Tiefdruckgebiete

Eigenes Bild

Grau. Dahinter noch mehr grau. Aber das kann man nicht so gut sehen, weil zwischen dem Grau im Vordergrund und dem im Hintergrund so viel Bewegung ist. Wasser. Es schüttet, plästert, gießt. Noch viel mehr. Offenbar haben Menschen in unseren Breiten lange vor dem Fenster gestanden, unter einem Baum, einem Türvorsprung oder was auch immer sie geschützt haben mag, und dabei darüber nachgedacht, wie sie das, was da prasselt, nennen könnten.

Regen, nee, Mairegen bringt Segen und so, das passt nicht, wenn es richtig nass wird, wenn vom Himmel fällt, als würde es nie wieder aufhören. Wolkenbruch. Kann ich mir nicht vorstellen. Aus dem Naschkramfachgeschäft kenne ich Nussbruch. Es klappert an den Fenstern, knackt. Tropfen, die von irgendwelchen Überständen fallen, auf Metall treffen. Klack.

Es gurgelt, staut sich, dreht sich vor dem Abfluss auf der Straße, ein Bächlein, Weiterlesen

Zeitmaschine 2.0

von Lomita (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Mulmig beschrieb das Gefühl nicht annähernd. Es war wie ein Sturz ins Bodenlose, eine rasende Fahrt auf einer Achterbahn, nur hatte jemand die Schienen entfernt. Ungeheurer Druck lastete auf meinen Ohren, bunte Kringel drehten sich vor meinen Augen. Ich kannte mich zwar in diesen Angelegenheiten nicht aus, doch selbst als Laie kapierte ich: Da stimmte was nicht. Und im nächsten Moment stürzte der Maschinist in die Zentrale, hektische Flecken im Gesicht und Panik im Blick.
„Verdammt, Käp’n, der Hebel klemmt. Ich krieg ihn nicht zurück!“
„Worauf steht er?“ fragte der Käp’n ruhig, nur enge Vertraute vernahmen das Zittern in seiner Stimme.
„Imperfekt!“
„Verflucht!“

Das aus dem Mund des Käp’ns hören zu müssen, traf uns alle hart. Die Lage mußte schier ausweglos sein.
Mit ein paar handfesten Männern eilte der Käp’n runter in den Maschinenraum der Zeitmaschine. Angeschnallt blieb ich zurück und tat, was mir zu tun blieb: Ich hoffte. Durchsagen ertönten, Techniker sprangen auf und hetzten hin und her. Niemanden hielt es noch auf seinem Platz, auch so folgte schließlich auch ich der allgemeinen Bewegung und fand mich an der halb geöffneten Tür des Maschinenraums wieder. Weiterlesen

Penner

By F.Cecconi / Vorzinek.org – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15772612

 

Weiß gar nicht, warum der Kerl mich so frech angrinst!
Nur, weil mir mein Buch runter gefallen ist?

Dem ist wohl noch nie was weggefallen, wie?
Passiert mir ja auch eher selten, eigentlich nur wenn ich einschlafe – und selbst dann nicht, es sei denn, ich schlafe ziemlich tief, so ganz entspannt. Es scheint da einen Zusammenhang zwischen pendeln und pennen zu geben.

Meine Frau sagt, ich schnarche dann und gebe kleine piepsende Laute von mir. Dann fällt mir eben das Buch runter, im Zug, wenn ich da sitze, anders kann man da ja gar nicht schlafen.
Im Sitzen sinkt mir  – und wohl auch anderen – immer der Kopf auf die Brust, das sieht ziemlich blöd aus, bei anderen – und man sabbert dann auch schnell mal ein bisschen.
Aber es kann doch wohl nicht sein, dass der Bursche mich da so stumpf angrinst, nur weil mir mein Buch runter gefallen ist

Ereigniskette

Berlin, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Gemäldegalerie, Inventar-Nr. 922B, alte Katalog-Nr. GG Dahlem, Zugang: 1874

Elf Grad zeigt das Thermometer vor dem Hallenbad. Sieben Uhr vierzig, Sonntag morgen. In einer halben Stunde fährt mein Zug.

Es ist schon hell, der Tag soll freundlich und warm werden, doch noch sind die Bänke auf dem Bahnsteig taufrisch.

Über eine lang gezogene Betonbrücke schlendere ich in Richtung Innenstadt. Eine wuchtige katholische Kirche liegt drüben, jenseits des Flusses auf einer Anhöhe, doch den wenigen Menschen, die schon unterwegs sind, steht der Sinn wohl nicht nach jenseitigen Freuden und Tröstungen, sie steuern die Bäckereien an. Was sollte denn auch ein paradisischer Apfel gegen den Duft frischer Brötchen und Croissants ausrichten?

Ich kehre um, bald wird mein Zug in den Bahnhof einfahren. Hinter mir beginnen die Glocken zu läuten, mehrstimmig und mit einer Wucht, die ich körperlich spüre. Von den Häusern jenseits der Ems wird der Schall zurückgeworfen, überall um mich herum läutet es jetzt.

Auf einer Bank gleich vorn am Ufer sitzt ein Mann, ich sehe ihn zunächst nur von hinten, im Vorübergehen bemerke ich, dass er eine breite, mehrgliedrige Kette aus seinem Mund hervorzieht. Er grüßt mich freundlich, ich grüße zurück und mit einem breiten Grinsen gehe ich weiter in Richtung Bahnhof.

In das Geläut der Glocken mischt sich ein falscher Ton, gleich darauf erneut. Dann verstehe ich: die Sirene eines Einsatzfahrzeugs, Polizei, Krankenwagen, Feuerwehr. Der Weg vor mir riecht nach Katzenpisse, das war vorhin noch nicht so.

Wortmeldung

Von Sandro Botticelli – The Yorck Project: 10.000 Meisterwerke der Malerei. DVD-ROM, 2002. ISBN 3936122202. Distributed by DIRECTMEDIA Publishing GmbH., Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=148170

„Bevor wir anfangen, hätte ich noch eine Frage. Wir werden einander auch eigene Texte vorlesen, nicht wahr?“
Nicken. Zustimmendes Gemurmel.
„Zu diesen Texten wird es dann Anmerkungen geben. Lob aber auch Kritik. Deshalb sind wir ja hier.“
Der Blick in die Runde zeigt, bisher alles im grünen Bereich.
„Die Kritik wird konstruktiv sein…“
„Natürlich!“ sagt jemand. Weiterlesen

Ich?

„Ich Denkmal“, memorial in Frankfurt, Main, Germany, created by Hans Traxler in 2005. CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=130116

Lange habe ich gezweifelt, aber nun steht es für mich fest: Das bin ich nicht. Schon in meiner frühen Kindheit gab es erste Indizien, die in diese Richtung deuteten. Immer, wenn irgendetwas kaputt gegangen war, irgendwer etwas angestellt hatte, wurde ich verdächtigt.

Ich kann mich zwar nicht mehr daran erinnern, was da im Einzelnen vorgefallen ist, wohl aber kenne ich noch meine Reaktion auf all die jahrelangen Verdächtigungen: Das war ich nicht. Seltsamerweise machte ich mir keine Gedanken darüber, wer es denn gewesen sein könne, wenn ich es denn nicht war. Aber das gehört ja auch nicht zu den klassischen Aufgaben des Beschuldigten.

Jahre später fiel mir auf, dass angebliche Tonaufzeichnungen meiner Stimme unmöglich von mir stammen konnten, denn so hell und ungelenk klang ich nun wirklich nicht. Da lief doch eine Verschwörung gegen mich – und siehe da, schon tauchte die nächste Ungereimtheit auf. Fotos und Videos, die mich zeigen sollten, zeigten in Wahrheit einen älteren übergewichtigen Mann, der nur entfernte Ähnlichkeit mit mir aufwies, offenbar aber dennoch von meinem gesamten Umfeld akzeptiert wurde.

Jetzt aber, nachdem wir eine neue Lampe im Badezimmer haben, offenbarte sich mir erst das ganze Ausmaß der Verschwörung, denn selbst mein angebliches Spiegelbild wird von diesem eher mäßigen Laiendarsteller gedoubelt.

Wundern Sie sich also nicht, wenn ich künftig unrasiert und ungekämmt daherkomme. Den Kerl guck ich mir nicht länger an!