Quellenangaben

Quellenangaben

Mark Twain hatte den Mississippi, Willy Millowitsch den Rhein. Von uns aus sind es nur ein paar hundert Meter bis zur Ems und dem Emsradweg. Wir hören ihn also fast rufen. Wäre es doch bloß nicht die Ems. Die ist so unspektakulär. 371 km von der Quelle bis zur Mündung. Der längste Fluss, der in Deutschland entspringt und ins Meer mündet. Das sind Infos für Statistiker, da springt man doch nicht gleich auf das Fahrrad und ruft: Das muss ich jetzt aber unbedingt mit eigenen Augen sehen!

Gibt es überhaupt ein Lied oder ein Gedicht zur Ems? Der Rhein, der alte Vater Rhein, ist überhaupt nicht so deutsch, aber was für eine Landschaft, was für Städte, was für Lieder und Gedichte. Romantik, habe ich mir sagen lassen. Zur Ems hingegen: Warum ist es an der Ems so schön? Oder vielleicht: Wenn das Wasser in der Ems goldner Wein wär… Schwer vorstellbar.

Nicht mal die Emser Depesche, die Emser Pastillen oder Bad Ems haben was mit dem Fluss vor unserer Haustür zu tun. Puh. Jetzt habe ich das überprüft. Es gibt Gedichte, aber die verlinke ich besser nicht. Nicht mal Heinrich Heine hat die Ems besungen und der hat sich mit den Schönheiten und dem Elend Deutschlands doch nun wirklich beschäftigt. Okay, es gibt im Emsland eine Heinrich-Heine-Straße, vermutlich sogar mehr als eine, aber das zählt doch nicht.

Die Ems entspringt in Hövelhof. Oder bei Hövelhof. In der Senne. Dorthin führt uns die erste Etappe. Die Emsquelle müssen wir uns ansehen, weil es sonst noch weniger Sinn hat, den Fluss entlangzufahren. Hat wohl was mit der Idee von Anfang und Ende zu tun. Es ist ein Fluss entsprungen… aber das stimmt natürlich nicht. Da entspringt kein Fluss, da blubbert es nicht mal. Erst ist da noch nichts, dann hier eine Pfütze, da eine Pfütze, es kommt Bewegung in die Angelegenheit, es rinnt, plätschert sogar ein wenig und macht sich auf den Weg. Eine Flächenquelle nennt man das wohl, wenn das Wasser nicht ordentlich an einem Punkt aus dem Fels oder dem Boden hervortritt, sondern eher beiläufig rumsteht, etwas schmuddelig, einfach so im Waldboden. Wenn man’s nicht wüsste… aber wenn man’s nicht wüsste, wäre man natürlich nicht hier.

Es gibt sogar ein Informationszentrum und eine Menge Menschen, die dabei sein müssen, wenn die Ems sich auf den Weg macht, aber das sollte sich doch spektakulärer gestalten lassen. In Amerika ziehen die sowas bestimmt ganz anders auf, viel größer und sicher mit Licht und Musik.

Aber dann darf da natürlich nicht so ein Getröpfel im Zentrum stehen. Da muss man das bisschen Ems erstmal aufstauen und – genau, die in Form gebrachte Ems wie Champagner aus einem Felsen (Notiz für den Regisseur: Fels beschaffen) brausen lassen, perlen und plätschern und dann hängt da ein Monitor gleich ein paar Meter weiter,  mitten im Wald, da, wo die Ems ihre Kinderstube nass macht, ein Monitor, der uns zeigt,  wie im fernen Ostfriesland ein mächtiges Schiff auf dem breiten Strom dem Meer zustrebt. Eine Schiffssirene brummt, Möwen schreien und am Horizont bläst ein Wal. Ja, so muss man das machen!

Okay. Ich glaube, ich mag die bescheidene Version doch lieber.

Ereigniskette

Berlin, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Gemäldegalerie, Inventar-Nr. 922B, alte Katalog-Nr. GG Dahlem, Zugang: 1874

Elf Grad zeigt das Thermometer vor dem Hallenbad. Sieben Uhr vierzig, Sonntag morgen. In einer halben Stunde fährt mein Zug.

Es ist schon hell, der Tag soll freundlich und warm werden, doch noch sind die Bänke auf dem Bahnsteig taufrisch.

Über eine lang gezogene Betonbrücke schlendere ich in Richtung Innenstadt. Eine wuchtige katholische Kirche liegt drüben, jenseits des Flusses auf einer Anhöhe, doch den wenigen Menschen, die schon unterwegs sind, steht der Sinn wohl nicht nach jenseitigen Freuden und Tröstungen, sie steuern die Bäckereien an. Was sollte denn auch ein paradisischer Apfel gegen den Duft frischer Brötchen und Croissants ausrichten?

Ich kehre um, bald wird mein Zug in den Bahnhof einfahren. Hinter mir beginnen die Glocken zu läuten, mehrstimmig und mit einer Wucht, die ich körperlich spüre. Von den Häusern jenseits der Ems wird der Schall zurückgeworfen, überall um mich herum läutet es jetzt.

Auf einer Bank gleich vorn am Ufer sitzt ein Mann, ich sehe ihn zunächst nur von hinten, im Vorübergehen bemerke ich, dass er eine breite, mehrgliedrige Kette aus seinem Mund hervorzieht. Er grüßt mich freundlich, ich grüße zurück und mit einem breiten Grinsen gehe ich weiter in Richtung Bahnhof.

In das Geläut der Glocken mischt sich ein falscher Ton, gleich darauf erneut. Dann verstehe ich: die Sirene eines Einsatzfahrzeugs, Polizei, Krankenwagen, Feuerwehr. Der Weg vor mir riecht nach Katzenpisse, das war vorhin noch nicht so.

Eiche an der Ems

Foto: Leonie Voita

Foto: Leonie Voita

Verschneit liegt rings die ganze Welt,
Ich hab nichts, was mich freuet,
Verlassen steht der Baum im Feld,
hat längst sein Laub verstreuet.

Der Wind nur geht bei stiller Nacht
Und rüttelt an dem Baume,
Da rührt er seinen Wipfel sacht
Und redet wie im Traume.

Er träumt von künft’ger Frühlingszeit,
Von Grün und Quellenrauschen,
Wo er im neuen Blütenkleid
Zu Gottes Lob wird rauschen.

Joseph von Eichendorff: Winternacht

Ja. Ein echter Eichendorff. Winterlich, der Baum im Feld, der vom Frühling träumt. Der Wind, der die Wipfel rüttelt. Alles gut. Aber das passt überhaupt nicht zu dieser optimistischen Eiche, die da stolz an der Ems steht. An einem wunderschön klaren und kalten Wintertag, an dem ich gern noch etwas auf den Frühling warten kann. Ein paar Stunden wenigstens.