Friesland (1): Unterwegs

Leeuwarden ist 2018 gemeinsam mit Valetta europäische Kulturhauptstadt. Amsterdam und Leeuwarden sind von Warendorf aus etwa gleichweit entfernt, Valetta liegt etwas ungünstiger, also läge es nahe, mal wieder nach Amsterdam zu fahren. Was soll man in Leeuwarden? Im Februar? Das Programm der Kulturhauptstadt hat gerade erst begonnen, König und Königin waren schon zu Gast, die meisten attraktiven Veranstaltungen beginnen erst im Sommer. Oder finden am Wochenende statt.

Also fuhren wir von montags bis donnerstags hin. Was konnte man da schon erwarten?

Das Hotel hatte ich vorher gebucht. Zentrale Lage, bis Mitte der siebziger Jahre im Besitz der königlichen Familie. 1564 erbaut.

Stadhouderlijk Hof

Doch der Reihe nach. Erster Halt auf dem Weg in die friesische Hauptstadt war Zwolle, Hauptstadt der Provinz Overijssel. Zwolle hat eine schöne alte Innenstadt, gut, das ist in den Niederlanden nichts besonderes. Außer natürlich besonders schön.

Dann ist da die Basiliek van Onze-Lieve-Vrouw-Tenhemelopneming, eine mächtige Kirche, die, betritt man sie, auf einmal gar nicht mehr so mächtig wirkt, weil sie einschiffig ist. Hoch und

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Feuerlichkeiten (2)

von Rainer Halama (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

zu Teil 1

Teil 2 und Schluß

Weil es vielleicht keine Alternative gab, weil es vielleicht nur ein einziges Fernsehprogramm gab?

Der Kirchgang bildete die nächste Etappe auf dem Weg zur ersehnten Bescherung.  Der religiösen Dimension des Festgottesdienstes will ich gar nicht weiter nachspüren, zumal ich mich an keines der gesprochenen Worte erinnern kann. Dafür  weiß ich noch genau, dass gleich links an der Eingangstür um Spenden für die armen Negerkinder gebeten wurde. Auf dem Kästchen, in das die Spendengroschen fielen, saß ein „Mohrenkind“ – Nickneger genannt – und neigte bei jedem Münzeinwurf das lockige Köpfchen.

Die Kirche war voll, eng und warm. Vorn standen der Pfarrer und der Weihnachtsbaum. Mit Hilfe eines langen Stabes, an dessen Spitze wohl ebenfalls eine Kerze brannte,  entzündete der Küster die Kerzen an diesem hohen Baum, dann konnte der feierliche Teil beginnen. Der erhabene Klang der Orgel, der einstimmende Chor, der etwas schleppende, aber wuchtige Gesang der Gemeinde und die triumphierenden Blechbläser: Diesem geballten Gefühlsangriff weihnachtlicher Stimmungsmusik konnte wohl niemand standhalten. Irgendwann aber steuerte die Liturgie auf die Predigt hin, es wurde leiser, schließlich stand der Pfarrer auf der Kanzel und sagte, was von ihm erwartet wurde, während meine Gedanken zunächst abdrifteten.

Säulen, Balken, Fenster wurden gezählt, die Quersumme der Nummern der angeschlagenen Gesänge gebildet, bis mein Blick am Weihnachtsbaum hängen blieb. Immer, egal in welchem Jahr oder in welcher Kirche, gab es eine Kerze, die viel kürzer war, die viel schräger hing als alle anderen und deren Flamme bedrohlich nach dem nächstbesten Zweig leckte. Sofort war es Weiterlesen

Ach, Bellmann

Von Holger.Ellgaard – Eigenes Werk, CC-BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=49643665

 

Peter Fuhrmann ging im 18. Jahrhundert als junger Mann nach Stockholm, heiratete eine Witwe und übernahm die Weinhandlung ihres verstorbenen Mannes. Zu seinen Zeiten gab es bereits eine große deutsche Gemeinde in Stockholm. Doch nicht nur die Deutschen, viele andere hatten offenbar großen Durst, denn Fuhrmann wurde wohlhabend, davon zeugt unter anderem die Gedenktafel in der Deutschen Kirche in Gamla Stan, Weiterlesen

Ruhe

Foto: Elfie Voita

Dass Tecklenburg einen Besuch wert ist, habe ich schon an anderer Stelle deutlich zu machen versucht. Wir jedenfalls waren wieder einmal dort. Diesmal war die evangelische Stadtkirche offen, die Kirche, in der auch Dr. Johann Weyer (Wier) vermutlich bestattet wurde, der Arzt, der sich gegen die Hexenverfolgungen eingesetzt hatte. Habe ich schon erzählt, aber muss man solche Menschen nicht immer wieder erwähnen? In der Kirche gibt es mehrere Grabplatten, die sich heute an den Kirchenwänden befinden und die, um die es mir geht, leider so hinter einer Bank versteckt, dass sie sich nicht gut fotografieren ließ. Weiterlesen

Ruf nicht an

 Hl. Valentin Bischof von Terni mit Gefährten. Codex: Français 185, Fol. 210. Vies de saints, France, Paris, 14. Jahrhundert

Hl. Valentin Bischof von Terni mit Gefährten. Codex: Français 185, Fol. 210. Vies de saints, France, Paris, 14. Jahrhundert Quelle: Wikipedia

Ich bin kein direkter Rüpel, aber die Brennnessel unter den Liebesblumen

Karl Valentin

Kann man den Valentinstag, heute übrigens ein Valendienstag, einfach verstreichen lassen? Ohne Blumen? Äh.. ja! Ohne Text? Natürlich nicht!

Wie das so ist mit Heiligen, entweder hat es sie nicht gegeben bzw. es wird empfohlen, sie nicht mehr anzurufen – vermutlich kein Anschluss unter dieser Nummer, oder die Zeit hat dazu beigetragen, dass alles ein wenig unscharf wird, dass nicht mehr deutlich ist, was einst überhaupt nicht klar war. Valentin, das steht fest, hat es gegeben. Irgendeinen Valentin, ganz sicher. Ich kenne auch einen. Aber für den Valentinstag zuständig ist ein anderer, möglicherweise der Valentin von Terni, der in der dortigen Basilika bestattet ist. Der gute Mann hat ein recht umfangreiches Aufgabengebiet, dafür das er schon im Jahre 269 den Löffel abgab, Verzeihung, den Bischofsstab fallen ließ.

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Selbst schuld

 

Antiquariate sterben offenbar aus. Ich habe noch nie so oft gebrauchte Bücher gekauft wie in letzter Zeit. Zwei Sätze, die sich scheinbar widersprechen, aber nur scheinbar.

Wir waren in Bredevoort, einer niederländischen Stadt. Stadt, weil sie die Stadtrechte besitzt, nicht, weil sie durch ihre Größe das Recht hätte, als Stadt bezeichnet zu werden. Schon Städtchen wäre gelogen. Für ein Dorf könnte man sie durchgehen lassen. Knapp. Alles unter 5.000 Einwohnern zählt in Deutschland als Landgemeinde. Aber, wie gesagt, wir waren in Holland.

Bredevoort ist hübsch, also streckenweise, hier und da mal. Nicht insgesamt, nicht beeindruckend. Die Sint-Joriskerk ist spätgotisch, gut, frühgotisch hätte ich auch nicht erkannt. Es gibt darin einen sogenannten Boerenzolder, eine rustikale Empore gegenüber der Kanzel, die als Bauernspeicher bezeichnet wird, weil Bauern immer so viel zu tun hatten, dass sie oft als letzte in der Kirche ankamen und dann dort oben saßen. Man muss nicht nach Bredevoort, um das gesehen zu haben. Man muss auch nicht nach Bredevoort, um im mittelalterlichen Restaurant zu essen, vor allem dann nicht, wenn man sowieso draußen sitzen möchte.

Aber die Antiquariate. Bredevoort ist nämlich Bücherstadt. Ganz viele Antiquariate… hatten sich dort angesiedelt, bis das Internet kam und die Leute ihre Bücher, gerade auch ihre gebrauchten Bücher online kauften. Ich auch. Schande über mein Haupt. Dabei mag ich es, in Reihen mehr oder weniger vergilbter Bücher zu stöbern und zu finden, was ich nicht gesucht habe. Vorbei. Kaum noch ein Antiquariat ist zu finden und die, die wir finden, haben Ruhetag. Montags. Manche auch montags und dienstags. Zum Glück kriegen wir noch koffie mit appelgebak.

Dann geht es weiter nach Winterswijk. Nur ein paar Kilometer entfernt. Die ganze Stadt hat sich auf den Ansturm der deutschen Nachbarn eingestellt, einen zusätzlichen Markttag installiert und einen Seniorenchor wachgerüttelt, der in der Fußgängerzone sein Bestes gibt. Kibbeling und Kaas, gevulde Koeken und noch ein paar Kleinigkeiten.

Das Antiquariat ist geschlossen.

Entweiht

Die schmale Straße würde noch ein gutes Stück durch den Wald führen, es dämmerte schon, deshalb entschieden wir uns für die Abkürzung, jedenfalls nahmen wir an, dass es sich um eine Abkürzung handelte. Wir folgten einer noch schmaleren Straße, die rechts zu einem kleinen Industriegebiet führte. Ein großer Parkplatz lag verlassen da, jetzt, am Wochenende, war hier keine Menschenseele. Kurz vor dem mannshohen Gittertor, dass den Zugang zum Betriebsgelände verwehrte, stießen wir auf einen Waldweg, unbefestigt und kaum breit genug für einen Radfahrer, doch das Schild wies uns unmissverständlich in diese Richtung… über Stock und über Stein… Eine kurze Zeit lang sahen wir noch den Zaun, der das Gewerbegebiet umgab, dann war da nur noch Wald. Ein schmutziger kleiner Bach, nein, dafür war das Wort Bach nicht gemacht worden, ein Rinnsal querte unseren Weg, dann, endlich, Gebäude… ein Betriebshof, viel Holz, alles wirkte einsam, doch jetzt öffnete sich die Landschaft vor uns, wir verließen den Wald… und links von uns lag die entweihte Kirche.

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