Vorstellung

„Im Kreisverkehr in zweihundert Metern links abbiegen über die dritte Ausfahrt, dann haben Sie Ihr Ziel erreicht. Ihr Ziel liegt auf der linken Seite.“

Er stellte das Navi ab.

„Wieso brauchst du das Navi, um den Weg zu deinen Eltern zu finden?“ hatte Anne gefragt.

„Umgezogen, kürzlich erst“, hatte er geantwortet. Das war die Formulierung aus dem Handbuch, sie hatte sich Weiterlesen

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Zwei

Ernst Ludwig Kirchner [Public domain], via Wikimedia Commons

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 „Sie oder du?“ Carla sah den Mann erwartungsvoll an, der sich gerade zu ihr an den Tisch setzte.

„Ja!“ nickte der Mann, den sie anhand des Kärtchens auf seinem großkarierten Pulli als Stefan identifizieren konnte. Das würden acht lange Minuten werden, fürchtete sie.

Stefan strahlte sie an. Ob er sich überhaupt keine Gedanken darüber gemacht hatte, was man in so einer Situation sagte?

„Hallo Stefan, du machst sowas wohl auch das erste Mal.“ Sie schaute sich so unauffällig wie möglich nach den anderen Tischen um. Wer saß denn da noch so? Gab es Hoffnung?

Stefan trank einen Schluck Wein, vermutlich um Zeit zu gewinnen. So eine Antwort musste ja auch gut überlegt sein.

„Ja.“

Gut, Zweiwortsätze waren möglicherweise eine zu große Herausforderung.

„Das heißt, ja und nein. Ich wollte mich schon mal bei einem Eheanbahnungsinstitut anmelden. Das hatte mir ein Kollege empfohlen. In Münster. Nimm zwei. So heißen die, hatte er gesagt. Aber ich habe die nicht gefunden.“

Nahm er sie jetzt auf den Arm? Oder war der wirklich so schlicht?

„Du kommst hier aus Münster?“

„Nein. Aus dem Kreis. Also aus Warendorf. Nicht direkt, mehr aus dem Umland.“

„Vom Hof? Bauer sucht Frau?“ Hoffentlich war das jetzt nicht zu spöttisch rübergekommen.

„Ja, nicht direkt. Den Hof macht mein Bruder, aber meine Mutter meinte, dass es für mich Weiterlesen

Ein gutes neues Jahr

Bild: Manfred Voita

Der Mann war mit einem der Vorortzüge in die Stadt gekommen. Kompliziert, mit Zugausfällen, mehr Haltestellen und Umstiegen. Eine Tasche hatte er noch bei sich, die andere war irgendwo im Gedränge abhanden gekommen. Zu viele Menschen auf zu wenig Raum, zu viele Betrunkene, zu viel Aggression. Bereitschaftspolizei in der Bahnhofsvorhalle, Männer mit Hunden, die breitbeinig, die Hände in die Hüfte gestemmt, den Weg schmal machten. Vielfache Augenkontrolle. Offenbar als harmlos eingestuft, schlurfte er aus der Halle, auf den großen Platz. Gleich neben ihm knallte es. Scherben auf dem Boden, ein ausgeleerter Abfalleimer. Mayonnaisefußspuren.

Der Anruf hatte ihn nachmittags erreicht, rasch hatte er noch ein paar Sachen eingepackt und war gleich los. Blöd, dass er kein Auto hatte.

Lachen. Eine Gruppe junger Frauen, Mädchen, zu dünn angezogen für die Jahreszeit, aufgekratzt und unterwegs irgendwohin. Eine Rakete flog nah an seinem Kopf vorbei, funkensprühend, plötzliches grelles Licht, Farben regneten vom Nachthimmel. In der Ferne Sirenen. Man sollte nicht allein sein in so einer Nacht, in dieser Nacht. In keiner Weiterlesen

Natürliche Intelligenz

Von ©noisytoy.net – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=31846055

Ich liebe es, in Foren nach Antworten zu stöbern, dabei ist mir die Frage eigentlich egal. Den meisten, die dort antworten, ist sie, jedenfalls habe ich diesen Eindruck, auch komplett egal. Ein fiktiver Verlauf könnte etwa so lauten (der Fairness halber verzichte ich darauf, auch die Rechtschreibfehler zu imitieren und mache nur die, um die ich nicht herumkomme).

A: Auf meinem Fernseher steht die Typenbezeichnung AE240ST2685-3. Leider habe ich kein Handbuch für das Gerät und jetzt möchte ich einen Film in 3D sehen.

B: Da kann ich dir leider nicht helfen.

C: Was genau ist dein Problem? Das Handbuch, der Fernseher oder der Film? Etwas mehr Genauigkeit wäre schon gut.

A: Also der Film ohne Handbuch läuft nicht auf dem Fernseher, oder schon, aber nicht in 3D. Und so sieht er scheiße aus.

C: Bist du blöd oder stellst du dich nur so? Was denn Weiterlesen

Nachts vor der Tür

Nanu, dachte ich mir, ein Spinnennetz. „Nanu“ ist bestimmt kein besonders außergewöhnlicher Gedanke, aber wenn ich allein bin, dann denke ich manchmal solche Sachen. Gut beleuchtet, also könnte ich bestimmt ein Foto machen. Gesagt, getan. Kaum aber betrachtete ich das Bild am PC, bemerkte ich einen roten Punkt, den ich mir selbstverständlich genauer ansehen wollte. An der Grenze der Auflösung, kurz bevor nur noch Pixel zu sehen waren, erkannte ich, was da im Netz zappelte.

Ich eilte natürlich sofort zur Tür, doch da war nichts mehr, kein Netz, kein roter Punkt. Ich hoffe doch sehr, das alles gut gegangen ist. Wenn nicht, dann muss eben auch bei uns das Christkind die Bescherung übernehmen.

 

Praktische Theorie

 

 

Advent. Lassen wir die Hektik des Alltags, das Gedränge des Weihnachtsgeschäfts und die Weihnachtsmärkte mit den glühweinberauschten Minderjährigen doch einfach einmal draußen vor der Tür. Advent: Sonnige Vormittage und dunkle Nachmittage, klare Kälte und warme Jacken, festlich geschmückte Häuser und Lichter in der Nacht. Glocken läuten und Schnee liegt in der Luft. Da ist es gut, daheim zu sein, bei seinen Lieben. Im Kamin knistert ein wärmendes Feuer, vom Adventskranz strahlen die Kerzen und nur Ebenezer Scrooge könnte sich der Magie solcher Tage entziehen.

„Du bist jetzt acht Jahre alt, Tobi. Das Thema Weihnachtsmann…“

„Weißt du was, Papa. Ich glaube, mit dem Weihnachtsmann ist es wie mit dem Sex. Wir reden in der Klasse ständig drüber, aber dann passiert wieder ganz lange überhaupt nichts.“

„Aber Tobi…“

„Schon gut, Papa, mach dir keine Sorgen. War nur ein Scherz. Wir reden natürlich überhaupt nicht über den Weihnachtsmann. Eigentlich glaubt bei uns niemand mehr an den Weihnachtsmann.“ Weiterlesen