Ruhe

Foto: Elfie Voita

Dass Tecklenburg einen Besuch wert ist, habe ich schon an anderer Stelle deutlich zu machen versucht. Wir jedenfalls waren wieder einmal dort. Diesmal war die evangelische Stadtkirche offen, die Kirche, in der auch Dr. Johann Weyer (Wier) vermutlich bestattet wurde, der Arzt, der sich gegen die Hexenverfolgungen eingesetzt hatte. Habe ich schon erzählt, aber muss man solche Menschen nicht immer wieder erwähnen? In der Kirche gibt es mehrere Grabplatten, die sich heute an den Kirchenwänden befinden und die, um die es mir geht, leider so hinter einer Bank versteckt, dass sie sich nicht gut fotografieren ließ. Die Platte fiel uns auf:

AŌ 1697 den 15. jan. ist der HochEdeler und Hochgelehrter Herr BERNHARD von BENTHEIM, Beider Rechten Doctor, Hochgräfl: Tecklenbürge Geheimer Rath und Vice Hofrichter, seelig im Herre entschlaffe, seines alters 68. jahr

Nur als Anmerkung, weil ich natürlich völlig ahnungslos war: Doktor beider Rechte meint, dass Bernhard von Bentheim Zivil- und Kirchenrecht beherrschte. Aber Bernhard interessierte uns nur deshalb, weil es einen familiären Bezug zur Grafschaft Bentheim gibt. Bernhard teilt sich den Stein jedoch:

AŌ 1707 de 6, NOV; ist die HochEdele Frau DOROTHEA CHARITAS ALBERTI, des Herren Raths´von BENTHEIM Eheliebste seelig gestorben, ihres alters 68 jahr.

Was sagt uns denn dieser Text? Die Eheliebste des einstigen Geheimrats und Hofrichters? Ist das ein Hinweis auf eine besonders innige eheliche Verbundenheit –  oder ein diskreter Hinweis darauf, dass der Rat, dem Geheimes ja nicht fremd war, eben auch Liebste außerhalb seiner Ehe hatte? Aber nein, nicht in Tecklenburg, nicht im 17. Jahrhundert und nicht in einer evangelischen Kirche.

Also entspannen wir uns wieder und lesen diese Zeilen als einen Liebesbeweis, der Jahrhunderte überdauerte. Sollte jemand etwas dagegen einzuwenden haben, so möge er jetzt sprechen oder für immer schweigen.

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6 Gedanken zu “Ruhe

  1. Ja, man sollte Menschen wie Dr. Johann Weyer im ehrenden Andenken bewahren, desgleichen Agrippa von Nettesheim, der in Metz eine der Hexerei beschuldigte Frau vor der Inquisaition verteidigte und freibekam, woimit er seinem Ruf nachhaltig schadete. Die üble Nachrede „Wer gegen die Inquisition gewinnt, kann nur ein Teufelsbündler sein“, wurde er nie mehr los.
    In der von dir zitierten Grabinschrift fällt die Verwendung von Versalbuchstaben bei den Adjektiven und im Wortinnern auf. Im Barock wurde es üblich, alle wichtigen Wörter, die sogenannten Hauptwörter groß zu schreiben. Die fälschliche Gleichsetzung von Hauptwort und Substantiv brachte uns später die leidige Großschreibung.

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