lag, Kartoffeln und Eierkohlen, Brikett und Einmachgläser zum Beispiel.

Zwei kleine Fenster über einem Arbeitsplatz voller Werkzeug, voller Schubladen und Kisten, Dosen und Gläsern mit Schrauben und Nägeln, mit Bändern und Ketten, Teilen, deren Zweck in Vergessenheit geraten ist, denen aber eine neue Verwendung zugedacht ist. Farbtöpfe, Lacke und Pinsel, Terpentin und Rostlöser, Fahrradreifen, Kabel, Lüsterklemmen, ein alter Kinderschlitten, Blumentöpfe und Schaufeln, Spaten, Harken und Rechen, Besen unterschiedlicher Feinheit, Eimer, Kannen, Kästen voller alter Zeitungen, in denen etwas verpackt sein könnte und über all dem Konstruktionen aus Kanthölzern und Leisten, Stangen und Ösen und Haken, die sich unter der Decke entlang in den Raum ausbreiten, etwas halten, etwas heben, etwas ziehen, sich selbst sichern und die enden an Pfosten, verschraubt und verklebt, umwickelt mit Teppichband und Plastikschnüren.

Der Keller war der Ort, an dem mein Vater große und kleine Probleme anging, mit harten, schwieligen Fingern, deren Sehnen bei  Arbeitsunfällen durchtrennt worden waren, mit einem großen Plan, das Ziel aus den Augen verlor oder mit untauglichen Mitteln, die durch den großzügigen Einsatz anderer, kaum weniger geeigneter Mittel zu wackligen, wenig vertrauenerweckenden, aber über Jahre benutzten Provisorien führten.

Früher habe ich mich oft gefragt, was ich von meinem Vater habe, worin ich ihm ähnele, denn es ist nicht das Aussehen oder die Größe, die Haarfarbe, soweit man noch davon sprechen kann, aber inzwischen weiß ich, dass es seine Art war, sich mit Problemen auseinanderzusetzen, auch das Verdrehte, das hartnäckige Herumschrauben und noch einen Umweg machen, um dann hoffentlich irgendwo anzukommen. Nur brauche ich dafür keinen Keller, sondern meinen Schreibtisch.

Meine Frau legte ein Kissen auf die Heizung und das Problem war gelöst.

Bild: Gustav Wentzel, Public domain, via Wikimedia Commons

Ans Meer, ans Meer!

Ans Meer, ans Meer!

Wir hatten das Ferienhaus gemietet. In diesem Sommer, auf den wir gehofft hatten, der gut werden sollte, ach was, gut werden musste, nach einer langen Zeit, in der wir kaum zu atmen gewagt hatten. Wer hörte in solchen Zeiten schon auf die Meteorologen, die dann aber leider die einzigen waren, die Recht behielten.

Mitte August, es ließ sich nicht mehr länger leugnen, dass es auch in diesem Jahr einen Herbst geben würde, einen, der die hellen Morgende und langen, warmen Abende einweichen und schließlich von seinem Stundenplan streichen würde. Eigentlich war der Lack ja ab, wenn die Sommerferien vorbei waren, das Jahr war durch und in den Lägern der Supermärkte stapelte sich, kaum noch vor den Kunden verborgen, das Weihnachtsgebäck. Aber noch gaben wir nicht auf! Dieser Sommer war nicht verloren, solange nicht auch wir Sand in den Sandalen gespürt und Salz auf den Lippen geschmeckt hatten.

Es gehörte zu den Merkwürdigkeiten der Architektur, dass Ferienhäuser, ach, vermutlich galt das sogar für alle Häuser und Wohnungen, großzügig wirkten, freundlich und einladend – bis man sie betreten hatte. Gut, vielleicht sollte ich das jetzt doch nicht so verallgemeinern: bis wir sie betreten hatten.

Schon bei der Rückkehr vom ersten Strandspaziergang bot sich nämlich ein gänzlich anderes Bild. Ich weiß nicht, ob die Außenwände nach innen drängten oder die Möbel näher zueinander rückten oder ob die paar Taschen und Koffer mit dem absolut Nötigsten möglicherweise in der Seeluft aufquollen, jedenfalls war die Großzügigkeit einer drangvollen Enge gewichen. Was noch fehlte, war der unverwechselbare Geruch nasser Badebekleidung. Noch ein wenig Möwengeschrei und der Qualm eines Holzkohlengrills irgendwo in der Nachbarschaft, eine im Wind knatternde Fahne, das Bellen eines Hundes… und dann noch eines Hundes. Urlaub!

August

August

Eine leichte Brise. Die Wärme des späten Vormittags verspricht einen heißen Mittag und einen langen, warmen Abend. Ein Tag mit einem Lichtschutzfaktor. Sonnenbrillenwetter. Sattes Grün, meterhoch, rechts und links des Weges. Ein schmaler, gut befestigter Radweg durch die Parklandschaft des Münsterlandes, sanfte Hügel, weite Ebenen, Bäche und kleine Flüsse, Ems und Werse, Bauernhöfe. Schwarzweiß im Quadrat. Fachwerk.

Bildstöcke, Wegekreuze und kleine Kapellen. Ein frommes Volk, gut katholisch. Kirchen und Kornbrennereien, die einen wie die anderen etwas aus der Mode geraten. Pättkes, so heißen hier die kleinen Wege und Leezen die Fahrräder. Wir überholen eine Frau auf einem alten Hollandrad, eine der wenigen, die noch ohne elektrische Unterstützung unterwegs sind. Ohne Motor, aber mit einem leuchtend roten Schulterbeutel.

Maisfelder schieben sich vor die Aussicht, dann wieder Getreide, braune, müde Halme. Es duftet nach Hochsommer. So muss ein  Sommer riechen, so und nach Heu oder Stroh, nach Wald, nach trockenem Holz und Pilzen und einem ganzen Mikrokosmos verborgenen Lebens und Sterbens.

Wasserburgen, Wasserschlösser, Burgruinen und ein versteckter Schatz, den – wer sonst? – der Teufel bewachen soll.

Den Hügel hinab. Schnell geht das. Der Helm hängt natürlich in der Garage. Pferde auf Grün, Kühe auf Grün. Schafe….

Im Liebestal. Unten ein Hof, ein Wäldchen, ein Bach. Schwere, glänzende Erde, gepflügt und aufgebrochen, Erinnerungen an Lavafelder auf Lanzarote. Durchs Dorf, nur wenige Menschen auf der Straße. Im Schatten.

Dann, vor uns: die Frau mit dem roten Beutel. Kann das denn sein, die ohne Motor? Die, die uns nicht überholt hat und jetzt vor uns fährt?

Es ist eben auch das Land der kopflosen Kälber, des Heidekönigs Goldemar und der Spökenkieker, das Land der Annette von Droste-Hülshoff. Aber wen schrecken die Geister des Moores, die Gespenster der Nacht an so einem Sommertag? Wir überholen die Frau einfach ein zweites Mal.  

Auf ausgetretenen Pfaden

Auf ausgetretenen Pfaden

Warendorf hat keinen Bahnhof, was nicht bedeutet, dass Warendorf nicht an das Schienennetz angeschlossen ist. Das ist es sehr wohl, nur hat es eben keinen Bahnhof, weil der 1995 abbrannte. Was da abbrannte, war der neue Bahnhof, während der alte Bahnhof, der 1902 stillgelegt wurde, noch immer besteht. Nur eben nicht als Bahnhof. Dabei hatte man wegen des neuen Bahnhofs sogar die Gleise verlegt. Für einige Zeit war Warendorf eine kleine Spinne im Netz der Eisenbahn oder zumindest ein Knotenpunkt zwischen zwei Linien: der, die von Bielefeld nach Münster führte und der nach Neubeckum. Die Strecke nach Münster gibt es noch, die andere – über die der Pängel Anton dampfte –  hat man 1956 stillgelegt. Wie viele andere Bahnstrecken in Deutschland, wurde auch diese zumindest in Teilen später zu einem Radweg umgebaut.  Unter http://www.bahntrassenradeln.de/ finden sich viele solche Routen.

Darüber schreibt man natürlich keinen Text, oder doch, hab ich schon mal, über eine Tour durch die Eifel, aber da wo man wohnt, kennt man sich ja aus und macht so was nicht. Also wir schon, weil wir hier zwar wohnen, aber keine Alteingesessenen sind.

Bringen wir etwas Ordnung in diesen Text: Wir waren eingeladen worden und hatten uns vorgenommen, einen Teil des Weges mit dem Rad zu fahren, was wir, stolz auf unseren sportlichen Ehrgeiz, sogleich auch kommunizierten und gleich ein paar gute Tipps für die Streckenführung erhielten. Über den Römerweg und den Clemens-Ruhe-Weg. Und dann ab Ennigerloh quer durch. Den letzten Teil der Botschaft verstanden wir sofort, zum ersten Teil nickten wir wissend. Und googelten anschließend. Wie zu erwarten, gab es den Römerweg und den Clemens-Ruhe-Weg. Nur eben nicht auf der Landkarte.

Gibt man sich mit dieser Auskunft zufrieden, wirft sein Navi an und fährt los, kommt man ziemlich sicher an. Gibt man sich aber nicht zufrieden, ist man selber schuld. In Schuld,  wie es auch immer wieder gern mal heißt. Straßen- und Wegenamen sind nämlich alt, sehr alt. Nicht gerade die Angela-Merkel-Straße oder der Rotkehlchenweg. Aber ganz viele Straßen sind einfach schon immer benutzt worden und wurden später mal befestigt oder zur Bahnstrecke ausgebaut. Nicht selten liegt unter dem Pflaster, nein, nicht der Strand, sondern ein jahrhundertealter Weg, einer, der im nächsten Wald noch an tief eingefahrenen Radspuren zu erkennen ist.

Der Römerweg ist so eine alte Verbindung und es gibt hier sogar eine Bushaltestelle am Römerweg, etwas, was den Römern definitiv gefallen hätte, mal abgesehen von ihrem Weg zur Varusschlacht. Beim Clemens-Ruhe-Weg ist das noch seltsamer. Es finden sich Zeitungsberichte über die Reparatur einer Brücke und eine damit verbundene Sperre dieses Weges. Aber der Weg ist nicht zu finden. Online jedenfalls nicht. Es gibt ihn aber. Er ist ein Teil der alten Bahntrasse, vermutlich benannt nach jemandem, der es verdient hat oder um den man nicht herumkam. Auf dem Weg kommt man aber rum. Bis nach Ennigerloh. Hans-Claus Poeschels Buch „Alte Fernstraßen in der mittleren  Westfälischen Bucht“ aus dem Jahr 1968 ist kein Pageturner, eher schon ein Kursbuch, aber es macht sehr schön deutlich, das sich unsere Altvorderen auch schon auf den Weg gemacht haben, Berg auf und Berg ab, über Flüsse und Bäche und auch mitten durch den Wald. Weiß man ein bisschen darüber, fährt es sich eigentlich ganz genauso wie zuvor durch das schöne Münsterland.

Unsichtbar

Unsichtbar

Selbstporträt Jean Siméon Chardin, Public domain, via Wikimedia Commons

Für einen Text, der ohne Brille geschrieben wurde, ist das noch ganz okay, denke ich, während ich das gerade schreibe, dabei habe ich meine Brille doch auf und es gibt Leute, die schreiben ihre Texte immer ohne Brille, aber die brauchen auch keine oder sie nehmen sie extra ab zum Schreiben, wie mein ehemaliger Chef, ich wollte gerade schreiben: mein alter Chef, aber es hätte eh beides gestimmt, denn er war mein ehemaliger Chef und er war ein wirklich alter Chef, also gut Mitte achtzig, also wenn das nicht alt ist, jedenfalls nahm er zum Lesen immer die Brille ab und beugte sich gefährlich weit vornüber, bis seine Nasenspitze fast das Papier berührte und wir dachten manches Mal, wenn wir ihn so sitzen sahen, dass er nun so gestorben wäre, wie er sich das immer gewünscht hatte, nämlich in der Schule, also im Klassenraum seiner eigenen Schule, eines privaten Bildungsträgers und ich brauchte schon damals eine Brille, um lesen oder schreiben zu können, aber nicht, um ihn an seinem Tisch zu sehen, wie er da saß und las, der kleine Mann in dem immer zu großen Anzug, obwohl, vielleicht hatte der mal gut gepasst und mein alter Chef war bloß immer kleiner und schmaler geworden, bis er dann eines Tages ganz verschwunden war, aber das passierte dann doch nicht so, wie er sich das gedacht hatte, sondern kurz nachdem die letzte Gruppe, die wir unterrichteten, ihren letzten Unterrichtstag hinter sich gebracht und ich die Schule abgeschlossen und den Schlüssel weggeworfen… nein, das stimmt nicht, ich habe ihn in den Briefkasten gesteckt, jedenfalls war mein Exchef da schon im Krankenhaus und hatte eine böse Diagnose erhalten, eine, gegen die es keinen Einspruch mehr gab und ich habe ihn noch im Hospiz besucht, wo er klein und verloren da lag und doch immer noch darauf wartete, dass Fragen an ihn gestellt würden, die er beantworten wollte, so wie er es so lange getan hatte und ich weiß nicht, ob ihm noch eine Frage gestellt wurde und ob er sie beantworten konnte, aber ich war dann auch dabei, als er beerdigt wurde, er war übrigens mein erster Chef, an dessen Grab ich gestanden habe, das bedeutet sicher etwas, möglicherweise, dass er eben mehr als nur ein Chef war, sondern so ein Patriarch, wie es sie nicht mehr so oft gibt und wie wir sie eigentlich auch nicht mehr wollen, aber wenn so einer alt wird und mit einem nachsichtigen Blick auf die Welt schaut und weiß, dass alles immer irgendwie funktionieren wird und keiner ihm glaubt, weil wir alle wussten, dass es so nicht klappen könnte und wir deshalb alles möglich angestellt haben, um es doch zum Laufen zu bringen und es dann schließlich doch geklappt hatte, dann hatte er ja doch wieder recht gehabt und drückte uns ein paar Euro für ein Eis in die Hand oder für Zigaretten und seine Frau spottete mal über mich, weil ich mich auf den Beifahrersitz gesetzt hatte, als er irgendwo hin musste und ich dabei sein sollte und sie dann meinte, dass sie schon lange nicht mehr mit ihm gefahren wäre, weil er so schlecht sah, aber dann hat er sich die Augen lasern lassen oder was man mit Augen so tut und er sah wieder wie ein Adler und meinte, er würde auch wieder Auto fahren wollen, aber damit hat er dann doch nicht wieder angefangen, was mich an einen anderen alten Herren erinnert, der, auch schon hoch betagt, mit seinem Auto in der Ausfahrt seines Grundstücks darauf wartete, dass sich eine Lücke im Verkehr auf der Straße vor dem Haus auftun würde und irgendwann die Geduld verlor und einfach losfuhr und das ging immer gut, aber irgendwann verkündete er zur Freude seiner Angehörigen, dass er das Auto verkaufen wollte und wie sie ihm alle zu diesem weisen Beschluss gratulierten, erzählte er ihnen, dass er nun ein Motorrad kaufen wolle, aber das war zum Glück nur ein Scherz, aber vielleicht hat er auch nur so lange in der Ausfahrt gestanden und immer wieder ein wenig Gas gegeben, weil er nicht mehr so gut sehen konnte und das ist ja auch mein Problem, nicht gerade jetzt, bei diesem Text, den schreibe ich mit meiner Lesebrille, aber ansonsten fast ununterbrochen, weil ich nämlich gestern meine Brille verloren habe und ich weiß nicht, wo das passiert ist, okay, das ist wohl die Regel beim Verlieren, sonst ist das Finden ja auch zu einfach, aber wir haben schon überall gesucht, was natürlich nicht stimmt, weil überall, das kann ja keiner schaffen, da wäre eine neue Brille ja viel schneller fertig, aber die Erfahrung lehrt uns ja, dass wir da suchen müssen, wo wir etwas nicht vermuten, aber das leuchtet mir auch nicht ein, denn wenn ich jetzt nach China fahre, denn da vermute ich meine Brille nun wirklich nicht, dann wird sie dort auch nicht sein, während sie bestimmt irgendwo ist, wo ich sie vermute, nur, dass sie sich böswillig vor mir versteckt hält, falls Brillen das können, nein, eigentlich glaube ich das nicht, aber wenn ich nicht gut aufpasse, dann denke ich es doch gleich wieder, dass sie irgendwo liegt und sich absichtlich so gedreht hat, dass sie kein Sonnenstrahl aufblitzen lässt, obwohl, es ist meine Brille, die blitzt nicht so leicht, jedenfalls, wenn man katholisch wäre, könnte man einen zuständigen Heiligen anrufen, Antonius ist das glaube ich, was man hier im Münsterland gern mal zu Tönnes macht und wir haben sogar einen Ort, der Tönneshäuschen heißt, also eigentlich Isendorf, aber nur wegen der Kapelle des heiligen Antonius seinen Namen bekam, eine Skulptur von ihm, nee, mit ihm gibt es dort auch, vielleicht sollte ich ihn doch mal anrufen, oder checken die vorher in einer Art Kartei die Vereinszugehörigkeit und man bekommt einen Ablehnungsbescheid wegen fehlender Zuständigkeit und muss dann den evangelischen Landesbischof anrufen und der steht vermutlich im Telefonbuch und sagt in salbungsvollem Ton, dass ich besser auf meine Plörren aufpassen und dafür nicht Erde und Himmel in Bewegung setzen solle, aber das brächte ja auch nichts, während der Antonius, falls er es denn war, in Brasilien, wenn er trotz Anrufung nicht dafür gesorgt hat, dass, was verloren war, sich wiedereinfindet, in den Kühlschrank kommt und das ist nicht nett gemeint, obwohl es in Brasilien ja schon mal sehr heiß werden kann, aber wenn man nicht dran glaubt, dann wäre es irgendwie unfair, einen Antonius in den Kühlschrank zu stecken, obwohl ich vermutlich den Antonius, wenn ich denn einen besessen hätte, inzwischen auch verbummelt hätte und dann einen neuen bräuchte und so ginge es dann weiter, bis ich einen Devotionalienhandel aufmachen könnte, der aber schnell insolvent wäre, weil ich ja nicht richtig sehen könnte, was die Sachen kosten und ob die verehrte Kundschaft auch ehrlich bezahlt, da ist es so schon besser, obwohl, gut ist es ohne Brille auch nicht.

Piep

Piep

In Heimatkunde habe ich aufgepasst, damals in der einzügigen evangelischen Gemeinschaftsschule, viel besser als später im Geographieunterricht. Inzwischen habe ich leider vergessen, was ich da gelernt habe, was wiederum ganz so schlimm nicht ist, weil ich mehrfach die Heimat gewechselt habe. Falls das möglich bzw. zulässig ist und nicht als sittenwidrig vom zuständigen Heimatverein abgemahnt wird. Im Ergebnis bedeutet es aber, dass ich mich nur ein paar Kilometer von der eigenen Haustür entfernt schon an den Grenzen der mir bekannten Welt befinde.

An einem Julisamstag machten wir uns bei schönstem sommerlichem Wetter auf, Bad Laer zu erkunden. Das muss man nicht, aber immer nur Rom und New York ist ja auch etwas ermüdend. Bad Laer, am Rande des Teutoburger Waldes gelegen, ist ziemlich klein und für Leute, die sich dort auskennen und die deshalb nicht jeden Weg doppelt laufen müssen, vermutlich noch ein ganzes Stück kleiner. Wie es sich für einen Kurort gehört, ist Bad Laer auch ziemlich adrett. Viel Fachwerk und reichlich Gastronomie, damit die Kurgäste das, was ihnen der Kurarzt im Sanatorium verbietet, in froher Runde nachholen können. Ein See, der Glockensee heißt und so flach ist, dass sich sofort die Frage stellt, wo denn die Glocke blieb, die der Teufel dort versenkt haben soll. Ich muss gestehen, dass mir nicht einmal klar war, dass der flache, etwas schmuddelig wirkende Tümpel mitten im Kurpark eine Solequelle ist. Kann man sich, muss man sich vielleicht sogar bei Quellen entschuldigen? Wegen der gefürchteten Quälgeister?

Sole, weniger verschreibungspflichtig formuliert, ist ja nichts anderes als eine salzige Brühe und die gibt es in Bad Laer reichlich. Die in dieser Sole enthaltenen Mineralien lagerten sich im Laufe der Zeiten an den Uferpflanzen ab, am Schilf zum Beispiel, so entstand der Schilfkalk, der keinesfalls streufähig, sondern ein richtiger Stein ist. Weil die im Stein noch gut erkennbare Röhrenstruktur an Orgelpfeifen erinnert, nennt man diesen Stein auch Piepstein. Jedenfalls in Bad Laer, das auf einer massiven Lage Piepstein steht, mit dem es sich übrigens gut bauen lässt, wie man unter anderem an St. Marien, der katholischen Pfarrkirche sehen kann.

So ein Stadtspaziergang gewinnt durch etwas musikalische Begleitung ja gleich und wie bestellt hörten wir immer wieder die Kapelle des Bürgerschützenvereins von 1543, die einen Open-Air-Gottesdienst anlässlich des Schützenfestes mitgestaltete. Okay, keine Orgelpfeifen, aber immerhin Kirchenmusik. Weil das Repertoire vielleicht nicht reichte, vielleicht aber einfach nur, weil es so gut ankam, spielten die uniformierten Musiker gleich mehrfach „Lobet den Herren, den mächtigen König der Ehren.“

Joachim Neander hat diese evangelische Allzweckhymne Ende des 17. Jahrhunderts verfasst. Wikipedia weist darauf hin, dass die Familie eigentlich Neumann hieß, dem Nachnamen aber einen gebildeten Touch verpasste. Neander war unter anderem Hilfspastor in Düsseldorf, wo er offenbar einen so nachhaltigen Eindruck hinterließ, dass man ein Tal nach ihm benannte. Ja, das Neandertal, in dem später… aber das weiß ja jeder. Der Neumannstaler, nein, unvorstellbar, klingt eher nach einer Gedenkmünze für einen Mathematiker.

Neander selbst besaß nicht viel mehr als sein Gottvertrauen und wurde gerade einmal dreißig Jahre alt. Nun könnte man sagen, dass sein Lied ihn unsterblich gemacht hat, aber wenn man tot ist, weiß ich nicht so genau, was für eine Unsterblichkeit das ist. Unvergessen sind auch nur seine Worte, denn die Melodie stammt nicht von ihm, sie ist älter, wurde aber im Laufe der Zeit für das „Lobet den Herren“ zurechtgeruckelt. Ahasverus Fritsch, ein Vorname, der glatt wieder modern sein könnte, war wohl für die Melodie verantwortlich. Mit Bad Laer hatten weder Joachim Neander noch Ahasverus Fritsch etwas zu schaffen und das immerhin haben sie mit uns gemein. Und jetzt alle: „Lobet den…“

Na gut, dann eben nicht.

Das Bild zeigt Joachim Neander. Autor unbekanntUnknown author, Public domain, via Wikimedia Commons

Lüfte fragen

Rainer Strobelt hat ein neues Buch veröffentlich und ich habe ein paar hoffentlich verkaufsfördernde Zeilen dazu geschrieben.

Lüfte fragen

Sagen Sie nicht, dass Sie mit Lyrik nichts am Hut haben.

Wir alle kennen Gedichte und seien es die, die wir in der Schule auswendig lernen mussten und die manchen von uns die Freude an dieser kunstvollen Form des Umgangs mit Sprache verdorben haben. Rainer Strobelt verlangt nicht von Ihnen, dass Sie seine Gedichte auswendig lernen. Er würde es, wenn er es könnte, da bin ich mir sicher, aber Sie sind auf der sicheren Seite, wenn Sie sein neues Buch einfach nur kaufen und lesen.

Sie kriegen zwar nicht viel für Ihr Geld, aber so ist das mit Lyrik und wenn Sie es nicht mögen, sind Sie wenigstens schnell damit fertig. Aber Sie werden es mögen und mancher Text wird Ihnen nachschleichen wie Rilkes Panther. Und bei Lyrik ist es definitiv nicht die Länge, die zählt. Da ist zunächst einmal die Sprache und die offensichtliche Freude, die Rainer Strobelt daran hat, mit Worten zu gestalten. Dann ist da noch sein Humor, der Teelöffel Zucker, der uns hilft, die  – ich will es Ihnen nicht verschweigen – auch ernsteren Themen, die in diesem Buch anklingen, anzunehmen. Und ernster als das Leben ist das Buch auf keinen Fall, aber genauso kurz.

Verpusten

Verpusten

In der Nachbarschaft übt jemand ein Blasinstrument. Welches, das kann ich nicht erraten, aber er übt, das erkenne ich auch als Laie, mit großem Enthusiasmus.  Ein Stück nach dem anderen, jedenfalls nehme ich an, dass es sich um Werke aus der Literatur handelt. Zu meiner Zeit, also als ich noch singen sollte, ja, singen musste, weil es um Noten ging, Singen für, nicht nach Noten, also in der Schule – was für ein blöder Satzanfang übrigens: zu meiner Zeit. Lesen könnte man es vielleicht auch noch nach meiner Zeit, schreiben kann ich aber nach meiner Zeit gewiss nicht. Also: Zu einer Zeit, die auch meine Zeit war, die aber schon ein wenig zurückliegt, war für das Singen die Mundorgel unverzichtbar. Vielleicht gibt es für die Bläser ja den Pustekuchen.

So ein langer Anlauf für einen müden Gag!

Der Nachbar spielt anscheinend durch, was man ihm vorlegt. Bisher hatte ich angenommen, dass man Teile,  die man noch nicht so gut beherrscht, wiederholt, bis man sie beherrscht, aber mein Nachbar hat gewiss schon beim ersten Mal gemerkt, dass er ein bestimmtes Stück oder den Teil zwischen der ersten und der letzten Note nicht so recht kann, so dass er sich nicht weiter damit belasten muss und gleich zum nächsten Kracher übergehen kann.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich genieße tatsächlich, was ich da höre. Es stimmt mich milde und gibt mir den Glauben an die Menschheit zurück. Wo so etwas möglich ist, so ein zweckfreies Getute, ist alles möglich. Zuverlässig am nächsten passenden Ton vorbei, voller heiterer Unbekümmertheit gegenüber der Welt und den Komponisten, dass ich lächelnd lausche. Selbst die Hühner sind nicht mehr zu hören und das liegt nicht daran, dass ihre akustische Nische besetzt wäre und sie sich deshalb aufs Eierlegen konzentrieren würden. Windeier würden das, die Hühner gehören besagtem Nachbarn. Vielleicht sitzen sie aufgereiht auf ihrer Stange und grinsen.

Beitragsbild von Oliver Abels (SBT) – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=24982702

Extreme Ungleichverteilung

Extreme Ungleichverteilung

„Extreme Ungleichverteilung“ lese ich heute im Spiegel. Online, in die Papierausgabe schaue ich bestenfalls mal beim Arzt rein, wenn die Brigitte und die Petra gerade nicht verfügbar sind und es auch schon Vormerkungen für die Apothekenrundschau gibt. Wenn man keine Magazine kauft oder im Abo hat, muss man seine Ärzte ja danach aussuchen, wo die Wartezeiten am längsten sind, aber das klappt halt nicht immer.

Die Bundestagswahlen nähern sich, wenn das mal kein Thema ist. Die Linke hat gerade ihr Programm beschlossen, die CDU/CSU festgestellt, dass die Grünen viele Ideen, aber keine Erfahrung hätten (während es bei den Unionsschwestern vermutlich umgekehrt ist, weiß nicht, ob die Umkehr der Aussage von den Programmmachern mitgedacht worden ist, wenn ja, Respekt für die subversiven Textproduzenten).

Extreme Ungleichverteilung und das bei uns. Ich meine, nicht die Tatsache der extremen Ungleichverteilung, die ist schon klar, nur: Darüber muss man doch nicht extra reden. Das weiß doch jeder. Bei Einkommen, Vermögen, Chancen, Lebenserwartung und BMI. Darüber regt sich doch keiner auf, das ist doch gottgegeben, zumindest aber von Smith, nein, nicht von Sam, schon von Adam, Ludwig Erhard, Christian Lindner und der versammelten deutschen  Wirtschaftswissenschaft als Grundvoraussetzung für den Wohlstand aller, zumindest aber weniger erkannt worden. Selig sind, die da geistig arm sind, denn ihrer das Himmelreich. Sonst aber auch nichts.

Erwähnt bitte diese extreme Ungleichverteilung nicht öffentlich, die macht die Leute so, nein, rebellisch ist das falsche Wort. Nein, auch nicht neidisch. Passiv, genau, gelangweilt und passiv, denn wer will schon immer wieder gesagt bekommen, was er ohnehin schon weiß. Die Erde ist rund, über die Zukunft des Klimas beschließt ein FDP-Parteitag, extreme Ungleichverteilung ist unabdingbar, damit die Leistungsträger nicht auswandern und uns mit der ganzen Arbeit allein lassen.

Warum also diese Meldung? Und dann lese ich weiter: „Millionen-Stichprobe zeigt extreme Ungleichverteilung bei EM-Stickern“ Hölle. Es geht um Panini-Bildchen. Vermutlich hat man ein Team um Christian Drosten und diesen Lauterbach darauf angesetzt, scheiß auf Corona, um diesen Skandal aufzudecken. Fußballbilder! Es gibt nicht annähernd gleich viele Bilder von Christiano Ronaldo wie von Damjan Siskovski.

Nehme ich an. Ich habe vor lauter Empörung nicht weiterlesen können. Gleich ziehe ich los, um den nächsten Paniniladen zu zerlegen. Panini, sind das nicht diese italienischen belegten Brötchen? Mit Salami, Mozarella und Ronaldo? Und spielen die eigentlich alle drei für Italien?

In aller Eile

In aller Eile

Ich ertappe mich dabei, dass ich nicht das Buch lese, das ich schon vor mir auf den Tisch gelegt habe, sondern mal wieder das Smartphone in der Hand halte und die Kritik einer Talkshow durchgehe.

Bei der Gelegenheit: Zählt das als körperliche Betätigung, praktisch als Sport, wenn man Texte nicht liest sondern durchgeht? Na, vermutlich nicht, meiner für meine Fitness zuständigen App war das jedenfalls völlig egal. Ich werde sie deinstallieren, denn seit sie mir täglich vor Augen führt, dass ich meine Ziele mal wieder nicht erreicht habe, fühle ich mich viel weniger fit als damals, als ich mir noch einreden konnte, doch eigentlich recht viel zu Fuß oder auf dem Fahrrad unterwegs zu sein. Gut, dass das Ding keine Zugriff auf andere Dienste hat, sonst hätte es vielleicht schon den Notdienst oder gar den Bestatter angefordert.

Aber ich habe einfach keine Zeit für Bewegung. Ich muss ja diesen Artikel lesen, also ich muss nicht, aber ich tue es ja, obwohl ich eigentlich nicht mal die Talkshow sehen wollte. Ich bin da nur reingeraten und irgendwie hängengeblieben. Und jetzt schreibe ich auch noch über eine Talkshow, die ich nicht sehen wollte und den Bericht in der Online-Ausgabe irgendeines Magazins,, den ich eigentlich auch nicht lesen will, für das ich keine fünf Pfennig – sagt man das noch oder heißt das jetzt keine fünf Cent – ausgeben würde, gäbe es eine Bezahlschranke. Gäbe es allerdings für diesen Artikel eine Bezahlschranke, dann würde ich vermutlich ziemlich lange rumrecherchieren, ob ich nicht irgendwo kostenlos an diese Information kommen könnte, die mich doch keinen Deut interessiert.

Prokrastination heißt das wohl und ja, selbst das Buch, das ungelesen auf dem Tisch liegen blieb, wäre nur eine weitere Ausflucht gewesen, denn ich weiß ja, was ich zu tun habe und dass die Zeit schon knapp wird. Ich spüre gerade mal in mich hinein, ob sie schon knapp genug ist, ob ich schon diesen Druck spüre, dieses Zittern, dass es diesmal wirklich nicht reichen wird, bestimmt nicht und ich nicht mal eine Ausrede habe, wenn es denn keine sein sollte, dass ich keinen hinreichenden Druck verspürt habe.

Und ja, ich glaube, es wird knapp, vielleicht sogar zu knapp, weil dieser Text ja auch noch hochgeladen werden muss, ein Bild muss gefunden werden, eine Überschrift, ein paar Schlagwörter und wenn ich gerade dabei bin, dann tauchen da im Reader ein paar Texte auf, die ich ganz schnell, nur mit einem Auge, auch nur mit dem linken, aber doch noch lesen muss. Jetzt aber schnell, die Zeit reicht nicht mehr, um noch nach groben Fehlern und dem besseren, weil treffenderen Wort zu suchen.

Wie komme ich hier jetzt raus? Egal. Aus.

Radio Rock´n´Roll

Radio Rock´n´Roll

Wo sind die Erinnerungen, wenn wir uns nicht gerade mit ihnen beschäftigen? Ja, ich habe schon davon gehört, dass Informationen vom Kortex, von uns Laien im Alltag als Großhirnrinde bezeichnet, zum Hippocampus, dem  Großhirn, geleitet werden und dort offenbar herumliegen, bis sie in umgekehrter Richtung wieder abgerufen werden. Höre ich Großhirnrinde, denke ich an etwas Knuspriges, dunkelbraun vielleicht und Hippocampus klingt für mich nach einem  großen Platz voller Flusspferde, ein recht schönes Bild, an das ich mich bestimmt noch lange erinnern werde, wobei wir wieder beim Ausgangspunkt sind.

Da ich noch nicht nachgeschaut habe – und auch in Zukunft nicht die Absicht habe, niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen, so funktioniert das mit dem Erinnern, ich rufe überhaupt nichts ab und trotzdem feuert der Hippocampus aus vollen Rohren. Was für ein kriegerisches Bild bei einem Kriegsdienstverweigerer. Will ich aber wissen, wie dieser Typ hieß, der mal bei  mir auf der Matte stand, um sich zum Thema Kriegsdienstverweigerung beraten zu lassen, drehen sich die Flusspferde weg und zeigen mir nur ihr mächtig breites Hinterteil.

Da ich noch nicht nachgeschaut habe, soweit waren wir gerade, weiß ich natürlich nicht, wie die Speicherung physisch aussieht, aber ich mache mir da keine Illusionen. Im Normalfall dürfte das so aussehen wie bei der Speicherung von Strom. Den sieht man auch nicht zittern und beben, glimmen und gespannt, vielleicht sogar hochgespannt auf den Einsatz warten. Also werden die Erinnerungen auch nicht in mit Thumpnails oder Icons oder gar mit farbverschiedenen Prägeetiketten markierten Schubladen in grauen Metallregalen herumliegen.

In der BWL spricht man von chaotischer Lagerhaltung und meint damit, dass es keinen vorgegebenen Lagerort für bestimmte Dinge gibt, sondern etwas dort eingelagert wird, wo gerade Platz ist. Finden lässt es sich dann nur, wenn an anderer Stelle genau Buch darüber geführt wird, wo etwas hinterlegt ist. Ich weiß nicht, ob das für das Gedächtnis auch so zutrifft, bei mir scheint es sich eher um eine Art aus dem Ruder gelaufenes Tischtennismatch zu handeln, bei dem es von allen Seiten Bälle hagelt, die manchmal auf einen Schläger treffen, manchmal irgendwo im Dunklen verschwinden und manchmal Begeisterungsstürme auslösen. Also bei mir, ich verzichte meistens darauf, vor Publikum Erinnerungen auszupacken. Das ist ja wie mit gut verpackten Geschenken, man weiß nicht, was drin ist und ob  man sich darüber freuen wird.

Mit anderen Worten: Keine Ahnung, wo das alte Zeugs herumliegt, von dem man sich, selbst wenn man es wollte, nicht trennen kann und das hervorpurzelt, wenn man ganz was anderes sucht. Gestern jedenfalls machte ich mich mal wieder auf den Weg auf den Erinnerungshügel. Ich weiß, das klingt wie ein dürftig begrünter Huckel in der Landschaft, vielleicht auf einem Friedhof, mit Ausblick auf viel Thuja und Buxus. Ist aber eine Lebensphase, an die wir uns gut erinnern können, etwa vom 10. bis zum 30. Lebensjahr. Bei mir hatte das mit Musik zu tun, mit einer Erinnerung daran, wann ich eigentlich zum ersten Mal Popmusik, genauer Beat gehört habe. Vermutlich war das im Radio und deshalb wird sich das auch kaum ermitteln lassen. Erst waren da nur Schlager und volkstümliche Musik. Mein Vater liebte Ernst Mosch und seine Original Egerlänger Musikanten  und die Oberkrainer. Zwischendurch die Musik der neunzehnhundertzwanziger Jahre und beliebte Operettenmelodien.

Das Radio war gefühlt immer an. Ich weiß nicht, ob ich kurz gezuckt habe, als ich die Beatles zum ersten Mal hörte. Es dauerte jedenfalls bis 1965, bis ich meine erste Single kaufte. Vorher – und das wollte ich erzählen – schenkten mir meine Eltern zwei Platten. Die erste hieß „Original Liverpool Sound“ und stammt, wie ich gerade recherchiert habe, aus dem Jahr 1963. Ich war zehn Jahre alt, Glück gehabt, noch gerade den Erinnerungshügel erwischt. Außerdem werde ich die Platte, eine EP, jetzt sorgfältiger aufbewahren. Im Safe, neben den Bitcoins, die mir der freundliche Herr an der Haustür für 78.000 € verkauft hat, zum Schnäppchenpreis und sie passen auch in den Münzschlitz bei den Einkaufswagen beim Aldi. Glitzern nicht mal, das hätte man für so viel Geld schon erwarten können. Also der Original Liverpool Sound ist offensichtlich ein Sammlerstück, Musik, die man kaufen, aber auf keinen Fall hören möchte. Beim Deutschen Schallplattenclub als Lizenzausgabe des Decca-Originals erschienen. Ich kann jetzt nicht mehr weiterschreiben, muss dringend den Wert meiner anderen alten Schätzchen, was für einen neuen, silbernen Klang dieses Wort plötzlich bekommt, überprüfen.