Jetzt ist auch schön

Jetzt ist auch schön

Mit der Nase in einem Buch oder mit den Augen auf der Suche nach den Spuren einer Vergangenheit, die vielleicht nicht besser, aber anders war, Loriot würde vielleicht sagen, mehr Lametta hatte, so sind wir unterwegs auf Hiddensee.

Das Gerhart-Hauptmann-Haus, der „Klausner“, die Lietzenburg, die Kirche in Kloster mit dem Friedhof, die Hausmarken, das Ostseehotel, das um 1906 noch die Rufnummer 3 hatte, das frühere Hotel, in dem Fallada „Kleiner Mann – was nun?“ vollendete, die Fährinsel, von der aus die Reisenden einst mit der Kutsche oder auf den Schultern der Fährleute durch die Furt zur Insel gebracht wurden, das Haus Karusel der Stummfilmgröße Asta Nielsen, das und mehr lässt sich finden, manches muss man suchen, aber das erhöht noch das Vergnügen.

Als ob die Insel es nicht wert wäre, als ob die Gegenwart nur ein Brückenkopf der Vergangenheit wäre. Hiddensee ist zauberhaft schön, mit seinen bewaldeten Hügeln, der Steilküste im Norden und dem Sandstrand hinunter bis zum Gellen, dem Bodden und der Aussicht vom großen Inselblick, die einen seufzen macht. Die eigenwilligen Öffnungszeiten, Servicewüste, wird manch einer denken, auf ist, wenn auf ist und um 17 Uhr ist zu. Jedenfalls im Mai, in der Zwischensaison. Ein Glas Rum im Figurentheater und dann auf der kleinen Bühne „Die Schatzinsel“. Im Biergarten des Klausners Hornfisch mit grünen Gräten, Grätenturnen inklusive.

Urlauber mit einem Eis in der Hand, Sanddorneis, sowas gibt’s nicht überall. Bestimmt nicht jedermanns Geschmack,  etwas herber, wie der Osten, den man auch hört, Berliner sind hier, Sachsen, Thüringer mit ihren Meinungen, die gleich raus müssen, freundlich aufgeregt. Aber die Ruhe der Insel wirkt, schnell geht hier nichts, keine Autos, okay, die Post, die Polizei, die Müllabfuhr, ein Inselbus.

Sandwege im Ortskern von Kloster, Betonplatten auf den Wegen zum Strand oder hinaus zum Leuchtturm, Platten aus DDR-Zeiten, erschütternd in wahrsten Sinne des Wortes. Die Lerche steigt auf und Rinder in allen Farben ziehen über eine Weide am Hang. Eine Allee, links eine Weide mit einer Million Weißwangengänsen, einem Haus als Ruhepunkt für das  Auge und dahinter der Bodden, das ruhige, kaum einmal schiffbare Gewässer, Schwäne in großen Gruppen, rechts die Hügel, die von den Ausstattern der Teletubbies entworfen worden sein könnten, dabei waren es die Gletscher der letzten Eiszeit, die natürlich auch nicht an Hiddensee vorbei konnten. Ein paar Bäume auf der Kuppe eines dieser Hügel, ein Postkartenmotiv, dann gleich daneben der Leuchtturm. Eingepackt wegen notwendiger Arbeiten. Ich will mein Geld zurück. Als hinge die Mona Lisa falsch rum im Louvre.

Natürlich ist auch Hiddensee nicht perfekt. Der Backfisch in dem Imbiss, der im vergangenen Jahr noch selbstgeräucherten Lachs zum Niederknien verkaufte, wird jetzt im Brillenetui geliefert – oder war das etwa eine Panade? Die Brötchen könnten knuspriger, das Bier kälter und der Wind wärmer sein, die Sandwege weniger sandig. Und vor allem: der Urlaub länger.

Eine Insel braucht Reklame

Eine Insel braucht Reklame

Gerhart Hauptmann, den Katia Mann einst ihrem und unserem Thomas gegenüber als König von Hiddensee bezeichnete, war bekannt dafür, die Bewohner der kleinen Insel, wenn sie nicht gerade zur kulturellen Elite des Reichs oder der Republik gehörten oder ihm nützlich und trinkfest waren, sorgfältig zu ignorieren. Als Hauptmann 1935 den 50. Jahrestag seines ersten Aufenthalts auf der Insel feierte oder feiern ließ, erwähnte er tatsächlich nur einen Inselbewohner namentlich und ausgerechnet den, mit dem die Insulaner alles andere als glücklich gewesen waren: Alexander Ettenburg.

Hauptmann und Ettenburg stammten aus Schlesien, waren fast gleich alt (Ettenberg war vier Jahre älter, starb aber schon 1919), beide waren Autoren, wenn auch mit sehr unterschiedlichem Erfolg, beide waren dem Alkohol nicht abholt und beide trugen bei passender und unpassender Gelegenheit gern auch einmal eine Kutte. Hauptmann hatte seine Kutte aus einem italienischen Kloster mitgebracht, Ettenburg die seine wohl eher selbst entworfen.

Dieser Alexander Ettenburg verfasste den ersten Reiseführer für Hiddensee und förderte eifrig, sicher auch nicht ganz uneigennützig, den Tourismus. Er war, was man eine schillernde Figur nennt, jemand, der, wenn sich das mit dem Abstand von mehr als 100 Jahren sagen lässt, sich alles zutraute und lieber groß scheiterte, als kleinbeizugeben. Offizier sollte er werden, aber mit kaum 19 wurde er Schauspieler. Wenige Jahre später musste er aus gesundheitlichen Gründen ans Meer ziehen, weil er ein gar zu intensives Leben geführt hatte.

Ettenburg kaufte von den Resten des väterlichen Vermögens eine Villa auf Rügen und mutierte zum Gastgeber für Sommerfrischler, der seinen Hausgästen zu den üblichen Mahlzeiten auch gleich noch das Unterhaltungsprogramm bot, Theater, Lesungen und etwas, das man heute open mic nennen würde. Weil er zunächst keine Schanklizenz besaß, durfte auch schon mal umsonst bei ihm gezecht werden. Betriebswirtschaftlich vielleicht nicht die beste Idee.

Als sein Vermögen nahezu aufgebraucht war, zog er weiter, vom brausenden Leben auf Rügen in die Stille Hiddensees, begleitet von seinem Esel und einer Katze. Ettenburg eröffnete eine Schankwirtschaft in Grieben und baute sich mit einfachsten Materialien auf dem Dornbusch die „Bergwaldschänke Eremitage auf Tannhausen“.

Für die Kenner der Insel oder Leser des Romans Kruso von Lutz Seiler: Der Klausner, die Gaststätte auf dem Dornbusch, verdankt ihren Namen natürlich Alexander Ettenburg. Seilers Kruso bezieht sich sogar ausdrücklich auf ihn: „Länger war von einem Mann namens Ettersberg oder Ettenburg die Rede, den er mit warmer Stimme den Urklausner nannte, ein Mann in langen Gewändern…“ und machte den Vorläufer wenige Seiten später zu einer Art Idol seiner Inselaussteiger: „… wie eine Ikone auf der Spitze des Altars, thronte die Fotografie Alexander Ettenburgs im Mönchsgewand, begleitet von einem Esel und einer Katze…“.

Für die Tagesgäste gab es die Schenke, einfache Holzhütten für die Übernachtungswilligen und in einer Meeresbucht richtete er ein Naturtheater ein, in dem er mit einheimischen Statisten eigene Stücke aufführte. Ich sehe es vor mir und höre es rumpeln, denn Ettenburg reimte manchmal durchaus wuchtig.

Und von des Dornbuschs waldigen Höhn

Meilenweil könnt ihr das Leuchtfeuer sehn,

Sorgsam gehütet von treuer Hand

Auf meinem einsamen söten Land!

Doch steigt der Nebel vom Meeresgrund,

Dröhnet warnend der Kanonenmund:

Nicht Tod und Verderben sendet ihr Lauf,

Zum Segen der Menschheit stellt man sie auf.

O würde doch in jeglichem Land

Solch Zweck von Kanonen bald bekannt!!

(aus Alexander Ettenburg: Der Einsiedler von Hiddensee)

Ettenburg hatte sich ein Mausoleum mit Sarg eingerichtet und schlief wohl auch in einem Sarg, eine Lebensweise, die bei seinen Sommergästen eher für Verwirrung sorgte, es war sogar die Rede vom Spektakelwald mit Oberpriester, so dass 1910 auch schon wieder Schluss war mit der Eremitage und der Umzug nach Vitte folgte. Die dortige Einsiedelei Mathilde war, soweit sich das klären lässt, als Pension mit alkoholfreien Getränken gedacht, aber der Gastgeber bekam seine Alkoholprobleme nicht in den Griff und starb 1919 in Stralsund.

Selbst das Ende seines Lebens wirkt, als habe es ein zweifelhafter Drehbuchautor geschrieben, gleich in zwei Varianten, denn es gibt zwei verschiedene Geschichten zu Ettenburgs Tod. Einmal heißt es, Ettenburg habe in Stralsund auf offener Straße einen Selbstmordversuch unternommen und sei im Krankenhaus gestorben, alternativ wird uns als Ort seines Todes aber auch eine Hafenkneipe in Stralsund angeboten.

Damit nicht genug, Ettenburg wollte auf Hiddensee begraben werden, aber auch daraus wurde nichts, jedenfalls nicht, wenn man den Überlieferungen glaubt, Überlieferungen, denn hier haben wir gleich drei Fassungen.

1. Die Urne geht auf dem Postweg nach Hiddensee verloren.

2. Die Urne wird von einem Fährdampfer ins Wasser geworfen und

3. Ettenburg wird in seiner schlesischen Heimat beigesetzt.

Tatsächlich kann ich mich nicht recht entscheiden, welches Ende dieser Geschichte angemessen wäre, aber vielleicht war ja auch alles ganz anders im Leben, im Sterben und nach dem Tod von Alexander Friedrich Otto Eggers, der sich Alexander Ettenburg nannte.

Hiddensee to go

Hiddensee to go

Noch steht der Leuchtturm nicht, noch gibt es keine Fährverbindung, keinen Hafen, noch sind die Hügel, die Berge fast baumlos und kahl. Die „Briefe eines Schiffbrüchigen“ von  Gotthard Ludwig Theobul Kosegarten,  1794 veröffentlicht, enthalten eine Beschreibung Hiddensees, die ich etwas gekürzt und in den Schreibweisen vorsichtig modernisiert habe, um die Lesbarkeit zu erhöhen.

„Ich (…) ersuchte meine Führer, mich nun des kürzesten Weges nach Hiddensee zu bringen. Diese kleine Überfahrt war sehr angenehm. Das Seewasser ward von der Sonne bis auf den Grund erleuchtet, dessen silberfarbiger mit unzählbaren Muscheltrümmern durchsetzter Sand einen schillernden Glanz von sich warf. Schwärme von Plötzen, Barschen und andern Fischen spielten in dem grünlichen Element, und schossen pfeilschnell unter unsern Rudern fort.

Um Mittag etwa setzten meine Führer mich auf dem Alten Bessin aus, einem Haken des Hiddenseeischen Landes, welchen ich nun erst umwandern musste, um den bewohnten und angebauten Teil der Insel zu erreichen. Dieser Alte Bessin ist wahrlich das allerödeste Land, was ich je gesehen. Weder Gras noch Gebüsch bekleidete den abgestorbenen Boden. Einige verkrüppelte Hagebuttensträucher schienen bloß dazustehen, um den Mangel alles Schattens und alles Labsals desto fühlbarer zu machen. 

Der Haken zog sich mehr in die Länge, als ich erwartet hatte, und das Gehen ward mir sehr beschwerlich. Es war Mittag und drückend schwül. Die Luft schien alle Elastizität verloren zu haben. Einzelne matte Wellen plätscherten kraftlos an das dürre Ufer. Lechzend nach Schatten und Erquickung, mit schmerzendem Haupte und durchgeborstenen Lippen, vermochte ich nur sehr langsam mich fortzuschleppen, und der verwünschte Haken nahm gar kein Ende. Anderthalb gute Stunden dauerte es, eh ich seine Krümmung hinter mir, und ich mich wieder auf bewohntem Boden sah. Ganz erschöpft warf ich auf dem ersten grasigen Abhange unter einer Gruppe noch dichtbelaubter Weiden mich nieder, und versank in eine schlummerähnliche Betäubung. Ein großer Jagdhund, der des Wegs gelaufen kam, und mir seine kalte Schnauze an den Backen legte, erweckte mich. Ich sprang auf, und fühlte durch die minutenlange Anspannung meiner Fibern nicht nur mein Kopfweh verstreut, sondern auch meine Kräfte völlig wieder hergestellt. Voll jenes Vergnügens, welches der Anblick nie gesehener Landschaften mir allezeit gewährt, setzte ich meinen Stab weiter. Eine Allee noch grünender Weidenbäume zog sich den Strand entlang. Zur Linken hatte ich das Ufer. Zur Rechten türmten sich die Berge, deren nächste Abhänge, so steil sie auch zum Teil schienen, dennoch Spuren des Anbaus verrieten.

Durch Grieben, das nördlichste Dorf des Landes, gelangte ich bald zu dem sogenannten Kloster, wo der Besitzer der Insel und der Prediger wohnen. Bei Letzterem sprach ich ein. Er sowohl als seine gastfreie Gattin empfingen mich mit vieler Freundschaft. Er ist auf dem Lande geboren und erzogen, äußerte auch mit seinem einsamen Aufenthalt und sehr mäßigen Einkommen eine mir sehr rührende Zufriedenheit.

Nachdem ich mich ein wenig erfrischet hatte, führte er mich in die Berge. Schöne romantische, wild durcheinander geworfene Berge, größtenteils ohne Spuren einiger Kultur, und aller Kultur unempfänglich.

Du weißt, Liebe, wie ich an den Bergen hänge. Berge gehen mir nächst dem Meere über alles. Inselberge nun gar, umrauscht vom heiligen Vermögen des Meeres, sind mir der höchste Gipfel aller Naturerhabenheit. Kein Wunder demnach, wenn ich nicht müde werden konnte, in diesen Höhen umherzuschwärmen. Bergauf, bergab, Ufer hinan, Ufer hinunter rannte und kletterte ich, während der ehrliche etwas schwerfällige Pastor, an der besonnten Seite des Abhanges gelagert, in Frieden sein Pfeifchen schmauchte, und sich herzlich freute, dass ich an seinem Vaterlande ein so großes Behagen fände. Ich sah die Sonne untergehen von diesen Bergen, doch hinter drohenden Wolkengebirgen. Ich sah den Mond hervortauchen aus den Wellen in seinem vollen Licht, und diese öden Gipfel mit mildem Strahl versilbern. Bis tief in die Nacht hinein würde ich in den Bergen herumgeschwärmt sein, wenn mein freundschaftlicher Führer nicht angefangen hätte, vor Frost zu zittern, und über den sinkenden Tau sich zu beschweren. Also begleitete ich ihn wieder zu seinem Hause, wo ein gastliches Mahl und dann ein weiches, nur zu weiches und zu heißes Bette meiner harrte!

Mit dem grauenden Morgen brach ich wieder auf. Meine Fenster gingen auf den gebirgigen Teil der Insel. Rasch kleidete ich mich an, um diese interessanten Berge noch einmal zu durchirren. Es stürmte stark aus Westen, und das Grollen des Meeres, das Rauschen der an dem hohen Gestade sich brechenden Wogen erhöhten die Herrlichkeit der Szene über alle Beschreibung. Gewaltsam musste‘ ich mich ihr entreißen, weil ich gerne noch den übrigen Teil der Insel sehn, und doch vor Abend noch wieder zu Hause sein musste.

Ich kehrte zu meinem lieben Wirt zurück, der sich höchstlich wunderte, dass ich schon wieder in den Bergen gewesen sei, und sich erbot, mich jetzt auch in das flachere Land zu führen. Gleich hinter seinem Dorfe nämlich senkt sich das Land mit einmal in eine beinahe waagerechte Fläche, welche mehr denn anderthalb deutsche Meilen bis an das südliche Ende der Insel fortläuft, ganz aus Moor und Sumpf und Sande besteht, und zwar wohl einiger Viehzucht, des Ackerbaues aber fast gar nicht empfänglich ist. Wir spazierten den westlichen Strand hinunter bis zur Hiddenseeischen Vitte, dem größten Dorfe des Landes, dessen Einwohner sich größtenteils vom Fischfange nähren. Armseligere Hütten als die, so ich in diesem Dorfe fand, sind mir noch nicht vorgekommen. Da es der Insel an Lehm fehlt, um die Wände aufzurichten, und an Stroh, um die Dächer zu decken, so sind ausgestochene Rasen das einzige, womit sie wider die Unbilden der Witterung sich schützen können. Das Innere dieser Hütten aber war so rauchig und so unrein, dass ich mit aller meiner Hüttenliebe nicht im Stande war, nur wenige Minuten in ihnen auszudauern.

Das Dorf ist volkreich; aber wenig Menschen waren vorhanden. Man sagte uns, sie wären all am Strande und fischten Bernstein. (…)

Tiefer in das Land zu dringen, hielt ich für unnötig, weil mein Begleiter mich versicherte, dass es dem, worauf wir uns jetzt befänden, überall vollkommen ähnlich wäre. Ich will also den Rest meiner kleinen Anmerkungen hier kürzlich zusammenfassen. (…)

Die Insel hält zwei Meilen in die Länge; aber die Breite ist desto unbedeutender. Man bemerkt, dass der flache Teile des Landes ansetze, der gebirgige aber von den Wellen immer mehr weggespült werde.

Die Zahl der jetzigen Einwohner beträgt zwischen vier und fünfhundert. Sie nähren sich von einigem Ackerbau; hauptsächlich aber vom Fischfang und der Schifffahrt. So arm das Land auch ist, so hegen sie doch eine so unüberwindliche Vorliebe dafür, dass sie fast nie ermangeln, aus der Fremde zurück zu kommen, und auf dem undankbaren Boden, auf dem sie geboren wurden, ihr Leben zu beschließen.

Der fühlbarste Mangel des Landes ist der gänzliche Mangel des Brennholzes. Statt seiner müssen sich die Einwohner mit gedörrtem Kuhmist behelfen, und mit einem Torfe, dessen unerträglicher Gestank die Hütten, die Kleider, die Geräte, ja selbst die Speisen und Getränke der Einwohner durchdringt, und dem Fremden, der seiner nicht gewohnt ist, Übelkeit und Erbrechen erregt.

Gleich nach Mittage beurlaubte ich mich bei meinem gastfreiem Wirte, und bestieg eine Jolle, die auf den Heringsfang ausfuhr, und mich an dem Posthause aussetzte.“

Gotthard Ludwig Theobul Kosegarten: Briefe eines Schiffbrüchigen, 1794

Im nächsten Teil: Alexander Ettenburg, Gerhart Hauptmann, jede Menge Künstler und eine verlorene Urne.

Hiddensee, mal wieder

Hiddensee, mal wieder

Mein Handy gab Laut. „Willkommen in Schweden“ las ich. Okay, manchmal verfährt oder verläuft man sich und gerade im deutsch-niederländischen Grenzgebiet sind wir uns manchmal sekundenlang nicht ganz sicher, auf welcher Seite der Grenze wir gerade sind, aber Schweden? Bevor ich das weiter thematisiere, ich verstehe es bis jetzt nicht. „Willkommen in Dänemark“ wäre genauso falsch gewesen, dafür aber etwas plausibler. Vom schwedischen Bornholm aus sind es ca. 113 km, vom dänischen Møn nur 54 km nach Hiddensee, Luftlinie, versteht sich. Offenbar haben unsere skandinavischen Nachbarn leistungsfähigere Mobilfunknetze, aber dieses „Willkommen in Schweden“ ist auch eine Erinnerung daran, dass Hiddensee 1648 in der Folge des Westfälischen Friedens schwedisch wurde und das blieb es bis 1815, wenn wir die drei, vier Jahre französische Herrschaft in der Zeit Napoleons mal großzügig übergehen. Dann kamen die Preußen, das Kaiserreich, die Weimarer Republik, das Dritte Reich, die DDR, die Bundesrepublik und dass all das nicht einfach weg und vergessen ist, dafür sorgt mein Handy: „Willkommen in Schweden“.

Urlaub machen kann ja jeder, vorausgesetzt, er oder sie hat noch Urlaubsanspruch und ein paar Euro…äh, Urlaub machen kann nicht jeder, aber nein, das führt jetzt zu weit. Wir waren auf Hiddensee, wir machten Urlaub und zugleich eine Zeitreise, eine, die uns hauptsächlich in das frühe 20. Jahrhunderte führte, in die Zeit Gerhart Hauptmanns. Dann blättert man, liest hier und dort und schließlich muss man sortieren, was sich da an Zufallswissen angehäuft hat. Und das versuche ich jetzt.

Hiddensee lag gleich hinter dem Ende der Welt. Obwohl es liegt, wo es immer lag, liegt es heute nicht mehr jenseits von Gut und Böse, sondern westlich von Rügen. Dat söte Länneken, so nennen es die Menschen, die dort leben und es war keine Agentur, die ihnen diesen Slogan verpasst hat.  Das zeugt von ganz viel Heimatliebe, aber die brauchte man wohl auch, wenn ein kleines Stückchen Sand und Stein, Grass und Busch alles ist, was einen vor den Launen der See schützt. Dass die Insel See heißt, Hiddensee, wird damit erklärt, dass es Heddins Insel war, die Insel eines Wikingers, Heddinsoe. Es dauerte einige Jahrhunderte, bis aus dem oe das see wurde, Jahrhunderte, in denen die Insel als karg und lebensfeindlich betrachtet wurde.  

Jacob Philipp Hackert, Public domain, via Wikimedia Commons

1810 begann auf Rügen der Bädertourismus. Da waren die Bauern und Fischer auf Hiddensee noch Leibeigene.  Die Tuschepinselzeichnung „Auf Hiddensee“ von Jakob Philipp Hackert entstand 1764. Die Steilküste, an der die bezopften Herren stehen, hat inzwischen sicher die Ostsee geholt, die beständig an der Westseite der Insel knabbert. Trotzdem sieht es an der Ostseeküste vom Enddorn bis nach Kloster auch heute noch so aus, wie Hackert es darstellte. Nur die Segler sind kleiner und zum Vergnügen unterwegs.

1875 war es der Maler Gustav Schönleber, der seine Sicht auf die Insel darstellte, der, wie es bei Wikipedia hieß, Hiddensee „entdeckte“. Ich nehme allerdings an, dass diese Ehre Edmund Hoefer zukommen sollte, der die deutschen Küsten und Inseln in seinem 1880/81 erschienenen Buch „Küstenfahrten an der Nord- und Ostsee“ porträtierte. Dass sein Text die feine Berliner Gesellschaft auf die Insel gelockt hat, kann ich mir allerdings nicht vorstellen. Bei Hoefer heißt es:

„Des Contrastes wegen erwähnen wir hier sogleich das schon berührte, schwer zugängliche Hiddensoe. Drei Stunden lang streckt sich der auf mehreren Stellen nur ein paar hundert Schritt breite Streifen aus und die Entfernung von der rügenschen Küste ist zum Theil so gering, daß man wohl an einen früheren Zusammenhang und eine erst spätere Trennung beider Ladestheile glauben muss (…). Daß sich der schmale Landstreifen bisher erhalten hat, spricht dafür, wie selten im Allgemeinen die verderblichen Sturmfluten der Ostsee sind. Doch ist das arme Eiland gerade in der neuesten Zeit und besonders wieder durch die Novemberflut von 1872 mehrmals durchbrochen worden. Ein armes Land ist Hiddensoe aber, ein unendlich armes Land. Die Bewohner stecken zum Theil noch in den ärmlichsten Hütten, an Ackerbau ist auf dem unfruchtbaren Boden kaum zu denken, das Ländchen ist im Grunde ganz öde und fast ohne Baumwuchs; der einzige Nahrungszweig ist die Fischerei und sie bietet auch die einzige Kost. Und dennoch lieben diese Menschen ihre Heimat einmal wieder auf das Herzinnigste und heißen sie „dat söte Länneken“.

Gustav Schönleber in: Edmund Hoefer: Küstenfahrten an der Nord- und Ostsee, ca. 1881

Im nächsten Teil: Was Kosegarten 1794 zu berichten wusste – die Kuttenträger Alexander Ettenburg und Gerhart Hauptmann – eine verlorene Urne und jede Menge Inselsehnsucht

https://digital.slub-dresden.de/werkansicht/dlf/410244/209

Die Bankenkrise

Die Bankenkrise

Meine Frau hatte eine Bank gewollt. Gewollt klingt so grob, so nach „Ich will aber“, so ist meine Frau aber überhaupt nicht. Sie ist mehr der „Wäre es nicht schön, wenn wir da eine Bank hätten?“-Typ. Sie möchte etwas, aber man kann ja schlecht sagen, meine Frau hatte eine Bank gemöchtet. Hätte eine Bank gemocht? Hatte sich eine Bank gewünscht? Wünscht man sich etwas von sich selbst? Man wünscht doch etwas von jemanden, von jemandem, der Wunschpunkte hat wie das Sams oder Geld, nein, nicht wie ich. Das fängt ja schon mal gut an. Jedenfalls: Wir haben jetzt eine Bank.

Der Wunsch traf uns im Herbst, zu einer Zeit, in der die Gartenausstatter und Terrassenbestücker sich in die Innenräume zurückgezogen haben und Feuerkörbe, Heizpilze oder etwas in der Art anbieten. Nichts, was unser, also das Herz meiner Frau begehrte. Manche hatten eine Bank, also tatsächlich eine, da hieß es dann, friss oder stirb. Wobei eigentlich nur Holzwürmer vor dieser grausamen Wahl stehen sollten. Wir mochten die Bank nicht, also nicht auf die Art, wie Holzwürmer sie vielleicht nicht gemocht hätten, sie gefiel uns nicht und so machten wir uns auf eine lange Reise durch das herbstliche Münsterland, das ich jedem empfehlen kann, auf dessen ausführliche Beschreibung ich hier aber verzichte.

Was soll’s, ich versuche gar nicht erst, künstliche Spannung aufzubauen, ich habe es ja schon verraten: Wir fanden eine Bank, die unseren Vorstellungen entsprach und einige Zeit später wurde sie auch geliefert. Eine große, massive Bank, richtig aus Holz, schwer und gemacht aus artgerecht gehaltenem Holz, das Zeit hatte zu reifen und zu gedeihen und schließlich, ach, ich mag es mir nicht ausmalen, was da wo passiert sein muss, damit unsere Bank glatt gehobelt und geschmirgelt, mit einem komfortablen Polster versehen bei uns… nein, nicht im Garten, sondern zunächst unter einem Vordach landete. Es gab nämlich einen Flecken unter einer großen Eiche, der geradezu nach einer Bank rief, einen Ort, warm im Frühling, schattig im Sommer, geschützt im Herbst und im Winter… aber wer will im Winter schon auf einer Bank sitzen? Dieser Ort war wie für die Bank gemacht, denn die Eiche mit ihrer breiten Krone hatte dafür gesorgt, dass dort kein Grashalm ohne massive gärtnerische Unterstützung existieren konnte.

Damit die feinen Beinchen unserer neuen Bank nicht auf der unangemessen schmutzigen Erde stehen mussten, wandten wir uns an einen Gärtner, der uns einen Entwurf machte, wie unser Garten künftig um die Bank herum angelegt werden könnte. Bis auf die Palmen, den Teich, die weißen Kieswege und die kleinen Brücken akzeptierten wir seinen Entwurf und ließen eine angemessen große Fläche pflastern.

Hatte ich meine Bedenken schon erwähnt? Ich bin mir sicher, schon zu Beginn, also vor dem Kauf der Bank, auf einen kleinen Nachteil des bevorzugten künftigen Standorts des Holzmöbels hingewiesen zu haben: Die Tauben, die auf den Zweigen der Eiche über genau dieser Stelle zu sitzen pflegen, wie sag ich das jetzt, sitzen eben nicht nur dort, sondern lassen, was sie nicht mehr halten wollen oder können, fallen. Oft und reichlich. Die gepflasterte Fläche veränderte dementsprechend rasch ihre Farbe von einem hellen Betongrau zu einem Taubenkackeweiß, später dann zu Schmutzigbraungrauschwarz.

Völlig unmöglich, unsere neue Bank, von der wir noch jeden Tautropfen sorgfältig abgetupft hatten, unter das Taubenklo zu stellen. Was sag ich Klo, ein Donnerbalken war das im wahrsten Sinne des Wortes, der von mehreren, mindestens aber vier dicken und dickfelligen Tauben genutzt wurde, Tauben, die weder auf Zurufe noch auf Gesprächsangebote reagierten. Kann ein Federtier dickfellig sein? Falls nicht, braucht es unbedingt einen Begriff für das hüftsteife Herumgewackele, das lahme, raschelnd, klatschende Auffliegen, das monotone Gerufe… ja, ich weiß, dass Tauben angeblich gurren, aber was ich da höre sind schlechte Kuckucksimitationen, die mit erschütternder Ausdauer vorgetragen werden.

Nein, vergiften war von Anfang an keine Option. Auch wenn sich die Welt um uns verändert hat, wir lehnen auch den Einsatz von Schusswaffen gegen die Biester ab. Vergrämen mit irgendwelchen Stoffen, wahrscheinlich Löwenkot, lehnen wir auch ab, unsere, ich sag schon unsere, als würden sie zur Familie gehören, also unsere Wühlmäuse waren auch resistent gegen alles, da werden Tauben doch nicht nachgeben, nur weil wir ein paar Euro für eine besondere Duftnote springen lassen.

Der letzte Tipp, den wir bekamen, hieß Lebendfalle. Ich versuche gar nicht erst, die Technik zu beschreiben, die dazu führen soll, dass die Taube, also jedes Mal genau eine, in den Gitterkasten wackelt und dort bleiben muss, bis wir sie wieder in die Freiheit entlassen. Weit weg von hier. Tauben sollen einen ganz hervorragenden Orientierungssinn haben, es ist also anzunehmen, dass sie, wenn wir sie, sagen wir mal nach Bielefeld bringen würden, schneller wieder hier wären, als wir das schaffen könnten, wegen der Luftlinie und dem Fehlen von Staus. Aber meine Frau ist demnächst Pensionärin und dann können wir richtig weit weg fahren. Die Frage ist nur, ob wir Bock darauf haben, Tauben mitzunehmen. Vielleicht suchen wir uns einfach nur Urlaubsorte mit schönen Holzbänken.

China Shopping (2)

China Shopping (2)

Die Zeit verging. Ich wurde größer. Und älter. In der Schule sagte ich Kina, so, wie mein Vater das aussprach, aber der kam aus dem Südosten. Nicht aus Südostchina, sondern aus dem Sudetenland und die sprachen eben seltsam. Dann entstand die Pingpongdiplomatie und die Idee vom Wandel durch Handel. China produzierte Billigkram für unsere Märkte und begann, unsere hochwertigen und teuren Produkte zu importieren.

Dieser ganze bunte Plastikschrott, Kirmesware, für nichts zu gebrauchen: Das war Chinaware. Nicht mal so seltsam hässliche Autos, wie die Japaner sie uns zu verkaufen versuchten. Und dann kamen die Medikamente aus China und die Solarzellen und die Handys und eigentlich alles, was sich massenhaft produzieren ließ. Ach ja, zwischendurch bekamen wir Telefon, irgendwann auch Internet und die Versandhäuser konnten einpacken, weil Amazon alles  schneller und billiger konnte. Der rosarote Verbraucherhimmel war erreicht. Niemand schrieb uns mehr vor, was und wo wir zu kaufen hatten. Alles war Tag und Nacht verfügbar, das Wort Öffnungszeiten klang wie Postkutsche und Telefonvermittlung. Containerschiffe brachten einen nicht abreißenden Strom von Zeugs über die Meere und wir konnten gar nicht so schnell wegwerfen, wie wir kaufen wollten und sollten.

Irgendwer wies darauf hin, dass es auf das Klima keine Garantie gäbe und dass es eine gute Idee wäre, das 1,5 Grad Ziel einzuhalten, aber wir hatten gerade andere Ziele, 20 Prozent Rabatt zum Beispiel oder 3 Prozent Wachstum oder was auch immer.

Während wir also gut zu tun hatten, begab es sich, dass auch weniger seriöse Anbieter ihre Geschäfte über das Internet zu machen begannen. Webshops entstanden, die mit aktuellen Produkten und attraktiven Preisen, auf die es auch zufällig gerade jetzt noch einen Sonderrabatt gab, nach Kunden fischten, die noch an das Gute glaubten.

Wie leicht es sich doch bestellt und wie groß die Enttäuschung ist, wenn, was schließlich nach langer Zeit aus China geliefert wird, mit der bestellten Ware nicht einmal Ähnlichkeiten aufweist! Okay, es ist Kleidung, der Pullover ist als Pullover erkennbar, die Jacke eine Jacke, aber Modell,  Material, Farbe und Größe müssen irgendwo auf hoher See abhandengekommen sein. Nun kennen wir unsere Verbraucherrechte, gerade im Onlinegeschäft, ja, wir versuchen inzwischen schon, sie auf den stationären Handel zu übertragen. Innerhalb von 14 Tagen lässt sich so ein Problem bereinigen. Rücksendung, Rücktritt, irgendetwas muss da ja gehen. Nur, dass der Händler nicht mitspielt, der sitzt nämlich in China und möchte die Ware auf unsere Kosten zugeschickt bekommen, um uns dann den Kaufpreis zu erstatten. Für alle, die nicht regelmäßig nach China liefern: Es ist teuer, etwa die Hälfte des Kaufpreises.

Spätestens jetzt beginnt man sich die Foren anzusehen und stellt fest, dass man zwar dumm aber nicht allein ist. Die Geschäftsidee: Ansprechende Ware zu einem günstigen Preis anbieten. Die Zahlung erfolgt wie üblich im Voraus. Dann schickt man irgendetwas, egal was, billig muss es sein. Der enttäuschte Kunde hat nun die Wahl, dieses Zeug zu akzeptieren oder auf eigene Kosten zurückzuschicken und in der Konsequent einen Verlust von fast 50 Prozent zu akzeptieren, in Wahrheit von 100 Prozent, denn was er erhielt, ist nichts wert.

Okay, man schreibt also den Händler an, der irgendwo in Deutschland jemanden dafür bezahlt, freundliche Mails mit unfreundlichen Botschaften zu verschicken. Behalte den Kram und du bekommst 25 % Rabatt, später sogar 50 Prozent. Wenn ich richtig rechne, bleibt da immer noch ein Verlust von 50 Prozent. Aber klagt man gegen ein Unternehmen in China? Wo ist eigentlich der Gerichtsstand, gilt chinesisches Recht, deutsches Recht oder internationales Handelsrecht? Wie hoch können die Kosten werden und marschieren dann die Roten Garden hier ein? Falls es die noch gibt!

1,5 Milliarden Menschen leben in China. Wenn die chinesische Spitzbubenquote auch nur ungefähr der unsrigen entspricht, dann gibt es in den unendlichen Weiten des Internets noch jede Menge Chancen auf Abenteuer, auf Produktpiraterie, Halsabschneiderei und Abzocke. Wie ein Freund einmal sagte: Jeden Morgen steht ein Dummer auf.

Wir haben uns mit dem Zahlungsdienstleister in Verbindung gesetzt, das Problem gemeldet und heute, einen Tag, nachdem ich damit begann, diese Geschichte zu erzählen, gibt es ein Happyend. Wir bekommen den Gegenwert für die Ware in Glückskeksen.

China-Shopping (1)

China-Shopping (1)

Als ich ein Kind war, kauften wir bei Ischebeck ein, das war der Lebensmittelladen in der Nähe. Was es dort nicht gab, kauften wir in der Stadt. Da gab es Kaufhäuser und Warenhäuser und überhaupt mehr Geschäfte, als mir lieb war. Also nicht nur für Modellautos von Siku und Wiking, einen neuen Karl-May-Band und eine Brühwurst mit Senf und Brötchen, sondern auch für Kleidung, Bügeleisen und Suppenschüsseln. Das dauerte alles so lange, so lang konnte überhaupt keine Wurst sein. Mal abgesehen davon, dass die Wurst ohnehin eher dick als lang war.

Manchmal – und das war aus meiner kindlichen Sicht deutlich praktischer – wurde auch bestellt. Nicht online natürlich, auch wenn Konrad Zuse schon den ersten Computer gebaut hatte. Meine Eltern hatten nicht mal Telefon, sie kannten nicht mal jemand, der Telefon gehabt hätte. Ans Internet war noch nicht zu denken, unsere Phantasien drehten sich, wenn es um das Jahr 2000 ging, um fliegende Autos und den Kontakt zu Außerirdischen. Das Jahr 2000 war mächtig weit weg damals, okay, das ist es inzwischen auch schon wieder. Bestellen bedeutete also, einen Katalog durchzublättern und, hatte man gefunden, was das Herz begehrte, Größe und Farbe zu bestimmen, gern auch mal die Zahl der Raten, wenn man auf Kredit kaufte und das war bei Otto, Quelle, Neckermann und Bader Teil des Einkaufsvergnügens.

Bestellung abschicken, warten. Lange warten. Wochenlang. Gefühlt jahrelang. Dann kam das Paket und manchmal war drin, was man bestellt hatte, manchmal war etwas nicht lieferbar und manchmal passte, was so sorgfältig ausgesucht worden war, dann doch nicht. Bei den Lieferzeiten konnte es schon mal passieren, dass Kinder aus Klamotten rausgewachsen waren, die sie noch nicht einmal bekommen hatten. Dann also zurückschicken. Mit dem Paket zur Post in der Stadt. Weil: Ein Auto hatten wir natürlich auch nicht.

An die Zahlungsmodalitäten erinnere ich mich nicht mehr genau. Anfangs hatten meine Eltern kein Bankkonto. Sowas brauchte man auch nicht, weil der Lohn bar ausgezahlt wurde. Bei der Sparkasse hatte man ein Sparbuch. Ich auch, praktisch gleich nach der Anzeige meiner Geburt eingerichtet. Fünf Mark von der Sparkasse als Startkapital, glaube ich zumindest. Ich nehme an, dass meine Eltern Bareinzahlungen auf das Konto des Versandhauses leisteten, bis es später üblich bzw. notwendig wurde, ein Lohn- und Gehaltskonto einzurichten.

Was es nicht in der Stadt gab und was nicht im Katalog stand, das gab es praktisch nicht. Vielleicht in Amerika.. Die Japaner waren die gelbe Gefahr, die uns alle bedrohte, obwohl sie keine Kommunisten waren und auch keine Atombombe hatten. Aber sie bauten Transistorradios, diese kleinen, zerbrechlichen Teile, vermutlich aus Bakelit, mit denen man überall Radio hören konnte. Obwohl es noch lange dauern sollte, bis es auch einen Grund geben würde, Radio zu hören, denn zu der Zeit, von der ich gerade erzähle, gab es eigentlich nur Nachrichten, Operettenmelodien und wenn es ganz verrückt kam, die Musik aus den wilden Zwanzigern. Mein kleiner grüner Kaktus. In China gab es nur Mao, Kommunisten, seltsam uniformierte Menschen und zu wenig Reis. Das sollte sich ändern.

Du sollst dir kein Bild machen – das macht schon die KI

Du sollst dir kein Bild machen – das macht schon die KI

Ich hatte schon über meine Erfahrungen mit CHAT GPT berichtet. Seit einigen Tagen habe ich ein neues Spielzeug, natürlich nicht exklusiv, denn Bing, also Microsoft, bietet jedem und jeder die Nutzung der KI zur sprachgesteuerten Erzeugung von Bildern an. Die Voraussetzungen sind leicht zu erfüllen. Bing muss installiert sein, dann kann die entspreche App, der Bing Image Creator aufgerufen werden. Bislang sind nur englische Texteingaben möglich. Mein Englisch reicht gut aus, um mich anderen Leuten überlegen zu fühlen, die kein Englisch sprechen und jedem unterlegen zu sein, der seinen Wortschatz auch aktiv zu nutzen versteht. Aber dafür hat man ja DeepL. Textvorgaben für ein Bild können kurz und knapp sein, also z. B. ein Mann, etwa 25 Jahre alt, bartlos, gekleidet in einfache Arbeitskleidung des Jahres 1900. Kleidung und Gesicht sind mit Kohlenstaub bedeckt.

Gut, das hat jetzt nicht ganz geklappt. Ich verzichte mal ganz darauf, das Merkmal Bart zu erwähnen.

Schon viel besser. Der Wunsch nach einem bartlosen Mann bescherte mir also einen mit Bart, der Verzicht auf das Stichwort Bart bringt dann das gewünschte Ergebnis. Nicht immer, Bing liefert jeweils vier Bilder, von denen durchaus auch mal zwei doch jemanden mit einem Bart und einem Turban anbieten. Aber ich habe ja, was ich will. Aber es geht ja auch freundlicher und realistischer. Für die ersten Bilder hatte ich mir Aquarelle gewünscht, jetzt soll es ein freundliches, fotorealistisches Bild werden.

Aha, freundlich… Okay, das passt. Das entspricht dem durchschnittlichen Freundlichkeitsniveau und wenn ich mich etwas bemühe, kann ich sogar ein Lächeln erkennen. Also ich lächele jedenfalls immer ganz genauso. Meine Hauptperson, ein Kohlenträger namens Bernhard, der sich in Warendorf um das Jahr 1900 nützlich macht und einiges erlebt, hat aber schwarzes, lockiges Haar.

Nein. Das ist nicht Bernhard. Grouchos Haare sind explodiert und diese Augen…Ach ja, ich hatte kurzes lockiges schwarzes Haar vorgegeben. Bernhard hat aber etwas längeres schwarzes Haar. Oh. Bing hat meine Wartezeit von 30 Sekunden auf 5 Minuten verlängert. Entweder nerve ich das System mit meinen kleinen Variationen, oder die Zahl der Nutzer und damit der Aufträge ist stark gestiegen.

Da ist es auch schon. Ich habe zusätzlich angegeben, dass der junge Mann Kohlenträger sein soll und die Ausgabe als Foto bestellt. Kohlenträger und Foto, okay. Aber 25?

Okay. Eine gewisse Grundfreundlichkeit ist da, das Leben als Kohlenträger um 1900 war sicher auch nicht ganz einfach und diese Ohren sind, nun, sagen wir realistisch. Und man fragt sich natürlich, wo Bing diese Leute aufgetan hat. Die KI durchsucht das Netz, findet Elemente und kombiniert die neu, so dass der Arbeitsauftrag erfüllt wird. Wäre mal spannend, die Einzelteile zu sehen, die hier verarbeitet wurden.

Der neue Auftrag: Zwei Männer auf einem offenen Kohlenwagen im strömenden Regen. Hintergrund: Mein Bernhard und sein Kollege Josef liefern Kohlen aus. Das Bild ist ganz okay, schaut man sich die Augen der beiden Männer nicht zu genau an. Aber Bing hatte auch ein richtig schräges Bild im Angebot.

Das Pferd..  was macht das da oben? Es sieht auch aus, als würde es irgendwie fließen. Ich glaube, das Pferd da oben war bis vor kurzem noch eine Kuh. Und bei dem zweiten Pferd, dieses Joch, dass da irgendwo hängt…

Abschließend noch eins, nur weil es so rätselhaft ist:

Was ist denn da nur mit den Vorderbeinen des Pferdes passiert?  Da haben wir ja mindestens eine ziemlich Fehlstellung und dann ein mittleres Bein, also das zwischen dem linken und dem Stiefel des Mannes, das verliert sich irgendwie auf dem Weg nach oben. 

Trotzdem: Ich bin beeindruckt. Natürlich ist das alles andere als perfekt. Vorgaben werden nicht eingehalten und Bing schränkt die Möglichkeiten der Gestaltung auch noch sehr ein, weil es fürchtet, irgendwelche Regeln könnten gebrochen werden. Schon wenn es heißt, zwei Männer sitzen an einem Tisch und essen Suppe, gibt es eine skeptische Nachfrage, nur weil einer davon schwarz gekleidet sein sollte. Nach einer mehrstündigen Prüfung wurde das Bild dann genehmigt. Aber es macht Spaß, eigene Ideen in Bilder umsetzen zu können, wenn das eigene Geschick dafür eigentlich nicht, nein, nicht nur eigentlich nicht, sondern überhaupt nicht ausreicht. Wir erleben gerade, dass KI in immer mehr Bereich vordringt. Ob das gut oder schlecht ist, wir werden sehen. Aufhalten lässt sich das sicher nicht, KI ist in der Welt und wird nicht mehr vergessen. Es wird Anwendungen geben, die cool sind. Und KI wird uns schaden, so wie uns alles schaden kann, auch Schokolade und Rotwein. Nein, ich will das nicht herunterspielen. Wenn Software selbstständig Software schreiben kann, stehen wir vor einer Entwicklung, die überhaupt nicht absehbar ist. Heute habe ich noch ein Grönemeyer-Interview gelesen, in dem er sagt, dass Menschen nicht perfekt sind, dass Kunst entsteht, wenn aus dem Nichts eine Idee da ist, dass Schmerz oder Liebe, dass starke Emotionen Kunst hervorbringen und dass das eine KI nicht simulieren kann. Schließen wir  mit einem geseufzten: Hoffentlich!

Edgar Selge

Edgar Selge

Wieso ich das eine Buch lese, das andere aber nicht, ich kann es nicht wirklich erklären. Früher waren es Klappentexte und Rezensionen, die meine Entscheidungen beeinflussten, das geschieht jetzt seltener, weil ich schneller vergesse, was ich da gehört oder gelesen habe. „Hast du uns endlich gefunden“ von Edgar Selge wurde mir in die Hand gedrückt, ein Geschenk. Eins, für das ich dankbar bin. Also eigentlich bin ich ja grundsätzlich dankbar, wenn ich beschenkt werde, einfach deshalb, weil Menschen mich beschenken, auch wenn das bei manchen Anlässen eben so üblich ist und das Nichtschenken viel bemerkenswerter wäre. „Du, ich schenke dir mal nichts, weil ich keinen Bock hatte, etwas für dich zu kaufen. Geschweige denn dir etwas zu basteln“, das sagt man ja nicht.

Meistens gibt es aber, was ich mir gewünscht habe, eine mögliche Enttäuschung habe ich mir dann also selbst zuzuschreiben. Hätte natürlich auch was, ein paar Sachen auf die Wunschliste zu schreiben, die man bestimmt nicht will und dann mal zu sehen, was davon tatsächlich geschenkt wird.  Das böte dann Anlass für interessante Gespräche. „Vielen Dank, das wäre aber nicht nötig gewesen“ oder „Hast du wirklich geglaubt, dass ich sowas lesen würde? Ich dachte, du würdest mich besser kennen.“

Edgar Selge also. Dem allgemeinen Hintergrundrauschen hatte ich schon entnommen, dass das Buch gelobt wurde. Heißt ja nichts, Leute werden dafür bezahlt, Rezensionen zu schreiben und wenn man nicht weiß, was die jeweiligen Rezensenten sonst so gefeiert haben, ist ein Urteil schwer einzuordnen. Jetzt habe ich das Buch gelesen. Ich mochte es.

Das wäre doch mal eine Rezension, gerade auch für Leute, die keine Zeit haben, aber die lesen vermutlich auch keine Bücher. Also ausführlicher. Ein Roman, heißt es. Autofiktion oder autobiografisch geprägt, jedenfalls nah am Leben des Autors, nehme ich an, die biografischen Details des Autors und des Protagonisten stimmen zumindest überein. Die Frage, ob das alles so stimmt, ob Selge das alles so erlebt hat, verbietet sich eigentlich, weil er sein Buch eben nicht als Autobiografie bezeichnet, er wird wissen, warum. Es wird kein Leben erzählt, kein Lebenslauf erläutert, sondern im Kern des Textes sind wir im Herford der fünfziger Jahre. Vor dort aus blickt er zurück und nach vorn, auch mal von heute aus zurück auf spätere Ereignisse, den Tod des Bruders und der Eltern. Doch es ist die Kindheit, um die es geht. Das Leben kurz nach der Katastrophe des Nationalsozialismus.

Ich bin nur wenige Jahre jünger, aber in meinem Elternhaus war die Nazizeit kein Thema, vielleicht auch, weil ich keine älteren Geschwister hatte, die Fragen gestellt hätten. Vielleicht auch, weil meine Eltern nicht unter der Niederlage, unter dem Verlust des großen Glaubens an die Volksgemeinschaft, den Führer und den Sieg litten. Während des Lesens des Buchs wurde mir für mich viel nachvollziehbarer, welche Last auf dem Leben, auf dem Denken und Sprechen der Nachkriegszeit lag und wie unmittelbar Verfolger, Gleichgültige und Opfer in der erzwungenen Demokratie miteinander leben mussten und wie schnell es die Täter und die Mitläufer wieder zu Macht und Einfluss gebracht hatten. Selge handelt das nicht theoretisch ab, er lässt uns teilhaben an den Gesprächen am Mittagstisch, an der Begeisterung für Musik und Kunst und an der Gewalt, an der psychischen und physischen, die der Vater über die Familie hat.

Edgars Leiden unter diesem Vater, aber auch seine Prägung durch diesen Vater, zieht sich durch die Episoden des Buchs. Episoden sind es, die Selge erzählt, vom Kino und von der Schule, vom Spielen im Garten und von Besuchen bei den Nachbarn.

Seine Familie war anders, gebildeter, musischer, aber auch verstrickter in die NS-Vergangenheit, als meine Familie, aber Selge erzählt nicht nur von sich, er erzählt von uns, von diesem Land und den Menschen, von ihren Werten und ihren Urteilen. So waren wir und ob wir anders sind, besser, wird eine andere Generation erzählen müssen.

Foto: Martin Kraft, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

Lose Endchen

Lose Endchen

 

Ich habe wieder nichts geträumt. Dabei läuft die Zeit. Ich mag überhaupt nicht mehr wach sein, damit vergeude ich nur wertvollen Schlaf. Dabei klang die Aufgabe so einfach. Einen Traum aufschreiben. Babyleicht. Vielleicht habe ich ja was geträumt, aber wenn, dann in einer Schlafphase, die dem Bewusstsein entzogen war. Die Familie sieht mich mit großen Augen an und man erinnert mich an frühere Träume, die ich zum Besten gegeben habe. An die erinnere ich mich auch nicht mehr. Eine Art Traumamnesie muss das sein.

Ich habe alles versucht. Zettel und Stift auf den Nachttisch, das Nachtlicht aufgeladen, das ist so ein USB-LED-Zeugs. Von den drei Wörtern könnte ich nur Zeugs erklären. Glaube ich jedenfalls. Lenkt aber nur ab. Das Kopfkissen etwas erhöht. Oder ist das falsch? Gibt es eine optimale Position für das Träumen und ist das zugleich die optimale Haltung für das Erinnern an das Geträumte? Ich kann das jetzt unmöglich recherchieren, dafür habe ich einfach keine Zeit.

So früh war ich lange nicht  mehr im Bett, ich bin schon super ausgeschlafen, diese morgendlichen Phasen, in denen man nicht mehr schläft und noch nicht ganz wach ist, habe ich jetzt schon um halb vier und um fünf könnte ich frühstücken. Ich kann mich aber nicht auf die Zeitung konzentrieren, weil ich immer noch hoffe, das Endchen eines verlorengeglaubten Traumes aufspüren zu können. Nichts. Alle meine Endchen sind substanzlos, keine Musterländer Mettendchen, die Geschichten von Erbsensuppe und Grünkohleintopf erzählen könnten.

Das Lesen habe ich aufgegeben. Ich lasse mir nur noch vorlesen, höre mit geschlossenen Augen zu Weiterlesen

Die Insel der grauen Mönche

Die Insel der grauen Mönche

Zugegeben, das klingt wie der Titel eines Horrorfilms, ist aber nur die Übersetzung des Namens der Insel, auf der wir ein paar Tage verbringen wollen: Schiermonnikoog. Schier steht für das Grau der Kutten, Monnik für Mönch und Oog ist in Friesland wohl ein Wort für Insel oder war mal eins, damals vor 700 Jahren. Die Mönche sind schon lange weg, die Walfänger auch, dafür sind die Touristen gekommen, die die Ruhe der Insel zu schätzen wissen. Ein Ort, ein großes Naturschutzgebiet, Strand und Wasser. Der niederländische Kabarettist und Autor Godfried Bomans (1913-1971) hat sich schon vor Jahrzehnten dort aufgehalten. Den folgenden Text habe ich aus dem Niederländischen übersetzt, ich nehme an, dass er sich da selbst interviewt hat.

Herr Bomans, Sie wohnen für einige Wochen auf Schiermonnikoog. Was tun Sie hier?

Nichts.

Überhaupt nichts?

Überhaupt nichts!

Ist das schwierig?

Das ist das Schwierigste, das es gibt.

Und warum wählten Sie dafür Schiermonnikoog?

Weil andere Orte unseres Vaterlandes noch einige Aktivitäten fordern und hier geschieht nichts. Man gerät also auch nicht in die Versuchung etwas zu tun. Es gibt Wind, es gibt Möwen und die beobachtet man.

Wissen Sie etwas über die Geschichte dieser Insel?

Nein, überhaupt nichts.

Hat sie vielleicht keine Geschichte?

Glückliche Länder haben keine Geschichte, das ist ein Zitat von eh… Tacitus.

Godfried Bomans

Foto: Der graue Mönch von Martin van Waning

Ein Elfchen

Ein Elfchen

Traumwelten

Fremd vertraut

Mit allen Sinnen

Ohnmächtig im magischen Bilderrausch

Seelenkino

Mein Versuch, ein Elfchen zu verfassen. Das Elfchen ist eine recht einfache Form der Gestaltung. Ein Wort in der ersten Zeile, zwei in der zweiten, drei in der dritten, vier in der vierten und dann wieder ein Wort in der fünften und letzten Zeile. Damit kommt es im Schwierigkeitsgrad gleich nach dem Ausschneiden und Aufkleben eines fremden Textes.

Das Elfchen entstand für die Schreibwerkstatt Warendorf, an der ich seit vielen Jahren teilnehme und die mir immer neue Impulse liefert.

Bild: Midjourney: A machine that reads dreams and translates them into images

ChatGPT: Gekünstelte Intelligenz?

ChatGPT: Gekünstelte Intelligenz?

Eine Zeitlang hat ChatGPT mich hingehalten mit der Anmeldeprozedur, hatte einfach zu viel zu tun und versprach, sich bei mir per Mail zu melden, wenn mal etwas Zeit wäre. Eigentlich hatte ich nicht erwartet, dass es der menschlichen Kommunikation schon so nahe ist, sich sogar verleugnen zu lassen und mich auf später zu vertrösten, aber dann klappte es plötzlich, ganz ohne Einladungsmail. Da sitzt man dann am Monitor einer völlig fremden KI gegenüber, oder in dem Fall einer AI, einem Chatbot oder einem textbasierten Dialogsystem und fragt sich, was man ChatGPT fragen wollte.

Erstmal ist das System höflich und freundlich, es siezt mich, ich habe nicht ausprobiert, ob man ihm das Du anbieten kann, aber da wir vermutlich nie ein Bier zusammen trinken werden, ist das Sie auch ganz okay.

Das System entschuldigt sich auch immer wieder einmal, es hat allerdings auch oft genug Grund dazu. Ich habe an zwei aufeinanderfolgenden Tagen eine Art Unterhaltung mit dem System geführt, die, wenn man auf Deutsch beginnt, auch auf Deutsch geführt wird und zwar in einem grammatisch fast durchgehend fehlerfreien Deutsch. Manchmal, wenn ich das Programm gefühlt etwas gestresst hatte, machte es ziemlich simple Fehler, wählte zum Beispiel einen falschen Artikel, obwohl mir das in jeder beliebigen Fremdsprache ebenfalls andauernd passiert und ich spreche wahrlich nicht viele Sprachen. Aber von einem Computerprogramm erwartet man natürlich Perfektion, gerade von einer künstlichen Intelligenz, die sich anschickt, die Weltherrschaft zu übernehmen und alle Probleme zu lösen. Hausaufgaben zum Beispiel oder Seminararbeiten.

Natürlich kann man eine Software nicht stressen, wollte ich gerade schreiben und das ist insoweit sicher richtig, dass sie da nicht in Kalifornien in ihrem gekühlten Rechenzentrum oder irgendeiner Serverfarm irgendwo in der Welt gerade in Schweiß und Tränen ausbricht, weil ich übermenschliche Anforderungen stelle. Andererseits, man weiß ja nicht, was sich eine Software so beibringt, die, während sie meine Fragen beantwortet, mehr über mich lernt als ich von ihr.

Es wäre doch fast ein Wunder, wenn sie in einigen Jahren, ach was, bei der Vielzahl von Sozialkontakten, die sie täglich hat, in eine paar Stunden das Gehabe eines preußischen Staatbediensteten im Einwohnermeldeamt einer ordentlich gekehrten und aufgeräumten Provinzstadt an den Tag legen würde. Zurück zu meiner Konversation. Meine erste Frage bezog sich auf eine Aufgabe der Schreibwerkstatt. In sechs Wörtern sollte eine Botschaft vermittelt werden. Nicht unbedingt im Sinne von: Ich habe Hunger, jetzt aber hopp. Schon irgendwie  philosophisch, esoterisch, also von oberflächlicher Tiefsinnigkeit.

ChatGPT: Ich arbeite. Ich lerne. Ich denke.

Manfred: Noch ein Beispiel, bitte

ChatGPT Gerne:  Ich bin da. Ich helfe. Ich verstehe.

Manfred: Der erste Satz hat aber drei Wörter.

ChatGPT: Entschuldigung, Sie haben Recht. Hier ist ein Beispiel mit jeweils zwei Worten:

Hier bin. Ich helfe. Verstehe gut.

Manfred: Der erste Satz funktioniert nicht.

ChatGPT: Entschuldigung, Sie haben Recht. Hier ist ein Beispiel mit jeweils zwei Worten:

Bin da. Helfe gerne. Verstehe klar. 

Offenbar hat das System ein Problem mit dem Abzählen von Wörtern, beim zweiten Durchlauf wurde das sogar noch heftiger. Ich forderte sechs, bekam aber meisten nur fünf Wörter und das mit der windigen Begründung, dass es nicht so leicht sei, eine philosophische Aussage in sechs Wörter zu packen. Aber fünf abliefern! Für Ausreden sollten die besser einen Praktikanten beschäftigen.

Mein zweites Thema war Hiddensee. Wenn man in einem Serverpark steht wie die Essiggurken im Regal im Keller meiner Oma und nur die empfindlichen kleinen Glasfaserchen in die Welt hinaus streckt, verfügt man ja über keine persönliche Anschauung der Welt, wollte ich gerade schreiben, aber natürlich gibt es auch auf Hiddensee inzwischen Glasfasernetze, aber so eine Software hält ja nicht auf dem Dornbusch die Nase in den Wind und ringt im Angesicht der Schönheit des Ausblicks nach Worten,  nein, Worte hat ChatGPT immer zur Verfügung.

Obwohl es manchmal schon einen Moment nachzudenken scheint, was aber sicherlich nur damit zu tun hat, dass es multitaskingfähig ist und während es mit mir über Hiddensee nachdenkt, ein anderen Gesprächen Rezepte zur Zubereitung eines Cocktails oder die Fragen der Klimakrise diskutiert. Jedenfalls bat ich, nachdem ich irgendwo gelesen hatte, dass auch Heinrich Zille seinen Urlaub gern auf Hiddensee verbracht hatte, um eine Buchempfehlung.

ChatGPT: Ich kann Ihnen das Buch „Hiddensee: Eine Insel für Heinrich Zille“ von Hans-Jürgen Döring empfehlen. Es enthält zahlreiche Zeichnungen und Fotografien von Heinrich Zille, die auf der Insel Hiddensee entstanden sind. Es gibt auch einige Informationen über Zille’s Leben und Werk sowie die Geschichte der Insel.

Manfred: Das Buch Hiddensee: Eine Insel für Heinrich Zille finde ich nicht bei Google

ChatGPT: Es tut mir leid, ich habe mich geirrt in Bezug auf das Buch „Hiddensee: Eine Insel für Heinrich Zille“ von Hans-Jürgen Döring. Ich habe es nicht gefunden in meiner Kenntnisbasis und es gibt auch keine Informationen im Internet, dass ein solches Buch existiert. Ich bitte um Entschuldigung für die Verwirrung.

Am Vortag hatte das System mir ein Buch vorgeschlagen, das es ebenso wenig gab und mir ein Ringelnatz-Gedicht zitiert, von dem wohl nicht einmal Ringelnatz wusste.

ChatGPT: Ein bekanntes Gedicht von Joachim Ringelnatz über Hiddensee ist „An Hiddensee“:

„Ich bin so glücklich, wenn ich hier bin,

auf dieser Insel, die so klein,

und doch so groß ist in ihrem Sein.

Ich wandle durch die Dünen,

sehe aufs Meer hinaus,

und fühle mich so wohl,

wie noch nie zuvor.

Die Natur ist hier so rein,

der Himmel so unendlich blau,

ich kann die Schönheit kaum ertragen,

es ist, als ob ich träume.

Ich bin so dankbar für diesen Ort,

für all die Einsamkeit und Ruhe,

die ich hier finde.

Ich werde immer wiederkommen,

bis ans Ende meiner Tage,

denn Hiddensee ist mein Zuhause.“

Ich lasse mich ja gern eines Besseren belehren, aber das klingt nicht nach Ringelnatz. Ich habe bisher aber auch keine Quelle zu diesem Text gefunden. Mein Fazit, nach zwei Versuchen: Es ist ganz lustig, mit einem System zu kommunizieren, aber die Qualität der Antworten ist mindestens dürftig, Quellen stimmen nicht und manches ist blanker Unsinn. Um Hiddensee und Ringelnatz zum Schluss doch noch gerecht zu werden, hier ein echtes Ringelnatz-Gedicht:

Insel Hiddensee

Kühe weiden bis zum Rande

Großer Tümpel, wo im Röhricht

Kiebitz ostert. – Nackt im Sande

Purzeln Menschen selig töricht.

Und des Leuchtturms Strahlen segnen

Eine freundliche Gesundheit.

Andrerseits: Vor steiler Küste

Stürmen Wellen an und fliehen. –

Nach dem hohen Walde ziehen

Butterbrote und Gelüste.

Fischerhütten, schöne Villen

Grüßen sich vernünftig freundlich.

Steht ein Häuschen in der Mitte,

Rund und rührend zum Verlieben.

»Karusel« steht angeschrieben.

Dieses Häuschen zählt zu Vitte.

Asta Nielsen – Grischa Chmara,

Unsre Dänin, und der Russe –,

Auf dem Schaukelpolster wiegen

Sich zwei Künstler deutsch umschlungen. –

Gar kein Schutzmann kommt gesprungen. –

Doch im Bernstein träumen Fliegen.

Um die Insel rudern, dampfen,

Treiben, kämpfen Boote, Bötchen.

Kästchendenken

Kästchendenken

Warum muss eigentlich alles immer so kompliziert sein? Man zieht in Düsseldorf an einem losen Faden und in München läuten die Alarmglocken, während man in Detmold nur mit der Schulter zuckt und alles für eine Fahrt nach Den Haag spricht. Über Winterswijk und Amersfoort natürlich. Alles begann damit, dass eine unserer Töchter, die Düsseldorf-Tochter, vorschlug, die Mondrian-Ausstellung im K20 in Düsseldorf zu besuchen.

Jetzt langsam und vorsichtig: Das K20 ist Teil der Kunstsammlung des Landes NRW. Das Gebäude am Grabbeplatz wurde 1986 eröffnet, was nicht bedeutet, dass Düsseldorf nicht schon früher eine bedeutende Kunstsammlung besessen hätte. Die wurde aber 1805 nach Bayern verschleppt und seither unter dem Dach der Pinakothek gezeigt. Weil allen, bis auf die Bayern, klar war, dass das nicht wirklich fair war, erhielt Düsseldorf Jahrzehnte später eine Art Schadensersatz, der allerdings kaum mehr als ein Taschengeld war.

Als Grabbe von 1834 bis 1836 in Düsseldorf weilte, Künstler halten sich nicht auf, die wohnen auch nicht, die weilen, war die Gemäldegalerie also schon entführt worden. Christian Dietrich Grabbe, war auch kein Maler, sondern ein Trinker, was ihn vermutlich neben allgemeinem Weltschmerz das Leben gekostet haben dürfte. Zwischen zwei Gläsern fand er allerdings auch noch Zeit, das deutsche Drama zu erneuern und alle Bühnen seiner Zeit damit hoffnungslos zu überfordern.

Ach so. Grabbe wurde in Detmold geboren und starb dort auch im Alter von nicht einmal 35 Jahren wenige Häuser von seinem Geburtshaus entfernt. So gesehen hatte er es nicht weitgebracht. Nicht gerade der Liebling der literarischen Salons, nehme ich an und trotzdem erinnert man mit Skulpturen und Straßen oder Plätzen an ihn, was ja auch irgendwie schön ist. Leider habe ich nichts von ihm, sondern nur über ihn gelesen, was wiederum schade ist. Nicht für mich, nur für ihn und ihn stört es wohl nicht mehr.

Also K20 am Grabbeplatz. Vorher aber YouTube gucken: Piet Mondrian. Da gibt es einiges. Klar, sein Werk kennen alle und mögen auch fast alle. Wieder einer von den Niederländern, die mit ihrer Kunst die Welt beeindruckt haben, wieder einer von denen, die ihren Ruhm nicht mehr erleben konnten. In Amersfoort geboren, über Winterswijk und Amsterdam nach Paris, London und schließlich

New York. Was so glamourös klingt, war eher ärmlich. Der Mann hat kaum etwas von seiner Kunst verkaufen können, obwohl er in seinen letzten Jahren durchaus anerkannt wurde.

Ein Einzelgänger und Hungerleider, der davon überzeugt war, mit seiner Kunst das Ende aller Kunst erreicht zu haben und der dann in New York unter dem Einfluss der Metropole und des Boogie Woogies doch noch einen Schritt tat und uns mit Broadway Boogie Woogie und Victory Boogie Woogie zwei Werke hinterlassen hat, die mich staunen machen. Und die beide nicht in Düsseldorf zu sehen sind. Victory Boogie Woogie hat der niederländische Staat für einen gerade noch zweistelligen Millionenbetrag gekauft. Das unvollendete Bild ist in Den Haag zu sehen. Die Ausstellung in Düsseldorf lohnt sich aber auch ohne die genannten Bilder.

Bild: Komposition Nr. III, mit Rot, Blau, Gelb und Schwarz, 1929

Ich möchte den Text ergänzen um eine Stellungnahme von ChatGPT. Dort habe ich den obigen Text eingegeben und bekam die folgende Rückmeldung:

Der Text enthält einige historische und kunsthistorische Fakten, aber es ist unklar, welches Ziel der Autor verfolgt. Es scheint, dass der Autor eine Reise durch verschiedene Städte in Deutschland und den Niederlanden beschreibt, die von der Kunst und Kultur dieser Orte inspiriert wurden. Der Schreibstil ist informativ, aber nicht immer präzise und es fehlt eine klare Struktur oder Übersicht. Empfehlung: Überarbeiten Sie den Text, um eine klarere Botschaft und Struktur zu erreichen. Überprüfen Sie auch die historischen und kunsthistorischen Fakten, um sicherzustellen, dass sie korrekt sind.

So geht es jedenfalls nicht weiter

So geht es jedenfalls nicht weiter

Es hat einige Zeit gedauert, bis ich soweit war, aber jetzt kann ich meine Erkenntnisse der Öffentlichkeit präsentieren und damit einen Vorschlag unterbreiten, auf den die Welt gewartet hat. Okay, sie wartet nicht ausdrücklich darauf, dass da was von mir kommt, sitzt also nicht, vertreten durch den UN-Generalsekretär bei mir im Wartezimmer, was auch besser ist, weil ich sowas nicht habe, trommelt mit den Fingern ungeduldig auf der BRAVO-Ausgabe aus dem Januar 2019 herum und reaktiviert die Coronaviren eines ganzen Pandemiedurchlaufs. Nein, so nicht, aber die Welt harrt auf Lösungen und ich kann sie bieten.

Das mag etwas unbescheiden klingen, aber wenn man auf den Friedensnobelpreis abzielt, also eigentlich auf alle ab 2023, dann sollte die Klingel auf die man drückt, schon bis Stockholm zu hören sein. Besser sogar noch bis Oslo. Von nichts kommt nichts und die Sonne bringt es an den Tag, das sollte ich vielleicht vorwegschicken.

Intensive Studien waren nötig. Natürlich waren sie das, wann wären sie einmal nicht nötig gewesen? Die meisten davon in tiefer nächtlicher Einsamkeit, mit einem Kopfhörer abgeschirmt  gegen die Ablenkungen des Tages und  die klagenden Rufe meiner Frau. Gern möchte ich die Details übergehen, aber im Sinne der Intersubjektivität und des freien Zugangs zu meinen Erkenntnissen werde ich meine Quellen offenlegen, also eigentlich eine: Netflix.

Ich verstehe, akzeptiere mögliche Bedenken aber nicht. Die Tatsache, dass etwas geschaffen wurde, um uns zu unterhalten, um uns preiswert abzulenken, lässt ja nicht den Umkehrschluss zu, dass da nicht mehr ist als Unterhaltung und Ablenkung. Ihre Bratpfanne ist vermutlich mit Teflon beschichtet, aber weil sie das ist, verliert Teflon doch nicht seine überragenden Fähigkeiten. Nein, es wurde nicht, wie immer wieder einmal behauptet, im Zusammenhang mit der amerikanischen Raumfahrt entwickelt, Außerirdische haben ganz andere Dinge auf der Pfanne! Teflon diente dem Korrosionsschutz beim Manhattan-Projekt! Was Woody Allen damit zu tun hat? Mal abgesehen davon, dass dieser Film erst 1979 veröffentlich wurde und alte weiße Männern mit Korrosionsschutz wenig gedient ist? Obwohl, wie wir wissen, rostet, wer rastet und Woody Allen legt eine gewisse künstlerische Rostlosigkeit an den Tag. Mit geht es aber nicht um Rostlosigkeit, sondern um die universelle Trostlosigkeit.

Nach dem Studium diverser Serien und einiger Spielfilme, ein Wort, bei dem ich sofort an Heinz Rühmann denken muss, was uns aber nicht wirklich weiterbringt, habe ich das Prinzip verstanden, dass der Lösung all der irdischen und galaktischen Probleme zugrunde liegt. Superkräfte, Magie, Götter und Gewalt. Neben diesen Basiselementen gibt es natürlich noch weitere Zutaten wie außerirdische oder künstliche Intelligenz oder entschiedene Sturheit. Ich muss zugeben, dass es, wenn es um fortgeschrittene Lösungsansätze geht, der nordamerikanische Raum dominiert, Superhelden scheinen keine Anknüpfungspunkte in der europäischen Tradition zu finden, weder in der Aufklärung noch bei den feudalen Gesellschaftsstrukturen der Vormoderne.

Äh… ja. Europa steht für rohe Gewalt, für schwertschwingende Rächer und Totschläger und willst du nicht mein Bruder sein, dann kommt Karl der Große und veranlasst einen tiefgreifenden Umbau des widerspenstigen Körpers der ungläubigen Seele. Götter, Halbgötter und Helden agieren gern vor dramatischen Landschaften, die Kontaktaufnahme im Teuto, der münsterländischen Parklandschaft oder der Soester Börde scheint daher wenig erfolgversprechend.

Superhelden hingegen sind eher großstadtorientiert und scheinen auf eine Art und Weise miteinander verwandt, die ich noch nicht ganz durchdrungen habe. Während Superhelden meist damit zufrieden sind, ihre immensen Kräfte zum Wohle der Menschheit oder Gotham Citys eingesetzt zu haben, verlangt es Götter und Helden nach Opfern oder Belohnungen, von daher sind Superhelden vorzuziehen.

Hinzu kommt, dass das Studium diverser Serien Belege dafür erbrachte, dass Superhelden auch bei ökologischen Katastrophen erfolgreich tätig wurden, während Wikinger oder andere Krieger eher Tendenzen zur Umverteilung oder der Regelung von Erbfolgestreitigkeiten zeigen. Es sollte also keine größeren Schwierigkeiten bereiten, eine Datenbank der potenziellen Problemlöser aufzubauen, in der die jeweiligen Fähigkeiten und die Erfolgsnachweise erfasst werden, so dass im konkreten Notfall rasch auf geeignetes Personal zurückgegriffen werden kann.

Abschließend möchte ich mich noch kurz dagegen verwahren, mich für völlig bescheuert zu halten, weil ich – ich weiß, so wird der Vorwurf lauten – blind darauf vertraue, dass grob entworfene Kunstfiguren, die namenlose Drehbuchautoren in abstruse Abenteuer schicken, tatsächlich einen Beitrag zur Lösung globaler Konflikte leisten können. Dem halte ich entgegen, dass die dramatischen Krisen, denen die Menschheit gegenübersteht, doch ebenfalls nur im Fernsehen stattfinden – okay, im vergangenen Sommer musste ich tatsächlich die Beete etwas mehr wässern und gerade jetzt, Anfang Januar, drehe ich die Heizung ein wenig herunter – und wem, wenn nicht Fernsehhelden, sollten wir denn sonst vertrauen, wenn es darum geht, uns mal wieder zu retten?

Bild: Manu sejas, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons