ChatGPT: Gekünstelte Intelligenz?

ChatGPT: Gekünstelte Intelligenz?

Eine Zeitlang hat ChatGPT mich hingehalten mit der Anmeldeprozedur, hatte einfach zu viel zu tun und versprach, sich bei mir per Mail zu melden, wenn mal etwas Zeit wäre. Eigentlich hatte ich nicht erwartet, dass es der menschlichen Kommunikation schon so nahe ist, sich sogar verleugnen zu lassen und mich auf später zu vertrösten, aber dann klappte es plötzlich, ganz ohne Einladungsmail. Da sitzt man dann am Monitor einer völlig fremden KI gegenüber, oder in dem Fall einer AI, einem Chatbot oder einem textbasierten Dialogsystem und fragt sich, was man ChatGPT fragen wollte.

Erstmal ist das System höflich und freundlich, es siezt mich, ich habe nicht ausprobiert, ob man ihm das Du anbieten kann, aber da wir vermutlich nie ein Bier zusammen trinken werden, ist das Sie auch ganz okay.

Das System entschuldigt sich auch immer wieder einmal, es hat allerdings auch oft genug Grund dazu. Ich habe an zwei aufeinanderfolgenden Tagen eine Art Unterhaltung mit dem System geführt, die, wenn man auf Deutsch beginnt, auch auf Deutsch geführt wird und zwar in einem grammatisch fast durchgehend fehlerfreien Deutsch. Manchmal, wenn ich das Programm gefühlt etwas gestresst hatte, machte es ziemlich simple Fehler, wählte zum Beispiel einen falschen Artikel, obwohl mir das in jeder beliebigen Fremdsprache ebenfalls andauernd passiert und ich spreche wahrlich nicht viele Sprachen. Aber von einem Computerprogramm erwartet man natürlich Perfektion, gerade von einer künstlichen Intelligenz, die sich anschickt, die Weltherrschaft zu übernehmen und alle Probleme zu lösen. Hausaufgaben zum Beispiel oder Seminararbeiten.

Natürlich kann man eine Software nicht stressen, wollte ich gerade schreiben und das ist insoweit sicher richtig, dass sie da nicht in Kalifornien in ihrem gekühlten Rechenzentrum oder irgendeiner Serverfarm irgendwo in der Welt gerade in Schweiß und Tränen ausbricht, weil ich übermenschliche Anforderungen stelle. Andererseits, man weiß ja nicht, was sich eine Software so beibringt, die, während sie meine Fragen beantwortet, mehr über mich lernt als ich von ihr.

Es wäre doch fast ein Wunder, wenn sie in einigen Jahren, ach was, bei der Vielzahl von Sozialkontakten, die sie täglich hat, in eine paar Stunden das Gehabe eines preußischen Staatbediensteten im Einwohnermeldeamt einer ordentlich gekehrten und aufgeräumten Provinzstadt an den Tag legen würde. Zurück zu meiner Konversation. Meine erste Frage bezog sich auf eine Aufgabe der Schreibwerkstatt. In sechs Wörtern sollte eine Botschaft vermittelt werden. Nicht unbedingt im Sinne von: Ich habe Hunger, jetzt aber hopp. Schon irgendwie  philosophisch, esoterisch, also von oberflächlicher Tiefsinnigkeit.

ChatGPT: Ich arbeite. Ich lerne. Ich denke.

Manfred: Noch ein Beispiel, bitte

ChatGPT Gerne:  Ich bin da. Ich helfe. Ich verstehe.

Manfred: Der erste Satz hat aber drei Wörter.

ChatGPT: Entschuldigung, Sie haben Recht. Hier ist ein Beispiel mit jeweils zwei Worten:

Hier bin. Ich helfe. Verstehe gut.

Manfred: Der erste Satz funktioniert nicht.

ChatGPT: Entschuldigung, Sie haben Recht. Hier ist ein Beispiel mit jeweils zwei Worten:

Bin da. Helfe gerne. Verstehe klar. 

Offenbar hat das System ein Problem mit dem Abzählen von Wörtern, beim zweiten Durchlauf wurde das sogar noch heftiger. Ich forderte sechs, bekam aber meisten nur fünf Wörter und das mit der windigen Begründung, dass es nicht so leicht sei, eine philosophische Aussage in sechs Wörter zu packen. Aber fünf abliefern! Für Ausreden sollten die besser einen Praktikanten beschäftigen.

Mein zweites Thema war Hiddensee. Wenn man in einem Serverpark steht wie die Essiggurken im Regal im Keller meiner Oma und nur die empfindlichen kleinen Glasfaserchen in die Welt hinaus streckt, verfügt man ja über keine persönliche Anschauung der Welt, wollte ich gerade schreiben, aber natürlich gibt es auch auf Hiddensee inzwischen Glasfasernetze, aber so eine Software hält ja nicht auf dem Dornbusch die Nase in den Wind und ringt im Angesicht der Schönheit des Ausblicks nach Worten,  nein, Worte hat ChatGPT immer zur Verfügung.

Obwohl es manchmal schon einen Moment nachzudenken scheint, was aber sicherlich nur damit zu tun hat, dass es multitaskingfähig ist und während es mit mir über Hiddensee nachdenkt, ein anderen Gesprächen Rezepte zur Zubereitung eines Cocktails oder die Fragen der Klimakrise diskutiert. Jedenfalls bat ich, nachdem ich irgendwo gelesen hatte, dass auch Heinrich Zille seinen Urlaub gern auf Hiddensee verbracht hatte, um eine Buchempfehlung.

ChatGPT: Ich kann Ihnen das Buch „Hiddensee: Eine Insel für Heinrich Zille“ von Hans-Jürgen Döring empfehlen. Es enthält zahlreiche Zeichnungen und Fotografien von Heinrich Zille, die auf der Insel Hiddensee entstanden sind. Es gibt auch einige Informationen über Zille’s Leben und Werk sowie die Geschichte der Insel.

Manfred: Das Buch Hiddensee: Eine Insel für Heinrich Zille finde ich nicht bei Google

ChatGPT: Es tut mir leid, ich habe mich geirrt in Bezug auf das Buch „Hiddensee: Eine Insel für Heinrich Zille“ von Hans-Jürgen Döring. Ich habe es nicht gefunden in meiner Kenntnisbasis und es gibt auch keine Informationen im Internet, dass ein solches Buch existiert. Ich bitte um Entschuldigung für die Verwirrung.

Am Vortag hatte das System mir ein Buch vorgeschlagen, das es ebenso wenig gab und mir ein Ringelnatz-Gedicht zitiert, von dem wohl nicht einmal Ringelnatz wusste.

ChatGPT: Ein bekanntes Gedicht von Joachim Ringelnatz über Hiddensee ist „An Hiddensee“:

„Ich bin so glücklich, wenn ich hier bin,

auf dieser Insel, die so klein,

und doch so groß ist in ihrem Sein.

Ich wandle durch die Dünen,

sehe aufs Meer hinaus,

und fühle mich so wohl,

wie noch nie zuvor.

Die Natur ist hier so rein,

der Himmel so unendlich blau,

ich kann die Schönheit kaum ertragen,

es ist, als ob ich träume.

Ich bin so dankbar für diesen Ort,

für all die Einsamkeit und Ruhe,

die ich hier finde.

Ich werde immer wiederkommen,

bis ans Ende meiner Tage,

denn Hiddensee ist mein Zuhause.“

Ich lasse mich ja gern eines Besseren belehren, aber das klingt nicht nach Ringelnatz. Ich habe bisher aber auch keine Quelle zu diesem Text gefunden. Mein Fazit, nach zwei Versuchen: Es ist ganz lustig, mit einem System zu kommunizieren, aber die Qualität der Antworten ist mindestens dürftig, Quellen stimmen nicht und manches ist blanker Unsinn. Um Hiddensee und Ringelnatz zum Schluss doch noch gerecht zu werden, hier ein echtes Ringelnatz-Gedicht:

Insel Hiddensee

Kühe weiden bis zum Rande

Großer Tümpel, wo im Röhricht

Kiebitz ostert. – Nackt im Sande

Purzeln Menschen selig töricht.

Und des Leuchtturms Strahlen segnen

Eine freundliche Gesundheit.

Andrerseits: Vor steiler Küste

Stürmen Wellen an und fliehen. –

Nach dem hohen Walde ziehen

Butterbrote und Gelüste.

Fischerhütten, schöne Villen

Grüßen sich vernünftig freundlich.

Steht ein Häuschen in der Mitte,

Rund und rührend zum Verlieben.

»Karusel« steht angeschrieben.

Dieses Häuschen zählt zu Vitte.

Asta Nielsen – Grischa Chmara,

Unsre Dänin, und der Russe –,

Auf dem Schaukelpolster wiegen

Sich zwei Künstler deutsch umschlungen. –

Gar kein Schutzmann kommt gesprungen. –

Doch im Bernstein träumen Fliegen.

Um die Insel rudern, dampfen,

Treiben, kämpfen Boote, Bötchen.

Kästchendenken

Kästchendenken

Warum muss eigentlich alles immer so kompliziert sein? Man zieht in Düsseldorf an einem losen Faden und in München läuten die Alarmglocken, während man in Detmold nur mit der Schulter zuckt und alles für eine Fahrt nach Den Haag spricht. Über Winterswijk und Amersfoort natürlich. Alles begann damit, dass eine unserer Töchter, die Düsseldorf-Tochter, vorschlug, die Mondrian-Ausstellung im K20 in Düsseldorf zu besuchen.

Jetzt langsam und vorsichtig: Das K20 ist Teil der Kunstsammlung des Landes NRW. Das Gebäude am Grabbeplatz wurde 1986 eröffnet, was nicht bedeutet, dass Düsseldorf nicht schon früher eine bedeutende Kunstsammlung besessen hätte. Die wurde aber 1805 nach Bayern verschleppt und seither unter dem Dach der Pinakothek gezeigt. Weil allen, bis auf die Bayern, klar war, dass das nicht wirklich fair war, erhielt Düsseldorf Jahrzehnte später eine Art Schadensersatz, der allerdings kaum mehr als ein Taschengeld war.

Als Grabbe von 1834 bis 1836 in Düsseldorf weilte, Künstler halten sich nicht auf, die wohnen auch nicht, die weilen, war die Gemäldegalerie also schon entführt worden. Christian Dietrich Grabbe, war auch kein Maler, sondern ein Trinker, was ihn vermutlich neben allgemeinem Weltschmerz das Leben gekostet haben dürfte. Zwischen zwei Gläsern fand er allerdings auch noch Zeit, das deutsche Drama zu erneuern und alle Bühnen seiner Zeit damit hoffnungslos zu überfordern.

Ach so. Grabbe wurde in Detmold geboren und starb dort auch im Alter von nicht einmal 35 Jahren wenige Häuser von seinem Geburtshaus entfernt. So gesehen hatte er es nicht weitgebracht. Nicht gerade der Liebling der literarischen Salons, nehme ich an und trotzdem erinnert man mit Skulpturen und Straßen oder Plätzen an ihn, was ja auch irgendwie schön ist. Leider habe ich nichts von ihm, sondern nur über ihn gelesen, was wiederum schade ist. Nicht für mich, nur für ihn und ihn stört es wohl nicht mehr.

Also K20 am Grabbeplatz. Vorher aber YouTube gucken: Piet Mondrian. Da gibt es einiges. Klar, sein Werk kennen alle und mögen auch fast alle. Wieder einer von den Niederländern, die mit ihrer Kunst die Welt beeindruckt haben, wieder einer von denen, die ihren Ruhm nicht mehr erleben konnten. In Amersfoort geboren, über Winterswijk und Amsterdam nach Paris, London und schließlich

New York. Was so glamourös klingt, war eher ärmlich. Der Mann hat kaum etwas von seiner Kunst verkaufen können, obwohl er in seinen letzten Jahren durchaus anerkannt wurde.

Ein Einzelgänger und Hungerleider, der davon überzeugt war, mit seiner Kunst das Ende aller Kunst erreicht zu haben und der dann in New York unter dem Einfluss der Metropole und des Boogie Woogies doch noch einen Schritt tat und uns mit Broadway Boogie Woogie und Victory Boogie Woogie zwei Werke hinterlassen hat, die mich staunen machen. Und die beide nicht in Düsseldorf zu sehen sind. Victory Boogie Woogie hat der niederländische Staat für einen gerade noch zweistelligen Millionenbetrag gekauft. Das unvollendete Bild ist in Den Haag zu sehen. Die Ausstellung in Düsseldorf lohnt sich aber auch ohne die genannten Bilder.

Bild: Komposition Nr. III, mit Rot, Blau, Gelb und Schwarz, 1929

Ich möchte den Text ergänzen um eine Stellungnahme von ChatGPT. Dort habe ich den obigen Text eingegeben und bekam die folgende Rückmeldung:

Der Text enthält einige historische und kunsthistorische Fakten, aber es ist unklar, welches Ziel der Autor verfolgt. Es scheint, dass der Autor eine Reise durch verschiedene Städte in Deutschland und den Niederlanden beschreibt, die von der Kunst und Kultur dieser Orte inspiriert wurden. Der Schreibstil ist informativ, aber nicht immer präzise und es fehlt eine klare Struktur oder Übersicht. Empfehlung: Überarbeiten Sie den Text, um eine klarere Botschaft und Struktur zu erreichen. Überprüfen Sie auch die historischen und kunsthistorischen Fakten, um sicherzustellen, dass sie korrekt sind.

So geht es jedenfalls nicht weiter

So geht es jedenfalls nicht weiter

Es hat einige Zeit gedauert, bis ich soweit war, aber jetzt kann ich meine Erkenntnisse der Öffentlichkeit präsentieren und damit einen Vorschlag unterbreiten, auf den die Welt gewartet hat. Okay, sie wartet nicht ausdrücklich darauf, dass da was von mir kommt, sitzt also nicht, vertreten durch den UN-Generalsekretär bei mir im Wartezimmer, was auch besser ist, weil ich sowas nicht habe, trommelt mit den Fingern ungeduldig auf der BRAVO-Ausgabe aus dem Januar 2019 herum und reaktiviert die Coronaviren eines ganzen Pandemiedurchlaufs. Nein, so nicht, aber die Welt harrt auf Lösungen und ich kann sie bieten.

Das mag etwas unbescheiden klingen, aber wenn man auf den Friedensnobelpreis abzielt, also eigentlich auf alle ab 2023, dann sollte die Klingel auf die man drückt, schon bis Stockholm zu hören sein. Besser sogar noch bis Oslo. Von nichts kommt nichts und die Sonne bringt es an den Tag, das sollte ich vielleicht vorwegschicken.

Intensive Studien waren nötig. Natürlich waren sie das, wann wären sie einmal nicht nötig gewesen? Die meisten davon in tiefer nächtlicher Einsamkeit, mit einem Kopfhörer abgeschirmt  gegen die Ablenkungen des Tages und  die klagenden Rufe meiner Frau. Gern möchte ich die Details übergehen, aber im Sinne der Intersubjektivität und des freien Zugangs zu meinen Erkenntnissen werde ich meine Quellen offenlegen, also eigentlich eine: Netflix.

Ich verstehe, akzeptiere mögliche Bedenken aber nicht. Die Tatsache, dass etwas geschaffen wurde, um uns zu unterhalten, um uns preiswert abzulenken, lässt ja nicht den Umkehrschluss zu, dass da nicht mehr ist als Unterhaltung und Ablenkung. Ihre Bratpfanne ist vermutlich mit Teflon beschichtet, aber weil sie das ist, verliert Teflon doch nicht seine überragenden Fähigkeiten. Nein, es wurde nicht, wie immer wieder einmal behauptet, im Zusammenhang mit der amerikanischen Raumfahrt entwickelt, Außerirdische haben ganz andere Dinge auf der Pfanne! Teflon diente dem Korrosionsschutz beim Manhattan-Projekt! Was Woody Allen damit zu tun hat? Mal abgesehen davon, dass dieser Film erst 1979 veröffentlich wurde und alte weiße Männern mit Korrosionsschutz wenig gedient ist? Obwohl, wie wir wissen, rostet, wer rastet und Woody Allen legt eine gewisse künstlerische Rostlosigkeit an den Tag. Mit geht es aber nicht um Rostlosigkeit, sondern um die universelle Trostlosigkeit.

Nach dem Studium diverser Serien und einiger Spielfilme, ein Wort, bei dem ich sofort an Heinz Rühmann denken muss, was uns aber nicht wirklich weiterbringt, habe ich das Prinzip verstanden, dass der Lösung all der irdischen und galaktischen Probleme zugrunde liegt. Superkräfte, Magie, Götter und Gewalt. Neben diesen Basiselementen gibt es natürlich noch weitere Zutaten wie außerirdische oder künstliche Intelligenz oder entschiedene Sturheit. Ich muss zugeben, dass es, wenn es um fortgeschrittene Lösungsansätze geht, der nordamerikanische Raum dominiert, Superhelden scheinen keine Anknüpfungspunkte in der europäischen Tradition zu finden, weder in der Aufklärung noch bei den feudalen Gesellschaftsstrukturen der Vormoderne.

Äh… ja. Europa steht für rohe Gewalt, für schwertschwingende Rächer und Totschläger und willst du nicht mein Bruder sein, dann kommt Karl der Große und veranlasst einen tiefgreifenden Umbau des widerspenstigen Körpers der ungläubigen Seele. Götter, Halbgötter und Helden agieren gern vor dramatischen Landschaften, die Kontaktaufnahme im Teuto, der münsterländischen Parklandschaft oder der Soester Börde scheint daher wenig erfolgversprechend.

Superhelden hingegen sind eher großstadtorientiert und scheinen auf eine Art und Weise miteinander verwandt, die ich noch nicht ganz durchdrungen habe. Während Superhelden meist damit zufrieden sind, ihre immensen Kräfte zum Wohle der Menschheit oder Gotham Citys eingesetzt zu haben, verlangt es Götter und Helden nach Opfern oder Belohnungen, von daher sind Superhelden vorzuziehen.

Hinzu kommt, dass das Studium diverser Serien Belege dafür erbrachte, dass Superhelden auch bei ökologischen Katastrophen erfolgreich tätig wurden, während Wikinger oder andere Krieger eher Tendenzen zur Umverteilung oder der Regelung von Erbfolgestreitigkeiten zeigen. Es sollte also keine größeren Schwierigkeiten bereiten, eine Datenbank der potenziellen Problemlöser aufzubauen, in der die jeweiligen Fähigkeiten und die Erfolgsnachweise erfasst werden, so dass im konkreten Notfall rasch auf geeignetes Personal zurückgegriffen werden kann.

Abschließend möchte ich mich noch kurz dagegen verwahren, mich für völlig bescheuert zu halten, weil ich – ich weiß, so wird der Vorwurf lauten – blind darauf vertraue, dass grob entworfene Kunstfiguren, die namenlose Drehbuchautoren in abstruse Abenteuer schicken, tatsächlich einen Beitrag zur Lösung globaler Konflikte leisten können. Dem halte ich entgegen, dass die dramatischen Krisen, denen die Menschheit gegenübersteht, doch ebenfalls nur im Fernsehen stattfinden – okay, im vergangenen Sommer musste ich tatsächlich die Beete etwas mehr wässern und gerade jetzt, Anfang Januar, drehe ich die Heizung ein wenig herunter – und wem, wenn nicht Fernsehhelden, sollten wir denn sonst vertrauen, wenn es darum geht, uns mal wieder zu retten?

Bild: Manu sejas, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

Ich hätte auch etwas Nettes schreiben können (wollte ich aber nicht)

Ich hätte auch etwas Nettes schreiben können (wollte ich aber nicht)

Den Helder liegt im Kop van Holland, ist also der nördliche Zipfel der Provinz Noord-Holland. Heute kennen viele den Ort, weil dort der Fährhafen für Texel liegt. Den Helder bietet sich aber auch als Reiseziel an für alle, die genug haben von diesen hübschen niederländischen Städtchen mit Grachten und Giebelhäusern aus dem 17. Jahrhundert, mit Glockenspielen und lebhaften Straßencafés, Wochenmärkten mit nieuwe Haring, blühenden Tulpen und Poffertjesständen. Es muss doch auch mal anders gehen.

Nicht gleich so wie in Rotterdam, wo die Niederlande ein bisschen aussehen wie Frankfurt. Das ist okay, Amsterdam sieht auch so aus und Den Haag, aber nicht mal Frankfurt sieht aus wie Frankfurt, sondern wie London oder New York oder wie irgendwelche Städte in China. Ich kann nicht mal sagen, dass mir solche Städte nicht auch gefallen, doch, kann ich. Sie gefallen mir nicht, also manches schon und keineswegs nur die Ecken, die so tun, als seien sie echt. Es gibt spannende Architektur und es gibt großkotzige Architektur und Architektur, die nur noch auf die Welt herabzuschauen scheint, Häuser wie Goldberge und Münzstapel, die aussehen, wie begehbares Geld, die uns zeigen, wo oben und wo unten ist.

Den Helder ist anders. Ja, auch Den Helder hat eine großartige Geschichte hinter sich und es gibt Zeugnisse dieser wehrhaften Zeiten, aber Den Helder sieht im winterlichen Regen des Jahres 2022 bzw. 2023 aus, als habe man vergessen, es ordentlich wegzuräumen. Es gibt Wasser, es gibt den Hafen, es gibt Museen. Richtig leckere Fritten. Aber es gibt eben auch Den Helder. Ein Einkaufszentrum mitten in der City, in dem es fast keine Läden mehr gibt. Leerstand, Abriss, Verfall. Es regnet. Ein Hippster-Café, unsere Töchter mögen das, lecker Kaffee, der auch noch gut aussieht. Keinen Kaffee für uns, überhaupt keine Heißgetränke, Stromausfall. Kann natürlich überall passieren. Passiert aber in Den Helder.

An anderen Tagen, in einer anderen Jahreszeit oder einem anderen Jahrhundert, mag Den Helder einen rauen Charme zeigen, wir fahren mit dem guten Gefühl, dass auch in Holland nicht alles glänzt und eine Stadt auch mal aussehen darf wie unser Schuppen.

Photo: Lars van der Heide, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

(Ja, es gibt da auch nette Leute, freundliche Mitarbeiter einer Kfz-Werkstatt zum Beispiel, die uns mit Kaffee versorgten, während sie unser Auto checkten und feststellten, dass alles überhaupt nicht schlimm war)

Als die Zeit kurz einmal stillstand

Als die Zeit kurz einmal stillstand

Manchmal ist es einfacher, etwas in der dritten Person Singular zu erzählen, auch wenn man von sich selbst erzählen könnte, aber man will eben lieber nicht. So blöd möchte man selbst eben nicht sein, er aber schon und über ihn kann man auch selbst schmunzeln. Er also… hatte nur kurz etwas nachgesehen. Man kennt das ja, irgendein Wort, irgendeinen Namen, irgendein Datum, immer gibt es etwas, was man gerade nicht weiß und deshalb hatte er mitten im Laden stehend sein Smartphone gezückt und ganz schnell mal nachgelesen, während seine Frau und seine Töchter, ohne die er im Übrigen diesen Laden nie betreten hätte, um ihn herum alles zum Kauf dargebotene anfassten, wie es für Frauen in kosmischen Gesetzen von universeller Gültigkeit festgeschrieben ist. Schließlich löste er sich aus seiner Versenkung und kehrte in die Gegenwart zurück, sah sich um und stellte fest, dass er allein war.

Nicht, dass er in seiner tiefen Konzentration Jahre und Jahrhunderte selbstvergessen hinter sich gelassen hatte und nun, nach etlichen irdischen Katastrophen allein auf dem Planeten, dem Erdteil oder zumindest in dem Fachgeschäft zurückgeblieben wäre, nein, es war immer noch das gleiche Jahr, noch immer Dezember und noch immer wuselten Menschen um ihn herum. Also eigentlich nur Frauen und seine waren nicht darunter. Er war allein unter Frauen in einem dieser Gedönsgeschäfte, einem Fachhandel für Dekoration, Country Living, Design, Düfte, Living at Home, Haus und Garten, die schöne Küche und das geschmackvolle Klo.

Er stand da, groß, schlecht rasiert, in seinem schwarzen Mantel, mit der billigen Kappe auf dem Kopf und war das personifizierte Gegenteil von all dem, wofür dieser Laden stand. Niemand sah ihn an, so, wie wohlerzogene Menschen eben ein kleines Missgeschick ignorieren. Er schien nicht einmal im Wege zu stehen, so, wie ein Fußballschiedsrichter ja auch fast nie im Wege steht, das Geschehen spielte sich eben um ihn herum ab.

Wenn es doch wenigstens irgendetwas, irgendeine Kleinigkeit gegeben hätte, die ihn auch nur für fünf Pfennig interessieren könnte, aber da war nichts. Kleine, ge- oder entfärbte Kürbisse unter gläsernen Halbkugeln. Überdimensionierte Muscheln aus Terrakotta? Als habe Vater Neptun nicht genügend Material über alle Küsten dieser Welt verteilt! Panisch sah er sich nach seinen Liebsten um – vergeblich  – oder wenigstens nach Leidensgenossen, aber nein, die standen natürlich draußen rum, standhaft im Regen.

Dann, er hatte geahnt, dass das geschehen würde, fasste ihn eine Verkäuferin ins Auge und kam direkt auf ihn zu. War da irgendwo eine Säule, hinter der er sich verbergen, eine Umkleidekabine, in die er flüchten könnte? Konnte er sich einfach auf den Boden fallen lassen und nach etwas tasten, nach verlorenen Kontaktlinsen oder der Visitenkarte, auf der die Adresse des Hotels und der Name einer Verantwortlichen stand? Schon schritt das Verhängnis entschlossen auf ihn zu, da zupfte jemand an seinem Ärmel. „Willst du noch etwas schauen oder können wir jetzt weiter?“

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Rückert, Barth, Fohr – und more

Rückert, Barth, Fohr – und more

Jules van der Ley hat sich als Käufer meines Büchskens, wie man hier im Münsterland sagen würde, geoutet und ich kann nicht leugnen, dass ich mich darüber gefreut habe, denn ein Buch macht man ja nicht nur, um es ins eigene Regal zu stellen, sondern es soll in anderer Leute Regale einwandern.

Aber natürlich sitze ich jeden Abend auf dem Sofa, nehme dieses Buch in die Hand und denke, ach, was ist das denn für ein hübsches kleines Buch? Von wem mag das denn sein? Und dann fällt es mir wieder ein und ich werde ein wenig rot. Bald werde ich es einmal aufschlagen und ein paar Zeilen laut lesen und meine Frau wird sagen: Oh, was sind denn das für kluge und unterhaltsame Worte? Und ich werde sagen, dass ich mich zwar nicht mehr daran erinnern kann, ich aber wohl der Autor dieser Texte bin und dann werde ich ein wenig rot. Das ist natürlich gelogen, weil ich nicht einmal bei den unverschämtesten Lügen rot werde, das schafft nur mein Blutdruck und alte Männer, die zart erröten, sind ja auch wirklich kein erfreulicher Anblick.

Wenn schon die Rede von erfreulichen Anblicken ist: Mein Text mit dem Titel 103, der wiederum einen Text von Friedrich Rückert zitiert, wird von einem Kupferstich geziert, der uns einen jungen Rückert zeigt. Wie das so ist, wenn man sich mit etwas beschäftigt, quillt zusätzliches Wissen aus allen möglichen Quellen hervor. Carl Barth schuf den Kupferstich und Rückert redete ihn in seinen Briefen als „mein lieber Freund und Kupferstecher“ an. Das ist schön.

Wir wissen oder können wissen, wie Carl Barth aussah, weil er wiederum von Carl Philipp Fohr gezeichnet wurde. Bei dieser Gelegenheit hat Fohr auch gleich Friedrich Rückert miterwischt und ich muss sagen, dieser Rückert ist mir viel näher, als der in Stahl gestochene, der doch etwas streng und altväterlich wirkt.

Der Rückert, den Fohr in Rom zeichnete, hätte auch mit mir im Seminar sitzen können, wir sahen alle so aus, mit langen Haaren, Bart und einem leicht bekifften Ausdruck. Barth war 1817 bis 1819 in Rom und lernte dort Rückert kennen. Während dieser Zeit muss die Zeichnung entstanden sein, auch wenn auf zeno.org „um 1800“ steht. Fohr wurde 1795 geboren und wenn er auch als bedeutender Künstler seiner Zeit gilt, in römischen Kneipen hat er um 1800 gewiss nicht gezeichnet.

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103.

103.

103.

Ein Bruchstück immer ist des einzlen Mannes Wissen,

Das er als Ganzes darzustellen ist beflissen;

Zu loben, wenn er es von innen will ergänzen,

Zu tadeln, wenn mit Schein der Ganzheit überglänzen.

In diesem Fall ist doch, wer lehren will und soll,

Eh alle Fächer noch des Wissens er weiß voll.

Er darf dem Lernenden nicht zeigen seine Lücken,

Mit mehr und minder Kunst muss er denn schlagen Brücken,

Dass alles scheine nur zusammen fein zu hangen,

Vom einen End der Welt zum andern zu gelangen.

Der arme Mann muss sich mit fremden Federn schmücken,

Weil er kein Lehrgedicht darf geben in Bruchstücken.

Friedrich Rückert: Die Weisheit des Brahmanen. Bd. 4. Leipzig, 1838.

 

Ich nehme mal an, dass Friederich Rückert in diesem Gedicht über das Schicksal des Lehrers spricht bzw. schreibt, der nie das Ganze wissen kann und doch keine Wissenslücken eingestehen darf und der deshalb mehr oder weniger kunstvolle Brücken schlagen muss, um alles scheinbar sinnvoll zu verbinden. Ich glaube, so habe ich auch gearbeitet. Um der Wahrheit die Ehre zu geben: Ich zitiere Rückert hier nur deshalb, weil er in diesem Gedicht die Überschrift meines Weihnachtsbuchs verwendet, okay, zugegeben, nicht ganz oder nein, etwas mehr als das, genau einen Buchstaben mehr: „sich mit fremden Federn“ schmücken, heißt es bei Rückert, während ich mit einem schlichten „Ich mit fremden Federn“ auskomme. Aber wie schön es doch ist, schon in einem Gedicht aus dem Jahr 1838 eine Ahnung meines kleinen Büchleins vorzufinden!

Aber wenn ich schon Rückert zu einem Auftritt verhelfe, dann will ich nicht unerwähnt lassen, dass er der Autor der Kindertotenlieder ist, die Gustav Mahler vertont hat. Nicht, dass ich das gewusst hätte, ich habe mir überhaupt keine Gedanken darüber gemacht, wer diese Texte verfasst hat. Rückert hat die Gedichte nach dem Tod zweier seiner Kinder geschrieben. Ich kann auch ncihts dafür, dass dieser Blogeintrag so plötzlich ins Tragische kippt, aber so ist das Leben.

Ich mit fremden Federn

Ich mit fremden Federn

Es war Jules van der Ley, der mich auf die Idee brachte, ein paar meiner Texte zusammenzustellen und ein Buch daraus zu machen. Das ist schon eine Weile her, aber im Sommer dachte ich mir, ich könnte doch meine weihnachtlichen Texte einmal daraufhin anschauen, ob sie für eine kleine Veröffentlichung reichen.

Sie reichten nicht, also mir nicht, ich kannte sie ja alle schon. Also suchte ich nach Gedichten, die ich so zwischen meine Texte packen könnte, dass sie die Aufmerksamkeit von ihnen ablenken und meinem Buch den erwünschten weihnachtlichen Glanz verleihen würden. Gesagt, getan. Dann war es nur noch die Arbeit von Monaten, all das in ein hoffentlich akzeptables Format zu bringen, die Seitennummerierung hinzubekommen und ein Cover zu gestalten.

Spätestens daran wäre ich vermutlich gescheitert, aber ich habe eine Tochter, die sich mit solchen Dingen auskennt, die lesen und schreiben kann und die Fehler gefunden hat, die ich sorgfältig über den Text verteilt hatte. Ohne Amelies Arbeit wäre das alles nichts geworden und das es jetzt ein schönes Buch ist, also eins, das schön aussieht, liegt an ihrer geschmackvollen Gestaltung des ganzen Covers und nicht zuletzt an der Grafik von kirillslov.

Weil das Buch – Ich mit fremden Federn heißt es übrigens – bei epubli erschienen ist, kann man es dort auf kaufen. Später einmal auch bei Amazon oder im Buchhandel. Also nächstes Jahr in der Weihnachtszeit, falls man mit seinen Entscheidungsprozessen nicht ganz so schnell ist.

Es gibt eine Softcoverausgabe, die schön ist und ein Hardcover, das richtig schön ist. Aber ich nehme es nicht persönlich, wenn nur die preiswertere Softcoverversion bestellt werden sollte. Ja, ich würde es sogar akzeptieren, wenn weder die eine noch die andere Ausgabe gekauft würde, aber das schreibe ich hier besser nicht.

Müller meldet sich ab

Müller meldet sich ab

Meier.

Ja, hallo Herr Meier. Müller hier.

Tag Herr Müller. Was gibt’s denn?

Tja, tut mir Leid, Herr Müller. Ich muss mich abmelden für heute. Geht mir überhaupt nicht gut.

Oh, hoffentlich geht es ihnen bald besser.

Fieber, Kopfschmerzen.

Corona?

Na hoffentlich nicht. Ich lasse mich gleich mal testen. Falls ja…

Dann wären Sie… 10 Tage raus? Richtig?

Ja, falls ich mich nicht nach 5 Tagen freitesten kann. Aber vielleicht ist es ja nur ein einfacher grippaler Infekt.

Ja. Gerade jetzt, ist schon sehr viel zu tun.

Tut mir Leid, auch für die Kollegen.

Na, wenn Sie krank sind, dann machen Sie sich darüber mal keine Gedanken. Wir schaffen das schon.

Her Meier? Sind sie noch da?

Ja sicher. Ich höre Sie gut. Hören Sie mich?

Herr Meier? Komisch, plötzlich weg.

Nein, ich bin hier. Ich kann Sie gut verstehen, Herr Müller. Hören Sie mich jetzt?

Na, egal. Ich hab ja gesagt, was ich sagen wollte. Jetzt ist er irgendwie weg. Ob er mir das abgekauft hat? Die Idee mit Corona, die hatte ich noch nicht. 10 Tage. Das ist ein richtiger kleiner Urlaub. Okay, wegfahren ist nicht.

Müller? Nehmen Sie mich jetzt auf den Arm?

Irgendwas ist da noch in der Leitung. So ein Krächzen. Vermutlich eine atmosphärische Störung. Gibt es sowas überhaupt bei Voice over IP? Der Idiot hat mir auch noch die Ausrede geliefert. Als ob ich nicht wüsste, was da gerade ansteht. Ich mach doch nicht aus Jux und Dollerei blau.

Das ist ein Kündigungsgrund, Müller. Für eine fristlose Kündigung. Ich habe auf laut gestellt, die Schneider aus der Buchhaltung ist Zeugin.

Nee, die Leitung ist tot. Ich leg mal auf. So einen Coronatest lässt sich doch locker fälschen, oder?

Bild: Creator:Wiktorya Goriniska, Public domain, via Wikimedia Commons

Fleischlos (4)

Fleischlos (4)

Ben will rauf auf den Turm und einer darf mit oder soll, aber auch nur einer, weil es doof wäre, wenn einer allein unten warten müsste. Langweilig wäre das. Sie würfeln und Luis geht mit. Er fühlt sich nicht so, als hätte er beim Würfeln gewonnen, aber einfach unten bleiben kann er ja auch nicht.

Der Turm ist eigentlich fest verschlossen, praktisch uneinnehmbar, aber wenn ein Satz schon mit eigentlich anfängt… Luis sieht das Schlüsselloch, in das bestimmt ein riesengroßer schwarzer Schlüssel passen würde, den sie aber leider nicht dabei haben. Ben drückt trotzdem die Klinke herunter und siehe da, nichts rührt sich. Ben ist fast so erleichtert wie Luis, aber er rüttelt doch dran und plötzlich geht die Tür auf, einfach so. Die beiden Jungen können ja nicht wissen, dass die Tür sehr wohl verschlossen war, aber das gerade in dem Moment, in dem Ben zum zweiten Mal die Tür zu öffnen versuchte, ein Mondstrahl, der nur zu einer bestimmten Minute, ach was, einer Sekunde im Jahr durch eine Ritze in der Wand des Turms fällt und das auch nur dann, wenn nicht gerade eine Wolke den Mond verdeckt, dass dann dieser Mondstrahl genau durch das Schlüsselloch hindurchgeht. Mehr braucht es nicht, aber das ist schon eine ziemlich sichere Art, einen Turm abzuschließen, denn wer mag schon darauf warten, dass – pling – ein kleines bisschen blasses Licht durch das Schlüsselloch fällt?

Die Tür ist offen und das fühlt sich jetzt ziemlich komisch an, so, als würde etwas ganz Kaltes durch seinen Hals laufen, aber Ben zieht die Tür auf, die knarrt, als wäre sie extra dafür gemacht worden, wie in einem Horrorfilm und dann fällt ein bisschen Licht in den Turm und sie können den Anfang der Treppe sehen. Aber wenn sie die Treppe hoch wollen, müssen sie die Tür schon wieder loslassen und dann ist das kleine bisschen Licht auch wieder weg. Zum Glück haben sie ja ihre Taschenlampen und machen gleich beide an, es ist nämlich nicht einfach dunkel im Turm, es ist wie so eine staubige schwarze Nacht, die Luft steht und riecht nach Fledermauspisse, das meint jedenfalls Luis und irgendwo oben flattert auch etwas. Ben will da auch überhaupt nicht mehr hoch, aber was soll er machen, wenn die anderen jetzt draußen stehen und warten?

Ben ist keiner, der schnell aufgibt und Angst zeigen, das geht schon mal gar nicht. Also mit der Handytaschenlampe die Treppe rauf. Erst sind es breite Steinstufen, nicht gerade in gutem Zustand, da ist wohl auch schon mal ein Ritter in voller Rüstung raufgelaufen und hat dabei was zerbröselt. Dann, nach einem Stück, es wird der erste Stock gewesen sein, sind es nur noch Holzstufen und die knarren und klingen überhaupt nicht gut. Manche haben tiefe Risse, bei anderen fehlt ein ganzes Stück.

Dann wird auch noch Bens Taschenlampe schwächer. Licht an lassen und gleich keinen Akku mehr haben, um Bilder zu machen oder, aber das denkt Ben nur, das sagt er nicht: Hilfe zu rufen? Luis hat noch mehr Akku und leuchtet auch ein bisschen die Treppe hoch, aber er will das Handy nicht aus der Hand geben und vorne laufen will er auch nicht.

Von draußen kommt kein bisschen Licht, die Fenster sind zugemauert oder verrammelt. Hier soll keiner rein-, vielleicht aber auch keine rauskommen. Es wird eng im Treppenhaus und dann, zack, ist der Akku alle. Blöd, denkt Ben, hätte er besser aufpassen müssen. Luis will nicht weiter, aber allein mitten im Turm warten will er auch nicht. Ben ist sich nicht ganz sicher, ob es schlau ist, jetzt noch weiterzugehen, aber Netz haben sie hier auch nicht, das hat Luis schon probiert, also rauf, von da können sie wenigstens schreiben oder anrufen. Runter wäre natürlich logischer, aber in solchen Situationen machen die Leute ja immer genau die falschen Sachen.

Eben noch war das Licht von Luis Lampe hinter Ben, plötzlich ist es auch weg und Luis schimpft und klingt ziemlich weinerlich und kommt schnell, Ben hört das, die Stufen hoch und ist gleich hinter ihm, schiebt seine Hand in Bens und im Dunklen steigen sie weiter die Treppe hinauf.

Man spürt das, wenn der Raum plötzlich enger wird, auch wenn man fast nichts sehen kann und Ben spürt das auch. Eine enge Stelle im Treppenhaus und Luis ist fast neben ihm, das ist viel zu eng für sie beide und es gibt ein richtiges Gedrängel. Da knackst es und ein Stück Stufe, hoffentlich nur ein Stück, bricht ab und fällt in die Dunkelheit und es dauert ganz schön lange, bis sie hören, wie es irgendwo aufprallt. Gleich nochmal, wieder bricht etwas ab und Luis lässt los, Ben stellt sich an die Seite, fest an die Wand gedrückt, während neben ihm oder unter ihm ein Getöse ist, ein Bersten und Brechen, das man bestimmt auch draußen hört. Vielleicht auch nicht, sind ja so dicke Wände hier. Aber der Staub, den das alles aufwirbelt, der quillt unter der Tür hindurch nach draußen und das sieht überhaupt nicht gut aus im Mondlicht.

Ben tastet mit einem Fuß nach unten, aber da ist nichts. Nach oben, da fühlt er ein Stück Holz, keine ganze Stufe, mehr so ein Rest, der aus der Wand ragt. Er setzt den Fuß darauf, probiert, ob das Holz ihn trägt und zieht dann den andern Fuß nach. Aber er rutscht ab, verliert fast, was heißt hier fast, den Halt und… zum Glück greift die Hand von oben nach, fast sein Handgelenk, zieht ihn wieder auf die Treppe und sein Herz schlägt wild, so hat er es noch nie gespürt. Dabei ist es so still geworden im Turm.

Dann endlich macht die Treppe einen Bogen, etwas fahles Mondlicht fällt auf die oberste Stuf. Da öffnet sich ein Raum, kahl und staubig. Ben sieht einen Schatten, das ist doch Luis, der da schon wieder in das Treppenhaus verschwindet, auf die enge Wendeltreppe, die nach oben bis zur Zinnen bewehrten Turmspitze führt. Warte, ruft Ben und gleich antwortet Luis, aber die Stimme kommt von unten, von dort, wo Luis hinter Ben im Treppenhaus war und offensichtlich auch geblieben ist.  Aber wenn das da unten Luis ist, der nicht weiter kann, weil die Treppe weggebrochen ist, wer ist das dann da vorn, wer hat Ben gehalten und hochgezogen? Noch während er grübelt, greift eine kühle Hand die seine, fest und entschlossen.

Luis ist schon wieder unten. Finn und Leon wollen gleich die Treppe rauf, aber Luis erklärt ihnen, dass das keinen Sinn hat. Die Holztreppe ist fast vollständig zusammengebrochen. Im Licht ihrer Taschenlampen sehen sie den Staub und die Splitter, die es bis ganz unten geschafft haben. Aber was nun? Hilfe holen und sich dem Ärger aussetzen, hier einge-drungen zu sein? Oder abhauen und anonym Alarm schlagen? Finn hat Netz und während die anderen noch diskutieren, hat er Ricardo schon angerufen.

Die Nacht ist jetzt ausgesperrt, Masten mit Scheinwerfern hat die Feuerwehr rund um den Turm aufgebaut und Retter mit Spezialgerät versuchen, sich einen Weg durch das Treppenhaus zu bahnen. Der große Leiterwagen, mit dem man auch die oberen Stockwerke erreichen könnte, kann nicht bis hier zur Burgruine gebracht werden, aber Höhenretter sind schon vor Ort und für die ist das eine der einfacheren Übungen. Als sie den obersten Raum betreten, den, dessen Wände noch immer schwarz sind, sehen sie an der Wand zwei Schattenrisse. Eine Frau und einen Jungen – Hand in Hand.

Ende

Bild: Georg Adam, Public domain, via Wikimedia Commons

Fleischlos (3)

Fleischlos (3)

Ist immer so, man kennt einen, der einen kennt, der dabei gewesen ist. Aber Gruselgeschichten müssen ja nicht auf gerichtsverwertbaren Tatsachen beruhen. Jedenfalls macht Ricardo wieder eine Pause und ein paar von den Kleineren rutschen unruhig hin und her auf der Bank, aber Ben kichert nur.

„Und dann?“ fragt Ina, als ob sie nicht genau wüsste, wie es weitergeht.

„Zum Glück hat man ihn lebend gefunden, allein im Wald noch in der Nacht. Aber er sprach nicht mehr und weigerte sich, auch nur in der Nähe des Turms zu bleiben.“

Ricardo macht schon wieder eine Pause und diesmal sind wirklich alle gespannt, wie es weiterging, damals.

„Ach ja, da gibt es noch etwas für alle, die noch Beweise brauchen. Leute aus dem Dorf sagen nämlich, dass man manchmal oben im Turm, ihr wisst schon in welchem Zimmer, ein trauriges Gesicht am Fenster sehen soll.“

Ob der Junge irgendwann wieder gesprochen hat und was er dann erzählt hat, davon will Ricardo erst am nächsten Abend berichten. Wenn das Wetter mitspielt, sonst eben im nächsten Jahr im Ferienlager an der Nordsee. Cliffhanger.

Proteste und Buhrufe. Leise Buhrufe, spät abends im Wald weckt man ja lieber nichts, was vielleicht schon schlafen könnte und dann schlechte Laune bekommt und brummt oder kreischt. Die Kids räumen noch auf,  packen weg, was über Nacht wegzupacken ist und Timo löscht das Feuer. Ricardo tut so, als ob er Ben noch einen Gute-Nacht-Kuss geben will und schon ist Ben in seinem Zelt.

Vom hohen Baum aus sähe man jetzt nur noch das Leitungsteam, das sich in den Kleinbus verzieht und eine Flasche Rotwein aufmacht und hörte, wenn man so gut hörte, wie die Eule sieht, das Getuschel in den Zelten und wie es dann bei den Kleinen schnell still wird, während bei Ben noch diskutiert wird. Hingen Sprechblasen über dem Zelt, dann könnten wir dort jetzt „Quatsch“ lesen und „Babygeschichte“. Etwas später allerdings, ganz vorsichtig, leise, leise, geht der Reißverschluss wieder auf und jemand lugt raus, guckt, ob da jemand guckt und ist dann ganz schnell draußen und auf der Seite des Zeltes verschwunden, die man von den Autos aus nicht sehen kann. Noch ein bisschen, dann sind vier der sechs, die in dem Zelt wohnen, unterwegs zum Turm. 

Ben weiß die Richtung. Ist auch kein Kunststück, weil es einen Wanderweg gibt und wenn man sein Handy dabei hat und die Taschenlampe anmacht und das geht ja nun wirklich bei jedem Handy, dann kann man die Wegweiser auch lesen. Es ist dann auch nicht ganz so dunkel im Wald. Nicht, dass die vier, Ben, Leon, Finn und Luis, das Wort Angst auch nur kennen würden, aber manchmal ragen da Wurzeln in den Weg und dann könnte man fallen und da sind auch so komische Bäume, die aussehen, als stünde da einer, dem man bei Nacht nicht begegnen möchte.

Es ist auch nicht so weit, sie haben es ziemlich bald geschafft.

Der Turm steht da auf seiner eigenen kleinen Lichtung und leuchtet. Also das sieht nur aus, als ob er leuchten würde, das merken die Vier auch gleich. Liegt natürlich nur an den Steinen und dem Mondlicht. Hätte man Angst, könnte man denken, dass die Mondsichel wie die Klinge von so einem Karambitmesser aussieht. So einem, das man von Counter Strike kennt, wenn man sich traut, das zu spielen, auch wenn man das noch nicht darf. Den Friedhof hat sich Ricardo nur ausgedacht. Oder vielleicht doch nicht. Ein paar Grabsteine stehen da, aber da liegen bestimmt nicht mal mehr Knochen drin, aber wenn, dann solche mit zertrümmerten Schädeln oder ohne Kopf und jetzt ist es doch ein bisschen unheimlich hier im Wald.

Fortsetzung folgt

Fleischlos (2)

Fleischlos (2)

Teil 2

Ricardo machte es sich auf dem Baumstamm, der ihm als Bank dient, bequem, so gut das eben auf einem Baumstamm geht und erzählt.

„Der Turm, von dem ich erzählen will, der soll da schon seit ewigen Zeiten stehen. Er ist der Rest einer alten Burg, ein Bergfried, so heißt das wohl. Die Burg wurde bei einer Fehde zwischen verfeindeten  Rittern eingenommen, der Turm nie. In diesem Turm überlebte eine Frau, die Freifrau von Altenstein aus uraltem Adel, die mitansehen musste, wie alles, was ihr lieb und teuer war, ermordet oder verschleppt wurde und wie die Burg, auf der sie zuhause war, niedergebrannt wurde. Sie blieb am Fenster stehen wie angewachsen und konnte den Blick nicht abwenden. Der Rauch und die Hitze, die von überall aufstiegen, auch von den Feuern, die am Fuße des Turms entzündet worden waren, um die letzten, die im Turm Zuflucht gesucht hatten, zur Aufgabe zu zwingen, umgaben sie, aber sie harrte aus ohne Aussicht auf Hilfe.

Die glühend heißen Flammen hatten die schweren, gusseisernen Beschläge der Tür zum Glühen gebracht und schließlich die Beschläge und das  Eisen des Rahmens miteinander verschmelzen lassen.“

Sofie muss mal und solange ist Pause. Nur am Feuer ist es nicht dunkel, Funken fliegen und es ist schön und warm. Emma und Felix, das Pärchen der Truppe, sitzen fast eng nebeneinander. Ina lächelt und meint, dass der Turm bestimm nicht mit so einem kleinen Vorhängeschloss gesichert wird wie mit dem, das Emma und Felix heute an der Brücke über den Waldbach festgemacht haben und die beiden werden ein bisschen rot, weil sie nicht gemerkt haben, dass Ina das gesehen hat. Dann ist auf Sofie auch schon zurück und Ricardo erzählt weiter.

„Durch das Feuer war es also unmöglich geworden, den Turm zu verlassen oder zu betreten, bis Jahrhunderte später Räuber und Plünderer mit modernem Werkzeug den Zugang wieder öffneten, den Turm aber total leer fanden. Nur im obersten Raum, dem, der den Blick freigab auf die nach all der Zeit schon malerischen Ruinen der Burg, einem Raum, der Ruß geschwärzt war, fanden sie die Umrisse eines Menschen an der Wand. Sie ahnten nicht, dass es der Schattenriss der Freifrau von Altenstein war, der entstanden war, als sie dort am Fenster die Katastrophe mit ansah, die ihre Familie erleiden musste.

Doch während die Eindringlinge nach Gold suchten, nach Schätzen oder wenigstens etwas von historischem Wert, das ihnen bei einem Sammler ein paar Münzen hätte einbringen können, löste sich der Schatten von der Wand, der Raum verdunkelte sich und wer nicht augenblicklich den Turm verlassen hatte, verließ ihn nie mehr, denn die Freifrau von Altenstein oder das, was aus ihr geworden oder von ihr geblieben war, verteidigte, so wie sie das auch seitdem tut, den Turm gegen jeden und alles. Erst kamen noch Neugierige und Wagemutige, aber im Laufe der Zeit wurde der Turm vergessen und auch die Geschichte kennen nur noch wenige.“

„Aber du kennst sie und man hat auch nie einen Möbelwagen gesehen hat, für den Umzug der Freifrau von Altenstein. Und wenn sie nicht gestorben ist, dann wohnt sie da noch heute“, mischte sich Ben ein, bevor Ricardo seine Erzählung zu Ende bringen konnte.

„Die Geschichte steht im Handbuch für Ferienfreizeiten mit lästigen Kindern und unmöglichen Jugendlichen“, schaltete sich nun auch Ina ein und Ricardo lachte.

„Ich habe sie gelesen, in einem alten Buch in der Uni. Irgendwas mit Heimat und Sagen, ich weiß den Titel nicht mehr, deshalb habe ich es wohl auch nicht wiedergefunden, nachdem…“

Ricardo wurde still und alle wurden still. „Bei einer Freizeit ist nämlich einer heimlich abgehauen und zum Turm und irgendwie ist er da auch reingekommen. Keiner weiß, wie er das gemacht hat. Der Turm ist gut gesichert.“

Fortsetzung folgt

Fleischlos

Fleischlos

Teil 1

Eine Wiese auf einer Lichtung. Ein paar große Laubbäume, Eichen und Buchen, die, wie alle alten Bäume, viel zu erzählen hätten, wenn sie denn könnten. Allerdings ginge es ihnen dann vermutlich wie den alten Menschen, die auch viel zu erzählen hätten, hörte man ihnen denn zu. Im Schutz der Bäume sind sechs grüne Gruppenzelte und ein Küchenzelt zu sehen. In einem Pavillon stehen lange Tische. Am Rande der Lichtung parken mehrere Autos. Es klappert, jemand wäscht Geschirr ab, eine Elster schimpft und die Mücken machen sich bereit für ihren allabendlichen Einsatz. Im Dickicht ist es schon sehr schummerig und nicht mehr lange, dann wird die Sonne untergehen.

Von einem der höheren Bäume aus ist das Dorf zu sehen, gerade weit genug entfernt, um ungestört zu sein, gerade nah genug, um schnell mal ein neues Paket Heftpflaster oder Kartoffeln für die Lagerküche zu besorgen. Zur anderen Seite sieht man einen Turm. Ben hat das gesehen, obwohl das Leitungsteam der Ferienfreizeit der Martinsgemeinde, wir lassen an dieser Stelle offen, ob es der Martin war, der seinen Mantel teilte oder jener, der gleich die ganze Christenheit teilte, also das Leitungsteam der Martinsgemeinde hatte ausdrücklich und in recht scharfem Ton untersagt, die Bäume zu besteigen, weil das von der Gemeindeunfallversicherung nicht abgedeckt sei.

Fragen zum Turm könnten deshalb eigentlich nicht gestellt werden, denn, hat man ihn nicht gesehen, kann man doch auch keine Fragen dazu stellen, oder? Aber wer sich auf den Baum traut, traut sich auch zu fragen.

Am Lagerfeuer, wenn Timo, der sich durch alle Ferienlager der Gemeinde hochgedient hat und jetzt als Betreuer dabei ist, endlich seine Gitarre zur Seite legt und alle noch einen Moment in das prasselnde Feuer starren, bevor es in die Zelte und ins Bett geht, fragt Ben und es wird noch stiller auf der Lichtung. Der Waldkauz auf dem vom Blitz gespaltenen Stumpf einer alten Rotbuche dreht seinen Kopf, als wolle er nicht hören, was nun kommen muss. Vielleicht will er das ja auch wirklich nicht, weil er die Geschichten jedes Jahr aufs Neue gehört hat. Ricardo, der mit der Basecap, auf der Chef steht, blickt in die Gesichter der Mädchen und Jungen, die ihm anvertraut sind. „Es gibt da eine Geschichte, aber ich glaube, die ist noch nichts für euch.“

Klar, die übliche Gruselgeschichte, die man den Kurzen erzählt, mit dem üblichen Brimborium, den Warnungen, der vorgetäuschten Sorge, funktioniert immer, wenn die Fledermäuse tieffliegen, Zweige brechen und wenn es dann gleich ins Zelt geht und keiner das Licht im Flur anlässt.

„Das ist nämlich nicht irgendein Turm! Der ist mit einem Fluch belegt und tagsüber würdet ihr nichts davonmerken, da kann man auf der Treppe picknicken und ein Selfie für Insta machen. Aber sobald die Sonne untergeht“, Ricardo legt eine Pause ein und Ina, die Soziale Arbeit studiert, macht kleine Augen, als wäre sie sehr besorgt, wie das wohl weitergehen wird, „da, zack, richten sich die Gräber um den Turm, da ist nämlich ein alter, aufgegebener Friedhof, wie von einem Magneten angezogen auf den Turm aus. Wie eine Windrose mit dem Turm in der Mitte sieht das dann aus.“

Alte, aufgegebene Friedhöfe mit umgekippten und geborstenen Grabsteinen passen hervorragend in Gruselgeschichten. Muss man nämlich erst über den Friedhof – und das auch noch bei Nacht – um zu dem Turm zu gelangen, bei dem man ja eigentlich um keinen Preis sein möchte, nur, wenn einer davon erzählt, dann ist das noch mal viel mehr Horror. „Wenn jetzt aber einer den Turm betritt und da sogar noch hochsteigt, der ist verloren.“

Fortsetzung folgt

Bild: Max Josef Wagenbauer, Public domain, via Wikimedia Commons

Schwein

ich sitze ein

warum

stellte dir ein bein

du sitzt beim wein

warum

dir schenkt man ein

darf das so sein

wieso

der hats und die kein schwein

Rainer Strobelt

26.10.22

Und nun der Werbeblock:

Als Rainer Strobelts neues Buch „Strittig die dritte: Frische Kurzprosa vom kolossalen Minimalisten“ erschien, habe ich dazu die folgende Rezension verfasst:

Bereits zum dritten Mal lässt Rainer Strobelt sein Alter Ego zu Wort kommen. Strittlinge nennt er seine Kurzprosa, seine Einwürfe, Widersprüche und Gedankenblitze. „Sich mit Worten auseinandersetzen“ findet sich als eine mögliche Erklärung des Wortes strittig und schon gehen die Auffassungen auseinander, denn statt der Auseinandersetzung mit einem Gegenüber, dem Streit also, setzt Strittig sich mit den Worten auseinander.

Nicht selten kann und will er, was er hört, liest oder erlebt, auch was er denkt, nicht einfach hinnehmen, traut den Wörtern nicht und weiß doch genau, dass es keine anderen, zumindest keine besseren Mittel gibt, um sich mit der Mehrdeutigkeit oder, schlimmer noch, mit der Eindeutigkeit der Welt auseinanderzusetzen. Strittig erklärt uns nicht die Welt, Strittig leidet mit uns, für uns an ihr, doch bewahrt er sich bei aller Weltklugheit auch seine Naivität, denn da ist immer auch das Lachen, der Spott und vor allem das Staunen, das Staunsyndrom, wie es im Strittling 212 heißt.

Strittig ist aber nicht der Elefant im Elfenbeinturm, keiner, der seinen Platz in der Ruhmeshalle der Dichter und Denker schon mal mit einem Handtuch reservieren würde, nein, Strittig bleibt angenehm selbstironisch, wie im Strittling 405: „Strittig klimpert eine Melodie. Meint La Traviata zu geben, wo doch die Kinder hinter der Hecke Alle meine Entchen mitträllern.“ Mit „Strittig die dritte“ macht Rainer Strobelt es wieder kurz, kein Strittling ist mehr als ein paar Zeilen lang und wer mag, ist schnell damit durch. Kurzprosa eben. Fürs gleiche Geld darf man aber auch verweilen, hin und her blättern, Entdeckungen machen, staunen, lächeln und verständnislos die Schultern zucken. So soll es sein: Strittig

Eines Morgens im Deutsch-LK

Eines Morgens im Deutsch-LK

„Okay, Annette, jetzt du.“
„Ich hab ein…“
„Etwas lauter bitte. Nein, nicht ihr. Annette, nicht ganz so leise, ja!“
„Ein Gedicht, ich habe ein Gedicht geschrieben.“
„Klar, typisch so ein Mädchending. Love, love, love und Sonnenuntergang in Pink und…“
„Danke Ben. Offenbar kennst du den Text ja schon. Kleine Kooperation zwischen euch?“
„Ich? Mit der? Niemals!“
„Dann warten wir doch einfach mal ab und geben Annette anschließend ein konstruktives Feedback, okay?“

„Darf ich bitte raus? Ich hab ein Attest. Lyrik verklebt nämlich meine Synapsen.“
„Na klar, Ole. Nimm dann bitte das Arbeitsblatt zur Wahrscheinlichkeitsrechnung mit. Das trainiert deine Synapsen.“
„Das verstößt aber so was von gegen die Menschenrechte.“
„Es gibt kein Menschenrecht auf Unfug.“

„Der Knabe…“
„Was? Annette, das ist Ole. Nicht der Knabe.“
„So heißt mein Gedicht.“
„Der Knabe?“
„Nein. Der Knabe im Moor.“
„In welchem Moor? Venner Moor?“
„Im Moor. Einem Moor oder dem Moor, wie Sie wollen. Wenn es Ihrer Phantasie hilft, es zu lokalisieren, dann gern auch das Venner Moor. Aber etwas mooriger. Kann ich jetzt?“
„Nicht so zickig, Annette. So ein „von“ im Namen ist kein Freibrief für Schroffheit.“
„Entschuldigung. Kann ich jetzt?“
„Dann mal los. Und Ruhe bitte.“

Der Knabe im Moor

O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
Wenn es wimmelt vom Heiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche,
Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,
Wenn aus der Spalte es zischt und singt! –
O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
Wenn das Röhricht knistert im Hauche!

„Das war schön, Annette. Also mein erster Eindruck. Das Reimschema..“
„Ich bin noch nicht fertig. Darf ich weitermachen?“
„Bitte.“

Fest hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt, als ob man es jage;
Hohl über die Fläche sauset der Wind –
Was raschelt drüben am Hage?“

„Das ist der Erlkönig, der da raschelt.“
„Ben, das ist jetzt nicht nett, obwohl ich die Assoziation auch hatte. Annette, ist dir die Ähnlichkeit nicht aufgefallen?“

„Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlkönig mir leise verspricht? –
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
In dürren Blättern säuselt der Wind.“

„Klar, das ist auch eine Ballade. Bei Goethe säuselt und bei mir sauset der Wind. Falls das reicht, bekenne ich mich des Plagiats schuldig. Aber vielleicht darf ich erstmal fertig lesen?“
„Na, ich hoffe mal, dass das jetzt nicht ein Erlkönig 2.0 wird!“
„We want Moor!“
„Ist ja gut, Ben. Hast du einen Farbwunsch für den Eintrag ins Klassenbuch?“
„Also. Kann ich?“

Fest hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt, als ob man es jage;
Hohl über die Fläche sauset der Wind –
Was raschelt drüben am Hage?“
Das ist der gespenstische Gräberknecht,
Der dem Meister die besten Torfe verzecht;
Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
Hinducket das Knäblein zage.

„Wird das noch heftiger, so ein Horror-Ding? Das ist ganz schön harter Stoff. Ich weiß nicht, ob wir da nicht Ärger mit der Klassenpflegschaft bekommen. Na, lies mal weiter. Wir müssen ja langsam fertig werden.“

Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
Unheimlich nicket die Föhre,
Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
Durch Riesenhalme wie Speere;
Und wie es rieselt und knittert darin!
Das ist die unselige Spinnerin,
Das ist die gebannte Spinnenlenor’,
Die den Haspel dreht im Geröhre!

„Starke Bilder und diese Sprache… Dylan Thomas trifft Edgar Allan Poe. Ja, Ole?“
„Spinnen-Lenor? Ist das Product-Placement? Waschmittelwerbung? Kriegen wir gleich noch  Hummel-Persil? Und den Haspel im Geröhre, den würde ich auch gern mal drehen, wenn sich’s machen ließe.“
„Darüber müsst ihr gar nicht albern kichern. Das war ziemlich billig. Annette?“

Voran, voran! Nur immer im Lauf,
Voran, als woll es ihn holen!
Vor seinem Fuße brodelt es auf,
Es pfeift ihm unter den Sohlen,
Wie eine gespenstige Melodei;
Das ist der Geigemann ungetreu,
Das ist der diebische Fiedler Knauf,
Der den Hochzeitheller gestohlen!

„Zombies! Das ist ne echte Zoombienummer von unserem Annettchen, hätte ich ihr überhaupt nicht zugetraut mit ihren Spitzenkragen und Perlenketten. Der diebische Fiedler Knauf… Fiedler Knauf… das war bestimmt ein Hipster.“
„Alle noch wohlauf? Wird das auch nicht zu viel für euch? Falls jemand das nicht mag, ich zwinge hier keinen, sich Gruselgeschichten anzuhören und anschließend eine posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln.“
„Annette, ab jetzt aber nur noch unter Vorbehalt. Ich hoffe, du kennst die Grenzen dessen, was während des Unterrichts geht.“

Da birst das Moor, ein Seufzer geht
Hervor aus der klaffenden Höhle;
Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:
„Ho, ho, meine arme Seele!“

„Wer ist denn jetzt wieder diese Margret? Mir schwirrt schon der Kopf. Alles Moorleichen und Gespenster?“

Der Knabe springt wie ein wundes Reh;
Wär nicht Schutzengel in seiner Näh,
Seine bleichenden Knöchelchen fände spät
Ein Gräber im Moorgeschwele.

„Bleichende Knöchelchen? Was stimmt denn nicht mit deiner Fantasie? Das ist morbide! Und Moorgeschwele – darunter kann mich mir beim besten Willen nichts vorstellen.“

Da mählich gründet der Boden sich,
Und drüben, neben der Weide,
Die Lampe flimmert so heimatlich,
Der Knabe steht an der Scheide.
Tief atmet er auf, zum Moor zurück
Noch immer wirft er den scheuen Blick:
Ja, im Geröhre war’s fürchterlich,
O schaurig war’s in der Heide.

„Aus? Du bist durch mit deinem Text? Okay, danke Annette. Ihr dürft auch mal klopfen. Das war ja schon eine Leistung, ein starkes Stück, hätte ich fast gesagt. Nein, Ben, kein Stück Torf. Schaurig, sicher, schauderhaft nicht. Natürlich bist du keine Goethin. Aber nett, dass du den Knaben überleben lässt, sonst hätte der Direx sicher deine Eltern einbestellt und Pfarrer Große Wegkamp einen Exorzismus durchgeführt.

Jetzt ist auch gleich Pause, aber wenn du noch schnell meine Meinung hören willst: Der Knabe im Sumpf… entschuldige, im Moor, der hat schon was. Das ist alles sehr anschaulich, man kriegt beim Zuhören richtig nasse Füße und macht sich Sorgen um den Jungen, gerade weil wir ja wissen, wie es beim Erlkönig ausgegangen ist. Ich würde es nicht gleich beim Literarischen Quartett versuchen, aber für die Schülerzeitschrift reicht es. Voll umfänglich. So, und ihr, raus jetzt, Pause. Voran, voran! Nur immer im Lauf, wie Annette es sagen würde.“

Die Ballade Der Knabe im Moor von Annette von Droste-Hülshoff ist zuerst am 16. Februar 1842 erschienen. Annette soll neben einem scharfen Verstand und einem außergewöhnlichen literarischen Talent auch Humor besessen haben.

Falsche Zähne

Falsche Zähne

Meine Oma war alt. Schon immer. Immerhin war sie 53 Jahre älter als ich. Alte Menschen kleideten sich dunkel, trugen eine Brille und hatten keine eigenen Zähne mehr. Aber meine Oma hatte Söhne und Töchter, die sich darum kümmerten, dass sie ein Gebiss bekam. So eins, dass man abends in ein Glas mit Wasser stellte. Doch meine Oma ließ es dort auch den ganzen Tag über, weil es nicht passte.

Ich weiß nicht, ob es ihr nicht passte oder ob ihr einfach nicht passte, dass sie ein Gebiss tragen sollte. Alte Menschen sind da komisch, ich weiß, wovon ich spreche. Also redete die Familie ihr gut zu. Mit den künstlichen  Zähnen könne sie doch besser kauen, deutlicher sprechen und freundlicher lächeln. Doch statt der Welt die Zähne zu zeigen, vergrub meine Oma ihre neuen Zähne im Garten. Kiefern zu pflanzen, wäre billiger gewesen, aber in welchem anderen Garten gab es ganzjährig etwas zu beißen?

Bild: Garten des Architekten Henry van der Velde in Weimar (Villa Hohe Pappeln). Um 1909.