Das wird schon gehen

Das wird schon gehen

Habe ich von unserem Urlaub in einem Ferienhaus an der holländischen Küste erzählt? Nachts, bei offenem Fenster, hörten wir die Brandung der Nordsee. Also nicht gleich die ganze Nacht, zwischendurch schliefen wir schon auch mal. Morgens war die Brandung dann nicht mehr zu hören, obwohl die Nordsee, davon haben wir uns mehrfach überzeugt, immer noch da war. Menschen sind einfach ziemlich laut. Wir hatten morgens aber auch anderes zu tun, als der Brandung zu lauschen. Wir frühstückten nämlich.

Wäre dieser Text ein heiß-kalt-Spiel, würde es jetzt wärmer werden, wir nähern uns dem Kern und der Ursache dieses Textes. Mein Stuhl stand ganz links am Tisch, von der Außenwand nur noch durch einen Heizkörper getrennt. Einen kalten Heizkörper. Wären meine Tischmanieren manierlich, hätte ich beide Hände, aber nicht die Unterarme, auf den Tisch gelegt, eine Haltung, die für mein Empfinden etwas angriffslustig aussieht, gäbe es diesen Text nicht. Mein linker Arm suchte außerhalb des Tisches Halt. Ich muss das leider eingestehen, obwohl ich ansonsten ein Gegner von Armlehnen bei Stühlen bin. Da war aber nur dieser kalte Heizkörper und niemand kann gemütlich frühstücken, während der linke Unterarm auf einem kantigen kalten Heizkörper liegt. Also suchte ich nach einer Lösung für diese unangenehme Lage und fand sie fast augenblicklich: Der linke Arm gehörte in eine Schlinge. In der Folge hätte ich natürlich während der Mahlzeiten meine linke Hand nicht mehr frei bewegen können, hätte also eine Art Verlängerung für die Gabel gebraucht, um Kartoffeln vom Teller zu befördern oder die Zeitung umzublättern.

Das war’s, das war der Moment, um den es geht, der Moment, in dem ich unser Universum verließ und in ein paralleles Universum eintauchte. Wir alle haben von der Theorie der Multiversen gehört, aber ausgerechnet ich muss mich daran versuchen, sie in meinen Text einzubauen. Für meine Zwecke reicht allerdings die Idee, dass alles immer da ist. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft existieren gleichzeitig. Was die Wissenschaft aber nicht bedacht hat, Autoren wie Kurt Vonnegut aber sehr wohl, z. B. in seinem Roman „Schlachthaus 5 oder der Kinderkreuzzug“, ist, dass wir uns durch ein Stolpern am falschen Ort oder einen verdrehten Gedanken plötzlich in einem dieser parallelen Universen wiederfinden.

Ich jedenfalls landete in einem nicht genau zu terminierenden Teil meiner eigenen Vergangenheit im Keller meines Vaters und es war die Idee der Schlinge um den Arm, die mich in die Vergangenheit zog, denn so und nicht anders hätte mein Vater dieses Problem gelöst.

Der gerade angesprochene Keller hat sich in meiner Erinnerung längst von jeglicher bestehender Architektur gelöst und existiert als eigene nicht materielle Einheit fort, auch wenn das Haus oder die Häuser, in denen es den Keller gegeben hat, nicht mehr bestehen sollten.

Da ist ein Raum mit einem schwarzen Bakelit-Lichtschalter gleich neben der Brettertür, der von einem ewigen Licht, das von einer in einem Drahtkäfig steckenden Glühbirne ausgeht, völlig unzureichend beleuchtet wird, so dass große Teile des Raumes im Dunklen bleiben und verborgen bleibt, was dort liegt oder lag, Kartoffeln und Eierkohlen, Brikett und Einmachgläser zum Beispiel.

Zwei kleine Fenster über einem Arbeitsplatz voller Werkzeug, voller Schubladen und Kisten, Dosen und Gläsern mit Schrauben und Nägeln, mit Bändern und Ketten, Teilen, deren Zweck in Vergessenheit geraten ist, denen aber eine neue Verwendung zugedacht ist. Farbtöpfe, Lacke und Pinsel, Terpentin und Rostlöser, Fahrradreifen, Kabel, Lüsterklemmen, ein alter Kinderschlitten, Blumentöpfe und Schaufeln, Spaten, Harken und Rechen, Besen unterschiedlicher Feinheit, Eimer, Kannen, Kästen voller alter Zeitungen, in denen etwas verpackt sein könnte und über all dem Konstruktionen aus Kanthölzern und Leisten, Stangen und Ösen und Haken, die sich unter der Decke entlang in den Raum ausbreiten, etwas halten, etwas heben, etwas ziehen, sich selbst sichern und die enden an Pfosten, verschraubt und verklebt, umwickelt mit Teppichband und Plastikschnüren.

Der Keller war der Ort, an dem mein Vater große und kleine Probleme anging, mit harten, schwieligen Fingern, deren Sehnen bei  Arbeitsunfällen durchtrennt worden waren, mit einem großen Plan, das Ziel aus den Augen verlor oder mit untauglichen Mitteln, die durch den großzügigen Einsatz anderer, kaum weniger geeigneter Mittel zu wackligen, wenig vertrauenerweckenden, aber über Jahre benutzten Provisorien führten.

Früher habe ich mich oft gefragt, was ich von meinem Vater habe, worin ich ihm ähnele, denn es ist nicht das Aussehen oder die Größe, die Haarfarbe, soweit man noch davon sprechen kann, aber inzwischen weiß ich, dass es seine Art war, sich mit Problemen auseinanderzusetzen, auch das Verdrehte, das hartnäckige Herumschrauben und noch einen Umweg machen, um dann hoffentlich irgendwo anzukommen. Nur brauche ich dafür keinen Keller, sondern meinen Schreibtisch.

Meine Frau legte ein Kissen auf die Heizung und das Problem war gelöst.

Bild: Gustav Wentzel, Public domain, via Wikimedia Commons

Warum, darum

Jan Van Vianen, Public domain, via Wikimedia Commons

„Das war bis hierhin schon mal ganz interessant. Kommen wir zu Ihrem Lebenslauf.“

„Ja gern. Geboren am 31.12.1952, Ausbildung zum Industriekaufmann, dann BWL-Studium…“

„Entschuldigen Sie, dass ich Sie unterbreche. Aber – die reinen Fakten liegen uns vor, die stehen schon in Ihren Bewerbungsunterlagen. Das ist ja nicht mehr als ein Gerüst. Es wäre schön, wenn Sie Ihre Motivation einbringen könnten. Lassen Sie uns verstehen, wie Sie zu Ihren Entscheidungen gekommen sind. Ihr Leben besteht schließlich nicht aus einer Anhäufung von Zufällen, die dazu geführt haben, dass Sie heute hier sitzen und nachher, wenn alles gut geht, als neues Mitglied unseres Teams Ihren Arbeitsvertrag unterschreiben. Also, wie  man so schön sagt: Butter bei die Fische. Es reicht, wenn Sie bei Ihrem schulischen Werdegang einsetzen.“

„Danke. Dann, ja, dann fange ich mal an mit dem Jahr 1958. Mit meiner Einschulung. Ich habe mich sehr bewusst für die einzügige Volksschule entschieden.“

„Ich unterbreche Sie nur ungern, aber es gab damals überhaupt keine Alternative zur Volksschule, oder?“

„Das ändert doch nichts daran, dass ich diese Schule sehr bewusst annehmen konnte? Nur so konnte ich die Volksschule zu meiner Schule machen, zu der, die ich wollte.“

„Und deshalb sind Sie dann auch dort geblieben, statt zum Gymnasium oder zumindest zur Mittelschule zu wechseln.“

„Genau. Ich bin sogar länger geblieben.“

„Man könnte auch sagen, Weiterlesen

Loslassen

Loslassen

Klein war die Welt und unermesslich groß, als ich ein Kind war. Klein war sie und vertraut, weil ich alles kannte, jedes Kind und jeden Erwachsenen, jeden Hund und unsere Katze, jedes Fahrrad und das Auto auf dem kleinen Parkplatz. Den Feldweg hinter der Treppe, den, auf dem ich der Frau vom kleinen Meyer mein Guten Morgen entgegenrief, kaum dass ich sie gesehen hatte, um dann stumm an ihr vorbeizutrödeln. Die Gärten hinter der Hecke und die Straße nach links und nach rechts, in die Stadt und runter zum Wald.

Und die Welt war groß, denn ich ahnte mehr, als dass ich es wusste, dass da noch anderes war. Afrika. Amerika. Kina. Kina, wie mein Vater sagte und ich auch und womit ich den Spott des Lehrers auf mich zog. Kina, Kina, Kina. Jetzt hab ich’s dem aber gegeben! Der Dschungel und die Hochhäuser, Cowboys und Indianer. Entdecker und Missionare. Dabei begann die große fremde Welt eigentlich schon hinter der nächsten Häuserzeile in der Stadt, begann dort, wo ich noch nie war und wo ich nach der Hand meiner Mutter griff.

Eine seltsame Landkarte wäre das geworden, hätte ich sie zu zeichnen versucht. Mit unserem Haus in Hagen-Eppenhausen im Mittelpunkt und als fernstem Ort der bekannten Welt das Haus meiner Oma in Leer, verbunden durch die Schienen der Eisenbahn. Dann ein paar Namen, Orte, die mit meinen Eltern verbunden waren. Ostpreußen und das Sudetenland. Namen wie Dortmund und Haspe. Wie Berlin und New York. Unbestimmbar weit weg und für mich so fern wie der Mond.

Einmal, auf dem Weg zur Donnerkuhle, einem Ortsteil, der seinen Namen vielleicht den Sprengungen im Steinbruch verdankte, war da ein schwarzer Mann. Einer, für den wir Bleichgesichter sicher schon vertraut waren, aber der für mich ganz unfassbar war, wie konnte das sein? Gab es Wege nach Afrika? Straßen oder Eisenbahngleise, die in die Wüste oder in den Dschungel führten? Ein unvergessliches Erlebnis, größer und aufregender als die Kinderstunde im Fernsehen und die Leseratten im Radio.

Eines Tages war da plötzlich ein Fahrrad in meiner Welt. Ein kleines Rad, eins in meiner Größe. Mein Fahrrad sollte das sein und ich hatte es mir nicht gewünscht, weil ich nicht wusste, dass das geht, dass man sich sowas wünschen kann. So ein Fahrrad kann man gut abstellen, das hat einen Ständer und, obwohl es eine Klingel hat, es ruft nicht, meldet sich nicht und sagt: Fahr mich. Ich war nämlich schon damals, noch vor meiner Einschulung, ein Guckkind, ein Habekind und kein Machkind.

Wozu sollte das gut sein, alles immer auszuprobieren, alles zu lernen, was andere doch schon konnten? Aber nein, meine Eltern, in diesem Fall mein Vater, bestanden darauf, dass ich mit dem Fahrrad fuhr. Bald sogar ohne Stützräder.

Jeder kennt die Geschichte vom Festhalten und Loslassen und von dem Moment, in dem man merkt, dass man betrogen wurde und ganz allein das Gleichgewicht hält und fährt und es ist schrecklich und es ist schön, weil man das jetzt kann, aber den Betrug, den vergisst man nicht. Rechts in Richtung Wald, aber es kann doch nicht sein, dass ich jetzt weiter und weiter geradeaus fahre, zur Bundesstraße und dann in die Welt hinein, vielleicht bis nach Afrika, vielleicht bis nach Leer. Nein, ich muss abbiegen, wenden und da kommt auch schon die Hovestadtstraße und ich ziehe nach links, halte den Lenker, halte mich am Lenker fest und da ist auf einmal ein Auto, das auch die Straße beansprucht und mein Vater ruft mir meine erste Verkehrsregel zu. Nicht die Kurve schneiden. Das mit dem Schneiden habe ich dann trotzdem wieder getan, aber das ist eine andere, eine blutige Geschichte, die von dem Fahrtenmesser, dass ich mir so gewünscht hatte.

Abschied mit Anlauf

Jordan White@unsplash

„Wir ziehen um.“

Drei Wörter, zweihundertvierzig Kilometer. Vierzehn sein war auch so schon hart genug. Und da stellten meine Ernährungsberaterin und mein Finanzdienstleister, auch als Mutti und Papa bekannt, doch tatsächlich noch in Frage, wo ich war. Dabei wusste ich nicht mal ganz genau, wer ich war. Aber das mit dem Umziehen war nicht zu diskutieren. Das heißt, diskutieren schon, bis zur totalen körperlichen und psychischen Erschöpfung. Nur änderte das nichts mehr.

„Es ist doch auch schön dort.“

Landschaftliche Schönheit, kulturelle Vielfalt und das Vorhandensein bedeutender Baudenkmäler verschiedenster Epochen gehörten zu den Argumenten, die während der Pubertät und in den darauf folgenden zehn Jahren aber auch so was von daneben waren, dass bereits ihre Erwähnung zur Aberkennung der Erziehungsberechtigung führen sollte. Fand ich.

„Und außerdem hat Papa einen besseren Arbeitsplatz gefunden. Nach den Sommerferien gehst du dann dort zur Schule.“

So gesehen reichten zweihundertvierzig Kilometer nicht aus. Wenn schon umziehen, dann doch bitte so weit, dass es keine Schulpflicht mehr gab oder wenigstens 14jährige mit der Schule fertig wären. Dann könnte ich vielleicht so etwas wie ein Abitur h.c. bekommen. Aber nein,

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Papa

Ephraim Moses Lilien / Public domain

Ist das Verlieren eine Augenblickssache, etwas, das in einem Moment passiert, oder ist es auch ein Prozess, der andauert und dessen Ergebnis nicht darin besteht, nicht immer darin bestehen muss, das etwas gänzlich weg ist, sondern das da noch ein wenig, ein kleiner Rest, übrig bleibt, einer, der den Verlust markiert?

Erinnerungen, die wie Live-Fotos wirken, die nicht nur den Augenblick festhalten, in dem der Auslöser gedrückt wurde, sondern 1,5 Sekunden davor und danach. So erinnere ich mich an meinen Vater Franz Willibald Voita. Eine Reihe, nicht viele, dieser kurzen Sequenzen. Eine Art Fotoalbum, dessen einzelne Bilder vertraut sind, die aber auch längst an Farbe verloren haben und zwischen denen keine Beziehungen bestehen, die keine Geschichte miteinander verbindet und die ich auch nicht Weiterlesen

Überdachte Literatur

Von Michael Kammerer (Rob Gyp) – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37604962

Der Dachboden war der geheimnisvollste Ort in dem kleinen Siedlungshaus, das mir uralt schien, weil meine ewig schwarzgekleidete hagere Oma uralt war. 65 war sie wohl. Oh, es gab auch den Wohnzimmerschrank, den meine Erinnerung auf eine Tür, die linke, reduziert hat. Hinter dieser Tür, die später manchmal abgeschlossen wurde, verwahrte mein Onkel seine Bücher. Wie der Rest des Schrankes aussah, habe ich vergessen. Vielleicht besitze ich noch ein Foto, aber wozu nachschauen? Die wichtige Seite des Schrankes ist ja erhalten geblieben.

In den Sommerferien las ich nach und nach alle Bücher aus diesem Schrank. Einen Science-Fiction-Roman, eine Liebesgeschichte und… da muss viel mehr gewesen sein, aber offenbar hat mich sonst nichts nachhaltig beeindruckt. „Das Beste aus Readers Digest“ habe ich auch verschlungen, vermutlich nicht nur das Beste. Viele bunte Bände, die auf einem Regalbrett im Zimmer meines Onkels standen. Und die Hörzu.

Sechs Wochen Ferien und nur kleine Mädchen und alte Leute. Ab und zu donnerte ein Starfighter im Tiefflug über den dörflichen Vorort der kleinen Stadt und durchbrach mit einem kolossalen Knall die Schallmauer. Dann kehrte wieder Frieden ein. Kreuzspinnen lauerten zwischen den Dornen der Blutberberitze, am Horizont zog eine unhörbare Dampflok Güterwagen und eine Rauchfahne in Richtung Emden. Die Zeit schlich, es war warm, Fliegen summten, die Katze döste in der Sonne und die Hühner gackerten. Da brauchte ein Zwölfjähriger dringend Lesefutter.

Eigene Bücher hatte ich nicht mitgebracht, wozu auch? Die paar, die in Hagen hinter der Klappe meiner Bettcouch standen, kannte ich fast auswendig, weil ich sie wieder und wieder las, bis es endlich ein neues Buch gab. Viel mehr Bücher besaßen wir nicht. Meine Mutter hatte auf der Flucht aus Ostpreußen ihr Poesiealbum dabei, das unterwegs zum Tagebuch wurde. Mein Vater war mit nicht viel mehr als seinem Soldbuch in den Krieg gezogen und mit nichts aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt. Nicht heimgekehrt, sondern…äh fremdgekehrt? Nicht ins Sudetenland, das hinter dem Eisernen Vorhang verschwand und nun als Nordböhmen ein Teil Tschechiens ist, sondern ins Nachkriegsdeutschland. Bücher waren das letzte, was meinen Eltern fehlte. Aber da war ja der geheimnisvolle Dachboden meiner Oma in Ostfriesland.

Im ersten Stock ihres Hauses befand sich eine Dachluke, die, wenn man sie öffnete, eine Leiter freigab, mit deren Hilfe man in den Spitzboden gelangen konnte. Bestimmt hat niemand diese Luke für mich geöffnet, bestimmt habe ich mich nicht getraut, das allein zu tun, also bin ich wohl einfach einmal meinem Onkel gefolgt. Ich kannte so etwas nicht, wir wohnten mit fünf anderen Familien in einem Neubau mit einem riesengroßen Dachboden, der Teil des Alltags  war, auf Weiterlesen

Do everything! Turn! Turn! Turn!

 

Von ChristianSchd – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=34042765

Ich glaube, zwischen meinem sechsten und 16. Lebensjahr wurde das Geräteturnen nur ab und an von Schönschreiben abgelöst. Dabei bin ich bin unsportlich. Oh, ich hatte nichts dagegen, mich draußen zu bewegen, auch  mal etwas schneller, lieber allerdings blätterte ich die Seiten eines Buchs um. Ich erinnere mich sogar, dass ich auf einer Wiese mal in eine Mannschaft gewählt wurde, vermutlich, weil jemand gestorben war. Damals wusste ich gerade, dass man beim Fußball einen Torhüter brauchte und drei Ecken als ein Tor zählten. Was genau eine Ecke war, hatte mir niemand erklärt. Offenbar wurden die Regeln gleich welcher Sportart als Teil der männlichen DNA betrachtet und bedurften deshalb auch keiner weiteren Erläuterungen.

Sportlehrer besaßen eine Trillerpfeife und einen untrüglichen Blick für Luschen. Ich war groß, schlaksig, ängstlich und ahnungslos, mit zu wenigen Muskeln und zu vielen Knochen. Meine Sportnote stand wahrscheinlich schon fest, wenn wir die Matten in die Halle trugen. Wenn ich nur daran denke, Weiterlesen

Die Würze der Nacht

mons.wikimedia.org/w/index.php?curid=20098881

Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah begleitete Kara Ben Nemsi durch den Orient, durch Afrika oder den Balkan – und mich zum Küchenschrank. Zu dem mit den Schiebetüren unter den Küchenfenstern. Links davon brummte der Kühlschrank, aber der interessierte mich nicht.

Wenn Karl May seine Helden in einem Zelt in der Wüste fremdartige Köstlichkeiten genießen ließ, lief mir das Wasser im Munde zusammen. Da war es praktisch, dass meine Schlafcouch in der Küche unserer Zweizimmerwohnung stand.

Unbemerkt schleiche ich mich an, das Linoleum unter meinen nackten Füßen knackt nicht… oder was war das? Nein, nur der Kühlschrank, der sich schüttelt. Nirgendwo lauern feindliche Posten. Trotz der fast vollständigen Dunkelheit, kein Mond, keine Sterne leuchten in unsere Essschlafküche, komme ich gut voran. Die Nacht ist kühl, wie es selbst in der heißesten Wüste vorkommen soll. Besonders im Schlafanzug,  Papa hat mal wieder das Küchenfenster offen gelassen. Leise öffne ich die rechte Schiebetür des Schranks, Weiterlesen

Ortsbegehung

Von Augustin Hirschvogel – Eigenes Werk, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=291486

Braune Beine und nackte Füße in Ledersandalen. Ledersandalen, die ein wenig zu groß sind, so, wie Schuhe immer etwas zu groß oder zu klein sind, weil der Moment, in dem sie passen würden, vermutlich im Schuhschrank vergeht. Sonne und Staub, Lehm aus dem Garten, ein heißer Sommertag. Links die grüne Pumpe, mit der das Wasser für den Garten und die Tiere gefördert wird. Die Tür, die, nein, die Farbe weiß ich nicht mehr. Ein Fenster, ja. Dahinter ein kleiner Flur, der direkt in die Waschküche führt.

Vorher links das Klo. WC kann man es nicht nennen, denn Wasser gibt es nur aus dem Eimer. Ein Plumpsklo, das ich über die Jahrzehnte hinweg riechen kann. Das mir heute noch stinkt. Mit Zeitungspapier, in handliche Stücke gebracht. Mit einem tiefen Schacht, einem Schlund, der alles verschlingt und aus dem möglicherweise etwas aufsteigt? Wer weiß das schon?

In der Waschküche eine Badewanne. Zinkwanne, sage ich, weiß ich nicht. Woher soll ich wissen, wie eine Zinkwanne aussieht? Sie steht am Badetag, am Samstag also, mitten im Raum. Weiter hinten ein Boiler, einer der mit Kohlen beheizt wird. Glaube ich. Für heißes Badewasser. Ein Kohleofen, nein, ein Herd, auf dem meine Oma Schweinefutter kocht. Ungeschälte Kartoffeln und was auch immer. Auch so ein Geruch fürs Leben. Das Schwein lebt in einem Stall. Einem Verschlag ohne Ausgang. Bis auf ein Mal.

Zurück in den kleinen Flur: eine Stufe höher die Küche. Wärme, Helligkeit, Geselligkeit. Der Ort für den Tag. Die alte Gramuschka sitzt da und erzählt von Pommern und der Flucht und von Geistern. Gelbe Bohnen an Bändern hängen von der Decke, ein Herd, auf der Fensterbank ein Salzfässchen, Keramik, eine Acht, offen und immer etwas klebrig das Salz darin. Ein Fliegenfänger hängt von der Lampe. Schwarze Beute. Der Fußboden? Holz wohl. Braunrote Dielen. Das Haus meiner Oma. Meine Oma ist alt. Fast schon sechzig und trägt nur schwarze und graue Kittelschürzen. Ist schmal und groß. Ihre Zähne hat sie verloren, die neuen, das Kunstgebiss, haben ihr nicht so recht gepasst, die hat sie im Garten vergraben. So löst man ein Problem! Das Haus ist noch nicht alt, keine zehn Jahre, die Möbel sind noch nicht alt, nicht mal die Katze und Weiterlesen

Der Tagedieb

Von Albert Letchford – File:Tales from the Arabic, Vol 1.djvu, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=61330156

Wieder einmal ein Beitrag aus der Reihe „Zu Recht vergessene Jugendwerke“. Es geht hier nicht um den CVJM oder die FDJ, sondern um Texte, die ich vor  vielen Jahrzehnten geschrieben habe.

Der Tagedieb

Im Morgenland erzählt man sich bis auf den heutigen Tag Märchen und Legenden, aber auch alte Wahrheiten werden so von Generation zu Generation weitergetragen. Einst wurde mir diese Geschichte erzählt, deren Echtheit mit der Erzähler beim Barte seiner Großmutter beschwor.

Meine Geschichte ist seltsam; würde sie mit Sticheln in die Augenwinkel gestichelt, sie wäre eine Warnung für einen jeden, der sich warnen ließe. Und dies ist sie:

In den Tagen des Hārūn al Raschīd lebte in Bagdad ein Weiser, der lange Jahre treue Dienste für den Kalifen und seine Wesire geleistet hatte und mit vielen Ehrengewändern  dafür belohnt worden war. Nun jedoch war er in Ungnade gefallen, weil er in den Ruch geraten war, mit Geistern Umgang zu pflegen, die nicht zu den rechtgläubigen zählten. Seiner Ämter und seines Ansehens beraubt, sann er auf Rache und fand – mit Hilfe jener frevelhafter Geister, mit denen er sich tatsächlich gemein gemacht hatte – einen Weg, der nur einem verwirrten Geist entspringen konnte.

Er stahl einen Tag aus der Woche –  und zwar den Montag. Anfänglich bemerkte niemand, was geschehen war, doch dann brach der Winter ein – um viele Wochen zu früh, denn das Jahr war um 52 Tage kürzer geworden. Kein Mensch konnte sich erklären, was geschehen war und als auch noch der Dienstag gestohlen wurde, begannen Männer und Frauen, Kinder und Greise zu zittern, denn ihre Lebenszeit verrann viel schneller, als sie erwarten durften. Weiterlesen

Mein schönstes Ferienerlebnis

Bild: Manfred Voita

Zuverlässig wurde nach dem Ende der Sommerferien, das seltsamerweise immer mit dem Wiederbeginn der Schule zusammenfiel, eine äußerst unglückliche Koinzidenz, wie ich damals fand, uns Schulkindern ein Aufsatz abverlangt: Mein schönstes Ferienerlebnis. Obwohl mich diese Themenstellung während meiner gesamte Schulzeit begleitete, okay, lassen wir die Handelsschule und die Fachoberschule außen vor, überraschte sie mich immer wieder. Wie ein Komet aus einem anderen Sonnensystem, fremdartig und nicht vorhersehbar. Eigentlich eine Art Strafarbeit dafür, dass wir es gewagt hatten, Ferien zu beanspruchen. Sechs Wochen lang. Und nicht ein einziges Mal an die Schule zu denken.

Neue Schulbücher, die Anlass boten, vor dem ersten Schultag ein Sachbuch zur Hand zu nehmen, gab es nämlich nur zum Schuljahresbeginn. Zu meiner Zeit war das noch im Frühling. Ich war immer mächtig gespannt auf die neuen Bücher, die ich allerdings erst in die meist ungewaschenen Finger bekam, nachdem Mutter sie sorgfältig in die Schutzumschläge gesteckt oder in eine Folie einschlagen hatte.

Jedes Mal hohe Erwartungen – und jedes Mal wieder eine Enttäuschung. Für mich als begeisterten Leser war gerade mal das Lesebuch akzeptabel, aber selbst da fand sich nichts von Karl May. Erdkunde bot Weiterlesen

Der Name der Dose

Aus den Anfangstagen des Blogs gibt es ein paar Beiträge, die keine oder kaum Leserinnen und Leser gefunden haben. Ich nehme an, dass es gute Gründe dafür gab. Aber das hindert mich nicht daran, diese Beiträge, also die Rohrkrepierer, Ladenhüter und Karteileichen, noch einmal ans Tageslicht zu zerren. Den Anfang macht

Der Name der Dose

Adolph von Menzel [Public domain oder Public domain], via Wikimedia Commons

 

Ein lichtloses Treppenhaus mit riesenhaften Schränken und einer endlosen Treppe, die ihren Anfang in unbekannten Tiefen haben mag und eher zufällig auch zu uns hinauf führt. Dunkles Holz und immer der Geruch von Bohnerwachs.

Eine hellere Wohnung, in der ein Mann, für meine kindliche Vorstellung uralt, dabei gewiss kaum älter als vierzig, mit seiner Haushälterin lebt: Tante Frieda, deren große, unendlich verlockende Blechdose

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Darf es etwas mehr sein?

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Die Läden meiner Kindheit – Ein Erzählprojekt von Jules van der Ley

Es ist wie es ist, denken Kinder wohl. Das heißt, sie denken es nicht ausdrücklich, aber sie sehen die Welt so. Was ist, muss so sein. Und so hatten Straßen einen Namen, Geschäfte einen Namen und der Name gehörte zu der Straße und konnte nicht irgendwoher kommen, von einem anderen Ort. Die Hovestadtstraße hieß eben Hovestadtstraße. Punkt. Das es Straßen gibt, die nach Menschen heißen und Menschen, die wie Orte heißen… dieses Durcheinander herrschte in meinem Kopf nicht.

Die Bolohstraße war unsere Straße, da wohnten wir. Eine Bedeutung hinter dem Namen habe ich nie gesucht – und gerade in aller Eile auch nicht gefunden. Bestimmt was Niederdeutsches, irgendein Flurname. Unser Flur hatte keinen Namen, der hieß Flur – oder Diele. Die Bolohstraße hinauf, vorbei an mehreren Wohnblocks, dann zwischen Feldern einen kleinen Hügel hoch. Auf der Anhöhe lagen zwei Läden, links ein Edeka, in einer Sackgasse gegenüber ein winziger Laden in einem Wohnhaus, in einem Zimmer: Naschereien und Eis!

Den Namen des Lebensmittelladens habe ich mir gemerkt, vermutlich, Weiterlesen