Falschmützer

Eigenes Foto

Es begann schon dunkel zu werden und meine Eltern wollten aufgeben. Typisch Eltern. Als meine Schwester verloren gegangen war, also nicht verloren, sondern bloß nicht nachhause gekommen war, konnten sie vom Suchen einfach nicht genug bekommen. Erst am Fenster gewartet, dann unruhig geworden und schließlich los. Den üblichen Weg meiner Schwester. Aber da war sie nicht. Nicht auf der Straße und nicht im Wald. Bei ihrer Freundin war sie und hatte die Zeit vergessen. Und alle waren froh, als sie tralala wieder da war, vergnügt und ohne schlechtes Gewissen. Aber die kleine Schwester, die kriegte natürlich nicht den Arsch voll.

Es war weit. Obwohl Entfernung, Größe und Zeit subjektiv sind und ein Weg für kurze Beine länger ist und eine halbe Stunde mindestens eine Stunde dauert, wenn man sieben oder acht Jahre alt ist, behaupte ich, dass mein Schulweg verdammt lang war. Erst das kleine Stück bis zur Straße, dann die Bohlostraße hinunter, bis die Bebauung aufhörte und auf der rechten Seite nur noch ein paar Gärten lagen. Vorbei an dem Hof auf der linken Seite, bei dem wir Eier holten. Ein Stückchen weiter stand ein altes Fachwerkhaus, das vermutlich eine ländliche Schönheit war, uns aber nur deshalb etwas bedeutete, weil gleich dahinter eine Tollkirsche wuchs und blühte und Früchte trug.

Eine Tollkirsche. Gift und Gefahr und Tod! Was Tod bedeutete, das wussten wir, denn immer mal wieder lag ein toter Vogel auf unseren Wegen, der genauestens betrachtet, aber wegen des Leichengifts auf keinen Fall angefasst werden durfte. Wer tot war, wurde beerdigt. Ordnungsgemäß mit einem Kreuz aus kleinen Zweigen und ein paar Gänseblümchen. Die gab es ganzjährig.

Früher, als die Welt noch so groß war und die Zeit stillstand, wenn man nicht aufpasste. Große Ferien, Weiterlesen

Sternzeit

Von Tacuinum sanitatis XVe – Scan book „Le vin au moyen-âge“, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=22478404

„Die erste Begegnung“ steht auf dem Programm. Klingt nach einem Science-Fiction-Film. Die unheimliche Begegnung der dritten Art. Ist aber eher ein Biopic, wie man sowas heute nennt. Die weibliche Hauptrolle: sie, die männliche Nebenrolle: ich. Sie betritt den Raum, ich bin schon da. Oder: Ich betrete den Raum, sie ist schon da.

Doch, wir machen das so rum, weil sie nämlich gleich wieder gehen wird. Das weiß das Publikum noch nicht, ich wusste es damals auch nicht. Wäre aber blöd, wenn sie gerade mal angekommen wäre und dann schon wieder gehen müsste. Viel mehr Handlung gibt es leider nicht. Eher ein Kurzfilm, so kurz, dass sich das Publikum nicht mal fragen wird, ob sie sich am Ende kriegen oder ob am Ende Krieg ist.

Wir brauchen noch ein Setting: Ein schöner Septemberabend des Jahres 1978 in Ostfriesland. In Leer springt die Straßenbeleuchtung an. Für wen auch immer.

Früher lernten Menschen einander am Arbeitsplatz, beim Schützenfest oder in der Kneipe kennen. Manche Leute schalteten auch Kontaktanzeigen, andere vertrauten ihr Lebensglück einem Eheanbahnungsinstitut an. Was für ein Wort. Da ist doch sogar Scheidungsanwalt schöner. Kein Internet. Kein Parship. Kein Tinder.

Wie viele Zufälle, Entscheidungen oder durchkreuzte Pläne es brauchte für genau diesen einen Moment! Sogar ein Weltkrieg war nötig, damit sich meine Eltern begegnen konnten. In China musste ein Sack Reis umfallen und ein Schmetterling mindestens einmal mit den Flügeln schlagen. Weichen Weiterlesen

Bewegende Bilder

Als unsere erste Tochter gerade mal stehen konnte, kauften wir uns eine Videokamera. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Eine Videokamera des Jahres 1989 hat nichts zu tun mit den kleinen digitalen Camcordern, die man inzwischen auch kaum noch sieht, weil die meisten Videos einfach mit dem Handy aufgenommen werden. Es war ein Gerät groß wie ein Toaster, in das VHS-C-Kassetten eingelegt wurden, die wiederum mittels eines Adapters im Videorekorder abspielbar waren. Die Kamera ist längst entsorgt, einen Videorekorder besitzen wir noch, obwohl wir damit nichts mehr aufnehmen. Es gibt eine Kassette, die wir uns alljährlich in der Weihnachtszeit ansehen… wollen. Meistens kommen wir nicht dazu oder der Rekorder steht gerade neben meinem Rechner, so wie jetzt, weil ich die VHS-C-Kassetten digitalisieren will.

Seit vielen Jahren. Zweimal habe ich Hard- und Software dafür angeschafft, inzwischen ist die Technik so weit, dass das ganz gut geht. Leider sind Weiterlesen

Verpasst

„Vergangene Ereignisse als Tatsachen anzusehen, ist eine gesellschaftliche Konvention.“

Wikipedia

„Wir erreichen gleich die Endstation. Bitte alle aussteigen und denken Sie daran, Ihr Gepäck mitzunehmen.“ So oder ähnlich lauten die Durchsagen in den Zügen und daran musste ich denken, als meine Tochter mich heute für eine Hausaufgabe interviewte. Interviewte ist ein zu großes Wort dafür, sie stellte mir einfach ein paar Fragen. Zu meinem Lebenslauf.

Vorher hatten wir über ihre Großeltern gesprochen. Geburtstage, Todestage, Berufe. Ob die Großväter im Krieg gewesen waren. Ja, das waren sie, in Russland, in Holland. Mein Schwiegervater war mit gerade einmal 17 Jahren von einem fanatischen Unteroffizier eine gute Woche vor der Kapitulation in einen völlig sinnlosen Einsatz geschickt worden und kehrte Jahre später als Kriegsblinder heim.

Geschichten sind das, von einer Kindheit auf dem Lande, einem Leben in Ostpreußen, im Sudetenland,  in der Grafschaft Bentheim, von Armut und Krankheit, von ersten Autos und Kosaken, von Panzern und Flüchtlingstrecks. Geschichten aus einer fernen Zeit, so fern, dass, wie eine Tante sagte, sie sich selber manchmal frage, ob sie das alles wirklich erlebt hat.

Ich erzähle meiner Tochter die Stationen meines Lebens – und es ist für sie, das merke ich, während ich es erzähle, genauso fern, genauso fremd, wie das ihrer Großeltern. Zeiten ohne Telefon. Gut, das gab es schon, aber nicht bei uns. Zeiten ohne Computer und ohne Handy. Ohne RTL.

Dabei war das doch meine Zeit. Die sechziger, die siebziger Jahre. Meinetwegen auch noch die achtziger. Aber die sind doch noch fast Gegenwart. Weiterlesen