Klasse!

Bin ich etwa abergläubisch? Also mal abgesehen von schwarzen Katzen, Freitag, dem Dreizehnten, Leitern, zerbrochenen Spiegeln, verschüttetem Salz, dem auf Holz klopfen und über die Schulter spucken? Passieren Dinge, weil man an sie gedacht hat? Sie beschrien hat? An anderer Stelle habe ich schon einmal erzählt, dass ich manchmal denke, dass ich lange keine Kopfschmerzen mehr hatte – und prompt kriege ich sie. Natürlich nicht sofort, aber in unangenehmer zeitlicher Nähe zu dem Gedanken. Self fulfilling prophecy, nehme ich mal an. Zweimal habe ich in der Schule mit einer Gruppe über Terror gesprochen, zweimal gab es danach einen Anschlag. Ich rede mit dieser Gruppe nicht mehr über Terror. Nicht, dass ich die Verantwortung für die Anschläge tragen würde. Aber… ach, egal. Ich rede jetzt nur noch über den Frieden und verdiene mir den Friedensnobelpreis.

Die Gespräche in der Gruppe fielen mir gestern Abend wieder ein. Ich hatte die Position vertreten, dass es heute nicht schlimmer ist, als es schon immer war. Jede Zeit ist für die Menschen, die in ihr leben, die bedrohlichste, die mit den ungekannten Schrecken. Dabei hatten wir, wenn wir mal eben rasch die letzten hundert Jahre überschauen, zwei Weltkriege, dazwischen die Weimarer Republik mit ihren Freikorps und den Morden an Politikern, den Straßenschlachten zwischen Nazis und Kommunisten, Sozialdemokraten und wem auch immer.

Dann die Fünfziger: Die Atombombe bedrohte uns. Außerdem war der Russe praktisch stündlich zu erwarten. In den sechziger Jahren: Die Drogen! Der Untergang des Abendlandes, mindestens. Aber auch die Palästinenser, Flugzeugentführungen, dann die Siebziger mit der Roten Armee Fraktion, den Anschlägen, dazu die Bedrohung durch die Atomkraftwerke und die Atomwaffen der Russen und Amerikaner. Dann, plötzlich und unerwartet, der Weltfrieden, das Ende aller Konflikte und das Paradies auf Erden. Die Wiedervereinigung und das Ende des Kalten Krieges. Äh… zu früh gefreut. Dann war da nämlich auf einmal der Irak, der uns alle bedrohte. Mit einem Schreckensarsenal an Waffen, das wir uns nicht vorstellen konnten, gut, das es ja auch nie gegeben hatte, ach, Osama habe ich vergessen, so schnell geht das. Seither bedrohen uns die Moslems. Alle. Ständig. Also schlimm war es immer, ist es und wird es bleiben.

Und da schalte ich zufällig in eine flämische Fernsehsendung, De Klas. Ein, wie ich nachträglich erfahren habe, Prominenter, stellt sich vor eine Schulklasse und gestaltet eine Unterrichtseinheit. Die 16-Jährigen reden mit ihm, er mit ihnen über Identität. Die Gruppe ist ein Spiegel der Zeit, etwa ein Drittel hat ausländische Wurzeln, Migrationshintergrund, wie wir das nennen. Marokko, Tschetschenien, Afghanistan, ich habe mir nicht alles merken können. Schwarz, braun, weiß, blass. Man redet über die Selbstverständlichkeit dieser Heterogenität, über das Unverständnis der Eltern, die damit eben noch nicht aufgewachsen sind. Man redet über Vorurteile, man redet über Religion und ihre Bedeutung. Über Gewalt. Über große Brüder und schöne Schwestern. Und immer wieder darüber, wie viel man lernen kann, wenn man einander zuhört, einander kennenlernt.

Wären nicht hinterher die Nachrichten gekommen, ich hätte für einen Moment geglaubt, alles wird gut.

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8 Gedanken zu “Klasse!

  1. Ein lieber, lebensalter Freund von uns lebt in Apulien in einem kleinen Nest (Torre Pali) abgelegen in einem kleinen Häuschen direkt am Meer. Der Strand ist sozusagen sein Vorgarten. Drei mal haben wir ihn dort besucht, und für die jeweilige Dauer von etwa zwei bis drei Wochen keinen Rundfunk und kein TV benutzt, und somit nichts von den Geschehnissen in der Welt wahrgenommen.
    Wie wohltuend das war.
    Angst gab es immer. Die Generation meiner Mutter (Jahrgang 1916) hatte nach dem Erleben eines Krieges andere Ängste. Diese übertrugen sie ungewollt auch noch auf die nächste Generation („Die Russen kommen….“ / Hunger. „Aktion Eichhörnchen. Denke dran – schaff´ Vorrat an.“)
    Bei einem meiner Vorträge über die „gute alte Zeit nach dem Krieg“ ließ ich unter anderem Sirenengeheul ablaufen, was sofort bei den betagteren Zuhörern Erinnerungen an Zuflucht in Kellerräume auslöste.
    Ob es heute schlimmer oder bedrohlicher ist, als früher, kann ich auch nicht beurteilen.
    Wir erfahren heute viel mehr und zudem aus jedem letzten Winkel der Welt alles mögliche an Dingen, die uns in der Summe eben auch mehr fürchten lassen.

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  2. Wunderschöner Text. Unterschreibe komplett. Die Russen kamen nicht, ein guter und sinngemäßer Kommunismus kam auch nicht, leider, obwohl meine viele Verwandten in Berlin und Magdeburg an diesem System auch nicht gestorben sind, sondern ähnlich glückliches Leben hatten wie die Verwandtschaft um Osnabrück. – Habe gerade in 3sat oder ARTE oder sonst einem ernstzunehmenden Kanal eine Doku über Rotterdam gesehen, mehr Vielfalt und Mischmasch und Durcheinander geht nicht, und alles komplett gut. Im 2. WK total hingemacht eine neue Stadt nach 45 geworden. I like! Und Feyenoord fand ich schon immer besser als Ajax. Obwohl ich nur AZ Almar und FC Twente besucht habe.

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  3. Mit dem Aspekt der Vorahnungen hat sich C.C.Jung unter dem Begriff Synchronizität beschäftigt:
    „Synchronizität als ein Prinzip akausaler Zusammenhänge“ Er hat sich hierzu viel mit dem Physiker Wolfgang Pauli ausgetauscht, der unter dem nach ihm benannten Pauli-Effekt litt. In Paulis Anwesenheit versagten versagten ungewöhnlich häufig experimentelle Apparaturen oder gingen spontan zu Bruch“, Demnach lautet das „zweite Paulische Ausschließungsprinzip“: „Es ist unmöglich, dass sich Wolfgang Pauli und ein funktionierendes Gerät im selben Raum befinden.“

    Viele meiner Jugendfreunde waren übrigens der Meinung, in eine Welt, wie sie sich in den 1970-er Jahren darbot, könne man guten Gewissens keine Kinder setzen.

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