Plakativ

By Punktional (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons

„Es geht um unser Land“, lese ich auf dem Wahlplakat der FDP. Zum Glück ist es noch nicht ganz so weit, noch ist es nicht deren Land, noch nicht. Obwohl die Prognosen nicht gar so schlecht stehen und Frau Kraft und Herr Schulz mit jedem regieren wollen, der nicht AfD und möglichst auch nicht CDU heißen sollte. „Nicht mehr Gesetze fangen Verbrecher, sondern mehr Polizisten“, verkündet das Plakat mit Christian Lindner, der auf den Bildern immer so engagiert und angestrengt aussieht, ganz die junge Hoffnung der deutschen Politik. Das Programm – aber wer braucht schon das Programm? – sagt, dass Zahnersatz, Weiterlesen

Zahlen, bitte!

ADN-ZB/Donath
Berlin, Januar 1946
Erste FDGB-Wahlen in den Efha-Werken, Berlin-Britz.

Der Wahlkampf in NRW hat begonnen. Nicht, dass ich das in meinem Alltag mitbekommen hätte, aber die Medien und die Politiker haben es uns verkündet. Da ich mich nicht um Inhalte kümmern kann, einfach, weil es keine ernsthafte Debatte über Inhalte gibt, bleibe ich bei den Äußerlichkeiten, die ja vielleicht einen Rückschluss auf Inhalte zulassen.

40 Tage, so hieß es, noch oder nur noch 40 Tage bis zur Wahl. Nun gibt es mehrere Gründe dafür, warum die 40 so erwähnenswert ist – und die Tatsache, dass es noch 40 Tage sind oder waren, ist nur einer davon. Die 40 hat für uns Menschen offenbar schon immer eine ganz besondere Bedeutung.  40 Jahre wanderte das Volk Israel durch die Wüste, gut, so lange hat Frau Kraft auch wieder nicht regiert. Alles beginnt mit der Schwangerschaft – und früher kann es nun wirklich nicht beginnen – die vierzig Wochen dauert. Ein Glück, dass es zur Wahl nicht ganz so lange hin ist.

Nehmen wir es also genauer, denn es geht um Tage: 40 Tage unterrichtete der auferstandene Christus seine Jünger, um dann zum Himmel aufzufahren. Ja, vierzig Tage lang unterrichten uns unsere Parteien, oder wessen Parteien das auch immer sein mögen, um dann mit unserer Hilfe in den Olymp aufzusteigen, über uns zu thronen und zu herrschen. 40 Tage gedenkt man im Islam eines Toten. Auch kein schlechtes Bild: vierzigtägige Gedenkfeiern für die unbemerkt von uns gegangene Idee der Demokratie, die durch etwas viel Besseres ersetzt wurde: den Markt. Den wirklich freien und unbestechlichen Markt, der seine eigenen Gesetze besitzt, echte Naturgesetze, denen man sich nicht entgegenstellen kann, so, wie man sich nicht vor Gericht gegen ein Erdbeben wehren kann.

Noch mal kurz für alle, die längst aus den Augen verloren haben, worum es hier geht: Lange Jahre des Marsches durch die Wüste nähern sich ihrem Ende, endlich sehen wir Land – nein, nicht das Land Israel. 40 Wochen Schwangerschaft, die Zeit der Erwartung geht zu Ende, ein neues Land und eine neue Regierung werden uns geschenkt. Vierzig Tage lang wohl unterrichtet, bis zu ihrem Aufstieg zur Regierungsbank und zu den Fleischtöpfen. Gut, ein Studium, auch eine ordentliche Berufsausbildung dauern länger, aber Minister lernt man eben on the job.

Hab ich was vergessen? Nein, nicht vergessen, ich weiß es einfach nicht besser. Doch… eins noch: Die 40 wird als römische Ziffer mit XL dargestell, da haben wir noch mal Glück gehabt. Einen XXL-Wahlkampf kann nun wirklich keiner brauchen.

Es geht doch auch ohne mich, oder?

Wieso interessiert mich das überhaupt?

Was geht es mich denn an, wenn sich irgendwo im Irak mal wieder jemand inmitten einer Menschenmenge in die Luft jagt? Oder was sich da in der Türkei tut? Oder was während des ersten Weltkriegs in deutschem Namen, nein, von Deutschen in Afrika angerichtet wurde? Oder im zweiten Weltkrieg? Während der SED-Herrschaft? Oder von Japanern in China? Von den Engländern im Iran?

Wieso muss ich den Bericht über die Nominierung Hillary Clintons verfolgen und mir Sorgen wegen Donald und seinen Trumpeln machen? Und die Entwicklung des britischen Immobilienmarktes nach der BREXIT-Entscheidung. Die Lage der Flüchtlinge in jordanischen Lagern. Der Rassismus in den USA? Oder hier bei uns? TTIP? Weiterlesen