Wasserfest (1)

Teil 1

Von Ralf Lotys (Sicherlich), CC-BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=39184831

„Wozu braucht ein Land, in dem schwarzweiße Kühe Schwarzbunte genannt werden, überhaupt Farbfernsehen?“ fragte sich der freiberufliche Journalist Habbo Janssen, während er seinen Buckelvolvo die schmale Allee entlang in Richtung Georgenholz lenkte. Händels Wassermusik plätscherte leise aus den Lautsprechern. Links erhob sich der Deich, rechts gaben die Bäume immer wieder den Blick auf eine Landschaft frei, die begründeten Zweifel daran wecken mochte, dass die Erde eine Kugel ist. Hier jedenfalls war sie so flach wie die meisten Ostfriesenwitze, so flach, dass sogar die Umgangssprache als Platt bezeichnet wurde.

Der Hammrich, wie die endlose Weidefläche genannte wurde, glänzte in sattem Grün. Träge drehten sich die Flügel einer Windmühle weit hinten am Horizont. Nur der leichte Regen störte das perfekte Touristenidyll. Weiterlesen

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Ein Subkontinent als Filmstar

Mittwochabend. Kino in Warendorf. Der Film läuft schon seit einer Woche. Vermutlich hat man im kleinen Kino schon nicht mehr geglaubt, dass noch jemand den Film sehen will. Wir sind zunächst allein in dem Saal, in dem vorn neben der Leinwand ein großer alter Projektor steht. Ja, die gute alte Zeit, in der noch die Wochenschau vor dem Hauptfilm die Funktion einer Nachrichtensendung übernahm, weil es sonst keine bewegten Bilder zu sehen gab. Wochenschaubilder sind auch Teil des Hauptfilms: Der Stern von Indien. Die guten alten Zeiten waren nicht nur bei uns nicht gut, sie waren es auch in Indien nicht. Wieder bin ich überrascht von meiner eigenen Ahnungslosigkeit. Klar, Indien war mal britische Kolonie. Gandhi, Nehru… ja, erkenne ich an der Kleidung.

Der Film beginnt mit einem Satz: Die Sieger schreiben die Geschichte. Die Regisseurin Gurinder Chadha hat sich ganz offensichtlich das Ziel gesetzt, diese Geschichtsschreibung, in dem Fall die britische Lesart der indisch-pakistanischen Geschichte, zu ergänzen, zu korrigieren. Ich verrate nicht zu viel, wenn ich hier erzähle, dass am Ende des Films zwei Staaten entstanden sind: Indien und Pakistan.

Wie dramatisch diese Teilung abläuft, welche Folgen das für Millionen von Menschen hat, das zeigt der Film sehr eindrucksvoll, ohne zu einem Kriegsfilm, einem Katastrophenfilm zu werden. Wochenschaubilder aus dem Jahre 1947, schwarzweiß, zeigen die Zerstörungen und Weiterlesen

LINDNER FIRST, INHALTE SECOND

DIGITAL FIRST, BEDENKEN SECOND

las ich auf einem FDP-Wahlplakat. Da geht doch mehr, das ist doch ausbaufähig. Wie wäre es denn mit:

MACHEN FIRST, ÜBERLEGEN SECOND

SAUFEN FIRST, FAHREN SECOND

QUATSCHEN FIRST, DENKEN SECOND

AMERICA FIRST… ach nee, das war Donald Trump.

 

Ach so, meine Begeisterung geht nicht so weit, dass ich Christian Lindners traurige Augen – weiß er schon mehr über den Wahlausgang? – auf meinen Seiten ertragen kann.

Eifeltour (2)

Großes Schlitzohr
– eigenes Foto –

1910 war die Bahnstrecke zwischen Daun und Bernkastel-Kues fertig, 2001 wurde sie stillgelegt. Überall im Land geschieht so etwas und seit ein paar Jahren werden alte Bahntrassen für den Radverkehr umgebaut. Es fährt sich gut auf diesen Wegen, gerade der Maare-Mosel-Radweg hat einige Attraktionen zu bieten: mehrere Tunnel, einer davon weit über 500 Meter lang, Viadukte und eine abwechslungsreiche Landschaft. Wenige Anstiege, sanfte Abfahrten, auch sportlich nicht ambitionierte Fahrer kommen hier gut zurecht.

Vulkaneifel heißt die Gegend, durch die wir fahren. Elftausend Jahre ist es her, dass es hier zu Vulkanausbrüchen kam, geologisch betrachtet also gerade eben. Der Vulkanismus in der Eifel gehört keineswegs der Vergangenheit an, auch größere Ausbrüche sind durchaus möglich. Wir wollen uns natürlich eines der Maare ansehen. „800 m“ steht auf dem Hinweisschild. So lernen wir, dass 800 Meter nur eine sehr grobe Schätzung sind, die tatsächliche Entfernung kann auch schon mal ein paar Kilometer betragen, wenn man nicht den gesperrten Weg über ein Flugplatzgelände nehmen möchte. In der Folge lassen wir uns auf keine Wege mehr ein, bei denen Weiterlesen

Möglicherweise sieben, diese aber nicht

Foto: Manfred Voita

 

 

Wann treffen wir drei wieder zusamm?

Um die siebente Stund‘, am Brückendamm.

Am Mittelpfeiler.

Ich lösche die Flamm.

Ich mit

Ich komme vom Norden her.

Und ich vom Süden.

Und ich vom Meer.

Hei, das gibt einen Ringelreihn,

Und die Brücke muß in den Grund hinein.

Und der Zug, der in die Brücke tritt

Um die siebente Stund’?

Ei, der muß mit.

Muß mit

Tand, Tand

Ist das Gebilde von Menschenhand!

Auszug aus Theodor Fontane: Die Brück’ am Tay

Eifeltour

Wasserfall Dreimühlen
Foto: Manfred Voita

270 km nördlich oder 270 km südlich von Warendorf, ja, ich weiß, es ist keine Überraschung, dass es da erhebliche Unterschiede gibt. Oben im Nordwesten, genauer: auf Schiermonnikoog wird Niederländisch gesprochen. Oder Fries. Also eigentlich oder. Schiermonnikoog gehört zu den friesischen Watteninseln, allerdings haarscharf. Lauwersoog, der Fährhafen, liegt in der Provinz Groningen.

Schiermonnikoog wird größer, weil die Nordsee im Osten der Insel Sand anspült, das ist schön, aber auch kompliziert, denn damit wächst die Insel ins Groninger Land hinein. Folge: Ein Staatsvertrag zwischen den Provinzen Friesland und Groningen, damit die Insel verwaltungstechnisch Weiterlesen

Am Höllensee (3)

Am Höllensee

Teil 1

Fortsetzung und Schluss

Ich konnte in der Dunkelheit sein Gesicht nicht gut erkennen, nur seine Augen und seine sehr weißen Zähne blitzten ab und zu auf. „Nicht der Böse…, nein, all das Böse, das getan und gedacht wird. Glauben Sie etwa, das ist alles einfach… weg? Nun, wie ich schon angedeutet habe, eine uralte Sage erzählt vom Höllensee… das ist der See, den Sie übrigens auch von hier aus sehen können.“

Er deutete mit der Hand in die Nacht und tatsächlich, wie bestellt leuchtete der Mond durch ein dramatisch zerklüftetes Wolkenloch und da lag der See. Jetzt, beim zweiten Blick auf seine Oberfläche, schien es mir, als brodele es unter der ihn deckenden Schicht, die für Eis zu halten mir immer schwerer viel.

„Zu der Zeit, als das Paradies verloren war und die Menschen sich über die Welt verteilten, kam auch das Böse in die Welt und so, wie die Menschen sich vermehrten und langsam überall Fuß fassten, so vermehrte sich auch das Böse und schließlich war die Erde ein unerträglicher Ort geworden. Da beschloss ER..“

Ich unterbrach ihn: „Er? Wer ist er?“

Der Mann blieb still, dachte vielleicht nach und antwortete dann: „ER… ich möchte es bei ER belassen. ER beschloss also, ein Tal zu suchen und dort das Böse zu verschließen. Und er fand das Tal und begann, all das Böse dort zu sammeln und zu lagern und er versiegelte das Tal mit einer Lage Wasser und einem Deckel aus Salz, der in der Sonne wie Eis glitzerte. Und seither sammelt sich im Höllensee all das Böse, das nicht gerichtet, nicht gebeichtet und nicht bedauert wurde. Und immer, wenn eine böse Tat auf ewig ungesühnt bleibt, dann wird aus ihr ein Stein, ein kleiner oder ein großer, je nach der Tat und der rollt dann den Abhang hinab, durchschlägt die Oberfläche und versinkt im Höllensee, der sich sogleich wieder über all dem Bösen schließt.“

Ich hatte zugehört, wie man einem Märchen zuhört und wären wir nicht dort oben im Gebirge gewesen, mitten in der Nacht, und wäre der Mann nicht so urplötzlich dort erschienen und wäre es mir nicht so willkommen gewesen, in dieser Nacht nicht allein sein zu müssen, vielleicht hätte ich irgendetwas Spöttisches gesagt, aber so Weiterlesen