Ereigniskette

Berlin, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Gemäldegalerie, Inventar-Nr. 922B, alte Katalog-Nr. GG Dahlem, Zugang: 1874

Elf Grad zeigt das Thermometer vor dem Hallenbad. Sieben Uhr vierzig, Sonntag morgen. In einer halben Stunde fährt mein Zug.

Es ist schon hell, der Tag soll freundlich und warm werden, doch noch sind die Bänke auf dem Bahnsteig taufrisch.

Über eine lang gezogene Betonbrücke schlendere ich in Richtung Innenstadt. Eine wuchtige katholische Kirche liegt drüben, jenseits des Flusses auf einer Anhöhe, doch den wenigen Menschen, die schon unterwegs sind, steht der Sinn wohl nicht nach jenseitigen Freuden und Tröstungen, sie steuern die Bäckereien an. Was sollte denn auch ein paradisischer Apfel gegen den Duft frischer Brötchen und Croissants ausrichten?

Ich kehre um, bald wird mein Zug in den Bahnhof einfahren. Hinter mir beginnen die Glocken zu läuten, mehrstimmig und mit einer Wucht, die ich körperlich spüre. Von den Häusern jenseits der Ems wird der Schall zurückgeworfen, überall um mich herum läutet es jetzt.

Auf einer Bank gleich vorn am Ufer sitzt ein Mann, ich sehe ihn zunächst nur von hinten, im Vorübergehen bemerke ich, dass er eine breite, mehrgliedrige Kette aus seinem Mund hervorzieht. Er grüßt mich freundlich, ich grüße zurück und mit einem breiten Grinsen gehe ich weiter in Richtung Bahnhof.

In das Geläut der Glocken mischt sich ein falscher Ton, gleich darauf erneut. Dann verstehe ich: die Sirene eines Einsatzfahrzeugs, Polizei, Krankenwagen, Feuerwehr. Der Weg vor mir riecht nach Katzenpisse, das war vorhin noch nicht so.

Durchgepustet

Von Dimitris Papazimouris from Halandri, Greece - Jan Garberek sax machine - IMG_7410 ed, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8268140

Von Dimitris Papazimouris from Halandri, Greece – Jan Garberek sax machine – IMG_7410 ed, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8268140

Es ist immer so. Wenn etwas schief gegangen ist, dann hat man anschließend viel zu erzählen, ich verweise hier auf meinen Versuch, Ginger Baker in Oldenburg zu sehen. Erwartungsvoll bestieg ich also die Eurobahn, um mich auf den Weg nach Münster zu machen, dort in den Zug nach Osnabrück umzusteigen und schließlich den Regionalexpress nach Bremen zu nehmen. Der Zug kam pünktlich, was mich hätte stutzig machen sollen, ich stieg aber einfach ein – und begegnete dem Triebfahrzeugführer, der gerade ausstieg und bei der Gelegenheit verkündete, dass der Zug wegen einer Streckensperrung nicht nach Münster fahren würde. Allerdings gäbe es einen Schienenersatzverkehr, also einen Bus, der uns nach Telgte brächte, damit wir dort wieder in den Zug steigen und nach Münster weiter fahren könnten. Damit war für Spannung gesorgt, denn ich hatte nur 15 Minuten eingeplant, um Anschlusszug in Münster zu erreichen. Wenn irgendein Zug pünktlich abfährt, dann ist das nämlich immer der, den du unbedingt erreichen musst. Wenn das mal bloß kein Gottesbeweis ist.

Egal, es passte, haarscharf, aber es passte. Weiterlesen

Kurzgeschichte: Buddha hat Urlaub

An der Ecke, an der eine Ladenpassage begann, die den Nord- und den Südtunnel miteinander verband, sozusagen der Westtunnel, genau an der Nordwesttunnelecke, befand sich eine Bahnhofsbuchhandlung, die mir viel bedeutete. Allerdings kaufte ich dort so gut wie nie etwas, denn um 6:40 Uhr hatte ich schon die Tageszeitung gelesen, war aber für literarische Produkte noch weitgehend unempfänglich.

Im Winter jedoch, wenn die Kälte von den Bahnsteigen ungehindert durch den Nordtunnel zog und mich zittern ließ, bog ich um diese Ecke und trat in einen Strom warmer Luft, der mir regelmäßig einen wohligen Schauer über den blassen Körper laufen ließ. Diese kleine Freude, dieses achtlos gewährte Geschenk, verdankte ich der Bahnhofsbuchhandlung, die ihre Türen zu jeder Jahreszeit geöffnet hielt, um sich möglichen Käufern einladend zu präsentieren, ihre Bediensteten aber nicht einen eisigen Tod sterben lassen mochte.

The best things in life are free, dachte ich dann und warf im vorübergehen noch einen Blick auf die Bahnhofstoiletten, deren Benutzung 50 Cent kostete.

Bahn fahren war damals Weiterlesen

Draußen

Der Prinzipalmarkt in Münster

Der Prinzipalmarkt in Münster (Foto: Elfie Voita)

In Münster erscheint – wie in vielen Städten – eine Obdachlosenzeitung. In Münster heißt sie „Draußen“. Münster ist immer wieder einmal mein Thema, weil ich dort berufstätig bin, jedenfalls teilweise. Nein, das stimmt so nicht, ich bin nicht teilweise berufstätig, sondern nur zum Teil in Münster, zum anderen Teil in Ahlen. Wobei ich selbstverständlich auch nur teilweise berufstätig bin. Das gilt natürlich für jeden, denn wer arbeitet schon 24 Stunden am Tag? Aber so ist das mit der Teilzeit ja auch nicht gemeint. Bei mir hat sich das einfach so ergeben, Erwachsenenbildung ist ein seltsames Geschäft und unterliegt allerlei Einflüssen – und so arbeite ich ich mal etwas weniger und ein ander Mal noch weniger.

Aber das wollte ich überhaupt nicht erzählen. Sondern: Diese Obdachlosenzeitung, die „Draußen“, die wird natürlich von Obdachlosen verkauft, ich kriege das oft mit, weil – wie gesagt – ich ja oft in Münster bin, wir haben da früher auch gewohnt und deshalb kenne ich manche der Obdachlosen schon seit vielen Jahren. Weiterlesen

Kurzgeschichte: Aussteiger

 

Sieben Uhr elf stand auf dem Fahrplan, immer noch. Wie jeden Tag. Ich blickte auf die Bahnhofsuhr, dann kontrollierte ich sicherheitshalber noch einmal meine Funkarmbanduhr: Verspätung!
„Bitte steigen Sie ein. Die Türen schließen automatisch. Ihr Zug fährt jetzt ab.“
Überall Koffer. Kinder, die ihr Bestes taten, um verloren zu gehen, um sogleich die glückliche Wiedervereinigung mit den fast schon verzweifelten Eltern genießen zu können. Paare, die sich für Tage, Wochen oder Monate trennten.

Die obersten Stufen nahm ich im Sprint, erreichte im letzten Moment den Waggon, in dessen Tür der Schaffner stand und das Abfahrtsignal gab und fand mich gleich darauf auf einem der letzten freien Plätze. Sieben Uhr dreizehn, langsam setzte sich der Bahnsteig in Bewegung und glitt mit zunehmender Geschwindigkeit vor dem Fenster vorbei. Weiterlesen