Manni, kein Nobelpreis, ein Hafen und der Kaiser

Es goss und wir saßen mit unseren selbstgedrehten Zigaretten in einem der Salons der Fähre nach Terschelling. Manni und ich, Ende der sechziger Jahre. Ich war ein umgezogner Jugendlicher. Wenige Jahre zuvor waren meine Eltern nach Leer umgezogen und ich war mit umgezogen worden. Aus Hagen, einer Großstadt, so fühlte sich die Stadt jedenfalls in der Erinnerung an, in ein ostfriesisches Kleinstädtchen mit plattdeutschem Umland und touristischem Potenzial. Ein Schuljahr später war ich angekommen, fühlte mich zwar immer noch wie der Großstädter unter Landeiern, wusste in Wahrheit aber über das Großstadtleben genauso wenig wie über das Erwachsenwerden.

Ob es der ewige ostfriesische Wind war oder das völlig grundlose, aber zweifellos vorhandene Gefühl einer Überlegenheit: Ich hob plötzlich die Nase aus dem schulischen Sumpf, tat, was ich konnte und sah, dass es gut war, wählte meinen eigenen Weg und der führte zur Handelsschule.

Ja, ich weiß. Nichts klingt weniger nach Befreiung und Revolte als die zweijährige kaufmännische Handelsschule, aber dort fingen wir alle gemeinsam neu an, ich war nicht mehr der Neue, ich war einer von den Neuen und plötzlich saß ich nicht mehr allein in meinem Zimmer und hörte  Lutz Ackermann in „Musik für junge Leute“ auf NDR 2, sah aus dem Fenster und hoffte, dass es anfangen würde, irgendwas, was auch immer, keine Ahnung. Plötzlich gab es  Leute, die auch ihre Haare wachsen ließen, mit denen ich zur Schule fuhr, mit denen ich in der Pause auf dem Schulhof stand und mit denen ich nach der Schule in der Stadt eine Cola trank und eine Runde flipperte, in einem Eiscafé, dessen Chef wir Charly nannten und duzten, einen Erwachsenen!

Plötzlich gab es auch Mädchen, ich weiß nicht, wo die sich bis dahin versteckt hatten, aber jetzt waren sie nicht mehr zu übersehen und legten mir im Gespräch eine Hand auf den Unterarm oder wollten von mir zur Weiterlesen

Stein des Anstoßes

Stein des Anstoßes

„Psst. Kopf… Psst.

„Ja?“

„Hier… hier bin ich.“

„Wo?“

„Hier, gleich links.“

„Nein. Lalala..lala.“

„Ohren zuhalten, singen und weggucken. Als würde das helfen.“

„Lalalal…“

„Aber stehenbleiben und rüber linsen.“

„La…“

„Ja… ist schon gut. Dann nicht. Ich sag nichts mehr.“

„Doch… doch… du hast es schon wieder getan. Und jetzt antworte ich dir auch noch. Wenn mich jemand sieht.“

„Ach.. die kennen dich hier, die sind einiges gewöhnt.“

„Das war nicht nett. Aber was kann man auch von einem Monster anderes erwarten!“

….

„Hallo. Bist du noch da?… Bist du jetzt etwa eingeschnappt?

„Monster. Das tut mir jetzt auch weh. Erst zimperlich sein und dann gleich die große Keule…“

„Aber du bist doch ein…“

„Dämon. Und nur weil ich aus Stein bin, meinst du, mich auch so behandeln zu können. Ja?“

„Behandeln… gutes Stichwort. Ich muss zum Arzt. Ich steh neben der Kirche und rede mit der Wand.“

„Sag ihm aber, dass ich angefangen habe.“

„Ja… das wird es besser machen. Vielleicht reicht es dann für die Geschlossene.

„Ihr seid komisch. Ständig höre ich, wenn diese Steine sprechen könnten, was die alles zu erzählen hätten. Und dann will keiner zuhören.“

„Okay… sag schon.“

„Wie, jetzt? Gleich? Hast du einen Moment?“

„Schon..“

Also 1404…“

„1404… ? Das sind 600 Jahre.“

„618. So viel Zeit muss sein.“

„Vielleicht eine Kurzfassung? Bei deinem Blickwinkel und hier an der Südseite der Kirche…so viel kannst du…“

„Ach… jetzt liegt es wieder an mir? Hab ich mir das etwa ausgesucht? Ich wäre auch lieber irgend so ein bescheuerter Heiliger auf einem Kapitell. Drinnen. Aber auf uns Dämonen wurde schon immer alles geschoben. Glaubst du, dass es mir Spaß macht, hier bei Wind und Wetter? Und…

Halt, wo willst du hin? Kopf einziehen. Das wollte ich doch schon die ganze Zeit sagen. Das ist ein niedriger Durchgang. Au… das hat er wohl nicht mehr gehört. Nie hört mir einer richtig zu.“

Antriebsarm

Antriebsarm

 

Schon viertel vor elf. Und sie war immer noch nicht wieder da. Er stand am Fenster, achtete nicht mal mehr darauf, notdürftig von der Gardine verdeckt zu werden. Eifersüchtig war er nicht, er fühlte sich nur nicht ganz wohl, hatte Magenschmerzen und dann plagte ihn auch noch diese Unruhe. Es konnte ihr doch etwas zugestoßen sein! Seit Stunden war Martha unterwegs. Examensvorbereitungen mit Stephan. Wer weiß, was für Übungen die beiden miteinander machten! „Tschüs, um sechs bin ich zurück, spätestens!“ hatte sie ihm noch zugerufen und die Tür hinter sich zugezogen.

Was hatte der Kerl nur, was er nicht hatte? Na schön, Haare und dafür ein paar Kilo weniger. Außerdem war Stephan zehn Jahre jünger. Aber sonst, was sonst? Er sah sein Spiegelbild in der Fensterscheibe und schaute schnell weg. Zählten denn die inneren Werte überhaupt nicht mehr? Gut, für ihn nicht, aber von Frauen konnte man das doch erwarten, oder? Und Martha war eine schöne Frau! Er würde um sie kämpfen! Ratten, die nicht kämpfen konnten, wurden krank, das war wissenschaftlich erwiesen. Probeweise schlug er mit der Hand gegen die Wand, die Magenschmerzen ließen auch sofort nach, dafür schmerzte die Hand höllisch.

Zu viel Nikotin und Koffein, die Nacht würde eine Katastrophe: Erst Schlaflosigkeit machte Sodbrennen zu einer richtig scharfen Erfahrung. Dabei musste er früh raus. Wenn er morgen nicht pünktlich käme, hatte der Chef gesagt, brauche er in Zukunft überhaupt nicht mehr zu kommen. „Ein ganz wichtiger Kunde!“ hatte er noch hinzugefügt.  „Nicht für mich – aber für Sie!“ Nicht nur, dass es privat nicht lief – schnell kontrollierte er, ob sich etwas vor dem Haus tat, konnte jedoch überhaupt nichts mehr erkennen, längst war es draußen stockfinster – beruflich stand er auch auf der Kippe. Umsatz, Umsatz, Umsatz, sonst zählte nichts mehr. Und Stephan verdiente schon mit seinen Nebenjobs besser, jedenfalls, wenn er Marthas Erzählungen Glauben schenkte. Wenn sie nur endlich käme, dann könnten sie sich aussprechen… In Anbetracht der Zeit würde es vielleicht auch ausreichen, wenn er sie anschrie und dann ab ins Bett, versöhnen und schnell schlafen.

Er riss sich vom Fenster los, machte schon mal das Licht im Schlafzimmer an und schlug die Bettdecke hoch. Schnell noch den Wecker kontrollieren, um halb sechs sollte er klingeln… würde er klingeln, wäre er nicht stehen geblieben. Er rüttelte an der Uhr, ein kleines Plastikteil fiel ab, sonst passierte nichts. Der Sekundenzeiger rückte nicht weiter vor. Bestimmt waren die Batterien leer!

Er öffnete das Batteriefach und entnahm ihm die merkwürdige eckige Batterie mit den beiden druckknopfartigen Kontakten. So eine hatten sie bestimmt nicht in der Rummelschublade, in der sonst für jedes Gerät im Haus eine passende Batterie zu finden war. Ob vielleicht…? Sogleich eilte er in die Küche und zerlegte den Kurzzeitmesser, musste aber feststellen, dass der mechanisch war und keine Batterien enthielt. Dafür bekam er die beiden Hälften des Gehäuses nicht wieder zusammen, auch egal.

Er hörte den dumpfen Schlag, der immer ertönte, wenn die Treppenhausbeleuchtung aufflammte – das brachte ihn auf eine Idee. Martha besaß so eine seltsame Leuchtdiodenlampe, die nacheinander in verschiedenen Farben strahlte und batteriebetrieben war. Ein Schlüssel drehte sich in der Wohnungstür, das würde schon seine Ordnung haben, Einbrecher kamen schließlich tagsüber, für so was hatte er jetzt keine Zeit.

Marthas Lampe fand sich und tatsächlich, die Batterie stimmte. Im Badezimmer lief Wasser. Er tauschte die Batterien aus und sah mit großer Befriedigung, wie der Sekundenzeiger sich langsam wieder auf seinen Weg machte.

„Hallo Arne!“

„Martha, der Wecker läuft wieder!“

„Ja.. sehr schön.“

„Die ganze Mühe mit der Ausrede“, dachte sie, „völlig umsonst. Er hat offenbar nicht mal registriert, dass ich weg war.“

Er schlief dann auch sehr schnell ein, kein Wunder übrigens, denn es war sehr still im Raum. Sogar der Wecker tickte nicht mehr.

Außen vor

Außen vor

Ich hatte Lokalverbot. Im Club. Der besten, der einzigen Diskothek in der Stadt. Vertrieben aus dem irdischen Paradies, war mein Leben plötzlich sinnlos geworden.

Ich habe keine Erinnerung daran, womit ich es verdient hatte, dass Francesco, so hieß der Wirt, ein energischer Italiener, mich des Ladens verwies. Vermutlich eine Kollektivstrafe für unsere konsumschwache langhaarige Gammlertruppe. Ich war eigentlich zu brav für sowas. Obwohl, wenn ich nachdenke… aber das muss ich ja nicht gerade jetzt tun.

Auf den ersten Blick hätte man denken können, dass alles so weiter ging wie bisher. Wir führten die gleichen Gespräche wie zuvor, lagen auf der Wiese am Hafen in der Sonne oder hockten am Kriegerdenkmal, drehten Zigaretten und boten einen erschröcklichen Anblick für die braven Bürger der Stadt. Sobald es aber dunkel wurde, sobald es kalt wurde, verengte sich die Stadt auf eine Straße, leuchtete nur noch ein Licht – und ich musste im Dunklen bleiben.

Wir Ausgeschlossenen, ich teilte mein Schicksal, Glück im Unglück, mit drei oder vier anderen, suchten Asyl im Venezia, einer neonlichtkalten Eisdiele mit Edelstahlbestuhlung und Tischplatten aus Marmorimitat, die erst um 22 Uhr dichtmachte. Mit einer Jukebox, in der nichts unsere Gnade fand und die wir doch manchmal mit Kleingeld füttern mussten, damit nicht jedes unserer Worte bis in die letzte geflieste Ecke getragen wurde. War die Cola alle, dauerte es auch nicht mehr lange und es wurde ungemütlich.

Also stromerten wir wieder durch die Stadt, suchten in den Eingängen der Läden Schutz vor dem ewigen Wind und träumten von Konzerten und Festivals, von Hendrix und den Scherben, die nie auch nur in die Nähe unseres Provinzstädtchens kommen würden. Die Glücklichen, die sich jetzt im Club drängelten, zu Songs von Marvin Gaye oder Santana tanzten, okay, auch zu Peter Maffay und das ging ja eigentlich gar nicht. Draußen trafen wir natürlich auch die schrägeren Typen, die, die das immerwährende Lokalverbot ereilt hatte, die in schlecht beleuchteten Ecken dealten und angeblich sogar mit einer Waffe gesehen worden waren. Mädchen allerdings sahen wir nie, die schienen sowas wie Lokalverbot nicht mal zu kennen.

Einmal, in einer beleuchteten Schaufensterpassage, griff Conny mir ins Haar. Damals kämmte ich meine Haare von einem ordentlichen Linksscheitel aus schwungvoll nach vorn, so dass sie meine Stirn vollständig verbargen und praktisch eine Linie über meinen Augenbrauen bildeten. Mit wenigen Handgriffen, vielleicht hatte Conny sogar seine Bürste in der Jackentasche, zauberte er einen Mittelscheitel, den ich seither brav beibehalten habe, auch wenn der Scheitel in der Mitte inzwischen ein wenig breiter geworden ist und meine Haare nicht mehr lang und nicht mehr schwarz sind.

Irgendwann war das Lokalverbot vorbei. Es endete nicht mit einer Einladung, doch bitte wieder unser Geld im Club abzuliefern, sondern mit unserer zunächst zögerlichen, mit schrägen Blicken bedachten, dann aber selbstverständlichen Rückkehr in den Club. Wir machten uns wieder über die Dorfjugend lustig, tranken am Wochenende unser schal werdendes Bier, rauchten frierend vor der Tür mit denen, die gerade mal wieder ausgesperrt waren und warteten darauf, dass das Leben endlich mal Gas geben würde.

Edward Hopper, Public domain, via Wikimedia Commons

Kein schnelles Geld

Kein schnelles Geld

Wenn ich etwas hab, dann Zeit. Nicht gleich morgens, da ist es hektisch. Frühstück, Zeitung lesen, aufräumen, die Mahlzeiten des Tages planen. Verschieben, was sich verschieben lässt, weil es viel zu werden droht und dann los, einkaufen. Mit dem Einkaufszettel. Ich habe es auch mit einem retrograden Einkaufszettel versucht: erst einkaufen, dann aufschreiben. Das führt zu einer hundertprozentigen Übereinstimmung von Plan und Planerfüllung, weil ja nie etwas fehlt. Probleme, wie eine Krise bei der Toilettenpapierproduktion oder im Einkaufswagen vergessene Hefewürfel, treten nie auf, weil, was  nicht gekauft wurde, auch nicht auf die Liste kommt. Leider passte sich unser reales Konsumverhalten nicht der nachträglichen Planung an. Was nicht da ist, fehlt, auch wenn es nicht vergessen, sondern einfach nur nicht gekauft wurde.

Im Supermarkt husche ich zielstrebig durch die Regalreihen. An der Käsetheke drängele ich mich vor, natürlich  unter Verweis auf mein Alter. Wir Rentner dürfen das, weil unsere Zeit knapper als die aller anderen ist. Auf den letzten Metern vor der Kasse überhole ich entschlossen noch jeden und jede, die einen Moment zögern, eine sich vor ihrem Einkaufswagen auftuende Lücke augenblicklich wieder zu schließen.

Noch vor kurzem las ich, dass man sich nicht darauf verlassen soll, welche Schlange vor den Kassen länger scheint. Man kann nämlich mit einer alten Kulturtechnik, dem sogenannten Zählen, feststellen, wie viele Menschen tatsächlich vor einer Kasse warteten. Das klingt genauso überzeugend, wie es falsch ist, denn im Zweifelsfall sollte man nur darauf achten, dass ich nicht vorn in der Reihe stehe, denn, wie gesagt, nun habe ich Zeit.

Ich schiebe mich langsam auf die Kasse zu wie der Eisberg auf das Nordmeer, studiere die Quengelware, betrachte die Abbildungen auf Weiterlesen

Von drauß‘ vom Walde (2)

Von drauß‘ vom Walde (2)

Teil 2

zu Teil 1

„Und du? Bist du eine Mädchen oder so?“ äffte der kleine Bursche ihren Tonfall nach.

Benni knurrte.

„Ja. Ist ja schon gut. Ich bin hier der Waldmeister. Llanfairpwllgwyngyll, aber du darfst Willi zu mir sagen, Lina.“

„Dieses Lalafair, bedeutet das was?“ fragte sie

Willi schüttelte den Kopf. „In der Schule haben sie mir gesagt, es bedeutet „Blöder Zwerg, dessen doofe Eltern ihn nach einem Dorf in Wales genannt haben“. Aber das glaube ich nicht. Und Willi bedeutet… eben Willi.“

„Puh“, Lina seufzte und Benni sah auch erleichtert aus.

„Ich heiße Lina und das ist Benni.“

„Der Hund muss an die Leine und dass du Lina bist, das weiß ich doch längst.“

Willi war ganz schön streng. Quengelig, hätte Mama gesagt.

„Ich darf überhaupt nicht mit dir reden“, stellte Lina entschieden fest.

„Aber Puh sagen, wenn ich mich vorstelle! Und wie willst du deinen doofen Baum finden? Ohne meine Hilfe?“

Willi drehte sich um und… war verschwunden.

„Willi!“ Jetzt, ohne den komischen Kerl, fühlte Lina sich plötzlich ziemlich allein im Wald. Aber da war er auch schon wieder und grinste.

„Umsonst gibt’s hier aber nichts. Dass das schon mal klar ist.“

Lina zückte ihr pinkes Portemonnaie.

„Geld?“ Willi sprang einen Schritt zurück. „Komm mir bloß nicht damit.“ Er schien einen Moment lang nachzudenken, dann leuchteten die Gläser seiner Sonnenbrille kurz auf.

„Ein Gedicht!“

„Sowas wie ‚Lieber, guter Weihnachtsmann, zieh die langen Stiefel an‘?“

„Ja. Aber rückwärts.“

„Na…“ sagte Lina und das stimmte natürlich, war aber ein bisschen kurz.

„Du kannst auch einfach rückwärtsgehen und das Gedicht vorwärts aufsagen.“

Schon bei „Weihnachtsmann“ lag Lina lang im Schnee.

„Super!“ sagte Willi und klatschte vor Freude in die kleinen dicken Hände.

„Das ist aber nicht nett!“ Lina setzte sich im Schnee auf und streckte die Hand aus, um sich hochziehen zu lassen. Willi zögerte einen Moment, aber dann half er ihr hoch.

Überrascht blickte Lina auf ihre Hand, das war ja seltsam gewesen. Eine Wärme und eine Kraft hatte sie gespürt und plötzlich war ihr der Wald auch überhaupt nicht mehr dunkel vorgekommen. Willi zwinkerte ihr zu, drehte sich um und stapfte los. „Da lang!“

Es war eigenartig mit Willi, denn sogar, wenn der Weg geradeaus führte, kannte Willi noch eine Abkürzung und so schien nur ein Augenblick vergangen zu sein, als sie auf dem kleinen Hügel standen. Hinter ihnen lag der grüne und graue, braune und ziemlich schäbige Wald, aber was da vor ihnen lag, das war… also sowas hatte Lina überhaupt noch nicht gesehen. Es blitzte und glänzte und funkelte so, dass in der Luft über diesem Wald ein kleines, lautloses Feuerwerk stattzufinden schien und Lina war so fasziniert, dass sie nicht gleich bemerkte, dass sie vor dem Nadelwald stand, vor einem metallisch glänzenden Wald mit starren spitzen Nadeln, so dicht wie Tannennadeln und so schrecklich spitz und scharf wie die feinen Nadeln, mit denen Mama zu lange Hosenbeine absteckte. Und erst jetzt, als sie das entdeckt hatte, bemerkte sie auch, dass diese gruseligen Nadeln kleine Schmetterlinge und Käfer, sogar Vögel und andere Tiere aufgespießt hatten. Dieser Nadelwald war rechts und links und vor ihr und schien überhaupt kein Ende zu nehmen. Benni, der, wie Hunde das so machen, ein wenig vorgelaufen  war, kam jaulend zurück und Lina sah, dass er einen kleinen Blutstropfen an der Nase hatte.

„Ich glaube, ich hatte die Leinenpflicht erwähnt.“ Willi betrachtete den Hund Weiterlesen

Von drauß‘ vom Walde (1)

Von drauß‘ vom Walde (1)

Teil 1

Die letzte Häuserreihe der Neubausiedlung war geradeso vor dem Fest bezugsfertig geworden. In manch einem der Häuser stapelten sich deshalb noch die letzten Umzugskartons neben bunten Paketen, Päckchen und Umschlägen mit vielen Briefmarken aus den Staaten und von Tante Inge aus Hannover. Im allerletzten Haus lagen noch keine Pakete unterm Christbaubaum, im allerletzten Haus stand noch nicht einmal ein Baum.

Draußen, jenseits des Gartenzauns, wuchsen Bäume, Birken und Weiden, nicht sehr viele und nicht besonders mächtige Bäume, sondern solche, die einst gepflanzt und später geduldet worden waren und die trotzdem auf geheimnisvolle Weise verbunden waren mit dem großen Wald. Vorposten waren sie, den Launen der Menschen ausgesetzt, die sie mal umarmen und mal umhauen wollten.

Hinter dem Feld, das nun im Winter ruhte, hinter dem vereisten Entwässerungsgraben, der die Grenze bildete, begann der Wald, der Nadelwald, wie Mama gesagt hatte. Mit jedem Schritt weg vom befestigten Pfad hinein ins Unterholz, blieb das Bekannte zurück. Schnee knirschte unter den kleinen Stiefeln. Es knackte, huschte und flatterte, aber nur, wenn Lina nicht so genau hinschaute, nur aus den Augenwinkeln ein wenig nach links oder rechts schielte, sah sie ein Kaninchen davonhoppeln oder ein Reh erstarren.

Lina tastete nach ihrem Lillifee-Portemonnaie. Ja, es war noch da. Papa hatte gesagt, dass es in diesem Jahr keinen Weihnachtsbaum geben würde. Das neue Haus hatte so viel Geld gekostet, vielleicht brächte der Weihnachtsmann ja noch ein kleines Geschenk für Lina, aber einen Baum brächte der bestimmt nicht mit.

Bäume, das wussten ja schon babykleine Kinder, wuchsen im Wald. Also war Lina losgegangen, um einen Weihnachtsbaum zu holen. Wo sollten denn die Geschenke liegen, wenn nicht unter dem Weihnachtsbaum? Wie sollte es denn im Wohnzimmer leuchten und duften und überhaupt Weihnachten werden, wenn da kein Baum stand? Lina schüttelte empört den Kopf und stapfte weiter, die Hände in die warmen weiten Taschen ihres pinken Sternchenmantels gesteckt und die Kapuze tief in die Stirn gezogen, so dass nur die Augen und eine kleine rote Nase  herausschauten. Es roch schon ganz schön gut nach Weihnachtsbaum, fand Lina, aber die Bäume, die sich immer dichter drängten und nicht mehr viel Licht auf den ziemlich unaufgeräumten Waldboden fallen ließen, waren alle viel zu groß und zu dick und überhaupt nicht schön. Eigentlich ein bisschen unheimlich. Grüne Riesen waren das mit langen Ästen, wie dicke Bärte sahen die aus oder wie weite Ärmel.

Huh, da hätte sie sich aber beinah erschreckt, Weiterlesen

Hinter Singravens Mauern

Hinter Singravens Mauern

Wenn es auch in der Vergangenheit immer wieder Versuche gab, paranormale Vorfälle auch in Reihenhäusern glaubhaft zu machen, zu einem Gespenst gehört etwas Großzügigeres, eine Burg, ein Schloss, zumindest aber ein Herrenhaus. Nur dürftig darauf vorbereitet, haben wir das Landgoed Singraven bei Denekamp besucht, ohne Kenntnis seiner Geschichte, ohne irgendwelche Amulette, Knoblauchketten oder andere Schutzmaßnahmen. Dass wir in den Innenräumen nicht fotografieren durften, hätte uns misstrauisch machen müssen, denn was wir nicht durch die Linse unserer Kameras oder Smartphones gesehen haben, das haben wir nicht gesehen, doch wer weiß, was die Kamera festgehalten hätte, wo unsere wenig geschärften Sinne versagt hätten?

Die Kette unglückseliger Ereignisse, die mit dem Landgut Singraven verbunden sind, dort ihren Ursprung hatten oder ihr Ende fanden, ist wahrlich zu lang, um sie hier aufzulisten, erwähnt sei nur der unglückliche Herr des Hauses, dessen Bart in Flammen geriet und der nicht mehr zu retten war, obwohl ihn seine herbeistürzenden Bediensteten in den nahen Fluss geworfen hatten. Dann war da noch Jan Adriaan Laan, der das Gut 1915 ersteigerte und mit seiner Frau Eva und zwei seiner Kinder fortan dort lebte. Oder eben nicht, denn erst starb seine Frau, dann raffte es ihn dahin und 1922 schließlich auch noch seine Tochter Agatha. „Het zwarte huis“, das schwarze Haus, so wird Singraven wohl auch genannt.

Früher, also viel früher, im 15. oder 16. Jahrhundert, war Singraven ein Kloster und eine der Nonnen, deren Name bedauerlicherweise nicht überliefert ist, nahm es wohl nicht so genau mit den Regeln ihres Ordens. Unkeusch sei sie gewesen, heißt es und da fand man es natürlich nur angemessen, sie  bei lebendigem Leibe einzumauern. Jetzt ist es nicht weiter überraschend, dass diese Dame, der man das Verlassen des Hauses unmöglich gemacht hatte, es fürderhin auch nicht mehr verließ und bis auf den heutigen Tag immer mal wieder das Haus begeistert.

An manchen Tagen, so heißt es, könne man sie hinter einem der Fenster des Hauses stehen sehen. Die Nummer mit dem Einmauern glaube ich jederzeit, in diversen Kirchen haben sich Menschen einmauern lassen, mir fällt kein gescheiter Grund dafür ein, und zu sehr vielen Burgen gibt es ähnliche Geschichten, nur dass sie eben nichts mit freiwilliger Entsagung, sondern eher mit ungebührlichem Verhalten oder einer unglücklichen Liebe verknüpft waren.

Was hinter den Mauern Singraven geschah, ob es mehr als eine Schauergeschichte ist, ich weiß es nicht. Aber in den neunzehnhundertzwanziger Jahren wurde, so heißt es, hinter einer Mauer ein Hohlraum gefunden, über dessen Inhalt bisher Schweigen bewahrt wurde. Gut, über manche Räume unseres Hauses würde ich auch gern schweigen.

Ob ich für das Eichhörnchen wohl Deko bin?

Ob ich für das Eichhörnchen wohl Deko bin?

Da ist ein Drinnen und ein Draußen und dazwischen eine klare Grenze aus Stahl und Glas und Stein. Ein Innen, das wir für uns beanspruchen und ein Außen, das wir auch für uns beanspruchen, ein Draußen, das uns auch gehört. Drinnen gelten unsere Regeln, der Hund darf rein, die Taube nicht. Wir verteidigen uns gegen alle, die sich nicht an unsere Regeln halten, weil sie diese Regeln nicht kennen, weil es in ihrer Welt diese Grenze nicht gibt. Die Spinne wartet draußen vor der Tür, bis sie eine Gelegenheit findet, sich in Lebensgefahr zu bringen. Die Mücke weiß das geöffnete Fenster zu nutzen und macht mit ziemliche Sicherheit ihren Stich. Ameisenarmeen marschieren ein und ziehen sich nicht ohne langwierige Kämpfe wieder zurück. Mit Pflanzen sind wir sogar noch strenger. Die haben in ihren Töpfen zu bleiben und wenn sich ein Pilz erdreistet, eine Silikonfuge zu besiedeln, werden Chemiewaffen eingesetzt.

Unser Drinnen ist auch deren Drinnen, unser Haus ist nichts anderes als ihre natürliche Umwelt, ihr Jagdrevier und Rückzugsort und wir, die Damen und Herren dieses Planeten, sind ihnen so egal wie uns dieser kleine schwarze Punkt dort auf der Mauer, der, wenn ich wegsehe, vermutlich macht, das er weiterkommt.

Gleich hinter der Grenze liegt die Terrasse und ein paar Schritte weiter und eine Stufe tiefer wächst das Gras. Unsere Terrasse und unser Rasen, aber wir sind da offen für Besucher. Das Eichhörnchen ist eingeladen, die Spatzen braucht niemand einzuladen, die haben ein lebenslängliches Nießbrauchrecht auf alles, was essbar ist und nicht entschieden verteidigt wird.

Der Rasen wäre heilig, wären wir Gärtner, wüssten wir ihn zu bändigen, doch so: ein Mischgebiet, eine Übergangszone, auf die wir gewisse Rechte anmelden und in der wir auch schon mal grob werden können, wenn die Wühlmäuse es gar zu toll treiben oder die Tauben den Grassamen wegpicken. Aber es ist nicht wirklich unser Rasen, es fühlt sich eher an, wie ein Stadtteil, in dem die Polizei noch patrouilliert, die Hoffnung aber aufgegeben hat, auch wenn sie das Gegenteil behauptet. Da wächst, was will und was sich wiederzukommen traut, wenn der Tag des Zupfens und Rupfens, des Stechens und Schneidens vergangen ist.

Dann ist Ruhe und die Amsel kontrolliert, ob ein Wurm den Fehler macht, die aufgekratzte Erde neugierig zu erkunden. Die Elster kommt, klaut eine Nuss von der Terrasse und gibt uns schwarz auf weiß, dass das auch ihr Garten ist. Nein, das auch, das würde sie nicht unterschreiben. Der Grünspecht schon, der flüchtet immer mit großem Spektakel, dabei nehme ich ihm die Löcher, die er in den Rasen haut, doch nicht einmal übel. Seit kurzem kommt auch eine Taube, keine von den groben, ungelenken, die sich für Sänger halten und doch nicht aus dem Stimmbruch kommen, sondern ein Täubchen, ein schlanker, grauer Vogel mit Federn wie gebürstet. Das Rotkehlchen schaut wohl gern auf andere herab, denn es sitzt meist auf der Skulptur, dem Geschenk einer Freundin an uns, die, hätte sie das geahnt, die Skulptur auch dem Rotkehlchen geschenkt hätte.

Dann eine Mähkante und direkt danach und einen Stein hoch: die Mauer, die uns gegen das Chaos schützen soll. Noch immer sind uns von Staat und Kirche alle Rechte gegeben, beurkundet und eingetragen, sind wir von Gott gerufen, uns den Garten untertan zu machen, denn so heißt es in Genesis 1, 28: „füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“

Ja, wir haben es versucht, wir sind haben die Füße gehoben über den Stein und sind hinabgestiegen in die, nein, nicht die Hölle, sondern in die Tiefe, in den Graben, den breiten Graben,  das Reich der Brombeeren und Brennnesseln, des Efeus und der Pflanzen, die wir nicht gesät und nicht gepflanzt haben und die doch wachsen, der Bäume, die uns mit Laub zuschütten und knarren im Sturm  und drohen, sich auf uns zu stürzen und die nicht Untertan sein wollen, denn groß sind sie und alt und haben ihr eigenes Recht, dort zu wurzeln, ein Recht, das vor Gericht sogar bestand haben würde. Jetzt, da es gerade dunkel wird, stehen sie da, schwarz, bewegen sich im Wind und machen, was Bäume so machen.

Natürlich wir sind umgekehrt, zerkratzt, gebissen und dreckig, denn hinter dem Stein, hinter dem Mäuerchen, wächst und lebt, was wachsen und leben will und an manchen Tagen bricht dieses Leben aus und klettert über die Mauer und kommt in den Garten und auf den Rasen und in den Rasen und fordert mehr und es stimmt, das, wenn man der Brennnessel den kleinen Finger gegeben hat, sie auch die ganze Hand will und das Bein und sie kein Mitleid kennt. Aber sie soll ja gut sein gegen Rheuma.

Das wird schon gehen

Das wird schon gehen

Habe ich von unserem Urlaub in einem Ferienhaus an der holländischen Küste erzählt? Nachts, bei offenem Fenster, hörten wir die Brandung der Nordsee. Also nicht gleich die ganze Nacht, zwischendurch schliefen wir schon auch mal. Morgens war die Brandung dann nicht mehr zu hören, obwohl die Nordsee, davon haben wir uns mehrfach überzeugt, immer noch da war. Menschen sind einfach ziemlich laut. Wir hatten morgens aber auch anderes zu tun, als der Brandung zu lauschen. Wir frühstückten nämlich.

Wäre dieser Text ein heiß-kalt-Spiel, würde es jetzt wärmer werden, wir nähern uns dem Kern und der Ursache dieses Textes. Mein Stuhl stand ganz links am Tisch, von der Außenwand nur noch durch einen Heizkörper getrennt. Einen kalten Heizkörper. Wären meine Tischmanieren manierlich, hätte ich beide Hände, aber nicht die Unterarme, auf den Tisch gelegt, eine Haltung, die für mein Empfinden etwas angriffslustig aussieht, gäbe es diesen Text nicht. Mein linker Arm suchte außerhalb des Tisches Halt. Ich muss das leider eingestehen, obwohl ich ansonsten ein Gegner von Armlehnen bei Stühlen bin. Da war aber nur dieser kalte Heizkörper und niemand kann gemütlich frühstücken, während der linke Unterarm auf einem kantigen kalten Heizkörper liegt. Also suchte ich nach einer Lösung für diese unangenehme Lage und fand sie fast augenblicklich: Der linke Arm gehörte in eine Schlinge. In der Folge hätte ich natürlich während der Mahlzeiten meine linke Hand nicht mehr frei bewegen können, hätte also eine Art Verlängerung für die Gabel gebraucht, um Kartoffeln vom Teller zu befördern oder die Zeitung umzublättern.

Das war’s, das war der Moment, um den es geht, der Moment, in dem ich unser Universum verließ und in ein paralleles Universum eintauchte. Wir alle haben von der Theorie der Multiversen gehört, aber ausgerechnet ich muss mich daran versuchen, sie in meinen Text einzubauen. Für meine Zwecke reicht allerdings die Idee, dass alles immer da ist. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft existieren gleichzeitig. Was die Wissenschaft aber nicht bedacht hat, Autoren wie Kurt Vonnegut aber sehr wohl, z. B. in seinem Roman „Schlachthaus 5 oder der Kinderkreuzzug“, ist, dass wir uns durch ein Stolpern am falschen Ort oder einen verdrehten Gedanken plötzlich in einem dieser parallelen Universen wiederfinden.

Ich jedenfalls landete in einem nicht genau zu terminierenden Teil meiner eigenen Vergangenheit im Keller meines Vaters und es war die Idee der Schlinge um den Arm, die mich in die Vergangenheit zog, denn so und nicht anders hätte mein Vater dieses Problem gelöst.

Der gerade angesprochene Keller hat sich in meiner Erinnerung längst von jeglicher bestehender Architektur gelöst und existiert als eigene nicht materielle Einheit fort, auch wenn das Haus oder die Häuser, in denen es den Keller gegeben hat, nicht mehr bestehen sollten.

Da ist ein Raum mit einem schwarzen Bakelit-Lichtschalter gleich neben der Brettertür, der von einem ewigen Licht, das von einer in einem Drahtkäfig steckenden Glühbirne ausgeht, völlig unzureichend beleuchtet wird, so dass große Teile des Raumes im Dunklen bleiben und verborgen bleibt, was dort liegt oder lag, Kartoffeln und Eierkohlen, Brikett und Einmachgläser zum Beispiel.

Zwei kleine Fenster über einem Arbeitsplatz voller Werkzeug, voller Schubladen und Kisten, Dosen und Gläsern mit Schrauben und Nägeln, mit Bändern und Ketten, Teilen, deren Zweck in Vergessenheit geraten ist, denen aber eine neue Verwendung zugedacht ist. Farbtöpfe, Lacke und Pinsel, Terpentin und Rostlöser, Fahrradreifen, Kabel, Lüsterklemmen, ein alter Kinderschlitten, Blumentöpfe und Schaufeln, Spaten, Harken und Rechen, Besen unterschiedlicher Feinheit, Eimer, Kannen, Kästen voller alter Zeitungen, in denen etwas verpackt sein könnte und über all dem Konstruktionen aus Kanthölzern und Leisten, Stangen und Ösen und Haken, die sich unter der Decke entlang in den Raum ausbreiten, etwas halten, etwas heben, etwas ziehen, sich selbst sichern und die enden an Pfosten, verschraubt und verklebt, umwickelt mit Teppichband und Plastikschnüren.

Der Keller war der Ort, an dem mein Vater große und kleine Probleme anging, mit harten, schwieligen Fingern, deren Sehnen bei  Arbeitsunfällen durchtrennt worden waren, mit einem großen Plan, das Ziel aus den Augen verlor oder mit untauglichen Mitteln, die durch den großzügigen Einsatz anderer, kaum weniger geeigneter Mittel zu wackligen, wenig vertrauenerweckenden, aber über Jahre benutzten Provisorien führten.

Früher habe ich mich oft gefragt, was ich von meinem Vater habe, worin ich ihm ähnele, denn es ist nicht das Aussehen oder die Größe, die Haarfarbe, soweit man noch davon sprechen kann, aber inzwischen weiß ich, dass es seine Art war, sich mit Problemen auseinanderzusetzen, auch das Verdrehte, das hartnäckige Herumschrauben und noch einen Umweg machen, um dann hoffentlich irgendwo anzukommen. Nur brauche ich dafür keinen Keller, sondern meinen Schreibtisch.

Meine Frau legte ein Kissen auf die Heizung und das Problem war gelöst.

Bild: Gustav Wentzel, Public domain, via Wikimedia Commons

August

August

Eine leichte Brise. Die Wärme des späten Vormittags verspricht einen heißen Mittag und einen langen, warmen Abend. Ein Tag mit einem Lichtschutzfaktor. Sonnenbrillenwetter. Sattes Grün, meterhoch, rechts und links des Weges. Ein schmaler, gut befestigter Radweg durch die Parklandschaft des Münsterlandes, sanfte Hügel, weite Ebenen, Bäche und kleine Flüsse, Ems und Werse, Bauernhöfe. Schwarzweiß im Quadrat. Fachwerk.

Bildstöcke, Wegekreuze und kleine Kapellen. Ein frommes Volk, gut katholisch. Kirchen und Kornbrennereien, die einen wie die anderen etwas aus der Mode geraten. Pättkes, so heißen hier die kleinen Wege und Leezen die Fahrräder. Wir überholen eine Frau auf einem alten Hollandrad, eine der wenigen, die noch ohne elektrische Unterstützung unterwegs sind. Ohne Motor, aber mit einem leuchtend roten Schulterbeutel.

Maisfelder schieben sich vor die Aussicht, dann wieder Getreide, braune, müde Halme. Es duftet nach Hochsommer. So muss ein  Sommer riechen, so und nach Heu oder Stroh, nach Wald, nach trockenem Holz und Pilzen und einem ganzen Mikrokosmos verborgenen Lebens und Sterbens.

Wasserburgen, Wasserschlösser, Burgruinen und ein versteckter Schatz, den – wer sonst? – der Teufel bewachen soll.

Den Hügel hinab. Schnell geht das. Der Helm hängt natürlich in der Garage. Pferde auf Grün, Kühe auf Grün. Schafe….

Im Liebestal. Unten ein Hof, ein Wäldchen, ein Bach. Schwere, glänzende Erde, gepflügt und aufgebrochen, Erinnerungen an Lavafelder auf Lanzarote. Durchs Dorf, nur wenige Menschen auf der Straße. Im Schatten.

Dann, vor uns: die Frau mit dem roten Beutel. Kann das denn sein, die ohne Motor? Die, die uns nicht überholt hat und jetzt vor uns fährt?

Es ist eben auch das Land der kopflosen Kälber, des Heidekönigs Goldemar und der Spökenkieker, das Land der Annette von Droste-Hülshoff. Aber wen schrecken die Geister des Moores, die Gespenster der Nacht an so einem Sommertag? Wir überholen die Frau einfach ein zweites Mal.  

Verpusten

Verpusten

In der Nachbarschaft übt jemand ein Blasinstrument. Welches, das kann ich nicht erraten, aber er übt, das erkenne ich auch als Laie, mit großem Enthusiasmus.  Ein Stück nach dem anderen, jedenfalls nehme ich an, dass es sich um Werke aus der Literatur handelt. Zu meiner Zeit, also als ich noch singen sollte, ja, singen musste, weil es um Noten ging, Singen für, nicht nach Noten, also in der Schule – was für ein blöder Satzanfang übrigens: zu meiner Zeit. Lesen könnte man es vielleicht auch noch nach meiner Zeit, schreiben kann ich aber nach meiner Zeit gewiss nicht. Also: Zu einer Zeit, die auch meine Zeit war, die aber schon ein wenig zurückliegt, war für das Singen die Mundorgel unverzichtbar. Vielleicht gibt es für die Bläser ja den Pustekuchen.

So ein langer Anlauf für einen müden Gag!

Der Nachbar spielt anscheinend durch, was man ihm vorlegt. Bisher hatte ich angenommen, dass man Teile,  die man noch nicht so gut beherrscht, wiederholt, bis man sie beherrscht, aber mein Nachbar hat gewiss schon beim ersten Mal gemerkt, dass er ein bestimmtes Stück oder den Teil zwischen der ersten und der letzten Note nicht so recht kann, so dass er sich nicht weiter damit belasten muss und gleich zum nächsten Kracher übergehen kann.

Damit kein falscher Eindruck entsteht: Ich genieße tatsächlich, was ich da höre. Es stimmt mich milde und gibt mir den Glauben an die Menschheit zurück. Wo so etwas möglich ist, so ein zweckfreies Getute, ist alles möglich. Zuverlässig am nächsten passenden Ton vorbei, voller heiterer Unbekümmertheit gegenüber der Welt und den Komponisten, dass ich lächelnd lausche. Selbst die Hühner sind nicht mehr zu hören und das liegt nicht daran, dass ihre akustische Nische besetzt wäre und sie sich deshalb aufs Eierlegen konzentrieren würden. Windeier würden das, die Hühner gehören besagtem Nachbarn. Vielleicht sitzen sie aufgereiht auf ihrer Stange und grinsen.

Beitragsbild von Oliver Abels (SBT) – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=24982702

In aller Eile

In aller Eile

Ich ertappe mich dabei, dass ich nicht das Buch lese, das ich schon vor mir auf den Tisch gelegt habe, sondern mal wieder das Smartphone in der Hand halte und die Kritik einer Talkshow durchgehe.

Bei der Gelegenheit: Zählt das als körperliche Betätigung, praktisch als Sport, wenn man Texte nicht liest sondern durchgeht? Na, vermutlich nicht, meiner für meine Fitness zuständigen App war das jedenfalls völlig egal. Ich werde sie deinstallieren, denn seit sie mir täglich vor Augen führt, dass ich meine Ziele mal wieder nicht erreicht habe, fühle ich mich viel weniger fit als damals, als ich mir noch einreden konnte, doch eigentlich recht viel zu Fuß oder auf dem Fahrrad unterwegs zu sein. Gut, dass das Ding keine Zugriff auf andere Dienste hat, sonst hätte es vielleicht schon den Notdienst oder gar den Bestatter angefordert.

Aber ich habe einfach keine Zeit für Bewegung. Ich muss ja diesen Artikel lesen, also ich muss nicht, aber ich tue es ja, obwohl ich eigentlich nicht mal die Talkshow sehen wollte. Ich bin da nur reingeraten und irgendwie hängengeblieben. Und jetzt schreibe ich auch noch über eine Talkshow, die ich nicht sehen wollte und den Bericht in der Online-Ausgabe irgendeines Magazins,, den ich eigentlich auch nicht lesen will, für das ich keine fünf Pfennig – sagt man das noch oder heißt das jetzt keine fünf Cent – ausgeben würde, gäbe es eine Bezahlschranke. Gäbe es allerdings für diesen Artikel eine Bezahlschranke, dann würde ich vermutlich ziemlich lange rumrecherchieren, ob ich nicht irgendwo kostenlos an diese Information kommen könnte, die mich doch keinen Deut interessiert.

Prokrastination heißt das wohl und ja, selbst das Buch, das ungelesen auf dem Tisch liegen blieb, wäre nur eine weitere Ausflucht gewesen, denn ich weiß ja, was ich zu tun habe und dass die Zeit schon knapp wird. Ich spüre gerade mal in mich hinein, ob sie schon knapp genug ist, ob ich schon diesen Druck spüre, dieses Zittern, dass es diesmal wirklich nicht reichen wird, bestimmt nicht und ich nicht mal eine Ausrede habe, wenn es denn keine sein sollte, dass ich keinen hinreichenden Druck verspürt habe.

Und ja, ich glaube, es wird knapp, vielleicht sogar zu knapp, weil dieser Text ja auch noch hochgeladen werden muss, ein Bild muss gefunden werden, eine Überschrift, ein paar Schlagwörter und wenn ich gerade dabei bin, dann tauchen da im Reader ein paar Texte auf, die ich ganz schnell, nur mit einem Auge, auch nur mit dem linken, aber doch noch lesen muss. Jetzt aber schnell, die Zeit reicht nicht mehr, um noch nach groben Fehlern und dem besseren, weil treffenderen Wort zu suchen.

Wie komme ich hier jetzt raus? Egal. Aus.

Radio Rock´n´Roll

Radio Rock´n´Roll

Wo sind die Erinnerungen, wenn wir uns nicht gerade mit ihnen beschäftigen? Ja, ich habe schon davon gehört, dass Informationen vom Kortex, von uns Laien im Alltag als Großhirnrinde bezeichnet, zum Hippocampus, dem  Großhirn, geleitet werden und dort offenbar herumliegen, bis sie in umgekehrter Richtung wieder abgerufen werden. Höre ich Großhirnrinde, denke ich an etwas Knuspriges, dunkelbraun vielleicht und Hippocampus klingt für mich nach einem  großen Platz voller Flusspferde, ein recht schönes Bild, an das ich mich bestimmt noch lange erinnern werde, wobei wir wieder beim Ausgangspunkt sind.

Da ich noch nicht nachgeschaut habe – und auch in Zukunft nicht die Absicht habe, niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen, so funktioniert das mit dem Erinnern, ich rufe überhaupt nichts ab und trotzdem feuert der Hippocampus aus vollen Rohren. Was für ein kriegerisches Bild bei einem Kriegsdienstverweigerer. Will ich aber wissen, wie dieser Typ hieß, der mal bei  mir auf der Matte stand, um sich zum Thema Kriegsdienstverweigerung beraten zu lassen, drehen sich die Flusspferde weg und zeigen mir nur ihr mächtig breites Hinterteil.

Da ich noch nicht nachgeschaut habe, soweit waren wir gerade, weiß ich natürlich nicht, wie die Speicherung physisch aussieht, aber ich mache mir da keine Illusionen. Im Normalfall dürfte das so aussehen wie bei der Speicherung von Strom. Den sieht man auch nicht zittern und beben, glimmen und gespannt, vielleicht sogar hochgespannt auf den Einsatz warten. Also werden die Erinnerungen auch nicht in mit Thumpnails oder Icons oder gar mit farbverschiedenen Prägeetiketten markierten Schubladen in grauen Metallregalen herumliegen.

In der BWL spricht man von chaotischer Lagerhaltung und meint damit, dass es keinen vorgegebenen Lagerort für bestimmte Dinge gibt, sondern etwas dort eingelagert wird, wo gerade Platz ist. Finden lässt es sich dann nur, wenn an anderer Stelle genau Buch darüber geführt wird, wo etwas hinterlegt ist. Ich weiß nicht, ob das für das Gedächtnis auch so zutrifft, bei mir scheint es sich eher um eine Art aus dem Ruder gelaufenes Tischtennismatch zu handeln, bei dem es von allen Seiten Bälle hagelt, die manchmal auf einen Schläger treffen, manchmal irgendwo im Dunklen verschwinden und manchmal Begeisterungsstürme auslösen. Also bei mir, ich verzichte meistens darauf, vor Publikum Erinnerungen auszupacken. Das ist ja wie mit gut verpackten Geschenken, man weiß nicht, was drin ist und ob  man sich darüber freuen wird.

Mit anderen Worten: Keine Ahnung, wo das alte Zeugs herumliegt, von dem man sich, selbst wenn man es wollte, nicht trennen kann und das hervorpurzelt, wenn man ganz was anderes sucht. Gestern jedenfalls machte ich mich mal wieder auf den Weg auf den Erinnerungshügel. Ich weiß, das klingt wie ein dürftig begrünter Huckel in der Landschaft, vielleicht auf einem Friedhof, mit Ausblick auf viel Thuja und Buxus. Ist aber eine Lebensphase, an die wir uns gut erinnern können, etwa vom 10. bis zum 30. Lebensjahr. Bei mir hatte das mit Musik zu tun, mit einer Erinnerung daran, wann ich eigentlich zum ersten Mal Popmusik, genauer Beat gehört habe. Vermutlich war das im Radio und deshalb wird sich das auch kaum ermitteln lassen. Erst waren da nur Schlager und volkstümliche Musik. Mein Vater liebte Ernst Mosch und seine Original Egerlänger Musikanten  und die Oberkrainer. Zwischendurch die Musik der neunzehnhundertzwanziger Jahre und beliebte Operettenmelodien.

Das Radio war gefühlt immer an. Ich weiß nicht, ob ich kurz gezuckt habe, als ich die Beatles zum ersten Mal hörte. Es dauerte jedenfalls bis 1965, bis ich meine erste Single kaufte. Vorher – und das wollte ich erzählen – schenkten mir meine Eltern zwei Platten. Die erste hieß „Original Liverpool Sound“ und stammt, wie ich gerade recherchiert habe, aus dem Jahr 1963. Ich war zehn Jahre alt, Glück gehabt, noch gerade den Erinnerungshügel erwischt. Außerdem werde ich die Platte, eine EP, jetzt sorgfältiger aufbewahren. Im Safe, neben den Bitcoins, die mir der freundliche Herr an der Haustür für 78.000 € verkauft hat, zum Schnäppchenpreis und sie passen auch in den Münzschlitz bei den Einkaufswagen beim Aldi. Glitzern nicht mal, das hätte man für so viel Geld schon erwarten können. Also der Original Liverpool Sound ist offensichtlich ein Sammlerstück, Musik, die man kaufen, aber auf keinen Fall hören möchte. Beim Deutschen Schallplattenclub als Lizenzausgabe des Decca-Originals erschienen. Ich kann jetzt nicht mehr weiterschreiben, muss dringend den Wert meiner anderen alten Schätzchen, was für einen neuen, silbernen Klang dieses Wort plötzlich bekommt, überprüfen.

Draußen vor der Tür

Carl Spitzweg, Public domain, via Wikimedia Commons

 

Wessen Garten ist das eigentlich? Also bezahlt haben wir schon dafür, nicht nur den Kaufpreis, sondern auch die Anlage. Damit meine ich keinen Landschaftsarchitekten, sondern einfach nur einen GALA-Bauer, der Erde aufschüttete, Rasen einsäte und die Terrasse pflasterte. Den Rest haben wir gemacht. Also meine Frau. Ich habe an meinen beiden linken Händen leider keinen grünen Daumen. Dann haben wir wieder bezahlt, weil der Maulwurf in Arbeitsteilung mit den Wühlmäusen unseren Rasen in eine Hügellandschaft verwandelt hatte. Rasen raus, Netz auf die Erde, Rollrasen drauf. Alles gut.

Bis auf die Wühlmäuse, die die Ränder des Rollrasens erkundeten und in der Folge rechts und links vom Netz unter den Beeten auftauchten. Ich legte einen Stein auf ihre Haufen und sie einen Zahn zu beim Bau eines neuen Haufens.

Der Specht hackte in die verbliebene haufenfreie, naja, haufenfrei, es gibt da einen Hund in der Nachbarschaft… aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls beschloss ein Specht, unseren Rasen auf das Vorkommen von Insekten zu untersuchen, die leider nicht an der Oberfläche lebten, sondern deren Jagd einiger Tiefbauarbeiten bedurfte.

Unterdessen versteckten die Eichhörnchen, im häuslichen Jargon salopp E-Hörner genannt, eins, zwei oder drei, je nach Jahres- oder Tageszeit, Nüsse in den Blumentöpfen, in denen eigentlich Tulpenzwiebeln auf den Frühling warteten.

Wenn nicht vor dem Frühstück schon eine Portion Nüsse bereitliegt, schaut Weiterlesen