Klasse!

Bin ich etwa abergläubisch? Also mal abgesehen von schwarzen Katzen, Freitag, dem Dreizehnten, Leitern, zerbrochenen Spiegeln, verschüttetem Salz, dem auf Holz klopfen und über die Schulter spucken? Passieren Dinge, weil man an sie gedacht hat? Sie beschrien hat? An anderer Stelle habe ich schon einmal erzählt, dass ich manchmal denke, dass ich lange keine Kopfschmerzen mehr hatte – und prompt kriege ich sie. Natürlich nicht sofort, aber in unangenehmer zeitlicher Nähe zu dem Gedanken. Self fulfilling prophecy, nehme ich mal an. Zweimal habe ich in der Schule mit einer Gruppe über Terror gesprochen, zweimal gab es danach einen Anschlag. Ich rede mit dieser Gruppe nicht mehr über Terror. Nicht, dass ich die Verantwortung für die Anschläge tragen würde. Aber… ach, egal. Ich rede jetzt nur noch über den Frieden und verdiene mir den Friedensnobelpreis.

Die Gespräche in der Gruppe fielen mir gestern Abend wieder ein. Ich hatte die Position vertreten, dass es heute nicht schlimmer ist, als es schon immer war. Jede Zeit ist für die Menschen, die in ihr leben, die bedrohlichste, die mit den ungekannten Schrecken. Dabei hatten wir, wenn wir mal eben rasch die letzten hundert Jahre überschauen, Weiterlesen

Angezählt

So geht das ja nicht! Nur weil wir Demokraten sind, kann ja nicht gleich jeder in der EU für oder gegen etwas sein. Jedenfalls nicht, wenn wir, also die richtigen Demokraten, die, die wissen, was gut für uns,  oder zumindest  für einige von uns, ist, anderer Meinung sind.

Worum es geht?

Ein Land, in dem nicht einmal 1 Prozent der EU-Bürger leben, ach was, kein Land, ein Teilstaat, sowas wie Sachsen oder Bremen, wie kann, so fragt sich die deutsche Presse, angeführt von Bild und Spiegel, solche eine nichtswürdige Zusammenrottung (nein, das steht nicht in den Qualitätszeitungen) es nur wagen, uns, den Deutschen und den anderen EU-Europäern Steine in den Weg zu legen auf dem Weg zur Glückseligkeit, oder zumindest zu dem von uns allen so dringend ersehnten CETA-Abkommen mit Kanada! Nicht einmal 1 Prozent!

Es geht natürlich um die Wallonen oder präziser darum, dass Belgien neben dem nationalen Parlament Teilparlamente besitzt.  Drei für die Regionen, also raumbezogene Parlamente: Flandern, Wallonie, Brüssel. Weiterlesen

Louis Paul Boon

Die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiß beschäftigt mich weiterhin. Die Irrungen und Wirrungen der deutschen Linken sind genauso grotesk  wie die Kirchenspaltungen in den Niederlanden. Dort sagte man lange Zeit, dass, wenn zwei Niederländer zusammen kämen, eine Kirche gegründet würde. Käme aber ein dritter hinzu, gäbe es eine Kirchenspaltung. So, damit habe ich alles, was ich brauche: die sozialistischen Bewegungen und die Niederlande. Naja, fast. Ich liege knapp daneben, Belgien brauche ich.

Flandern. Dieser Teil Belgien hat gut sechs Millionen Einwohner, eine ziemlich gute Fußballnationalmannschaft und einige herausragende Schriftsteller – die ich hier jetzt nicht aufzählen will. Louis Paul Boon gehörte zu ihnen, er soll hier kurz vorgestellt werden, weil er eine Art literarisches Kontrastprogramm zu Peter Weiss darstellt. Mir selbst ist der Roman ‚De kapellekensbaan‘ auch erst seit wenigen Jahren bekannt, dabei galt Louis Paul Boon zu Lebzeiten sogar als Kandidat für den Literaturnobelpreis.

In seinem Roman geht es, wie bei Peter Weiss, um die Lage der Arbeiter und Intellektuellen in einer kapitalistischen Welt. Boon siedelt seine Geschichte in Flandern an, Ondine ist die Heldin eines Erzählstrangs, der im neunzehnten Jahrhundert spielt. Sie kämpft gegen die Moralvorstellungen der kleinstädtischen Gesellschaft und der Kirche und um ihr Recht auf Glück, wobei das ein sehr unkonventioneller Kampf ist, der wenig Raum für Romantik lässt.

Die Umstände dieser Welt der Industrialisierung, des Klassenkampfs, der Kirchen und kleinen Leute, Armut, Sexualität, Gewalt, all das überwältigt mich mit einer sprachlichen Wucht, mit einer Schonungslosigkeit, die ich den fünfziger Jahren nicht zugetraut hätte. Ein zweite Ebene des Romans spielt in eben diesen fünfziger Jahren, im flämischen Alltag, im Alltag der sozialistischen Parteien und Richtungen, dem Alltag eines Schriftstellers – Boontje – in dem wir den Autor wiedererkennen können. Die dritte Ebene handelt von Reineke Fuchs, dem Helden einer mittelalterlichen Fabel.

Was bei Peter Weiss tragisch und schwer ist, nicht zu Unrecht, denn es geht um tragische und schwere Zeiten, wird bei Louis Paul Boon zu einem lebendigen Kosmos, der alle Farben kennt, der albern und lüstern, finster und traurig sein kann. Ich habe mich durch die flämische Fassung gekämpft, was nicht ganz leicht war, weil Boon viele typisch flämische Wendungen verwendet, es gibt aber auch eine deutsche Übersetzung, auch wenn die lange Jahre auf sich warten ließ.

Louis Paul Boon : Der Kapellekensweg (De Kapellekensbaan, 1953), 2002