Kurzgeschichte: Entweiht

Die schmale Straße würde noch ein gutes Stück durch den Wald führen, es dämmerte schon, deshalb entschieden wir uns für die Abkürzung, jedenfalls nahmen wir an, dass es sich um eine Abkürzung handelte. Wir folgten einer noch schmaleren Straße, die rechts zu einem kleinen Industriegebiet führte. Ein großer Parkplatz lag verlassen da, jetzt, am Wochenende, war hier keine Menschenseele. Kurz vor dem mannshohen Gittertor, dass den Zugang zum Betriebsgelände verwehrte, stießen wir auf einen Waldweg, unbefestigt und kaum breit genug für einen Radfahrer, doch das Schild wies uns unmissverständlich in diese Richtung… über Stock und über Stein… Eine kurze Zeit lang sahen wir noch den Zaun, der das Gewerbegebiet umgab, dann war da nur noch Wald. Ein schmutziger kleiner Bach, nein, dafür war das Wort Bach nicht gemacht worden, ein Rinnsal querte unseren Weg, dann, endlich, Gebäude… ein Betriebshof, viel Holz, alles wirkte einsam, doch jetzt öffnete sich die Landschaft vor uns, wir verließen den Wald… und links von uns lag die entweihte Kirche.

Manchmal ist eine Kirche verschlossen, weil die Gemeinde damit leben kann, nur sonntags freien Zugang zu haben, manchmal jedoch ist sie verschlossen, weil sie aufgegeben wurde. Einige der aufgegebenen Kirchen sind nur für neugierige Besucher verschlossen, sie haben einfach eine neue Verwendung gefunden. Andere sind zu, verschlossen, verriegelt und verrammelt, als solle dort nie mehr jemand hinein… oder aber… vielleicht – nichts und niemand hinaus kommen können. Die Kirche, vor der wir standen, war ganz eindeutig aufgegeben und nein, niemand wohnte dort, niemand nutzte sie als Pferdestall, Buchhandlung oder Bürogebäude, dafür bedurfte es keines zweiten Blickes.

Es war ja nicht so, dass wir nicht von der Existenz dieser Kirche gehört hätten, jeder hatte davon gehört, Kinder sprachen leise von ihr, wir hatten sie sogar schon gesehen… nicht aus der Nähe allerdings, von ihr getrennt durch eine viel befahrene Bundesstraße, eine Bahnlinie, ein eingezäuntes Werksgelände, kurz: nicht so weit entfernt und doch unnahbar.

Foto: Elfie Voita

Bild: Elfie Voita

Eigenartig, es fühlte sich falsch an, eine Kirche sollte nicht so aussehen, so unwürdig, so verschandelt. Die hellblaue Stahltür schien mir schlicht unangemessen. Die Kritzeleien darauf bewiesen, dass wir nicht die ersten Besucher waren, andere, noch seltsamere Gestalten schienen sich hier zu treffen, ihre Rituale zu vollziehen. Gleich neben dem Eingang, etwas verborgen unter Büschen, wie in einem offenen Grab graue, moosbewachsene Steine, Tafeln ähnlich, Grabsteine möglicherweise, achtlos aufgehäuft.

Wir machten ein paar Fotos, setzten uns wieder auf die Räder und fuhren über den nun breiteren Weg an einem Feld vorbei, gleich darauf durch eine Unterführung und waren wieder in der Stadt. Ach so: Die Kirche dient, so habe ich es gehört, als Lagerstätte für kirchliches Zubehör. Bänke, nehme ich an, Heiligenfiguren möglicherweise. Nichts, wovor man sich fürchten müsste.

Glaube ich.

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