Wen schert’s?

Foto: Elfie Voita

Vor Stockholm liegen die Schären. Sie liegen da nicht, weil sie beim großen Aufräumen vergessen wurden, sondern sie liegen da, weil das große Aufräumen dafür gesorgt hat, dass es sie überhaupt gibt. Während einer Eiszeit, ich mache mir jetzt nicht die Mühe, den korrekten Zeitraum zu recherchieren, war nämlich Skandinavien von einer dicken Eisschicht bedeckt und als die Eiszeit fertig war und, wie sich das für Eis gehört, langsam wegtaute und an der Waffel runter lief, nein, falsches Bild, schob das Eis weg, was im Wege lag, machte platt, was platt zu machen war und schliff selbst Granit gnadenlos ab.

Manchmal blieb allerdings etwas stehen und als das Wasser kam, das wir als Ostsee, alle anderen als baltisches Meer kennen, ragten kleinere und größere Inselchen heraus. Weil aber der Druck des Eises weg war, stieg und steigt der Boden dort langsam an und es ist eine Frage der Zeit, dass wir nicht mehr mit dem Schiff, sondern mit dem Aufzug nach Stockholm fahren müssen. Aber das hat, Weiterlesen

Erst Ruhe, dann Stille, dann wieder Ruhe

Foto: Elfie Voita

Holzhäuser, wie man sie in Schweden erwartet. Rot, blau, gelb. Hügel, Flachland, Wald, Wiesen, Dörfer, Städte, menschenleere Gegenden, dann wieder ein Radweg neben dem Kanal. Ein Hof am Horizont. „We dicided it’s a piggery“. Die Engländer haben es auch gerochen. Man kann den Betrieb besser riechen als sehen, obwohl: besser?

Manchmal regnet es, manchmal weht der Wind ziemlich frisch. Macht nichts. Auf dem Brückendeck sitzt man unter einer Kunststoffdecke wie auf einem Ausflugsdampfer. Bestimmt gibt es ein seemännisches Fachwort für dieses Partyzelt, so wie Brückendeck ja auch nur sagt, dass dieser Teil des Schiffs eben hinter der Brücke liegt, dem kleinen Zimmerchen, in dem über das Wohl und Wehe des Schiffs entschieden wird. Falls das nicht doch die Küche ist.

Nichts ist los, aber auch überhaupt nichts. Nur Ruhe und eine undramatische Landschaft. Selbst die Schären in den Seen oder in der Ostsee sind einfach nur schön. Wie bitte soll man denn über so etwas schreiben? Weiterlesen

Ach, Bellmann

Von Holger.Ellgaard – Eigenes Werk, CC-BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=49643665

 

Peter Fuhrmann ging im 18. Jahrhundert als junger Mann nach Stockholm, heiratete eine Witwe und übernahm die Weinhandlung ihres verstorbenen Mannes. Zu seinen Zeiten gab es bereits eine große deutsche Gemeinde in Stockholm. Doch nicht nur die Deutschen, viele andere hatten offenbar großen Durst, denn Fuhrmann wurde wohlhabend, davon zeugt unter anderem die Gedenktafel in der Deutschen Kirche in Gamla Stan, Weiterlesen

Kirchen, Kunst & Köttbullar

Foto: Elfie Voita

Zu einer Reise, auch wenn sie nicht als Bildungsreise angelegt ist, gehört notwendig die Besichtigung von Kirchen und Schlössern. Bei einer Schiffsreise ist das nicht anders, besonders dann natürlich, wenn es eine Reise ist, die, nach einem kurzen Anlauf an der schwedischen Ostseeküste, in den Götakanal einmündet und dann, munter zwischen Kanal und Seen wechselnd, Südschweden in westlicher Richtung durchquert.

Kirchen sind vermutlich Pflichtprogramm, um verlorenen Seelen die Chance auf Umkehr einzuräumen, hartnäckigen Leugnern ihre sämtlichen Vorurteile zu bestätigen und kirchen- und kunsthistorisch Interessierten zu zeigen, was sie noch nicht gesehen haben und vermutlich auch nicht unbedingt sehen müssten.

Ich persönlich kann romanisch zuverlässig von romantisch, Barock von Rock’n Roll unterscheiden, bin aber sofort für jede Führung zu haben. Leider muss ich gestehen, dass ich zu diesem nervigen Typ von Gästen gehöre, die Fragen stellen. Bei jeder Führung ist mindestens einer davon dabei. Eine sehr gute Frage, höre ich dann meistens und anschließend wird mir ein kleiner Weg gezeigt, der im Regelfall zu nichts führt. Außer dazu, dass ich Stunden brauche, um die Gruppe wiederzufinden. Weiterlesen

Vorbereitung ist alles

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Vor einer Reise liege ich manchmal nachts schlaflos im Bett. Manchmal minutenlang. Das heißt bei mir etwas, denn im Regelfall schlafe ich schon, bevor mein Kopf das Kopfkissen berührt. Der Flug nach Stockholm, welche Linie war das noch? Chickenwings?

Und die Kabine an Bord der Diana, klein, das weiß ich wohl. Für meine Größe auch ein wenig kurz.

Sauberkeit? Gab es da nicht eine Passage auf der Homepage der Reederei, in der es sinngemäß hieß: „Bedenken Sie, bevor Sie sich beim Personal beschweren, dass die Diana 1931 in Betrieb genommen wurde und dass die Fußnägel, die  Sie im Teppich gefunden haben, möglicherweise von einem schwedischen König oder einem berühmten Literaten stammen könnten.“

Gut, vielleicht habe ich mir das auch nur eingebildet, wer weiß denn schon, was einem so vor dem Einschlafen durch den dummen Schädel schwirrt?

Ein Schiff aus dem Jahr 1931, da ist alles anders, knapper, enger, auch die Bäder. Ha. Bäder. Vermutlich gibt es eine Gemeinschaftsbürste, die an Deck hängt, von sechs bis neun als Zahnbürste zu verwenden, dann wird sie in der Küche als Gemüsebürste und anschließend als Spülbürste benötigt, nach der Mittagspause steht sie zur allgemeinen Verfügung für Haare und Rücken und zwischen Mitternacht und sechs Uhr für die Schuhpflege. Aber bitte nur schwarze Schuhcreme verwenden. Jede andere Verwendung ist mit dem Kapitän abzusprechen.

Muss ich noch darauf hinweisen, dass mit das Erste, das mir an Bord ins Auge fiel, eine an einem Band aufgehängte Bürste war?

Ach übrigens: Ich habe mich gefragt, was in einer Pizzeria, die sich Pandora nennt, wohl auf den Teller kommt. Von einem Anruf würde ich jedenfalls abraten, die Pizza wäre in jedem Fall bei der Anlieferung kalt.

Teil 1

Teil 3

Langsam – aber viel zu schnell!

Eigenes Bild

Wie erzähle ich von einer Reise? Die Eindrücke sind noch so frisch, alles ist noch so nah, dass ich nicht weiß, wo anfangen und wo aufhören. Erzählen heißt auswählen, manches beschreiben, anderes weglassen, wo doch das Erlebnis unteilbar und nur so, mit all seinen Elementen, vollständig war. Nichts war unwichtig, nicht die Farbe des Wassers, nicht die Wärme der Luft, die Schreie der Möwen, das Grün der Wiesen oder das Knattern der schwedischen Fahne im Wind. Doch um erzählen zu können, trete ich zurück, brauche ich Abstand, sortiere und schaffe Ordnung und verändere damit dauerhaft meine eigenen Erinnerungen an die Reise.

Fakten… nein, später vielleicht, es geht um eine ganz besondere Stimmung, die sich viel schwerer ausdrücken lässt, die wenig mit Knoten, Kilometern oder Bruttoregistertonnen zu tun hat. Drei Reisen seien es eigentlich, auf die wir uns begäben, sagte der Kapitän der Diana, eine geografische, die in von Stockholm nach Göteborg führe, eine historische, denn die Diana sei 1931 gebaut worden und die Kreuzfahrt, ich scheue mich fast, die Reise so zu nennen, werde mit dem Tempo und im Stil des neunzehnten Jahrhunderts absolviert. Schließlich sei es aber auch eine innere Reise und das war natürlich der Punkt, an dem meine Spottlust und Skepsis zuschnappten wie der Hofhund des Nachbarn.

Der uniformierte Schwede würde uns doch den Götakanal nicht zum Jakobsweg machen wollen? Und schon fragte ich mich, ob es möglicherweise die Reise der Speisen durch den Verdauungstrakt sei, die er mit der inneren Reise gemeint haben könnte.

Götakanal und Diana! Ja, die Freunde des schwedischen Krimis erinnern sich: Der erste Band aus der Reihe der Kommissar-Beck-Romane von May Sjöwall und Per Wahlöö hieß „Die Tote im Götakanal“ und spielte auf der Diana. Muss ich wohl demnächst mal wieder lesen. Sjöwall/Wahlöö gelten übrigens als diejenigen, die den Schwedenkrimi auf dem europäischen Büchermarkt etablierten.

Teil 2