Letterdoek (2)

Foto: Manfred Voita

Die Bezeichnung Letterdoek für die Stickarbeit der Everdiena Bielefeld zeigt die engen Beziehungen zwischen der Graftschaft Bentheim und den Niederlanden. In anderen Gegenden Deutschlands sind diese Arbeiten unter dem Namen Modeltuch oder Namentücher bekannt geworden. Die Benennung als Merklappen, wie sie in Holland auch gebräuchlich war, zeigt den ursprünglichen Zweck der Stickereien. „Modeltuch wird bey der Nähterei von den Frauenzimmern dasjenige Tuch genannt, worin sie Buchstaben, allerley Figuren, Muster und so fort nach denen gar unterschiedenen Arten deren Stiche… sauber und mit bunter Seiden zu nähen pflegen, die sie sich hernach bey vorkommenden Bedürfnis zu einem Muster dienen lassen, sofern ihnen eine und das andere davon etwa aus dem Gedächtnis entschwunden wäre.“ (Zedlers Universallexikon von 1739, Band 21, Spalte 715)

Sticken war also ein wichtiges Element der Mädchenbildung, denn jedes Mädchen sollte dafür vorbereitet werden, einen ordentlichen Haushalt zu führen. Dazu gehörte es, die Wäsche mit einem Monogramm zu versehen, damit sie nach dem Bleichen auf den Gemeidewiesen wiedergefunden werden konnte. Häufig ging es mit acht Jahren los und mit 14 oder 15 hatte jedes Mädchen mindestens einen Merklappen gestickt.

Spätestens bis zur Heirat war die Aussteuer dann mit den entsprechenden Monogrammen versehen. Das Letterdoek, das Everdiena Bielefeld stickte, ist in diesem Sinne auch kein Merklappen, die aus dem Niederländischen übersetzte Bezeichnung für eine derartige größere Arbeit wäre Prunktuch.

Bei der Beschreibung des Tuchs orientiere ich mich am Heimatkalender Weiterlesen

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Das letterdook der Everdiena Bielefeld

Foto: Manfred Voita

Manche Familien besitzen Ländereien, Fabriken, Häuser, Aktien, Goldbarren, Schmuck, Gemälde und vererben das alles natürlich an ihre Nachkommen. Wir besitzen ein Letterdook. Man kann es schön finden, man muss nicht. Es ist aber inzwischen gleich mehrfach Teil der Familiengeschichte meiner Frau, also ist es, falls es nicht schön sein sollte, immerhin ein Gegenstand, über den man sich unterhält und das seit mittlerweile 117 Jahren.

Im Jahre 1901 wurde das Letterdook von Everdiena Bielefeld, der Großmutter meiner Frau, in Heesterkante gestickt.  Everdiena Bielefeld wurde am 11.03.1887 geboren, war also 14 Jahre alt, als sie das Tuch anfertigte.

Das Tuch erzählt uns etwas über ihre Familie, die Familie erzählt uns aber noch mehr über das Tuch.

Everdiena, die ich nicht mehr kennenlernen durfte, sie starb ein Jahr, bevor ich meiner Frau begegnete, hatte frühzeitig beschlossen, das Tuch ihrer Enkelin, eben meiner Frau, zu hinterlassen. Everdiena Bielefeld war eine schmale kleine Frau, die einer stattlichen Zahl Kinder das Leben schenkte, ein hartes, von ihrem strengen calvinistischen Glauben geprägtes Weiterlesen

Maarten `t Hart

Mit Bedauern wurde mir bewusst, dass ich nur noch wenige Seiten der Kurzgeschichtensammlung von Maarten `t Hart zu lesen hatte. Jeder, der gern liest, kennt das wohl. Ein Buch geht zu Ende und man muss man Abschied nehmen von einer Welt, die immer vertrauter wurde. Kurzgeschichten verursachen dieses Gefühl gewöhnlich nicht in so starkem Maße, aber „De moeder van Ikabod“ ist sehr autobiografisch geprägt, so dass jeder, der nicht nur „Das Wüten der ganzen Welt“ gelesen hat, in eine bekannte Gedankenwelt eintritt.

Typisch für diesen Autor ist ein meist humorvoller, angenehm selbstironischer, aber auch eigensinniger Blick auf das moderne Leben, auf die Niederlande, aber auch auf den Literaturbetrieb, den Maarten `t Hart mit bösem Spott begegnet.

Kurt Vonnegut hat mit 75 seinen letzten Roman verfasst, der eigentlich auch nicht mehr so recht funktioniert hat. Wie lange schreibt Maarten `t Hart noch, frage ich mich und schaue in seine Biografie. Jahrgang 1944. Vor kurzem habe ich noch ein sehr resigniert wirkendes Interview mit ihm gelesen. Sein Garten verwildert, seine Gesundheit angeschlagen. Und „De moeder von Ikabod“ berichtet aus den letzten Jahrzehnten, von einem Schwedenbesuch Mitte der achtziger Jahre zum Beispiel.

Notiz an mich selbst: Es gibt einen guten Grund, noch mal ganz von Weiterlesen

Ein gutes neues Jahr

Bild: Manfred Voita

Der Mann war mit einem der Vorortzüge in die Stadt gekommen. Kompliziert, mit Zugausfällen, mehr Haltestellen und Umstiegen. Eine Tasche hatte er noch bei sich, die andere war irgendwo im Gedränge abhanden gekommen. Zu viele Menschen auf zu wenig Raum, zu viele Betrunkene, zu viel Aggression. Bereitschaftspolizei in der Bahnhofsvorhalle, Männer mit Hunden, die breitbeinig, die Hände in die Hüfte gestemmt, den Weg schmal machten. Vielfache Augenkontrolle. Offenbar als harmlos eingestuft, schlurfte er aus der Halle, auf den großen Platz. Gleich neben ihm knallte es. Scherben auf dem Boden, ein ausgeleerter Abfalleimer. Mayonnaisefußspuren.

Der Anruf hatte ihn nachmittags erreicht, rasch hatte er noch ein paar Sachen eingepackt und war gleich los. Blöd, dass er kein Auto hatte.

Lachen. Eine Gruppe junger Frauen, Mädchen, zu dünn angezogen für die Jahreszeit, aufgekratzt und unterwegs irgendwohin. Eine Rakete flog nah an seinem Kopf vorbei, funkensprühend, plötzliches grelles Licht, Farben regneten vom Nachthimmel. In der Ferne Sirenen. Man sollte nicht allein sein in so einer Nacht, in dieser Nacht. In keiner Weiterlesen

Lichtsicht in Bad Rothenfelde

Gradierwerk (1)

Bad Rothenfelde ist ein Kurort, der südlich von Osnabrück gerade noch in Niedersachsen liegt. Über Kurorte kann man vermutlich alles Mögliche erzählen, von Kurschatten und Fango und Tango, von Bäderärzten und Kurkliniken. Ich bin da völlig ahnungslos, habe nur gehört, dass es eine Krise der deutschen Kurorte gab, vielleicht auch noch gibt, weil Kuren nicht mehr so leicht bewilligt werden. Eigentlich kenne ich auch nur Menschen, die zur Reha fahren, niemanden, der eine Kur macht, wie das einst mein Vater noch getan hat. Oder hieß das damals nur Kur und heißt heute Reha? Egal.

Bad Rothenfelde, das auf mich nicht gerade einen betriebsamen Eindruck macht, was ein Kurort vielleicht auch nicht machen sollte, verfügt über eine bemerkenswerte Besonderheit, eine, die man allerdings nur alle zwei Jahre und dann auch nur in der dunklen Jahreszeit bestaunen kann: Eine Biennale, die unter dem Namen Lichtsicht internationalen Künstlern Projektionsflächen für ihre Projektionen bietet.

Und das geht so: Im Kurbereich des Ortes stehen das alte und das neue Gradierwerk. Das sind hohe hölzerne Konstruktionen, die mit Schwarzdorn vollgesteckt werden und über die Salzwasser läuft und verdunstet. Deshalb ist es durchaus gesund, die Gradierwerke entlang zu spazieren und die salzhaltige Luft einzuatmen. Raum genug ist dafür vorhanden, denn das alte Gradierwerk ist 420 Meter lang. Diese langen und hohen Flächen werden alle zwei Jahre zur Projektionsfläche, auf denen mit Hilfe diverser Projektoren Filme und andere Lichtkunstwerke gezeigt werden.

Gradierwerk (2)

2016 und 2018 haben wir uns die Lichtsicht angesehen, die jetzt noch bis zum 28.01.2018 stattfindet.

An einem Dienstagabend waren nicht gerade viele Menschen unterwegs. Es war kalt und es war dunkel. Kalt war jetzt nicht so schön, aber die dunkle Nacht trug dazu bei, dass die gezeigten Werke besonders gut zur Geltung kamen. Einige verfügen auch über Ton, also Musik oder Geräuscheffekte.

Die Wirkung ist nur schwer zu beschreiben. In Teilen wirkt es auf mich so, als würde ich an einer endlos langen Leinwand vorbeigehen, auf der ein Film läuft, der mir rätselhaft bleibt, weil ich immer nur Teile der Geschichte verfolgen kann, selbst wenn ich stehenbleibe, denn dann passiert wieder weiter vorn oder weiter hinten etwas, das sich meinem Blick entzieht. Macht aber nichts, es gibt ja auch Führungen, die etwas zu diesen Werken erklären.

Durch die Projektion auf die Schwarzdornflächen, die durch die ständige Berieselung wie von Eiskristallen überzogen aussehen, ergibt sich ein grobkörniges Bild, eine ganz eigene Struktur.

Gradierwerk (3)

Neben den Gradierwerken gibt es auch noch drei andere Lichtinstallationen im Ort. Einmal ein Gebäude, das unter großem akustischen Aufwand in seine einzelnen Steine zerlegt zu werden scheint, einen See, in dem ein PKW zu versinken droht, dessen auf die Scheiben projizierten Insassen um ihr Leben kämpfen und eine Wasserfontäne, auf der nacheinander drei verschiedene Projektionen gezeigt werden. Einmal sind es Porträtfotos, dann ein explosives Farbspektakel

Fotos: Manfred Voita

und schließlich der Waterdancer. Bei dieser Projektion wird zu Musik ein Tänzer in die Fontäne projiziert, der mal mehr, mal weniger deutlich in den Wassermassen zu erkennen ist und offensichtlich zu den Publikumsfavoriten gehört.

Fotos können zum einen wegen der Dimensionen der Originale, zum anderen aber wegen der fehlenden Bewegung nur andeuten, was da in Bad Rothenfelde zu sehen ist.

Zahlen bitte

Von Kuba Bożanowski from Warsaw, Poland – Concrete meal, CC BY 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=24242012

Wer hat denn da wohl gepennt, fragt man sich, liest man die Zahlen zur Entwicklung im öffentlichen Dienst. Hunderttausende Mitarbeiter fehlen oder werden demnächst fehlen. Lehrer gehen in Pension. Gut, das konnte ja keiner ahnen. Und neue einstellen, ja, schon, aber über Jahre hat man doch erzählt, die Personalkosten der öffentlichen Hand seien so hoch, dass es keine Spielräume mehr gäbe, weder für Gehaltserhöhungen noch für Verbeamtungen.

Ich bin kein Verfechter des Berufsbeamtentums, aber wenn Bundesländer in Konkurrenz zueinander treten und einige die Verbeamtung von Lehrern anbieten, ja, wohin gehen denn dann die Lehrer?

Wenn seit Jahrzehnten Stellen im öffentlichen Dienst abgebaut wurden, darf man sich nicht wundern, dass Leistungen nicht mehr auf dem Niveau erbracht werden können, das erforderlich wäre, um den Bedürfnissen der Gesellschaft zu genügen. Bauverwaltungen, Schulen, Jugendämter, Soziale Dienste, Gerichte, Polizei, überall fehlen Menschen.

Ob wir erweiterte Kanäle oder sanierte Straßen brauchen, jetzt fehlen die Ingenieure in den Bauverwaltungen, die für die Planung erforderlich wären. Nicht, dass ich diese Projekte grundsätzlich gutheißen will, aber die Bundes- und Landesregierungen, die die schwarze Null zum goldenen Kalb gemacht haben, die mit Schäuble einen Finanzminister feierten, der faktisch ein Abbruchunternehmer unserer Infrastruktur war, die jede Bürgerinitiative verspotteten, die sich für die Rettung einer Krötenart und gegen den Weiterlesen