Das Kontor (2)

 

Zu Teil 1

Von Juan J. Martínez – Flickr: [1], CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=27955217

Teil 2

Mit offenen Augen, aber ohne das rege Treiben auch nur zu bemerken, das sich auf dem der Kaimauer vorgelagerten Platze entwickelte, auf dem Schulklassen sich unter lautem Geschnatter sammelten, um eine Hafenrundfahrt mit einem der weißen Ausflugsschiffe zu unternehmen, die es noch nicht gegeben hatte, als er in jenem Alter war, der Kindheit nämlich, die wohl zu keiner Zeit so unbeschwert gewesen ist, wie es die Erwachsenenwelt aus reiner Vergesslichkeit oder Ignoranz zu behaupten nicht müde wird, fand er sich wenig später auf einer Bank neben der großen Klappbrücke, die man eher im Holländischen erwartet haben würde.

Dabei war es nichts Besonderes, nichts als Bohnerwachs, vergilbtes Papier, Stempelfarbe und …ja, wer hätte das zu sagen gewusst, ein kaum näher zu bestimmendes Etwas, ein Geruch, der wie ein Halluzinogen die alltägliche Realität verdrängt und Wiard Janssen Poppinga in eine andere Zeit katapultiert hatte, zurück zu jenem Tag, an dem sein Leben und das der ihm nahe stehenden Menschen so einschneidend verändert worden war.

Es war das alte Kontor seines Großvaters Jelde Siebo Poppinga, das, kaum hatte er das Antiquariat betreten Weiterlesen

Advertisements

Das Kontor (1)

Das Kontor

Von Unbekannt – Heinrich Schmidt: Politische Geschichte Ostfrieslands. Rautenberg, Leer 1975 (Ostfriesland im Schutze des Deiches, Bd. 5), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=9093704

Unser Geruchsempfinden besitzt die bemerkenswerte Eigenschaft, weit über jene Sekunde hinaus zu wirken, in der uns ein besonderes olfaktorisches Erlebnis zu teil wird und ganz im Gegensatz zu dem als so viel dramatischer empfundenen, ja im eigentlichen Sinn erlittenen Schmerz einen festen Platz in den uns meist fest verschlossenen Gemächern unserer Erinnerungen zu belegen, in welchen wir keineswegs, wie wir allzu gern glauben, nur wertvolle Schätze aufbewahren, sondern die auch, wenn nicht gar hauptsächlich, aus Rumpelkammern bestehen, in denen, wie Kraut und Rüben durcheinander geworfen, das ferne Echo glücklicher Momente neben beiläufigen Eindrücken lagert, die dort ganz ohne unser eigenes Zutun, ja sogar ohne das wir verstehen, warum gerade dies oder jenes denn so des Erinnerns wert gewesen sein soll, oftmals ein Leben lang darauf warten, sich noch einmal im hellen Licht des Bewusstseins zu sonnen. Ist aber dieser Augenblick gekommen, dann lässt ein Hauch des fast verflogenen Duftes eines seltenen Parfums wie durch Zauberhand ein längst vergangen und vergessen geglaubtes Stück des eigenen Lebens vor uns erscheinen, deutlich und klar, so reich Weiterlesen

Nanu, Sie hier?

Bei Wind und Wetter bin ich mit dem Fahrrad unterwegs. In einer Kleinstadt bietet sich das an, alles lässt sich schnell erreichen. Aber auch im benachbarten Münster ist das Fahrrad das Fahrzeug der Wahl, allerdings gelten die Radlerinnen und Radler dort als ein wenig rücksichtslos. Dem wird wohl auch so sein, was aber keineswegs bedeutet, dass Weiterlesen

Fenstern

Klosterkirche Vadstena, Schweden
Eigenes Bild

Die Welt war einfach wunderschön – und so sollte es im Märchenland ja wohl auch sein – zog man nicht gerade aus, das Fürchten zu lernen oder legte sich mit Rotkäppchen, den Geißlein, dem tapferen Schneiderlein, Dornröschen, Schneewittchen, Aschenputtel oder sonst wem an.

Zugegeben, in vielen Teilen des Märchenlandes mochte es regelrecht scheußlich sein, hier aber war es zum Seufzen schön, märchenhaft schön eben. Jedenfalls an 364 von 365 Tagen – und das ist doch keine schlechte Quote, oder? Einige wenige Gattungen mochten das anders sehen. Amphibien, Kröten und Frösche im Speziellen, entwickelten gar eine ansonsten völlig unbekannte Allergie gegen Jungfrauen.

Es galt als allgemein anerkannte Tatsache, dass der Kuss einer Jungfrau verwunschene Prinzen erlöste. Einen kürzeren als diesen, zugegeben etwas unappetitlichen, Weg zu Reichtum und Ansehen gab es einfach nicht.

Dummerweise fehlten jegliche Angaben darüber, mit wie viel verwunschenen Prinzen zu rechnen war und in welcher Gestalt sie ihr Dasein fristeten. Rehe, Hirsche, Adler und Raben waren ohne Gewaltanwendung nur schwer in einen kussfertigen Zustand zu versetzen – und welches Mädel wollte schon einen Prinzen, dem man Weiterlesen

Mein neuer Job

Hermann Osthoff [Public domain], via Wikimedia Commons

Schon zum zweiten Mal stand ich auf, hielt es nicht mehr aus im Bett. Half warme Milch mit Honig nicht gegen Schlaflosigkeit? Aber was unternahm ich dann gegen den Brechreiz, den warme Milch bei mir immer verursachte?

Treppe runter, auf und ab im Wohnzimmer, schon um nicht zu frieren. Ach, besser etwas anziehen, die blaue Jacke vielleicht. Kaum ein Geräusch draußen, nur irgendwo weit weg ein Auto. Durch die Jalousie spähen. Dunkelheit. Wie zu erwarten.

Kein Mond, jedenfalls nicht auf dieser Seite. Stand der Mond nachts jemals im Westen? Könnte ich ja mal googeln, Zeit genug hatte ich ja. Die Nutzung von Smartphones oder Computern vor dem zu Bett gehen sollte allerdings Schlafstörungen hervorrufen. Hatte ich bei Spiegel online gelesen. Vermutlich kurz vor dem Schlafengehen. Bloß jetzt nicht noch mehr Schlafhindernisse schaffen. Lieber blöd bleiben.

Dann drängte sich mir ein Bild auf, etwas das ich gesehen hatte, vielleicht auch nur eine Sinnestäuschung. So spät in der Nacht, wer konnte sich da schon sicher sein? Im Garten, hatte da nicht etwas gesessen?

Konnte nicht sein, nichts und niemand saß nachts im Garten.

Andererseits, wenn so ein Gedanke sich eingenistet hatte, half nur noch ein Faktencheck. Noch ein Blick durch die Jalousie: Da hinten, auf der Mauer ganz am Ende des Gartens, saß jemand.

Und nun? Googeln, wie man sich zu verhalten hat, wenn nachts jemand im Garten sitzt? Vermutlich gab es sogar Ratschläge dazu. Von Deppen, die den Fragestellern in ihrer Ahnungslosigkeit um nichts nachstanden, aber ein ausgeprägtes Mitteilungsbedürfnis besaßen.

Da saß wirklich jemand, Weiterlesen

Wasserfest (3)

von JonathanWinarske (Eigenes Werk) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) oder CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Teil 1

Teil 3

Fehn entwickelte sogar schon eine Hypothese: „Drei Möglichkeiten sehe ich. Erstens: Jemand will dem Wasserwerk schaden. Zweitens: Jemand will dem Geschäftsführer persönlich schaden. Drittens: Jemand will den Menschen in unserem Versorgungsgebiet schaden.“

Kolding nickte bedächtig. „Eins und zwei können wir getrost ausschließen. Ich habe keine Feinde und das Wasserwerk hat auch keine.“

„Dann bleibt also Fall drei. Vorsätzliche Verunreinigung von Trinkwasser um viele Menschen zu gefährden. Das ist…“ Fehn scheute sich, das Wort auszusprechen, Kolding übernahm das für ihn: „Terror! Jawohl. Bioterrorismus. Ich habe davon gelesen. Glaube ich jedenfalls.“

Janssen sah sich schon bei CNN. Ob sein Englisch reichen würde?

Die Sache war entschieden: Deutschland wurde nicht nur am Hindukusch verteidigt, Weiterlesen