Unwohl und Wehe!

Ich bin krank. Sehr krank, sonst hätte ich das hier nicht publik gemacht. Ist ja eher Privatsache. Aber weil das hier ohnehin fast keiner liest, bleibt es ja privat. Eine Diagnose steht noch aus. Also eine ärztliche, aber wer braucht die schon? Man weiß ja, wie es um einen steht. Und Google weiß mindestens, wenn nicht mehr als der Doktor. Der ja oft genug nicht mal Doktor ist. Oder wenn, dann hat er seine Doktorarbeit abgekupfert. Was natürlich eher beruhigend ist, denn wer will sich schon von einem Theoretiker behandeln lassen!

Wieso fällt mir gerade Frau Giffey ein? Bis gerade wusste ich nicht mal, wie die geschrieben wird, jetzt weiß ganz Deutschland, dass sie abgeschrieben hat. Vielleicht. Ich mach mir nicht die Mühe, mich mit ihrem Studium zu beschäftigen, ich will ja nicht von Frau Giffey behandelt werden.

Jetzt ließe sich einwenden, dass es nicht so schlimm um mich stehen kann, wenn ich am Rechner sitze und Text produziere. Ich bin mir auch noch nicht ganz sicher, ob das Teil der Therapie ist. Obwohl: Was soll mir noch helfen? Ich habe Weiterlesen

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Eisblumen

old_s [CC0], via Wikimedia Commons

Nein, hatte der Fensterbauer gesagt, das Fenster sei in Ordnung. Genauso dicht, wie die anderen im Haus. Neubau, sogar mit Door-Blower-Test. 100 Prozent. Trotzdem waren am nächsten Morgen wieder Eisblumen auf dem Fenster, nur auf dem in Finns Zimmer. Dem Zimmer mit den Dachschrägen und den beiden kleinen Fenstern, von denen er den See sehen konnte. Den See, der jetzt wieder zugefroren war, eine kalte, glatte Eisfläche. Finns Eltern hatten sich gefragt, ob er irgendwas gemacht hatte, irgendeinen Fehler, irgendeine Sache, die man mit solchen Fenstern nicht machen durfte. Der Fensterbauer hatte nur gelacht. Die gingen ja nicht mal auf, einmal wegen der Sicherheit, aber schon erst recht nicht, weil das Haus automatisch belüftet wurde. Passivhaus.

Trotzdem: Etwas war ja nicht richtig, also zog Finn ins Gästezimmer. Nicht in Annas Zimmer, das stand leer, mit fertig bezogenem Bett und ihren Kuscheltieren auf dem Regal. Das Gästezimmer fand er aufregend, ein bisschen unheimlich vielleicht, weil er die Schatten nicht kannte. Stand da nicht vielleicht doch einer in der Ecke? Und es knackte anders, ganz fremd. Doch während er die Schwärze genau beobachtete, musste er wohl eingeschlafen sein.

Am anderen Morgen waren die Eisblumen wieder da, nicht in Finns Zimmer, nicht in Annas Zimmer, sondern am großen Gästezimmerfenster. Seine Eltern sagten nichts. Es musste ja nichts bedeuten, es konnte ja nichts bedeuten. Eine Unregelmäßigkeit, die es zu beseitigen galt.

Ist vielleicht besser, wenn Finn für eine Weile hier unten bleibt, hatte sein Vater gesagt und seine Mutter Weiterlesen

Bielefeld, 19:30 Uhr

​German Wikipedia Benutzer Jens Rusch [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/)%5D

Bernd Rauschenbach und Joachim Kersten stehen vor der Tür der Stadtbücherei Bielefeld. 19:30 Uhr. Es ist eiskalt. Arno Schmidt selbst hat es bis heute kaum mal in die Stadtbüchereien geschafft, die ganz großen mal ausgenommen. Na, Humor müssen sie haben, ist ja ihr Thema, der Humor bei Schmidt. Kühe in Halbtrauer und ein paar Stürenburg-Geschichten. Doch viele Leute da, aber die haben ja auch sonst nichts in Bielefeld. Und es ist kalt draußen. Kann man schon mal Schmidt hören gehen.

Ältere Leute. Fast hätte ich Herrschaften geschrieben. Da hätte der Herr Schmidt aber gegrummelt. Stimmt auch nicht, also nicht ganz. Schon ein gesetztes Publikum, eins, das wohl typisch ist für einen Arno- Schmidt-Abend. 1979 gestorben, fast hätte ich gesagt: neulich. Das kommt davon, wenn man selber eher Jahrzehnte als Jahre zählt. Trotzdem: Ist noch nicht so lange her und war doch eine ganz andere Zeit. Na, ob sich so viel verändert hat, ob es nicht immer noch die Welt ist, an der Schmidt sich einst rieb? Gut, keine DDR mehr, aber Aufrüstung, Kirche und Amerika, die alten und die jungen Nazis und Literatur als Teil des Showgeschäfts. Ob er das Weiterlesen

Übergangslos

Foto: Elfie Voita

Es musste nach Mitternacht sein. Das letzte Mal, als er auf die Uhr geschaut hatte, war es jedenfalls 23:59 Uhr. Der Countdown im Fernsehen lief schon. Dann fiel der Strom aus. Das war nicht das erste Mal passiert. Das Handy…keine Akku mehr. Er lauschte, ob irgendwo geballert wurde, nein, nichts. Wie in den letzten Jahren. Die alten Leute hatten keine Lust auf Knallerei, die jungen feierten woanders.

Zur Sicherheit zählte er noch bis sechzig und gab noch zehn drauf, weil man ja immer zu schnell zählte. Das müsste es jetzt aber gewesen sein. Neues Jahr. Obwohl es genauso wie das alte aussah und, schlimmer noch, sich auch so anfühlte. Das Feuerzeug versagte beim Versuch, die Zündschnur des Batteriefeuerwerks in Brand zu setzen.

Dann eben die Streichhölzer. Die Zündschnur glomm Weiterlesen

Ein Abend in Neuenhaus

Dinkelberg43 [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, von Wikimedia Commons

2018 hatte ich mich mit meinem Text „Der Kahn“ erfolgreich an dem Wettbewerb „Vechtegeschichten / Vechtverhalen“ beteiligt. Ich habe an anderer Stelle darüber berichtet. Am 17.01.19 findet wieder eine Lesung statt, diesmal in Neuenhaus in der Grafschaft Bentheim. Eintritt frei und für die Besucher gibt es das Buch gleich mit dazu. Das ist möglich, weil die Europäische Union das Projekt gefördert hat. Das bedeutet umgekehrt allerdings auch, dass dieses Buch nicht im Handel erhältlich ist. Man muss schon in die Grafschaft Bentheim oder eine Weiterlesen

Meinungsstark und faktenschwach

Cooper–Hewitt, Smithsonian Design Museum [Public domain]

Ich kannte mal eine Frau, die Geschichten erzählte und sich wunderte, wenn Menschen sich später bei ihr beschwerten, weil manches nicht so war, wie sie es erzählt hatte. Dabei hatte sie sich überhaupt nichts Böses dabei gedacht, wenn sie ihre Geschichten erzählte. Sie log nicht, sie dachte sich auch nichts aus, sie erzählte einfach, was sie für wahr hielt, also ihre Interpretation dessen, was sie sah, hörte und erlebte. Ihr Problem mit ihren Mitmenschen löste sich in Wohlgefallen auf, als ihr jemand vorschlug, sie solle doch einfach in Zukunft ihre Geschichten mit „Ich denke“ oder „Meiner Meinung nach“ beginnen.

Wenn ich gerade in freundlicher Stimmung bin, dann denke ich, dass unseren Medien damit auch schon geholfen sein könnte. Natürlich sind Journalisten davon überzeugt, dass wir als Publikum im Schnitt ahnungslos sind und Nachrichten nicht verstehen können, wenn man uns nicht gleich dazu sagt, wie man eine Nachricht einzuordnen hat. Wenn man Weiterlesen

Fehlerfrei

Eigenes Foto

Ein typischer Wintertag, regnerisch und lauwarm. Ein Knirps in gelber Warnweste wies mich ein, ich parkte hinter Flatterband auf einer durchweichten Wiese. Hergebracht hatte mich ein Insidertipp: Es gäbe da einen Bauern, der Tannen aus eigenem Anbau verkaufe, so frisch, dass die während des Verkaufsgesprächs noch in der Heimaterde wurzelten. Ich müsse nicht mal selbst Hand anlegen, hatte man mir versichert, da gäbe es hilfsbereite Mitarbeiter, die den vor mir angewiesenen Baum fällen würden. Oder erntet man Weihnachtsbäume vielleicht? Ein Geheimtipp war das jedenfalls nicht, wie ein Blick auf den Parkplatz zeigte. Bratwurst und Glühwein waren im Angebot und irgendwo lief natürlich auch Last Christmas.

Das letzte Weihnachtsfest war übrigens nicht so gut. Nicht, dass ich dafür verantwortlich gewesen wäre. Das lass ich mir nicht anhängen. Erfolg ist mein zweiter Vorname, mein Lebenslauf ist makellos. Ich kenne alle Tricks. Immer wieder habe ich umformuliert, gefeilt und poliert. Das brauchte natürlich ein Weilchen und als er fertig war, mein Lebenslauf, als er in einem Stapel von Bewerbungen geleuchtet, was sage ich, geglüht hätte, war es Zeit für mich, in Rente zu gehen. Aber Scheitern als Teil meiner Biografie? Fake News!

Ich will ja nicht unbescheiden sein, aber wenn ich etwas gelernt habe, dann doch, dass ich möglicherweise nicht Herr meines Lebens bin, aber doch meiner eigenen Geschichte, und die erzähle ich gewiss nicht als eine zufällige Abfolge von Ereignissen, die mir passierten, während ich gerade davon träumte, dass alles ganz anders werden müsste. Ja, John Lennon hat das mal so ähnlich formuliert, aber deshalb ist es ja nicht gleich falsch. Da ist kein Raum für Scheitern, gut, vielleicht für Experimente, für das Vortasten in neue, unerforschte Räume, für das Lernen aus Erfahrungen.

Während man noch mit dem Kopf in den Wolken steckt, merkt man ja nicht, wie sich an den Füßen schon Moos ansetzt, also bildlich gesprochen. Das war  allerdings nicht ganz das Bild, nach dem ich suchte, klar geht es um Moos, aber… Erde, genau das war es, diese Erdung durch suboptimal verlaufene Begegnungen mit der Realität. So muss man das doch sehen. Die dreihundert Euro, die ich verloren habe, weil Holland in der letzten Minute des Spiels noch den Ausgleich schoss, verdammte Hacke, aber wenn, dann ist da Deutschland gescheitert, für mich war das eine Investition in meine Zukunft. Lernen, wie schon gesagt. Manchmal ist Lernen eben schmerzhaft.

Apropos: Wenn ich an meinen Vater denke, der lernte einfach nicht. Jahr für Jahr kaufte er einen Weihnachtsbaum. Wie viele andere auch, aber mein Vater erwischte immer den, der, wie man ihn auch drehte, schief stand. Oh Tannenbaum! Weil mein Vater aber ein begeisterter Handwerker war, dem zum richtigen Handwerker nur das Geschick fehlte, vom richtigen Werkzeug mal ganz abgesehen, konstruierte er in den darauf folgenden Tagen ein Netz aus Seilen und Schlingen, Haken und Ösen, in dem der Weihnachtsbaum hing wie die Spinne im Netz und mit dem wir, hätte der Weihnachtsmann je versucht, uns persönlich zu bescheren, einen unerwarteten Fang gemacht hätten.

Sowas passiert mir nicht. Obwohl ich die handwerklichen Talente meines Vaters geerbt habe – und ich hätte lieber seine leuchtend blauen Augen gehabt – murkse ich nicht mit dem Weihnachtsbaum rum. Meine handwerkliche Unfähigkeit hat, wie soll ich es sagen, die nächste Stufe erklommen, ich versuche es gar nicht erst mit dem Werkzeug, ich habe meine Probleme im Umgang mit den Handwerkern. Aber da kann von Scheitern unmöglich die Rede sein, da geht es um Genetik.

Weihnachten ist natürlich auch für mich ein Thema. Weihnachtsbäume auch. Nachdem man mich mehrfach durch perfiden moralischen Druck dazu verleitet hatte, beschädigte Bäume zu kaufen, die nur mit Sekundenkleber, Zahnstochern und grünem Draht dazu gebracht werden konnten, ihre Spitze nicht vor dem ersten Weihnachtsfeiertag abzuwerfen – der perfide moralische Druck entstand übrigens durch einen deutlich reduzierten Kaufpreis und eine seltsame Art von Mitleid mit einer ramponierten Tanne – nachdem man mich also genau zweimal auf die gleiche Weise um einen sorgenfreien Blick auf den geschmückten Baum betrogen hatte, wollte ich mich vom Zwischenhandel unabhängig machen. Oh nein, ich ziehe nicht mit dem Beil in den Wald, denn sonst bekäme die Redensart „die Beine in die Hand nehmen“ eine ganz neue Bedeutung. Deshalb war ich so dankbar für den Hinweis auf den Bauern mit den Bäumen.

Wenn es schon lästig war, Weiterlesen