Wie ich einmal richtig gut war

Foto: Elfie Voita

Foto: Elfie Voita

„Alle Menschen sind gleich auf Erden. Fremde können Freunde werden.“ steht auf vielen Transparenten. Ralph Siegel wäre stolz auf uns.

Eine Bühne steht neben dem historischen Rathaus, auf dem historischen Marktplatz, in der guten Stube der Stadt. Hunderte von Menschen… naja, drängen sich nicht, stehen da eher gut gelaunt. Wie das in einer Kleinstadt so ist, man kennt sich, viele kleine Gesprächsrunden.

Reden von der Bühne. Ja, kann ich unterschreiben, auch wenn es der CDU-Bürgermeister ist, der hier von der weltoffenen Stadt spricht und seinem Stolz auf die vielen Helfer, die es möglich gemacht haben, die vielen Flüchtlinge aufzufangen.

Ach so, die AfD-Veranstaltung auf einem anderen Platz der Stadt, einem vor dem alten Stadttor, außerhalb der Altstadt, da sollen weit weniger Menschen sein. Neugierig wäre ich schon, wer da so steht, was die so zu erzählen haben.

Nach dem Bürgermeister betritt eine Band die Bühne, eine in die Jahre, ach was, in die Jahrzehnte gekommene Rockband, eine, die man getrost noch als Beatband bezeichnen könnte. Drei oder vier Titel. Creedence Clearwater Revival, Smokie und noch was. Einige der Silberlocken, die eine recht starke Besuchergruppe bilden, machen tapsige Tanzschritte, klatschen mit und ja, ich spüre so etwas wie Solidarität mit den alten Herrschaften auf der Bühne, die den Traum vom Popstar vielleicht nie geträumt, immer Covernummern gespielt haben und so eine Art Kanonenfutter des Rock’n Roll sind. Solche Bands waren es, die über die Dörfer zogen, in den Tanzschuppen spielten, die Hitparade rauf und runter und bei Abi-Bällen auch mal Ten Years After oder die Stones.

Für einen Moment denke ich, dass die AfD auf dem anderen Platz und wir Grauköpfe hier eine Sehnsucht nach dem gleichen Jahrzehnt teilen, die AfD nach der Politik der frühen Sechziger, wir nach der Aufbruchsstimmung,  der sexuellen und musikalischen Revolution, nach den Demos und Träumen von einer anderen Welt, nach unserer abhanden gekommenen Jugend, nach der zweiten Hälfte der sechziger Jahre.

Dann zieht der Demonstrationszug los, Richtung AfD-Veranstaltung. Vorneweg die Antifaschisten, dann bunt gemischt, wie das in der Kleinstadt so ist, die Pfadfinder, die Caritas, Sozialdemokraten, Schützen mit einer großen Vereinsfahne, hoffentlich sind die nicht bewaffnet. Ich sehe FDP-Leute, Landtagsabgeordnete, einen Bundestagsabgeordneten, Lokalpolitiker. Viele Leute, die sich auf den Weg gemacht haben.  Man hat hier Übung in solchen Umzügen, Rosenmontag, Prozession, Maria Himmelfahrt. Kleine Schritte, langsam immer weiter.

Von der AfD-Kundgebung sehe ich nichts, höre ich nichts, da stehen mehr Polizisten als Teilnehmer. Trillerpfeifen, Hupen, Sprechchöre „Ihr seid nur ein Karnevalsverein“.

Hätten die eine Hüpfburg und einen Bier- und Würstchenstand, das würde bei denen auch besser laufen.

Gleich darauf sind wir schon wieder auf dem Rückweg. Noch etwas Musik, ein paar Reden. Der Italiener verkauft Pizza zum Solidaritätspreis. Das Wetter ist gut, der Feind weiß jetzt, was Sache ist .