Von Gestern

Von früher erzählen kann ja jeder, aber bei mir ist von früher eben einiges früher als bei manch anderen, die sich hier tummeln. Deshalb war Jules so freundlich, mich als Gastautor für seine neue Reihe „Das Technikmuseum“ zu berücksichtigen. Meinen Beitrag findet der freundliche Leser, die freundliche Leserin hier.

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Mit dem Bart, mit dem Bart, mit dem langen Bart.

Haus Doorn
Eigenes Foto

Nein, wir wollen unseren alten Kaiser Wilhelm nicht wiederhaben. Das wollten diejenigen, die diesem Lied in den zwanziger Jahren zu einiger Bekanntheit verhalfen, gewiss auch nicht, denn der so besungene Kaiser war schon 1888 gestorben. Wilhelm I. war der Großvater Wilhelms II. Im Dreikaiserjahr war auf den ersten Wilhelm sein Sohn, der dritte Friedrich gefolgt, der aber noch im gleichen Jahr starb und von seinem Sohn, dem zweiten Wilhelm abgelöst wurde.

Das muss man nicht wissen, aber wenn man schon mal die Gelegenheit hat, sich bei Kaisers umzusehen, dann beginnt man sich auch gleich ein wenig für die Familiengeschichte der Hohenzollern zu interessieren. Jedenfalls so weit, wie sie für unsere Geschichte relevant ist. Und mit unserer Geschichte muss man dann wohl auch gleich die Menschheitsgeschichte Weiterlesen

Tür und Tor (3)

„Nein, es ist bloß keine Eiche. Es ist angeblich Weiche. Ein spezielles Holz, Mercator hat es wohl präpariert. Diese Möbel bleiben einfach nicht, wo man sie hinstellt. Weiche ist nicht das Gegenteil von Hartholz…“ setzte Krämer zu einer Erklärung an, doch Julia unterbrach ihn.

„Sondern es steht für entweichen, ausweichen, abhauen?“

„Genau.“

„Okay. Es waren ja nicht unsere Möbel. Schade, aber damit werden wir leben können. Klobiger alter Plunder. Weg mit Schaden.“ Daniel begann sich mit der Lage anzufreunden.

„Aber der Rest? Was ist mit unseren Sachen? Mit unseren eigenen Möbeln? Mit der Kleidung, den Büchern? Dem Katzenklo? Mit… ach, einfach mit allem?“

„Ja, das tut mir wirklich aufrichtig leid, aber es soll im Tapetenzimmer noch eine Besonderheit gegeben haben. Einen proaktiven Müllschlucker.“

„Wir reden hier doch über das Mittelalter? Proaktiv? Müllschlucker? Die haben doch damals ihren Plunder aus dem Fenster geschmissen.“ Daniel wies auf die Fenster, vor denen sie gerade noch gestanden hatten.

„Mercator soll ein sehr kreativer Denker gewesen sein. Und was er nicht mehr brauchen konnte, das war entweder zu gefährlich oder zu geheim, um einfach auf die Gasse gekippt zu werden. Glaube ich zumindest. Jedenfalls hat er wohl einen Müllschlucker gebaut. Einen lernfähigen. Nach einigen hundert Jahren trifft der jetzt selbstständige Entscheidungen. Offensichtlich hat er Ihre…“ Weiterlesen

Tür und Tor (2)

Sir William Fettes Douglas The Alchemist 19th cent.

„Und?  Was ist? Wollen Sie jetzt die Miete erhöhen, weil wir einen Raum mehr bewohnen, als Sie gedacht haben? Vergessen Sies. Wir haben einen gültigen Mietvertrag.“

„Miete? Nein, es geht mir nicht ums Geld. Es ist nur so, dass Sie leider einen nicht-permanenten Raum mit gemietet haben.“

„Einen was? Einen nicht-permanenten Raum? Was soll denn das bitte sein? Wollen Sie uns auf den Arm nehmen?“

In den Arm nehmen, dachte Krämer und warf einen schnellen Blick auf Julia.

„Ich hätte es Ihnen vielleicht sagen sollen, aber vor Ihnen und vor mir und eigentlich schon, bevor dieses Haus gebaut wurde, hat hier Leonhard Mercator gelebt, ein bedeutender, na, ich sollte wohl besser sagen ein berüchtigter Alchemist. Das habe ich recherchiert, nachdem es zu… äh… Vorfällen gekommen ist. Mercator soll unter eigenartigen Umständen im Tapetenzimmer gestorben sein, sicher ist das keineswegs. In den Kirchenbüchern gibt es keine Aufzeichnungen über sein Sterbedatum und nicht mal Wikipedia weiß näheres. Damals wurde das Tapetenzimmer mit all seinen Möbeln verschlossen. Spätere Mieter stellten dann Schränke vor die Tür und irgendwann war da keine Tür mehr. Der Raum wurde vergessen.“

„Aber das ist völlig ausgeschlossen. Ein so schöner Raum, hell und großzügig. Und selbstverständlich hat er eine Tür.“ war es jetzt an Julia, Krämer zu widersprechen.

Nach wenigen Schritten standen sie vor der Tür… also an der Stelle, an der sich die Tür nach Ansicht der Hoffmanns befinden sollte.

„Haben Sie sich mal Gedanken darüber gemacht, wo dieses Zimmer liegt? Architektonisch meine ich?“

Die Hoffmanns sahen einander an, zeigten dann nach links. Weiterlesen

Tür und Tor (1)

von Evaristo Palacios [CC BY-SA 4.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0)%5D, vom Wikimedia Commons

„Bitte, sehen Sie selbst: Leer! Vollkommen leer.“ Julia Hoffmann deutete auf die Tür, meinte aber die Wohnung, die sich hinter dieser Tür befand.

Lenny Krämer, der Vermieter des inmitten der fachwerkgeprägten Altstadt  gelegenen  denkmalgeschützen Steinhauses , in dessen erster Etage die Hoffmanns wohnten, war rasch zur Stelle gewesen, nachdem ihn Frau Hoffmann mit bebender Stimme angerufen hatte. Inzwischen war ihre Aufregung in Wut umgeschlagen. Zornig stieß sie mit dem Fuß gegen die kunstvoll verzierte Wohnungstür, die langsam aufschwang und den Blick freigab auf eine große leere Fläche. Eine vollkommen leere Fläche. Nicht einmal Staub schien sich noch in dem Raum zu befinden.

„Haben Sie das veranlasst?“

Krämer hätte ihr gern gesagt, dass der Zorn ihr sehr gut stand, fürchtete aber, mit einer derartigen Anmerkung eher zur weiteren Eskalation beizutragen, so beschränkte er sich darauf, ratlos den Kopf zu schütteln.

„Die Bilder maile ich unserem Anwalt, Herr Krämer!“ Daniel Hoffmann, Weiterlesen

Gestrandet

Eigenes Foto

Der Radweg endet in den Dünen, das letzte Stück zu Fuß, erst noch über einen befestigten Weg, dann durch den feinen weißen Sand. Die Brandung ist schon zu hören, ach, was heißt hier schon, die Nordsee ist allgegenwärtig auf der Insel. Wie kann etwas so lautes so beruhigend wirken? Dann öffnet sich der Blick auf das Wasser und es ist wieder anders als erwartet, größer, weiter, endlos. Nicht in Worte zu fassen.

Ein breiter Strand, nach rechts und links ist kein Ende in Sicht. Ein Strandpavillon: Vielleicht später Weiterlesen

Eine Stimme aus der Vergangenheit

Musikkassetten gehören zu den Medien, die aus unserem Alltag verschwinden, wenn sie nicht sogar schon fast vollständig verschwunden sind. Meine Töchter kennen sie noch, haben als Kinder noch selber Kassetten besprochen und Musik aufgenommen. Vielleicht sogar so, wie man das in den siebziger Jahren mit dem Kassettenrecorder und dem Mikrophon tat.

Natürlich quatschte dann während der Aufnahme jemand rein. Schlimm genug, wenn das der Moderator war, der den Namen der Band oder des Titels zur Sicherheit noch mal wiederholte, viel schlimmer, wenn es ein Elternteil war, das mit der Aufforderung, sofort das Chaos in der Küche zu beseitigen, die perfekte Aufnahme versaute. Manche Leute kauften Musik auf Kassette, okay, wer heute seine Musik als MP3 auf dem Smartphone hört, wäre auch mit dem Klang eines Walkman zufrieden gewesen.

Ein Freund machte mich während des Studiums auf den Kassettenbrief Weiterlesen