Es geht doch auch ohne mich, oder?

Wieso interessiert mich das überhaupt?

Was geht es mich denn an, wenn sich irgendwo im Irak mal wieder jemand inmitten einer Menschenmenge in die Luft jagt? Oder was sich da in der Türkei tut? Oder was während des ersten Weltkriegs in deutschem Namen, nein, von Deutschen in Afrika angerichtet wurde? Oder im zweiten Weltkrieg? Während der SED-Herrschaft? Oder von Japanern in China? Von den Engländern im Iran?

Wieso muss ich den Bericht über die Nominierung Hillary Clintons verfolgen und mir Sorgen wegen Donald und seinen Trumpeln machen? Und die Entwicklung des britischen Immobilienmarktes nach der BREXIT-Entscheidung. Die Lage der Flüchtlinge in jordanischen Lagern. Der Rassismus in den USA? Oder hier bei uns? TTIP?

Muss ich mir das alles antun? Und wozu?

Und warum erzählen mir die Nachrichtensendungen tagein tagaus all das?

Was soll ich mit diesen Informationen? Und mit den Börsenkursen? Und dem Wetterbericht für Rügen?

Und warum sollte ich nächstes Jahr in NRW an den Landtagswahlen teilnehmen?

Und dann an den Bundestagswahlen? Abstimmen, wenn nichts mehr stimmt.

Geht mich das alles an?

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26 Gedanken zu “Es geht doch auch ohne mich, oder?

    • Demokratie lebt vom umfassenden Interesse, von dem Wissen, dass mich das, dass uns das alles angeht und dass wir uns auch darum kümmern müssen. Aber ist es die Online-Petition oder die Demo gegen die AfD? Die Diskussion mit Freunden oder unter Kollegen? Den Kampf gegen die Zerstörung der Umwelt oder die wachsende ökonomische Ungleichheit in Deutschland, Europa und der Welt werden wir nicht mit der Fernbedienung in der Hand gewinnen können. Und es gibt niemanden, der mir über den Kopf streicht und sagt: „Alles wird gut!“, nicht mal mehr einen wissenschaftlichen Sozialismus, der das Ende der Geschichte kennt – und in den Himmel komme ich auch nicht. Was also bleibt uns? Welcher Kabarettist war es, der sagte, wir sollten die Eintrittskarten für das politische Kabarett aufbewahren, wir könnten dann später beweisen, dass wir im Widerstand waren. Aber du hast natürlich Recht. Der eine stubst den anderen an, die eine Idee führt zur nächsten und aus vielen kleinen Initiativen wird vielleicht einmal wieder eine große, wie wir das ja auch schon erlebt haben. Ich denke da an die Anfänge der Grünen oder die Studentenbewegung der sechziger Jahre.

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  1. Ein guter Text, der Fragen aufgreift, die mir bekannt vorkommen und die dazu führen, dass der Kopf manchmal streikt und am liebsten in den Sand gesteckt werden würde. Manchmal vielleicht nicht das schlechteste. Was bringt es, die Nachrichten Seiten viertelstündlich zu aktualisieren und sich in den Sog schlechter Nachrichten ziehen zu lassen. Auf Dauer bekommt man mit dem Kopf im Sand aber zu schlecht Luft und muss doch wieder auftauchen. Der Kopf denkt ja und man interessiert sich für die Welt in der man lebt. Man kann sie nicht ausblenden und sollte es wahrscheinlich auch nicht. Ich persönlich lese nicht mehr alles. Wenn ich zu viel lese, habe ich am Ende das Gefühl überhaupt nichts mehr zu verstehen.

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    • So geht’s mir auch. Zu-viel ist zu-viel. Dazu kommt ja noch das Alltägliche, ständig wird man „animiert“ alles optimieren zu müssen: Strom, Gas, Wasser, Telefon, Versicherungen etc. Es umschleicht einen das Gefühl, man hätte immer den falschen Tarif und sonstwo wäre noch ein Schnäppchen zu machen. Gleichzeitig wird einem das verkauft, als wäre es unser aller Vorteil. Aber nix da. Letztlich ist diese grenzenlose „Wahlfreiheit“ sehr anstrengend. Auch hier muss jeder für sich den Weg finden und versuchen, gelassen zu bleiben. Ich sehne mich manchmal zurück nach einer Zeit mit Wählscheibentelefonen 😉

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      • Ein schöner Vergleich…die Zeit mit dem Wählscheibentelefon. Obs damals besser war… Aber man war zu mehr Stillstand gezwungen und zumindest gab es noch keine solche mediale Überflutung. Sich der auch einfach mal zu entziehen, ist vielleicht etwas, das wir üben sollten.

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    • Vieles von dem, was uns da alltäglich präsentiert wird, ist auch so aus dem Augenblick heraus entstanden, so unreflektiert, dass es niemanden weiterbringt. Es bedient mehr die Emotionen und weniger den Verstand. Da kann man lange suchen, bis sich mal versteckt im Feuilletion ein Text findet, der über die Aktualität hinaus denkt, Dinge einordnet und Klarheit schafft.

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      • Absolut. Wenn man in München am Freitag online war, hat man duzende von Dingen gelesen, aber nur ein Bruchteil davon konnte als „Nachricht“ durchgehen. Gleiches gilt für die Tage danach und Nachrichten überhaupt.

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  2. Die Antwort der Frage findet sich wohl nur in der persönlichen Bewertung des Vernunftbegriffes in Anlehnung an Kants Definition der Aufklärung. Inwiefern man zur eigenen Entlastung die Verdunkelung vorziehen möchte, kann den Ausschlag zur Erkenntnis bringen, es gehe auch ohne „mich“.

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    • Zu Kants Begriff der selbstverschuldeten Unmündigkeit zählt heute auch das bedingungslose Vetrauen in medial übermittelte Information. Angesichts der Tatsache, dass das tägliche Aufkommen durchsetzt ist von Desinformation, Entertainment und Propaganda, ist Manfreds Frage wirklich berechtigt. Medienabstinenz ist auch ein Teil Medienkompetenz und hat nichts mit Verdunkelung zu tun.Gefragt ist der Selbstdenker.

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      • Damit wir uns nicht falsch verstehen: Grundsätzlich sollte man schon Bescheid wissen. Indem uns mediale Information auf vielen Kanälen erreichen kann, ist eine Grundinformation vermutlich fast automatisch gesichert. „Andere Perspektiven“ sind in den Leitmedien kaum noch zu finden, sondern man stößt überall ins gleiche Horn. Problematisch ist auch, dass die Grenzen zwischen informierenden Texten wie Nachricht, Bericht und meinungsäußernden Texten wie Kommentar und Glosse längst gefallen sind. Bei Tagesschau.de ist auch unter ausgewiesenen Kommentaren die Floskel zu lesen: Kommentierung der Nachricht beendet“ Die Wortwahl zeigt, dass man an einer journalistisch sauberen Trennung kein Interesse mehr hat, auch nicht daran, sie zu vermitteln.

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      • Die Kommentare sind ein leidliches Thema bei großen Medieninstitutionen. Es besteht der Anspruch, dass die Kommentare hinsichtlich der Nettiquette und v.a. bzgl der verfassungsmäßigkeit mit kontrolliert werden. Und was man da nicht alles immer zu lesen bekommt. Ich kann die Tagesschau da schon verstehen, bei einem hohen Andrang, gerade im Themenfeldern wie Flüchtlingspolitik, die Schotten dicht zu machen. Es ist auch nicht Aufgabe, eine Diskussionsplattform aufzubauen. Dafür gibt es Foren.

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      • Schon klar, ich meinte aber was anderes, dass unter dem Kommentar steht, es wäre eine „Nachricht“. „Kommentierung des Kommentars beendet“, wäre zwar stilistisch nicht schön, aber würde anzeigen, dass man ein Interesse daran hat, sauber zwischen Nachricht und Kommentar zu trennen, wie es dem journalistischen Ethos einst entsprach.

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    • Scheuklappen erhöhen ja manchmal die Leistungsfähigkeit bzw. die Konzentration auf das, was gerade zu tun ist. Ersetzt die Informationsaufnahme nicht auch das Handeln? Gehören Tagesschau und Brennpunkt auch zum Unterhaltungsprogamm, zu Brot und Spielen?

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  3. Pingback: „Die Herausforderung des 21. Jahrhunderts….“ | Willis Blog

  4. Ich bin sicher, dass wir nicht für eine derartige Überflutung mit Nachrichten gemacht sind. Zudem: etymologisch bedeutet das Wort „Nachricht“ wonach man sich zu richten hat. Das betrifft in den meisten Fällen nur die Wetternachrichten. Wir können nicht reagieren auf Nachrichten von Gräueln irgendwo auf der Welt, und das erzeugt ein Gefühl der Hilflosigkeit und Überforderung. Wenn uns die Öffentlich-Rechtlichen Sender dann auch noch bis zum Überdruss mit Berichten über Clinton und Trump abfüllen, denkt der wache Mensch, hier will man uns was einhämmern, nicht weils wirklich von Belang ist, sondern weil die meisten Ö-R-TV-Journalisten ihre Karrieren den guten Kontakten zu den USA und zur NATO verdanken.
    Weil sich das Nachrichtenwesen entgrenz hat, ist es nötig, sich selbst zu begrenzen. Ich wundere mich sowieso, dass nicht mehr Leute vor Überforderung schreiend aus dem Haus rennen.

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