Erinnerung

memory overflow error. Das System steht still. Nichts geht mehr. Einst, als das Leben dem Rhythmus von Säen und Ernten folgte, war ein voller Speicher Grund zur Freude, war Anlass für ein Erntedankfest und verhieß Zeit, um sich in Ruhe am Herdfeuer Geschichten zu erzählen.

Zwei Gigabyte Speicherkapazität soll das menschliche Gehirn haben, so viel wie der Arbeitsspeicher meines PCs. Der Arbeitsspeicher, random access memory, erlaubt den wahlfreien Zugriff. Was im Speicher ist, kann abgerufen werden. Jetzt. Dafür merkt er sich nichts dauerhaft. Das kann ich besser. Manchmal.

Die Hirnforschung spricht vom episodischen Gedächtnis und weiß, dass das limbische System dabei eine große Rolle spielt. Nur eine Region in unseren Köpfen, und doch zerfiele, wie Ewald Hering schrieb, „ohne die bindende Macht des Gedächtnisses unser Bewusstsein in so viele Splitter, als es Augenblicke zählt.“

Erinnerst du dich noch? Noch… immer noch, wie lange noch, schon nicht mehr? Erinnerungen, die wir nicht sammeln, sondern die sich ansammeln. Sicher geglaubte Erinnerungen, wie Fotos oder Briefe in Schubläden oder Schuhkartons, die ab und zu hervorgeholt, stolz hergezeigt oder wehmütig betrachtet werden. Die sich abnutzen, die Farbe verlieren und knittrig, löchrig werden. Bin ich das, war ich das? Sonne auf meiner Haut, das Kind an meiner Hand. Andere Erinnerungen, die sich eingebrannt haben, die wie Reflux unwillkürlich aufsteigen, die Phantomschmerzen auslösen. Der Anruf früh am Morgen, die sachliche Stimme der Krankenschwester. Die Todesnachricht. Ein gusseisernes Gedächtnis ist eine Strafe, so ähnlich hat Arno Schmidt das gesagt.

Aber auch seltsame Szenen, Bilder finden sich, die scheinbar für sich alleine stehen, unverbunden, herrenlos, die meine Erinnerungen sind und deren Herkunft und Bedeutung mir doch verborgen bleiben. Ein Haus irgendwo in Ostfriesland, ein heller, kühler Raum an einem klaren, warmen Sommertag. Ein weiß gestrichener Fußboden – wer streicht denn seine Dielenbretter weiß? Aber wer bin ich, meine Erinnerungen anzuzweifeln? Eine Luke im Fußboden, die geöffnet wird: mehr nicht. Kein Vorher, kein Nachher, keine handelnden Personen. Ein Relikt wie ein Artefakt einer untergegangenen und vergessenen Kultur.

Erstmals veröffentlicht unter: http://rainer-strobelt-literatur.de/manfred-voita/

 

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Bargfeld

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Foto: Elfie Voita

Er kann sich ja nicht mehr dagegen wehren, dass Menschen durch seinen Garten laufen, sein Haus betreten und schließlich sogar in seinem Arbeitszimmer stehen. Gemocht hätte er es nicht, ach was, er hätte es schlicht nicht zugelassen. Aber er kann es nicht mehr verhindern, er liegt draußen im Garten unter einem Findling, gemeinsam mit seiner Frau Alice. ARNO SCHMIDT. Anders dürfte man diesen Namen gar nicht schreiben. Jedes Mal, wenn ich eines seiner Bücher lese, wieder lese, erwischt er mich. Diese Sprache, dieser Humor, auch diese Haltung, letztlich aber doch die Sprache: Was für Sätze, was für Wörter. Ein Künstler, der sich seiner Kunst sehr wohl bewusst war. Und dessen Kunst doch fast schon vergessen ist. Nicht bei uns Alten, jedenfalls nicht bei denen, die ich kenne. Dafür sorge ich schon. Die Jungen hingegen? Vorwerfen kann man es ihnen nicht. Es ist nicht ihre Zeit, Weiterlesen

Rainer Strobelt: Der Zauber hält an, Erika!

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By Hajotthu (Own work) [GFDL or CC BY 3.0], via Wikimedia Commons

Rainer Strobelt hat mir einen Text zum Thema „Der Zauber hält an, Erika!“ zur Verfügung gestellt. Hier ist er:

florentinerin beinah schon verBargt

geh nur in die heide
richtung Arno
und leide
mit

Schmidt

(Rainer Strobelt, 25.1.17)
Da ich Rainer heute noch sehen werde, sprechen wir bestimmt über diesen Text. Ich bin auch auch sehr neugierig darauf, wie die Millionen Leser, die sich hier regelmäßig tummeln, diesen Text verstehen.

Berlin: E. T. A. Hoffmann

Foto: Elfie Voita

Foto: Elfie Voita

„Gewiß seid Ihr alle voll Unruhe, daß ich so lange – lange nicht geschrieben. Mutter zürnt wohl, und Clara mag glauben, ich lebe hier in Saus und Braus und vergesse mein holdes Engelsbild, so tief mir in Herz und Sinn eingeprägt, ganz und gar. – Dem ist aber nicht so; täglich und stündlich gedenke ich Eurer aller und in süßen Träumen geht meines holden Clärchens freundliche Gestalt vorüber und lächelt mich mit ihren hellen Augen so anmutig an, wie sie wohl pflegte, wenn ich zu Euch hineintrat. – Ach wie vermochte ich denn Euch zu schreiben, in der zerrissenen Stimmung des Geistes, die mir bisher alle Gedanken verstörte! – Etwas Entsetzliches ist in mein Leben getreten! – Dunkle Ahnungen eines gräßlichen mir drohenden Geschicks breiten sich wie schwarze Wolkenschatten über mich aus, undurchdringlich jedem freundlichen Sonnenstrahl.“ aus: E.T.A. HOFFMANN: NACHTSTÜCKE, Herausgegeben von dem Verfasser der Fantasiestücke in Callots Manier, Erster Teil: Der Sandmann

U-Bahnstation Mehringdamm, eine sechsspurige Straße. Berlin, Friedhof III der Gemeinde der Jerusalem- und Neuen Kirche vor dem Halleschen Tor… früher Morgen. Stille. Totenstille. Ein Eichhörnchen spielt Verstecken. Ein Lageplan… eigentlich ein Liegeplan, nicht schwer zu finden: ein kleines Grab. Ernst Theodor Wilhelm Hoffman steht da. Preußen war nachtragend und verweigerte dem Mann, der so viele Talente hatte, den selbstgewählten dritten Vornamen Amadeus, den er aus Bewunderung für Mozart gewählt hatte. Heute ist es immerhin ein Ehrengrab.

E. T. A. Hoffmann? werde ich gefragt. Offenbar kein Begriff mehr. E. T. A. Hoffman gehört ohne Zweifel zu „den wenigen Namen, die uns stets die Großen bleiben werden.“ sagt Arno Schmidt in seinen „Dichtergespräche im Elysium“. Aber Schmidt kennt ja auch keiner mehr.

E. T. A. Hoffmann, der die Nachtseiten der menschlichen Existenz, das Unheimliche, das uns bedroht, ob von außen oder – schlimmer noch – in den Bildern, die unsere Psyche, unsere Einbildungskraft, unsere Angst uns aufzwingen, wie kaum ein anderer aufzurufen wusste, wird von Schmidt in den neunzehnhundertvierziger Jahren, Weiterlesen

Stürenburg

Mechthild Großmann

 

Mechthild Großmann, Bild: Daniel Sadrowski

Mit Manfred Voita nach Nottbeck
Wir fahren zu einer Arno-Schmidt-Lesung.
Auf flachem Land.
Dort ragen die Wörter so.
Rainer Strobelt

 

Haus Nottbeck, das Museum für Westfälische Literatur, bietet zur Zeit die Sonderausstellung ‚Ich kann doch denken, was ich will!!!‘, die sich Arno Schmidt und Hans Wollschläger widmet, also gleich zwei großen Unbekannten. Die Arno-Schmidt-Stiftung, Bargfeld, fördert die Ausstellung und auch das Begleitprogramm. Irgendwer muss sich ja darum kümmern, dass Schmidt nicht vergessen wird, ich kann schließlich nicht alles alleine machen!

Nachdem ich die Eröffnungsveranstaltung mit Bernd Rauschenbach und Joachim Kersten verpasst hatte, nein, wir haben sie nicht gemeinsam verpasst, sondern ich habe die Veranstaltung verpasst, in der Rauschenbach und Kersten rezitierten, und Rainer Strobelt mich gefragt hatte, ob ich Lust auf die Lesung in Nottebeck hätte, stellte ich fest, dass genau das der Fall war.

Wie schon gesagt. Stürenburg. Das ist nicht die gewohnt expressionistische Sprache Schmidts, das sind nicht seine wütenden Attacken auf die Adenauer-Republik, das ist auch nicht sein avantgardistischer Umgang mit den Möglichkeiten der deutschen Sprache. Es sind kurze Texte. Vermessungsrat a.D. Friedrich Stürenburg, Mitte Siebzig, erzählt seinen Gästen kleine Anekdoten. Unspektakulär. Haus Nottbeck hat sich aber Mühe gegeben und Mechthild Großmann verpflichtet, die alle als Staatsanwältin aus dem Tatort Münster kennen. Wie das so ist mit dem Fernsehen, jeder kennt sie in dieser Rolle, eine Karriere außerhalb des Mediums wird kaum wahrgenommen.

Der Saal ist gut gefüllt, diesmal ist es der große Saal, nicht das Gartenhaus wie bei Jägersberg. Das liegt wohl eher an Frau Großmann als an den Herren Schmidt und Stürenburg, soll mir aber Recht sein. Walter Gödden, der wissenschaftliche Leiter des Hauses, im Hauptberuf Universitätsprofessor und Chef der Literaturkommission für Westfalen, nennt Schmidt einen der bedeutendsten deutschen Nachkriegsschriftsteller. Das musste auch mal gesagt werden, aber ich verkneife mir frenetischen Beifall. Frau Großmann beginnt zu lesen und es ist sofort klar, dass sie nicht nur eine markante Stimme besitzt, sondern eben auch, was heißt hier auch, Schauspielerin ist. Die Texte leben. Stürenburg wird lebendig und auch Hagemann, das Faktotum, kommt norddeutsch daher. Das Publikum ist amüsiert. Auch ich entdecke die Stürenburg-Geschichten neu für mich, habe extra darauf verzichtet, zuhause noch einmal in meine Ausgabe zu schauen. Natürlich gibt es Weiterlesen

Zum Anbeißen

Foto: Elfie Voita

Foto: Elfie Voita

In der Alexanderkirche in Marbach haben wir diesen wunderschönen Fratzenkopf gesehen. Ob solche Maskarons, wie sie offiziell heißen, was es aber auch nicht besser macht, dazu beitrugen, die Gläubigen in die Kirche zu bringen, oder einfach nur als willkommene Ablenkung von dem ewigen Jauchzen und Frohlocken dienten: Ich kann ihnen jedenfalls nicht widerstehen!

Dennoch waren wir nicht wegen dieses Kinderschrecks in Marbach, sondern es gab dort im Schiller-Nationalmuseum die Ausstellung Arno Schmidt? – Allerdings!
Interessant? Tja, leider verpasst, aber nur um neun Jahre. Im Internet kann vieles aber noch nachvollzogen werden: http://www.arno-schmidt-allerdings.de/ausstellungen/index.html

Es war ein heißer Sommer – und ich meine heiß! Das Schiller-Nationalmuseum liegt auf einem Berg, wie ganz Baden-Württemberg, natürlich nicht alles auf demselben, aber schon unpraktisch. Wir waren so dankbar, als wir oben ankamen – und dann hatte dieses Nationalmuseum nicht einmal eine Klimaanlage. Okay, Schmidts hatten in Bargfeld auch keine – aber DAS SCHILLER-NATIONALMUSEUM ist doch wohl etwas anderes als die karge Behausung des großen Mannes.

Doch das sind die Württemberger, sagen wir es doch gleich deutlicher: die Schwaben. Fleißig aber knauserig. In Schillers Geburtshaus standen nicht mal Möbel. Schlimmer noch, man wusste nicht mal, ob es sein Geburtshaus war, noch schlimmer: Man war sich eigentlich sicher, dass das Geburtshaus ein paar Häuser weiter entfernt lag. Okay, aber nun hatte man ja schon all die Schilder und Flyer und wen scherte schon die historische Genauigkeit? 2017 ist Lutherjahr, da fahren wir nach Eisleben und gucken uns Luthers Sterbehaus an, da ist Luther nicht gestorben, definitiv nicht. Schmidt hätte seine Freude daran gehabt. Womit wir wieder beim Thema Kinderschreck wären. Oder Leserschreck?