Junge Stimmen

Junge Stimmen

Wir entscheiden die Wahlen. Klingt trivial, ist es auch. Natürlich, wer sonst? Klingt weniger schön, wenn man sich dieses wir genauer ansieht, denn wir, die Alten entscheiden. Ab wann man sich zu den Alten zählt, interessiert mich eigentlich nicht sehr, aber die Wählerinnen und Wähler, die 50 und älter sind, stellen die Mehrheit der Stimmberechtigten und nicht nur das, ihr Anteil an denen, die tatsächlich wählen, ist noch einmal größer. Wir dürfen nicht nur wählen, wir tun es auch. Und in den nächsten Jahren wächst diese Gruppe weiter.

Wir sind die, denen es gut geht. Ja, ich weiß, nicht allen ab 50 geht es gut. Wir sind auch die, die mehr Zeit beim Arzt verbringen, als gut für die Krankenversicherungen ist. Zu uns gehören auch diejenigen, die kaum mit ihrem Geld auskommen und die jobben müssen, bis der Arzt kommt. Aber der kommt ja nicht, der behandelt unsere Zivilisationskrankheiten.

Wir sind tendenziell konservativ, wir wollen nicht, dass sich Dinge ändern, weil wir uns die Namen der Handelnden dann nicht mehr merken können und in einer Welt, in der nichts mehr sicher zu sein scheint, sollten wenigstens die Renten sicher sein. Wir machen uns keine großen Sorgen um den Klimawandel, weil wir mehr Angst vor Kriminalität und Terrorismus haben, vor zu vielen Ausländern und zu wenigen Pflegerinnen und Pflegern. Vor dem Gendern und davor, dass die Bäckerblume und die Apothekenrundschau eingestellt werden könnten. Wir mögen es sicher, sauber und satt. Gegen uns entscheidet keiner.

Nach uns die Sintflut.

Vielleicht sollten wir ein Wahlrecht einführen, dass die Zahl der Stimmen, die ein Mensch bei einer Wahl abgeben kann, an die durchschnittliche Restlebenserwartung koppelt. Eine 18jähre hätte bei einer Lebenserwartung von 83 Jahren dann 65 Stimmen, eine 83jähige, gut, sein wir nett, 1 Stimme. Die, über deren Zukunft entschieden wird, würden über die Zukunft entscheiden. Jetzt sagt bloß nicht, junge Leute seien nicht erfahren und vernünftig genug. Ich weiß, was für einen Unfug ich anstelle und was für einen Unsinn ich mir zurechtdenke. Okay, es muss ja nicht gleich jeder so seltsam sein wie ich. Aber klüger und besser als der Rest sind wir auch nicht.

Wenn wir die Stimmen dann auch noch verteilen dürften, kämen viele lustige Parteien in die Parlamente. Ich fürchte nur, dass ich mit den Ergebnissen solcher Wahlen genauso unzufrieden wäre, wie mit den gegenwärtigen.

Bild: Francis Danby, Public domain, via Wikimedia Commons

Autsch

Autsch

Es gibt ein Schmerzgedächtnis, was bedeutet, dass der Körper, genauer das Gehirn oder das Rückenmark, einen Schmerzreiz, der intensiv genug war, lernt und künftig reproduzieren kann, auch wenn der Anlass dafür eigentlich nicht ausreicht. Das erklärt nicht, dass ich schon mal entschieden jammern kann, obwohl es überhaupt nicht schlimm ist. In solchen Fällen geht es nämlich nicht um das Schmerzgedächtnis, das mir Böses will, sondern um fehlende Aufmerksamkeit. Wer Kinder hat oder mal ein Kind war, weiß, wovon ich schreibe.

Hier will ich aber von einer eigenen Erfahrung berichten, die mit einem Schmerz begann. Zu meinen hauswirtschaftlichen Aufgaben, über die ich nicht groß klagen will, gehört auch, dass ich ab und an die Fensterbänke abwische. Unsere Fenster werden durch Raffstoren beschattet, ein System, das aus Kunststofflamellen besteht, die durch Bänder zusammengehalten werden. Und durch Drähte. Diese Drähte stehen unten hervor, ragen also ein Stückchen aus der untersten Lamelle heraus und wenn man unvorsichtig über die Fensterbank wischt, kann man sich an einem solchen Draht die Haut aufschürfen.

Den Schmerz, der dabei entsteht, hat mein Körper verinnerlicht. Interessanterweise, also interessant für mich, funktioniert dieses Schmerzgedächtnis aber nur, wenn der Draht auch da ist und ich den Lappen in der Hand halte, verbunden mit dem festen Willen, jetzt auch die Fensterbank zu wischen. Es  lässt sich nicht täuschen. Jetzt, da ich darüber schreibe, weiß ich, dass es wehtat, ohne den Schmerz zu spüren. Gehe ich an der Fensterbank vorbei, passiert nichts. Nehme ich den Lappen und nähere ich mich putzwillig der Fensterbank, ist der Schmerz da. Ein strahlender, blitzblanker Schmerz. Ohne körperlichen Kontakt, einfach so, auch nicht an einer konkreten Stelle der Hand, sondern als psychisches Erlebnis. Ich erfahre den Schmerz. Ganz großes Kino. Und immer wieder. Aber nur bei der Fensterbank vor dem Haus.

Wenn unsere Schmerzgedächtnis ein wenig menschenfreundlicher wäre, wie friedlich die Welt dann wohl wäre? Wenn wir spürten, was der andere fühlt, den Schmerz eines anderen Menschen körperlich erführen wie den eigenen, wem könnten wir noch wehtun?

Bild: Von Guillaume Duchenne – Scanned from 1965 version with foreword by Konrad Lorenz published by University of Chicago Press, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4045698

Verpusten

Verpusten

In der Nachbarschaft übt jemand ein Blasinstrument. Welches, das kann ich nicht erraten, aber er übt, das erkenne ich auch als Laie, mit großem Enthusiasmus.  Ein Stück nach dem anderen, jedenfalls nehme ich an, dass es sich um Werke aus der Literatur handelt. Zu meiner Zeit, also als ich noch singen sollte, ja, singen musste, weil es um Noten ging, Singen für, nicht nach Noten, also in der Schule – was für ein blöder Satzanfang übrigens: zu meiner Zeit. Lesen könnte man es vielleicht auch noch nach meiner Zeit, schreiben kann ich aber nach meiner Zeit gewiss nicht. Also: Zu einer Zeit, die auch meine Zeit war, die aber schon ein wenig zurückliegt, war für das Singen die Mundorgel unverzichtbar. Vielleicht gibt es für die Bläser ja den Pustekuchen.

So ein langer Anlauf für einen müden Gag!

Der Nachbar spielt anscheinend durch, was man ihm vorlegt. Bisher hatte ich angenommen, dass man Teile,  die man noch nicht so gut beherrscht, wiederholt, bis man sie beherrscht, aber mein Nachbar hat gewiss schon beim ersten Mal gemerkt, dass er ein bestimmtes Stück oder den Teil zwischen der ersten und der letzten Note nicht so recht kann, so dass er sich nicht weiter damit belasten muss und gleich zum nächsten Kracher übergehen kann.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich genieße tatsächlich, was ich da höre. Es stimmt mich milde und gibt mir den Glauben an die Menschheit zurück. Wo so etwas möglich ist, so ein zweckfreies Getute, ist alles möglich. Zuverlässig am nächsten passenden Ton vorbei, voller heiterer Unbekümmertheit gegenüber der Welt und den Komponisten, dass ich lächelnd lausche. Selbst die Hühner sind nicht mehr zu hören und das liegt nicht daran, dass ihre akustische Nische besetzt wäre und sie sich deshalb aufs Eierlegen konzentrieren würden. Windeier würden das, die Hühner gehören besagtem Nachbarn. Vielleicht sitzen sie aufgereiht auf ihrer Stange und grinsen.

Beitragsbild von Oliver Abels (SBT) – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=24982702

In aller Eile

In aller Eile

Ich ertappe mich dabei, dass ich nicht das Buch lese, das ich schon vor mir auf den Tisch gelegt habe, sondern mal wieder das Smartphone in der Hand halte und die Kritik einer Talkshow durchgehe.

Bei der Gelegenheit: Zählt das als körperliche Betätigung, praktisch als Sport, wenn man Texte nicht liest sondern durchgeht? Na, vermutlich nicht, meiner für meine Fitness zuständigen App war das jedenfalls völlig egal. Ich werde sie deinstallieren, denn seit sie mir täglich vor Augen führt, dass ich meine Ziele mal wieder nicht erreicht habe, fühle ich mich viel weniger fit als damals, als ich mir noch einreden konnte, doch eigentlich recht viel zu Fuß oder auf dem Fahrrad unterwegs zu sein. Gut, dass das Ding keine Zugriff auf andere Dienste hat, sonst hätte es vielleicht schon den Notdienst oder gar den Bestatter angefordert.

Aber ich habe einfach keine Zeit für Bewegung. Ich muss ja diesen Artikel lesen, also ich muss nicht, aber ich tue es ja, obwohl ich eigentlich nicht mal die Talkshow sehen wollte. Ich bin da nur reingeraten und irgendwie hängengeblieben. Und jetzt schreibe ich auch noch über eine Talkshow, die ich nicht sehen wollte und den Bericht in der Online-Ausgabe irgendeines Magazins,, den ich eigentlich auch nicht lesen will, für das ich keine fünf Pfennig – sagt man das noch oder heißt das jetzt keine fünf Cent – ausgeben würde, gäbe es eine Bezahlschranke. Gäbe es allerdings für diesen Artikel eine Bezahlschranke, dann würde ich vermutlich ziemlich lange rumrecherchieren, ob ich nicht irgendwo kostenlos an diese Information kommen könnte, die mich doch keinen Deut interessiert.

Prokrastination heißt das wohl und ja, selbst das Buch, das ungelesen auf dem Tisch liegen blieb, wäre nur eine weitere Ausflucht gewesen, denn ich weiß ja, was ich zu tun habe und dass die Zeit schon knapp wird. Ich spüre gerade mal in mich hinein, ob sie schon knapp genug ist, ob ich schon diesen Druck spüre, dieses Zittern, dass es diesmal wirklich nicht reichen wird, bestimmt nicht und ich nicht mal eine Ausrede habe, wenn es denn keine sein sollte, dass ich keinen hinreichenden Druck verspürt habe.

Und ja, ich glaube, es wird knapp, vielleicht sogar zu knapp, weil dieser Text ja auch noch hochgeladen werden muss, ein Bild muss gefunden werden, eine Überschrift, ein paar Schlagwörter und wenn ich gerade dabei bin, dann tauchen da im Reader ein paar Texte auf, die ich ganz schnell, nur mit einem Auge, auch nur mit dem linken, aber doch noch lesen muss. Jetzt aber schnell, die Zeit reicht nicht mehr, um noch nach groben Fehlern und dem besseren, weil treffenderen Wort zu suchen.

Wie komme ich hier jetzt raus? Egal. Aus.

Radio Rock´n´Roll

Radio Rock´n´Roll

Wo sind die Erinnerungen, wenn wir uns nicht gerade mit ihnen beschäftigen? Ja, ich habe schon davon gehört, dass Informationen vom Kortex, von uns Laien im Alltag als Großhirnrinde bezeichnet, zum Hippocampus, dem  Großhirn, geleitet werden und dort offenbar herumliegen, bis sie in umgekehrter Richtung wieder abgerufen werden. Höre ich Großhirnrinde, denke ich an etwas Knuspriges, dunkelbraun vielleicht und Hippocampus klingt für mich nach einem  großen Platz voller Flusspferde, ein recht schönes Bild, an das ich mich bestimmt noch lange erinnern werde, wobei wir wieder beim Ausgangspunkt sind.

Da ich noch nicht nachgeschaut habe – und auch in Zukunft nicht die Absicht habe, niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen, so funktioniert das mit dem Erinnern, ich rufe überhaupt nichts ab und trotzdem feuert der Hippocampus aus vollen Rohren. Was für ein kriegerisches Bild bei einem Kriegsdienstverweigerer. Will ich aber wissen, wie dieser Typ hieß, der mal bei  mir auf der Matte stand, um sich zum Thema Kriegsdienstverweigerung beraten zu lassen, drehen sich die Flusspferde weg und zeigen mir nur ihr mächtig breites Hinterteil.

Da ich noch nicht nachgeschaut habe, soweit waren wir gerade, weiß ich natürlich nicht, wie die Speicherung physisch aussieht, aber ich mache mir da keine Illusionen. Im Normalfall dürfte das so aussehen wie bei der Speicherung von Strom. Den sieht man auch nicht zittern und beben, glimmen und gespannt, vielleicht sogar hochgespannt auf den Einsatz warten. Also werden die Erinnerungen auch nicht in mit Thumpnails oder Icons oder gar mit farbverschiedenen Prägeetiketten markierten Schubladen in grauen Metallregalen herumliegen.

In der BWL spricht man von chaotischer Lagerhaltung und meint damit, dass es keinen vorgegebenen Lagerort für bestimmte Dinge gibt, sondern etwas dort eingelagert wird, wo gerade Platz ist. Finden lässt es sich dann nur, wenn an anderer Stelle genau Buch darüber geführt wird, wo etwas hinterlegt ist. Ich weiß nicht, ob das für das Gedächtnis auch so zutrifft, bei mir scheint es sich eher um eine Art aus dem Ruder gelaufenes Tischtennismatch zu handeln, bei dem es von allen Seiten Bälle hagelt, die manchmal auf einen Schläger treffen, manchmal irgendwo im Dunklen verschwinden und manchmal Begeisterungsstürme auslösen. Also bei mir, ich verzichte meistens darauf, vor Publikum Erinnerungen auszupacken. Das ist ja wie mit gut verpackten Geschenken, man weiß nicht, was drin ist und ob  man sich darüber freuen wird.

Mit anderen Worten: Keine Ahnung, wo das alte Zeugs herumliegt, von dem man sich, selbst wenn man es wollte, nicht trennen kann und das hervorpurzelt, wenn man ganz was anderes sucht. Gestern jedenfalls machte ich mich mal wieder auf den Weg auf den Erinnerungshügel. Ich weiß, das klingt wie ein dürftig begrünter Huckel in der Landschaft, vielleicht auf einem Friedhof, mit Ausblick auf viel Thuja und Buxus. Ist aber eine Lebensphase, an die wir uns gut erinnern können, etwa vom 10. bis zum 30. Lebensjahr. Bei mir hatte das mit Musik zu tun, mit einer Erinnerung daran, wann ich eigentlich zum ersten Mal Popmusik, genauer Beat gehört habe. Vermutlich war das im Radio und deshalb wird sich das auch kaum ermitteln lassen. Erst waren da nur Schlager und volkstümliche Musik. Mein Vater liebte Ernst Mosch und seine Original Egerlänger Musikanten  und die Oberkrainer. Zwischendurch die Musik der neunzehnhundertzwanziger Jahre und beliebte Operettenmelodien.

Das Radio war gefühlt immer an. Ich weiß nicht, ob ich kurz gezuckt habe, als ich die Beatles zum ersten Mal hörte. Es dauerte jedenfalls bis 1965, bis ich meine erste Single kaufte. Vorher – und das wollte ich erzählen – schenkten mir meine Eltern zwei Platten. Die erste hieß „Original Liverpool Sound“ und stammt, wie ich gerade recherchiert habe, aus dem Jahr 1963. Ich war zehn Jahre alt, Glück gehabt, noch gerade den Erinnerungshügel erwischt. Außerdem werde ich die Platte, eine EP, jetzt sorgfältiger aufbewahren. Im Safe, neben den Bitcoins, die mir der freundliche Herr an der Haustür für 78.000 € verkauft hat, zum Schnäppchenpreis und sie passen auch in den Münzschlitz bei den Einkaufswagen beim Aldi. Glitzern nicht mal, das hätte man für so viel Geld schon erwarten können. Also der Original Liverpool Sound ist offensichtlich ein Sammlerstück, Musik, die man kaufen, aber auf keinen Fall hören möchte. Beim Deutschen Schallplattenclub als Lizenzausgabe des Decca-Originals erschienen. Ich kann jetzt nicht mehr weiterschreiben, muss dringend den Wert meiner anderen alten Schätzchen, was für einen neuen, silbernen Klang dieses Wort plötzlich bekommt, überprüfen.

Draußen vor der Tür

Carl Spitzweg, Public domain, via Wikimedia Commons

 

Wessen Garten ist das eigentlich? Also bezahlt haben wir schon dafür, nicht nur den Kaufpreis, sondern auch die Anlage. Damit meine ich keinen Landschaftsarchitekten, sondern einfach nur einen GALA-Bauer, der Erde aufschüttete, Rasen einsäte und die Terrasse pflasterte. Den Rest haben wir gemacht. Also meine Frau. Ich habe an meinen beiden linken Händen leider keinen grünen Daumen. Dann haben wir wieder bezahlt, weil der Maulwurf in Arbeitsteilung mit den Wühlmäusen unseren Rasen in eine Hügellandschaft verwandelt hatte. Rasen raus, Netz auf die Erde, Rollrasen drauf. Alles gut.

Bis auf die Wühlmäuse, die die Ränder des Rollrasens erkundeten und in der Folge rechts und links vom Netz unter den Beeten auftauchten. Ich legte einen Stein auf ihre Haufen und sie einen Zahn zu beim Bau eines neuen Haufens.

Der Specht hackte in die verbliebene haufenfreie, naja, haufenfrei, es gibt da einen Hund in der Nachbarschaft… aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls beschloss ein Specht, unseren Rasen auf das Vorkommen von Insekten zu untersuchen, die leider nicht an der Oberfläche lebten, sondern deren Jagd einiger Tiefbauarbeiten bedurfte.

Unterdessen versteckten die Eichhörnchen, im häuslichen Jargon salopp E-Hörner genannt, eins, zwei oder drei, je nach Jahres- oder Tageszeit, Nüsse in den Blumentöpfen, in denen eigentlich Tulpenzwiebeln auf den Frühling warteten.

Wenn nicht vor dem Frühstück schon eine Portion Nüsse bereitliegt, schaut Weiterlesen

Augen auf und durch

Adolfo Hohenstein (1854–1928), Public domain, via Wikimedia Commons

Sag ich’s oder sag ich’s nicht? Aber vermutlich sind die Würfel ja längst gefallen, alle Entscheidungen ohne das Zutun meines Bewusstseins getroffen und ich – also der, der nach außen verantwortlich ist für all das, was hier verzapft wird – stehe oder besser sitze nun da und muss damit fertig werden.  John-Dylan Haynes, Hirnforscher an der Charité, ja, es gibt dort nicht nur Virologen und Leute, die Nawalny behandeln, hat sich – und das wollte ich nun wirklich nicht hier ausbreiten, oder vielleicht ja doch, vielleicht ist es das, was Haynes meinte bzw. erforscht hat – also ich fange besser einen neuen Satz an.

Haynes hat sich mit der Frage des freien Willens beschäftigt, die mir im ersten Satz dieses Textes in die Quere kam. Dabei geht es nicht um so etwas wie Gedankenfreiheit, die man von einem rabiaten Despoten oder einem weisen Herrscher einfordern könnte, sondern darum, ob der Mensch tut, was er will oder ob dieser sein Wille schon vorbestimmt ist. Nicht im großen Buch des Schicksals, in dem alles, was mir widerfahren wird, schon geschrieben steht und das ich gern mal lesen möchte, oder nein, doch nicht, sondern ob das Gehirn Entscheidungen trifft, die dem Bewusstsein dann als seine eigenen Ideen verkauft werden, so wie man das mit einem Vorgesetzten auch macht, wenn man erfolgreich sein will.

Es gab dazu schon Tests, bei denen die Teilnehmer zu einem beliebigen, von ihnen frei zu wählenden Zeitpunkt den Arm heben sollten. Schaut man sich die Abläufe in ihrem Gehirn an, kann gezeigt werden, dass dort schon vor der Bewegung die Entscheidung fällt. Da gibt jemand den Startschuss Weiterlesen

Es geht voran

Wir liegen mal wieder voll im Trend oder eigentlich nicht, also nicht wieder, aber schon voll im Trend. Das passiert uns eigentlich nicht so oft, andererseits ist man ja kaum mal allein mit seiner vermeintlichen Besonderheit, seinem speziellen Geschmack oder seinen komischen Ideen. Ich merke das immer, wenn mir mal eine Formulierung eingefallen ist, von der ich denke, ja, da ist dir aber mal eine Formulierung eingefallen, aber dann frage ich Väterchen Google und es ist eigentlich immer so, dass genau diese meine superoriginelle Idee schon mal jemand hatte, vor fünf Jahren oder so und nein, nicht nur einer. Meistens gibt es schon ein Buch, das so heißt, eine Kindertagesstätte und irgendwas mit Kultur. Trends haben, so dachte ich, mit dem Alter zu tun und wer älter wird, ist vor Moden und Trends geschützt, aber nein, man tut, was man meint, tun zu müssen und schon tut man, was alle gerade tun müssen. Wandern und Radfahren waren wohl die Aktivitäten des Jahres und ja, wir waren dabei.

Als habe eine allgemeine Mobilmachung stattgefunden, versammelte sich praktisch das ganze Land an den Wochenenden auf den Wanderparkplätzen. Wanderparkplätze sind mitnichten Parkplätze, die gemeinsam mit den Wanderbaustellen auf den Autobahnen voranschreiten, sondern stellen praktisch das Ende der Automobilität dar, sind der Punkt, an dem das Auto geparkt und die Insassen freigelassen werden.

Wandern unterscheidet sich vom Gehen oder dem Spazieren dadurch, dass man sich entsprechend auszustatten hat. Also Schuhwerk und Naschwerk. Aber auch Pflaster, Getränke, Äpfel, Bananen, belegte Brötchen, Papiertaschentücher, ich erkläre an dieser Stelle nicht, warum es keine Stofftaschentücher sein sollten, Fernglas, Kamera und Handy. Ein Ausdruck der Route, der, wenn sie gut markiert ist, nicht gebraucht wird und wenn sie schlecht markiert ist, zu nichts zu gebrauchen ist. Ein Rucksack oder Weiterlesen

Ein Gutschein für Tante Emma

Thomas photography, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Common

Armin Laschet hat uns alle dazu aufgerufen, Gutscheine örtlicher Unternehmen zu verschenken, statt bei großen Konzernen zu kaufen, die in Europa keine Steuern zahlen. Dazu sind ein paar Anmerkungen notwendig. Die erste, ganz spontane: Hallo, sind wir das, wir Konsumenten, die dafür verantwortlich sind, dass Amazon, denn auf Amazon zielt Herr Laschet ja, keine oder kaum Steuern zahlt? Ich hatte bis gerade noch gedacht, dass das eine Aufgabe der Politik sei. Schauen wir doch mal, ah ja, da war doch was: Frankreich erhebt eine Digitalsteuer. Komisch, wieso nur Frankreich?

Weil Deutschland, also Frau Merkel, zwar Herrn Macron versprochen hat, die Besteuerung der Internetgiganten anzugehen, also auf der europäischen Ebene eine gemeinsame Lösung zu finden, dann aber wurde Herr Scholz losgeschickt, um auf genau dieser europäischen Ebene diese Lösung zu verhindern. Der übliche Weg.  

Deutschland hat nämlich kein so großes Interesses an dieser Steuer, weil die Amerikaner möglicherweise verärgert waren und dann mit Steuern auf unsere Exporte reagieren könnten. Exporte. Wenn es etwas gibt, das uns heilig ist, dann unser Export. Damit verdienen wir Geld. Also nicht wir, schon die deutsche Wirtschaft und zwar richtig. Da kann der Einzelhandel nicht mithalten. Zumal der ja eher den Import ankurbelt, Zeugs, das in China hergestellt wird, wie Handys, Kameras, Spielekonsolen. Oh, betreibt der Kandidat um den Vorsitz der Union etwa Exportförderung für China?

Also noch mal: Man kann, wenn man will, eine europäische Lösung finden. Will man aber nicht. Dann macht das Frankreich eben allein. Als nächstes beklagt man, dass Amazon keine Steuern zahlt und ruft zum Boykott auf.

Ob ein Boykottaufruf rechtlich zulässig ist, wäre zu prüfen, mir aber in diesem Falle egal. Ich denke, dass Amazon das schon selbst prüfen wird. Der Aufruf, nicht im Netz zu kaufen, träfe allerdings auch viele einheimische Unternehmen, die ihre Produkte eben nicht mehr nur stationär, sondern über Onlineshops oder direkte über Amazon vertreiben. Ob Herr Laschet das mitbedacht hat? Und wo überhaupt bekomme ich meine Gutscheine, wenn die Läden ab morgen dicht sind? Online vielleicht? Oder alle noch heute? Ach nein, die basteln wir selbst, schön am PC mit Cliparts und lustigen Schriftarten, kostet auch nichts und bis die Läden wieder öffnen dürfen, sind die Dinger auch längst vergessen. So machen wir anderen eine Freude, schonen unser Budget und wischen bei der Gelegenheit gleich auch China noch einen aus.

Leise gehen

Leise gehen

Der Text, den ich heute hier veröffentliche, ist neu, aber er beschreibt Erfahrungen, die ich vor über vierzig Jahren gemacht habe. Mein Anspruch war nicht, die Verhältnisse so objektiv wie möglich darzustellen, sondern meine Sicht auf eine Realität, die manche vielleicht als bedrückend erleben mögen.

Leise gehen

Das Zimmer liegt am Ende der Station, es ist das Ende der Station. So, wie Menschen sich spezialisieren, etwas gut können, spezialisieren sie auch Räume. Manche werden zu Bädern, Küchen, Fluren oder Schlafzimmern, nur ganz wenige aber werden zu Sterbezimmern. Dabei gehört doch wirklich nicht viel dazu, denn so, wie überall gelebt wird, wird auch überall gestorben. Zum Sterben, wenn es seine Ordnung haben soll, braucht es nur wenig Platz und eigentlich fast keine Möbel. Ein Bett genügt schon. Ein Stuhl, vielleicht ein Tischchen, aber das interessiert die Sterbenden schon nicht mehr, das ist Deko, die es den Lebenden leichter macht einen Raum zu ertragen, in dem nur noch geatmet wird und dann auch das nicht mehr.

In dieses Zimmer kommt keiner wie Goethe, der in seinem Lehnstuhl starb und bis in die letzten Minuten die Weltbühne bespielte. „Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen! Gib mir dein Pfötchen“, soll er gesagt haben. Hier verlangt auch niemand nach mehr Licht. Nach nichts verlangt man hier und wenn doch, dann geht’s zurück auf die Station, dann stellt man sich erneut an und wartet, bis man wirklich an der Reihe ist. Nicht einmal der Schmerz, niedergekämpft oder weggespritzt, darf mit in diesen Raum, in dem es leise ist, immer, auch wenn nebenan in der Teeküche das Personal schwatzt und raucht und die Spülmaschine läuft, weil die Stille in die Wände eingezogen ist wie Nikotin in die Tapeten.

Keiner kommt. Kein Besucher, kein Geistlicher. Manchmal öffnet sich die Tür und eine Schwester prüft, ob alles seine Richtigkeit hat. So, wie aufmerksame Eltern einen Blick ins Kinderzimmer werfen um zu sehen, ob die lieben Kleinen auch schon schlafen, schaut sie, ob der Sterbeprozess voranschreitet. Die Atmung flach, die Füße und die Unterschenkel kalt, eiskalt. Das dauert noch. Da wird die Nachtschwester noch einmal schauen müssen, ob das Bett wieder neu bezogen werden, das Zimmer wieder neu belegt werden kann.

Man ist nicht gefühllos, aber der Tod ist hier kein Drama. Hier hört das Leben einfach auf, manchmal ganz unbemerkt. Ob es einen Himmel gibt oder eine Hölle, solch große Fragen stellt hier keiner. Einen Leichenkeller, den gibt es, soviel ist sicher und danach verlieren sich die Spuren.

Am anderen Morgen, wenn die Tür offensteht und das Bett frisch gemacht ist, dann darf der Zivi, der mal wieder durchgemacht hat, dort noch eine halbe Stunde schlafen.

Ich glaub, ich steh im Wald

Ich glaub, ich steh im Wald

Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre steigt weiter und das ist keine gute Nachricht. Was könnte man denn da tun? Den Ausstoß von CO2 verringern? Na ich weiß nicht, da müsste man doch entweder über unseren Konsum nachdenken und nicht nur nachdenken oder aber die CO2-Produzenten müssten ihren Ausstoß verringern, was technischen Veränderungen, also Investitionen, erforderlich macht. Das wäre allerdings wirklich lästig.

Es gibt aber einen Weg, der viel besser ist. Diejenigen, die viel CO2 an die Umwelt abgeben, verrechnen das mit denen, die wenig CO2 abgeben. Das nennt man Emissionshandel. Im Ergebnis ist natürlich nicht weniger CO2 in der Atmosphäre, es ist nur Geld von A zu B geflossen. Die Idee des Emissionshandels besteht darin, dass die zu handelnden Zertifikate, also Verschmutzungsrechte, verknappt und damit immer teurer werden, so dass irgendwann die Veränderung der Technik günstiger ist als der Preis der Verschmutzung.

Jetzt kenne ich unsere Wirtschaft nicht erst seit gestern und kann schon mal zuverlässig voraussagen, dass, wenn es soweit kommen sollte, der Zusammenbruch der Güteversorgung, mindestens Hunger und vielleicht sogar keine neuen Autos mehr drohten, wenn nicht sofort der Staat mit Subventionen einspringen oder aber Ausnahmegenehmigungen erteilen würde. Beim Strom machen wir längst ähnliches. Die großen Verbraucher bekommen Rabatte, letztlich mit dem Erfolg, dass sie Strom eben nicht einsparen müssen.

Nun aber zum Anlass dieses Textes. Während ich meinen Koch-, Putz- und sonstigen Aufgaben nachkomme, die dafür sorgen, dass meine Tage nicht nutzlos vergehen, höre ich gern mal Radio. Deutschlandfunk. WDR5, textlastiges Zeugs halt. Und da höre ich, dass Unternehmen, ich weiß nicht mal welche, große eben, dafür zahlen, dass der Wald in Indonesien nicht abgeholzt wird (in einem der Texte, die ich gerade dazu las, wird als Beispiel ein Zementwerk in Erwitte genannt, dass für den Wald im Amazonas zahlt). Nun wissen wir, dass Wälder und Moore wichtige CO2-Speicher sind und haben auch schon davon gehört, dass es Institutionen gibt, die zum Ausgleich für die durch den Luftverkehr entstehenden Belastungen Bäume pflanzen. Flugreise steigert CO2-Ausstoß. Baum speichert CO2. Wenn das konsequent gemacht würde, stiege zumindest nicht die Konzentration in der Atmosphäre.

Die Wälder in Indonesien sind aber schon da. Die speichern schon. Die Industrie zahlt bzw. kauft sich Verschmutzungsrechte und dafür pustet sie CO2 in die Luft, während der Wald schon da ist und jetzt nicht mehr CO2 speichert, als er das schon bisher tat. Im Ergebnis wird also wohl mehr CO2 in der Atmosphäre angereichert. Gezahlt wird dafür, dass die Wälder nicht abgeholzt oder nicht abgefackelt werden. Da geht doch was. Alle vorhandenen CO2-Speicher sind gefährdet, mehr oder weniger. Also können wir dafür zahlen, dass sie erhalten werden und dafür CO2 ausstoßen. Gezahlt wird für die Minderung der Entwaldung. Das Konzept dafür heißt REDD bzw. REDD+ und lässt sich im Netz leicht finden. Emissionsminderungen im Süden, allgemeiner: in den weniger entwickelten und waldreicheren Ländern, können in den reichen und schmutzigen Staaten angerechnet werden.

Es rettet die  Welt nicht, es rettet die indigenen Völker nicht, die den Wald nutzen. Aber es hilft den Unternehmen, die mit gutem Gewissen weiterhin CO2 abgeben können. Sie haben bezahlt und irgendwo bleiben Bäume stehen. Bezahlt wird nicht für eine tatsächliche Verminderung des CO2-Ausstoßes bzw. eine größere Speicherung, sondern dafür, dass Wald nicht vernichtet wird. Wir werden immer besser darin, die Welt zu retten, indem wir einfach Geldströme umleiten. Es wird nichts sauberer, aber wenigstens hat irgendwer daran verdient.

Aus, vorbei

Aus, vorbei

Es ist still in der Wohnung, noch früh. Elfie ist schon im Büro. Ich breite die Zeitung auf dem Tisch aus und gieße mir etwas Tee nach, nicht, weil ich noch Durst auf Tee habe, sondern weil es zur Stimmung dieses Vormittags gehört, so wie der letzte Bissen des Brötchens mit Holundergelee, des selbstgemachten Holundergelees, zu dem ich beigetragen habe, als ich den Saft und den Gelierzucker kaufte und nachhause trug. Butter auf dem Brötchen, gute Butter, wie meine Mutter immer sagte.

Die Schlagzeilen von gestern. Biden hat gewonnen. Was für eine Aufregung das war. Gerade in dem Moment , als Wolf Blitzer Joe Biden als gewählten Präsidenten ausrief, hatte ich mal wieder bei CNN nachgeschaut, wie der Stand der Dinge war. Tränen bei Van Jones, einem anderen CNN-Mann. Ein perfekter Augenblick, der Höhepunkt der Wahlberichterstattung. Ich habe es gesehen, ich war dabei, live bei CNN und das können nicht alle sagen, höchstens ein paar Milliarden Menschen weltweit.

Klar, alle anderen habe das inzwischen auch mitbekommen, in der Tagesschau, bei Heute, über welches Medium auch immer, aber das ist doch irgendwie so, als würde man sich das Video der Weihnachtsbescherung Stunden später ansehen, weil man die Bescherung verpasst hat, das Tor von Mario Götze bei der WM in Brasilien in der Aufzeichnung sehen, nachdem das Spiel schon Geschichte und das Ergebnis bekannt war. Ganz nett, aber eben Second Hand.

Abzeichen müsste es geben für die Menschen, die live dabei waren, Orden für die Veteranen der ruhmreichsten Sekunden, Minuten, Stunden und Tage der Fernsehgeschichte. Mondlandung, rumble in the jungle, der Fall der Mauer, 9/11, WM-Sieg, Biden.

Es ist so still in der Wohnung. Die Zeitung kenne ich schon, die Nachrichten sind nicht nur von gestern, die sind von vorgestern. Ob ich mal bei CNN…? Aber die Spannung ist raus, die langen Tage und Nächte, die man damit verbrachte, darauf zu starren, wie die Auszählung in Pennsylvania vorankam. Oder eben nicht vorankam. Stundenlang nicht. Stunden, in denen John King die immer gleichen Countys blau oder rot werden ließ, Erklärungen so lange wiederholte, bis auch ich sie verstanden hatte, Stunden, in denen mein passiver Wortschatz des amerikanischen Englischs ständig besser wurde, in denen ich manchmal sogar ganze Sätze verstand.

Pennsylvania hatte mich noch nie im Leben auch nur ein Stück interessiert. Transsylvanien, okay, Graf Dracula. Aber Pennsylvania? Ich kann es jetzt sogar schon fast richtig schreiben. Und das CNN-Team gehörte zum engeren Freundeskreis, das waren Menschen, mit denen ich die Tage, aber auch die Nächte verbrachte. Die müde waren wie ich und aufgeregt, erwartungsvoll wie ich.

Jetzt ist es vorbei. Wie gebe ich meinem Leben nur wieder einen Sinn?

Grundlose Freude

Grundlose Freude

„Ik werk in een kringloopwinkel en zie ertegenop om over het dragen van een mondkapje in discussie te moeten met asociale klanten die we helaas soms hebben.“

„Ich arbeite in einem Sparsamkeitsladen und freue mich darauf, mit asozialen Kunden eine Mundkappe zu tragen, die wir leider manchmal haben. Was soll man tun?“

Diese beiden kleinen Texte fand ich zu meiner großen Freude bei Facebook. Es wird sehr schön deutlich, was eine automatische Übersetzung so leisten kann und was nicht.

Der untere Text besteht aus zwei makellosen deutschen Sätzen. Der zweite erschließt sich augenblicklich, auch wenn er mit „Was soll ich tun?“ angemessener übersetzt wäre. Der einleitende Satz hat es aber in sich. „Ich arbeite in einem Sparsamkeitsladen“ ist schon recht frei übersetzt, der Kreislaufladen hätte nähergelegen. Gepasst hätte halbwegs Secondhand-Laden, wobei die Kringloop-Läden in den Niederlanden die Waren nicht in Kommission nehmen. Alle abgegebenen Gegenstände werden nicht an den Kringloop verkauft, sondern verschenkt. Dafür werden die Sachen preiswert wieder abgegeben. Im Laden arbeiten oft Menschen, die auf dem ersten Arbeitsmarkt kaum Chancen haben. Die Kundschaft besteht keineswegs nur aus Menschen, die auf Billigware angewiesen sind, denn im Kringloop finden sich oft echte Schnäppchen.

Okay, ich habe etwas weit ausgeholt. Sparsamkeitsladen beschreibt die Idee, wenn ich es mir recht überlege, doch nicht so schlecht, weil die Idee dieser Läden auch darin besteht, die Verschwendung von Rohstoffen zu vermindern, also Ressourcen zu sparen.

Gut, den Sparsamkeitsladen kann man zwar nicht durchgehen lassen, die Übersetzung ist aber nicht völlig sinnentstellend. Dass sich die Person, die den Text verfasste, darauf freut, mit asozialen Kunden eine Mundkappe zu tragen, die man dort leider manchmal hat, ist hingegen grob daneben. Leider hat man dort nicht manchmal Mundkappen, sondern gelegentlich leider asoziale Kunden. Und man freut sich erst recht nicht darauf, mit diesen asozialen Kunden eine Mundkappe zu tragen. Wie muss ich mir das vorstellen? Tandemmundkappen?

In der Übersetzung ist etwas ganz unter den Tisch gefallen und zudem ein völlig neuer Sinn entstanden. Im Original hat jemand keine Lust, mit asozialen Kunden, die man dort leider manchmal hat, über die Mundkappen zu diskutieren. Ein kleiner, aber nicht unerheblicher Unterschied zur automatischen Übersetzung.

Zeug

Zeug

Vermutlich sagen die Rummelschublade und der Werkzeugkasten mehr über einen Haushalt, als der Bücherschrank und die Plattensammlung. Okay, die Plattensammlung verrät schon mal das Alter, denn wer eine Plattensammlung sein eigen nennt, ist entweder Hipster oder… äh… alt. Eine Rummelschublade und ein Werkzeugkasten gehören aber zu jedem Haushalt, so zu jedem Haushalt, dass sie eigentlich bei Ikea im Angebot sein sollten. Und damit meine ich nicht die Schublade, die man natürlich im Möbelladen bekommt und den Werkzeugkasten, den man vermutlich auch im Möbelladen, aber ganz bestimmt im Baumarkt kaufen kann.

Die Rummelschublade darf sicher mit der Wundertüte verglichen werden, von der ich allerdings nicht weiß, ob es sie noch gibt. Ihr Name versprach keineswegs, was wir zu finden hofften, nämlich etwas Wunderbares, sondern lediglich, dass ihr Inhalt Verwunderung auslöste. Enttäuschung wäre vielleicht eine zutreffendere Bezeichnung. Aber wer hätte von seinem mageren Taschengeld schon eine Enttäuschungstüte gekauft?

Dass hier die Rummelschublade und der Werkzeugkasten in einem Text, schlimmer, in einem Kontext aufgeräumt – nein, natürlich nicht auf-, sondern abgeräumt werden, spricht allerdings Bände. Und für die Jüngeren unter den Leser*innen: Nein, Bände ist kein falscher Plural von Band im Sinne von gemeinschaftlich musizierenden Menschen, sondern bezieht sich auf Bücher, die, so war das früher, manchmal sogar in mehreren Exemplaren in einem Haushalt vorkamen. Mehrbändig waren zum Beispiel Lexika. Daraus ist aber nicht abzuleiten, dass ein einzelnes Buch als Einband bezeichnet wird. Damit wäre in all dem Durcheinander dieses Textes immerhin auch noch ein Bildungsauftrag erfüllt.

Unser orangefarbener Werkzeugkasten, übrigens ein Geschenk meines Vaters, ist so etwas 40 Jahre alt. Er ist von beeindruckender Größe, jedenfalls für Menschen, die außer einem Hammer, einer Zange und ein paar Schraubendrehern eigentlich kein Werkzeug benötigen. Er ist sogar so groß, dass wir, was wir gerade suchen, nicht finden.

Okay, das hängt vielleicht nicht so sehr von der Größe des Kastens, sondern mehr von unserem Ordnungssystem ab. Dieses System besteht darin, dass wir alles, was einmal gebraucht werden könnte oder was uns so fremd ist, dass wir uns nicht trauen, es einfach wegzuwerfen, im Werkzeugkasten aufzubewahren versuchen.

Bei manchen… Sachen?.. wussten wir zum Zeitpunkt der Einlagerung eventuell auch noch, wozu sie dienen sollten, inzwischen sind sie aber zu mysteriösen Artefakten menschlichen Erfindungsreichtums geworden. Kunststoff- und Metallteile in seltsamen Formen und Maßen, mit und ohne Löcher, gern in altersmilden Farben. Zwischen Schraubenziehern mit rundgedrehten Spitzen und krummen Nägeln, keine Ahnung, wer die in den Kasten geworfen hat, Schrauben und Dübel, Muttern und Unterlegscheiben. Gern auch mal ein Reißbrettstift, der sich schmerzhaft unter den Fingernagel bohrt, wenn gerade wieder einmal etwas gesucht wird. Und natürlich Staub und Flusen. Natürlich nicht aus den letzten vierzig Jahren. Manches davon muss älter sein. Heute habe ich  aufgeräumt. Also von rechts nach links und von oben nach unten. Von einigen krummen Nägeln konnten wir uns trennen. Von Staub und Flusen natürlich auch.

Die rätselhaften Teile, hmm, vielleicht in die Rummelschublade?

Vergebliche Werbemühen

Vergebliche Werbemühen

„Echte Freiheit braucht die exklusive Ausstattung“, lese ich gerade. Ich wusste doch, dass mir was fehlte an der echten Freiheit. Ich bin auch mehr der Typ für die inklusive Ausstattung, aber wie kann ich überhaupt wissen, wie sich echte Freiheit anfühlt, wenn ich mir die exklusive Ausstattung nicht leisten kann? „Das Beste oder nichts“ heißt es weiter. Jetzt kommt es aber richtig dicke. Gerade noch dachte ich, es fehlt mir nur an der echten Freiheit, jetzt wird mir der jämmerliche Rest, also die unechte Freiheit, auch noch madig gemacht.  Es geht um den GLE oder das GLE, ich weiß es nicht, ich kann es ja auch nicht wissen, weil das Beste ja immer noch kommen muss, also spätestens oder vielleicht sogar im Normalfall zum Schluss.

Gerade höre ich die Kraniche über dem Haus, Zugvögel, die sich sammeln und in großen Gruppen und manchmal zumindest eleganter Formation… äh… abziehen. Wenn das mal nicht echte Freiheit ist, ganz ohne exklusive Ausstattung.  Jahr für Jahr wieder und ich kann sie nicht sehen oder hören, ohne dass es mich anrührt, dass ich raus muss vor die Tür und hoch an den Himmel starre und ihnen folge mit den Augen und weiß, dass der Herbst da ist und es Winter wird und das das irgendwie traurig ist aber auch schön und das es kein Geräusch irgendeines Motors geben kann, das damit mithalten könnte. Das Beste oder nichts.  

Unhörbar

Photo by Mohammad Metri on Unsplash

Je älter ich werde, desto weniger Zeit verbringe ich damit, Musik zu hören. Die Selbstverständlichkeit, mit der ich früher das Radio einschaltete, um NDR 2 zu hören, Musik für junge Leute oder später am Nachmittag den Club, ist mir längst abhandengekommen. Je mehr Geld ich für Musik ausgeben konnte, desto weniger gab ich aus. Je teurer die Anlage wurde, desto seltener wurde sie genutzt. Das lässt sich alles vermutlich gut erklären. Irgendwann geht man eben seltener aus, hört nicht mehr, was gerade neu und gut ist, findet vielleicht auch nicht mehr gut, was neu ist und koppelt sich langsam von der musikalischen Entwicklung ab. Ein guter Zeitpunkt, Jazz zu hören. Oder ein paar Konzerte zu besuchen, bei denen ältere Herrschaften auf der Bühne stehen, die ihr Handwerk beherrschen. Was auch wieder nach Jazz klingt.

Übrigens gefiel es mir früher, dass die Künstler*innen ungefähr so alt wie ich waren, meist Weiterlesen