Mit anderen Augen

Von Michielverbeek – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5129016

Maarten t’ Hart, der niederländische Schriftsteller, der vor nicht allzu langer Zeit seinen 75. Geburtstag feierte, na, sagen wir: dessen 75. Geburtstag vor kurzem gefeiert wurde, er selbst ist wohl kein Mensch, der Feierlichkeiten schätzt, hat, was sollte ein Schriftsteller auch sonst tun, ein Buch geschrieben und seinen Leser*innen damit ein Geschenk gemacht. De Nachtstemmer heißt es und ist wohl noch nicht auf Deutsch erschienen. Es handelt von einem Mann, der Orgeln stimmt. Es handelt auch von einer Frau und ihrer Tochter. Es spielt, und das ist für mich der Anlass, diesen Text zu verfassen, in Maassluis.

Na und, wird fragen, wer weiß, dass Maarten t‘ Hart aus Maassluis stammt und gefühlt 90 Prozent seiner Romane und Kurzgeschichten dort angesiedelt sind. Wer weder Maarten t‘ Hart noch Maassluis kennt, darf trotzdem weiterlesen, denn es geht mir nicht um Maarten t‘ Hart und auch nicht um Maassluis. Es geht um den literarischen Kunstgriff, mit dem der Autor in diesem neuen Buch ein ganz anderes Maassluis kreiert.

Gabriel Pottjewijd, so heißt der Nachtstimmer, stammt nämlich

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Gemeinschaftsprojekt

Von wetwebwork – Keyboard and Cress, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1576198

Christiane Nitsche, die ich aus dem Buchprojekt über die Vechte kenne, hat ein  Projekt gestartet, ich zitiere mal:

„Die Liebe in Zeiten von Corona“

soll ein Gemeinschaftsprojekt werden – eines, in dem wir einander von der Liebe erzählen, von den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, die sie in der Zeit der weltweiten Krise erfährt. Das Ziel: ein Kanon der Liebe aus allen möglichen Kulturen, damit wir uns später nicht nur an die Schrecken und Ängste erinnern, sondern an das, was uns stark und menschlich macht.
Ich freue mich auf viele Beobachtungen, Erzählungen, Alltäglichkeiten, auf Dramatisches, Lustiges und Unglaubliches, was Ihr dazu zu erzählen habt.

Die Beiträge werden von mir literarisch bearbeitet, anonymisiert und in einem täglich erweiterten Blog veröffentlicht.

Es haben sich schon ein paar gemeldet, die mitmachen. Aber es dürfen gerne mehr werden.
Darum bitte auch gerne teilen!

Kontakt: loveisallyouneed.corona@googlemail.com

Hinweise für Intensivwischer

Hinweis 1
Toilettenpapier mit der Chargennummer CO202002 ist teilweise mit scharfkantigen Holzfasern durchsetzt, die zu empfindlichen Verletzungen führen können. Eine Entsorgung durch die heimischen WCs ist nicht möglich, weil das zu hartnäckigen Verstopfungen führen kann.

Hinweis 2
Toilettenpapier mit der Chargennummer C0202003 ist bedauerlicherweise zum Teil aus von Eichenprozessionsspinnern befallenen Hölzern hergestellt worden. Die Verwendung kann zu Blähungen und Übergewicht führen.

Hinweis 3
Leider ist im März 2020 Toilettenpapier in den Handel gelangt, dessen MHD bereits überschritten war. Von einer Benutzung wird abgeraten, da es Weiterlesen

Muscheln auf der Fensterbank

Eigenes Foto

Ich denke ans Meer.

An diesen Moment, wenn man über die Dünen schauen kann, wenn erst das Wasser da ist, dann der Wind und das Rauschen der Wellen. Die Weite, die man nicht in Worte fassen kann, nicht einfach nur von hier bis da. Ja, ich weiß, hinter dem Horizont geht es weiter, da liegt was, vielleicht nicht gleich da, wo es unscharf wird, sondern weiter weg. So fühlt es sich aber nicht an. Muscheln knirschen unter den Schuhen und ich ignoriere den Einwegrasierer, der aus einem der Container stammen muss, die von der MSC Zoe Anfang 2019 verloren worden waren.

Laut ist es und salzig, Möwen scheinen über der Gischt in der Luft zu stehen und feiner Sand fliegt. Ein Hund jagt einem Stock hinterher, stürzt sich in die Nordsee und ist schon wieder zurück. Wenige Menschen, manche mit ihren Schuhen in der Hand. Ein paar Regentropfen und gleich wieder Sonne. Schnell geht das an der Küste. Erinnerungen an andere Küsten, andere Inseln, andere Seen. Andere Zeiten. Andere Menschen. Sommer und Bälle und Eis und Sonnenbrand. Handtücher und Decken, Zigarettenkippen im Sand. Bücher, Ferien und Kinder. Der Geruch feuchter Badesachen.

Die See ist da. Der Strand ist da. Der Wind weht. Aber ich bin nicht da.

Abwarten und Tee trinken

Von Albert Anker – Urprung unbekannt, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1180495

Gerade war ich einkaufen. Toilettenpapier war alle. Um 10:00 Uhr. Plötzlich leuchtete mir das sogar ein: Deutschland hat Schiss. Zu Recht, nehme ich an, wenn man China, Italien, Spanien und… ach, wohl den Rest der Welt sieht. Wir ziehen den Kopf ein und hoffen. Ob es uns gut tut, nur noch Corona zu hören, zu sehen, zu lesen und zu besprechen? Klar, noch immer gibt es Menschen, die alles für übertrieben oder gar für Geschäftemacherei halten. Wessen Geschäfte könnten das wohl sein? Was jetzt gebunkert wird, wird später nicht gekauft. Da profitiert der Handel nicht. Der Rest der Wirtschaft leidet. Die Pharmaindustrie würde ja gern verdienen, hat aber nichts im Angebot. Klar, irgendwann vielleicht. In ein paar Monaten, in einem Jahr, hat ein Unternehmen einen Impfstoff oder ein Medikament und verdient sich eine goldene Nase. Darüber rege ich mich dann später mal auf. Da ich gerade schon Weiterlesen

Insellos

Eigener Entwurf

Natürlich haben wir uns gefragt, ob wir fahren sollten. Dann sind wir gefahren. Wie viele andere auch. Freitag kamen wir auf Juist an, hatten einen schönen Abend und zwei schöne Tage mit ausgedehnten Spaziergängen am Strand und dem Gefühl, weit weg zu sein, in einem anderen, gesünderen Land. Selbstverständlich immer nur, bis die nächsten Meldungen kamen, Italien, Spanien, Frankreich. Schulschließungen, Absage der Geisterspiele, dann die Mitteilung, dass Schleswig-Holstein die Inseln sperrt. Da war klar, dass wir vielleicht auf einer Insel der Seligen wären, die Seligen aber ohne uns noch seliger sein würden. Niedersachsen zog nach: Die ostfriesischen Inseln sollten ab Montag gesperrt werden. Damit war unsere Abreise um einen Tag vorgezogen worden.

Meine Oma und meine Mutter waren aus Ostpreußen vertrieben worden, wir nun aus Ostfriesland. Niemand warf mit Steinen nach uns, alle waren nett, die Abreise gut organisiert und völlig problemlos. Trotzdem schade. Man muss uns offenbar erst verbieten, was wir selbst längst eingesehen haben und trotzdem nicht lassen.

Driessen liest vor

Dietmar Rabich / Wikimedia Commons / „Telgte, Clemenskirche und Gnadenkapelle — 2014 — 8455“ / CC BY-SA 4.0

Martin Michael Driessen sagte mir nichts, aber die Buchhändlerin unseres Vertrauens hatte ihn zu einer Lesung in Telgte eingeladen und wir wollten sie nicht mit einem fremden Mann allein lassen.

Sie war dann auch nicht allein. Für Coronazeiten war der Veranstaltungsraum gut besucht, zu anderen Zeiten hätten auch nicht mehr Leute Platz gefunden.

Gleich neben der Gnadenkapelle in einem schönen alten Raum mit Stühlen, die auf dem unebenen Steinboden wackeln, saß Driessen vor dem Kamin. Ein älterer Herr, also jünger als ich, aber mehr Herr. Ein Niederländer mit deutscher Mutter und langer Berufstätigkeit als Theater- und Opernregisseur in Deutschland, der jetzt in einem Hausboot in Rotterdam lebt.

Driessen liest und plaudert gern. Seine Tätigkeit als Regisseur hat seinen Blick auf Texte geprägt, er weiß, wie Texte funktionieren und welche Funktion bestimmte Textteile erfüllen. Das führt dazu, dass er nicht nur liest, sondern gleich die Interpretation mit liefert. Er beschreibt, warum er was wie gemacht hat und was er sich dabei gedacht hat, was ihm schwer fiel (ein Mord) und was mit eigenem Erlebnissen zu tun hat. Es macht Spaß, ihm zuzuhören. Er liest langsam, nicht, weil ihm die Sprache Mühe bereitet, sondern weil er die Sätze wirken lassen will. Auch das erklärt er, will den Lesefluss verlangsamen mit sperrigen Begriffen, mit fremdsprachlichen Zitaten. Er kommentiert sich.

Ein schöner, ein langer Leseabend. Das Buch „An den Flüssen“, ein schmales Bändchen mit einer längeren Kurzgeschichte und zwei ganz kurzen Romanen, wie Driessen sagt, haben wir gekauft. Ich habe es noch nicht gelesen. Noch habe ich Driessen zu sehr im Kopf, um  eigene Bilder und eigene Töne für seine Texte finden zu können.