Hut ab

United Press International, photographer unknown, Public domain, via Wikimedia Commons

Wir waren gerade erst umgezogen. Aus Hagen nach Leer, aus dem Ruhrgebiet nach Ostfriesland, aus der Großstadt in die Kleinstadt. Also bitte, das ging doch überhaupt nicht. Für Rentner vielleicht, aber doch nicht für einen Teenager. Ich hatte nämlich schon die achte Klasse hinter mir und war überhaupt nur noch schulpflichtig, weil die Niedersachsen schon das neunte Schuljahr eingeführt hatten. Außerdem war der Schuljahresbeginn von Ostern auf den Herbst verlegt worden, sodass ich in der kurzen 9a landete, aber in die lange 9b gehört hätte. Oder so ähnlich. Fast nämlich wäre ich nach nur einem halben Jahr Ostern 1967 entlassen worden, statt wie es sich ziemte im Herbst 1967. Also im Sommer eigentlich, aber das versteht jetzt eh keiner mehr. Ich auch nicht. Immerhin wurde ich so in Leer gleich zweimal neu eingeschult, erst in der falschen, dann in der richtigen Klasse. Vielleicht war das auch alles ganz anders und ich habe versehentlich ein halbes Jahr zu viel Schule genossen.

Leer also und ich fühlte mich so groß, so… das Wort cool war noch nicht eingebürgert und mein Fremdwortschatz beschränkte sich auf…, nein, eigentlich besaß ich noch keinen. In Hagen hatte ich die großen Jungs noch bewundert, die mit den Mick-Jagger-Hosen. Habe ich gerade noch gegoogelt. Damals war das ein feststehender Begriff, hautenge, kleinkarierte Hosen mit einem enorm breiten Gürtel. Jetzt findet man sie nicht unter diesem Namen. Vermutlich hießen sie nur auf unserem Schulhof so und deshalb habe ich nie eine bekommen. Nur eine kleinkarierte Hose ohne superbreiten Gürtel und das war so falsch, wie eine Jeans von Quelle, so ein blaues Teil, das man getrost auch hätte bügeln können und das niemals ausblich. Ja. Die bekam ich natürlich auch. Damit waren meine Coolnesswerte locker im Minusbereich.

Aber in Leer, da wollte ich es den Landeiern zeigen und auftrumpfen wie die großen Jungs. Mit der richtigen Jacke und Hose und Mütze und… ja, Mütze! Ringo und John und bestimmt auch die anderen, auf jeden Fall aber die großen Jungs in Hagen trugen Kappen. Schwarze Kappen, man sieht das auf Plattencovern und Fotos aus der Zeit. So eine musste ich auch haben. In Leer gab es natürlich kein Fachgeschäft für Teenager, die ihren Idolen nacheifern wollen, eine Art Kultausstatter oder so. In Groningen, vielleicht sogar schon in Winschoten, kurz hinter der holländischen Grenze, hätte ich bestimmt gefunden, was mein Herz begehrte. In Leer gab es nur einen Hutladen, in dem ältere Damen und alte Männer ihren Kopfbedarf deckten, denn Hüte und Mützen waren damals schon hoffnungslos aus der Mode. Bis auf die Beatlescap, von der man dort allerdings noch nie gehört hatte und bis vor zwei Minuten ahnte ich auch nicht, dass das Teil so heißt.

Ich wusste nicht genau, wonach ich suchte. Der Verkäufer hatte keinen blassen Schimmer, was er mit einem Kunden unter 60 anfangen sollte, mochte sich das Geschäft aber auch nicht entgehen lassen und so verließ ich stolz, aber auch ein wenig zweifelnd, den Laden mit einer schwarzen Kappe, die ich tapfer nachhause trug. Dort teilte mir mein Onkel freudestrahlend mit, dass es sich bei meiner Neuerwerbung um eine Prinz-Heinrich-Mütze  handelte, benannt nach dem jüngeren Bruder Kaiser Wilhelms II. Sowas wurde auch nie von den Beatles oder gar den großen Jungs getragen, dafür aber von Altkanzler Helmut Schmidt. Mega.

Augen auf und durch

Adolfo Hohenstein (1854–1928), Public domain, via Wikimedia Commons

Sag ich’s oder sag ich’s nicht? Aber vermutlich sind die Würfel ja längst gefallen, alle Entscheidungen ohne das Zutun meines Bewusstseins getroffen und ich – also der, der nach außen verantwortlich ist für all das, was hier verzapft wird – stehe oder besser sitze nun da und muss damit fertig werden.  John-Dylan Haynes, Hirnforscher an der Charité, ja, es gibt dort nicht nur Virologen und Leute, die Nawalny behandeln, hat sich – und das wollte ich nun wirklich nicht hier ausbreiten, oder vielleicht ja doch, vielleicht ist es das, was Haynes meinte bzw. erforscht hat – also ich fange besser einen neuen Satz an.

Haynes hat sich mit der Frage des freien Willens beschäftigt, die mir im ersten Satz dieses Textes in die Quere kam. Dabei geht es nicht um so etwas wie Gedankenfreiheit, die man von einem rabiaten Despoten oder einem weisen Herrscher einfordern könnte, sondern darum, ob der Mensch tut, was er will oder ob dieser sein Wille schon vorbestimmt ist. Nicht im großen Buch des Schicksals, in dem alles, was mir widerfahren wird, schon geschrieben steht und das ich gern mal lesen möchte, oder nein, doch nicht, sondern ob das Gehirn Entscheidungen trifft, die dem Bewusstsein dann als seine eigenen Ideen verkauft werden, so wie man das mit einem Vorgesetzten auch macht, wenn man erfolgreich sein will.

Es gab dazu schon Tests, bei denen die Teilnehmer zu einem beliebigen, von ihnen frei zu wählenden Zeitpunkt den Arm heben sollten. Schaut man sich die Abläufe in ihrem Gehirn an, kann gezeigt werden, dass dort schon vor der Bewegung die Entscheidung fällt. Da gibt jemand den Startschuss Weiterlesen

Es geht voran

Wir liegen mal wieder voll im Trend oder eigentlich nicht, also nicht wieder, aber schon voll im Trend. Das passiert uns eigentlich nicht so oft, andererseits ist man ja kaum mal allein mit seiner vermeintlichen Besonderheit, seinem speziellen Geschmack oder seinen komischen Ideen. Ich merke das immer, wenn mir mal eine Formulierung eingefallen ist, von der ich denke, ja, da ist dir aber mal eine Formulierung eingefallen, aber dann frage ich Väterchen Google und es ist eigentlich immer so, dass genau diese meine superoriginelle Idee schon mal jemand hatte, vor fünf Jahren oder so und nein, nicht nur einer. Meistens gibt es schon ein Buch, das so heißt, eine Kindertagesstätte und irgendwas mit Kultur. Trends haben, so dachte ich, mit dem Alter zu tun und wer älter wird, ist vor Moden und Trends geschützt, aber nein, man tut, was man meint, tun zu müssen und schon tut man, was alle gerade tun müssen. Wandern und Radfahren waren wohl die Aktivitäten des Jahres und ja, wir waren dabei.

Als habe eine allgemeine Mobilmachung stattgefunden, versammelte sich praktisch das ganze Land an den Wochenenden auf den Wanderparkplätzen. Wanderparkplätze sind mitnichten Parkplätze, die gemeinsam mit den Wanderbaustellen auf den Autobahnen voranschreiten, sondern stellen praktisch das Ende der Automobilität dar, sind der Punkt, an dem das Auto geparkt und die Insassen freigelassen werden.

Wandern unterscheidet sich vom Gehen oder dem Spazieren dadurch, dass man sich entsprechend auszustatten hat. Also Schuhwerk und Naschwerk. Aber auch Pflaster, Getränke, Äpfel, Bananen, belegte Brötchen, Papiertaschentücher, ich erkläre an dieser Stelle nicht, warum es keine Stofftaschentücher sein sollten, Fernglas, Kamera und Handy. Ein Ausdruck der Route, der, wenn sie gut markiert ist, nicht gebraucht wird und wenn sie schlecht markiert ist, zu nichts zu gebrauchen ist. Ein Rucksack oder Weiterlesen

Weihnachtswünsche (2)

Robert Seymour (1798 – 1836), Public domain, via Wikimedia Commons

Zweiter Teil und Schluß

Es klingelte bei Ella Sebener und als sie nachschaute, stand ein gut gefüllter Sack vor ihrer Tür, den sie sogleich in den kleinen Flur ihrer Wohnung zog. Irgendwo in ihrer Wohnung rumpelte es und sie hielt irritiert inne, bevor sie den Sack absetzte, da klingelte auch schon das Telefon und die nette junge Dame von der Prävention, ach, die war ja überhaupt nicht nett und auch keine Polizistin und Ella hätte ihr fast die Meinung gesagt, kündigte an, dass gleich der Kollege vorbeikäme, um ihre Wertsachen in Sicherheit zu bringen, sie möge doch bitte den Sack jetzt vor die Tür stellen. Ach ja, der Kollege sei, um die Ermittlungen nicht zu stören, als Weihnachtsmann verkleidet. Eine gute Idee, wie Ella fand, doch während sie noch den Hörer auflegte und den Sack wieder in Richtung ihrer Wohnungstür zerrte, klingelte erneut ihr Telefon. Lichte. Ihr Nachbar aus dem zweiten Stock. Ach ja. Sie erinnerte sich. An ihn.

Dritter Stock, hatte die Chefin gesagt. Bei Sebeners steht der Sack mit den Wertsachen vor der Tür. Dass die Leute immer noch auf diese Masche reinfielen, dachte Bullen-Timo, wie ihn die Kollegen nannten, weil er sonst immer in Uniform auflaufen und die Schore einsammeln musste. Unglaublich, obwohl doch in jeder Zeitung gewarnt wurde. In der Weihnachtszeit war das Risiko ertappt zu werden gleich noch mal niedriger. Mit dem Weihnachtsmannkostüm war er kaum zu identifizieren und die Maske sorgte für den Rest. Ah, da stand ja schon der Sack. Und jetzt ab.

Die Absprache, Herr Lichte? Nein, hatten sie etwas vereinbart? Nicht schlimm, der Sack mit den Geschenken für Theo? Ja, klar. Ella erinnerte sich. Es rumpelte wieder, was das wohl war. Ja, sie würde den Sack gleich reinholen und dann wieder herausgeben an den Weihnachtsmann. Ihr war etwas schwindelig, als sie auflegte. Jetzt nur nichts verwechseln, dachte sie. Der Sack, den sie gerade reingeholt hatte, musste wieder vor die Tür, den von Lichtes musste sie dafür hereinholen. Sie zerrte den Sack weiter zur Tür, öffnet sie – und da war nichts. Kein Sack. Sie schloss die Tür, öffnete sie erneut und da war immer noch kein Sack. Sie griff zum Telefon.

„Lichte“, meldete sich eine Frau. Ella musste sich erst sortieren, dann erklärte sie, dass da kein Sack war, obwohl doch Herr Lichte sie deshalb angerufen habe. Sie hörte, wie sich ein Stockwerk tiefer eine Tür öffnete, bestimmt Herr Lichte, der jetzt den Sack hochbringen wollte.

„Frohes Fest.“ Der Weihnachtsmann kam aus dem dritten Stock und der Sack, den er mit sich trug, war eindeutig der, den Theos Vater gerade nach oben getragen hatte.

„Daniel?“

„Nee, das muss ein Irrtum sein“, ertönte eine Stimme, die Weiterlesen

Weihnachtswünsche (1)

 

Teil 1

Theo schaute gebannt auf den Parkplatz vor dem Haus. Bisher war nichts zu sehen. Etwas Geduld, hatte seine Mutter gesagt, würde er schon brauchen, wenn er den Weihnachtsmann  erwischen wollte.

„Kommt der Weihnachtsmann denn in diesem Jahr überhaupt?“, hatte Theo seine Mutter noch vor einigen Tagen gefragt. Er hatte sich richtig Mühe mit seinem Wunschzettel gemacht und Bilder vom Playmobil-SEK-Truck, von Walkie-Talkies und einer Playstation aufgeklebt. Aber es war ja Corona, das war schlimm, so schlimm, dass Oma und Opa  am Heiligen Abend nicht dabei sein durften, wenn die Familie Lichte Spagetti mit Tomatensoße und Fischstäbchen und Eis essen würde, so wie Theo es sich gewünscht hatte. Ohne Oma und Opa war schon doof, aber Weihnachten ohne Weihnachtsmann, das ging überhaupt nicht. „Doch, der Weihnachtsmann wird schon kommen, aber wir dürfen ihn ja nicht reinlassen“,  neckte ihn seine Mutter. „Mit Maske?“ Theo überlegte „Er kann ja auch die Geschenke einfach in den Flur legen.“ Das war ihm eigentlich sogar lieber, denn ganz geheuer war der Weihnachtsmann ihm nicht. „Ja, gute Idee. Ich glaube, so machen wir das!“ stimmte seine Mutter zu.

Lichtes, also Papa und Mama plus Theo, wohnten im zweiten Stock eines vierstöckigen Hauses. Auf jeder Etage befanden sich drei Wohnungen und Theo kannte schon fast alle, die ihm im Treppenhaus begegneten. Zum Beispiel die Büschers aus dem Erdgeschoss, die mit dem Dackel und die Tomaschewskys von gegenüber, die auch Kinder hatten, aber nur Mädchen. Und Frau Sebener aus dem dritten Stock, die war schon ganz schön alt, jedenfalls trug sie immer schwarze Anziehsachen und Mama hatte gesagt, dass sie eine Witwe war.

Theo las keine Zeitungen, denn erst im nächsten Sommer würde er in die Schule kommen, falls seine Arme dann lang genug wären, aber alle anderen im Hause und in der Stadt kannten die schlimme Geschichte, die Frau Sebener in diesem Jahr erlebt hatte. Erich, ihr Mann, war mit seinem kleinen Elektroladen schon vor Corona in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, Corona hatte ihm den Rest gegeben und er hatte Insolvenz anmelden müssen. Die Sebeners hatten aus ihrem schönen Haus in eine kleine Wohnung umziehen müssen, die Erich für sie gefunden und renoviert hatte. Zwei Zimmer, Küche, Bad, also eigentlich drei Zimmer, aber das dritte Zimmer, das mit der Feuerleiter, war Erichs Zimmer, seine Werkstatt, wie er ihr erklärt hatte, in der er an einer großen Erfindung arbeitete, die alles verändern würde und dann würde es ihnen wieder gut gehen, sie würde schon sehen, aber bis dahin dürfe sie nie, aber auch nie dieses Zimmer betreten, das müsse sie ihm versprechen, ach was, schwören, bei ihrem und bei seinem Leben. Es sei einfach zu gefährlich.

Dann hatte Erich ein Boot gemietet und war auf die Nordsee hinausgefahren, das war Weiterlesen

Warum, darum

Jan Van Vianen, Public domain, via Wikimedia Commons

„Das war bis hierhin schon mal ganz interessant. Kommen wir zu Ihrem Lebenslauf.“

„Ja gern. Geboren am 31.12.1952, Ausbildung zum Industriekaufmann, dann BWL-Studium…“

„Entschuldigen Sie, dass ich Sie unterbreche. Aber – die reinen Fakten liegen uns vor, die stehen schon in Ihren Bewerbungsunterlagen. Das ist ja nicht mehr als ein Gerüst. Es wäre schön, wenn Sie Ihre Motivation einbringen könnten. Lassen Sie uns verstehen, wie Sie zu Ihren Entscheidungen gekommen sind. Ihr Leben besteht schließlich nicht aus einer Anhäufung von Zufällen, die dazu geführt haben, dass Sie heute hier sitzen und nachher, wenn alles gut geht, als neues Mitglied unseres Teams Ihren Arbeitsvertrag unterschreiben. Also, wie  man so schön sagt: Butter bei die Fische. Es reicht, wenn Sie bei Ihrem schulischen Werdegang einsetzen.“

„Danke. Dann, ja, dann fange ich mal an mit dem Jahr 1958. Mit meiner Einschulung. Ich habe mich sehr bewusst für die einzügige Volksschule entschieden.“

„Ich unterbreche Sie nur ungern, aber es gab damals überhaupt keine Alternative zur Volksschule, oder?“

„Das ändert doch nichts daran, dass ich diese Schule sehr bewusst annehmen konnte? Nur so konnte ich die Volksschule zu meiner Schule machen, zu der, die ich wollte.“

„Und deshalb sind Sie dann auch dort geblieben, statt zum Gymnasium oder zumindest zur Mittelschule zu wechseln.“

„Genau. Ich bin sogar länger geblieben.“

„Man könnte auch sagen, Weiterlesen

Ein Gutschein für Tante Emma

Thomas photography, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Common

Armin Laschet hat uns alle dazu aufgerufen, Gutscheine örtlicher Unternehmen zu verschenken, statt bei großen Konzernen zu kaufen, die in Europa keine Steuern zahlen. Dazu sind ein paar Anmerkungen notwendig. Die erste, ganz spontane: Hallo, sind wir das, wir Konsumenten, die dafür verantwortlich sind, dass Amazon, denn auf Amazon zielt Herr Laschet ja, keine oder kaum Steuern zahlt? Ich hatte bis gerade noch gedacht, dass das eine Aufgabe der Politik sei. Schauen wir doch mal, ah ja, da war doch was: Frankreich erhebt eine Digitalsteuer. Komisch, wieso nur Frankreich?

Weil Deutschland, also Frau Merkel, zwar Herrn Macron versprochen hat, die Besteuerung der Internetgiganten anzugehen, also auf der europäischen Ebene eine gemeinsame Lösung zu finden, dann aber wurde Herr Scholz losgeschickt, um auf genau dieser europäischen Ebene diese Lösung zu verhindern. Der übliche Weg.  

Deutschland hat nämlich kein so großes Interesses an dieser Steuer, weil die Amerikaner möglicherweise verärgert waren und dann mit Steuern auf unsere Exporte reagieren könnten. Exporte. Wenn es etwas gibt, das uns heilig ist, dann unser Export. Damit verdienen wir Geld. Also nicht wir, schon die deutsche Wirtschaft und zwar richtig. Da kann der Einzelhandel nicht mithalten. Zumal der ja eher den Import ankurbelt, Zeugs, das in China hergestellt wird, wie Handys, Kameras, Spielekonsolen. Oh, betreibt der Kandidat um den Vorsitz der Union etwa Exportförderung für China?

Also noch mal: Man kann, wenn man will, eine europäische Lösung finden. Will man aber nicht. Dann macht das Frankreich eben allein. Als nächstes beklagt man, dass Amazon keine Steuern zahlt und ruft zum Boykott auf.

Ob ein Boykottaufruf rechtlich zulässig ist, wäre zu prüfen, mir aber in diesem Falle egal. Ich denke, dass Amazon das schon selbst prüfen wird. Der Aufruf, nicht im Netz zu kaufen, träfe allerdings auch viele einheimische Unternehmen, die ihre Produkte eben nicht mehr nur stationär, sondern über Onlineshops oder direkte über Amazon vertreiben. Ob Herr Laschet das mitbedacht hat? Und wo überhaupt bekomme ich meine Gutscheine, wenn die Läden ab morgen dicht sind? Online vielleicht? Oder alle noch heute? Ach nein, die basteln wir selbst, schön am PC mit Cliparts und lustigen Schriftarten, kostet auch nichts und bis die Läden wieder öffnen dürfen, sind die Dinger auch längst vergessen. So machen wir anderen eine Freude, schonen unser Budget und wischen bei der Gelegenheit gleich auch China noch einen aus.

Leise gehen

Leise gehen

Der Text, den ich heute hier veröffentliche, ist neu, aber er beschreibt Erfahrungen, die ich vor über vierzig Jahren gemacht habe. Mein Anspruch war nicht, die Verhältnisse so objektiv wie möglich darzustellen, sondern meine Sicht auf eine Realität, die manche vielleicht als bedrückend erleben mögen.

Leise gehen

Das Zimmer liegt am Ende der Station, es ist das Ende der Station. So, wie Menschen sich spezialisieren, etwas gut können, spezialisieren sie auch Räume. Manche werden zu Bädern, Küchen, Fluren oder Schlafzimmern, nur ganz wenige aber werden zu Sterbezimmern. Dabei gehört doch wirklich nicht viel dazu, denn so, wie überall gelebt wird, wird auch überall gestorben. Zum Sterben, wenn es seine Ordnung haben soll, braucht es nur wenig Platz und eigentlich fast keine Möbel. Ein Bett genügt schon. Ein Stuhl, vielleicht ein Tischchen, aber das interessiert die Sterbenden schon nicht mehr, das ist Deko, die es den Lebenden leichter macht einen Raum zu ertragen, in dem nur noch geatmet wird und dann auch das nicht mehr.

In dieses Zimmer kommt keiner wie Goethe, der in seinem Lehnstuhl starb und bis in die letzten Minuten die Weltbühne bespielte. „Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen! Gib mir dein Pfötchen“, soll er gesagt haben. Hier verlangt auch niemand nach mehr Licht. Nach nichts verlangt man hier und wenn doch, dann geht’s zurück auf die Station, dann stellt man sich erneut an und wartet, bis man wirklich an der Reihe ist. Nicht einmal der Schmerz, niedergekämpft oder weggespritzt, darf mit in diesen Raum, in dem es leise ist, immer, auch wenn nebenan in der Teeküche das Personal schwatzt und raucht und die Spülmaschine läuft, weil die Stille in die Wände eingezogen ist wie Nikotin in die Tapeten.

Keiner kommt. Kein Besucher, kein Geistlicher. Manchmal öffnet sich die Tür und eine Schwester prüft, ob alles seine Richtigkeit hat. So, wie aufmerksame Eltern einen Blick ins Kinderzimmer werfen um zu sehen, ob die lieben Kleinen auch schon schlafen, schaut sie, ob der Sterbeprozess voranschreitet. Die Atmung flach, die Füße und die Unterschenkel kalt, eiskalt. Das dauert noch. Da wird die Nachtschwester noch einmal schauen müssen, ob das Bett wieder neu bezogen werden, das Zimmer wieder neu belegt werden kann.

Man ist nicht gefühllos, aber der Tod ist hier kein Drama. Hier hört das Leben einfach auf, manchmal ganz unbemerkt. Ob es einen Himmel gibt oder eine Hölle, solch große Fragen stellt hier keiner. Einen Leichenkeller, den gibt es, soviel ist sicher und danach verlieren sich die Spuren.

Am anderen Morgen, wenn die Tür offensteht und das Bett frisch gemacht ist, dann darf der Zivi, der mal wieder durchgemacht hat, dort noch eine halbe Stunde schlafen.

Ich glaub, ich steh im Wald

Ich glaub, ich steh im Wald

Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre steigt weiter und das ist keine gute Nachricht. Was könnte man denn da tun? Den Ausstoß von CO2 verringern? Na ich weiß nicht, da müsste man doch entweder über unseren Konsum nachdenken und nicht nur nachdenken oder aber die CO2-Produzenten müssten ihren Ausstoß verringern, was technischen Veränderungen, also Investitionen, erforderlich macht. Das wäre allerdings wirklich lästig.

Es gibt aber einen Weg, der viel besser ist. Diejenigen, die viel CO2 an die Umwelt abgeben, verrechnen das mit denen, die wenig CO2 abgeben. Das nennt man Emissionshandel. Im Ergebnis ist natürlich nicht weniger CO2 in der Atmosphäre, es ist nur Geld von A zu B geflossen. Die Idee des Emissionshandels besteht darin, dass die zu handelnden Zertifikate, also Verschmutzungsrechte, verknappt und damit immer teurer werden, so dass irgendwann die Veränderung der Technik günstiger ist als der Preis der Verschmutzung.

Jetzt kenne ich unsere Wirtschaft nicht erst seit gestern und kann schon mal zuverlässig voraussagen, dass, wenn es soweit kommen sollte, der Zusammenbruch der Güteversorgung, mindestens Hunger und vielleicht sogar keine neuen Autos mehr drohten, wenn nicht sofort der Staat mit Subventionen einspringen oder aber Ausnahmegenehmigungen erteilen würde. Beim Strom machen wir längst ähnliches. Die großen Verbraucher bekommen Rabatte, letztlich mit dem Erfolg, dass sie Strom eben nicht einsparen müssen.

Nun aber zum Anlass dieses Textes. Während ich meinen Koch-, Putz- und sonstigen Aufgaben nachkomme, die dafür sorgen, dass meine Tage nicht nutzlos vergehen, höre ich gern mal Radio. Deutschlandfunk. WDR5, textlastiges Zeugs halt. Und da höre ich, dass Unternehmen, ich weiß nicht mal welche, große eben, dafür zahlen, dass der Wald in Indonesien nicht abgeholzt wird (in einem der Texte, die ich gerade dazu las, wird als Beispiel ein Zementwerk in Erwitte genannt, dass für den Wald im Amazonas zahlt). Nun wissen wir, dass Wälder und Moore wichtige CO2-Speicher sind und haben auch schon davon gehört, dass es Institutionen gibt, die zum Ausgleich für die durch den Luftverkehr entstehenden Belastungen Bäume pflanzen. Flugreise steigert CO2-Ausstoß. Baum speichert CO2. Wenn das konsequent gemacht würde, stiege zumindest nicht die Konzentration in der Atmosphäre.

Die Wälder in Indonesien sind aber schon da. Die speichern schon. Die Industrie zahlt bzw. kauft sich Verschmutzungsrechte und dafür pustet sie CO2 in die Luft, während der Wald schon da ist und jetzt nicht mehr CO2 speichert, als er das schon bisher tat. Im Ergebnis wird also wohl mehr CO2 in der Atmosphäre angereichert. Gezahlt wird dafür, dass die Wälder nicht abgeholzt oder nicht abgefackelt werden. Da geht doch was. Alle vorhandenen CO2-Speicher sind gefährdet, mehr oder weniger. Also können wir dafür zahlen, dass sie erhalten werden und dafür CO2 ausstoßen. Gezahlt wird für die Minderung der Entwaldung. Das Konzept dafür heißt REDD bzw. REDD+ und lässt sich im Netz leicht finden. Emissionsminderungen im Süden, allgemeiner: in den weniger entwickelten und waldreicheren Ländern, können in den reichen und schmutzigen Staaten angerechnet werden.

Es rettet die  Welt nicht, es rettet die indigenen Völker nicht, die den Wald nutzen. Aber es hilft den Unternehmen, die mit gutem Gewissen weiterhin CO2 abgeben können. Sie haben bezahlt und irgendwo bleiben Bäume stehen. Bezahlt wird nicht für eine tatsächliche Verminderung des CO2-Ausstoßes bzw. eine größere Speicherung, sondern dafür, dass Wald nicht vernichtet wird. Wir werden immer besser darin, die Welt zu retten, indem wir einfach Geldströme umleiten. Es wird nichts sauberer, aber wenigstens hat irgendwer daran verdient.

Auch ich

Auch ich

Ich hatte nur wenig und schlecht geschlafen, weil irgendwo in der Nachbarschaft bis weit nach Mitternacht gefeiert worden war und jetzt klingelt auch noch der Wecker. Das hatte er schon so lange nicht mehr getan, dass ich mir nicht mal die Mühe gemacht hatte, ihn auf die Winterzeit umzustellen. Er sollte nicht klingeln, klingeln schon mal überhaupt nicht. Mein Wecker piepst. Schnauze, nuschele ich dann und bekomme noch zehn Minuten Schlaf geschenkt. Dieser Wecker klingelt und ist völlig immun gegen eine entschiedene Ansprache. Wie stellt man den ab? Ich weiß es nicht, aber meine Finger finden selbstständig einen kleinen Metallhebel und schieben ihn zur Seite.

Ruhe.

Es ist dunkel und kalt. Ich ertaste die Lampe auf dem Bettkasten am Kopfende der Schlafcouch und noch bevor das Licht angeht, weiß ich, was ich sehen werde, so sicher, wie ich es an jedem anderen, gut, an fast jedem anderen Morgen meines bisherigen Lebens gewusst habe. Nur, dass es nicht richtig ist, das zu sehen, dass es nicht sein kann. Aber sag mal der Realität ins Gesicht, das sie gerade einen Fehler macht, dass sie etwas durcheinander gebracht hat und dass du jetzt die Augen zumachst, bis drei zählst und dann hoffentlich alles wieder seine Richtigkeit hat. Nein, es sind nicht sechs Beine, die mir Sorgen machen, ich weiß, dass ich nicht Gregor Samsa und erst recht kein Käfer bin.

Still jetzt.

Jemand geht über den Flur und ich fürchte kurz, dass die Tür aufgeht und ich reinkomme. Ach, eigentlich befürchte ich sogar, dass überhaupt irgendwer reinkommen könnte.

Jetzt aber mal langsam.

Ich weiß, wo ich bin und wer ich bin. Obwohl: Da bin ich mir schon nicht mehr ganz so sicher. Es scheint eine gewisse Differenz zwischen Körper und Geist zu geben. Ich bin immer noch ich, wenn auch in einer längst überholten, völlig aus der Mode gekommenen und etwas zu klein geratenen Siebziger-Jahre-Ausgabe. Und da wir gerade dabei sind: Den Körper würde ich schon behalten wollen.

Es war nicht alles schlecht, damals.

Ich –  noch nie war ich mir so unsicher bei der Verwendung dieses Personalpronomens, gut, mein Ich des Weiterlesen

Aus, vorbei

Aus, vorbei

Es ist still in der Wohnung, noch früh. Elfie ist schon im Büro. Ich breite die Zeitung auf dem Tisch aus und gieße mir etwas Tee nach, nicht, weil ich noch Durst auf Tee habe, sondern weil es zur Stimmung dieses Vormittags gehört, so wie der letzte Bissen des Brötchens mit Holundergelee, des selbstgemachten Holundergelees, zu dem ich beigetragen habe, als ich den Saft und den Gelierzucker kaufte und nachhause trug. Butter auf dem Brötchen, gute Butter, wie meine Mutter immer sagte.

Die Schlagzeilen von gestern. Biden hat gewonnen. Was für eine Aufregung das war. Gerade in dem Moment , als Wolf Blitzer Joe Biden als gewählten Präsidenten ausrief, hatte ich mal wieder bei CNN nachgeschaut, wie der Stand der Dinge war. Tränen bei Van Jones, einem anderen CNN-Mann. Ein perfekter Augenblick, der Höhepunkt der Wahlberichterstattung. Ich habe es gesehen, ich war dabei, live bei CNN und das können nicht alle sagen, höchstens ein paar Milliarden Menschen weltweit.

Klar, alle anderen habe das inzwischen auch mitbekommen, in der Tagesschau, bei Heute, über welches Medium auch immer, aber das ist doch irgendwie so, als würde man sich das Video der Weihnachtsbescherung Stunden später ansehen, weil man die Bescherung verpasst hat, das Tor von Mario Götze bei der WM in Brasilien in der Aufzeichnung sehen, nachdem das Spiel schon Geschichte und das Ergebnis bekannt war. Ganz nett, aber eben Second Hand.

Abzeichen müsste es geben für die Menschen, die live dabei waren, Orden für die Veteranen der ruhmreichsten Sekunden, Minuten, Stunden und Tage der Fernsehgeschichte. Mondlandung, rumble in the jungle, der Fall der Mauer, 9/11, WM-Sieg, Biden.

Es ist so still in der Wohnung. Die Zeitung kenne ich schon, die Nachrichten sind nicht nur von gestern, die sind von vorgestern. Ob ich mal bei CNN…? Aber die Spannung ist raus, die langen Tage und Nächte, die man damit verbrachte, darauf zu starren, wie die Auszählung in Pennsylvania vorankam. Oder eben nicht vorankam. Stundenlang nicht. Stunden, in denen John King die immer gleichen Countys blau oder rot werden ließ, Erklärungen so lange wiederholte, bis auch ich sie verstanden hatte, Stunden, in denen mein passiver Wortschatz des amerikanischen Englischs ständig besser wurde, in denen ich manchmal sogar ganze Sätze verstand.

Pennsylvania hatte mich noch nie im Leben auch nur ein Stück interessiert. Transsylvanien, okay, Graf Dracula. Aber Pennsylvania? Ich kann es jetzt sogar schon fast richtig schreiben. Und das CNN-Team gehörte zum engeren Freundeskreis, das waren Menschen, mit denen ich die Tage, aber auch die Nächte verbrachte. Die müde waren wie ich und aufgeregt, erwartungsvoll wie ich.

Jetzt ist es vorbei. Wie gebe ich meinem Leben nur wieder einen Sinn?

Grundlose Freude

Grundlose Freude

„Ik werk in een kringloopwinkel en zie ertegenop om over het dragen van een mondkapje in discussie te moeten met asociale klanten die we helaas soms hebben.“

„Ich arbeite in einem Sparsamkeitsladen und freue mich darauf, mit asozialen Kunden eine Mundkappe zu tragen, die wir leider manchmal haben. Was soll man tun?“

Diese beiden kleinen Texte fand ich zu meiner großen Freude bei Facebook. Es wird sehr schön deutlich, was eine automatische Übersetzung so leisten kann und was nicht.

Der untere Text besteht aus zwei makellosen deutschen Sätzen. Der zweite erschließt sich augenblicklich, auch wenn er mit „Was soll ich tun?“ angemessener übersetzt wäre. Der einleitende Satz hat es aber in sich. „Ich arbeite in einem Sparsamkeitsladen“ ist schon recht frei übersetzt, der Kreislaufladen hätte nähergelegen. Gepasst hätte halbwegs Secondhand-Laden, wobei die Kringloop-Läden in den Niederlanden die Waren nicht in Kommission nehmen. Alle abgegebenen Gegenstände werden nicht an den Kringloop verkauft, sondern verschenkt. Dafür werden die Sachen preiswert wieder abgegeben. Im Laden arbeiten oft Menschen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt kaum Chancen haben. Die Kundschaft besteht keineswegs nur aus Menschen, die auf Billigware angewiesen sind, denn im Kringloop finden sich oft echte Schnäppchen.

Okay, ich habe etwas weit ausgeholt. Sparsamkeitsladen beschreibt die Idee, wenn ich es mir recht überlege, doch nicht so schlecht, weil die Idee dieser Läden auch darin besteht, die Verschwendung von Rohstoffen zu vermindern, also Ressourcen zu sparen.

Gut, den Sparsamkeitsladen kann man zwar nicht durchgehen lassen, die Übersetzung ist aber nicht völlig sinnentstellend. Dass sich die Person, die den Text verfasste, darauf freut, mit asozialen Kunden eine Mundkappe zu tragen, die man dort leider manchmal hat, ist hingegen grob daneben. Leider hat man dort nicht manchmal Mundkappen, sondern gelegentlich leider asoziale Kunden. Und man freut sich erst recht nicht darauf, mit diesen asozialen Kunden eine Mundkappe zu tragen. Wie muss ich mir das vorstellen? Tandemmundkappen?

In der Übersetzung ist etwas ganz unter den Tisch gefallen und zudem ein völlig neuer Sinn entstanden. Im Original hat jemand keine Lust, mit asozialen Kunden, die man dort leider manchmal hat, über die Mundkappen zu diskutieren. Ein kleiner, aber nicht unerheblicher Unterschied zur automatischen Übersetzung.

Loslassen

Loslassen

Klein war die Welt und unermesslich groß, als ich ein Kind war. Klein war sie und vertraut, weil ich alles kannte, jedes Kind und jeden Erwachsenen, jeden Hund und unsere Katze, jedes Fahrrad und das Auto auf dem kleinen Parkplatz. Den Feldweg hinter der Treppe, den, auf dem ich der Frau vom kleinen Meyer mein Guten Morgen entgegenrief, kaum dass ich sie gesehen hatte, um dann stumm an ihr vorbeizutrödeln. Die Gärten hinter der Hecke und die Straße nach links und nach rechts, in die Stadt und runter zum Wald.

Und die Welt war groß, denn ich ahnte mehr, als dass ich es wusste, dass da noch anderes war. Afrika. Amerika. Kina. Kina, wie mein Vater sagte und ich auch und womit ich den Spott des Lehrers auf mich zog. Kina, Kina, Kina. Jetzt hab ich’s dem aber gegeben! Der Dschungel und die Hochhäuser, Cowboys und Indianer. Entdecker und Missionare. Dabei begann die große fremde Welt eigentlich schon hinter der nächsten Häuserzeile in der Stadt, begann dort, wo ich noch nie war und wo ich nach der Hand meiner Mutter griff.

Eine seltsame Landkarte wäre das geworden, hätte ich sie zu zeichnen versucht. Mit unserem Haus in Hagen-Eppenhausen im Mittelpunkt und als fernstem Ort der bekannten Welt das Haus meiner Oma in Leer, verbunden durch die Schienen der Eisenbahn. Dann ein paar Namen, Orte, die mit meinen Eltern verbunden waren. Ostpreußen und das Sudetenland. Namen wie Dortmund und Haspe. Wie Berlin und New York. Unbestimmbar weit weg und für mich so fern wie der Mond.

Einmal, auf dem Weg zur Donnerkuhle, einem Ortsteil, der seinen Namen vielleicht den Sprengungen im Steinbruch verdankte, war da ein schwarzer Mann. Einer, für den wir Bleichgesichter sicher schon vertraut waren, aber der für mich ganz unfassbar war, wie konnte das sein? Gab es Wege nach Afrika? Straßen oder Eisenbahngleise, die in die Wüste oder in den Dschungel führten? Ein unvergessliches Erlebnis, größer und aufregender als die Kinderstunde im Fernsehen und die Leseratten im Radio.

Eines Tages war da plötzlich ein Fahrrad in meiner Welt. Ein kleines Rad, eins in meiner Größe. Mein Fahrrad sollte das sein und ich hatte es mir nicht gewünscht, weil ich nicht wusste, dass das geht, dass man sich sowas wünschen kann. So ein Fahrrad kann man gut abstellen, das hat einen Ständer und, obwohl es eine Klingel hat, es ruft nicht, meldet sich nicht und sagt: Fahr mich. Ich war nämlich schon damals, noch vor meiner Einschulung, ein Guckkind, ein Habekind und kein Machkind.

Wozu sollte das gut sein, alles immer auszuprobieren, alles zu lernen, was andere doch schon konnten? Aber nein, meine Eltern, in diesem Fall mein Vater, bestanden darauf, dass ich mit dem Fahrrad fuhr. Bald sogar ohne Stützräder.

Jeder kennt die Geschichte vom Festhalten und Loslassen und von dem Moment, in dem man merkt, dass man betrogen wurde und ganz allein das Gleichgewicht hält und fährt und es ist schrecklich und es ist schön, weil man das jetzt kann, aber den Betrug, den vergisst man nicht. Rechts in Richtung Wald, aber es kann doch nicht sein, dass ich jetzt weiter und weiter geradeaus fahre, zur Bundesstraße und dann in die Welt hinein, vielleicht bis nach Afrika, vielleicht bis nach Leer. Nein, ich muss abbiegen, wenden und da kommt auch schon die Hovestadtstraße und ich ziehe nach links, halte den Lenker, halte mich am Lenker fest und da ist auf einmal ein Auto, das auch die Straße beansprucht und mein Vater ruft mir meine erste Verkehrsregel zu. Nicht die Kurve schneiden. Das mit dem Schneiden habe ich dann trotzdem wieder getan, aber das ist eine andere, eine blutige Geschichte, die von dem Fahrtenmesser, dass ich mir so gewünscht hatte.

Zeug

Zeug

Vermutlich sagen die Rummelschublade und der Werkzeugkasten mehr über einen Haushalt, als der Bücherschrank und die Plattensammlung. Okay, die Plattensammlung verrät schon mal das Alter, denn wer eine Plattensammlung sein eigen nennt, ist entweder Hipster oder… äh… alt. Eine Rummelschublade und ein Werkzeugkasten gehören aber zu jedem Haushalt, so zu jedem Haushalt, dass sie eigentlich bei Ikea im Angebot sein sollten. Und damit meine ich nicht die Schublade, die man natürlich im Möbelladen bekommt und den Werkzeugkasten, den man vermutlich auch im Möbelladen, aber ganz bestimmt im Baumarkt kaufen kann.

Die Rummelschublade darf sicher mit der Wundertüte verglichen werden, von der ich allerdings nicht weiß, ob es sie noch gibt. Ihr Name versprach keineswegs, was wir zu finden hofften, nämlich etwas Wunderbares, sondern lediglich, dass ihr Inhalt Verwunderung auslöste. Enttäuschung wäre vielleicht eine zutreffendere Bezeichnung. Aber wer hätte von seinem mageren Taschengeld schon eine Enttäuschungstüte gekauft?

Dass hier die Rummelschublade und der Werkzeugkasten in einem Text, schlimmer, in einem Kontext aufgeräumt – nein, natürlich nicht auf-, sondern abgeräumt werden, spricht allerdings Bände. Und für die Jüngeren unter den Leser*innen: Nein, Bände ist kein falscher Plural von Band im Sinne von gemeinschaftlich musizierenden Menschen, sondern bezieht sich auf Bücher, die, so war das früher, manchmal sogar in mehreren Exemplaren in einem Haushalt vorkamen. Mehrbändig waren zum Beispiel Lexika. Daraus ist aber nicht abzuleiten, dass ein einzelnes Buch als Einband bezeichnet wird. Damit wäre in all dem Durcheinander dieses Textes immerhin auch noch ein Bildungsauftrag erfüllt.

Unser orangefarbener Werkzeugkasten, übrigens ein Geschenk meines Vaters, ist so etwas 40 Jahre alt. Er ist von beeindruckender Größe, jedenfalls für Menschen, die außer einem Hammer, einer Zange und ein paar Schraubendrehern eigentlich kein Werkzeug benötigen. Er ist sogar so groß, dass wir, was wir gerade suchen, nicht finden.

Okay, das hängt vielleicht nicht so sehr von der Größe des Kastens, sondern mehr von unserem Ordnungssystem ab. Dieses System besteht darin, dass wir alles, was einmal gebraucht werden könnte oder was uns so fremd ist, dass wir uns nicht trauen, es einfach wegzuwerfen, im Werkzeugkasten aufzubewahren versuchen.

Bei manchen… Sachen?.. wussten wir zum Zeitpunkt der Einlagerung eventuell auch noch, wozu sie dienen sollten, inzwischen sind sie aber zu mysteriösen Artefakten menschlichen Erfindungsreichtums geworden. Kunststoff- und Metallteile in seltsamen Formen und Maßen, mit und ohne Löcher, gern in altersmilden Farben. Zwischen Schraubenziehern mit rundgedrehten Spitzen und krummen Nägeln, keine Ahnung, wer die in den Kasten geworfen hat, Schrauben und Dübel, Muttern und Unterlegscheiben. Gern auch mal ein Reißbrettstift, der sich schmerzhaft unter den Fingernagel bohrt, wenn gerade wieder einmal etwas gesucht wird. Und natürlich Staub und Flusen. Natürlich nicht aus den letzten vierzig Jahren. Manches davon muss älter sein. Heute habe ich  aufgeräumt. Also von rechts nach links und von oben nach unten. Von einigen krummen Nägeln konnten wir uns trennen. Von Staub und Flusen natürlich auch.

Die rätselhaften Teile, hmm, vielleicht in die Rummelschublade?