eala frya fresena

Ostfriesland, zwischen den Jahren, wie man so sagt. Was ich hier aber nur einfüge, um die Jahreszeit anzudeuten, nicht, um diesen Text mit vorgefertigter Besinnlichkeit aufzupumpen. Wir machen Urlaub in Ostfriesland, immer wieder einmal. Und jedes Mal wundere ich mich darüber, dass andere das auch tun. Wieso nur? Was hat denn diese Landschaft?

Oh! Ich weiß schon, was sie hat, was sie für mich hat, was sie mir bedeutet, aber das kann sie doch unmöglich für alle haben! Das ist doch etwas sehr persönliches, etwas, das ich mir erarbeitet habe, etwas, das ich erlebt habe, indem ich dort gelebt habe. Das kann doch nicht so preiswert zu haben sein, so im Schnelldurchgang?

Mein Ostfriesland, das ist, wie sich das für eine Gegend gehört, in der man wichtige Jahre verbracht hat, emotional aufgeladen, nicht einfach ein Stück Küste, flach wie ein Brett, mit ein paar bildschönen Dörfern und Hafenstädtchen, mit Fähren zu den Inseln, die zwar ostfriesische Inseln heißen, aber von einem völlig anderen Völkchen, nämlich von den Piraten, bewohnt werden.

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Howgh!

Steht da doof, so zu Beginn? Man denkt, man hat einen Anfang und was ist es: Ein Umweg! Karl May hat es geschrieben und mit Winnetou haben wir gelernt, dass dieses ‚Howgh‘ eine abschließende, bekräftigende Redewendung ist, die von Winnetou dann auch gleich um ‚Ich habe gesprochen‘ ergänzt wird.
Stimmt aber nicht.
Oder nicht nur. Es war wohl vor allem eine indianische Grußformel. Deshalb also hier am Anfang und zwar zurecht! Wie nun jeder erraten hat, geht es in diesem Text nicht um Indianer, sonst wäre das ja kein Umweg gewesen, sondern um Häuptlinge.
Also doch Indianer?

Nein. Nicht nur Indianer hatten Häuptlinge. Die gab es in Deutschland, wenn wir diesen Begriff jetzt einfach mal nur zur geografischen Eingrenzung verwenden, schon lange, bevor Kolumbus 1492 Amerika wiederentdeckte. Da hatten die Häuptlinge längst das bisher freie Volk der Friesen, nun, sagen wir, nicht unterworfen, aber die Gunst der Stunde, die eher eine Ungunst war und aus Flutkatastrophen und Pestausbrüchen bestand, genutzt, um sich von Weiterlesen

Der Weinende Studentenbote

DBSB

Das Jahr geht zu Ende, wir blicken zurück… bla bla bla. Brauche ich etwa einen anständigen Grund, um hier etwas zu veröffentlichen?

Ja? Gut, den habe ich.

Manchmal führt das eine zum anderen, Jules schrieb über Schrift und Materialität. Ich dachte darüber nach, ob es mir etwas bedeutet, dass ein Text als PDF, als Word-Datei, als Computerausdruck oder als mittelalterliche Handschrift vor mir liegt. Mich, so dachte ich, interessiert der Text.

Wie das so ist, wenn man sich mit einem Thema beschäftigt, fällt einem Information vor die Füße, wo man geht und steht. Der Deutschlandfunk berichtete über die bevorstehdende Abschaltung der Mittelwelle – und ein Kommunikations- oder Medienwissenschaftler erzählte etwas darüber, dass sich hier eben die Weiterlesen

Kurzgeschichte: Chefsache

Die Tür ist noch da, nehme ich jedenfalls an. Das Haus gibt es noch. Ganz sicher. Ich habe es meinen Töchtern gezeigt. Es ist jetzt ein Cafe, ich war noch nicht drin. Bisher habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, aber ganz offensichtlich wollte ich die Räume nicht wieder betreten. Kann man einem Haus böse sein? Hat es Sinn, einer Immobilie feindliche Gefühle entgegenzubringen?

Die Tür war niedrig. Vielleicht war sie es nicht, mir kam sie jedenfalls so vor. Dabei war es nicht irgendeine Tür, der Dienstboteneingang oder so. Nein, es war der Haupteingang eines Industriebetriebes: der Heinrich van der Laan GmbH & Co KG in einer kleinen ostfriesischen Hafenstadt. In der Innenstadt, heute läge der Betrieb mitten in der Fußgängerzone, wäre er nicht längst ausgesiedelt worden. Ein paar hundert Beschäftigte und einer davon war ich.

Hab ich schon gesagt, dass über der Tür ein Schild hing: „Lasst, die ihr eintretet, alle Hoffnung fahren!“ Naja, es hing dort natürlich nicht, es hätte dort aber hängen sollen. Das Vieh, dass im späten Herbst von der Weide kommt und in den engen, dunklen Stall muss, mag sich ähnlich fühlen, wie ich mich jeden Morgen um kurz vor acht fühlte, Weiterlesen

Erinnerung

memory overflow error. Das System steht still. Nichts geht mehr. Einst, als das Leben dem Rhythmus von Säen und Ernten folgte, war ein voller Speicher Grund zur Freude, war Anlass für ein Erntedankfest und verhieß Zeit, um sich in Ruhe am Herdfeuer Geschichten zu erzählen.

Zwei Gigabyte Speicherkapazität soll das menschliche Gehirn haben, so viel wie der Arbeitsspeicher meines PCs. Der Arbeitsspeicher, random access memory, erlaubt den wahlfreien Zugriff. Was im Speicher ist, kann abgerufen werden. Jetzt. Dafür merkt er sich nichts dauerhaft. Das kann ich besser. Manchmal.

Die Hirnforschung spricht vom episodischen Gedächtnis und weiß, dass das limbische System dabei eine große Rolle spielt. Nur eine Region in unseren Köpfen, und doch zerfiele, wie Ewald Hering schrieb, „ohne die bindende Macht des Gedächtnisses unser Bewusstsein in so viele Splitter, als es Augenblicke zählt.“

Erinnerst du dich noch? Noch… immer noch, wie lange noch, schon nicht mehr? Erinnerungen, die wir nicht sammeln, sondern die sich ansammeln. Sicher geglaubte Erinnerungen, wie Fotos oder Briefe in Schubläden oder Schuhkartons, die ab und zu hervorgeholt, stolz hergezeigt oder wehmütig betrachtet werden. Die sich abnutzen, die Farbe verlieren und knittrig, löchrig werden. Bin ich das, war ich das? Sonne auf meiner Haut, das Kind an meiner Hand. Andere Erinnerungen, die sich eingebrannt haben, die wie Reflux unwillkürlich aufsteigen, die Phantomschmerzen auslösen. Der Anruf früh am Morgen, die sachliche Stimme der Krankenschwester. Die Todesnachricht. Ein gusseisernes Gedächtnis ist eine Strafe, so ähnlich hat Arno Schmidt das gesagt.

Aber auch seltsame Szenen, Bilder finden sich, die scheinbar für sich alleine stehen, unverbunden, herrenlos, die meine Erinnerungen sind und deren Herkunft und Bedeutung mir doch verborgen bleiben. Ein Haus irgendwo in Ostfriesland, ein heller, kühler Raum an einem klaren, warmen Sommertag. Ein weiß gestrichener Fußboden – wer streicht denn seine Dielenbretter weiß? Aber wer bin ich, meine Erinnerungen anzuzweifeln? Eine Luke im Fußboden, die geöffnet wird: mehr nicht. Kein Vorher, kein Nachher, keine handelnden Personen. Ein Relikt wie ein Artefakt einer untergegangenen und vergessenen Kultur.

Erstmals veröffentlicht unter: http://rainer-strobelt-literatur.de/manfred-voita/