Draußen

Der Prinzipalmarkt in Münster

Der Prinzipalmarkt in Münster (Foto: Elfie Voita)

In Münster erscheint – wie in vielen Städten – eine Obdachlosenzeitung. In Münster heißt sie „Draußen“. Münster ist immer wieder einmal mein Thema, weil ich dort berufstätig bin, jedenfalls teilweise. Nein, das stimmt so nicht, ich bin nicht teilweise berufstätig, sondern nur zum Teil in Münster, zum anderen Teil in Ahlen. Wobei ich selbstverständlich auch nur teilweise berufstätig bin. Das gilt natürlich für jeden, denn wer arbeitet schon 24 Stunden am Tag? Aber so ist das mit der Teilzeit ja auch nicht gemeint. Bei mir hat sich das einfach so ergeben, Erwachsenenbildung ist ein seltsames Geschäft und unterliegt allerlei Einflüssen – und so arbeite ich ich mal etwas weniger und ein ander Mal noch weniger.

Aber das wollte ich überhaupt nicht erzählen. Sondern: Diese Obdachlosenzeitung, die „Draußen“, die wird natürlich von Obdachlosen verkauft, ich kriege das oft mit, weil – wie gesagt – ich ja oft in Münster bin, wir haben da früher auch gewohnt und deshalb kenne ich manche der Obdachlosen schon seit vielen Jahren. Kennen ist jetzt auch wieder zu viel gesagt, die rufen mir ihr „Draußen“ zu und ich versuche das zu ignorieren. Wenn man das kennen nennen kann. So herzlos, wie das klingt, bin ich natürlich auch, aber um das zu verbergen, kaufe ich auch ab und an mal eine „Draußen“. Aber das wollte ich nicht erzählen, sondern eigentlich nur anmerken, dass bei manchen dieser Verkäufer sich im Laufe der Zeit dieser Ausruf „Draußen“ so abgeschliffen hat, speziell bei einem ist daraus eine Art gegurgeltes „Rau“ geworden, das mich immer wieder freut. Aber das wollte ich überhaupt nicht erzählen, die „Draußen“ hängt nur mit den Obdachlosen zusammen, die mir wieder einfielen, als ich am Freitag auf dem Bahnsteig in Warendorf stand.

Wir haben zwei davon. Gleis eins und Gleis zwei. Nicht so verrückt wie in Münster, da gibt es das Gleis 22 – aber da gehen keine Züge ab – sondern Musiker. Das ist eine Konzerthalle, na, mehr ein Club. Wie komme ich jetzt darauf? Ach.. Gleis 1 in Warendorf. Einen Bahnhof haben wir nicht, einen Haltepunkt schon. Stündlich fährt ein Zug nach Münster. Manchmal. Manchmal auch nicht. Freitag nicht. Morgens, 07:11 Uhr, 2 Grad Außentemperatur. Da bleibt man cool, auch wenn der Zug nicht kommt. Man wird sogar ständig cooler. Zum Glück wird man nicht von irgendwelchen Durchsagen behelligt, so dass man anfangen könnte, sich Sorgen zu machen. Am Ende des Bahnsteigs – und der ist lang – steht eine elektronische Informationstafel, die mit gehöriger zeitlicher Verzögerung angepasst wird. Die weiß schon, dass der folgende Zug 35 Minuten Verspätung haben wird. Also warten. Habe ich schon erwähnt, dass wir kein Bahnhofsgebäude haben? Eine Überdachung, die gegen den Regen hilft, aber nicht vor der Kälte oder dem Wind schützt. Der Zug fiel aus – und die folgenden auch. Es war kalt – und da dachte ich an die Obdachlosen. Ich werde mal wieder eine „Draußen“ kaufen.

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5 Gedanken zu “Draußen

  1. Eigentlich wollte ich ja nach draußen, hab mich dann aber in deinem Text festgelesen und kommentiere jetzt auch noch, weil ich solche assozitivenTexte mag, die wie absichtslos wirken, aber einen in ihrem kreisförmigen kaum von der Stelle kommen, mitnehmen von Münster auf den zugigen Bahnsteig von Wahrendorf. Das lässt mich denken an einen ebenfalls nicht überdachten Bahnsteig in meinem Heimatort. Man musste durch eine stinkende Unterführung, aber an der Treppe zum Bahnsteig stand in meiner Jugend ein zynisches Graffito, das mir sehr gefilel: „Arbeiter nutze deine Aufstiegschancen!“ Wenn eine Gesellschaft überwiegend rudimentäre Aufstiegschancen hinauf auf zugige Bahnsteige bietet, wundern mich gar nicht die vielen Verkäufer von Berberzeitungen.

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