Hinweise für Intensivwischer

Hinweis 1
Toilettenpapier mit der Chargennummer CO202002 ist teilweise mit scharfkantigen Holzfasern durchsetzt, die zu empfindlichen Verletzungen führen können. Eine Entsorgung durch die heimischen WCs ist nicht möglich, weil das zu hartnäckigen Verstopfungen führen kann.

Hinweis 2
Toilettenpapier mit der Chargennummer C0202003 ist bedauerlicherweise zum Teil aus von Eichenprozessionsspinnern befallenen Hölzern hergestellt worden. Die Verwendung kann zu Blähungen und Übergewicht führen.

Hinweis 3
Leider ist im März 2020 Toilettenpapier in den Handel gelangt, dessen MHD bereits überschritten war. Von einer Benutzung wird abgeraten, da es Weiterlesen

Falschmützer

Eigenes Foto

Es begann schon dunkel zu werden und meine Eltern wollten aufgeben. Typisch Eltern. Als meine Schwester verloren gegangen war, also nicht verloren, sondern bloß nicht nachhause gekommen war, konnten sie vom Suchen einfach nicht genug bekommen. Erst am Fenster gewartet, dann unruhig geworden und schließlich los. Den üblichen Weg meiner Schwester. Aber da war sie nicht. Nicht auf der Straße und nicht im Wald. Bei ihrer Freundin war sie und hatte die Zeit vergessen. Und alle waren froh, als sie tralala wieder da war, vergnügt und ohne schlechtes Gewissen. Aber die kleine Schwester, die kriegte natürlich nicht den Arsch voll.

Es war weit. Obwohl Entfernung, Größe und Zeit subjektiv sind und ein Weg für kurze Beine länger ist und eine halbe Stunde mindestens eine Stunde dauert, wenn man sieben oder acht Jahre alt ist, behaupte ich, dass mein Schulweg verdammt lang war. Erst das kleine Stück bis zur Straße, dann die Bohlostraße hinunter, bis die Bebauung aufhörte und auf der rechten Seite nur noch ein paar Gärten lagen. Vorbei an dem Hof auf der linken Seite, bei dem wir Eier holten. Ein Stückchen weiter stand ein altes Fachwerkhaus, das vermutlich eine ländliche Schönheit war, uns aber nur deshalb etwas bedeutete, weil gleich dahinter eine Tollkirsche wuchs und blühte und Früchte trug.

Eine Tollkirsche. Gift und Gefahr und Tod! Was Tod bedeutete, das wussten wir, denn immer mal wieder lag ein toter Vogel auf unseren Wegen, der genauestens betrachtet, aber wegen des Leichengifts auf keinen Fall angefasst werden durfte. Wer tot war, wurde beerdigt. Ordnungsgemäß mit einem Kreuz aus kleinen Zweigen und ein paar Gänseblümchen. Die gab es ganzjährig.

Früher, als die Welt noch so groß war und die Zeit stillstand, wenn man nicht aufpasste. Große Ferien, Weiterlesen

Sternzeit

Von Tacuinum sanitatis XVe – Scan book „Le vin au moyen-âge“, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=22478404

„Die erste Begegnung“ steht auf dem Programm. Klingt nach einem Science-Fiction-Film. Die unheimliche Begegnung der dritten Art. Ist aber eher ein Biopic, wie man sowas heute nennt. Die weibliche Hauptrolle: sie, die männliche Nebenrolle: ich. Sie betritt den Raum, ich bin schon da. Oder: Ich betrete den Raum, sie ist schon da.

Doch, wir machen das so rum, weil sie nämlich gleich wieder gehen wird. Das weiß das Publikum noch nicht, ich wusste es damals auch nicht. Wäre aber blöd, wenn sie gerade mal angekommen wäre und dann schon wieder gehen müsste. Viel mehr Handlung gibt es leider nicht. Eher ein Kurzfilm, so kurz, dass sich das Publikum nicht mal fragen wird, ob sie sich am Ende kriegen oder ob am Ende Krieg ist.

Wir brauchen noch ein Setting: Ein schöner Septemberabend des Jahres 1978 in Ostfriesland. In Leer springt die Straßenbeleuchtung an. Für wen auch immer.

Früher lernten Menschen einander am Arbeitsplatz, beim Schützenfest oder in der Kneipe kennen. Manche Leute schalteten auch Kontaktanzeigen, andere vertrauten ihr Lebensglück einem Eheanbahnungsinstitut an. Was für ein Wort. Da ist doch sogar Scheidungsanwalt schöner. Kein Internet. Kein Parship. Kein Tinder.

Wie viele Zufälle, Entscheidungen oder durchkreuzte Pläne es brauchte für genau diesen einen Moment! Sogar ein Weltkrieg war nötig, damit sich meine Eltern begegnen konnten. In China musste ein Sack Reis umfallen und ein Schmetterling mindestens einmal mit den Flügeln schlagen. Weichen Weiterlesen

Auspacken

Jean de Vaudetar presents his gift of a book to Charles V of Franc

Ich habe ein neues Buch geschenkt bekommen.
Es ist nicht Weihnachten und ich habe auch nicht Geburtstag.
Darum geht es also nicht.
Es geht darum, dass ein Buch ein ganz besonderes Geschenk ist, eins, das man nicht auspackt und sagt: Oh, ein Buch!
Sondern etwas, das man geschenkt bekommt und das dann Seite für Seite ein Geschenk ist. Nicht immer natürlich. Manchmal. Wenn es ist, wie es sein sollte.
Dann ist es ein Geschenk, wie es sonst wohl keines gibt, weil in diesem Buch etwas wartet, vielleicht eine Welt, vielleicht ein Abenteuer, eine Idee, eine Reise in einen anderen Kopf und eine Begegnung mit dem eigenen Kopf.
Was für ein Geschenk.

Charly Wolf und die 7

Ein alter, wirklich alter Text, den ich vermutlich in den siebziger Jahren geschrieben habe und über den ich nicht mehr weiß, als das er von mir ist.

Kalle Wolf der Name. Charly für Freunde. Tach auch. Ich muss da mal was loswerden, korrigieren ja. Hängt mir schon lange an. Die blöde Ziege, ja, Tschuldigung, Sie werden meine Erregung gleich verstehen, diese Frau Geiß, die mit ihren sieben Töchtern am Waldesrand wohnte… aber ich fang mal besser von vorn an.

Also: Am Waldesrand, Tannenstraße 7b, wohnte Frau Geiß mit ihren sieben Töchtern. Den reinsten Unschuldslämmern. Naja, jedenfalls passte die Alte, ja, schon gut, Frau Geiß, ganz tierisch auf ihre Süßen auf, logo, die Kurzen wollten auch gern mal raus, den Bären losmachen, war aber nicht. Null. Aber auch die „beste“ Mutter kann ja nicht immer wie eine Glucke auf den Eiern ihre Kinder behüten. Mama Geiß musste übers Wochenende zu ihrer Schwägerin aufs Land. Klar hat sie ihren Lieben eingeschärft, bloß nicht wieder die heißen Feten zu feiern und, man stelle sich das mal vor, sie hat ausdrücklich vor mir gewarnt. „Seid auf der Hut vor dem Wolf“, soll sie gesagt haben, „der vernascht euch! Und diese raue Weiterlesen

Hanau

Was soll ich dazu sagen?

Gründe finden?

Als ob man lange danach suchen müsste.

Lösungen diskutieren?

Als ob die nicht bekannt wären.

Da möchte man doch, da würde man am liebsten, da sollte doch endlich…

Aber was bleibt, sind Zorn und Trauer.

Von oben herab

Von Fyodor Borisov – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=25080267

„Hallo Tower, erbitten Landeerlaubnis.“

„Besonderheiten an Bord?“

„Besonderheiten? Ach so. Ja. Möglicherweise besteht Ansteckungsgefahr. Wir haben da ein paar Verdachtsfälle.“

„Okay, Landeerlaubnis kann nicht erteilt werden. Versuchen Sie es mal mit Berlin-Brandenburg.“

„Dem Hauptstadtflughafen? Ist der jetzt doch schon in Betrieb?“

„Nein. Deshalb ja.“

„Keine Alternative für uns. Der Sprit reicht nicht mehr für einen Umweg. Wir müssen hier runter.“

„Nur mal als Hinweis. Sie werden jetzt von zwei Jagdflugzeugen eskortiert. Falls Sie sich nicht an die Regeln halten oder eine Gefahr für die Stadt besteht…“

„Sie haben wohl zu viel Ferdinand von Schirach gelesen? Der Abschuss von Passagierflugzeugen ist nur gestattet, wenn sie von Terroristen gekapert wurden.“

„Okay. Sie können dann ja später klagen.“

„Gehen jetzt auf Autopilot. Nehmen die rechte Landebahn.“ Weiterlesen