Warum ich vor dem Edeka beinahe festgenommen worden wäre

Dabei hatte ich sie doch nur etwas geschüttelt. Aber der Reihe nach.

„Die Ärzte haben sie angerufen, weißt du das?“ hatte die kleine alte Frau zu der anderen kleinen alten Frau gesagt. Nicht das ich neugierig wäre, aber die Beiden sprachen wirklich sehr leise, deshalb musste ich ihnen in ziemlich geringem Abstand folgen, um überhaupt etwas verstehen zu können. Glücklicherweise hatten sie mich nicht bemerkt. Oder ignorierten sie mich etwa? Doch weshalb bemühten sie sich dann, so leise zu sprechen? Nein, entschied ich, Sie wollten nicht belauscht werden.

Was also hatten sie zu verbergen? Ging es um die Frau, die von den Ärzten angerufen worden war?

Es war doch bestimmt kein gutes Zeichen, wenn man von den Ärzten angerufen wurde. „Ihre Ergebnisse sind jetzt da. Es wäre gut, wenn Sie in die Praxis kommen würden, jetzt sofort.“ Was für ein Drama! Und nicht nur von einem Arzt angerufen zu werden, sondern gleich von den Ärzten. Also dem Facharzt für Neurologie, dem für Dyskalkulie, dem für Chirurgie und dem  für, was weiß ich, Hals, Nasen und Ohren. Das Telefon klingelt und am anderen Ende der Leitung spricht ein Ärztechor. Weil keiner von denen den Mut hat, die schlechte Nachricht allein zu überbringen. Geht das technisch? So eine Art Telefonkonferenz? Klar, geht. Nehmen wir also an, dass eine Frau von ihren Ärzten angerufen wurde, die ihr eine schlimme Nachricht überbringen mussten.

Möglicherweise war das aber auch nur so daher gesagt, dieses „die Ärzte haben sie angerufen“ und es handelte sich bloß um eine Gemeinschaftspraxis. Dr. Klingenberg, Dr. Wohlbach und Melzer zum Beispiel. Einer hat fast immer keinen Doktortitel. Es waren auch nicht die Ärzte, sondern nur die Arzthelferin. So würde das natürlich niemand erzählen: „Frau Hürter, die Sprechstundenhilfe der Gemeinschaftspraxis Dr. Klingenberg, Dr. Wohlbach und Melzer hat sie angerufen“. Unmöglich, das Weiterlesen

Peter Weiss

„Peter Weiss 1982“ von Dietbert Keßler - Eigenes Werk. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons - https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Peter_Weiss_1982.jpg#/media/File:Peter_Weiss_1982.jpg

„Peter Weiss 1982“ von Dietbert Keßler – Eigenes Werk. Lizenziert unter Gemeinfrei über Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Peter_Weiss_1982.jpg#/media/File:Peter_Weiss_1982.jpg

Was ich gerade lese? Mal abgesehen von der täglichen Dosis auf WordPress? Eine Tageszeitung, Fachliteratur, mal schnell ein paar Seiten eines Romans (‚Landgericht‘ von Ursula Krechel) – und das war es auch schon. Busfahren und Lesen gehen für mich nicht zusammen, wenn ich aber ein Hörbuch im Bus beginne, höre ich es auch im Zug weiter. Also gibt es – für mich – im ÖPNV nur Hörbücher.

‚Die Ästhetik des Widerstands‘ von Peter Weiss hatte ich mir schon lange vorgenommen. Die Bücher erschienen zwischen 1975 und 1981 und fanden in der damals noch vorhandenen linken Öffentlichkeit große Beachtung. Offensichtlich hechele ich der literarischen Welt in einem Abstand von 40 Jahren hinterher, wenn ich einmal daran erinnern darf, dass meine Ausgabe von Otto Jägersbergs Weihrauch und Pumpernickel auch aus dem Jahre 1975 stammt.

Okay, das Hörspiel zu Peter Weiss Buch ist erst 2007 erschienen, ich bin also noch recht früh dabei. Ich habe Weiterlesen