Ausweglos

 

„Das Wunder von Wolbeck“ hieß ein Münster-Tatort. Der Münster-Tatort, den die Münsteraner vermutlich am wenigsten mochten, weil Wolbeck sich dort nicht wiedererkannte. Eine rheinische Kneipe, irgendein Großbetrieb, Kraftwerk oder was auch immer, der am Ortsrand liegt. Egal, ich, wir haben das Wunder von Wolbeck erfahren. Gestern.

Mit den Rädern waren wir von Everswinkel aus auf dem Weg nach Münster. Ab Alverskirchen geht es durch die münsterländer Parklandschaft. Flach, grün, schöne Höfe, Schafe, Ziegen, Kühe, Kornbrennereien, Kutschen, viele Radfahrer und nur wenige Autos. Die Sonne scheint, Rehe stehen auf einer Wiese am Wegesrand. Obstbäume säumen die schmale Straße, es duftet nach Äpfeln. Dann ein kurzes Stück entlang der Hauptstraße. Segelflugzeuge am Himmel, ein Bauer wirbelt eine Menge Staub auf, wir überqueren die Bundesstraße und sind in Wolbeck.

Wolbeck ist, wie inzwischen klar sein dürfte, ein ehemals ländlicher Stadtteil von Münster. Wir sind noch am Ortsrand. Nicht, dass wir uns hier nicht auskennen würden. Mit dem Auto oder dem Zug oder Bus sind wir oft auf dieser Strecke unterwegs gewesen. Wir haben uns sogar mal ein Haus in  Wolbeck angesehen.

Der Radweg, der bisher immer die Richtung Münster anzeigte, verzichtet jetzt auf Münster. Wolbeck Mitte, ja, okay, wissen wir auch, liegt links. Handorf rechts. Noch ein paar andere Ortsteile, nur nicht Münster Zentrum. Links nicht, rechts nicht. Google Maps setzen wir natürlich nicht ein, wir sind hier ja quasi zuhause, also fahren wir geradeaus. Da gibt es keine Schilder, aber einen Weg. Wir fragen. Der Mann kommt aus dem Emsland. Dann geradeaus, links. Eine Straße, Radwegbeschilderung. Ein Pfeil nach links, einer nach rechts. Falls jemand nach links will und dann nicht versehentlich nach rechts fährt. Keine Fahrzielangabe.

Wir fahren links. Eine Frau mit Hund, die wir im Laufe des Vormittags noch dreimal sehen werden. Sie uns auch. Sie hat aber vermutlich mehr Spaß daran. Wir fragen eine Zustellerin, die uns zu der Sackgasse zurückschickt, aus der wir gerade kommen. Tatsächlich führt eine schmaler Weg heraus auf einen Trampfelpfad, von dem es wieder nach links und rechts abgeht. Dann verzweigt sich der Weg wieder. Wie fragen ein Pärchen vor einem Haus, das sich plötzlich nicht mehr ganz sicher ist, dann springt ein Paketzusteller ein. Da lang. Erst rechts, dann links. An der nächsten Ecke fragen wir wieder. Die Frau mit Hund hätten wir vielleicht fragen sollen.

Ratlose Radfahrer wenden, bleiben stehen, suchen auf ihren Karten. Das Wunder von Wolbeck? Alle Wege führen nach Rom aber keiner aus Wolbeck heraus. Der Ort entfaltet sich, während man durchzufahren versucht, ergänzt sich hier, verlängert sich dort. Auf dem Heimweg haben wir Wolbeck nicht mal mehr gefunden. Und da behaupten Menschen, dass es Bielefeld nicht gibt.

Werbeanzeigen

3 Gedanken zu “Ausweglos

  1. Natürlich habe ich aus regionalen und traditionellen Gründen diesen Tatort gesehen, wo das Wunderwerk aus BokumHövel im Hintergrund zu sehen war. Aber: Gestern im EDEKA meiner Wahl dieses. Gleich beim Obst großes Schild: Produkte aus der Region. Und unter den roten Früchten: „Tomaten als Wolbeck“. So wahr und so nachhaltig die Werbung in Westfalen!

    Liken

Das Absenden eines Kommentars gilt als Einverständnis dafür, dass Name, E-Mail- und IP-Adresse gespeichert und verarbeitet werden. Jetzt aber los:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.