Die Fahrradpanne

Von California Historical Society Digital Collection – https://www.flickr.com/photos/chs_commons/14193303564/, No restrictions, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=52957639

Geld ist bei uns zuhause kein Thema. Es ist einfach keins da. Geistig Arme sind selig, hat eine Nachbarin gesagt, aber keine von den netten. Das stimmt auch, denn Schnaps ist eigentlich immer da. Jetzt kommen Sie mir nicht mit bildungsferne Schichten. Wir wohnen nämlich weit weg von allem, aber die Schule, die ist ganz in der Nähe.

Unsere Eltern sind so arm, dass sie sich nicht mal verschiedene Vornamen für uns Kinder leisten konnten, deshalb heißen wir alle Klaus. Auch die Mädchen. Falls welche dabei sind, irgendwann haben unsere Eltern wohl den Überblick verloren. Ist ja auch nicht leicht, weil neben den vielen eigenen auch immer noch eine ganze Bande von Nachbarskindern bei uns durchs Haus tollt. Manche von denen sind einfach nicht wieder weggegangen und das war dann eben so. Wenn nichts da ist, teilt es sich leichter und einen Platz zum Schlafen hat noch jeder gefunden. Gut, das war jetzt gelogen. Wir heißen überhaupt nicht alle Klaus, aber sonst ist alles wahr. Ich schwör!

Ich hab ja schon erzählt, dass wir am Stadtrand wohnen. In einem Haus am Ende von einem langen, holperigen Weg, der entweder staubig oder schlammig ist. Ganz versteckt hinter Büschen und Bäumen mitten in einem Garten, ohne den wir sicher noch öfter hungrig ins Bett gegangen wären. Im Sommer pflücken wir Beeren, im Herbst ziehen wir Rüben aus dem Boden und verbrennen das Kartoffelkraut mit allen möglichen Abfällen hinten im Garten. Da machen wir mit allemann ein riesiges stinkiges Feuer und essen halbgare und halbverbrannte Kartoffeln, die wir an langen Stöcken im Feuer rösten. Wie richtig coole Outlaws. In einem ziemlich wackeligen Stall wohnen zwei dicke Kaninchen. Ihr Leben hängt davon ab, dass wir Kinder zu ihnen halten und manchmal tun wir das wohl nicht genug, dann heulen wir beim Essen, aber bald hausen wieder zwei Kaninchen im Stall.

Papa ist eigentlich immer arbeitslos aber lustig und Mama lacht und weint über ihn. Dann ist da noch die Oma. Also wir sagen bloß Oma zu ihr, weil sie ist nur die Schwester von der Oma. So genau nehme ich das mit der Wahrheit, das wollte ich nur noch mal sagen! Oma bekommt nur eine kleine Rente und im Unterschied zu uns Kindern bleibt die Rente auch klein. Eigentlich ist das ja auch ganz okay so, Oma wird schließlich auch immer kleiner. Trotzdem reicht ihre Rente mal gerade für das Allernötigste. Sagen unsere Eltern.

Sneaker zum Beispiel, oder ein Netflix-Abo oder ein Tablet, mir fehlt eigentlich immer eine ganze Menge vom Allernötigsten. Ganz besonders fehlte mir ein neues Fahrrad, eins mit schmalen Reifen und einem Rennlenker und zweifarbigen Plastikbändern um diese Kabel, weiß nicht wie die heißen, die von den Handbremsen.

Und dann kam Weihnachten. Ja, ich weiß. Das kommt jedes Jahr und wird wohl auch weiterhin jedes Jahr kommen. Aber so wie das Wetter nicht jeden Tag gleich ist, ist auch Weihnachten nicht jedes Jahr gleich. Geil an Weihnachten ist schon mal, dass wir Ferien haben. Weil es in dem Jahr, also in dem, von dem ich gerade erzähle, so viel geregnet hatte, war der Weg zu unserem Haus mindestens einen Meter tief und man blieb mit den Stiefeln stecken. Wenn man sie wieder rausbekommen hatte, war man bis zu den Knien voller Schlamm und so sah dann auch das Haus aus. Mama schaffte das mit dem Putzen nicht allein und Papa weiß nicht, wie man sowas macht. Also waren wir Älteren dran, wenn wir nicht gerade einen Arm in Gips oder ein Loch im Kopf hatten. Es half überhaupt nicht, wenn ein paar von uns zugaben, dass sie nur zugelaufen waren. Willst du Weihnachtsgeschenke, Klaus, hieß es dann und wer will denn keine? Schon hatte man einen Lappen in der Hand oder eine Bürste und dann wurde mächtig Staub aufgewirbelt. Ein paar Stunden später hatte sich der Staub wieder gelegt und alle waren zufrieden.

Andere Kinder bekamen alle möglichen Geschenke, Spielkonsolen und Barbiezeugs, Handys und Weiterlesen

Ausweglos

 

„Das Wunder von Wolbeck“ hieß ein Münster-Tatort. Der Münster-Tatort, den die Münsteraner vermutlich am wenigsten mochten, weil Wolbeck sich dort nicht wiedererkannte. Eine rheinische Kneipe, irgendein Großbetrieb, Kraftwerk oder was auch immer, der am Ortsrand liegt. Egal, ich, wir haben das Wunder von Wolbeck erfahren. Gestern.

Mit den Rädern waren wir von Everswinkel aus auf dem Weg nach Münster. Ab Alverskirchen geht es durch die münsterländer Parklandschaft. Flach, grün, schöne Höfe, Schafe, Ziegen, Kühe, Kornbrennereien, Kutschen, viele Radfahrer und nur wenige Autos. Die Sonne scheint, Rehe stehen auf einer Wiese am Wegesrand. Obstbäume säumen die schmale Straße, es duftet nach Äpfeln. Dann ein kurzes Stück entlang der Hauptstraße. Segelflugzeuge am Himmel, ein Bauer wirbelt eine Menge Staub auf, wir überqueren die Bundesstraße und sind in Wolbeck.

Wolbeck ist, wie inzwischen klar sein dürfte, ein ehemals ländlicher Stadtteil von Münster. Wir sind noch am Ortsrand. Nicht, dass wir uns hier nicht auskennen Weiterlesen

Danke, reicht!

Foto: Elfriede Voita

Zwei Sätze, die ich in Zukunft vermeiden werde: „Schau mal, ein Reiher!“ und „Da, zwei Schwäne!“

Der Fischreiher oder Graureiher heißt in den Niederlanden übrigens blauwe reiger, obwohl er die gleiche Farbe hat. Was für die einen grau ist, ist für die anderen blau. Wer weiß, welche Farbe nächtliche Katzen für unsere westlichen Nachbarn haben. – Sie sind dort auch grau, hab ich gerade nachgesehen. Also nicht, ob in Holland die Katzen bei Nacht grau sind. Nur die Redensart.

Reiher sind zu groß, um von Katzen gefressen zu werden… obwohl: Als ich gerade auf dem Weg in die Stadt war, sah ich, wie eine Katze einem Pferd auflauerte. Vermutlich fragte sie sich nicht, ob sie das Biest reißen, sondern nur, ob sie es anschließend wegschleppen könnte.

Das Pferd war nicht grau, das heißt, ich weiß nicht wirklich, welche Farbe es hatte, ich will nur zurück zum Graureiher. Den es in den Niederlanden in wirklich beeindruckender Häufigkeit gibt. An einem Graben stand einer dieser Vögel und beaufsichtigte seine nächste Mahlzeit, als wir an ihm vorbeiradelten, anhielten und uns vorsichtig zurückbewegten, um ihn fotografieren zu können. Wir interessierten ihn nicht. Okay, als Mahlzeit kamen wir nicht in Frage, aber wir schienen auch nicht als mögliche Bedrohung eingestuft zu werden. Wir Weiterlesen

Sieben:Dreizehn

                   Eigene Tasche – eigens Foto

6:00 Uhr. Zeitung… zum Glück da. Nicht geklaut oder vom Boten vergessen. Passiert seiner Vertretung in den Ferien gern mal. Frühstücken, Zähne putzen, rasieren. Tasche auf Vollständigkeit checken: Brillenputztuch, Taschenrechner, MP3-Player, Wasserflasche 0,5 Liter. Stifte, Block, Übungsaufgaben.

Okay.

Gut zwei Stunden früher wartet der Disponent der Eurobahn ungeduldig auf den Anruf des Triebwagenführers, der  um 5:08 Uhr in Rahden  die Regionalbahn RB 71 übernehmen soll. Der Stellvertreter hat sich bereits krank gemeldet.

6: 45 Uhr. Fenster wegen der Wohnungseinbrüche in letzter Zeit kontrollieren. Alle geschlossen. Fahrradschlüssel liegt im Flur bereit. Hausschlüssel? Ist da. Licht aus, Haus abschließen, Fahrrad aufschließen, Hausschlüssel einstecken. Reifendruck etwas mau, hält aber hoffentlich noch.

Straße auf Raureif prüfen. Geringes Sturzrisiko, aber seit zweiundzwanzig Jahren nicht mehr bei Glätte gestürzt. Durch eigene Unachtsamkeit schon, also volle Konzentration auf den Weg, auch wegen der unübersichtlichen Ecke, kann schon mal jemand von rechts kommen.

Echt zu wenig Luft auf dem Vorderreifen, an den Bordsteinkanten wird es kriminell.

Der Triebwagenführer hat sich doch noch gemeldet, die Regionalbahn ist unterwegs. Pünktlich.

Das Ladegerät des Handys hängt entgegen den Empfehlungen des Herstellers immer noch am Netz. Das würde nur zu unnötigem Energieverbrauch führen, leider glüht ein Draht im Gerät, der nicht glühen sollte. Neben dem Billigladegerät, das recht sicher und harmlos auf einer Granitarbeitsplatte ruht, liegt dummerweise die Monatskarte. Papier und Plastik, alles, was es für ein kleines Feuerchen braucht.

Haustürschlüssel? Ja. Fahrkarte…?  Liegt noch in der Küche!

Nochmal zurück? Könnte reichen.

Jetzt schnell. Ins Haus, mit einem Griff die Karte gefischt, blöderweise das Ladegerät in der Hektik von der Platte gefegt. Prompt auf den Fliesen zerschellt. Wie erkläre ich das denn wieder?

Abschüssiger Weg runter zum See… immer etwas rutschig, wenn da ein Kaninchen über den Weg hoppelt… gut gegangen. Die Brücke ist bei Gegenverkehr ziemlich schmal, manchmal eiert da einer auch noch hin und her. Das Geländer ist  nur provisorisch abgesichert. Ist der See eigentlich tief? Vermutlich ertrinkt man nicht, sondern fällt nur unglücklich auf den Kopf.

Nieselregen, kann kaum noch was sehen, Brille abnehmen würde das Problem nicht wirklich entschärfen. Also Blindflug.

Es wird Zeit. Ob die  Armbanduhr stimmt? Sollte bald mal auf eine Funkuhr umstellen. 60 Minuten bis zur nächsten Bahn. Verspätung kann ich mir nicht leisten. Keine Arbeit, kein Geld.

Vor der Ampel viele Schüler, blockieren mit ihren Rädern den ganzen Weg. Ziehe ich vorn vorbei, kriegen sie garantiert grün, ich steck im Pulk fest und muss mit bis ins Schulviertel. Also durchquetschen. Klar, grün, von denen guckt jetzt keiner, Herdentrieb, alle einfach los, komme gerade noch durch.

Handy eingesteckt? Wieso muss ich das jetzt denken? Gerade jetzt kann ich das nicht überprüfen. Gleich erst, am Bahnhof. Solange ist es gefühlt zuhause geblieben.

Scherben auf dem Radweg. Seit Wochen. Kümmert sich keiner drum. Gut, ich auch nicht. Rad abstellen. Steht stabil, aber vermutlich kommt gleich noch irgendein Idiot, der seine ständerlose Schrottleeze dagegen lehnt.

Passend am Bahnhof. Der Zug ist noch nicht da. Müsste er auch nicht, trotzdem fehlt er mir jetzt schon. Könnte sein, dass er mal wieder ausfällt, wäre nicht das erste Mal. Müssten die Schranken nicht schon geschlossen sein? Immerhin, mein Handy Weiterlesen

Nanu, Sie hier?

Bei Wind und Wetter bin ich mit dem Fahrrad unterwegs. In einer Kleinstadt bietet sich das an, alles lässt sich schnell erreichen. Aber auch im benachbarten Münster ist das Fahrrad das Fahrzeug der Wahl, allerdings gelten die Radlerinnen und Radler dort als ein wenig rücksichtslos. Dem wird wohl auch so sein, was aber keineswegs bedeutet, dass Weiterlesen

Eifeltour

Wasserfall Dreimühlen
Foto: Manfred Voita

270 km nördlich oder 270 km südlich von Warendorf, ja, ich weiß, es ist keine Überraschung, dass es da erhebliche Unterschiede gibt. Oben im Nordwesten, genauer: auf Schiermonnikoog wird Niederländisch gesprochen. Oder Fries. Also eigentlich oder. Schiermonnikoog gehört zu den friesischen Watteninseln, allerdings haarscharf. Lauwersoog, der Fährhafen, liegt in der Provinz Groningen.

Schiermonnikoog wird größer, weil die Nordsee im Osten der Insel Sand anspült, das ist schön, aber auch kompliziert, denn damit wächst die Insel ins Groninger Land hinein. Folge: Ein Staatsvertrag zwischen den Provinzen Friesland und Groningen, damit die Insel verwaltungstechnisch Weiterlesen

Kaltstart

Foto: Elfie Voita

Foto: Elfie Voita

Halb sieben, ein heller Morgen im Juli. Sommer. Jedenfalls verspricht es, ein sommerlicher Tag zu werden (wer auch immer dieses es sein mag, das da etwas verspricht, vielleicht bleibt es auch besser anonym, denn oft genug werden solche Versprechen gebrochen). Eine Jacke? Eine Jacke! Vor der Tür ist es zwar auch mindestens genauso hell, aber längst noch nicht so warm.

Ein Graben trennt den schmalen Pfad von einer Wiese. „Amelandse Weg“. „Wägch“ sagen wir und es soll klingen wie in Holland, mit einem Krächzlaut am Ende. So ein Aufwand, dabei hat der Weg, das Pättken, wie die Leute hier sagen, wohl nicht einmal einen Namen. Doch das münsterländer Pättken ruft Erinnerungen auf, an Urlaube auf der friesischen Watteninsel mit Sonne und Wind, Fahrrädern mit Kindersitzen und schmale Radwegen durch die Dünen und an Weiden vorbei, an einen Geruch, einen Duft, nach frisch gemähtem Gras und all dem, was auf der Wiese noch so wächst, würzig und herb, und nach Tieren: Kühen und Pferden, die irgendwo in der Nähe weiden. Weiterlesen