Wasserfest (1)

Teil 1

Von Ralf Lotys (Sicherlich), CC-BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=39184831

„Wozu braucht ein Land, in dem schwarzweiße Kühe Schwarzbunte genannt werden, überhaupt Farbfernsehen?“ fragte sich der freiberufliche Journalist Habbo Janssen, während er seinen Buckelvolvo die schmale Allee entlang in Richtung Georgenholz lenkte. Händels Wassermusik plätscherte leise aus den Lautsprechern. Links erhob sich der Deich, rechts gaben die Bäume immer wieder den Blick auf eine Landschaft frei, die begründeten Zweifel daran wecken mochte, dass die Erde eine Kugel ist. Hier jedenfalls war sie so flach wie die meisten Ostfriesenwitze, so flach, dass sogar die Umgangssprache als Platt bezeichnet wurde.

Der Hammrich, wie die endlose Weidefläche genannte wurde, glänzte in sattem Grün. Träge drehten sich die Flügel einer Windmühle weit hinten am Horizont. Nur der leichte Regen störte das perfekte Touristenidyll. Weiterlesen

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Am Höllensee (2)

Von Pierre Gorse – This file was provided to Wikimedia Commons by the Bibliothèque municipale de Toulouse as part of a cooperation project with Wikimédia France.Беларуская (тарашкевіца)‎ | English | Français | Italiano | +/−, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=26275033

Am Höllensee

Zweiter Teil

Er setzte seine Tasche, die er immer noch auf den Knien gehalten hatte, neben seinem Stuhl auf dem Boden ab und begann zu lesen.

„Es wurde schon Abend. Der Regen hatte nachgelassen, aber nach den Mühen der vergangenen Tage fühlte ich mich schwach. Möglicherweise hatte ich sogar leichtes Fieber, es kann aber auch die Anstrengung gewesen sein, schließlich war ich es nicht gewohnt, im Gebirge unterwegs zu sein und, wenn es spät geworden war, unter freiem Himmel zu übernachten. Auch an jenem Abend sollte ich mein Ziel, das Bergdorf, in dem ich einige Wochen bleiben und arbeiten wollte, nicht erreichen, denn der Weg war schmal und steil, schließlich verlor ich ihn in einer kargen Gerölllandschaft ganz und wusste in der beginnenden Dunkelheit nicht, wohin ich mich wenden sollte. Dunkle Wolken zogen über die Gipfel der Berge, verhüllten sie und völlig unvorbereitet fand ich mich auf meinem Weg eingehüllt von der schwarzen Nacht. Ich tat noch ein paar Schritte, hielt dann aber an, denn ich fürchtete, in einen Abgrund zu stürzen. Und richtig, als ich mich einen Moment später an eine Felswand lehnte, von der ich hoffte, dort Schutz vor der Kälte und den Gefahren der Nacht zu finden, riss die dichte Wolkendecke auf und ein ferner Mond offenbarte, dass wenige Meter vor mir der Weg endete. Ich näherte mich vorsichtig einer Abbruchkante und sah tief unter mir einen See, bedeckt Weiterlesen

Am Höllensee (1)

Diesmal gibt es einen Dreiteiler aus der Reihe meiner, nun, sagen wir dunkleren Geschichten.

Am Höllensee

Es herrschte Ruhe in der Stadt, niemand hatte Niegel in die Augen geschaut, ja, nicht einmal den Blick gehoben, um ihn zu mustern. Dennoch hatte Niegel das ungehagliche Gefühl, ständig beobachtet zu werden, keinen Schritt unbemerkt tun zu können. Soldaten standen herum und rauchten, Polizisten kontrollierten ausländisch aussehende Passanten, ließen sich Papiere und Taschen zeigen.

Die Kontrollen vor dem Palast waren streng. Niegels Dokumente wurden hin und her geschickt, geprüft, kommentiert, kopiert und schließlich akzeptiert. Der Privatsekretär holte ihn aus der großen, kalten Eingangshalle ab, in der Fahnen an den Wänden hingen und großformatige Gemälde an Schlachten erinnerten, deren Helden vergessen und Sieger längst gestorben waren. Breite Marmortreppen führten in den ersten Stock und weiter nach oben, schmalere hölzerne Treppen schließlich bis in die Privatgemächer, vor denen eine Doppelwache Dienst tat. Als auch diese letzte Prüfung bestanden war, geleitete der Sekretär ihn in das Schlafzimmer des greisen Herrschers.

„Der Archivar…, Majestät!“

Die Matratzengruft, schoss es Niegel in den Sinn, doch es war nicht Heinrich Heine, der sich da unter den Kissen regte, es war der Herrscher, der, von der Krankheit und dem nahen Tod gezeichnet, noch immer Gewalt, wenn nicht über das Leben, so doch über den Tod seiner Untertanen besaß und, so hatte man Niegel zugeraunt, zornig über sein unvermeidliches Ende, keine Gnade und kein Mitleid mehr kannte.

Mühsam richtete sich der Alte auf, Diener sprangen herbei, nahmen eine Unterschriftenmappe vom Bett und rückten die Kissen zurecht, so dass er Niegel sehen konnte. Mit einer schnellen herrischen Geste winkte er seinen Besucher näher, wies auf einen Stuhl neben dem Bett und räusperte sich, hustete, keuchte, rang um Luft und sprach schließlich.

„Haben Sie den Bericht?“

Niegel zögerte.

„Den Bericht!“ wieder diese herrische Geste. Schon trat ein großer, bleicher Mann hinter dem Bett hervor, offenbar der Leibwächter des Herrschers, der dort neben einem Geistlichen gestanden hatte und deutete auf Niegels Tasche.

Niegel gelang es nicht gleich, das Schloss zu öffnen, seine Finger rutschten mehrfach von dem Metallknopf ab, doch dann zog er eine Mappe hervor, öffnete sie und entnahm ihr ein paar Seiten, ein Schreiben, noch mit einer mechanischen Schreibmaschine verfasst. Er hielt es in der ausgestreckten Hand.

„Lesen Sie..“ befahl der Herrscher, der den Kopf zurück in die Kissen sinken ließ.

„Wenn Sie erlauben…“ Niegels Stimme zitterte etwas, er sah sich um, nein, niemand bot ihm ein Glas Wasser und vermutlich gehörte es sich auch nicht, in Anwesenheit des Herrschers darum zu bitten, „Dann fasse ich die ersten Absätze rasch zusammen, bevor wir…“

„Ja… aber nun machen Sie schon.“ unterbrach ihn der Mann im Bett.

„Es ist ein merkwürdiges Dokument, eine Art Reisebericht, verfasst von einem Handwerker, der vor vielen Jahren die Erlebnisse seiner Wanderjahre in einer Art Tagebuch notierte. Diese Notizen erbte schließlich sein Sohn, der sie so bemerkenswert fand, dass er sie veröffentlich sehen wollte. Deshalb schrieb er die Aufzeichnungen seines Vaters ab, bearbeitete sie wohl auch und schickte sie an einen Verlag. Noch bevor er die Absage des Verlags erhalten konnte, kam er durch sonderbare Zufälle ums Leben und der Text blieb unveröffentlicht. Nun, nach vielen Jahren, fanden die Akten und Unterlagen des Verlages, der inzwischen nicht mehr besteht, ihren Weg in unser Archiv und…“

„Das interessiert mich nicht. Deshalb habe ich Sie nicht her zitiert.“ unterbrach ihn der Herrscher.

Niegel blätterte. „Hier… hier wird es interessant.“

(Teil 2)

Wenn ich könnte wie ich wollte

Von John Elsas – Marion Herzog-Hoinkis (Hrsg.): „John Elsas. Meine Bilder werden immer wilder“. Insel-Bücherei Nr. 1228, 2002. ISBN 3-45819228-X, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=6224232

„Nehmen wir mal an…“

„Das klingt doch viel angenehmer als ‚Nehmen wir mal ab!“

„Ist aber auf einem ähnlich hohen Unwahrscheinlichkeitsnivau angesiedelt.“

„Gut… was nehmen wir denn an?“

„Nehmen wir mal an … einem Volkshochschulkurs teil.“

„Das ist keine Annahme, das ist eine Tatsache. Es geht darum, etwas zu wollen, was du eben nicht kannst.“

„Was sollte ich denn wollen können, was ich nicht auch kann? So was wie ewig leben, Wunder wirken oder Fahrräder reparieren?“

„Das könntest du, wenn du nur wolltest. Das mit den Fahrrädern jedenfalls. Es geht aber nicht darum, was du könntest, wenn du wolltest oder was wäre, wenn du wolltest, wie du solltest.“

„Stattdessen geht es um was?“

„Jedes Kind versteht diese Frage sofort. Meine Tochter stellte Weiterlesen

Danke, geht schon

Ich neige ja nicht zum Alkoholkonsum.

Eigentlich muss ich mich sogar dazu ermahnen, regelmäßig ausreichend Wasser zu trinken. Zum Bier trinken ermahnt mich niemand. Es gelingt auch so. Nicht oft, nur bei Familienfesten. Taufen. Geburtstagen. Hochzeiten. Beerdigungen. Weihnachten. Ostern. Pfingsten. Kirmes. Urlaub. Fußball im Fernsehen. Nachrichten. Werbepausen. Vor oder nach den Mahlzeiten. Sonst eigentlich nicht.

Okay, zugegeben, ich übertreibe.

Nein, nicht den Konsum, nur die Aufzählung. Aber am nächsten Morgen fühlt es sich immer so an, als seien die Symptome gerade mal erst verschwunden und jetzt schon wieder da. Die Stirn droht die ganze Zeit über die Augen zu rutschen, jedenfalls Weiterlesen

Sand in Sicht

Foto: Manfred Voita

Schiermonnikoog: die östlichste der bewohnten niederländischen Watteninseln.

Von Lauwersoog aus geht es mit der Fähre hinüber. 45 Minuten durch das Wattenmeer. Kreuz und quer, hin und her, wie die Fahrrinne es eben zulässt. Die Insel ist ganz nah. Zwei Leuchttürme, ein weißer und ein roter. Deich und Dünen, ein Dorf.

Ein Schiff voller Vorfreude. Ein Schiff voller Leben und Sommer. Das Meer, ja, die Nordsee! blitzt im Sonnenlicht, Segelschiffe… nein, die liegen im Schlick, können erst bei Flut weiter. Ehrlich gesagt riecht das Watt auch nicht gut. Ebbe eben. Aber dann ist die Insel da, die Zugbrücke wird heruntergelassen und los geht es.

Den Deich entlang, dann über schmale Wege in den Ort. Schiermonnikoog. Der einzige Ort auf der Insel. Die Insel der grauen Mönche. Zisterzienser haben hier gelebt, dann gab es verschiedene Herren und Herrschaften. Weiterlesen

Familientreffen (4)

Fortsetzung und Schluss

Zum Glück ließ sich seine Handschrift recht gut entziffern, es fanden sich auch ein paar Skizzen und in einem schwarzen Umschlag steckten sogar einige Fotos. Wieder waren es Aufnahmen der Skelettteile, diesmal aber hatte Stürer sich seinen Motiven genähert und wir erblickten eingeschlagene Schädel, zerborstene Kiefer und abgesplitterte Wirbelsäulen. Wie mochte all das geschehen sein? Hergen, der den Umschlag in Händen hielt und die Fotos Stück für Stück herausnahm, hielt überrascht inne und zeigte mir den mit Bleistift geschriebenen Vermerk auf dem Umschlag: „Voita“ stand dort. Was bedeutete das? Die Reaktion der Frau an der Rezeption, jetzt das…Führte der Ursprung meiner Familie etwa doch hier her in die Karatau-Berge?

Aufklärung darüber war von Stürer kaum zu erwarten, doch Hergen zog eine weitere Notiz hervor. Stürer hatte sich offenbar an einen Kollegen gewandt, Anschrift und Telefonnummer standen unter dem flüchtig hingeworfenen Entwurf eines Schreibens. Hergen nutzte die Internetfunktion seines Handys und wenig später wussten wir, dass es sich bei Willard B. Prenthurst um einen Kryptozoologen handelte, was auch immer das sein mochte. Es gab einige Veröffentlichungen unter seinem Namen. Bigfoot, dem Yeti und anderen merkwürdigen menschenartigen Wesen galt sein Forscherdrang. Was mochte Stürer von ihm gewollt haben?

Die Welt ist klein, wenn es darum geht, aus den einsamen Bergen Kasachstans ein Gespräch mit einem Amerikaner in einem kalifornischen Institut zu führen. Prenthurst überfiel mich mit einem Redeschwall, ich verstand nur Bruchstücke, doch es war offenbar so, dass Stürer ihm Proben zugeschickt hatte und Prenthurst nun darauf brannte, gemeinsam mit Stürer die weitere Vorgehensweise zu planen. „Vergessen Sie Stürer, wenn Sie Informationen brauchen, helfen wir Ihnen weiter. Aber was ist hier überhaupt passiert?“

„Und das fragen Sie mich, Mr. Voita?“ Er lachte heiser, „Ich lese Ihnen mal ein paar Zeilen aus einem Lexikon der Kryptozoologie vor.“ Er blätterte, dann vernahm ich wieder seine Stimme. „Almas“ sagte er. „Darum geht es, große menschenähnliche Wesen, die immer wieder einmal gesichtet werden, vielleicht eine erhaltene Nebenlinie unseres menschlichen Stammbaums, vielleicht ein anderer Zweig der Evolution, der sich vor dem Homo Sapiens Sapiens in die unwirtlichsten Regionen der Welt flüchtete… Bigfoot oder der Yeti, ja, aber es gibt viel mehr davon, Almas, wie gesagt…. Und da unten bei Ihnen in Kasachstan…“ er räusperte sich „Voita, Kategorie: Kryptozoologie. Einer der vielen regionalen Namen, die den Alma gegeben wurden, einer großen affenähnlichen Kreatur, die in und um den Kaukasus in Kasachstan lebt.“

Hergen gab mir irgendwelche Zeichen, deutete auf einige Leute, die sich vor der Kirche versammelten und ziemlich wütend zu sein schienen, aber ich hatte keine Zeit für ihn. Es ist nicht so, dass ich leicht zu beeindrucken bin und Esoterik, Aliens und Kreise im Korn sind nicht gerade mein Thema, doch muss ich gestehen, dass ich schon … sagen wir: ein mulmiges Gefühl bekam, als Prenthurst mir das erzählte. „Die Proben, die Stürer Ihnen geschickt hat – konnten Sie die den…Almas zuordnen?“ Er schwieg, überlegte sich wohl ganz genau, was er jetzt sagen wollte. Weiterlesen