Ob ich für das Eichhörnchen wohl Deko bin?

Ob ich für das Eichhörnchen wohl Deko bin?

Da ist ein Drinnen und ein Draußen und dazwischen eine klare Grenze aus Stahl und Glas und Stein. Ein Innen, das wir für uns beanspruchen und ein Außen, das wir auch für uns beanspruchen, ein Draußen, das uns auch gehört. Drinnen gelten unsere Regeln, der Hund darf rein, die Taube nicht. Wir verteidigen uns gegen alle, die sich nicht an unsere Regeln halten, weil sie diese Regeln nicht kennen, weil es in ihrer Welt diese Grenze nicht gibt. Die Spinne wartet draußen vor der Tür, bis sie eine Gelegenheit findet, sich in Lebensgefahr zu bringen. Die Mücke weiß das geöffnete Fenster zu nutzen und macht mit ziemliche Sicherheit ihren Stich. Ameisenarmeen marschieren ein und ziehen sich nicht ohne langwierige Kämpfe wieder zurück. Mit Pflanzen sind wir sogar noch strenger. Die haben in ihren Töpfen zu bleiben und wenn sich ein Pilz erdreistet, eine Silikonfuge zu besiedeln, werden Chemiewaffen eingesetzt.

Unser Drinnen ist auch deren Drinnen, unser Haus ist nichts anderes als ihre natürliche Umwelt, ihr Jagdrevier und Rückzugsort und wir, die Damen und Herren dieses Planeten, sind ihnen so egal wie uns dieser kleine schwarze Punkt dort auf der Mauer, der, wenn ich wegsehe, vermutlich macht, das er weiterkommt.

Gleich hinter der Grenze liegt die Terrasse und ein paar Schritte weiter und eine Stufe tiefer wächst das Gras. Unsere Terrasse und unser Rasen, aber wir sind da offen für Besucher. Das Eichhörnchen ist eingeladen, die Spatzen braucht niemand einzuladen, die haben ein lebenslängliches Nießbrauchrecht auf alles, was essbar ist und nicht entschieden verteidigt wird.

Der Rasen wäre heilig, wären wir Gärtner, wüssten wir ihn zu bändigen, doch so: ein Mischgebiet, eine Übergangszone, auf die wir gewisse Rechte anmelden und in der wir auch schon mal grob werden können, wenn die Wühlmäuse es gar zu toll treiben oder die Tauben den Grassamen wegpicken. Aber es ist nicht wirklich unser Rasen, es fühlt sich eher an, wie ein Stadtteil, in dem die Polizei noch patrouilliert, die Hoffnung aber aufgegeben hat, auch wenn sie das Gegenteil behauptet. Da wächst, was will und was sich wiederzukommen traut, wenn der Tag des Zupfens und Rupfens, des Stechens und Schneidens vergangen ist.

Dann ist Ruhe und die Amsel kontrolliert, ob ein Wurm den Fehler macht, die aufgekratzte Erde neugierig zu erkunden. Die Elster kommt, klaut eine Nuss von der Terrasse und gibt uns schwarz auf weiß, dass das auch ihr Garten ist. Nein, das auch, das würde sie nicht unterschreiben. Der Grünspecht schon, der flüchtet immer mit großem Spektakel, dabei nehme ich ihm die Löcher, die er in den Rasen haut, doch nicht einmal übel. Seit kurzem kommt auch eine Taube, keine von den groben, ungelenken, die sich für Sänger halten und doch nicht aus dem Stimmbruch kommen, sondern ein Täubchen, ein schlanker, grauer Vogel mit Federn wie gebürstet. Das Rotkehlchen schaut wohl gern auf andere herab, denn es sitzt meist auf der Skulptur, dem Geschenk einer Freundin an uns, die, hätte sie das geahnt, die Skulptur auch dem Rotkehlchen geschenkt hätte.

Dann eine Mähkante und direkt danach und einen Stein hoch: die Mauer, die uns gegen das Chaos schützen soll. Noch immer sind uns von Staat und Kirche alle Rechte gegeben, beurkundet und eingetragen, sind wir von Gott gerufen, uns den Garten untertan zu machen, denn so heißt es in Genesis 1, 28: „füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“

Ja, wir haben es versucht, wir sind haben die Füße gehoben über den Stein und sind hinabgestiegen in die, nein, nicht die Hölle, sondern in die Tiefe, in den Graben, den breiten Graben,  das Reich der Brombeeren und Brennnesseln, des Efeus und der Pflanzen, die wir nicht gesät und nicht gepflanzt haben und die doch wachsen, der Bäume, die uns mit Laub zuschütten und knarren im Sturm  und drohen, sich auf uns zu stürzen und die nicht Untertan sein wollen, denn groß sind sie und alt und haben ihr eigenes Recht, dort zu wurzeln, ein Recht, das vor Gericht sogar bestand haben würde. Jetzt, da es gerade dunkel wird, stehen sie da, schwarz, bewegen sich im Wind und machen, was Bäume so machen.

Natürlich wir sind umgekehrt, zerkratzt, gebissen und dreckig, denn hinter dem Stein, hinter dem Mäuerchen, wächst und lebt, was wachsen und leben will und an manchen Tagen bricht dieses Leben aus und klettert über die Mauer und kommt in den Garten und auf den Rasen und in den Rasen und fordert mehr und es stimmt, das, wenn man der Brennnessel den kleinen Finger gegeben hat, sie auch die ganze Hand will und das Bein und sie kein Mitleid kennt. Aber sie soll ja gut sein gegen Rheuma.

Das wird schon gehen

Das wird schon gehen

Habe ich von unserem Urlaub in einem Ferienhaus an der holländischen Küste erzählt? Nachts, bei offenem Fenster, hörten wir die Brandung der Nordsee. Also nicht gleich die ganze Nacht, zwischendurch schliefen wir schon auch mal. Morgens war die Brandung dann nicht mehr zu hören, obwohl die Nordsee, davon haben wir uns mehrfach überzeugt, immer noch da war. Menschen sind einfach ziemlich laut. Wir hatten morgens aber auch anderes zu tun, als der Brandung zu lauschen. Wir frühstückten nämlich.

Wäre dieser Text ein heiß-kalt-Spiel, würde es jetzt wärmer werden, wir nähern uns dem Kern und der Ursache dieses Textes. Mein Stuhl stand ganz links am Tisch, von der Außenwand nur noch durch einen Heizkörper getrennt. Einen kalten Heizkörper. Wären meine Tischmanieren manierlich, hätte ich beide Hände, aber nicht die Unterarme, auf den Tisch gelegt, eine Haltung, die für mein Empfinden etwas angriffslustig aussieht, gäbe es diesen Text nicht. Mein linker Arm suchte außerhalb des Tisches Halt. Ich muss das leider eingestehen, obwohl ich ansonsten ein Gegner von Armlehnen bei Stühlen bin. Da war aber nur dieser kalte Heizkörper und niemand kann gemütlich frühstücken, während der linke Unterarm auf einem kantigen kalten Heizkörper liegt. Also suchte ich nach einer Lösung für diese unangenehme Lage und fand sie fast augenblicklich: Der linke Arm gehörte in eine Schlinge. In der Folge hätte ich natürlich während der Mahlzeiten meine linke Hand nicht mehr frei bewegen können, hätte also eine Art Verlängerung für die Gabel gebraucht, um Kartoffeln vom Teller zu befördern oder die Zeitung umzublättern.

Das war’s, das war der Moment, um den es geht, der Moment, in dem ich unser Universum verließ und in ein paralleles Universum eintauchte. Wir alle haben von der Theorie der Multiversen gehört, aber ausgerechnet ich muss mich daran versuchen, sie in meinen Text einzubauen. Für meine Zwecke reicht allerdings die Idee, dass alles immer da ist. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft existieren gleichzeitig. Was die Wissenschaft aber nicht bedacht hat, Autoren wie Kurt Vonnegut aber sehr wohl, z. B. in seinem Roman „Schlachthaus 5 oder der Kinderkreuzzug“, ist, dass wir uns durch ein Stolpern am falschen Ort oder einen verdrehten Gedanken plötzlich in einem dieser parallelen Universen wiederfinden.

Ich jedenfalls landete in einem nicht genau zu terminierenden Teil meiner eigenen Vergangenheit im Keller meines Vaters und es war die Idee der Schlinge um den Arm, die mich in die Vergangenheit zog, denn so und nicht anders hätte mein Vater dieses Problem gelöst.

Der gerade angesprochene Keller hat sich in meiner Erinnerung längst von jeglicher bestehender Architektur gelöst und existiert als eigene nicht materielle Einheit fort, auch wenn das Haus oder die Häuser, in denen es den Keller gegeben hat, nicht mehr bestehen sollten.

Da ist ein Raum mit einem schwarzen Bakelit-Lichtschalter gleich neben der Brettertür, der von einem ewigen Licht, das von einer in einem Drahtkäfig steckenden Glühbirne ausgeht, völlig unzureichend beleuchtet wird, so dass große Teile des Raumes im Dunklen bleiben und verborgen bleibt, was dort liegt oder lag, Kartoffeln und Eierkohlen, Brikett und Einmachgläser zum Beispiel.

Zwei kleine Fenster über einem Arbeitsplatz voller Werkzeug, voller Schubladen und Kisten, Dosen und Gläsern mit Schrauben und Nägeln, mit Bändern und Ketten, Teilen, deren Zweck in Vergessenheit geraten ist, denen aber eine neue Verwendung zugedacht ist. Farbtöpfe, Lacke und Pinsel, Terpentin und Rostlöser, Fahrradreifen, Kabel, Lüsterklemmen, ein alter Kinderschlitten, Blumentöpfe und Schaufeln, Spaten, Harken und Rechen, Besen unterschiedlicher Feinheit, Eimer, Kannen, Kästen voller alter Zeitungen, in denen etwas verpackt sein könnte und über all dem Konstruktionen aus Kanthölzern und Leisten, Stangen und Ösen und Haken, die sich unter der Decke entlang in den Raum ausbreiten, etwas halten, etwas heben, etwas ziehen, sich selbst sichern und die enden an Pfosten, verschraubt und verklebt, umwickelt mit Teppichband und Plastikschnüren.

Der Keller war der Ort, an dem mein Vater große und kleine Probleme anging, mit harten, schwieligen Fingern, deren Sehnen bei  Arbeitsunfällen durchtrennt worden waren, mit einem großen Plan, das Ziel aus den Augen verlor oder mit untauglichen Mitteln, die durch den großzügigen Einsatz anderer, kaum weniger geeigneter Mittel zu wackligen, wenig vertrauenerweckenden, aber über Jahre benutzten Provisorien führten.

Früher habe ich mich oft gefragt, was ich von meinem Vater habe, worin ich ihm ähnele, denn es ist nicht das Aussehen oder die Größe, die Haarfarbe, soweit man noch davon sprechen kann, aber inzwischen weiß ich, dass es seine Art war, sich mit Problemen auseinanderzusetzen, auch das Verdrehte, das hartnäckige Herumschrauben und noch einen Umweg machen, um dann hoffentlich irgendwo anzukommen. Nur brauche ich dafür keinen Keller, sondern meinen Schreibtisch.

Meine Frau legte ein Kissen auf die Heizung und das Problem war gelöst.

Bild: Gustav Wentzel, Public domain, via Wikimedia Commons

August

August

Eine leichte Brise. Die Wärme des späten Vormittags verspricht einen heißen Mittag und einen langen, warmen Abend. Ein Tag mit einem Lichtschutzfaktor. Sonnenbrillenwetter. Sattes Grün, meterhoch, rechts und links des Weges. Ein schmaler, gut befestigter Radweg durch die Parklandschaft des Münsterlandes, sanfte Hügel, weite Ebenen, Bäche und kleine Flüsse, Ems und Werse, Bauernhöfe. Schwarzweiß im Quadrat. Fachwerk.

Bildstöcke, Wegekreuze und kleine Kapellen. Ein frommes Volk, gut katholisch. Kirchen und Kornbrennereien, die einen wie die anderen etwas aus der Mode geraten. Pättkes, so heißen hier die kleinen Wege und Leezen die Fahrräder. Wir überholen eine Frau auf einem alten Hollandrad, eine der wenigen, die noch ohne elektrische Unterstützung unterwegs sind. Ohne Motor, aber mit einem leuchtend roten Schulterbeutel.

Maisfelder schieben sich vor die Aussicht, dann wieder Getreide, braune, müde Halme. Es duftet nach Hochsommer. So muss ein  Sommer riechen, so und nach Heu oder Stroh, nach Wald, nach trockenem Holz und Pilzen und einem ganzen Mikrokosmos verborgenen Lebens und Sterbens.

Wasserburgen, Wasserschlösser, Burgruinen und ein versteckter Schatz, den – wer sonst? – der Teufel bewachen soll.

Den Hügel hinab. Schnell geht das. Der Helm hängt natürlich in der Garage. Pferde auf Grün, Kühe auf Grün. Schafe….

Im Liebestal. Unten ein Hof, ein Wäldchen, ein Bach. Schwere, glänzende Erde, gepflügt und aufgebrochen, Erinnerungen an Lavafelder auf Lanzarote. Durchs Dorf, nur wenige Menschen auf der Straße. Im Schatten.

Dann, vor uns: die Frau mit dem roten Beutel. Kann das denn sein, die ohne Motor? Die, die uns nicht überholt hat und jetzt vor uns fährt?

Es ist eben auch das Land der kopflosen Kälber, des Heidekönigs Goldemar und der Spökenkieker, das Land der Annette von Droste-Hülshoff. Aber wen schrecken die Geister des Moores, die Gespenster der Nacht an so einem Sommertag? Wir überholen die Frau einfach ein zweites Mal.  

Verpusten

Verpusten

In der Nachbarschaft übt jemand ein Blasinstrument. Welches, das kann ich nicht erraten, aber er übt, das erkenne ich auch als Laie, mit großem Enthusiasmus.  Ein Stück nach dem anderen, jedenfalls nehme ich an, dass es sich um Werke aus der Literatur handelt. Zu meiner Zeit, also als ich noch singen sollte, ja, singen musste, weil es um Noten ging, Singen für, nicht nach Noten, also in der Schule – was für ein blöder Satzanfang übrigens: zu meiner Zeit. Lesen könnte man es vielleicht auch noch nach meiner Zeit, schreiben kann ich aber nach meiner Zeit gewiss nicht. Also: Zu einer Zeit, die auch meine Zeit war, die aber schon ein wenig zurückliegt, war für das Singen die Mundorgel unverzichtbar. Vielleicht gibt es für die Bläser ja den Pustekuchen.

So ein langer Anlauf für einen müden Gag!

Der Nachbar spielt anscheinend durch, was man ihm vorlegt. Bisher hatte ich angenommen, dass man Teile,  die man noch nicht so gut beherrscht, wiederholt, bis man sie beherrscht, aber mein Nachbar hat gewiss schon beim ersten Mal gemerkt, dass er ein bestimmtes Stück oder den Teil zwischen der ersten und der letzten Note nicht so recht kann, so dass er sich nicht weiter damit belasten muss und gleich zum nächsten Kracher übergehen kann.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich genieße tatsächlich, was ich da höre. Es stimmt mich milde und gibt mir den Glauben an die Menschheit zurück. Wo so etwas möglich ist, so ein zweckfreies Getute, ist alles möglich. Zuverlässig am nächsten passenden Ton vorbei, voller heiterer Unbekümmertheit gegenüber der Welt und den Komponisten, dass ich lächelnd lausche. Selbst die Hühner sind nicht mehr zu hören und das liegt nicht daran, dass ihre akustische Nische besetzt wäre und sie sich deshalb aufs Eierlegen konzentrieren würden. Windeier würden das, die Hühner gehören besagtem Nachbarn. Vielleicht sitzen sie aufgereiht auf ihrer Stange und grinsen.

Beitragsbild von Oliver Abels (SBT) – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=24982702

In aller Eile

In aller Eile

Ich ertappe mich dabei, dass ich nicht das Buch lese, das ich schon vor mir auf den Tisch gelegt habe, sondern mal wieder das Smartphone in der Hand halte und die Kritik einer Talkshow durchgehe.

Bei der Gelegenheit: Zählt das als körperliche Betätigung, praktisch als Sport, wenn man Texte nicht liest sondern durchgeht? Na, vermutlich nicht, meiner für meine Fitness zuständigen App war das jedenfalls völlig egal. Ich werde sie deinstallieren, denn seit sie mir täglich vor Augen führt, dass ich meine Ziele mal wieder nicht erreicht habe, fühle ich mich viel weniger fit als damals, als ich mir noch einreden konnte, doch eigentlich recht viel zu Fuß oder auf dem Fahrrad unterwegs zu sein. Gut, dass das Ding keine Zugriff auf andere Dienste hat, sonst hätte es vielleicht schon den Notdienst oder gar den Bestatter angefordert.

Aber ich habe einfach keine Zeit für Bewegung. Ich muss ja diesen Artikel lesen, also ich muss nicht, aber ich tue es ja, obwohl ich eigentlich nicht mal die Talkshow sehen wollte. Ich bin da nur reingeraten und irgendwie hängengeblieben. Und jetzt schreibe ich auch noch über eine Talkshow, die ich nicht sehen wollte und den Bericht in der Online-Ausgabe irgendeines Magazins,, den ich eigentlich auch nicht lesen will, für das ich keine fünf Pfennig – sagt man das noch oder heißt das jetzt keine fünf Cent – ausgeben würde, gäbe es eine Bezahlschranke. Gäbe es allerdings für diesen Artikel eine Bezahlschranke, dann würde ich vermutlich ziemlich lange rumrecherchieren, ob ich nicht irgendwo kostenlos an diese Information kommen könnte, die mich doch keinen Deut interessiert.

Prokrastination heißt das wohl und ja, selbst das Buch, das ungelesen auf dem Tisch liegen blieb, wäre nur eine weitere Ausflucht gewesen, denn ich weiß ja, was ich zu tun habe und dass die Zeit schon knapp wird. Ich spüre gerade mal in mich hinein, ob sie schon knapp genug ist, ob ich schon diesen Druck spüre, dieses Zittern, dass es diesmal wirklich nicht reichen wird, bestimmt nicht und ich nicht mal eine Ausrede habe, wenn es denn keine sein sollte, dass ich keinen hinreichenden Druck verspürt habe.

Und ja, ich glaube, es wird knapp, vielleicht sogar zu knapp, weil dieser Text ja auch noch hochgeladen werden muss, ein Bild muss gefunden werden, eine Überschrift, ein paar Schlagwörter und wenn ich gerade dabei bin, dann tauchen da im Reader ein paar Texte auf, die ich ganz schnell, nur mit einem Auge, auch nur mit dem linken, aber doch noch lesen muss. Jetzt aber schnell, die Zeit reicht nicht mehr, um noch nach groben Fehlern und dem besseren, weil treffenderen Wort zu suchen.

Wie komme ich hier jetzt raus? Egal. Aus.

Radio Rock´n´Roll

Radio Rock´n´Roll

Wo sind die Erinnerungen, wenn wir uns nicht gerade mit ihnen beschäftigen? Ja, ich habe schon davon gehört, dass Informationen vom Kortex, von uns Laien im Alltag als Großhirnrinde bezeichnet, zum Hippocampus, dem  Großhirn, geleitet werden und dort offenbar herumliegen, bis sie in umgekehrter Richtung wieder abgerufen werden. Höre ich Großhirnrinde, denke ich an etwas Knuspriges, dunkelbraun vielleicht und Hippocampus klingt für mich nach einem  großen Platz voller Flusspferde, ein recht schönes Bild, an das ich mich bestimmt noch lange erinnern werde, wobei wir wieder beim Ausgangspunkt sind.

Da ich noch nicht nachgeschaut habe – und auch in Zukunft nicht die Absicht habe, niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen, so funktioniert das mit dem Erinnern, ich rufe überhaupt nichts ab und trotzdem feuert der Hippocampus aus vollen Rohren. Was für ein kriegerisches Bild bei einem Kriegsdienstverweigerer. Will ich aber wissen, wie dieser Typ hieß, der mal bei  mir auf der Matte stand, um sich zum Thema Kriegsdienstverweigerung beraten zu lassen, drehen sich die Flusspferde weg und zeigen mir nur ihr mächtig breites Hinterteil.

Da ich noch nicht nachgeschaut habe, soweit waren wir gerade, weiß ich natürlich nicht, wie die Speicherung physisch aussieht, aber ich mache mir da keine Illusionen. Im Normalfall dürfte das so aussehen wie bei der Speicherung von Strom. Den sieht man auch nicht zittern und beben, glimmen und gespannt, vielleicht sogar hochgespannt auf den Einsatz warten. Also werden die Erinnerungen auch nicht in mit Thumpnails oder Icons oder gar mit farbverschiedenen Prägeetiketten markierten Schubladen in grauen Metallregalen herumliegen.

In der BWL spricht man von chaotischer Lagerhaltung und meint damit, dass es keinen vorgegebenen Lagerort für bestimmte Dinge gibt, sondern etwas dort eingelagert wird, wo gerade Platz ist. Finden lässt es sich dann nur, wenn an anderer Stelle genau Buch darüber geführt wird, wo etwas hinterlegt ist. Ich weiß nicht, ob das für das Gedächtnis auch so zutrifft, bei mir scheint es sich eher um eine Art aus dem Ruder gelaufenes Tischtennismatch zu handeln, bei dem es von allen Seiten Bälle hagelt, die manchmal auf einen Schläger treffen, manchmal irgendwo im Dunklen verschwinden und manchmal Begeisterungsstürme auslösen. Also bei mir, ich verzichte meistens darauf, vor Publikum Erinnerungen auszupacken. Das ist ja wie mit gut verpackten Geschenken, man weiß nicht, was drin ist und ob  man sich darüber freuen wird.

Mit anderen Worten: Keine Ahnung, wo das alte Zeugs herumliegt, von dem man sich, selbst wenn man es wollte, nicht trennen kann und das hervorpurzelt, wenn man ganz was anderes sucht. Gestern jedenfalls machte ich mich mal wieder auf den Weg auf den Erinnerungshügel. Ich weiß, das klingt wie ein dürftig begrünter Huckel in der Landschaft, vielleicht auf einem Friedhof, mit Ausblick auf viel Thuja und Buxus. Ist aber eine Lebensphase, an die wir uns gut erinnern können, etwa vom 10. bis zum 30. Lebensjahr. Bei mir hatte das mit Musik zu tun, mit einer Erinnerung daran, wann ich eigentlich zum ersten Mal Popmusik, genauer Beat gehört habe. Vermutlich war das im Radio und deshalb wird sich das auch kaum ermitteln lassen. Erst waren da nur Schlager und volkstümliche Musik. Mein Vater liebte Ernst Mosch und seine Original Egerlänger Musikanten  und die Oberkrainer. Zwischendurch die Musik der neunzehnhundertzwanziger Jahre und beliebte Operettenmelodien.

Das Radio war gefühlt immer an. Ich weiß nicht, ob ich kurz gezuckt habe, als ich die Beatles zum ersten Mal hörte. Es dauerte jedenfalls bis 1965, bis ich meine erste Single kaufte. Vorher – und das wollte ich erzählen – schenkten mir meine Eltern zwei Platten. Die erste hieß „Original Liverpool Sound“ und stammt, wie ich gerade recherchiert habe, aus dem Jahr 1963. Ich war zehn Jahre alt, Glück gehabt, noch gerade den Erinnerungshügel erwischt. Außerdem werde ich die Platte, eine EP, jetzt sorgfältiger aufbewahren. Im Safe, neben den Bitcoins, die mir der freundliche Herr an der Haustür für 78.000 € verkauft hat, zum Schnäppchenpreis und sie passen auch in den Münzschlitz bei den Einkaufswagen beim Aldi. Glitzern nicht mal, das hätte man für so viel Geld schon erwarten können. Also der Original Liverpool Sound ist offensichtlich ein Sammlerstück, Musik, die man kaufen, aber auf keinen Fall hören möchte. Beim Deutschen Schallplattenclub als Lizenzausgabe des Decca-Originals erschienen. Ich kann jetzt nicht mehr weiterschreiben, muss dringend den Wert meiner anderen alten Schätzchen, was für einen neuen, silbernen Klang dieses Wort plötzlich bekommt, überprüfen.

Draußen vor der Tür

Carl Spitzweg, Public domain, via Wikimedia Commons

 

Wessen Garten ist das eigentlich? Also bezahlt haben wir schon dafür, nicht nur den Kaufpreis, sondern auch die Anlage. Damit meine ich keinen Landschaftsarchitekten, sondern einfach nur einen GALA-Bauer, der Erde aufschüttete, Rasen einsäte und die Terrasse pflasterte. Den Rest haben wir gemacht. Also meine Frau. Ich habe an meinen beiden linken Händen leider keinen grünen Daumen. Dann haben wir wieder bezahlt, weil der Maulwurf in Arbeitsteilung mit den Wühlmäusen unseren Rasen in eine Hügellandschaft verwandelt hatte. Rasen raus, Netz auf die Erde, Rollrasen drauf. Alles gut.

Bis auf die Wühlmäuse, die die Ränder des Rollrasens erkundeten und in der Folge rechts und links vom Netz unter den Beeten auftauchten. Ich legte einen Stein auf ihre Haufen und sie einen Zahn zu beim Bau eines neuen Haufens.

Der Specht hackte in die verbliebene haufenfreie, naja, haufenfrei, es gibt da einen Hund in der Nachbarschaft… aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls beschloss ein Specht, unseren Rasen auf das Vorkommen von Insekten zu untersuchen, die leider nicht an der Oberfläche lebten, sondern deren Jagd einiger Tiefbauarbeiten bedurfte.

Unterdessen versteckten die Eichhörnchen, im häuslichen Jargon salopp E-Hörner genannt, eins, zwei oder drei, je nach Jahres- oder Tageszeit, Nüsse in den Blumentöpfen, in denen eigentlich Tulpenzwiebeln auf den Frühling warteten.

Wenn nicht vor dem Frühstück schon eine Portion Nüsse bereitliegt, schaut Weiterlesen

Pausenclown

verschiedene, Public domain, via Wikimedia Commons

Rasten, denke ich und sage ich auch gleich. Wir sind mit den Fahrrädern unterwegs, es ist noch haarscharf Februar, gerade noch so kalt, dass Handschuhe und Mützen gebraucht werden und so schön, so sonnig, dass wir trotzdem raus wollen. Aber nach einer angemessen langen, also eher kurzen Zeit steht mir der Sinn nach einer Rast, denn auch wenn es schön und kalt ist und Bewegung eine Art Pflicht ist… wieso gibt es eigentlich Grundrechte, aber keine Grundpflichten? Also… oh, gibt es ja, nennen sich zehn Gebote, sind aber nicht von den Eltern des Grundgesetzes zusammengestoppelt worden, sondern entbehren – würde man von Entbären sprechen, wenn man den Eisbären die Scholle unterm Hintern wegtaut? – jeglicher demokratischer Legitimation. Offenbar neige ich heute, wie ich gerade feststelle, zu einer schwer zu zügelnden Albernheit, egal. Sollten wir uns also auch mal Grundpflichten geben oder eher geben lassen? Artikel 1. Ohne Bewegung geht es nicht voran. Also rührt euch. Artikel 2. Abgeben ist keineswegs nur eine Aufforderung an Fußballer und Teilen gibt es nicht nur als Grundrechenart. Wir haben auch für andere Menschen etwas übrig.

Artikel 4. Seht auch mal über etwas hinweg, also zum Beispiel über den fehlenden Artikel 3. Und nicht nur über eigene Fehler.

So in der Art?

Zurück zum Thema. Mir ist nach einer Rast, sogar den Füßen, die statt der Pedale auch Fußrasten zu schätzen wüssten. Bewegung ist gut, nehme ich an, sollte aber nicht in Rastlosigkeit ausufern, Rastlosigkeit ist nicht gut, obwohl ja rostet, wer rastet folglich sollte, wer rastlos ist, also auch rostfrei sein.

Jetzt muss ich aufpassen, dass ich mir meinen Wunsch nach einer Rast nicht selbst madig mache. Rasten also denke ich und sage ich und gleich denke ich weiter. Rasten meint ja so viel wie Pause machen, nur irgendwie hochwertiger. Eine Zigarettenrast wäre doch undenkbar, während ich mir die Zigarettenpause abgewöhnt habe, also eigentlich nicht die Pause, sondern die Zigaretten. Rasten hat was von einer Decke mit Picknickkorb im saftigem Gras, wärmender Sonne, aber auch Schatten, ein Bächlein plätschert im Hintergrund, Vögel singen, Bienen summen und niemand schmeißt seinen Müll einfach so in die Natur oder geht zum Pinkeln über diesen kleinen Trampelpfad bis hinter den nächsten Busch. Das wäre nämlich nur eine Pause. Rasten will ich, Ruhen, Ausruhen, nicht gleich die ewige Ruhe, aber dann verrutschen mir die beiden Ausrücke und aus Ausruhen und Rasten werden Ruhen und Ausrasten und die ganze Stille ist dahin.

Die Abrechnung

Von FOTO:Fortepan — ID 1731:Adományozó/Donor: UVATERV.Archivkopie – http://www.fortepan.hu/_photo/download/fortepan_5273.jpg Archivkopie, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=49127581

„Entschuldigen Sie bitte, aber was machen Sie da?“ fragte die Verkäuferin und schon fühlte ich mich ertappt. Nicht dass ich etwas angestellt, gegen Anstand oder Abstand verstoßen oder mich gar des Ladendiebstahls schuldig gemacht hätte. Vermutlich ist dieses Gefühl der Beweis für die Existenz der Erbsünde.

Es war auch gleich leiser geworden, sicher, weil alle nach einer hastigen Gewissensprüfung festgestellt hatten, dass sie nicht gemeint waren und augenblicklich vom Opfer zum Gaffer mutierten. Alle bis auf die Kundin, die Sachen aus ihrem Einkaufswagen auf das Kassenlaufband packte. Leider an der geschlossenen Kasse 2.

Besagte Kundin, nennen wir sie Frau Koch, blickte kurz auf und sofort war mir klar, dass wir uns nicht am Ende einer Geschichte, sondern gerade erst an ihrem Anfang befanden. Es gibt Menschen – und Frau Koch gehörte dazu – die nicht einfach nur anwesend  sind, sondern, wie sag ich das: gegenwärtiger als andere. Menschen, denen man ansieht, dass sie ständig bereit sind, sich die Welt untertan zu machen. Menschen, die sich von der lethargischen Masse abheben, so, als gehörten sie zu einer anderen Gattung, zu den Erweckten, den Auserwählten oder vielleicht einfach auch nur zu den Dreisten.

Frau Koch zögerte kurz, dann wuchtete sie einfach weiter Artikel um  Artikel auf das Band. Frau Orlow, der Name stand auf dem Plastikschildchen am Kittel der Verkäuferin, probierte einen neuen Gesichtsausdruck aus: empörte Überraschung mit einem Hauch Belustigung. Es gibt bestimmt ein entsprechendes Emoji. Doch noch bevor sie eine deutlichere Botschaft formulieren konnte, sprach sie ein älterer, etwas hilflos wirkender Mann an. „Die weißen Bohnen in Tomatensoße…?“

„Zweite Regalreihe von rechts. Unteres Fach. Neben den Linsen mit Suppengrün“, kam Weiterlesen

Bettgeschichten

Von Autor unbekannt – Selbst fotografiert, Caroline Léna Becker, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=29281170

Ich schätze diese Schlafphasen, die eigentlich keine richtigen sind…

Später: Wie das so ist, wenn ich einfach so etwas erzählen will, kommt mir meine Ahnungslosigkeit in die Quere und fordert sofortige Maßnahmen, um vor anderen nicht als der Depp dazustehen, der ich nun mal bin. Früher, als mir das Internet noch nicht zur Verfügung stand, griff ich in solchen Fällen zu meinem zwanzigbändigen Lexikon, dem Stolz meiner frühen Jahre, und blätterte, blieb irgendwo hängen, las einen Artikel über ein Land, von dem ich noch nie gehört, oder eine Krankheit, von der ich wünschte, nie gehört zu haben, vergaß, was ich wollte und ging zufrieden meinen Alltagsgeschäften nach.

Jetzt muss ich mit dem Wissen, dass sich ein paar Anschläge entfernt jenseits meines Monitors türmt, leben, kann es nicht ignorieren, bin aber selten willens, mich angemessen damit auseinanderzusetzen. Es bleibt also bei einer schnellen oberflächlichen Erkundung, die, vergliche man sie mit einem Universitätsstudium, etwa dem Öffnen der Tür zur Hörsaal entspräche. Das nur, um meine gerade erworbenen Kenntnisse richtig einzuordnen.

Später: Ich habe es ausprobiert, hat aber nicht geklappt. Vielleicht, weil ich den Text nicht richtig gelesen habe. Weder von Anfang an noch bis zum Schluss. Zwischendrin war auch ein Link, dem ich folgen musste, sodass ich eigentlich nicht mal richtig weiß, worum es ging.

Schlafphasen also. Wie die meisten Menschen erinnere ich mich nur selten an meine Träume und wenn, dann sind es Träume, die es gerade noch ins Bett geschafft haben, bevor ich aufstehen wollte, die also fast schon mit einem Bein auf dem Boden des Schlafzimmers, zumindest aber auf dem Boden der Tatsachen geträumt wurden. Träume, die wie eine Seifenblase im Raum stehen, zerplatzen und spurlos verschwinden. Meistens. Wenn sie nicht an irgendeinem Häkchen des Bewusstseins hängen bleiben, wie der Fetzen einer Hose am Stacheldraht. Hypnopomp hat Frederic W. H. Myers diese Träume genannt, die vielleicht sogar noch das Klingeln des Weckers integrieren und den Duft des Kaffees.

Von so einem Traum wollte ich erzählen, als mir wie schon gesagt das Internet in die Quere kam. Wenn ich so weiter mache, vergesse ich noch ganz, was das für ein Traum war, aber ich kann ja nicht vom Aufwachen schreiben und das Einschlafen vernachlässigen, denn auch da gibt es einen spannenden Bewusstseinszustand, die Hypnagogie.

Man kennt das, noch sind das Denken klar und die Füße kalt. Oft beschäftigt mich dann ein Problem aus einem Text, an dem ich gerade schreibe oder den ich schreiben will und manchmal ist dann plötzlich eine Idee da, wie hochgespült und ich denke noch, ja, so geht das und das werde ich gleich morgen früh aufschreiben. Meistens erinnere ich mich am anderen Morgen noch daran, dass ich etwas aufschreiben wollte, aber an mehr auch nicht. Doch weiter. In diese Phase, in der das bewusste Denken schon abbremst und gleich die Gedankenautobahn verlassen wird, tauchen unsortierte Eindrücke auf. Halluzinationen, die in einem Moment noch als seltsame Wahrnehmung erlebt werden, im nächsten schon ohne Zuschauer stattfinden.

Einmal also ist die Kontrolle noch da, zuckt das Bein oder der Arm und man fragt sich, was man sich da gerade für einen Scheiß zusammendenkt, während man doch über einen Dialog oder den Vornamen eines früheren Kollegen nachdachte, im nächsten Moment rutscht man in eine tiefere Schlafphase und vergisst sich und die  Welt. Es sei denn, man beherrscht die Techniken des Klarträumens, die es ermöglichen sollen, den Körper einschlafen zu lassen und bei vollem Bewusstsein zu träumen, den eigenen Träumen also zuzuschauen wie einem Film, den man sich nicht ausgesucht hat. Gestern Abend habe ich das selbstverständlich gleich mal ausprobiert, den ganzen Film aber leider verschlafen.

So, endlich ist es soweit: Mein hypnopomper Traum also, vorgestern, bevor das Frühstück rief.

Ich, erzähltechnisch bevorzuge ich in Träumen immer diese Perspektive, beschäftigte mich mit Schuppen, diesem weißen Zeugs, dass dunkle Anzüge erst richtig dunkel aussehen lässt und die sich als Gesprächsthema auf der Geburtstagsfeier des Chefs überhaupt nicht eignen, selbst dann, wenn – aber ich will das nicht vertiefen. In meinem Traum gab es nämlich einen Fachterminus für diese abgestorbenen Kopfhautteilchen und während ich darüber schreibe, beginnt mein Kopf auch schon zu jucken.

Manen hießen sie und als ich dann aufwachte, war ich fest davon überzeugt, dass das ein eingeführter Begriff sei. Während andere also nächtens Sex und Geld im Kopf haben, habe ich den Kopf voller Schuppen und erwache mit fake news, mit einem zusammengeträumten Fachwort, das ich bestimmt demnächst beim Frisör, von dem ich sicher auch bald mal träumen werde, ganz unbeabsichtigt fallen lasse.

Manen sind, das habe ich natürlich auch geprüft, römische Toten- oder Umweltgeister, die sich beschwichtigen lassen, indem man ihnen eine Ziege opfert. Ob das allerdings auch gegen Schuppen hilft, wage ich zu bezweifeln.

Hut ab

United Press International, photographer unknown, Public domain, via Wikimedia Commons

Wir waren gerade erst umgezogen. Aus Hagen nach Leer, aus dem Ruhrgebiet nach Ostfriesland, aus der Großstadt in die Kleinstadt. Also bitte, das ging doch überhaupt nicht. Für Rentner vielleicht, aber doch nicht für einen Teenager. Ich hatte nämlich schon die achte Klasse hinter mir und war überhaupt nur noch schulpflichtig, weil die Niedersachsen schon das neunte Schuljahr eingeführt hatten. Außerdem war der Schuljahresbeginn von Ostern auf den Herbst verlegt worden, sodass ich in der kurzen 9a landete, aber in die lange 9b gehört hätte. Oder so ähnlich. Fast nämlich wäre ich nach nur einem halben Jahr Ostern 1967 entlassen worden, statt wie es sich ziemte im Herbst 1967. Also im Sommer eigentlich, aber das versteht jetzt eh keiner mehr. Ich auch nicht. Immerhin wurde ich so in Leer gleich zweimal neu eingeschult, erst in der falschen, dann in der richtigen Klasse. Vielleicht war das auch alles ganz anders und ich habe versehentlich ein halbes Jahr zu viel Schule genossen.

Leer also und ich fühlte mich so groß, so… das Wort cool war noch nicht eingebürgert und mein Fremdwortschatz beschränkte sich auf…, nein, eigentlich besaß ich noch keinen. In Hagen hatte ich die großen Jungs noch bewundert, die mit den Mick-Jagger-Hosen. Habe ich gerade noch gegoogelt. Damals war das ein feststehender Begriff, hautenge, kleinkarierte Hosen mit einem enorm breiten Gürtel. Jetzt findet man sie nicht unter diesem Namen. Vermutlich hießen sie nur auf unserem Schulhof so und deshalb habe ich nie eine bekommen. Nur eine kleinkarierte Hose ohne superbreiten Gürtel und das war so falsch, wie eine Jeans von Quelle, so ein blaues Teil, das man getrost auch hätte bügeln können und das niemals ausblich. Ja. Die bekam ich natürlich auch. Damit waren meine Coolnesswerte locker im Minusbereich.

Aber in Leer, da wollte ich es den Landeiern zeigen und auftrumpfen wie die großen Jungs. Mit der richtigen Jacke und Hose und Mütze und… ja, Mütze! Ringo und John und bestimmt auch die anderen, auf jeden Fall aber die großen Jungs in Hagen trugen Kappen. Schwarze Kappen, man sieht das auf Plattencovern und Fotos aus der Zeit. So eine musste ich auch haben. In Leer gab es natürlich kein Fachgeschäft für Teenager, die ihren Idolen nacheifern wollen, eine Art Kultausstatter oder so. In Groningen, vielleicht sogar schon in Winschoten, kurz hinter der holländischen Grenze, hätte ich bestimmt gefunden, was mein Herz begehrte. In Leer gab es nur einen Hutladen, in dem ältere Damen und alte Männer ihren Kopfbedarf deckten, denn Hüte und Mützen waren damals schon hoffnungslos aus der Mode. Bis auf die Beatlescap, von der man dort allerdings noch nie gehört hatte und bis vor zwei Minuten ahnte ich auch nicht, dass das Teil so heißt.

Ich wusste nicht genau, wonach ich suchte. Der Verkäufer hatte keinen blassen Schimmer, was er mit einem Kunden unter 60 anfangen sollte, mochte sich das Geschäft aber auch nicht entgehen lassen und so verließ ich stolz, aber auch ein wenig zweifelnd, den Laden mit einer schwarzen Kappe, die ich tapfer nachhause trug. Dort teilte mir mein Onkel freudestrahlend mit, dass es sich bei meiner Neuerwerbung um eine Prinz-Heinrich-Mütze  handelte, benannt nach dem jüngeren Bruder Kaiser Wilhelms II. Sowas wurde auch nie von den Beatles oder gar den großen Jungs getragen, dafür aber von Altkanzler Helmut Schmidt. Mega.

Augen auf und durch

Adolfo Hohenstein (1854–1928), Public domain, via Wikimedia Commons

Sag ich’s oder sag ich’s nicht? Aber vermutlich sind die Würfel ja längst gefallen, alle Entscheidungen ohne das Zutun meines Bewusstseins getroffen und ich – also der, der nach außen verantwortlich ist für all das, was hier verzapft wird – stehe oder besser sitze nun da und muss damit fertig werden.  John-Dylan Haynes, Hirnforscher an der Charité, ja, es gibt dort nicht nur Virologen und Leute, die Nawalny behandeln, hat sich – und das wollte ich nun wirklich nicht hier ausbreiten, oder vielleicht ja doch, vielleicht ist es das, was Haynes meinte bzw. erforscht hat – also ich fange besser einen neuen Satz an.

Haynes hat sich mit der Frage des freien Willens beschäftigt, die mir im ersten Satz dieses Textes in die Quere kam. Dabei geht es nicht um so etwas wie Gedankenfreiheit, die man von einem rabiaten Despoten oder einem weisen Herrscher einfordern könnte, sondern darum, ob der Mensch tut, was er will oder ob dieser sein Wille schon vorbestimmt ist. Nicht im großen Buch des Schicksals, in dem alles, was mir widerfahren wird, schon geschrieben steht und das ich gern mal lesen möchte, oder nein, doch nicht, sondern ob das Gehirn Entscheidungen trifft, die dem Bewusstsein dann als seine eigenen Ideen verkauft werden, so wie man das mit einem Vorgesetzten auch macht, wenn man erfolgreich sein will.

Es gab dazu schon Tests, bei denen die Teilnehmer zu einem beliebigen, von ihnen frei zu wählenden Zeitpunkt den Arm heben sollten. Schaut man sich die Abläufe in ihrem Gehirn an, kann gezeigt werden, dass dort schon vor der Bewegung die Entscheidung fällt. Da gibt jemand den Startschuss Weiterlesen

Weihnachtswünsche (2)

Robert Seymour (1798 – 1836), Public domain, via Wikimedia Commons

Zweiter Teil und Schluß

Es klingelte bei Ella Sebener und als sie nachschaute, stand ein gut gefüllter Sack vor ihrer Tür, den sie sogleich in den kleinen Flur ihrer Wohnung zog. Irgendwo in ihrer Wohnung rumpelte es und sie hielt irritiert inne, bevor sie den Sack absetzte, da klingelte auch schon das Telefon und die nette junge Dame von der Prävention, ach, die war ja überhaupt nicht nett und auch keine Polizistin und Ella hätte ihr fast die Meinung gesagt, kündigte an, dass gleich der Kollege vorbeikäme, um ihre Wertsachen in Sicherheit zu bringen, sie möge doch bitte den Sack jetzt vor die Tür stellen. Ach ja, der Kollege sei, um die Ermittlungen nicht zu stören, als Weihnachtsmann verkleidet. Eine gute Idee, wie Ella fand, doch während sie noch den Hörer auflegte und den Sack wieder in Richtung ihrer Wohnungstür zerrte, klingelte erneut ihr Telefon. Lichte. Ihr Nachbar aus dem zweiten Stock. Ach ja. Sie erinnerte sich. An ihn.

Dritter Stock, hatte die Chefin gesagt. Bei Sebeners steht der Sack mit den Wertsachen vor der Tür. Dass die Leute immer noch auf diese Masche reinfielen, dachte Bullen-Timo, wie ihn die Kollegen nannten, weil er sonst immer in Uniform auflaufen und die Schore einsammeln musste. Unglaublich, obwohl doch in jeder Zeitung gewarnt wurde. In der Weihnachtszeit war das Risiko ertappt zu werden gleich noch mal niedriger. Mit dem Weihnachtsmannkostüm war er kaum zu identifizieren und die Maske sorgte für den Rest. Ah, da stand ja schon der Sack. Und jetzt ab.

Die Absprache, Herr Lichte? Nein, hatten sie etwas vereinbart? Nicht schlimm, der Sack mit den Geschenken für Theo? Ja, klar. Ella erinnerte sich. Es rumpelte wieder, was das wohl war. Ja, sie würde den Sack gleich reinholen und dann wieder herausgeben an den Weihnachtsmann. Ihr war etwas schwindelig, als sie auflegte. Jetzt nur nichts verwechseln, dachte sie. Der Sack, den sie gerade reingeholt hatte, musste wieder vor die Tür, den von Lichtes musste sie dafür hereinholen. Sie zerrte den Sack weiter zur Tür, öffnet sie – und da war nichts. Kein Sack. Sie schloss die Tür, öffnete sie erneut und da war immer noch kein Sack. Sie griff zum Telefon.

„Lichte“, meldete sich eine Frau. Ella musste sich erst sortieren, dann erklärte sie, dass da kein Sack war, obwohl doch Herr Lichte sie deshalb angerufen habe. Sie hörte, wie sich ein Stockwerk tiefer eine Tür öffnete, bestimmt Herr Lichte, der jetzt den Sack hochbringen wollte.

„Frohes Fest.“ Der Weihnachtsmann kam aus dem dritten Stock und der Sack, den er mit sich trug, war eindeutig der, den Theos Vater gerade nach oben getragen hatte.

„Daniel?“

„Nee, das muss ein Irrtum sein“, ertönte eine Stimme, die Weiterlesen

Weihnachtswünsche (1)

 

Teil 1

Theo schaute gebannt auf den Parkplatz vor dem Haus. Bisher war nichts zu sehen. Etwas Geduld, hatte seine Mutter gesagt, würde er schon brauchen, wenn er den Weihnachtsmann  erwischen wollte.

„Kommt der Weihnachtsmann denn in diesem Jahr überhaupt?“, hatte Theo seine Mutter noch vor einigen Tagen gefragt. Er hatte sich richtig Mühe mit seinem Wunschzettel gemacht und Bilder vom Playmobil-SEK-Truck, von Walkie-Talkies und einer Playstation aufgeklebt. Aber es war ja Corona, das war schlimm, so schlimm, dass Oma und Opa  am Heiligen Abend nicht dabei sein durften, wenn die Familie Lichte Spagetti mit Tomatensoße und Fischstäbchen und Eis essen würde, so wie Theo es sich gewünscht hatte. Ohne Oma und Opa war schon doof, aber Weihnachten ohne Weihnachtsmann, das ging überhaupt nicht. „Doch, der Weihnachtsmann wird schon kommen, aber wir dürfen ihn ja nicht reinlassen“,  neckte ihn seine Mutter. „Mit Maske?“ Theo überlegte „Er kann ja auch die Geschenke einfach in den Flur legen.“ Das war ihm eigentlich sogar lieber, denn ganz geheuer war der Weihnachtsmann ihm nicht. „Ja, gute Idee. Ich glaube, so machen wir das!“ stimmte seine Mutter zu.

Lichtes, also Papa und Mama plus Theo, wohnten im zweiten Stock eines vierstöckigen Hauses. Auf jeder Etage befanden sich drei Wohnungen und Theo kannte schon fast alle, die ihm im Treppenhaus begegneten. Zum Beispiel die Büschers aus dem Erdgeschoss, die mit dem Dackel und die Tomaschewskys von gegenüber, die auch Kinder hatten, aber nur Mädchen. Und Frau Sebener aus dem dritten Stock, die war schon ganz schön alt, jedenfalls trug sie immer schwarze Anziehsachen und Mama hatte gesagt, dass sie eine Witwe war.

Theo las keine Zeitungen, denn erst im nächsten Sommer würde er in die Schule kommen, falls seine Arme dann lang genug wären, aber alle anderen im Hause und in der Stadt kannten die schlimme Geschichte, die Frau Sebener in diesem Jahr erlebt hatte. Erich, ihr Mann, war mit seinem kleinen Elektroladen schon vor Corona in wirtschaftliche Schwierigkeiten geraten, Corona hatte ihm den Rest gegeben und er hatte Insolvenz anmelden müssen. Die Sebeners hatten aus ihrem schönen Haus in eine kleine Wohnung umziehen müssen, die Erich für sie gefunden und renoviert hatte. Zwei Zimmer, Küche, Bad, also eigentlich drei Zimmer, aber das dritte Zimmer, das mit der Feuerleiter, war Erichs Zimmer, seine Werkstatt, wie er ihr erklärt hatte, in der er an einer großen Erfindung arbeitete, die alles verändern würde und dann würde es ihnen wieder gut gehen, sie würde schon sehen, aber bis dahin dürfe sie nie, aber auch nie dieses Zimmer betreten, das müsse sie ihm versprechen, ach was, schwören, bei ihrem und bei seinem Leben. Es sei einfach zu gefährlich.

Dann hatte Erich ein Boot gemietet und war auf die Nordsee hinausgefahren, das war Weiterlesen

Warum, darum

Jan Van Vianen, Public domain, via Wikimedia Commons

„Das war bis hierhin schon mal ganz interessant. Kommen wir zu Ihrem Lebenslauf.“

„Ja gern. Geboren am 31.12.1952, Ausbildung zum Industriekaufmann, dann BWL-Studium…“

„Entschuldigen Sie, dass ich Sie unterbreche. Aber – die reinen Fakten liegen uns vor, die stehen schon in Ihren Bewerbungsunterlagen. Das ist ja nicht mehr als ein Gerüst. Es wäre schön, wenn Sie Ihre Motivation einbringen könnten. Lassen Sie uns verstehen, wie Sie zu Ihren Entscheidungen gekommen sind. Ihr Leben besteht schließlich nicht aus einer Anhäufung von Zufällen, die dazu geführt haben, dass Sie heute hier sitzen und nachher, wenn alles gut geht, als neues Mitglied unseres Teams Ihren Arbeitsvertrag unterschreiben. Also, wie  man so schön sagt: Butter bei die Fische. Es reicht, wenn Sie bei Ihrem schulischen Werdegang einsetzen.“

„Danke. Dann, ja, dann fange ich mal an mit dem Jahr 1958. Mit meiner Einschulung. Ich habe mich sehr bewusst für die einzügige Volksschule entschieden.“

„Ich unterbreche Sie nur ungern, aber es gab damals überhaupt keine Alternative zur Volksschule, oder?“

„Das ändert doch nichts daran, dass ich diese Schule sehr bewusst annehmen konnte? Nur so konnte ich die Volksschule zu meiner Schule machen, zu der, die ich wollte.“

„Und deshalb sind Sie dann auch dort geblieben, statt zum Gymnasium oder zumindest zur Mittelschule zu wechseln.“

„Genau. Ich bin sogar länger geblieben.“

„Man könnte auch sagen, Weiterlesen

Leise gehen

Leise gehen

Der Text, den ich heute hier veröffentliche, ist neu, aber er beschreibt Erfahrungen, die ich vor über vierzig Jahren gemacht habe. Mein Anspruch war nicht, die Verhältnisse so objektiv wie möglich darzustellen, sondern meine Sicht auf eine Realität, die manche vielleicht als bedrückend erleben mögen.

Leise gehen

Das Zimmer liegt am Ende der Station, es ist das Ende der Station. So, wie Menschen sich spezialisieren, etwas gut können, spezialisieren sie auch Räume. Manche werden zu Bädern, Küchen, Fluren oder Schlafzimmern, nur ganz wenige aber werden zu Sterbezimmern. Dabei gehört doch wirklich nicht viel dazu, denn so, wie überall gelebt wird, wird auch überall gestorben. Zum Sterben, wenn es seine Ordnung haben soll, braucht es nur wenig Platz und eigentlich fast keine Möbel. Ein Bett genügt schon. Ein Stuhl, vielleicht ein Tischchen, aber das interessiert die Sterbenden schon nicht mehr, das ist Deko, die es den Lebenden leichter macht einen Raum zu ertragen, in dem nur noch geatmet wird und dann auch das nicht mehr.

In dieses Zimmer kommt keiner wie Goethe, der in seinem Lehnstuhl starb und bis in die letzten Minuten die Weltbühne bespielte. „Frauenzimmerchen, Frauenzimmerchen! Gib mir dein Pfötchen“, soll er gesagt haben. Hier verlangt auch niemand nach mehr Licht. Nach nichts verlangt man hier und wenn doch, dann geht’s zurück auf die Station, dann stellt man sich erneut an und wartet, bis man wirklich an der Reihe ist. Nicht einmal der Schmerz, niedergekämpft oder weggespritzt, darf mit in diesen Raum, in dem es leise ist, immer, auch wenn nebenan in der Teeküche das Personal schwatzt und raucht und die Spülmaschine läuft, weil die Stille in die Wände eingezogen ist wie Nikotin in die Tapeten.

Keiner kommt. Kein Besucher, kein Geistlicher. Manchmal öffnet sich die Tür und eine Schwester prüft, ob alles seine Richtigkeit hat. So, wie aufmerksame Eltern einen Blick ins Kinderzimmer werfen um zu sehen, ob die lieben Kleinen auch schon schlafen, schaut sie, ob der Sterbeprozess voranschreitet. Die Atmung flach, die Füße und die Unterschenkel kalt, eiskalt. Das dauert noch. Da wird die Nachtschwester noch einmal schauen müssen, ob das Bett wieder neu bezogen werden, das Zimmer wieder neu belegt werden kann.

Man ist nicht gefühllos, aber der Tod ist hier kein Drama. Hier hört das Leben einfach auf, manchmal ganz unbemerkt. Ob es einen Himmel gibt oder eine Hölle, solch große Fragen stellt hier keiner. Einen Leichenkeller, den gibt es, soviel ist sicher und danach verlieren sich die Spuren.

Am anderen Morgen, wenn die Tür offensteht und das Bett frisch gemacht ist, dann darf der Zivi, der mal wieder durchgemacht hat, dort noch eine halbe Stunde schlafen.