Manche zählen, andere werden gezählt

Und wieder ein kleiner Text aus dem Jahr 2015, also aus der Anfangsphase meiner Versuche, die Welt in meine Schublade schauen zu lassen.

Philipp von Württemberg [Public domain], via Wikimedia Commons

Manche zählen, andere werden gezählt

Nachdem die Nachrichtenredaktionen endlich konsequent den Lehrsatz „Hund beißt Mann ist keine Nachricht“ umgesetzt hatten und folglich Stellungnahmen wie „Der stellvertretende Vorsitzende der Regierungspartei begrüßte die Rede der Kanzlerin….“ oder „Der Oppositionsführer kritisierte die Rede der Kanzlerin als…“ einfach entfielen, kam es zu Zusammenrottungen von Politikern, die randalierend durch die Berliner Innenstadt zogen.

Die Veranstalter schätzten die Zahl der Teilnehmer auf einige Millionen, die Polizei auf rund 500. Wahrscheinlich lässt sich die Differenz durch die Idee der repräsentativen Demokratie erklären, die sich in den Politikerköpfen besonders verfestigt hat.

Geschenke mit Preisschildern

By CDU [CC BY-SA 3.0 de (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en)%5D, via Wikimedia Commons

Ach, waren das noch Zeiten, als man an der Wahlurne gleich die gesamte abendländische Kultur retten konnte. Jetzt retten wir nur noch die FDP, die Grünen oder die Linken, alle anderen Parteien sind nicht mehr zu retten, nein, falsch ausgedrückt: haben sich längst in Sicherheit gebracht.

Vor dem Hintergrund der gewaltigen Umverteilung von unten nach oben, die in diesem Lande stattgefunden hat, in Anbetracht der Armut der meisten Gemeinden, Städte und Kreise, die zu immer neuen Leistungseinschränkungen bzw. zum selbstverständlichen Verzicht auf eigentlich notwendige Angebote führt (ich verzichte mal auf die Beispiele), unter Berücksichtigung all dessen sehe ich Wahlplakate, in denen die Union mehr Straßen, die FDP bessere Schulen und mehr Polizisten fordert.* Weiterlesen

Abgetaucht

By Nicolas J. Fernandez (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Ich hatte ihn bemerkt. Wir gingen das Ufer des Emssees entlang, als… Fast hätte ich spaziert geschrieben, dachte aber, das sei irgendwie unangemessen. Jetzt, nachdem ich das überprüft habe, also nicht, ob wir spazieren gegangen sind, sondern was das Wort ’spazieren‘ eigentlich heißt, woher es kommt und wohin es will, schreibe ich: Wir spazierten am Ufer des Emssees entlang, als…

Denn diese Spazieren kommt vom Italienischen  sich ergehen und hat seinen Ursprung im aristokratischen Lustwandeln. Wir lustwandelten am Ufer des Emssees…, nein, wir lassen es beim Spazieren.

Dort jedenfalls bemerkte ich den dunklen Streifen im Wasser, der sich ziemlich schnell parallel zur Böschung bewegte. Der Bisam, die Bisamratte oder die Nutria oder die Biberratte? Das sind jetzt nicht vier verschiedene Tiere sondern nur zwei. Bisam oder Bisamratte sind zwei Namen für ein Tier, das zur Familie der Wühlmäuse gehört und mir schon deshalb unsympathisch ist. Also kann es kein Bisam gewesen sein, denn der dunkle und schnelle Schwimmer wirkte durchaus sympathisch auf mich. Also die Nutria, die auch Biberratte genannt wird. Die beiden Arten ließen sich am Schwanz unterscheiden, Weiterlesen

Kurzgeschichte: Der Name der Dose

Aus den Anfangstagen des Blogs gibt es ein paar Beiträge, die keine oder kaum Leserinnen und Leser gefunden haben. Ich nehme an, dass es gute Gründe dafür gab. Aber das hindert mich nicht daran, diese Beiträge, also die Rohrkrepierer, Ladenhüter und Karteileichen, noch einmal ans Tageslicht zu zerren. Den Anfang macht

Der Name der Dose

Adolph von Menzel [Public domain oder Public domain], via Wikimedia Commons

Ein lichtloses Treppenhaus mit riesenhaften Schränken und einer endlosen Treppe, die ihren Anfang in unbekannten Tiefen haben mag und eher zufällig auch zu uns hinauf führt. Dunkles Holz und immer der Geruch von Bohnerwachs.

Eine hellere Wohnung, in der ein Mann, für meine kindliche Vorstellung uralt, dabei gewiss kaum älter als vierzig, mit seiner Haushälterin lebt: Tante Frieda, deren große, unendlich verlockende Blechdose Weiterlesen

Wie? Wir? Unmöglich!

By European People’s Party (4th EPP St Géry Dialogue; Jan. 2014) [CC BY 2.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/2.0)%5D, via Wikimedia Commons

Wirtschaftsvertreter geben Interviews, Journalisten schreiben Artikel. Schäuble hat es den Amerikanern und der ganzen schnarchnasigen Welt erklärt: Wir sind nicht verantwortlich dafür, dass wir riesige Exportüberschüsse haben.

Wir sind einfach so unglaublich gut. Und preiswert. Außerdem kommt uns die Euroschwäche entgegen. Die sollen sich alle mal richtig anstrengen, dann wird auch was aus all den Loosern. Kriegen ihre Wirtschaft nicht in den Griff, führen notwendige Reformen nicht durch, stellen Zeugs her, das die Welt nicht braucht. Weiterlesen

Grenzerfahrungen

Grafschaft Bentheim, Foto: Manfred Voita

Wir doch nicht. Alle anderen, klar, aber wir doch nicht.

Ostermontag. Ein ganzer Tag liegt hinter dem Land, ein vergeudeter Tag, einer, an dem man nicht einkaufen konnte. Jedenfalls nicht in Deutschland. Wir sind auf dem Weg in die Grafschaft Bentheim, Familienbesuch. Ob wir über Holland fahren, fragt meine Frau. Klar, immer gern mal. Und wenn wir schon da sind, könnten wir auch noch ein paar Kleinigkeiten mitbringen, also die Sachen, die man nun wirklich nicht dringend braucht.

Völlig naiv fahren wir über die Grenze, also fast, denn der Stau beginnt schon kurz vor der Grenze. Ganz Deutschland muss nach Denekamp oder irgendeinem anderen beliebigen Grenzort. Dabei ist es noch nicht einmal lange her, dass wir in einen vergleichbare Schlamassel geraten sind. Nur ging es da um Winterswijk und Bredevoort. Egal, wenden kann Weiterlesen

Der Boss lässt sprechen

Von Helge Øverås – Eigenes Werk, CC BY 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=3474124

Ja, ich weiß, ich hätte es ja nicht hören müssen. Aber nun ist es zu spät für gute Ratschläge. Ach so, was ich da gehört habe? Born to run, die Bruce-Springsteen-Autobiografie, gelesen von Thees Uhlmann.

Ich mag Thees Uhlmann, weiß nicht, wieso. Vielleicht ist es das Norddeutsche, das Eckige, das Unglamouröse. Ja, bestimmt sogar, denn von seiner Musik bin ich meistens ein kleines bisschen enttäuscht. In einem Kulturmagazin erzählte er, wie begeistert er davon war, Springsteen für das Hörbuch lesen zu dürfen. Schön, dass wenigstens er Spaß daran hatte. Oh, er macht das nicht schlecht, jedenfalls wenn man das Norddeutsche, Eckige und Unglamouröse mag.

Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass man mehr aus den Texten rausholen kann, dass man mit breiter Brust und großer Klappe antritt, um dann an den entsprechenden Passagen auch mal weinerlich zu werden. Denn das ist Springsteen eben auch alles. Großkotzig, moralisch, religiös, Selfmademan, Millionär, Sohn, Vater, Ehemann. Ach ja, Rockstar hätte ich fast vergessen. Weiterlesen