Sie ist wieder da

Sie ist wieder da

Sie ist wieder da. Natürlich nicht dieselbe, obwohl ich das nicht einmal überprüfen kann, aber es ist schon hinreichend seltsam, dass es die gleiche Single ist, die wir seit ein paar Tagen wieder im Haus haben. 1968 lebte ich schon in Leer in Ostfriesland, ließ meine Haare wachsen, was ja ein Prozess war, der viel Zeit und Aufmerksamkeit benötigte, damit nichts schief ging und für den konzentriertes Musikhören sehr förderlich war. Beat, so nannte sich, was wir da hörten, bis mir ein Kumpel sagte, dass es ab sofort Rock hieße. Warum die einzige geschmackssichere und unersetzliche Musiksendung im bundesweit zu empfangenden Fernsehen bis zu ihrem Ende weiterhin Beat-Club heißen durfte, hat sich mir bisher nicht erschlossen. Egal.

Ich hörte also Beat. Aber mein musikalischer Geschmack war mehr vom deutschen Schlager, als vom amerikanischen Rock’n Roll geprägt worden. Freddy, Gitte und Rex und was da noch lief, neben den beliebtesten Operettenmelodien. Damit war ich, damit waren viele meiner Generation nicht gefeit gegen den Angriff der Musikindustrie, die zügig erkannt hatte, dass das Phänomen Popmusik sich doch recht gut eignete, Kasse zu machen. Natürlich wurden schnell Bands gecastet und Hits von erfahrenen Teams produziert. Die Hitparaden waren voll von dem Zeug, Massenware für die schnelle Mark im Plattenladen. Qualitätskriterien hatte ich zunächst überhaupt nicht.

Mir gefiel, was ich hörte, wenn es nur englisch war und die Leute lange Haare hatten. Ja, manches in meiner Plattensammlung ist leider nicht anders zu erklären. Schon bald kam aber ein drittes Kriterium hinzu: Gut war, was meine Freunde auch mochten. Später war auch gut, was manche Leute nicht mochten. Inzwischen haben sich meine Ohren an den Klang der Welt gewöhnt und ich kann nicht mehr erklären, warum mein Geschmack ist, wie er ist und warum ich die Musik, die ich eigentlich mag, so gut wie überhaupt nicht höre und stattdessen ständig irgendein Zeug höre, dass ich definitiv nicht mag. Das wäre mir 1968 nicht passiert.

Oder doch, denn darum geht es hier. Als großstadterprobter Beatfan kaufte ich in Leer meine Schallplatten nicht, wie noch in Hagen, in einem kleinen, dunklen Radio-Fernseh-Laden, in der Mitte des Raumes ein paar Tische, ich weiß nicht, wie diese Teile hießen, die wie ein nach oben offenes Regal, genau, ein horizontales, nach oben offenes Regal aussahen. Da standen die LPs von Künstlern, die ich nicht kannte oder nicht mochte. Und dann gab es noch kleinere Kästen mit Singles, dem täglichen Brot des beatsüchtigen Teens. In Leer führte der zuständige Händler auch Kühlschränke, Waschmaschinen und alles, was sich die Welt des Jahres 1968 unter weißer und brauner Ware vorstellte. Mit fünf Mark in der Tasche, Geld, das zu Musik werden sollte, stand ich also in einem profanen Geschäft, das meine Kaufentscheidung für eine Nummer 1 der Hitparaden mit der für eine Wäscheschleuder gleichsetzte, nein, sie weit hinter dieser Entscheidung einordnete.

Vielleicht erklärt das, warum ich eines Tages mit der aktuellen Single der Bee Gees nachhause kam, mit World. Wie gesagt, im Radio lief Popmusik nur unter Sicherheitsvorkehrungen und mit Warnhinweisen, im Fernsehen einmal im Monat. Ich kannte manche Stücke aus der Hitparade, wenn die nicht gerade am Samstag zur familiären Badezeit lief, manche kannte ich nicht, bevor ich sie auf meinen Plattenteller legte. Wie gesagt: englisch und lange Haare. Diese Voraussetzungen erfüllten die Bee Gees. Dann hörte ich mir den Song an und er war nicht kompatibel mit den Small Faces, mit den Byrds oder mit der Spencer Davis Group. Also verschenkte ich die Single an Michael, ich weiß seinen Nachnamen nicht mehr, ein Typ in meiner Klasse mit einem Lockenkopf wie Art Garfunkel. Also der junge Art Gurfunkel. Und mit mehr Haaren. Er war glücklich, eine Platte umsonst zu bekommen, ich war froh, dass Ding los zu sein. Jetzt ist sie wieder da. Ein Kreis schließt sich. Könnte man sagen, aber weshalb sollte man?

Foto: Von NCRV – 68411162-7 pos.png Beeld en Geluidwiki – Gallery: TwienBeeGee’s bij Twien (NCRV, 1968). Archief Beeld en Geluid, catalogusnummer 68411162, fotonummer 7, CC BY-SA 3.0 nl, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9801882

Frieden schaffen!

Ich weiß nicht, was ich denken soll. Auf einmal alle gemeinsam auf der Straße, gemeinsam für mehr Waffen und für einen Schulterschluss mit jedem, der nicht Putins Positionen teilt? Irgendwas daran kann doch nicht stimmen. Irgendwas übersehen wir. Finde den Fehler. Okay, ich bin bereit, sofort die aktuell von jedem geforderte Erklärung abzugeben: Ich finde es nicht akzeptabel, dass russische Truppen in die Ukraine einmarschieren und dort was auch immer wollen.

Ich finde es aber auch nicht akzeptabel, dass jede und jeder, der über einen russischen Pass oder eine ausgeprägte Nähe zu Russland verfügt, jetzt Unterwerfungserklärungen abgeben muss, ob er nun ein Orchester dirigiert oder Fußball spielt. Das kann auch nicht die Welt sein, die wir in Zukunft wollen. Ich erinnere mich an das Ende der DDR und die peinlichen öffentlichen Befragungen bei Wetten, dass? Wer als Promi aus der DDR ins Westshowgeschäft wechselte, wurde quasi entsozialisiert, um mal einen analogen Begriff für das zu basteln, was nach dem WK II in Deutschland geschah. Auch das – die Entnazifizierung – war vermutlich richtig, vermutlich schreibe ich nur, weil ich nicht dabei war, weil ich nicht weiß, wie das gemacht wurde und weil ich weiß, dass die Persilscheine großzügig verteilt wurden und wir alle, die nicht rechtzeitig nach Südamerika flüchten konnten, zügig wieder in Amt und Würden gebracht haben.

Die DDR-Promis hatten es nicht so leicht, die mussten vor einem Millionenpublikum Farbe bekennen, und die hatte schwarz-rot-gold zu sein – ohne Hammer und Zirkel im Ährenkranz – und sie mussten Einsicht zeigen und dem Unrechtsstaat DDR abschwören. Dann erst wurden die Futtertröge freigegeben.

Wenn jemand aus Russland kommt und Putin okay findet, dann soll er das halt, solange er hier nicht gewalttätig wird oder mit Gewalt droht. Das nennt man Meinungsfreiheit. Wir dürfen dann alle aufstehen und buh rufen. Der öffentliche Gesinnungs-TÜV gefällt mir nicht. Ich sehe mich auch noch nicht auf einer Großkundgebung mit einer halben Million Menschen, die Atomwaffen für Deutschland fordern.

Da muss es doch einen anderen Weg geben, das kann doch nicht die Lösung sein. Mit mehr Waffen konnte man Syrien, den Irak oder Afghanistan doch auch nicht befrieden. Mir geht das zu schnell, zu glatt, zu einstimmig. Und in ein paar Jahren haben wir ein waffenstarrendes Deutschland in der Mitte Europas, dass jedem Angst macht, der sich nicht zu 100 Prozent bekennt. Wozu auch immer.

Immerhin können wir dann die Festung Europa gegen die Klimaflüchtlinge verteidigen, denn die werden kommen, auch wenn die Klimakatastrophe wegen anderer Katastrophen gerade mal vertagt wird.

Und ja, ich leide mit, wenn ich die Bilder aus der Ukraine sehe und die Menschen, die dort um ihr Leben fürchten und kämpfen und die jungen russischen Soldaten und überhaupt die Menschen, die einem Krieg ausgesetzt sind, den niemand braucht.

fie muß fie auch deuten

fie muß fie auch deuten

Heute suchte ich im Netz nach der Verwendung plattdeutscher Bezeichnungen für Onkel, Tanten und andere Verwandte im Münsterland und kam, wie sich das gehört, ordentlich vom Kurs ab. Warum ich beim Handbuch der Deutschen Mythologie aus dem Jahr 1855 gelandet bin, kann ich nicht einmal sagen. Nur so viel: Es ist von Google digitalisiert worden. Eigentlich bin ich ein Befürworter der Digitalisierung von Büchern, gerade von alten Werken, an denen es keine Rechte mehr gibt und die nur ab und zu jemanden interessieren und deren Zustand es oft auch nicht erlaubt, sie im Original zu lesen. Was aber hier entstand, hat Comedy-Qualitäten. Ich stelle mir den Text vor, gelesen von einem Häschen.

„Soll die Mythologie mehr fein als Aufzählung der Götter und Helden, mehr als Darftellung ihrer Thaten und Schidfale, ſoll fih das Bewuſtſein des Volks in der vorhiftorifchen Zeit in ihr fpiegeln, fo darf fie fich nicht begnügen, die Mythen vorzulegen, fie muß fie auch deuten, den Logos des Mythos erfchließen. Dft freilich dringen wir zum Berftändnifs eines Mythus nicht vor, weil uns der Sinn noch verſchloßen ift“

So ist es, oft dringen wir zum Verständnis nicht vor, weil uns der Sinn noch verschlossen ist. „Schidfale“ mag ich übrigens besonders gern. Stellen wir uns das kurz auf der Bühne in Bayreuth vor, da zerbröselt jedes Pathos.

Die eingesetzte Software zur Schrifterkennung dürfte kurz nach der Entstehung des Originaltextes erworben worden sein und umfasst neben einigen Befehlen wahrscheinlich auch Bitten und Verwünschungen.

Bild: Von Corageousdddjrrrrr – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=46796601

Analog, digital, egal

Analog, digital, egal

Vor einiger Zeit habe ich schon ein paar alte Videos digitalisiert, was ja in Wirklichkeit nichts anderes bedeutete, als dass ich sie von einer Kassette auf den PC rüber kopierte. Okay, die technischen Details sind vielleicht etwas komplizierter, für mich reduzierte sich das aber auf die richtige Herstellung von USB-Verbindungen.

Jetzt bin ich mit Dias beschäftigt. Bis ungefähr 1990 haben wir Diafilme verwendet und nach dem Entwickeln die einzelnen Bildchen ordentlich gerahmt. Seitdem stehen sie in grauen Kästen im Schrank. Standen sie jedenfalls bis vor ein paar Tagen. Dann dachte ich mir, es könnte nett sein, diese Bilder wieder zugänglich zu machen. Heute schreckt ja der Dia-Abend niemanden mehr, denn was sind ein paar Dutzend Dias gegen die Masse an Fotos, die ein Smartphone bereithält? Bilderwochen könnte ich veranstalten, Monate, nähme ich die Festplatte meines Rechners noch hinzu. Und nichts davon will irgendwer sehen. Das immerhin haben die Digitalbilder mit ihren analogen Vorgängern gemein. Warum also sollte ich die Zahl der verfügbaren Bilder nicht um ein paar Hundert erhöhen?

Sogar der Diaprojektor war noch da und spendete Licht. Okay, die Lichtwurflampe und das Objektiv haben sich voneinander verabschiedet, so dass ich mit Fingerspitzengefühl versuchen muss, eine Einstellung zu finden, bei der das Bild einigermaßen scharf ist. Die Vorrichtung, mit der ein einzelnes Dia aus dem Magazin in den Projektor geschoben wird, ist abgebrochen. Zum Glück gibt es oben auf dem Projektor so eine Art Noteinstieg, mit dessen Hilfe genau ein Dia der Lichtquelle zugeführt werden kann. Die Automatik beginnt zu surren und versucht das Bild scharfzustellen, erreicht aber aus den genannten Gründen das Gegenteil. Also drehe und drücke ich, bis das Bild meinen bescheidenen Ansprüchen genügt und fotografiere dann das Ergebnis. Nicht von der Leinwand, die hat die dreißig Jahre nicht so gut überstanden, sondern von der Wand im Flur, der oben zwischen Bad und Gästezimmer. Da passt das Bild gerade unter den Lichtschalter links und den Türrahmen rechts.

Mit dem Smartphone lässt sich das auch fotografieren, allerdings nicht mit meinem, jedenfalls nicht, wenn man darauf verzichten kann, die eigenen cholerischen Anteile kennenzulernen. Mit der Kamera geht es besser. Nicht gut, das nicht. Nach all dem habe ich dann die Bilder da, wo sie vor dreißig Jahren auch schon mal waren: in der Kamera. Nur diesmal natürlich auf einer Speicherkarte. Und anschließend muss ich alles noch zuschneiden und vielleicht etwas bearbeiten, also heller machen oder dunkler oder einfach löschen. Wenn auch das erledigt ist, zeige ich sie allen und stoße auf mäßiges Interesse, speichere sie auf einer externen Festplatte und vergesse sie dort wahrscheinlich endgültig. Die Dias könnte ich jetzt entsorgen, aber…mhm, vielleicht warte ich damit noch ein paar Jahre.

Meine Vorgehensweise ist natürlich gänzlich unprofessionell. Es gibt Diascanner für richtig viel Geld, Handbücher, Youtube-Filme. Es gibt sogar Unternehmen, die sich darauf spezialisiert haben, die Urlaubsfotos von 1982 vorzeigbar zu machen und die Highlights des vierunddreißigsten Geburtstags, an den sich zurecht niemand mehr erinnert. Aber mein Vater, der hätte das auch so hübsch umständlich gemacht.

Junge Stimmen

Junge Stimmen

Wir entscheiden die Wahlen. Klingt trivial, ist es auch. Natürlich, wer sonst? Klingt weniger schön, wenn man sich dieses wir genauer ansieht, denn wir, die Alten entscheiden. Ab wann man sich zu den Alten zählt, interessiert mich eigentlich nicht sehr, aber die Wählerinnen und Wähler, die 50 und älter sind, stellen die Mehrheit der Stimmberechtigten und nicht nur das, ihr Anteil an denen, die tatsächlich wählen, ist noch einmal größer. Wir dürfen nicht nur wählen, wir tun es auch. Und in den nächsten Jahren wächst diese Gruppe weiter.

Wir sind die, denen es gut geht. Ja, ich weiß, nicht allen ab 50 geht es gut. Wir sind auch die, die mehr Zeit beim Arzt verbringen, als gut für die Krankenversicherungen ist. Zu uns gehören auch diejenigen, die kaum mit ihrem Geld auskommen und die jobben müssen, bis der Arzt kommt. Aber der kommt ja nicht, der behandelt unsere Zivilisationskrankheiten.

Wir sind tendenziell konservativ, wir wollen nicht, dass sich Dinge ändern, weil wir uns die Namen der Handelnden dann nicht mehr merken können und in einer Welt, in der nichts mehr sicher zu sein scheint, sollten wenigstens die Renten sicher sein. Wir machen uns keine großen Sorgen um den Klimawandel, weil wir mehr Angst vor Kriminalität und Terrorismus haben, vor zu vielen Ausländern und zu wenigen Pflegerinnen und Pflegern. Vor dem Gendern und davor, dass die Bäckerblume und die Apothekenrundschau eingestellt werden könnten. Wir mögen es sicher, sauber und satt. Gegen uns entscheidet keiner.

Nach uns die Sintflut.

Vielleicht sollten wir ein Wahlrecht einführen, dass die Zahl der Stimmen, die ein Mensch bei einer Wahl abgeben kann, an die durchschnittliche Restlebenserwartung koppelt. Eine 18jähre hätte bei einer Lebenserwartung von 83 Jahren dann 65 Stimmen, eine 83jähige, gut, sein wir nett, 1 Stimme. Die, über deren Zukunft entschieden wird, würden über die Zukunft entscheiden. Jetzt sagt bloß nicht, junge Leute seien nicht erfahren und vernünftig genug. Ich weiß, was für einen Unfug ich anstelle und was für einen Unsinn ich mir zurechtdenke. Okay, es muss ja nicht gleich jeder so seltsam sein wie ich. Aber klüger und besser als der Rest sind wir auch nicht.

Wenn wir die Stimmen dann auch noch verteilen dürften, kämen viele lustige Parteien in die Parlamente. Ich fürchte nur, dass ich mit den Ergebnissen solcher Wahlen genauso unzufrieden wäre, wie mit den gegenwärtigen.

Bild: Francis Danby, Public domain, via Wikimedia Commons

Autsch

Autsch

Es gibt ein Schmerzgedächtnis, was bedeutet, dass der Körper, genauer das Gehirn oder das Rückenmark, einen Schmerzreiz, der intensiv genug war, lernt und künftig reproduzieren kann, auch wenn der Anlass dafür eigentlich nicht ausreicht. Das erklärt nicht, dass ich schon mal entschieden jammern kann, obwohl es überhaupt nicht schlimm ist. In solchen Fällen geht es nämlich nicht um das Schmerzgedächtnis, das mir Böses will, sondern um fehlende Aufmerksamkeit. Wer Kinder hat oder mal ein Kind war, weiß, wovon ich schreibe.

Hier will ich aber von einer eigenen Erfahrung berichten, die mit einem Schmerz begann. Zu meinen hauswirtschaftlichen Aufgaben, über die ich nicht groß klagen will, gehört auch, dass ich ab und an die Fensterbänke abwische. Unsere Fenster werden durch Raffstoren beschattet, ein System, das aus Kunststofflamellen besteht, die durch Bänder zusammengehalten werden. Und durch Drähte. Diese Drähte stehen unten hervor, ragen also ein Stückchen aus der untersten Lamelle heraus und wenn man unvorsichtig über die Fensterbank wischt, kann man sich an einem solchen Draht die Haut aufschürfen.

Den Schmerz, der dabei entsteht, hat mein Körper verinnerlicht. Interessanterweise, also interessant für mich, funktioniert dieses Schmerzgedächtnis aber nur, wenn der Draht auch da ist und ich den Lappen in der Hand halte, verbunden mit dem festen Willen, jetzt auch die Fensterbank zu wischen. Es  lässt sich nicht täuschen. Jetzt, da ich darüber schreibe, weiß ich, dass es wehtat, ohne den Schmerz zu spüren. Gehe ich an der Fensterbank vorbei, passiert nichts. Nehme ich den Lappen und nähere ich mich putzwillig der Fensterbank, ist der Schmerz da. Ein strahlender, blitzblanker Schmerz. Ohne körperlichen Kontakt, einfach so, auch nicht an einer konkreten Stelle der Hand, sondern als psychisches Erlebnis. Ich erfahre den Schmerz. Ganz großes Kino. Und immer wieder. Aber nur bei der Fensterbank vor dem Haus.

Wenn unsere Schmerzgedächtnis ein wenig menschenfreundlicher wäre, wie friedlich die Welt dann wohl wäre? Wenn wir spürten, was der andere fühlt, den Schmerz eines anderen Menschen körperlich erführen wie den eigenen, wem könnten wir noch wehtun?

Bild: Von Guillaume Duchenne – Scanned from 1965 version with foreword by Konrad Lorenz published by University of Chicago Press, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4045698

Verpusten

Verpusten

In der Nachbarschaft übt jemand ein Blasinstrument. Welches, das kann ich nicht erraten, aber er übt, das erkenne ich auch als Laie, mit großem Enthusiasmus.  Ein Stück nach dem anderen, jedenfalls nehme ich an, dass es sich um Werke aus der Literatur handelt. Zu meiner Zeit, also als ich noch singen sollte, ja, singen musste, weil es um Noten ging, Singen für, nicht nach Noten, also in der Schule – was für ein blöder Satzanfang übrigens: zu meiner Zeit. Lesen könnte man es vielleicht auch noch nach meiner Zeit, schreiben kann ich aber nach meiner Zeit gewiss nicht. Also: Zu einer Zeit, die auch meine Zeit war, die aber schon ein wenig zurückliegt, war für das Singen die Mundorgel unverzichtbar. Vielleicht gibt es für die Bläser ja den Pustekuchen.

So ein langer Anlauf für einen müden Gag!

Der Nachbar spielt anscheinend durch, was man ihm vorlegt. Bisher hatte ich angenommen, dass man Teile,  die man noch nicht so gut beherrscht, wiederholt, bis man sie beherrscht, aber mein Nachbar hat gewiss schon beim ersten Mal gemerkt, dass er ein bestimmtes Stück oder den Teil zwischen der ersten und der letzten Note nicht so recht kann, so dass er sich nicht weiter damit belasten muss und gleich zum nächsten Kracher übergehen kann.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich genieße tatsächlich, was ich da höre. Es stimmt mich milde und gibt mir den Glauben an die Menschheit zurück. Wo so etwas möglich ist, so ein zweckfreies Getute, ist alles möglich. Zuverlässig am nächsten passenden Ton vorbei, voller heiterer Unbekümmertheit gegenüber der Welt und den Komponisten, dass ich lächelnd lausche. Selbst die Hühner sind nicht mehr zu hören und das liegt nicht daran, dass ihre akustische Nische besetzt wäre und sie sich deshalb aufs Eierlegen konzentrieren würden. Windeier würden das, die Hühner gehören besagtem Nachbarn. Vielleicht sitzen sie aufgereiht auf ihrer Stange und grinsen.

Beitragsbild von Oliver Abels (SBT) – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=24982702

In aller Eile

In aller Eile

Ich ertappe mich dabei, dass ich nicht das Buch lese, das ich schon vor mir auf den Tisch gelegt habe, sondern mal wieder das Smartphone in der Hand halte und die Kritik einer Talkshow durchgehe.

Bei der Gelegenheit: Zählt das als körperliche Betätigung, praktisch als Sport, wenn man Texte nicht liest sondern durchgeht? Na, vermutlich nicht, meiner für meine Fitness zuständigen App war das jedenfalls völlig egal. Ich werde sie deinstallieren, denn seit sie mir täglich vor Augen führt, dass ich meine Ziele mal wieder nicht erreicht habe, fühle ich mich viel weniger fit als damals, als ich mir noch einreden konnte, doch eigentlich recht viel zu Fuß oder auf dem Fahrrad unterwegs zu sein. Gut, dass das Ding keine Zugriff auf andere Dienste hat, sonst hätte es vielleicht schon den Notdienst oder gar den Bestatter angefordert.

Aber ich habe einfach keine Zeit für Bewegung. Ich muss ja diesen Artikel lesen, also ich muss nicht, aber ich tue es ja, obwohl ich eigentlich nicht mal die Talkshow sehen wollte. Ich bin da nur reingeraten und irgendwie hängengeblieben. Und jetzt schreibe ich auch noch über eine Talkshow, die ich nicht sehen wollte und den Bericht in der Online-Ausgabe irgendeines Magazins,, den ich eigentlich auch nicht lesen will, für das ich keine fünf Pfennig – sagt man das noch oder heißt das jetzt keine fünf Cent – ausgeben würde, gäbe es eine Bezahlschranke. Gäbe es allerdings für diesen Artikel eine Bezahlschranke, dann würde ich vermutlich ziemlich lange rumrecherchieren, ob ich nicht irgendwo kostenlos an diese Information kommen könnte, die mich doch keinen Deut interessiert.

Prokrastination heißt das wohl und ja, selbst das Buch, das ungelesen auf dem Tisch liegen blieb, wäre nur eine weitere Ausflucht gewesen, denn ich weiß ja, was ich zu tun habe und dass die Zeit schon knapp wird. Ich spüre gerade mal in mich hinein, ob sie schon knapp genug ist, ob ich schon diesen Druck spüre, dieses Zittern, dass es diesmal wirklich nicht reichen wird, bestimmt nicht und ich nicht mal eine Ausrede habe, wenn es denn keine sein sollte, dass ich keinen hinreichenden Druck verspürt habe.

Und ja, ich glaube, es wird knapp, vielleicht sogar zu knapp, weil dieser Text ja auch noch hochgeladen werden muss, ein Bild muss gefunden werden, eine Überschrift, ein paar Schlagwörter und wenn ich gerade dabei bin, dann tauchen da im Reader ein paar Texte auf, die ich ganz schnell, nur mit einem Auge, auch nur mit dem linken, aber doch noch lesen muss. Jetzt aber schnell, die Zeit reicht nicht mehr, um noch nach groben Fehlern und dem besseren, weil treffenderen Wort zu suchen.

Wie komme ich hier jetzt raus? Egal. Aus.

Radio Rock´n´Roll

Radio Rock´n´Roll

Wo sind die Erinnerungen, wenn wir uns nicht gerade mit ihnen beschäftigen? Ja, ich habe schon davon gehört, dass Informationen vom Kortex, von uns Laien im Alltag als Großhirnrinde bezeichnet, zum Hippocampus, dem  Großhirn, geleitet werden und dort offenbar herumliegen, bis sie in umgekehrter Richtung wieder abgerufen werden. Höre ich Großhirnrinde, denke ich an etwas Knuspriges, dunkelbraun vielleicht und Hippocampus klingt für mich nach einem  großen Platz voller Flusspferde, ein recht schönes Bild, an das ich mich bestimmt noch lange erinnern werde, wobei wir wieder beim Ausgangspunkt sind.

Da ich noch nicht nachgeschaut habe – und auch in Zukunft nicht die Absicht habe, niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen, so funktioniert das mit dem Erinnern, ich rufe überhaupt nichts ab und trotzdem feuert der Hippocampus aus vollen Rohren. Was für ein kriegerisches Bild bei einem Kriegsdienstverweigerer. Will ich aber wissen, wie dieser Typ hieß, der mal bei  mir auf der Matte stand, um sich zum Thema Kriegsdienstverweigerung beraten zu lassen, drehen sich die Flusspferde weg und zeigen mir nur ihr mächtig breites Hinterteil.

Da ich noch nicht nachgeschaut habe, soweit waren wir gerade, weiß ich natürlich nicht, wie die Speicherung physisch aussieht, aber ich mache mir da keine Illusionen. Im Normalfall dürfte das so aussehen wie bei der Speicherung von Strom. Den sieht man auch nicht zittern und beben, glimmen und gespannt, vielleicht sogar hochgespannt auf den Einsatz warten. Also werden die Erinnerungen auch nicht in mit Thumpnails oder Icons oder gar mit farbverschiedenen Prägeetiketten markierten Schubladen in grauen Metallregalen herumliegen.

In der BWL spricht man von chaotischer Lagerhaltung und meint damit, dass es keinen vorgegebenen Lagerort für bestimmte Dinge gibt, sondern etwas dort eingelagert wird, wo gerade Platz ist. Finden lässt es sich dann nur, wenn an anderer Stelle genau Buch darüber geführt wird, wo etwas hinterlegt ist. Ich weiß nicht, ob das für das Gedächtnis auch so zutrifft, bei mir scheint es sich eher um eine Art aus dem Ruder gelaufenes Tischtennismatch zu handeln, bei dem es von allen Seiten Bälle hagelt, die manchmal auf einen Schläger treffen, manchmal irgendwo im Dunklen verschwinden und manchmal Begeisterungsstürme auslösen. Also bei mir, ich verzichte meistens darauf, vor Publikum Erinnerungen auszupacken. Das ist ja wie mit gut verpackten Geschenken, man weiß nicht, was drin ist und ob  man sich darüber freuen wird.

Mit anderen Worten: Keine Ahnung, wo das alte Zeugs herumliegt, von dem man sich, selbst wenn man es wollte, nicht trennen kann und das hervorpurzelt, wenn man ganz was anderes sucht. Gestern jedenfalls machte ich mich mal wieder auf den Weg auf den Erinnerungshügel. Ich weiß, das klingt wie ein dürftig begrünter Huckel in der Landschaft, vielleicht auf einem Friedhof, mit Ausblick auf viel Thuja und Buxus. Ist aber eine Lebensphase, an die wir uns gut erinnern können, etwa vom 10. bis zum 30. Lebensjahr. Bei mir hatte das mit Musik zu tun, mit einer Erinnerung daran, wann ich eigentlich zum ersten Mal Popmusik, genauer Beat gehört habe. Vermutlich war das im Radio und deshalb wird sich das auch kaum ermitteln lassen. Erst waren da nur Schlager und volkstümliche Musik. Mein Vater liebte Ernst Mosch und seine Original Egerlänger Musikanten  und die Oberkrainer. Zwischendurch die Musik der neunzehnhundertzwanziger Jahre und beliebte Operettenmelodien.

Das Radio war gefühlt immer an. Ich weiß nicht, ob ich kurz gezuckt habe, als ich die Beatles zum ersten Mal hörte. Es dauerte jedenfalls bis 1965, bis ich meine erste Single kaufte. Vorher – und das wollte ich erzählen – schenkten mir meine Eltern zwei Platten. Die erste hieß „Original Liverpool Sound“ und stammt, wie ich gerade recherchiert habe, aus dem Jahr 1963. Ich war zehn Jahre alt, Glück gehabt, noch gerade den Erinnerungshügel erwischt. Außerdem werde ich die Platte, eine EP, jetzt sorgfältiger aufbewahren. Im Safe, neben den Bitcoins, die mir der freundliche Herr an der Haustür für 78.000 € verkauft hat, zum Schnäppchenpreis und sie passen auch in den Münzschlitz bei den Einkaufswagen beim Aldi. Glitzern nicht mal, das hätte man für so viel Geld schon erwarten können. Also der Original Liverpool Sound ist offensichtlich ein Sammlerstück, Musik, die man kaufen, aber auf keinen Fall hören möchte. Beim Deutschen Schallplattenclub als Lizenzausgabe des Decca-Originals erschienen. Ich kann jetzt nicht mehr weiterschreiben, muss dringend den Wert meiner anderen alten Schätzchen, was für einen neuen, silbernen Klang dieses Wort plötzlich bekommt, überprüfen.

Draußen vor der Tür

Carl Spitzweg, Public domain, via Wikimedia Commons

 

Wessen Garten ist das eigentlich? Also bezahlt haben wir schon dafür, nicht nur den Kaufpreis, sondern auch die Anlage. Damit meine ich keinen Landschaftsarchitekten, sondern einfach nur einen GALA-Bauer, der Erde aufschüttete, Rasen einsäte und die Terrasse pflasterte. Den Rest haben wir gemacht. Also meine Frau. Ich habe an meinen beiden linken Händen leider keinen grünen Daumen. Dann haben wir wieder bezahlt, weil der Maulwurf in Arbeitsteilung mit den Wühlmäusen unseren Rasen in eine Hügellandschaft verwandelt hatte. Rasen raus, Netz auf die Erde, Rollrasen drauf. Alles gut.

Bis auf die Wühlmäuse, die die Ränder des Rollrasens erkundeten und in der Folge rechts und links vom Netz unter den Beeten auftauchten. Ich legte einen Stein auf ihre Haufen und sie einen Zahn zu beim Bau eines neuen Haufens.

Der Specht hackte in die verbliebene haufenfreie, naja, haufenfrei, es gibt da einen Hund in der Nachbarschaft… aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls beschloss ein Specht, unseren Rasen auf das Vorkommen von Insekten zu untersuchen, die leider nicht an der Oberfläche lebten, sondern deren Jagd einiger Tiefbauarbeiten bedurfte.

Unterdessen versteckten die Eichhörnchen, im häuslichen Jargon salopp E-Hörner genannt, eins, zwei oder drei, je nach Jahres- oder Tageszeit, Nüsse in den Blumentöpfen, in denen eigentlich Tulpenzwiebeln auf den Frühling warteten.

Wenn nicht vor dem Frühstück schon eine Portion Nüsse bereitliegt, schaut Weiterlesen

Augen auf und durch

Adolfo Hohenstein (1854–1928), Public domain, via Wikimedia Commons

Sag ich’s oder sag ich’s nicht? Aber vermutlich sind die Würfel ja längst gefallen, alle Entscheidungen ohne das Zutun meines Bewusstseins getroffen und ich – also der, der nach außen verantwortlich ist für all das, was hier verzapft wird – stehe oder besser sitze nun da und muss damit fertig werden.  John-Dylan Haynes, Hirnforscher an der Charité, ja, es gibt dort nicht nur Virologen und Leute, die Nawalny behandeln, hat sich – und das wollte ich nun wirklich nicht hier ausbreiten, oder vielleicht ja doch, vielleicht ist es das, was Haynes meinte bzw. erforscht hat – also ich fange besser einen neuen Satz an.

Haynes hat sich mit der Frage des freien Willens beschäftigt, die mir im ersten Satz dieses Textes in die Quere kam. Dabei geht es nicht um so etwas wie Gedankenfreiheit, die man von einem rabiaten Despoten oder einem weisen Herrscher einfordern könnte, sondern darum, ob der Mensch tut, was er will oder ob dieser sein Wille schon vorbestimmt ist. Nicht im großen Buch des Schicksals, in dem alles, was mir widerfahren wird, schon geschrieben steht und das ich gern mal lesen möchte, oder nein, doch nicht, sondern ob das Gehirn Entscheidungen trifft, die dem Bewusstsein dann als seine eigenen Ideen verkauft werden, so wie man das mit einem Vorgesetzten auch macht, wenn man erfolgreich sein will.

Es gab dazu schon Tests, bei denen die Teilnehmer zu einem beliebigen, von ihnen frei zu wählenden Zeitpunkt den Arm heben sollten. Schaut man sich die Abläufe in ihrem Gehirn an, kann gezeigt werden, dass dort schon vor der Bewegung die Entscheidung fällt. Da gibt jemand den Startschuss Weiterlesen

Es geht voran

Wir liegen mal wieder voll im Trend oder eigentlich nicht, also nicht wieder, aber schon voll im Trend. Das passiert uns eigentlich nicht so oft, andererseits ist man ja kaum mal allein mit seiner vermeintlichen Besonderheit, seinem speziellen Geschmack oder seinen komischen Ideen. Ich merke das immer, wenn mir mal eine Formulierung eingefallen ist, von der ich denke, ja, da ist dir aber mal eine Formulierung eingefallen, aber dann frage ich Väterchen Google und es ist eigentlich immer so, dass genau diese meine superoriginelle Idee schon mal jemand hatte, vor fünf Jahren oder so und nein, nicht nur einer. Meistens gibt es schon ein Buch, das so heißt, eine Kindertagesstätte und irgendwas mit Kultur. Trends haben, so dachte ich, mit dem Alter zu tun und wer älter wird, ist vor Moden und Trends geschützt, aber nein, man tut, was man meint, tun zu müssen und schon tut man, was alle gerade tun müssen. Wandern und Radfahren waren wohl die Aktivitäten des Jahres und ja, wir waren dabei.

Als habe eine allgemeine Mobilmachung stattgefunden, versammelte sich praktisch das ganze Land an den Wochenenden auf den Wanderparkplätzen. Wanderparkplätze sind mitnichten Parkplätze, die gemeinsam mit den Wanderbaustellen auf den Autobahnen voranschreiten, sondern stellen praktisch das Ende der Automobilität dar, sind der Punkt, an dem das Auto geparkt und die Insassen freigelassen werden.

Wandern unterscheidet sich vom Gehen oder dem Spazieren dadurch, dass man sich entsprechend auszustatten hat. Also Schuhwerk und Naschwerk. Aber auch Pflaster, Getränke, Äpfel, Bananen, belegte Brötchen, Papiertaschentücher, ich erkläre an dieser Stelle nicht, warum es keine Stofftaschentücher sein sollten, Fernglas, Kamera und Handy. Ein Ausdruck der Route, der, wenn sie gut markiert ist, nicht gebraucht wird und wenn sie schlecht markiert ist, zu nichts zu gebrauchen ist. Ein Rucksack oder Weiterlesen

Ein Gutschein für Tante Emma

Thomas photography, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Common

Armin Laschet hat uns alle dazu aufgerufen, Gutscheine örtlicher Unternehmen zu verschenken, statt bei großen Konzernen zu kaufen, die in Europa keine Steuern zahlen. Dazu sind ein paar Anmerkungen notwendig. Die erste, ganz spontane: Hallo, sind wir das, wir Konsumenten, die dafür verantwortlich sind, dass Amazon, denn auf Amazon zielt Herr Laschet ja, keine oder kaum Steuern zahlt? Ich hatte bis gerade noch gedacht, dass das eine Aufgabe der Politik sei. Schauen wir doch mal, ah ja, da war doch was: Frankreich erhebt eine Digitalsteuer. Komisch, wieso nur Frankreich?

Weil Deutschland, also Frau Merkel, zwar Herrn Macron versprochen hat, die Besteuerung der Internetgiganten anzugehen, also auf der europäischen Ebene eine gemeinsame Lösung zu finden, dann aber wurde Herr Scholz losgeschickt, um auf genau dieser europäischen Ebene diese Lösung zu verhindern. Der übliche Weg.  

Deutschland hat nämlich kein so großes Interesses an dieser Steuer, weil die Amerikaner möglicherweise verärgert waren und dann mit Steuern auf unsere Exporte reagieren könnten. Exporte. Wenn es etwas gibt, das uns heilig ist, dann unser Export. Damit verdienen wir Geld. Also nicht wir, schon die deutsche Wirtschaft und zwar richtig. Da kann der Einzelhandel nicht mithalten. Zumal der ja eher den Import ankurbelt, Zeugs, das in China hergestellt wird, wie Handys, Kameras, Spielekonsolen. Oh, betreibt der Kandidat um den Vorsitz der Union etwa Exportförderung für China?

Also noch mal: Man kann, wenn man will, eine europäische Lösung finden. Will man aber nicht. Dann macht das Frankreich eben allein. Als nächstes beklagt man, dass Amazon keine Steuern zahlt und ruft zum Boykott auf.

Ob ein Boykottaufruf rechtlich zulässig ist, wäre zu prüfen, mir aber in diesem Falle egal. Ich denke, dass Amazon das schon selbst prüfen wird. Der Aufruf, nicht im Netz zu kaufen, träfe allerdings auch viele einheimische Unternehmen, die ihre Produkte eben nicht mehr nur stationär, sondern über Onlineshops oder direkte über Amazon vertreiben. Ob Herr Laschet das mitbedacht hat? Und wo überhaupt bekomme ich meine Gutscheine, wenn die Läden ab morgen dicht sind? Online vielleicht? Oder alle noch heute? Ach nein, die basteln wir selbst, schön am PC mit Cliparts und lustigen Schriftarten, kostet auch nichts und bis die Läden wieder öffnen dürfen, sind die Dinger auch längst vergessen. So machen wir anderen eine Freude, schonen unser Budget und wischen bei der Gelegenheit gleich auch China noch einen aus.

Leise gehen

Leise gehen

Der Text, den ich heute hier veröffentliche, ist neu, aber er beschreibt Erfahrungen, die ich vor über vierzig Jahren gemacht habe. Mein Anspruch war nicht, die Verhältnisse so objektiv wie möglich darzustellen, sondern meine Sicht auf eine Realität, die manche vielleicht als bedrückend erleben mögen.

Leise gehen

Das Zimmer liegt am Ende der Station, es ist das Ende der Station. So, wie Menschen sich spezialisieren, etwas gut können, spezialisieren sie auch Räume. Manche werden zu Bädern, Küchen, Fluren oder Schlafzimmern, nur ganz wenige aber werden zu Sterbezimmern. Dabei gehört doch wirklich nicht viel dazu, denn so, wie überall gelebt wird, wird auch überall gestorben. Zum Sterben, wenn es seine Ordnung haben soll, braucht es nur wenig Platz und eigentlich fast keine Möbel. Ein Bett genügt schon. Ein Stuhl, vielleicht ein Tischchen, aber das interessiert die Sterbenden schon nicht mehr, das ist Deko, die es den Lebenden leichter macht einen Raum zu ertragen, in dem nur noch geatmet wird und dann auch das nicht mehr.

In dieses Zimmer kommt keiner wie Goethe, der in seinem Lehnstuhl starb und bis in die letzten Minuten die Weltbühne bespielte. „Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen! Gib mir dein Pfötchen“, soll er gesagt haben. Hier verlangt auch niemand nach mehr Licht. Nach nichts verlangt man hier und wenn doch, dann geht’s zurück auf die Station, dann stellt man sich erneut an und wartet, bis man wirklich an der Reihe ist. Nicht einmal der Schmerz, niedergekämpft oder weggespritzt, darf mit in diesen Raum, in dem es leise ist, immer, auch wenn nebenan in der Teeküche das Personal schwatzt und raucht und die Spülmaschine läuft, weil die Stille in die Wände eingezogen ist wie Nikotin in die Tapeten.

Keiner kommt. Kein Besucher, kein Geistlicher. Manchmal öffnet sich die Tür und eine Schwester prüft, ob alles seine Richtigkeit hat. So, wie aufmerksame Eltern einen Blick ins Kinderzimmer werfen um zu sehen, ob die lieben Kleinen auch schon schlafen, schaut sie, ob der Sterbeprozess voranschreitet. Die Atmung flach, die Füße und die Unterschenkel kalt, eiskalt. Das dauert noch. Da wird die Nachtschwester noch einmal schauen müssen, ob das Bett wieder neu bezogen werden, das Zimmer wieder neu belegt werden kann.

Man ist nicht gefühllos, aber der Tod ist hier kein Drama. Hier hört das Leben einfach auf, manchmal ganz unbemerkt. Ob es einen Himmel gibt oder eine Hölle, solch große Fragen stellt hier keiner. Einen Leichenkeller, den gibt es, soviel ist sicher und danach verlieren sich die Spuren.

Am anderen Morgen, wenn die Tür offensteht und das Bett frisch gemacht ist, dann darf der Zivi, der mal wieder durchgemacht hat, dort noch eine halbe Stunde schlafen.

Ich glaub, ich steh im Wald

Ich glaub, ich steh im Wald

Die CO2-Konzentration in der Atmosphäre steigt weiter und das ist keine gute Nachricht. Was könnte man denn da tun? Den Ausstoß von CO2 verringern? Na ich weiß nicht, da müsste man doch entweder über unseren Konsum nachdenken und nicht nur nachdenken oder aber die CO2-Produzenten müssten ihren Ausstoß verringern, was technischen Veränderungen, also Investitionen, erforderlich macht. Das wäre allerdings wirklich lästig.

Es gibt aber einen Weg, der viel besser ist. Diejenigen, die viel CO2 an die Umwelt abgeben, verrechnen das mit denen, die wenig CO2 abgeben. Das nennt man Emissionshandel. Im Ergebnis ist natürlich nicht weniger CO2 in der Atmosphäre, es ist nur Geld von A zu B geflossen. Die Idee des Emissionshandels besteht darin, dass die zu handelnden Zertifikate, also Verschmutzungsrechte, verknappt und damit immer teurer werden, so dass irgendwann die Veränderung der Technik günstiger ist als der Preis der Verschmutzung.

Jetzt kenne ich unsere Wirtschaft nicht erst seit gestern und kann schon mal zuverlässig voraussagen, dass, wenn es soweit kommen sollte, der Zusammenbruch der Güteversorgung, mindestens Hunger und vielleicht sogar keine neuen Autos mehr drohten, wenn nicht sofort der Staat mit Subventionen einspringen oder aber Ausnahmegenehmigungen erteilen würde. Beim Strom machen wir längst ähnliches. Die großen Verbraucher bekommen Rabatte, letztlich mit dem Erfolg, dass sie Strom eben nicht einsparen müssen.

Nun aber zum Anlass dieses Textes. Während ich meinen Koch-, Putz- und sonstigen Aufgaben nachkomme, die dafür sorgen, dass meine Tage nicht nutzlos vergehen, höre ich gern mal Radio. Deutschlandfunk. WDR5, textlastiges Zeugs halt. Und da höre ich, dass Unternehmen, ich weiß nicht mal welche, große eben, dafür zahlen, dass der Wald in Indonesien nicht abgeholzt wird (in einem der Texte, die ich gerade dazu las, wird als Beispiel ein Zementwerk in Erwitte genannt, dass für den Wald im Amazonas zahlt). Nun wissen wir, dass Wälder und Moore wichtige CO2-Speicher sind und haben auch schon davon gehört, dass es Institutionen gibt, die zum Ausgleich für die durch den Luftverkehr entstehenden Belastungen Bäume pflanzen. Flugreise steigert CO2-Ausstoß. Baum speichert CO2. Wenn das konsequent gemacht würde, stiege zumindest nicht die Konzentration in der Atmosphäre.

Die Wälder in Indonesien sind aber schon da. Die speichern schon. Die Industrie zahlt bzw. kauft sich Verschmutzungsrechte und dafür pustet sie CO2 in die Luft, während der Wald schon da ist und jetzt nicht mehr CO2 speichert, als er das schon bisher tat. Im Ergebnis wird also wohl mehr CO2 in der Atmosphäre angereichert. Gezahlt wird dafür, dass die Wälder nicht abgeholzt oder nicht abgefackelt werden. Da geht doch was. Alle vorhandenen CO2-Speicher sind gefährdet, mehr oder weniger. Also können wir dafür zahlen, dass sie erhalten werden und dafür CO2 ausstoßen. Gezahlt wird für die Minderung der Entwaldung. Das Konzept dafür heißt REDD bzw. REDD+ und lässt sich im Netz leicht finden. Emissionsminderungen im Süden, allgemeiner: in den weniger entwickelten und waldreicheren Ländern, können in den reichen und schmutzigen Staaten angerechnet werden.

Es rettet die  Welt nicht, es rettet die indigenen Völker nicht, die den Wald nutzen. Aber es hilft den Unternehmen, die mit gutem Gewissen weiterhin CO2 abgeben können. Sie haben bezahlt und irgendwo bleiben Bäume stehen. Bezahlt wird nicht für eine tatsächliche Verminderung des CO2-Ausstoßes bzw. eine größere Speicherung, sondern dafür, dass Wald nicht vernichtet wird. Wir werden immer besser darin, die Welt zu retten, indem wir einfach Geldströme umleiten. Es wird nichts sauberer, aber wenigstens hat irgendwer daran verdient.

Aus, vorbei

Aus, vorbei

Es ist still in der Wohnung, noch früh. Elfie ist schon im Büro. Ich breite die Zeitung auf dem Tisch aus und gieße mir etwas Tee nach, nicht, weil ich noch Durst auf Tee habe, sondern weil es zur Stimmung dieses Vormittags gehört, so wie der letzte Bissen des Brötchens mit Holundergelee, des selbstgemachten Holundergelees, zu dem ich beigetragen habe, als ich den Saft und den Gelierzucker kaufte und nachhause trug. Butter auf dem Brötchen, gute Butter, wie meine Mutter immer sagte.

Die Schlagzeilen von gestern. Biden hat gewonnen. Was für eine Aufregung das war. Gerade in dem Moment , als Wolf Blitzer Joe Biden als gewählten Präsidenten ausrief, hatte ich mal wieder bei CNN nachgeschaut, wie der Stand der Dinge war. Tränen bei Van Jones, einem anderen CNN-Mann. Ein perfekter Augenblick, der Höhepunkt der Wahlberichterstattung. Ich habe es gesehen, ich war dabei, live bei CNN und das können nicht alle sagen, höchstens ein paar Milliarden Menschen weltweit.

Klar, alle anderen habe das inzwischen auch mitbekommen, in der Tagesschau, bei Heute, über welches Medium auch immer, aber das ist doch irgendwie so, als würde man sich das Video der Weihnachtsbescherung Stunden später ansehen, weil man die Bescherung verpasst hat, das Tor von Mario Götze bei der WM in Brasilien in der Aufzeichnung sehen, nachdem das Spiel schon Geschichte und das Ergebnis bekannt war. Ganz nett, aber eben Second Hand.

Abzeichen müsste es geben für die Menschen, die live dabei waren, Orden für die Veteranen der ruhmreichsten Sekunden, Minuten, Stunden und Tage der Fernsehgeschichte. Mondlandung, rumble in the jungle, der Fall der Mauer, 9/11, WM-Sieg, Biden.

Es ist so still in der Wohnung. Die Zeitung kenne ich schon, die Nachrichten sind nicht nur von gestern, die sind von vorgestern. Ob ich mal bei CNN…? Aber die Spannung ist raus, die langen Tage und Nächte, die man damit verbrachte, darauf zu starren, wie die Auszählung in Pennsylvania vorankam. Oder eben nicht vorankam. Stundenlang nicht. Stunden, in denen John King die immer gleichen Countys blau oder rot werden ließ, Erklärungen so lange wiederholte, bis auch ich sie verstanden hatte, Stunden, in denen mein passiver Wortschatz des amerikanischen Englischs ständig besser wurde, in denen ich manchmal sogar ganze Sätze verstand.

Pennsylvania hatte mich noch nie im Leben auch nur ein Stück interessiert. Transsylvanien, okay, Graf Dracula. Aber Pennsylvania? Ich kann es jetzt sogar schon fast richtig schreiben. Und das CNN-Team gehörte zum engeren Freundeskreis, das waren Menschen, mit denen ich die Tage, aber auch die Nächte verbrachte. Die müde waren wie ich und aufgeregt, erwartungsvoll wie ich.

Jetzt ist es vorbei. Wie gebe ich meinem Leben nur wieder einen Sinn?