Platt

Dietmar Rabich / Wikimedia Commons / „Rosendahl, Darfeld — 2014 — 9385“ / CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

 

Plattdeutsches Theater. Ich hätte nicht gedacht, dass ich dafür an einem sonnigen Samstagnachmittag inmitten einer aufgekratzten Seniorenhundertschaft, gut, ein paar jüngere, sogar junge Menschen waren auch dabei, die aber vermutlich durch persönliche Beziehungen zu den Mitwirkenden entschuldigt waren, im ersten Stockwerk des Bahnhofs Darfeld sitzen würde.

„LANDEIE – Buuen söökt Fraulüh“ heißt das Stück, das von der Spielschar Darfeld aufgeführt wird. Zweimal an diesem Sonntag. Ein Dutzend Aufführungen wird es insgesamt geben. Jedes Jahr in der Fastenzeit wird ein neues Stück uraufgeführt. Niederdeutsches Theater gehört seit 2014 zum immateriellen Kulturerbe. Diesen Eindruck muss man nicht unbedingt haben, wenn der Vorhang aufgeht und den Blick auf eine dörfliche Kneipe freigibt. Frederik Holtkamp, das Pseudonym eines Autors, der sonst andere Genres bedient, hat das Stück verfasst. Heinz Schwering hat die Bearbeitung für die Spielschar Darfeld übernommen und lokale und persönliche Anspielungen eingebaut, die man hier versteht. Einige kapiere sogar ich, denn Freunde haben uns eingeladen, Freunde, die natürlich auch mit den Künstlern verbunden sind.

Wie sonst auch sollte man im Bahnhof Darfeld landen? Mit dem Zug jedenfalls nicht, der hält hier schon lange nicht mehr. Die ehemalige Bahntrasse ist zu einer Fahrradpiste umgebaut worden, im April gibt es hier wieder Kaffee und Kuchen für die Radler. Die Spielschar hat sich das Ziel gesetzt, etwas für den Erhalt der plattdeutschen Sprache zu tun, Menschen die Gelegenheit zu verschaffen, auf der Bühne zu stehen und nicht zuletzt auch das dörfliche Leben zu bereichern, den Bahnhof zu einem kulturellen Zentrum zu machen.

Dafür sitze ich auch gern einmal zwei Stunden in einer fremdsprachlichen Veranstaltung. Aber was heißt schon Fremdsprache? In manchen Gegenden Deutschlands wird ein Platt gesprochen, dass den Ortsfremden ausschließt, aber auf der niederdeutschen Bühne wird es fast immer zu einer freundlichen lokalen Klangfarbe. Wie im Ohnsorgtheater, das ich als Kind im Fernsehen gesehen und geliebt habe.

Die Handlung der Geschichte gebe ich nicht wieder, das Stück läuft seit Jahren bundesweit, wer mag, wird es finden. Es ist derb und laut, spielt mit den bekannten Mann-Frau und Stadt-Land-Klischees, mit Alkohol und Sexualität, aber es bleibt in einem Rahmen, der für den Samstagnachmittag geeignet ist. Familienunterhaltung. Boulevardkomödien funktionieren kaum anders, sind mit etwas Glück geschliffener, geistreicher, wollen aber, was die Spielschar Darfeld auch will: unterhalten.

Zum Schluss stehen drei junge Männer nur mit Unterhosen bekleidet auf der Bühne, eine Pfanne in jeder Hand und liefern eine Tanzeinlage ab. Aus. Langanhaltender Beifall. Und warum nicht? Es hat Spaß gemacht und ehrlich: Ich konsumiere sonst nicht ununterbrochen Hochkultur.

Niederdeutsches Theater hat zumindest das UNESCO-Gütesiegel.

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3 Gedanken zu “Platt

  1. Mönsterlänsk Platt – wunderbar zum Zuhören. Überhaupt Platt. Ich mag das sehr – und auch den speziellen, darinliegenden Humor. Nun war ich ja neugierig und habe die Website des Darfelder Heimatvereins angeklickt. Die Darfelder verraten op Düwelkommruut nech, wo sie leben, wo dieses Darfeld liegt. Zumindest ist es schwer, aber nicht unmöglich, es dort herauszufinden.
    Und siehe da: diese Ecke kenne ich sogar, zumindest die Umgebung Billerbeck, Havixbeck, und ganz besonders Stevern. Das „Stevertal“ (und besonders der Gasthof Haus Stevern!) ist uns sehr vertraut. Hier zu wandern, ist eine wahre Freude zu jeder Jahreszeit. Das machen wir häufiger.
    Und beim nächsten Mal planen wir einen Abstecher nach Darfeld ein.
    Guёt gaon!
    😉

    Gefällt 2 Personen

    • In Darfeld entspringt auch die Vechte, etwa 500 Meter entfernt vom alten Bahnhof, sehr idyllisch. Zwitschernde Vögel, sprudelndes Wasser, ein wenig Gülle und Treckermotoren. Das Stevertal und Billerbeck sind uns auch bekannt, ja, es ist eine Landschaft, für die das Wort lieblich erfunden wurde.

      Gefällt 1 Person

  2. Darfeld – das war mal ganz in meiner Nähe. – Will aber hierzu was sagen: „In manchen Gegenden Deutschlands wird ein Platt gesprochen, dass den Ortsfremden ausschließt.“ Wohl wahr! Ich wohnte mal kurz in Habitzheim im Odenwald, und was artikulierten die Hessen? „Hoatzn.“ Also ehrlich …

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