Ginger Baker

 

Die Fenster waren beleuchtet, die Vorhänge bis auf einen Spalt zugezogen. Advent, ein Vorhang, ein Blick ins weihnachtlich geschmückte Zimmer und auf die – natürlich eingepackten Geschenke… ein Kindertraum. Es hätte jeder Erzähltradition und allen menschlichen Verhaltensweisen widersprochen, keinen Blick in den Raum zu werfen – ein solch dreister Verstoß gegen die kosmische Ordnung war uns einfach nicht möglich. Es handelte sich allerdings um die Kulturetage in Oldenburg, es war der 1. Advent und was wir sahen war ein Saal, in dem Techniker auf einer Bühne standen, Kisten mit Instrumenten, leere Stuhlreihen, kurz: alles, was es brauchte, um vorweihnachtliche Freude aufkommen zu lassen. Es war gegen 17:30 Uhr und um 20:00 Uhr würde Ginger Baker die Bühne betreten.

Ginger Baker! Ich hatte natürlich jedem davon erzählt. Ginger Baker! Aha… ja. Schön. Wer ist das noch mal?

Bitte? Ginger Baker?

Offenbar ein Generationsproblem. Menschen, die ihre musikalische Sozialisation nicht in den sechziger/siebziger Jahren erhörten, müssen ihn nicht kennen, schreibe ich mal, obwohl sich mir die Tastatur unter den Fingern wegzuschieben versucht. Wenn es hingegen bei nahezu Gleichaltrigen zu Verwechslungen mit George Baker kommt, einem niederländischen Popmusiker, der für eine typisch niederländische Variante des Schlagers steht und der mit ‚Una Paloma Blanca‘ einen Schmachtfetzten produzierte, der vermutlich inzwischen auch vergessen ist, dann kann ich das nur schwer ertragen.

Ginger Baker!

Der Mann hatte bei Cream Schlagzeug gespielt.

Cream?

Nein, ich weigere mich, weitere Erklärungen abzugeben für Menschen, deren Augen jetzt noch nicht glänzen. Das war nämlich so beim Rest der Menschen, denen ich von Ginger Baker! erzählte. Der Schlagzeuger, der sich einen legendären Ruf erwarb, der lange Soli in der Rockmusik einführte. Dieter hatte mich gefragt, ob ich… und ob! Natürlich wollte ich mit. Wir hatten Karten. Es war ausverkauft. Wir hatten noch zwei Stunden Zeit, denn wir hatten nicht nur Karten, wir hatten sogar Platzkarten. Schön. Ich war noch nie in einem Jazz- oder Rockkonzert, bei dem es Platzkarten gab. Aber Ginger Baker! und seine Fans sind in die Jahre gekommen. Wir mögen es ordentlicher, wärmer, bequemer. Früher stand man, rauchte und drängelte.

Noch zwei Stunden. Es blieb genug Zeit, um eine Kleinigkeit zu essen und ein Bier zu trinken. Ich war mit der Bahn angereist, dreieinhalb Stunden mit zweimaligem Umsteigen, Verspätungen, klaglos ertragen, denn es ging ja zu… aber das wissen jetzt alle. Kein Restaurant in der Nähe. Nichts. Es war dunkel, es regnete und da war nichts… bis auf den Schluckspecht – der in der Realität einen mindestens genauso schönen Namen trug. Ein Name, der Programm war. Jetzt, nachdem ich es erwähnt habe, kommen wir natürlich nicht mehr darum herum: Wir gingen rein.

Ich wusste nicht, dass es in Niedersachsen noch möglich war, in Kneipen zu rauchen, wenn man einfach ein Schild ‚ab 18‘ an die Tür pappte. Das Bier war okay, das Publikum… sagen wir speziell. Was regelmäßiger intensiver Alkoholkonsum so anrichten kann. Aber alle waren nett, es war trocken, wir unterhielten uns voller Vorfreude. Die Zeit verging… und wir standen wieder vor der Kulturetage, die inzwischen einen Zettel rausgehängt hatte. Das Konzert fiel aus. Ginger Baker hatte sich eine Rippe gebrochen. Die Menschen hinter dem Vorhang hatten ab-, nicht aufgebaut. Wenig später stand ich in der offenen Tür des Zugs nach Osnabrück, den ich noch so gerade erreicht hatte, meine immer noch rat- und sprachlosen Freunde auf dem Bahnsteig. Dieter reichte mir eine Tüte mit Plätzchen, selbst gebacken. Mit Ingwer. Der Zug fuhr ab und erst, als ich einen Platz gefunden und mich sortiert hatte, wurde mir klar, was da gerade passiert war. Dieter hatte Ingwerplätzchen gebacken.

Dieter war Ginger Baker!

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8 Gedanken zu “Ginger Baker

  1. Pingback: Durchgepustet | Manfred Voita

    • Blind Faith, das waren Winwood, Baker, Clapton und Rick Grech. Grech musste ich nachschlagen, kein Wunder, der starb als Teppichverkäufer. Was nicht unbedingt gegen seine musikalischen Fähigkeiten spricht, sondern vielleicht nur zeigt, was Musik als Geschäft mit Menschen machen kann. Cream steht bei mir im Plattenschrank, auch wenn sie mir nicht so oft anhöre. Winwood und Clapton haben später noch gemeinsame Aufnahmen gemacht, die ich sehr mag.

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