Hut ab

United Press International, photographer unknown, Public domain, via Wikimedia Commons

Wir waren gerade erst umgezogen. Aus Hagen nach Leer, aus dem Ruhrgebiet nach Ostfriesland, aus der Großstadt in die Kleinstadt. Also bitte, das ging doch überhaupt nicht. Für Rentner vielleicht, aber doch nicht für einen Teenager. Ich hatte nämlich schon die achte Klasse hinter mir und war überhaupt nur noch schulpflichtig, weil die Niedersachsen schon das neunte Schuljahr eingeführt hatten. Außerdem war der Schuljahresbeginn von Ostern auf den Herbst verlegt worden, sodass ich in der kurzen 9a landete, aber in die lange 9b gehört hätte. Oder so ähnlich. Fast nämlich wäre ich nach nur einem halben Jahr Ostern 1967 entlassen worden, statt wie es sich ziemte im Herbst 1967. Also im Sommer eigentlich, aber das versteht jetzt eh keiner mehr. Ich auch nicht. Immerhin wurde ich so in Leer gleich zweimal neu eingeschult, erst in der falschen, dann in der richtigen Klasse. Vielleicht war das auch alles ganz anders und ich habe versehentlich ein halbes Jahr zu viel Schule genossen.

Leer also und ich fühlte mich so groß, so… das Wort cool war noch nicht eingebürgert und mein Fremdwortschatz beschränkte sich auf…, nein, eigentlich besaß ich noch keinen. In Hagen hatte ich die großen Jungs noch bewundert, die mit den Mick-Jagger-Hosen. Habe ich gerade noch gegoogelt. Damals war das ein feststehender Begriff, hautenge, kleinkarierte Hosen mit einem enorm breiten Gürtel. Jetzt findet man sie nicht unter diesem Namen. Vermutlich hießen sie nur auf unserem Schulhof so und deshalb habe ich nie eine bekommen. Nur eine kleinkarierte Hose ohne superbreiten Gürtel und das war so falsch, wie eine Jeans von Quelle, so ein blaues Teil, das man getrost auch hätte bügeln können und das niemals ausblich. Ja. Die bekam ich natürlich auch. Damit waren meine Coolnesswerte locker im Minusbereich.

Aber in Leer, da wollte ich es den Landeiern zeigen und auftrumpfen wie die großen Jungs. Mit der richtigen Jacke und Hose und Mütze und… ja, Mütze! Ringo und John und bestimmt auch die anderen, auf jeden Fall aber die großen Jungs in Hagen trugen Kappen. Schwarze Kappen, man sieht das auf Plattencovern und Fotos aus der Zeit. So eine musste ich auch haben. In Leer gab es natürlich kein Fachgeschäft für Teenager, die ihren Idolen nacheifern wollen, eine Art Kultausstatter oder so. In Groningen, vielleicht sogar schon in Winschoten, kurz hinter der holländischen Grenze, hätte ich bestimmt gefunden, was mein Herz begehrte. In Leer gab es nur einen Hutladen, in dem ältere Damen und alte Männer ihren Kopfbedarf deckten, denn Hüte und Mützen waren damals schon hoffnungslos aus der Mode. Bis auf die Beatlescap, von der man dort allerdings noch nie gehört hatte und bis vor zwei Minuten ahnte ich auch nicht, dass das Teil so heißt.

Ich wusste nicht genau, wonach ich suchte. Der Verkäufer hatte keinen blassen Schimmer, was er mit einem Kunden unter 60 anfangen sollte, mochte sich das Geschäft aber auch nicht entgehen lassen und so verließ ich stolz, aber auch ein wenig zweifelnd, den Laden mit einer schwarzen Kappe, die ich tapfer nachhause trug. Dort teilte mir mein Onkel freudestrahlend mit, dass es sich bei meiner Neuerwerbung um eine Prinz-Heinrich-Mütze  handelte, benannt nach dem jüngeren Bruder Kaiser Wilhelms II. Sowas wurde auch nie von den Beatles oder gar den großen Jungs getragen, dafür aber von Altkanzler Helmut Schmidt. Mega.

Augen auf und durch

Adolfo Hohenstein (1854–1928), Public domain, via Wikimedia Commons

Sag ich’s oder sag ich’s nicht? Aber vermutlich sind die Würfel ja längst gefallen, alle Entscheidungen ohne das Zutun meines Bewusstseins getroffen und ich – also der, der nach außen verantwortlich ist für all das, was hier verzapft wird – stehe oder besser sitze nun da und muss damit fertig werden.  John-Dylan Haynes, Hirnforscher an der Charité, ja, es gibt dort nicht nur Virologen und Leute, die Nawalny behandeln, hat sich – und das wollte ich nun wirklich nicht hier ausbreiten, oder vielleicht ja doch, vielleicht ist es das, was Haynes meinte bzw. erforscht hat – also ich fange besser einen neuen Satz an.

Haynes hat sich mit der Frage des freien Willens beschäftigt, die mir im ersten Satz dieses Textes in die Quere kam. Dabei geht es nicht um so etwas wie Gedankenfreiheit, die man von einem rabiaten Despoten oder einem weisen Herrscher einfordern könnte, sondern darum, ob der Mensch tut, was er will oder ob dieser sein Wille schon vorbestimmt ist. Nicht im großen Buch des Schicksals, in dem alles, was mir widerfahren wird, schon geschrieben steht und das ich gern mal lesen möchte, oder nein, doch nicht, sondern ob das Gehirn Entscheidungen trifft, die dem Bewusstsein dann als seine eigenen Ideen verkauft werden, so wie man das mit einem Vorgesetzten auch macht, wenn man erfolgreich sein will.

Es gab dazu schon Tests, bei denen die Teilnehmer zu einem beliebigen, von ihnen frei zu wählenden Zeitpunkt den Arm heben sollten. Schaut man sich die Abläufe in ihrem Gehirn an, kann gezeigt werden, dass dort schon vor der Bewegung die Entscheidung fällt. Da gibt jemand den Startschuss Weiterlesen

Weihnachtswünsche (2)

Robert Seymour (1798 – 1836), Public domain, via Wikimedia Commons

Zweiter Teil und Schluß

Es klingelte bei Ella Sebener und als sie nachschaute, stand ein gut gefüllter Sack vor ihrer Tür, den sie sogleich in den kleinen Flur ihrer Wohnung zog. Irgendwo in ihrer Wohnung rumpelte es und sie hielt irritiert inne, bevor sie den Sack absetzte, da klingelte auch schon das Telefon und die nette junge Dame von der Prävention, ach, die war ja überhaupt nicht nett und auch keine Polizistin und Ella hätte ihr fast die Meinung gesagt, kündigte an, dass gleich der Kollege vorbeikäme, um ihre Wertsachen in Sicherheit zu bringen, sie möge doch bitte den Sack jetzt vor die Tür stellen. Ach ja, der Kollege sei, um die Ermittlungen nicht zu stören, als Weihnachtsmann verkleidet. Eine gute Idee, wie Ella fand, doch während sie noch den Hörer auflegte und den Sack wieder in Richtung ihrer Wohnungstür zerrte, klingelte erneut ihr Telefon. Lichte. Ihr Nachbar aus dem zweiten Stock. Ach ja. Sie erinnerte sich. An ihn.

Dritter Stock, hatte die Chefin gesagt. Bei Sebeners steht der Sack mit den Wertsachen vor der Tür. Dass die Leute immer noch auf diese Masche reinfielen, dachte Bullen-Timo, wie ihn die Kollegen nannten, weil er sonst immer in Uniform auflaufen und die Schore einsammeln musste. Unglaublich, obwohl doch in jeder Zeitung gewarnt wurde. In der Weihnachtszeit war das Risiko ertappt zu werden gleich noch mal niedriger. Mit dem Weihnachtsmannkostüm war er kaum zu identifizieren und die Maske sorgte für den Rest. Ah, da stand ja schon der Sack. Und jetzt ab.

Die Absprache, Herr Lichte? Nein, hatten sie etwas vereinbart? Nicht schlimm, der Sack mit den Geschenken für Theo? Ja, klar. Ella erinnerte sich. Es rumpelte wieder, was das wohl war. Ja, sie würde den Sack gleich reinholen und dann wieder herausgeben an den Weihnachtsmann. Ihr war etwas schwindelig, als sie auflegte. Jetzt nur nichts verwechseln, dachte sie. Der Sack, den sie gerade reingeholt hatte, musste wieder vor die Tür, den von Lichtes musste sie dafür hereinholen. Sie zerrte den Sack weiter zur Tür, öffnet sie – und da war nichts. Kein Sack. Sie schloss die Tür, öffnete sie erneut und da war immer noch kein Sack. Sie griff zum Telefon.

„Lichte“, meldete sich eine Frau. Ella musste sich erst sortieren, dann erklärte sie, dass da kein Sack war, obwohl doch Herr Lichte sie deshalb angerufen habe. Sie hörte, wie sich ein Stockwerk tiefer eine Tür öffnete, bestimmt Herr Lichte, der jetzt den Sack hochbringen wollte.

„Frohes Fest.“ Der Weihnachtsmann kam aus dem dritten Stock und der Sack, den er mit sich trug, war eindeutig der, den Theos Vater gerade nach oben getragen hatte.

„Daniel?“

„Nee, das muss ein Irrtum sein“, ertönte eine Stimme, die Weiterlesen

Weihnachtswünsche (1)

 

Teil 1

Theo schaute gebannt auf den Parkplatz vor dem Haus. Bisher war nichts zu sehen. Etwas Geduld, hatte seine Mutter gesagt, würde er schon brauchen, wenn er den Weihnachtsmann  erwischen wollte.

„Kommt der Weihnachtsmann denn in diesem Jahr überhaupt?“, hatte Theo seine Mutter noch vor einigen Tagen gefragt. Er hatte sich richtig Mühe mit seinem Wunschzettel gemacht und Bilder vom Playmobil-SEK-Truck, von Walkie-Talkies und einer Playstation aufgeklebt. Aber es war ja Corona, das war schlimm, so schlimm, dass Oma und Opa  am Heiligen Abend nicht dabei sein durften, wenn die Familie Lichte Spagetti mit Tomatensoße und Fischstäbchen und Eis essen würde, so wie Theo es sich gewünscht hatte. Ohne Oma und Opa war schon doof, aber Weihnachten ohne Weihnachtsmann, das ging überhaupt nicht. „Doch, der Weihnachtsmann wird schon kommen, aber wir dürfen ihn ja nicht reinlassen“,  neckte ihn seine Mutter. „Mit Maske?“ Theo überlegte „Er kann ja auch die Geschenke einfach in den Flur legen.“ Das war ihm eigentlich sogar lieber, denn ganz geheuer war der Weihnachtsmann ihm nicht. „Ja, gute Idee. Ich glaube, so machen wir das!“ stimmte seine Mutter zu.

Lichtes, also Papa und Mama plus Theo, wohnten im zweiten Stock eines vierstöckigen Hauses. Auf jeder Etage befanden sich drei Wohnungen und Theo kannte schon fast alle, die ihm im Treppenhaus begegneten. Zum Beispiel die Büschers aus dem Erdgeschoss, die mit dem Dackel und die Tomaschewskys von gegenüber, die auch Kinder hatten, aber nur Mädchen. Und Frau Sebener aus dem dritten Stock, die war schon ganz schön alt, jedenfalls trug sie immer schwarze Anziehsachen und Mama hatte gesagt, dass sie eine Witwe war.

Theo las keine Zeitungen, denn erst im nächsten Sommer würde er in die Schule kommen, falls seine Arme dann lang genug wären, aber alle anderen im Hause und in der Stadt kannten die schlimme Geschichte, die Frau Sebener in diesem Jahr erlebt hatte. Erich, ihr Mann, war mit seinem kleinen Elektroladen schon vor Corona in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, Corona hatte ihm den Rest gegeben und er hatte Insolvenz anmelden müssen. Die Sebeners hatten aus ihrem schönen Haus in eine kleine Wohnung umziehen müssen, die Erich für sie gefunden und renoviert hatte. Zwei Zimmer, Küche, Bad, also eigentlich drei Zimmer, aber das dritte Zimmer, das mit der Feuerleiter, war Erichs Zimmer, seine Werkstatt, wie er ihr erklärt hatte, in der er an einer großen Erfindung arbeitete, die alles verändern würde und dann würde es ihnen wieder gut gehen, sie würde schon sehen, aber bis dahin dürfe sie nie, aber auch nie dieses Zimmer betreten, das müsse sie ihm versprechen, ach was, schwören, bei ihrem und bei seinem Leben. Es sei einfach zu gefährlich.

Dann hatte Erich ein Boot gemietet und war auf die Nordsee hinausgefahren, das war Weiterlesen

Warum, darum

Jan Van Vianen, Public domain, via Wikimedia Commons

„Das war bis hierhin schon mal ganz interessant. Kommen wir zu Ihrem Lebenslauf.“

„Ja gern. Geboren am 31.12.1952, Ausbildung zum Industriekaufmann, dann BWL-Studium…“

„Entschuldigen Sie, dass ich Sie unterbreche. Aber – die reinen Fakten liegen uns vor, die stehen schon in Ihren Bewerbungsunterlagen. Das ist ja nicht mehr als ein Gerüst. Es wäre schön, wenn Sie Ihre Motivation einbringen könnten. Lassen Sie uns verstehen, wie Sie zu Ihren Entscheidungen gekommen sind. Ihr Leben besteht schließlich nicht aus einer Anhäufung von Zufällen, die dazu geführt haben, dass Sie heute hier sitzen und nachher, wenn alles gut geht, als neues Mitglied unseres Teams Ihren Arbeitsvertrag unterschreiben. Also, wie  man so schön sagt: Butter bei die Fische. Es reicht, wenn Sie bei Ihrem schulischen Werdegang einsetzen.“

„Danke. Dann, ja, dann fange ich mal an mit dem Jahr 1958. Mit meiner Einschulung. Ich habe mich sehr bewusst für die einzügige Volksschule entschieden.“

„Ich unterbreche Sie nur ungern, aber es gab damals überhaupt keine Alternative zur Volksschule, oder?“

„Das ändert doch nichts daran, dass ich diese Schule sehr bewusst annehmen konnte? Nur so konnte ich die Volksschule zu meiner Schule machen, zu der, die ich wollte.“

„Und deshalb sind Sie dann auch dort geblieben, statt zum Gymnasium oder zumindest zur Mittelschule zu wechseln.“

„Genau. Ich bin sogar länger geblieben.“

„Man könnte auch sagen, Weiterlesen

Leise gehen

Leise gehen

Der Text, den ich heute hier veröffentliche, ist neu, aber er beschreibt Erfahrungen, die ich vor über vierzig Jahren gemacht habe. Mein Anspruch war nicht, die Verhältnisse so objektiv wie möglich darzustellen, sondern meine Sicht auf eine Realität, die manche vielleicht als bedrückend erleben mögen.

Leise gehen

Das Zimmer liegt am Ende der Station, es ist das Ende der Station. So, wie Menschen sich spezialisieren, etwas gut können, spezialisieren sie auch Räume. Manche werden zu Bädern, Küchen, Fluren oder Schlafzimmern, nur ganz wenige aber werden zu Sterbezimmern. Dabei gehört doch wirklich nicht viel dazu, denn so, wie überall gelebt wird, wird auch überall gestorben. Zum Sterben, wenn es seine Ordnung haben soll, braucht es nur wenig Platz und eigentlich fast keine Möbel. Ein Bett genügt schon. Ein Stuhl, vielleicht ein Tischchen, aber das interessiert die Sterbenden schon nicht mehr, das ist Deko, die es den Lebenden leichter macht einen Raum zu ertragen, in dem nur noch geatmet wird und dann auch das nicht mehr.

In dieses Zimmer kommt keiner wie Goethe, der in seinem Lehnstuhl starb und bis in die letzten Minuten die Weltbühne bespielte. „Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen! Gib mir dein Pfötchen“, soll er gesagt haben. Hier verlangt auch niemand nach mehr Licht. Nach nichts verlangt man hier und wenn doch, dann geht’s zurück auf die Station, dann stellt man sich erneut an und wartet, bis man wirklich an der Reihe ist. Nicht einmal der Schmerz, niedergekämpft oder weggespritzt, darf mit in diesen Raum, in dem es leise ist, immer, auch wenn nebenan in der Teeküche das Personal schwatzt und raucht und die Spülmaschine läuft, weil die Stille in die Wände eingezogen ist wie Nikotin in die Tapeten.

Keiner kommt. Kein Besucher, kein Geistlicher. Manchmal öffnet sich die Tür und eine Schwester prüft, ob alles seine Richtigkeit hat. So, wie aufmerksame Eltern einen Blick ins Kinderzimmer werfen um zu sehen, ob die lieben Kleinen auch schon schlafen, schaut sie, ob der Sterbeprozess voranschreitet. Die Atmung flach, die Füße und die Unterschenkel kalt, eiskalt. Das dauert noch. Da wird die Nachtschwester noch einmal schauen müssen, ob das Bett wieder neu bezogen werden, das Zimmer wieder neu belegt werden kann.

Man ist nicht gefühllos, aber der Tod ist hier kein Drama. Hier hört das Leben einfach auf, manchmal ganz unbemerkt. Ob es einen Himmel gibt oder eine Hölle, solch große Fragen stellt hier keiner. Einen Leichenkeller, den gibt es, soviel ist sicher und danach verlieren sich die Spuren.

Am anderen Morgen, wenn die Tür offensteht und das Bett frisch gemacht ist, dann darf der Zivi, der mal wieder durchgemacht hat, dort noch eine halbe Stunde schlafen.

Auch ich

Auch ich

Ich hatte nur wenig und schlecht geschlafen, weil irgendwo in der Nachbarschaft bis weit nach Mitternacht gefeiert worden war und jetzt klingelt auch noch der Wecker. Das hatte er schon so lange nicht mehr getan, dass ich mir nicht mal die Mühe gemacht hatte, ihn auf die Winterzeit umzustellen. Er sollte nicht klingeln, klingeln schon mal überhaupt nicht. Mein Wecker piepst. Schnauze, nuschele ich dann und bekomme noch zehn Minuten Schlaf geschenkt. Dieser Wecker klingelt und ist völlig immun gegen eine entschiedene Ansprache. Wie stellt man den ab? Ich weiß es nicht, aber meine Finger finden selbstständig einen kleinen Metallhebel und schieben ihn zur Seite.

Ruhe.

Es ist dunkel und kalt. Ich ertaste die Lampe auf dem Bettkasten am Kopfende der Schlafcouch und noch bevor das Licht angeht, weiß ich, was ich sehen werde, so sicher, wie ich es an jedem anderen, gut, an fast jedem anderen Morgen meines bisherigen Lebens gewusst habe. Nur, dass es nicht richtig ist, das zu sehen, dass es nicht sein kann. Aber sag mal der Realität ins Gesicht, das sie gerade einen Fehler macht, dass sie etwas durcheinander gebracht hat und dass du jetzt die Augen zumachst, bis drei zählst und dann hoffentlich alles wieder seine Richtigkeit hat. Nein, es sind nicht sechs Beine, die mir Sorgen machen, ich weiß, dass ich nicht Gregor Samsa und erst recht kein Käfer bin.

Still jetzt.

Jemand geht über den Flur und ich fürchte kurz, dass die Tür aufgeht und ich reinkomme. Ach, eigentlich befürchte ich sogar, dass überhaupt irgendwer reinkommen könnte.

Jetzt aber mal langsam.

Ich weiß, wo ich bin und wer ich bin. Obwohl: Da bin ich mir schon nicht mehr ganz so sicher. Es scheint eine gewisse Differenz zwischen Körper und Geist zu geben. Ich bin immer noch ich, wenn auch in einer längst überholten, völlig aus der Mode gekommenen und etwas zu klein geratenen Siebziger-Jahre-Ausgabe. Und da wir gerade dabei sind: Den Körper würde ich schon behalten wollen.

Es war nicht alles schlecht, damals.

Ich –  noch nie war ich mir so unsicher bei der Verwendung dieses Personalpronomens, gut, mein Ich des Weiterlesen

Loslassen

Loslassen

Klein war die Welt und unermesslich groß, als ich ein Kind war. Klein war sie und vertraut, weil ich alles kannte, jedes Kind und jeden Erwachsenen, jeden Hund und unsere Katze, jedes Fahrrad und das Auto auf dem kleinen Parkplatz. Den Feldweg hinter der Treppe, den, auf dem ich der Frau vom kleinen Meyer mein Guten Morgen entgegenrief, kaum dass ich sie gesehen hatte, um dann stumm an ihr vorbeizutrödeln. Die Gärten hinter der Hecke und die Straße nach links und nach rechts, in die Stadt und runter zum Wald.

Und die Welt war groß, denn ich ahnte mehr, als dass ich es wusste, dass da noch anderes war. Afrika. Amerika. Kina. Kina, wie mein Vater sagte und ich auch und womit ich den Spott des Lehrers auf mich zog. Kina, Kina, Kina. Jetzt hab ich’s dem aber gegeben! Der Dschungel und die Hochhäuser, Cowboys und Indianer. Entdecker und Missionare. Dabei begann die große fremde Welt eigentlich schon hinter der nächsten Häuserzeile in der Stadt, begann dort, wo ich noch nie war und wo ich nach der Hand meiner Mutter griff.

Eine seltsame Landkarte wäre das geworden, hätte ich sie zu zeichnen versucht. Mit unserem Haus in Hagen-Eppenhausen im Mittelpunkt und als fernstem Ort der bekannten Welt das Haus meiner Oma in Leer, verbunden durch die Schienen der Eisenbahn. Dann ein paar Namen, Orte, die mit meinen Eltern verbunden waren. Ostpreußen und das Sudetenland. Namen wie Dortmund und Haspe. Wie Berlin und New York. Unbestimmbar weit weg und für mich so fern wie der Mond.

Einmal, auf dem Weg zur Donnerkuhle, einem Ortsteil, der seinen Namen vielleicht den Sprengungen im Steinbruch verdankte, war da ein schwarzer Mann. Einer, für den wir Bleichgesichter sicher schon vertraut waren, aber der für mich ganz unfassbar war, wie konnte das sein? Gab es Wege nach Afrika? Straßen oder Eisenbahngleise, die in die Wüste oder in den Dschungel führten? Ein unvergessliches Erlebnis, größer und aufregender als die Kinderstunde im Fernsehen und die Leseratten im Radio.

Eines Tages war da plötzlich ein Fahrrad in meiner Welt. Ein kleines Rad, eins in meiner Größe. Mein Fahrrad sollte das sein und ich hatte es mir nicht gewünscht, weil ich nicht wusste, dass das geht, dass man sich sowas wünschen kann. So ein Fahrrad kann man gut abstellen, das hat einen Ständer und, obwohl es eine Klingel hat, es ruft nicht, meldet sich nicht und sagt: Fahr mich. Ich war nämlich schon damals, noch vor meiner Einschulung, ein Guckkind, ein Habekind und kein Machkind.

Wozu sollte das gut sein, alles immer auszuprobieren, alles zu lernen, was andere doch schon konnten? Aber nein, meine Eltern, in diesem Fall mein Vater, bestanden darauf, dass ich mit dem Fahrrad fuhr. Bald sogar ohne Stützräder.

Jeder kennt die Geschichte vom Festhalten und Loslassen und von dem Moment, in dem man merkt, dass man betrogen wurde und ganz allein das Gleichgewicht hält und fährt und es ist schrecklich und es ist schön, weil man das jetzt kann, aber den Betrug, den vergisst man nicht. Rechts in Richtung Wald, aber es kann doch nicht sein, dass ich jetzt weiter und weiter geradeaus fahre, zur Bundesstraße und dann in die Welt hinein, vielleicht bis nach Afrika, vielleicht bis nach Leer. Nein, ich muss abbiegen, wenden und da kommt auch schon die Hovestadtstraße und ich ziehe nach links, halte den Lenker, halte mich am Lenker fest und da ist auf einmal ein Auto, das auch die Straße beansprucht und mein Vater ruft mir meine erste Verkehrsregel zu. Nicht die Kurve schneiden. Das mit dem Schneiden habe ich dann trotzdem wieder getan, aber das ist eine andere, eine blutige Geschichte, die von dem Fahrtenmesser, dass ich mir so gewünscht hatte.

Zeug

Zeug

Vermutlich sagen die Rummelschublade und der Werkzeugkasten mehr über einen Haushalt, als der Bücherschrank und die Plattensammlung. Okay, die Plattensammlung verrät schon mal das Alter, denn wer eine Plattensammlung sein eigen nennt, ist entweder Hipster oder… äh… alt. Eine Rummelschublade und ein Werkzeugkasten gehören aber zu jedem Haushalt, so zu jedem Haushalt, dass sie eigentlich bei Ikea im Angebot sein sollten. Und damit meine ich nicht die Schublade, die man natürlich im Möbelladen bekommt und den Werkzeugkasten, den man vermutlich auch im Möbelladen, aber ganz bestimmt im Baumarkt kaufen kann.

Die Rummelschublade darf sicher mit der Wundertüte verglichen werden, von der ich allerdings nicht weiß, ob es sie noch gibt. Ihr Name versprach keineswegs, was wir zu finden hofften, nämlich etwas Wunderbares, sondern lediglich, dass ihr Inhalt Verwunderung auslöste. Enttäuschung wäre vielleicht eine zutreffendere Bezeichnung. Aber wer hätte von seinem mageren Taschengeld schon eine Enttäuschungstüte gekauft?

Dass hier die Rummelschublade und der Werkzeugkasten in einem Text, schlimmer, in einem Kontext aufgeräumt – nein, natürlich nicht auf-, sondern abgeräumt werden, spricht allerdings Bände. Und für die Jüngeren unter den Leser*innen: Nein, Bände ist kein falscher Plural von Band im Sinne von gemeinschaftlich musizierenden Menschen, sondern bezieht sich auf Bücher, die, so war das früher, manchmal sogar in mehreren Exemplaren in einem Haushalt vorkamen. Mehrbändig waren zum Beispiel Lexika. Daraus ist aber nicht abzuleiten, dass ein einzelnes Buch als Einband bezeichnet wird. Damit wäre in all dem Durcheinander dieses Textes immerhin auch noch ein Bildungsauftrag erfüllt.

Unser orangefarbener Werkzeugkasten, übrigens ein Geschenk meines Vaters, ist so etwas 40 Jahre alt. Er ist von beeindruckender Größe, jedenfalls für Menschen, die außer einem Hammer, einer Zange und ein paar Schraubendrehern eigentlich kein Werkzeug benötigen. Er ist sogar so groß, dass wir, was wir gerade suchen, nicht finden.

Okay, das hängt vielleicht nicht so sehr von der Größe des Kastens, sondern mehr von unserem Ordnungssystem ab. Dieses System besteht darin, dass wir alles, was einmal gebraucht werden könnte oder was uns so fremd ist, dass wir uns nicht trauen, es einfach wegzuwerfen, im Werkzeugkasten aufzubewahren versuchen.

Bei manchen… Sachen?.. wussten wir zum Zeitpunkt der Einlagerung eventuell auch noch, wozu sie dienen sollten, inzwischen sind sie aber zu mysteriösen Artefakten menschlichen Erfindungsreichtums geworden. Kunststoff- und Metallteile in seltsamen Formen und Maßen, mit und ohne Löcher, gern in altersmilden Farben. Zwischen Schraubenziehern mit rundgedrehten Spitzen und krummen Nägeln, keine Ahnung, wer die in den Kasten geworfen hat, Schrauben und Dübel, Muttern und Unterlegscheiben. Gern auch mal ein Reißbrettstift, der sich schmerzhaft unter den Fingernagel bohrt, wenn gerade wieder einmal etwas gesucht wird. Und natürlich Staub und Flusen. Natürlich nicht aus den letzten vierzig Jahren. Manches davon muss älter sein. Heute habe ich  aufgeräumt. Also von rechts nach links und von oben nach unten. Von einigen krummen Nägeln konnten wir uns trennen. Von Staub und Flusen natürlich auch.

Die rätselhaften Teile, hmm, vielleicht in die Rummelschublade?

Quellenangaben

Quellenangaben

Mark Twain hatte den Mississippi, Willy Millowitsch den Rhein. Von uns aus sind es nur ein paar hundert Meter bis zur Ems und dem Emsradweg. Wir hören ihn also fast rufen. Wäre es doch bloß nicht die Ems. Die ist so unspektakulär. 371 km von der Quelle bis zur Mündung. Der längste Fluss, der in Deutschland entspringt und ins Meer mündet. Das sind Infos für Statistiker, da springt man doch nicht gleich auf das Fahrrad und ruft: Das muss ich jetzt aber unbedingt mit eigenen Augen sehen!

Gibt es überhaupt ein Lied oder ein Gedicht zur Ems? Der Rhein, der alte Vater Rhein, ist überhaupt nicht so deutsch, aber was für eine Landschaft, was für Städte, was für Lieder und Gedichte. Romantik, habe ich mir sagen lassen. Zur Ems hingegen: Warum ist es an der Ems so schön? Oder vielleicht: Wenn das Wasser in der Ems goldner Wein wär… Schwer vorstellbar.

Nicht mal die Emser Depesche, die Emser Pastillen oder Bad Ems haben was mit dem Fluss vor unserer Haustür zu tun. Puh. Jetzt habe ich das überprüft. Es gibt Gedichte, aber die verlinke ich besser nicht. Nicht mal Heinrich Heine hat die Ems besungen und der hat sich mit den Schönheiten und dem Elend Deutschlands doch nun wirklich beschäftigt. Okay, es gibt im Emsland eine Heinrich-Heine-Straße, vermutlich sogar mehr als eine, aber das zählt doch nicht.

Die Ems entspringt in Hövelhof. Oder bei Hövelhof. In der Senne. Dorthin führt uns die erste Etappe. Die Emsquelle müssen wir uns ansehen, weil es sonst noch weniger Sinn hat, den Fluss entlangzufahren. Hat wohl was mit der Idee von Anfang und Ende zu tun. Es ist ein Fluss entsprungen… aber das stimmt natürlich nicht. Da entspringt kein Fluss, da blubbert es nicht mal. Erst ist da noch nichts, dann hier eine Pfütze, da eine Pfütze, es kommt Bewegung in die Angelegenheit, es rinnt, plätschert sogar ein wenig und macht sich auf den Weg. Eine Flächenquelle nennt man das wohl, wenn das Wasser nicht ordentlich an einem Punkt aus dem Fels oder dem Boden hervortritt, sondern eher beiläufig rumsteht, etwas schmuddelig, einfach so im Waldboden. Wenn man’s nicht wüsste… aber wenn man’s nicht wüsste, wäre man natürlich nicht hier.

Es gibt sogar ein Informationszentrum und eine Menge Menschen, die dabei sein müssen, wenn die Ems sich auf den Weg macht, aber das sollte sich doch spektakulärer gestalten lassen. In Amerika ziehen die sowas bestimmt ganz anders auf, viel größer und sicher mit Licht und Musik.

Aber dann darf da natürlich nicht so ein Getröpfel im Zentrum stehen. Da muss man das bisschen Ems erstmal aufstauen und – genau, die in Form gebrachte Ems wie Champagner aus einem Felsen (Notiz für den Regisseur: Fels beschaffen) brausen lassen, perlen und plätschern und dann hängt da ein Monitor gleich ein paar Meter weiter,  mitten im Wald, da, wo die Ems ihre Kinderstube nass macht, ein Monitor, der uns zeigt,  wie im fernen Ostfriesland ein mächtiges Schiff auf dem breiten Strom dem Meer zustrebt. Eine Schiffssirene brummt, Möwen schreien und am Horizont bläst ein Wal. Ja, so muss man das machen!

Okay. Ich glaube, ich mag die bescheidene Version doch lieber.

Abschied mit Anlauf

Jordan White@unsplash

„Wir ziehen um.“

Drei Wörter, zweihundertvierzig Kilometer. Vierzehn sein war auch so schon hart genug. Und da stellten meine Ernährungsberaterin und mein Finanzdienstleister, auch als Mutti und Papa bekannt, doch tatsächlich noch in Frage, wo ich war. Dabei wusste ich nicht mal ganz genau, wer ich war. Aber das mit dem Umziehen war nicht zu diskutieren. Das heißt, diskutieren schon, bis zur totalen körperlichen und psychischen Erschöpfung. Nur änderte das nichts mehr.

„Es ist doch auch schön dort.“

Landschaftliche Schönheit, kulturelle Vielfalt und das Vorhandensein bedeutender Baudenkmäler verschiedenster Epochen gehörten zu den Argumenten, die während der Pubertät und in den darauf folgenden zehn Jahren aber auch so was von daneben waren, dass bereits ihre Erwähnung zur Aberkennung der Erziehungsberechtigung führen sollte. Fand ich.

„Und außerdem hat Papa einen besseren Arbeitsplatz gefunden. Nach den Sommerferien gehst du dann dort zur Schule.“

So gesehen reichten zweihundertvierzig Kilometer nicht aus. Wenn schon umziehen, dann doch bitte so weit, dass es keine Schulpflicht mehr gab oder wenigstens 14jährige mit der Schule fertig wären. Dann könnte ich vielleicht so etwas wie ein Abitur h.c. bekommen. Aber nein,

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Keiner da

Photo by Apostolos Vamvouras on Unsplash

Da hätte ich mich fast vergessen, sagte der Mann. Was für eine interessante Idee, mal nicht den Schirm oder den Schal zu vergessen, sondern gleich sich selbst. Nach ein paar Stunden auf der Parkbank oder in der Bahn fällt es mir auf. Ich habe mich vergessen. Jetzt bin ich gedanklich längst zuhause, habe mich aber irgendwo vergessen. Vielleicht spricht mich jemand an, fragt mich, was ich denn bei Regen auf der Bank mache, aber ich reagiere nicht. Ich bin ja abwesend, also schon da, aber eben vergessen. Man sammelt mich ein, obwohl, nein, ich bin ja nicht zerstreut, das wäre noch viel schlimmer, ich habe mich ja nur vergessen.

Das soll es ja geben, natürlich nicht ständig, die meisten vergessen sich ja nur fast, also die kehren noch mal um, tun gedanklich einen Schritt zurück ins Restaurant und nehmen die Jacke von der Garderobe und den vergessenen Menschen von Tisch 12 wieder mit. Mir ist das leider nicht passiert. Ich habe mich vergessen. Möglicherweise nimmt mich jemand mit, für das  Sofa. Ein sehr einsamer Mensch, dem es nichts ausmacht, dass ich nur Weiterlesen

Gebremste Tierliebe

Photo by Vincent-van-Zalinge on Unsplash

Nach dem Ortsausgangsschild beschleunige ich. Unser schon etwas in die Jahre gekommener Diesel braucht seine Zeit, aber wenn er erstmal läuft, dann auch wie am Schnürchen. Früher Morgen, vielleicht sieben Uhr. Noch nicht ganz hell. Um Acht soll ich vor der Klasse stehen, vorher noch ein paar Kopien machen, vielleicht einen Kaffee mit den Kollegen trinken. Auf WDR 5 erläutert irgendwer die nationale oder internationale Politik. Wenig Verkehr. Die Münsterländer Parklandschaft liegt vor mir, ab und zu ein Hof, ein Restaurant, Weiden und Felder. Ein paar Bäume am Straßenrand.

100, 120. Nicht schneller, aber auch nicht langsamer als die anderen, nicht schneller, aber auch nicht langsamer

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Osterbrink macht Augen (3)

Rüdiger Wölk This photo was taken by Rüdiger Wölk. Münster. CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)

Dritter und letzter Teil

Teil 1

Teil 2

Osterbrink, dessen bisher erste und einzige Begegnung mit den Alltagsmenschen sehr rauschhaft verlaufen war und der deshalb keine gerichtsverwertbaren Erinnerungen an dieses Ereignis mehr besaß, war beeindruckt. Weniger von Toni Schulte Zumbrook, die er zunächst kaum zur Kenntnis genommen hatte, obwohl…  Groß, stämmig, von gesunder Gesichtsfarbe, fast immer mit einem Lächeln im Gesicht, ja, von einer schier überirdischen Heiterkeit, all das traf neben den gemütlich rundlichen Touristenmagneten auch auf seine Stadtführerin zu.

So viele neue Eindrücke, dazu die Last der Verantwortung, Osterbrink musste sich sammeln. Vor einer kleinen Buchhandlung, in deren Schaufenster eine Skulptur stand, die ihn sehr an den Landrat erinnerte, wie sollte man denn so nachdenken? Vor einem Restaurant, dessen Speisekarte ihn an die Uhrzeit und seinen leeren Magen erinnerte. Nein, auch kein Ort, um einen klaren Gedanken zu fassen. Schließlich vor den Auslagen eines Herrenausstatters, die ihn völlig kalt ließen und da sah er sie, die freundlichen Riesen, die sich in Normalgröße spiegelten. Davor ein kleineres, rundliches Paar, das in Formen und Farben dazuzugehören, Teil der Inszenierung zu sein schien und als jetzt auch noch versuchsweise ein kleines Lächeln auf seinem Gesicht erschien, konnte er nicht anders, als Toni Schulte Zumbrooks Hand zu ergreifen und mit dem Sommer, der Stadt und den Alltagsmenschen zu verschmelzen. Freundliche Betonköpfe, standhaft und zerbrechlich zugleich, gestellt in eine Welt, die sie nicht verstanden. Hatte er das wirklich gedacht? Er würde sich das aufschreiben müssen, später.

Jessica Wagenkötter, die per Zufall Zeugin dieser Szene geworden war, während sie in einem Bistro einen kleinen Salat mit Grünkohlpesto und Mettwurststückchen verzehrte, verschüttete vor Freude glatt ein wenig Grauburgunder. Osterbrinks Date erwies sich offenbar als echtes Update. Aber man soll die Mahlzeit nicht vor dem Nachtisch, den Tag nicht vor dem Abend loben, denn nur wenige Schritte weiter stieß das Paar, sich der verschränkten Hände durchaus bewusst, aber unfähig, als Erste oder Erster wieder loszulassen, auf eine gut gelaunte Männergruppe, die, den Coronaregeln trotzend, offenbar von einer vermutlich feucht-fröhlichen Weiterlesen

Osterbrink macht Augen (2)

Von User Kapitän Nemo on de.wikipedia – eigenes Foto, freigegeben zum weiteren Gebrauch, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1218939

Zweiter und vorletzter Teil

zu Teil 1

Seit einiger Zeit bekam Osterbrink nämlich Mails von Polizeipsychologinnen, Versicherungsvertretern und Immobilienmaklern, die er sich nicht erklären konnte, einmal sogar von einer Kollegin aus Gütersloh, die sich aber nach einem kurzen Austausch per Mail auf den Corona-Lockdown berief und nie wieder schrieb. Er konnte ja nicht ahnen, dass Jessica Wagenkötter für ihn ein Profil auf dem Datingportal der Polizei, der Bullenbörse, erstellt hatte.

Es war ja nicht so, dass Osterbrink darunter litt, keine Frau, keine Freundin und nicht einmal eine Exfrau oder Exfreundin zu haben. Kurzzeitig hatte der Kommissar sogar als begehrtester Single zwischen Axtbach, Mussenbach, Werse und Ems gegolten, weil es hieß, er werde bei „Mario Barth deckt auf“ ganz groß rauskommen. Es war dann auch was rausgekommen und um ein Haar wäre Osterbrink strafversetzt worden. Aber er war ja schon bei der Kreispolizeibehörde in Warendorf. Jedenfalls hatte sich in der Folge sein Status bei Facebook von Single zu „unvermittelbar“ verändert. Seine Unbeweibtheit war ihm bisher eigentlich nicht einmal groß aufgefallen. Aber diese kurze Phase, in der ihn Frauen anriefen, um sich mit ihm zu verabreden und, das hatte er schnell raus, Karten für die Mario-Barth-Fernsehaufzeichnung zu bekommen, hatte ihm verdeutlicht, das ihm möglicherweise etwas fehlte. Immer hieß es nur Osterbrink hier, Osterbrink da und manchmal sogar: Osterbrink! Niemals sagte jemand Bernhard und so hatte er fast seinen Vornamen vergessen.

Jessica Wagenkötter, die letztlich für das folgende Schlamassel verantwortlich war, hatte Osterbrink, als er sich unbeobachtet Weiterlesen

Osterbrink macht Augen

Dietmar Rabich / Wikimedia Commons / „Telgte, Clemenskirche und Gnadenkapelle — 2014 — 8455“ / CC BY-SA 4.0

Im Laufe der Jahre sind einige Geschichten um den etwas kauzigen Kommissar Osterbrink entstanden. Sein neuester Fall spielt wieder einmal in Telgte. Heute gibt es den ersten von drei Teilen.

Erster Teil

„Telgte!“ Dr. Averkamp, der leitende Polizeidirektor der Kreispolizeibehörde Warendorf, ließ das Wort im Raum stehen wie ein Ortseingangsschild.

„Nicht meine Zuständigkeit, Herr Polizeidirektor“, murmelte Osterbrink und drehte schon ab. Seine Reflexe stimmten noch: Erst die Nichtzuständigkeitserklärung und wenn die nicht zog, dann… aber so weit kam er nicht mit seinen Gedanken.

„Wieder so eine Kunstangelegenheit. Da sind Sie doch der Experte hier im Hause.“

Osterbrink meinte, ein unterdrücktes Lachen aus dem Vorzimmer gehört zu haben. Weber-Hollendorf, seit dieser Karnevalsgeschichte hatte ihre professionelle Neutralität ordentlich gelitten.

Dr. Averkamp holte zu einer seiner langatmigen Erklärungen aus, zusammengefasst ging es wohl darum, dass im Kreistag ein Abgeordneter der Handfesten Heimatfreunde behauptet hatte, der Bevölkerungsaustausch habe auch im Landkreis längst begonnen. Nach dem Zwischenruf „Aber er geht nicht schnell genug“ sei es zu tumultartige Szenen gekommen. Also beinahe, nur durch die vorzeitige Eröffnung des Buffets sei Schlimmeres verhütet worden.

„Aber“, fuhr Dr. Averkamp fort, „darum geht es überhaupt nicht. In Telgte findet“, der leitende Polizeidirektor unterdrückte ein Gähnen „zum gefühlt 100sten Mal die Ausstellung Alltagsmenschen statt. Dagegen ist ja weiter nichts zu sagen. Allerdings ist es in der Vergangenheit zu mutwilligen Beschädigungen der Skulpturen gekommen. Die Figuren sind versichert, aber sowas schadet natürlich dem Image eines Wallfahrtsortes. Kurz: Wir müssen da ran. Der Polizeistützpunkt in Telgte ist nicht ständig besetzt, die Kolleginnen und Kollegen brauchen Unterstützung und wer, wenn nicht Sie, mein lieber Osterbrink, könnte diese Aufgabe übernehmen?“

Osterbrink bewegte sich nicht. Er versuchte, sich durch reine Willenskraft unsichtbar zu machen, dann ginge alles Weiterlesen