Alles nur Fassade

Foto: Manfred Voita

Foto: Manfred Voita

Berlin ist angesagt. Die Stadt macht sich fein, gerade in Berlin-Mitte wird sichtbar, wie die Hauptstadt poliert wird. Baustellen überall. Nun hat die Stadt im Krieg einiges verloren… obwohl: Geht man in den ehemaligen Osten, wozu Mitte ja auch gehört, dann steht da noch ganz schön viel an alter Substanz, manches davon verfällt, anderes wird prächtig restauriert. Da ist in Westberlin wohl vieles dem Wunsch nach Modernität geopfert worden. Das war in anderen deutschen Städten ja nicht anders, was nicht zerstört worden ist, wurde durch Waschbeton ersetzt. Aber mir geht es nicht so sehr um die Architektur, auch moderne Architektur hat ihren Reiz und manchmal brauche ich Jahre, um das endlich einzusehen, mir geht es um die Ablesbarkeit von Geschichte. Die Friedhöfe habe ich an anderer Stelle schon erwähnt, da zeigt sich die Geschichte anhand der großen Namen, aber auch durch den Verfall, die Zerstörung, die Spuren des Krieges und ich hoffe, dass diese Spuren genau so erhalten bleiben.

Straßennamen gehören auch dazu. Gut, ich habe generell ein Problem damit, Straßen nach Menschen zu benennen, Blumen, Vögel und Himmelsrichtungen sollten ausreichen, meinetwegen auch noch alle anderen Tiere, Instrumente, Werkzeuge und Pflanzen. Die entpuppen sich nicht 50 Jahre später als Verbrecher. Ich brauche keine Adolf-Hitler-Straße als Zeichen für den Nationalsozialismus und keine Walter-Ulbricht-Allee für den Sozialismus Marke DDR. Aber ich möchte in den Städten der Gegenwart und Zukunft auch die Vergangenheit erkennen können, ohne eine Stadtführer bemühen zu müssen, der mir sagt, was ich hier einst hätte sehen können.

Gedenktafeln an Häusern sind eine Möglichkeit, manchmal brauchte man aber auch nur eine Wand zu erhalten, eine wie die in Potsdam. Und nein, da wird nicht gerade der Sozialismus aufgebaut. Eher umgekehrt. Nicht weit von dieser Baustelle wird die Garnisonskirche wieder hergestellt, die, in der Hitler von Hindenburg in die Tradition der deutschen Kaiser und Könige gestellt wurde. Um nicht mißverstanden zu werden, dafür kann die Kirche ja nichts, aber wir brauchen eben nicht unbedingt die Wiederherstellung der preußischen Größe und des preußischen Prunks, unsere Geschichte ist… spezieller.

 

Die guten alten Zeiten 2.0

Selten findet ein so großes Ereignis in einem so kleinen Rahmen statt, doch ist es der guten Sache geschuldet, dass wir unserer segensreichen Tätigkeit nicht im Lichte der Öffentlichkeit nachgehen können. Ich begrüße Sie also leise, aber deshalb nichts weniger herzlich zur Eröffnung des Instituts zur Rekonstruktion der Geschichte.

Bisher galt: Wer das Sagen hatte, bestimmte die Zukunft. Künftig wird aber auch gelten: Wer das Sagen hat, der bestimmt die Vergangenheit. Nun werden Sie einwenden, die Zukunft steht noch bevor, sie wird gemacht, sie kann also beeinflusst werden. Die Vergangenheit hingegen ist schon geschehen, sie ist abgeschlossen, und entzieht sich damit der Beeinflussung. Aber wenn wir ehrlich sind, dann gestehen wir uns doch ein, dass es immer die Sieger waren, die Geschichte schrieben. Weiterlesen