Knoten im Programm

Endlich Freitag. Beinahe genügend Zeit, die Dinge zu tun, die dringend getan werden mussten, wie immer zu wenig Zeit für alles andere. Doch es blieb ja der Abend, um in der Stadt ein Bier zu trinken oder einfach nur die Füße hochzulegen, irgendein Fernsehprogramm einzuschalten und fast sofort wegzudämmern.

Wohl auch deshalb blieb es im großen alten Gebäude der Volkshochschule an solchen Abenden besonders ruhig. Nur zum Beginn des Semesters trafen sich in Raum 222 die Beobachter lokaler Wettbüros, wenn wieder einmal entschieden werden musste, ob es genügend Anmeldungen für die Schreibwerkstatt gab, ob eine jahrzehntealte Tradition fortgesetzt werden konnte oder ob die Stifte zerbrochen, die Blöcke zerrissen und die Kursleiterin in eine ungewisse Zukunft entlassen werden musste.

Kevin und Jannik hatten an diesem Freitagabend nichts vor. Beine hochlegen und Fernsehen war total uncool,  in der Stadt Bier trinken und chillen einfach zu teuer. Wenn es aber an Geld mangelte und der Geldautomat ablehnend reagierte, war Kreativität gefragt. Kevin und Jannik hatten also nach kurzer Überlegung beschlossen, der VHS eine Art Inkassobesuch abzustatten. Freitagabend, alles dunkel, auch Overberg sah von seinem Sockel aus in die andere Richtung. Warum der olle Bildungsreformer das Alte Lehrerseminar keines Blickes würdigte, interessierte die beiden kein Stück. Ihre Aufmerksamkeit galt der Vordertür, die keinen großen Widerstand leistete. Okay, der Hintereingang wäre offen gewesen, aber die zwei verfügten über keinerlei Insiderinformationen.

Es war nur wenig später am gleichen Abend, in Raum 222 brannte noch nicht einmal Licht, als Verena Eichholt das Alte Lehrerseminar durch die Vordertür betrat. Sie dachte sich nichts dabei, konnte ja  nicht ahnen, dass diese Tür gewöhnlichen Kursteilnehmern verschlossen blieb, seit Paul Schallück sie hinter sich zugeworfen und Warendorf den Rücken gekehrt hatte. Und das war lange her.

Verenas Mutter hatte ihr den Kurs Makramee für Anfänger empfohlen, den einzigen Kurs dieser Art, der im Münsterland noch lief. Nicht, weil es Bedarf gegeben hätte, sondern weil Agnes Große-Hufnagel, die zuständige Dozentin, sich einfach geweigert hatte den Kurs aufzugeben, als niemand mehr kam. Die Veranstaltung stand auch nicht mehr im Programm, sondern Frau Große Hufnagel erwartete einfach jeweils zu Semesterbeginn in einem der freien Räume ihre künftigen Teilnehmerinnen. Freie Räume gab es schließlich zur Genüge.

Während sich die ersten Schreibwilligen gerade langsam auf den Weg machten, suchte Verena bereits nach ihrem Kursraum. Das Programmheft, Weiterlesen

Weihnachten

Foto: Manfred Voita

Vorfreude auf Weihnachten

Ein Kind – von einem Schiefertafel-Schwämmchen

Umhüpft – rennt froh durch mein Gemüt.

Bald ist es Weihnacht! – Wenn der Christbaum blüht,

Dann blüht er Flämmchen.

Und Flämmchen heizen. Und die Wärme stimmt

Uns mild. – Es werden Lieder, Düfte fächeln. –

Wer nicht mehr Flämmchen hat, wem nur noch Fünkchen glimmt,

Wird dann doch gütig lächeln.

Wenn wir im Traume eines ewigen Traumes

Alle unfeindlich sind – einmal im Jahr! –

Uns alle Kinder fühlen eines Baumes.

Wie es sein soll, wie’s allen einmal war.

Joachim Ringelnatz

Ich wünsche schöne, ruhige, lebendige, fröhliche, besinnliche oder jede andere Art von Weihnachten, die sich jemand wünschen mag.

Manfred

Nanu, Sie hier?

Bei Wind und Wetter bin ich mit dem Fahrrad unterwegs. In einer Kleinstadt bietet sich das an, alles lässt sich schnell erreichen. Aber auch im benachbarten Münster ist das Fahrrad das Fahrzeug der Wahl, allerdings gelten die Radlerinnen und Radler dort als ein wenig rücksichtslos. Dem wird wohl auch so sein, was aber keineswegs bedeutet, dass Weiterlesen

Lächerlich

Foto: Manfred Voita

In einem Schaukasten am Bahnhof hängt dieses Plakat, hinter Glas, deshalb die Reflektionen auf dem Bild. Was will, so lautet natürlich die Frage, der Künstler uns mit diesem seinem Werk sagen?

Beginnen wir mit den Farben, da gibt es sehr klare Strukturen. Blau dominiert, mehr als die Hälfte des Bildes wird von dieser kalten Farbe, denn so wird ihre psychologische Wirkung beschrieben, bedeckt. Nüchtern, sachlich und vertrauensvoll, ohne viele Emotionen zu vermitteln. Schon klar, warum es die Lieblingsfarbe der Deutschen ist. Selbst die positiven Assoziationen, die mit dieser Farbe verbunden sind, gefallen nicht jedem, autoritär und stark zum Beispiel. Langweilig gehört Weiterlesen

Anschluss

von anonymous Russian artist (http://www.zeller.de) [Public domain], via Wikimedia Commons

Wir haben einen Bahnhof. Also jetzt nicht gleich ein Bahnhofsgebäude. Das ist abgebrannt. Vor zwanzig Jahren, ungefähr. Aber es ist trotzdem ein Bahnhof. Ich habe nachgeschaut.

Nein, nicht am Bahnhof, sondern im Internet.

Ein Bahnhof unterscheidet sich von einem Haltepunkt dadurch, dass dort rangiert werden kann bzw. Züge einander passieren können. Das ist bei uns möglich. Obwohl es eigentlich nicht passiert. Also das Passieren.

Es gibt zwei Bahnsteige, eine Uhr und einen Monitor, der die aktuellen Daten zu den Zügen anzeigt, die zu erwarten sind. Dieser Monitor befindet sich natürlich nicht dort, wo sich die Reisenden aufhalten, sondern am Ende des Bahnsteigs. Zu viel Information ist ja auch manchmal nur schwer zu verarbeiten.

Wir haben auch Lautsprecher auf den Bahnsteigen. Sie funktionieren, Weiterlesen

Eine Augenweide

Ich gehöre zu den Menschen mit einem grünen Daumen.

Immer wieder mal und es ist mir keineswegs recht, denn dieser grüne Daumen ist ein sichtbarer Beweis meiner handwerklichen Ungeschicklichkeit. Ebenso wie mein schwarzer Handballen, mein gelber Mittelfinger oder mein roter Zeigefinger. Magenta, nicht rot. Steht auf der Packung. Deshalb soll ich Einmalhandschuhe tragen, wenn ich die Tintenpatronen meines Druckers auswechseln muss. Nützt nichts, ich bekleckere mich  dann eben, wenn ich die Handschuhe ausziehe.

Mein Drucker und seine Tinten haben in diesem Text allerdings nichts verloren, denn 1. wird er nicht gedruckt, sondern lediglich hochgeladen und 2. geht es nicht um Grün als Farbe sondern Grün als Naturprodukt. Produkt? Wie das Denken in betriebswirtschaftlichen Kategorien sich doch auch einschleicht, wenn BWL überhaupt nicht Thema ist. Ein Baum ist kein Naturprodukt, er ist eine Pflanze. Oder ist das eigentlich bedeutungslos? Ist es egal, Weiterlesen

Gute Karten, schlechte Karten

von B. P. Schulberg Productions, Preferred Pictures (The New Zealand Film Archive) [Public domain], via Wikimedia Commons

„In welchen Film wollen wir denn?“ frage ich so in den Raum hinein.

Blöde Frage, denn natürlich weiß ich, in welchen Film wir wollen – nur nicht, wie er heißt. Und bei uns in der Kleinstadt werden zwar außen in den Glaskästen die Plakate der Filme ausgehängt, aber am Kassenhäuschen steht nichts, nur der Preis. Und manchmal der Zuschlag für Überlänge. Natürlich auch die Preise für die Erfrischungsgetränke und das Popcorn.

„Hidden Figures“ sagt der Mann im Kassenhäuschen.

Nein, es ist nicht so einfach, wie man jetzt denken könnte, es läuft nicht nur ein Film. Wir haben hier nämlich ein Kino mit zwei Sälen. Also Räumen eher. Das muss man schon wissen, um meine Verblüffung zu verstehen. Sieht man mir oder uns schon an, in welchen Film wir wollen – oder in welchen wir definitiv nicht gehören? Weiterlesen

Ein Bild von einem Abend

 

Foto: Elfie Voita

Gruselig, schön, idyllisch, stimmungsvoll, kitschig, ich weiß es doch auch nicht. Es ist kein schöner grüner Mond von Mahagonny und auch kein oh moon of Alabama. Mehr so eine Mischung aus  „Der Mond ist aufgegangen“ und „Spiel mir das Lied vom Tod“.

 

 

 

Alles wird gut. Oder auch nicht.

Was hättest du denn getan? fragte eine Freundin. Wir diskutierten die Weltlage, das Aufkommen neuer nationalistischer Parteien und die ungerechte Weltordnung. Flüchtlinge und Islam. Plötzlich waren wir vom Allgemeinen zum Konkreten gekommen, zur Judenverfolgung während des Nationalsozialismus. Zur Reichspogromnacht. Und dann ist alles so nah. Die Kneipe, in der sich die SA versammelte, bevor es losging. Die geschändeten Gräber auf dem jüdischen Friedhof. Die Stolpersteine vor den Häusern, in denen einst jüdische Mitbürger lebten.

In der Stadt war das so, auf dem Land war es kaum anders, da, wo doch die sozialen Bindungen scheinbar enger waren, wo man den Nachbarn kannte. War man einfach Antisemit, so wie man katholisch oder evangelisch war? War man gleichgültig? Das kann ich nicht glauben. Traute Weiterlesen

Literatour

 

Paul Schallück. Foto: LWL

Paul Schallück.
Foto: LWL

Vermutlich würde es eine der kürzeren literarischen Reisen, sollte jemand auf die Idee kommen, alle Orte zu besuchen, an denen Goethe sich nicht aufgehalten hat. Dass er in Warendorf und Münster war, habe ich an anderer Stelle schon erwähnt. Es gibt auch eine Gedenktafel an dem Haus, in dem er genächtigt hat, vermutlich genächtigt hat oder ziemlich sicher geschlafen hat. Die Angaben dazu stammen nicht vom Genius persönlich, aber sein Kammerdiener hat getreulich all das erfasst, was dem Meister zu trivial war und damit der Nachwelt vermutlich einen großen Dienst getan. So wie sich auch das ‚Goldene Blatt‘ darum verdient macht, uns mit den alltäglichen Sorgen und Nöten von Prominenten zu unterhalten, die gelegentlich so nebensächlich sind, dass sie den Promis selbst nicht aufgefallen sind. Um aber ganz sicher zu gehen, dass wir die Tafel an dem besagten Haus nicht falsch verstanden haben, nahmen wir vor einigen Tagen an einer literarischen Führung durch Warendorf teil. Und ja, es ist so. Goethe hat tatsächlich vielleicht in diesem Haus übernachtet. Sehr wahrscheinlich.

Das war natürlich der Höhepunkt dieser literarischen Führung, wäre der Höhepunkt jeder literarischen Führung in Deutschland gewesen, denn was ginge noch über Goethe? Gut, Tommy Jaud und Dora Heldt und ein paar andere, die ich auch nicht gelesen habe. Aber die haben keine Gedenktafel in Warendorf, haben hier also vermutlich noch nicht übernachtet.

Weil diese literarische Führung einer der Höhepunkte des kulturellen, nein, ich will nicht zu böse sein, des literarischen Lebens in Warendorf war, berichtete die lokale Presse selbstverständlich und der zuständige Mitarbeiter einer der beiden vor Ort erscheinenden Zeitungen (Volker Pispers: Welche Zeitung  müssen Sie hier denn lesen?“) eröffnete seinen Artikel mit der Frage, ob wir Leserinnen und Leser denn drei Autoren aus Warendorf aufzählen könnten. Dummerweise endet Weiterlesen

Osterbrink und das Betriebsfest

Dr. Averkamp starrte aus dem Fenster. Es war schon dunkel und selbst aus den oberen Etagen war nichts mehr zu sehen, was der Mühe wert gewesen wäre, nicht einmal für einen weitblickenden Mann wie den leitenden Polizeidirektor der Kreispolizeibehörde in Warendorf. Aber Averkamp wollte einfach nicht in die andere Richtung sehen, dort, wo Kommissar Osterbrink saß und Bericht erstattete.

Dabei hatte alles so gut angefangen. Eine Belobigung hatte Osterbrink in all seinen Dienstjahren noch nicht erhalten und Dr. Averkamp war wirklich milde gestimmt, als er Osterbrink zu sich gebeten hatte. Doch dann hatte Osterbrink erzählt, wie er auf dem August-Wessing-Damm den Deckel seiner Thermoskanne verloren hatte, gerade als er in die Andreasstraße abbiegen wollte und als er sich eben danach bückte, war ihm der Schmerz so durch den Rücken geschossen, dass er Gas- und Bremspedal verwechselt und ein Auto gerammt hatte, das aus einer Querstraße angerast kam und sich anschließend als das Fluchtfahrzeug eines bundesweit gesuchten Gangsterpärchens erwiesen hatte. Hexenschuss, hatte Osterbrink seinen Bericht abgeschlossen.

„Schreiben Sie Ihren Bericht, aber lassen Sie bloß den Quatsch mit der Thermoskanne und dem Hexenschuss weg, sonst können Sie die Belobigung knicken und werden strafversetzt, ist das klar, Osterbrink?“

War es nicht, weil: Was sollte er denn nun berichten? Aber dieses Problem war gleich darauf  vergessen, denn bei dem ganzen Stress hatte Osterbrink das Betriebsfest völlig verdrängt. Weiterlesen