Was in der Zwischenzeit geschah

 

Der Raum: zweckmäßig. Für viel mehr als die paar Personen ausgelegt, die sich eingefunden haben. Ein Stehpult mit dem Logo der EU.

„Weißt du wieviel Sternlein stehen… „ Wie oft wohl gelangweilte Journalisten sich diese Frage schon beantwortet haben!

„… Dass ihm auch nicht eines fehlet, an der ganzen großen Zahl.“ 1837 verfasst und der Brexit schimmert gleich mit vom blauen Himmelszelt!

Durch eine Tür an der rechten Seite des Raums, gleich neben dem Stehpult, betritt ein Mann das Podium. Klopft ans Mikrophon.

„Guten Morgen.“

Der Mann, vermutlich Rico Leuscher und stellvertretender Pressesprecher der EU-Kommission, das steht zumindest auf dem Schild vor ihm, betrachtet kurz sein Publikum.

„Das Thema Sommerzeit ist im Ministerrat diskutiert worden, eine Entscheidung ist noch nicht gefallen.“

Die Verwunderung unter den Anwesenden hält sich in Grenzen.

„Der Kommissar für Desintegration und Freizeit hat der Kommission heute einen Entwurf zur Einführung der Zwischenzeit vorgelegt.“

„Mmhmm“

Unruhe in einer der hinteren Reihen.

Leuscher macht eine beschwichtigende Geste.

„Es wird gleich Gelegenheit für Fragen geben. Das gilt auch für die Dame in der Burka.“

Das Grummeln hält an.

„Wenn Sie mal das Tuch vom Mund nehmen würden, könnte ich vielleicht verstehen, was Sie gesagt haben. Falls Sie etwas gesagt haben und nicht nur zum Ausdruck bringen wollten, wie lecker dieser Lappen ist. Was ich mir allerdings nicht vorstellen kann.“

Gelächter in den ersten Reihen. Scherze auf Kosten anderer mag man auch hier.

Die Korrespondentin des Redaktionsnetzwerks Münsterland stört die Heiterkeit.

„Darf ich mich mal einmischen? Das ist doch eine Mumie. Stellen Sie sich das nicht zu einfach vor, einfach mal das Tuch wegnehmen. Da fällt dann gleich der ganze Kiefer runter. Oder was sich sonst unter diesen Binden versteckt.“

„Mumie?“

„Sie wissen schon. Horrorfilme oder ägyptische Museen.“

Leuscher macht sich eine Notiz. Eine bewährte Weiterlesen

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Ein hartes Urteil

Es war nicht der Europäische Gerichtshof, es war nur das Gericht der Europäischen Union (EuG) in Luxemburg, das heute eine Entscheidung des Amts der Europäischen Union für geistiges Eigentum (EUIPO) bestätigte. Das EU-Amt ält den Filmtitel „Fack ju Göhte“ für eine „anstößige Beleidigung, die einen hoch angesehenen Schriftsteller posthum beleidigt“. Das Gericht geht einen Schritt weiter oder einen zurück, wie man das auch sehen mag. Es sieht, jedenfalls lese ich die Begründungen, die bisher veröffentlicht wurden, nicht Goethe als den Beleidigten, sondern uns, wir, die wir uns möglicherweise den Film angesehen haben und das, obwohl wir vom Titel schockiert waren.

Ja, wen und was muss man den heutzutage alles verteidigen? Muss man sich jetzt schon für die Freiheit einer Filmproduktionsgesellschaft einsetzen, ihre Filme, die ich nicht gesehen habe, mit einem aufmerksamkeitsheischenden Namen zu versehen und diesen dann auch schützen zu lassen? Nein, es ist nicht der Betriebswirt in mir, der hier für die Freiheit der Märkte eintritt, es ist eher das seltsame Gefühl, dass hier etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Wir sind offenbar nicht geschockt über den Einsatz deutscher Panzer in Syrien, nicht über das Schreddern von Küken, nicht über unsere Waffenexporte oder den Klimawandel, wohl aber über den Filmtitel „Fack you Göthe“.

Hä?

Dachte ich mir. Aber dann kam die Einsicht. Es ist ganz genauso. Ein x-beliebiger Film schockt uns tatsächlich eher und weit mehr, als alle anderen Ereignisse. Das Gericht der Europäischen Union hat nicht nur Recht gesprochen, es hat uns komplett richtig eingeschätzt. So sind wir halt.