Weiß nicht

Von Carl Larsson – Åt solsidan, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=447496

Wir wohnen in einem Haus mit einem Flachdach. Ich ahne schon, wie jetzt einige die Hände über dem Kopf zusammenschlagen: Ein Flachdach? Aber man weiß doch… Ja. Weiß man. Früher oder später gibt das Ärger. Mit jahrzehntelanger Spitzdacherfahrung kann ich sagen, dass es früher oder später immer Ärger gibt.

Wasser marsch: Im Arbeitszimmer standen Eimer, in die es tropfte. Braune Flecken an der Zimmerdecke, die langsam größer wurden. Eine halbeingestürzte Decke im Arbeitszimmer, einem anderen Arbeitszimmer in einem anderen Haus übrigens. Nur eine feuchte Auswahl.

Trotzdem blöd, dass es wieder passierte. Der Dachdecker kam, fand und reparierte die schadhafte Stelle. Im Jahr darauf: Blöd, dass es wieder passierte. Der Dachdecker kam, fand und reparierte die schadhafte Stelle. Wir beschlossen, dass es jetzt gut sei, dass er jetzt das Problem gelöst hätte und wir künftig Ruhe haben würden. An dieser Stelle.

Doch da waren noch die Flecken auf der Wand. Mit einer kleinen Fläche hatte es begonnen, schließlich war ein braun umrandeter Streifen daraus geworden, der von der Decke bis fast zum Fußboden hinab reichte. Mit einer Grundierung überdeckt, zwei Tage gewartet, bis es Weiterlesen

Form und Inhalt

Von Creator:François-Nicolas Martinet fils – Martinet, Histoire des oiseaux, peints dans tous leurs aspects, pl. 19, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=56710701

Es hatte mal wieder nicht geregnet. Unser Rasen, gut, die Grünfläche hinter dem Haus, okay, das Grün nehme ich auch zurück, also: Die Fläche hinter dem Haus, die unter günstigeren Bedingungen als Rasen bezeichnet werden könnte, zeigte sich in allen möglichen Farben, von denen uns keine gefiel.

Dunkelbraun, fast schwarz das Moos, kräftig grün der Klee, hellbraun die Erde, die wie kahle Stellen durch lichter werdendes Haar lugte und schließlich gelblich das Gras. Ich vermute ja, dass die Graspflänzchen, die zwischen all dem Kraut um einen Platz ringen, ein Gespür dafür haben, dass ich nicht voller Liebe über die Fläche schreite, dass sie meine unterschwellige Ablehnung ahnen und darauf mit Wachstumsverweigerung reagieren, dass der Rollrasen sich wieder aufrollen und dann trollen möchte, müsste er nicht befürchten, dann im Licht der Sonne zu Staub zu zerfallen wie Graf Dracula.

In solchen Fällen wird gegossen. Nicht regelmäßig, aber immer dann, wenn die Bambusblätter sich einrollen und der letzte Rest Feuchtigkeit in der Vogeltränke eine teerähnliche Konsistenz hat. Ich schritt also langsam mit einer Art Brause am Stiel über die staubige Fläche und goss.

So führte

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Vor dem Wigwam zu lesen

Von Paul Kane (1810-71), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1336538

Um eine Geschichte zu erzählen, die Hand und Fuß hat, muss man manchmal, auch wenn sich das eigentlich nicht gehört, das eigene Auge an ein fremdes Schlüsselloch drücken, weil sich jenseits der Tür nicht nur Möbel sondern eine ganze Welt befinden kann. Das stand auf Seite 2 des Lehrbuchs für angehende Medizinmänner und Geschichtenerzähler.

Dass das nur metaphorisch gemeint war, verstand der kleine Indianer, den seine Familie Löwenherzchen nannte, der aber bei allen anderen Kindern als Kleiner Feigling bekannt war, erst, als er feststellte, dass ein Wigwam nicht über ein Schloss, geschweige denn ein Schlüsselloch verfügte. Es hätte schon eines Zauberstabs bedurft, um dieses Problem zu lösen, aber so lernte unser kleiner Indianer gleich noch, was es bedeutet, dass man nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen darf.

 

Reinheitsgebot

Von Credit Line & Copyright Adam Block/Mount Lemmon SkyCenter/University of Arizona – https://www.adamblockphotos.com/cw-tauri.html, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=85833056

„Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“

  1. Gesetz, Arthur C. Clarke

Nicht ist schneller als das Licht… es sei denn, man kennt eine Abkürzung.

Der gelbe Sprinter mit dem roten Logo stand mit laufendem Motor vor Jepsens Haustür.
„Morgen. Steinfelds sind nicht zuhause. Nehmen Sie ein Paket für sie an?“ Gelangweilt hielt der Mann einen braunen Karton in der Hand, auf dem in großen Buchstaben der Name eines bekannten Internethändlers stand.
„Okay. Geben Sie her.“ Sabrina Jepsen quittierte auf dem kleinen Display, das sie immer an die Zaubertafel ihrer Kindheit erinnerte und nahm das Paket entgegen. Damit war die kritische Masse erreicht, was Sabrina natürlich nicht ahnen konnte.
„Ganz schön staubig!“ stellte sie fest.
„Ja, weiß auch nicht, was die für ein Problem in ihrem Versandzentrum haben.“
*
Manchmal half Weggucken nicht. Hinschauen auch nicht. Was für die Unendlichkeit gemacht schien, kollidierte mit der Endlichkeit. Bald gäbe es niemanden mehr, der sich an Unvergessliches hätte erinnern können.  Auch die Ewigkeit würde bald vorbei sein. Galaktische Katastrophen nahmen keine Rücksicht auf individuelle Befindlichkeiten und wissenschaftliche Berechnungen. Sie traten ein. Manchmal schneller als erwartet. Dann musste man handeln. Das galt auch für die Bewohner des Planeten Azamon.
*
„Was heißt eigentlich DHL?“ fragte Robert, als er später das Paket sah.
„Deutsche… Haushaltslogistik? Könnte sein, oder?“ rätselte Sabrina.  Das Thema war damit auch durch, es gab anderes und Weiterlesen

Überdachte Literatur

Von Michael Kammerer (Rob Gyp) – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=37604962

Der Dachboden war der geheimnisvollste Ort in dem kleinen Siedlungshaus, das mir uralt schien, weil meine ewig schwarzgekleidete hagere Oma uralt war. 65 war sie wohl. Oh, es gab auch den Wohnzimmerschrank, den meine Erinnerung auf eine Tür, die linke, reduziert hat. Hinter dieser Tür, die später manchmal abgeschlossen wurde, verwahrte mein Onkel seine Bücher. Wie der Rest des Schrankes aussah, habe ich vergessen. Vielleicht besitze ich noch ein Foto, aber wozu nachschauen? Die wichtige Seite des Schrankes ist ja erhalten geblieben.

In den Sommerferien las ich nach und nach alle Bücher aus diesem Schrank. Einen Science-Fiction-Roman, eine Liebesgeschichte und… da muss viel mehr gewesen sein, aber offenbar hat mich sonst nichts nachhaltig beeindruckt. „Das Beste aus Readers Digest“ habe ich auch verschlungen, vermutlich nicht nur das Beste. Viele bunte Bände, die auf einem Regalbrett im Zimmer meines Onkels standen. Und die Hörzu.

Sechs Wochen Ferien und nur kleine Mädchen und alte Leute. Ab und zu donnerte ein Starfighter im Tiefflug über den dörflichen Vorort der kleinen Stadt und durchbrach mit einem kolossalen Knall die Schallmauer. Dann kehrte wieder Frieden ein. Kreuzspinnen lauerten zwischen den Dornen der Blutberberitze, am Horizont zog eine unhörbare Dampflok Güterwagen und eine Rauchfahne in Richtung Emden. Die Zeit schlich, es war warm, Fliegen summten, die Katze döste in der Sonne und die Hühner gackerten. Da brauchte ein Zwölfjähriger dringend Lesefutter.

Eigene Bücher hatte ich nicht mitgebracht, wozu auch? Die paar, die in Hagen hinter der Klappe meiner Bettcouch standen, kannte ich fast auswendig, weil ich sie wieder und wieder las, bis es endlich ein neues Buch gab. Viel mehr Bücher besaßen wir nicht. Meine Mutter hatte auf der Flucht aus Ostpreußen ihr Poesiealbum dabei, das unterwegs zum Tagebuch wurde. Mein Vater war mit nicht viel mehr als seinem Soldbuch in den Krieg gezogen und mit nichts aus der Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt. Nicht heimgekehrt, sondern…äh fremdgekehrt? Nicht ins Sudetenland, das hinter dem Eisernen Vorhang verschwand und nun als Nordböhmen ein Teil Tschechiens ist, sondern ins Nachkriegsdeutschland. Bücher waren das letzte, was meinen Eltern fehlte. Aber da war ja der geheimnisvolle Dachboden meiner Oma in Ostfriesland.

Im ersten Stock ihres Hauses befand sich eine Dachluke, die, wenn man sie öffnete, eine Leiter freigab, mit deren Hilfe man in den Spitzboden gelangen konnte. Bestimmt hat niemand diese Luke für mich geöffnet, bestimmt habe ich mich nicht getraut, das allein zu tun, also bin ich wohl einfach einmal meinem Onkel gefolgt. Ich kannte so etwas nicht, wir wohnten mit fünf anderen Familien in einem Neubau mit einem riesengroßen Dachboden, der Teil des Alltags  war, auf Weiterlesen

Lebenslücken

Ich sitze vor einer Übung. Es geht um einen autobiografischen Text, in dem ein Kinderbuch vorgestellt werden soll, nicht irgendeins, sondern eins aus der eigenen Kindheit. Nun hatte ich leider keine Kindheit… nein, falsch, ich hatte nur keine Kinderbücher. Noch genauer: Ich erinnere mich nicht an Kinderbücher.

Jugendbücher, ja. Die habe ich gelesen, manche stehen noch heute in meinen Regalen. Mark Twain oder Jules Verne. Karl May und Salinger. Davor? Meine Kindheitserinnerungen sind sehr bruchstückhaft. Manches weiß ich aus der Zeit, als ich drei Jahre alt war, aus der Zeit, als meine Schwester geboren wurde. Aus den Jahren danach, als sie im Krankenhaus war und wir sie nur sonntags besuchen durften, hinter einer Glasscheibe die armen kranken Kinder, davor wir Besucher. Fast wie zu Coronazeiten.

Momentaufnahmen aus meiner Kindergartenzeit. Arztbesuche. Das Erwachen aus der Narkose, nachdem man mir die Polypen entfernt hatte. Ein eigener Krankenhausaufenthalt im Winter, ich war schon Schulkind und draußen vor dem Fenster rodelten alle Kinder, die es in Hagen gab und das waren ganz schön viele, während ich einen Schlauch schlucken musste. Durch die Nase. Aber da war ich dann schon sieben oder acht Jahre alt. Vorher… nee, da kommt nichts. Ich erinnere mich an Weiterlesen

Arbeit & Vergnügen

Meine Frau hat Urlaub, das bedeutet, dass ich endlich zu den Dingen komme, die ich sonst immer vermieden habe. Nein, es ist nicht so, dass sie mir Aufgaben zuteilt, die ich dann unter Aufsicht zu erledigen hätte, sie fragt nur: „Und, was willst du denn nun machen?“

Mir fällt da gerade Loriot ein.  „Nichts“ oder „Sitzen.“ wären einfach keine adäquaten Antworten. Ich nehme an, dass sie sie akzeptieren würde, aber ich probiere es nicht aus. Nicht, dass ich mich fürchten würde oder mit Konsequenzen rechnen müsste. Es geht nur eben nicht. Also kündige ich an, die Raffstores zu reinigen. Die korrekt Raffstoren heißen, habe ich gerade festgestellt, aber wenn eh keiner weiß, wovon ich rede, wozu mache ich mir dann die Mühe, dass überhaupt zu überprüfen? Jedenfalls Weiterlesen