Schwein

ich sitze ein

warum

stellte dir ein bein

du sitzt beim wein

warum

dir schenkt man ein

darf das so sein

wieso

der hats und die kein schwein

Rainer Strobelt

26.10.22

Und nun der Werbeblock:

Als Rainer Strobelts neues Buch „Strittig die dritte: Frische Kurzprosa vom kolossalen Minimalisten“ erschien, habe ich dazu die folgende Rezension verfasst:

Bereits zum dritten Mal lässt Rainer Strobelt sein Alter Ego zu Wort kommen. Strittlinge nennt er seine Kurzprosa, seine Einwürfe, Widersprüche und Gedankenblitze. „Sich mit Worten auseinandersetzen“ findet sich als eine mögliche Erklärung des Wortes strittig und schon gehen die Auffassungen auseinander, denn statt der Auseinandersetzung mit einem Gegenüber, dem Streit also, setzt Strittig sich mit den Worten auseinander.

Nicht selten kann und will er, was er hört, liest oder erlebt, auch was er denkt, nicht einfach hinnehmen, traut den Wörtern nicht und weiß doch genau, dass es keine anderen, zumindest keine besseren Mittel gibt, um sich mit der Mehrdeutigkeit oder, schlimmer noch, mit der Eindeutigkeit der Welt auseinanderzusetzen. Strittig erklärt uns nicht die Welt, Strittig leidet mit uns, für uns an ihr, doch bewahrt er sich bei aller Weltklugheit auch seine Naivität, denn da ist immer auch das Lachen, der Spott und vor allem das Staunen, das Staunsyndrom, wie es im Strittling 212 heißt.

Strittig ist aber nicht der Elefant im Elfenbeinturm, keiner, der seinen Platz in der Ruhmeshalle der Dichter und Denker schon mal mit einem Handtuch reservieren würde, nein, Strittig bleibt angenehm selbstironisch, wie im Strittling 405: „Strittig klimpert eine Melodie. Meint La Traviata zu geben, wo doch die Kinder hinter der Hecke Alle meine Entchen mitträllern.“ Mit „Strittig die dritte“ macht Rainer Strobelt es wieder kurz, kein Strittling ist mehr als ein paar Zeilen lang und wer mag, ist schnell damit durch. Kurzprosa eben. Fürs gleiche Geld darf man aber auch verweilen, hin und her blättern, Entdeckungen machen, staunen, lächeln und verständnislos die Schultern zucken. So soll es sein: Strittig

Eines Morgens im Deutsch-LK

Eines Morgens im Deutsch-LK

„Okay, Annette, jetzt du.“
„Ich hab ein…“
„Etwas lauter bitte. Nein, nicht ihr. Annette, nicht ganz so leise, ja!“
„Ein Gedicht, ich habe ein Gedicht geschrieben.“
„Klar, typisch so ein Mädchending. Love, love, love und Sonnenuntergang in Pink und…“
„Danke Ben. Offenbar kennst du den Text ja schon. Kleine Kooperation zwischen euch?“
„Ich? Mit der? Niemals!“
„Dann warten wir doch einfach mal ab und geben Annette anschließend ein konstruktives Feedback, okay?“

„Darf ich bitte raus? Ich hab ein Attest. Lyrik verklebt nämlich meine Synapsen.“
„Na klar, Ole. Nimm dann bitte das Arbeitsblatt zur Wahrscheinlichkeitsrechnung mit. Das trainiert deine Synapsen.“
„Das verstößt aber so was von gegen die Menschenrechte.“
„Es gibt kein Menschenrecht auf Unfug.“

„Der Knabe…“
„Was? Annette, das ist Ole. Nicht der Knabe.“
„So heißt mein Gedicht.“
„Der Knabe?“
„Nein. Der Knabe im Moor.“
„In welchem Moor? Venner Moor?“
„Im Moor. Einem Moor oder dem Moor, wie Sie wollen. Wenn es Ihrer Phantasie hilft, es zu lokalisieren, dann gern auch das Venner Moor. Aber etwas mooriger. Kann ich jetzt?“
„Nicht so zickig, Annette. So ein „von“ im Namen ist kein Freibrief für Schroffheit.“
„Entschuldigung. Kann ich jetzt?“
„Dann mal los. Und Ruhe bitte.“

Der Knabe im Moor

O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
Wenn es wimmelt vom Heiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche,
Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,
Wenn aus der Spalte es zischt und singt! –
O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
Wenn das Röhricht knistert im Hauche!

„Das war schön, Annette. Also mein erster Eindruck. Das Reimschema..“
„Ich bin noch nicht fertig. Darf ich weitermachen?“
„Bitte.“

Fest hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt, als ob man es jage;
Hohl über die Fläche sauset der Wind –
Was raschelt drüben am Hage?“

„Das ist der Erlkönig, der da raschelt.“
„Ben, das ist jetzt nicht nett, obwohl ich die Assoziation auch hatte. Annette, ist dir die Ähnlichkeit nicht aufgefallen?“

„Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlkönig mir leise verspricht? –
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
In dürren Blättern säuselt der Wind.“

„Klar, das ist auch eine Ballade. Bei Goethe säuselt und bei mir sauset der Wind. Falls das reicht, bekenne ich mich des Plagiats schuldig. Aber vielleicht darf ich erstmal fertig lesen?“
„Na, ich hoffe mal, dass das jetzt nicht ein Erlkönig 2.0 wird!“
„We want Moor!“
„Ist ja gut, Ben. Hast du einen Farbwunsch für den Eintrag ins Klassenbuch?“
„Also. Kann ich?“

Fest hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt, als ob man es jage;
Hohl über die Fläche sauset der Wind –
Was raschelt drüben am Hage?“
Das ist der gespenstische Gräberknecht,
Der dem Meister die besten Torfe verzecht;
Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
Hinducket das Knäblein zage.

„Wird das noch heftiger, so ein Horror-Ding? Das ist ganz schön harter Stoff. Ich weiß nicht, ob wir da nicht Ärger mit der Klassenpflegschaft bekommen. Na, lies mal weiter. Wir müssen ja langsam fertig werden.“

Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
Unheimlich nicket die Föhre,
Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
Durch Riesenhalme wie Speere;
Und wie es rieselt und knittert darin!
Das ist die unselige Spinnerin,
Das ist die gebannte Spinnenlenor’,
Die den Haspel dreht im Geröhre!

„Starke Bilder und diese Sprache… Dylan Thomas trifft Edgar Allan Poe. Ja, Ole?“
„Spinnen-Lenor? Ist das Product-Placement? Waschmittelwerbung? Kriegen wir gleich noch  Hummel-Persil? Und den Haspel im Geröhre, den würde ich auch gern mal drehen, wenn sich’s machen ließe.“
„Darüber müsst ihr gar nicht albern kichern. Das war ziemlich billig. Annette?“

Voran, voran! Nur immer im Lauf,
Voran, als woll es ihn holen!
Vor seinem Fuße brodelt es auf,
Es pfeift ihm unter den Sohlen,
Wie eine gespenstige Melodei;
Das ist der Geigemann ungetreu,
Das ist der diebische Fiedler Knauf,
Der den Hochzeitheller gestohlen!

„Zombies! Das ist ne echte Zoombienummer von unserem Annettchen, hätte ich ihr überhaupt nicht zugetraut mit ihren Spitzenkragen und Perlenketten. Der diebische Fiedler Knauf… Fiedler Knauf… das war bestimmt ein Hipster.“
„Alle noch wohlauf? Wird das auch nicht zu viel für euch? Falls jemand das nicht mag, ich zwinge hier keinen, sich Gruselgeschichten anzuhören und anschließend eine posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln.“
„Annette, ab jetzt aber nur noch unter Vorbehalt. Ich hoffe, du kennst die Grenzen dessen, was während des Unterrichts geht.“

Da birst das Moor, ein Seufzer geht
Hervor aus der klaffenden Höhle;
Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:
„Ho, ho, meine arme Seele!“

„Wer ist denn jetzt wieder diese Margret? Mir schwirrt schon der Kopf. Alles Moorleichen und Gespenster?“

Der Knabe springt wie ein wundes Reh;
Wär nicht Schutzengel in seiner Näh,
Seine bleichenden Knöchelchen fände spät
Ein Gräber im Moorgeschwele.

„Bleichende Knöchelchen? Was stimmt denn nicht mit deiner Fantasie? Das ist morbide! Und Moorgeschwele – darunter kann mich mir beim besten Willen nichts vorstellen.“

Da mählich gründet der Boden sich,
Und drüben, neben der Weide,
Die Lampe flimmert so heimatlich,
Der Knabe steht an der Scheide.
Tief atmet er auf, zum Moor zurück
Noch immer wirft er den scheuen Blick:
Ja, im Geröhre war’s fürchterlich,
O schaurig war’s in der Heide.

„Aus? Du bist durch mit deinem Text? Okay, danke Annette. Ihr dürft auch mal klopfen. Das war ja schon eine Leistung, ein starkes Stück, hätte ich fast gesagt. Nein, Ben, kein Stück Torf. Schaurig, sicher, schauderhaft nicht. Natürlich bist du keine Goethin. Aber nett, dass du den Knaben überleben lässt, sonst hätte der Direx sicher deine Eltern einbestellt und Pfarrer Große Wegkamp einen Exorzismus durchgeführt.

Jetzt ist auch gleich Pause, aber wenn du noch schnell meine Meinung hören willst: Der Knabe im Sumpf… entschuldige, im Moor, der hat schon was. Das ist alles sehr anschaulich, man kriegt beim Zuhören richtig nasse Füße und macht sich Sorgen um den Jungen, gerade weil wir ja wissen, wie es beim Erlkönig ausgegangen ist. Ich würde es nicht gleich beim Literarischen Quartett versuchen, aber für die Schülerzeitschrift reicht es. Voll umfänglich. So, und ihr, raus jetzt, Pause. Voran, voran! Nur immer im Lauf, wie Annette es sagen würde.“

Die Ballade Der Knabe im Moor von Annette von Droste-Hülshoff ist zuerst am 16. Februar 1842 erschienen. Annette soll neben einem scharfen Verstand und einem außergewöhnlichen literarischen Talent auch Humor besessen haben.

Ein unpassendes Gedicht

Ein unpassendes Gedicht

Entlang des Nordhorn-Almelo-Kanals radelt es sich gut in Richtung Denekamp. Denekamp liegt in Twente und Twente ist ein Teil der Provinz Overijssel. Tukker nennen sich die Menschen, die in Twente leben. Eine Erklärung für diesen Ausdruck bezieht sich auf die Hosentaschen, die im Platt, das man in Twente spricht, Tuk heißen. Beide Hände in den Hosentaschen, etwas rustikal, bäuerlich, so sei der Tukker. Vermutlich gibt es noch reichlich andere Erklärungen. Na gut, Regionen basteln sich ihr Selbstbild. Übrigens kenne ich die Bezeichnung schon etwas länger, aber wie das so ist, wenn man etwas dazu erzählen will, schaut man mal nach.

Der Nordhorn-Almelo-Kanal ist nur einer der Kanäle in der Gegend und es fährt sich wunderschön unter den herbstbunten Bäumen und über das großzügig verteilte Laub auf den mal schmalen, mal breiteren aber immer gut ausgeschilderten Radwegen. In den Niederlanden, aber auch in der Grafschaft, ist das Knoppunten-System verbreitet, eine simple Methode, die eigene Tour zu planen und die Wege auch zu finden. Ab Denekamp kennen wir den Weg nicht mehr und sind augenblicklich überrascht, wie schön es weitergeht. Bald gelangen wir an eine Brücke, der meine Frau nicht traut, was natürlich nicht heißt, dass sie nicht auf die andere Seite will, sondern dass ich vorgehen soll. Ich bin zwar nicht mutig, habe aber keine Wahl. Die Brücke hält wider Erwarten.

Wie schön und fremd eine Gegend doch sein kann, wenn man abseits der Hauptstraßen unterwegs ist. Ich denke an ein Gedicht von Hendrik Marsman. Es heißt „Herinnering aan Holland“ und eigentlich denke ich auch nur an die erste Strophe.

Denkend aan Holland

zie ik breede rivieren

traag door oneindig

laagland gaan,

Übersetzt könnte es etwas so heißen:

Denke ich an Holland,

sehe ich breite Flüsse

träge durch endloses

Tiefland strömen

Okay, das passt überhaupt nicht zur Landschaft, zu dem eher lieblichen Kanal, den schmalen Wegen, den schmucken Bauernhäusern, aber was kann ich denn dafür, das mir gerade dieses Gedicht einfällt? Der Hälfte der Niederländer fällt es auch ständig ein, zumindest die ersten zwei Zeilen und Marsman war am Mittelmeer, als er in den frühen dreißiger Jahren das Gedicht schrieb. Es ist also überall und jederzeit erlaubt, völlig unpassende Gedichte zu erwähnen. Regelmäßig denke ich an dieses Gedicht, wenn wir bei Deventer über die Ijssel fahren. Und während ich sowas vor mich hin denke, sind wir auch schon beim Landgoed Singraven und das wollen wir uns gern zeigen lassen.

weltmeister sind eigentlich geldgeister

weltmeister sind eigentlich geldgeister

 

als die 54er das wort weltmeister erschufen

grummelten am horizont der ballsicheren zukunft

schon einige 18er indem sie insistierten

sie würden sich ja wohl einen reichhaltigeren reim

auf die dinge gemacht haben mit dem wort

geldgeister

 

(Rainer Strobelt für den Voita-Blog, Juni 2018)

Abendlicht & 1 Gedicht

Bild: Manfred Voita

Wir gehen am Meer im tiefen Sand

Wir gehen am Meer im tiefen Sand,
Die Schritte schwer und Hand in Hand.
Das Meer geht ungeheuer mit,
Wir werden kleiner mit jedem Schritt.
Wir werden endlich winzig klein
Und treten in eine Muschel ein.
Hier wollen wir tief wie Perlen ruhn,
Und werden stets schöner, wie die Perlen tun.

Max Dauthendey (1867 – 1918)

leichte athletik

leichte athletik: Launige Gedichte – das neue Buch von Rainer Strobelt ist vor ein paar Tagen erschienen. Mir hat er ein, nein zwei Exemplare geschenkt. Ich bin überzeugt, dass er viele weitere Bücher verschenken möchte, aber auch Lyriker mögen es, wenn ihre Bücher gekauft werden.

leichte athletik
Peter Segler Verlag
ISBN: 978-3931445249

Leseproben gibt es unter Rainer Strobelt

So ein Gedichtband sollte – und meine Meinung ist hier genauso maßgeblich wie die von Hans und Franz – wie eine Schachtel Pralinen genossen werden: Nicht alles auf einmal. Rainer schreibt, wie ich an anderer Stelle schon angemerkt habe, sehr kurze Gedichte. Keine Zeit ist also keine Ausrede.

Im Bücherregal stünde Rainer gleich neben August Stramm – keine schlechte Gesellschaft für einen Lyriker und ein guter Grund gleich auch noch ein wenig Stramm zu kaufen, falls der Platz neben Strobelt noch frei sein sollte. Stramms Dissertation über das Welteinheitsporto würde ich an dieser Stelle nur den ganz hart gesottenen Lesern empfehlen wollen, seine expressionistischen Gedichte hingegen… aber bleiben wir bei Rainer Strobelt. Rainer hat einen ausgeprägten Sinn für Humor, das zeigt sich nicht erst in seinem neuen Buch, hier aber ganz besonders. Er kommt aber nicht als anbiedernder Gebrauchslyriker mit zertifizierter Massentauglichkeit daher, sondern zieht das leise Lächeln vor, das Vergnügen auf den zweiten Blick.

Übrigens: Das hier ist keine Verkaufsveranstaltung, man kann die Seite auch wieder verlassen, ohne Lösegeld zahlen zu  müssen.

PS: Danke an Jules vom Teestübchen Trithemius: Jetzt habe ich endlich kapiert, wie man Links nicht so tollpatschig einbaut.

 

Lyrik von Rainer Strobelt

Jeff Beck, ein Gitarrist, an den sich nur noch wir Silberfüchse, Graubärte und Faltenböcke erinnern, soll über Jimi Hendrix (den hoffentlich noch jeder kennt) geäußert haben, er täte genau das, was auch Beck wolle, nur könne er – Beck – das leider nicht. So geht es mir meistens, wenn ich einen Text von Rainer Strobelt lese – und sei es auch nur eine Mail. Nun hat Rainer sich darauf festgelegt, Gedichte zu schreiben, er tritt also in einer anderen Liga an. Das ist nett von ihm.

Lyrik erfährt aber nur selten die Aufmerksamkeit, die sie verdient, weshalb ich hier – also quasi unter Ausschluss der Öffentlichkeit – darauf hinweisen möchte, dass es bald wieder ein neues Buch von Rainer gibt. In der Zwischenzeit bietet die Seite Fixpoetry aber die Chance, Rainer Strobelt zu erlesen. Seine Gedichte sind kurz, die Zeit reicht also, um schnell mal rüber zu wechseln:

http://www.fixpoetry.com/texte/text-des-tages/rainer-strobelt/retourkutsche