Zahlen, bitte!

ADN-ZB/Donath
Berlin, Januar 1946
Erste FDGB-Wahlen in den Efha-Werken, Berlin-Britz.

Der Wahlkampf in NRW hat begonnen. Nicht, dass ich das in meinem Alltag mitbekommen hätte, aber die Medien und die Politiker haben es uns verkündet. Da ich mich nicht um Inhalte kümmern kann, einfach, weil es keine ernsthafte Debatte über Inhalte gibt, bleibe ich bei den Äußerlichkeiten, die ja vielleicht einen Rückschluss auf Inhalte zulassen.

40 Tage, so hieß es, noch oder nur noch 40 Tage bis zur Wahl. Nun gibt es mehrere Gründe dafür, warum die 40 so erwähnenswert ist – und die Tatsache, dass es noch 40 Tage sind oder waren, ist nur einer davon. Die 40 hat für uns Menschen offenbar schon immer eine ganz besondere Bedeutung.  40 Jahre wanderte das Volk Israel durch die Wüste, gut, so lange hat Frau Kraft auch wieder nicht regiert. Alles beginnt mit der Schwangerschaft – und früher kann es nun wirklich nicht beginnen – die vierzig Wochen dauert. Ein Glück, dass es zur Wahl nicht ganz so lange hin ist.

Nehmen wir es also genauer, denn es geht um Tage: 40 Tage unterrichtete der auferstandene Christus seine Jünger, um dann zum Himmel aufzufahren. Ja, vierzig Tage lang unterrichten uns unsere Parteien, oder wessen Parteien das auch immer sein mögen, um dann mit unserer Hilfe in den Olymp aufzusteigen, über uns zu thronen und zu herrschen. 40 Tage gedenkt man im Islam eines Toten. Auch kein schlechtes Bild: vierzigtägige Gedenkfeiern für die unbemerkt von uns gegangene Idee der Demokratie, die durch etwas viel Besseres ersetzt wurde: den Markt. Den wirklich freien und unbestechlichen Markt, der seine eigenen Gesetze besitzt, echte Naturgesetze, denen man sich nicht entgegenstellen kann, so, wie man sich nicht vor Gericht gegen ein Erdbeben wehren kann.

Noch mal kurz für alle, die längst aus den Augen verloren haben, worum es hier geht: Lange Jahre des Marsches durch die Wüste nähern sich ihrem Ende, endlich sehen wir Land – nein, nicht das Land Israel. 40 Wochen Schwangerschaft, die Zeit der Erwartung geht zu Ende, ein neues Land und eine neue Regierung werden uns geschenkt. Vierzig Tage lang wohl unterrichtet, bis zu ihrem Aufstieg zur Regierungsbank und zu den Fleischtöpfen. Gut, ein Studium, auch eine ordentliche Berufsausbildung dauern länger, aber Minister lernt man eben on the job.

Hab ich was vergessen? Nein, nicht vergessen, ich weiß es einfach nicht besser. Doch… eins noch: Die 40 wird als römische Ziffer mit XL dargestell, da haben wir noch mal Glück gehabt. Einen XXL-Wahlkampf kann nun wirklich keiner brauchen.

Advertisements

7 Gedanken zu “Zahlen, bitte!

  1. Hier, und ich denke, auch andernorts sind die Strassenränder und sämtlich Laternenmasten wieder mit Wahlplakaten zugemüllt. Glaubt man wirklich, Plakate würden Meinungen ändern oder Wähler von ihrer Wahlentscheidung abbringen?

    Gefällt 1 Person

    • Die Parteienfinanzierung macht es möglich. Wen interessiert, ob es wirkt? Es gibt Arbeit für Agenturen, Drucker, das Transportgewerbe. Die Wirtschaft wächst. Die Parteien halten also schon mit ihren Plakaten ihre eigenen Versprechen.

      Gefällt mir

  2. XXL hat ja für die Römer den selben Wert wie XXX – das wiederum ist das Zeichen für pornographische Inhalte. Wolen wir einen pornographischen Wahlkampf? Klingt vielleicht erstmal interessant, wird dann aber ziemlich schnell langweilig und abstoßend. Das Personal wäre allerdings nicht das Problem, besonders FDP und CDU bieten Figuren wie geschaffen für einen drittklassigen Softporno für das Bahnhoskino (wobei ich mich frage: Gibt’s das eigentlich noch, Bahnhofkinos?).

    Gefällt 2 Personen

    • Vermutlich gibt es die nicht mehr. Schade, ich habe die Beatles-Filme in einem Bahnhofkino gesehen, das natürlich auch BALI hieß. Das war vor dem Absturz in die Schmuddelfilmära. Pornographischer Wahlkampf – das wäre vielleicht das letzte Mittel, wenn absolut keiner mehr guckt. Aber das Saarland hat ja gerade gezeigt, dass die Deutschen wieder zur Wahlurne drängen. Warum auch immer.

      Gefällt mir

  3. Ach, wenns doch 42 wäre. Doch die 40 ist ein prima Aufhänger für deine Kritik an der „marktkonformen Demokratie.“ Ich frage mich draüberhinaus, was „Wahlkampf“ eigentlich soll. Es ist doch zum Fremdschämen, wenn sie den Kindern Lufballons, den Frauen Rosen und mir Kugelschreiber in die Hände drücken wollen und wenn Kandidaten plötzlich das Gespräch mit dem Bürger suchen. Sonst aber sind sie froh, wenn er das Maul hält und brav abnickt, wie ihm der Stuhl unterm Hintern verkauft wird. Mir als Radfahrer ist jegal, ob sie durch Hintertürchen die Autobahn privatisieren und das Gegenteil behaupten, aber die permanente Verlogenheit, der permanente Ausverkauf des Volksvermögens, machen zornig. ES hilft nur: Ungültig wählen. Dann gibts wenigstens keine Kohle für die Stimme.

    Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s