Ausweglos

 

„Das Wunder von Wolbeck“ hieß ein Münster-Tatort. Der Münster-Tatort, den die Münsteraner vermutlich am wenigsten mochten, weil Wolbeck sich dort nicht wiedererkannte. Eine rheinische Kneipe, irgendein Großbetrieb, Kraftwerk oder was auch immer, der am Ortsrand liegt. Egal, ich, wir haben das Wunder von Wolbeck erfahren. Gestern.

Mit den Rädern waren wir von Everswinkel aus auf dem Weg nach Münster. Ab Alverskirchen geht es durch die münsterländer Parklandschaft. Flach, grün, schöne Höfe, Schafe, Ziegen, Kühe, Kornbrennereien, Kutschen, viele Radfahrer und nur wenige Autos. Die Sonne scheint, Rehe stehen auf einer Wiese am Wegesrand. Obstbäume säumen die schmale Straße, es duftet nach Äpfeln. Dann ein kurzes Stück entlang der Hauptstraße. Segelflugzeuge am Himmel, ein Bauer wirbelt eine Menge Staub auf, wir überqueren die Bundesstraße und sind in Wolbeck.

Wolbeck ist, wie inzwischen klar sein dürfte, ein ehemals ländlicher Stadtteil von Münster. Wir sind noch am Ortsrand. Nicht, dass wir uns hier nicht auskennen Weiterlesen

Platt

Dietmar Rabich / Wikimedia Commons / „Rosendahl, Darfeld — 2014 — 9385“ / CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

 

Plattdeutsches Theater. Ich hätte nicht gedacht, dass ich dafür an einem sonnigen Samstagnachmittag inmitten einer aufgekratzten Seniorenhundertschaft, gut, ein paar jüngere, sogar junge Menschen waren auch dabei, die aber vermutlich durch persönliche Beziehungen zu den Mitwirkenden entschuldigt waren, im ersten Stockwerk des Bahnhofs Darfeld sitzen würde.

„LANDEIE – Buuen söökt Fraulüh“ heißt das Stück, das von der Spielschar Darfeld aufgeführt wird. Zweimal an diesem Sonntag. Ein Dutzend Aufführungen wird es insgesamt geben. Jedes Jahr in der Fastenzeit wird ein neues Stück uraufgeführt. Niederdeutsches Theater gehört seit 2014 zum immateriellen Kulturerbe. Diesen Eindruck muss man nicht unbedingt haben, wenn der Vorhang aufgeht und den Blick auf eine dörfliche Kneipe freigibt. Frederik Holtkamp, das Pseudonym eines Autors, der sonst andere Genres bedient, hat das Stück verfasst. Heinz Schwering hat die Bearbeitung für die Spielschar Darfeld übernommen und lokale und persönliche Anspielungen eingebaut, die man hier versteht. Einige kapiere sogar ich, denn Freunde haben uns eingeladen, Freunde, die natürlich auch mit den Künstlern verbunden sind.

Wie sonst auch sollte man im Bahnhof Darfeld landen? Mit dem Zug jedenfalls nicht, der hält hier schon lange nicht mehr. Die ehemalige Bahntrasse ist zu einer Fahrradpiste umgebaut worden, im April gibt es hier wieder Kaffee und Kuchen für die Radler. Die Spielschar hat sich das Ziel gesetzt, etwas für den Erhalt der plattdeutschen Sprache zu tun, Menschen die Gelegenheit zu verschaffen, auf der Bühne zu stehen und nicht zuletzt auch das dörfliche Leben zu bereichern, den Bahnhof zu einem kulturellen Zentrum zu machen.

Dafür sitze ich auch gern einmal zwei Stunden in einer fremdsprachlichen Veranstaltung. Aber was heißt schon Fremdsprache? In manchen Gegenden Deutschlands wird ein Platt gesprochen, dass den Ortsfremden ausschließt, aber auf der niederdeutschen Bühne wird es fast immer zu einer freundlichen lokalen Klangfarbe. Wie im Ohnsorgtheater, das ich als Kind im Fernsehen gesehen und geliebt habe.

Die Handlung der Geschichte gebe ich nicht wieder, das Stück läuft seit Jahren bundesweit, wer mag, wird es finden. Es ist derb und laut, spielt mit den bekannten Mann-Frau und Stadt-Land-Klischees, mit Alkohol und Sexualität, aber es bleibt in einem Rahmen, der für den Samstagnachmittag geeignet ist. Familienunterhaltung. Boulevardkomödien funktionieren kaum anders, sind mit etwas Glück geschliffener, geistreicher, wollen aber, was die Spielschar Darfeld auch will: unterhalten.

Zum Schluss stehen drei junge Männer nur mit Unterhosen bekleidet auf der Bühne, eine Pfanne in jeder Hand und liefern eine Tanzeinlage ab. Aus. Langanhaltender Beifall. Und warum nicht? Es hat Spaß gemacht und ehrlich: Ich konsumiere sonst nicht ununterbrochen Hochkultur.

Niederdeutsches Theater hat zumindest das UNESCO-Gütesiegel.