Sieben:Dreizehn

                   Eigene Tasche – eigens Foto

6:00 Uhr. Zeitung… zum Glück da. Nicht geklaut oder vom Boten vergessen. Passiert seiner Vertretung in den Ferien gern mal. Frühstücken, Zähne putzen, rasieren. Tasche auf Vollständigkeit checken: Brillenputztuch, Taschenrechner, MP3-Player, Wasserflasche 0,5 Liter. Stifte, Block, Übungsaufgaben.

Okay.

Gut zwei Stunden früher wartet der Disponent der Eurobahn ungeduldig auf den Anruf des Triebwagenführers, der  um 5:08 Uhr in Rahden  die Regionalbahn RB 71 übernehmen soll. Der Stellvertreter hat sich bereits krank gemeldet.

6: 45 Uhr. Fenster wegen der Wohnungseinbrüche in letzter Zeit kontrollieren. Alle geschlossen. Fahrradschlüssel liegt im Flur bereit. Hausschlüssel? Ist da. Licht aus, Haus abschließen, Fahrrad aufschließen, Hausschlüssel einstecken. Reifendruck etwas mau, hält aber hoffentlich noch.

Straße auf Raureif prüfen. Geringes Sturzrisiko, aber seit zweiundzwanzig Jahren nicht mehr bei Glätte gestürzt. Durch eigene Unachtsamkeit schon, also volle Konzentration auf den Weg, auch wegen der unübersichtlichen Ecke, kann schon mal jemand von rechts kommen.

Echt zu wenig Luft auf dem Vorderreifen, an den Bordsteinkanten wird es kriminell.

Der Triebwagenführer hat sich doch noch gemeldet, die Regionalbahn ist unterwegs. Pünktlich.

Das Ladegerät des Handys hängt entgegen den Empfehlungen des Herstellers immer noch am Netz. Das würde nur zu unnötigem Energieverbrauch führen, leider glüht ein Draht im Gerät, der nicht glühen sollte. Neben dem Billigladegerät, das recht sicher und harmlos auf einer Granitarbeitsplatte ruht, liegt dummerweise die Monatskarte. Papier und Plastik, alles, was es für ein kleines Feuerchen braucht.

Haustürschlüssel? Ja. Fahrkarte…?  Liegt noch in der Küche!

Nochmal zurück? Könnte reichen.

Jetzt schnell. Ins Haus, mit einem Griff die Karte gefischt, blöderweise das Ladegerät in der Hektik von der Platte gefegt. Prompt auf den Fliesen zerschellt. Wie erkläre ich das denn wieder?

Abschüssiger Weg runter zum See… immer etwas rutschig, wenn da ein Kaninchen über den Weg hoppelt… gut gegangen. Die Brücke ist bei Gegenverkehr ziemlich schmal, manchmal eiert da einer auch noch hin und her. Das Geländer ist  nur provisorisch abgesichert. Ist der See eigentlich tief? Vermutlich ertrinkt man nicht, sondern fällt nur unglücklich auf den Kopf.

Nieselregen, kann kaum noch was sehen, Brille abnehmen würde das Problem nicht wirklich entschärfen. Also Blindflug.

Es wird Zeit. Ob die  Armbanduhr stimmt? Sollte bald mal auf eine Funkuhr umstellen. 60 Minuten bis zur nächsten Bahn. Verspätung kann ich mir nicht leisten. Keine Arbeit, kein Geld.

Vor der Ampel viele Schüler, blockieren mit ihren Rädern den ganzen Weg. Ziehe ich vorn vorbei, kriegen sie garantiert grün, ich steck im Pulk fest und muss mit bis ins Schulviertel. Also durchquetschen. Klar, grün, von denen guckt jetzt keiner, Herdentrieb, alle einfach los, komme gerade noch durch.

Handy eingesteckt? Wieso muss ich das jetzt denken? Gerade jetzt kann ich das nicht überprüfen. Gleich erst, am Bahnhof. Solange ist es gefühlt zuhause geblieben.

Scherben auf dem Radweg. Seit Wochen. Kümmert sich keiner drum. Gut, ich auch nicht. Rad abstellen. Steht stabil, aber vermutlich kommt gleich noch irgendein Idiot, der seine ständerlose Schrottleeze dagegen lehnt.

Passend am Bahnhof. Der Zug ist noch nicht da. Müsste er auch nicht, trotzdem fehlt er mir jetzt schon. Könnte sein, dass er mal wieder ausfällt, wäre nicht das erste Mal. Müssten die Schranken nicht schon geschlossen sein? Immerhin, mein Handy Weiterlesen

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Schreibblockade

Left rj [Public domain], von Wikimedia Commons

Der Urlaub war vorbei. Ein Text musste her. Ich betrat mein Arbeitszimmer und setzte mich an den Schreibtisch.  Es dauerte nur wenige Sekunden, dann war mein Rechner hochgefahren und das Textverarbeitungsprogramm gestartet. Erwartungsvoll legte ich die Finger auf die Tastatur. Nichts. Probehalber drückte ich ein paar Tasten. ASDF JKLÖ.

„Guten Tag, ich bin wieder da.“

Immer noch nichts. Ich sah aus dem Fenster. Grün. Ich sah auf den Monitor. Weiß.

„Hallo? Fertig zum Diktat! Jetzt. Es eilt.“

Stille.

Ich fuhr den Rechner wieder runter, ging raus und kam noch einmal rein. Gleiche Prozedur. Möglichst geräuschvoll. Rechner wieder hochfahren. Finger auf die Tasten.

Stille.

Ich fuhr den Rechner erneut runter, schloss die Fenster und Türen. Es war still, so still, dass ich nichts mehr hörte und mir deshalb auch sicher war, dass ich nichts überhörte. Es sprach nicht. Was war denn während meiner Abwesenheit passiert? Oder mit mir, während der Reise! Das Flugzeug. Natürlich, der Druck in großen Höhen, dass musste es sein, damit hatte ich schon oft Probleme gehabt. Vorübergehend eingeschränktes Hörvermögen. Ich presste meine Nasenflügel zwischen Daumen und Zeigefinger und gab Luftdruck auf die Nase. Ein kurzes Knacken und das Gefühl, das meine Trommelfelle sich nach außen stülpten. Erneutes Lauschen. Wieder Weiterlesen

Damenprogramm (3)

Foto: Manfred Voita

Nach der Stadtführung, die etwa 135 Minuten gedauert hatte, keine Minute zu viel übrigens, blieb nur wenig Zeit, bis die Führung im Magdeburger Dom begann. Eine Führerin, zwei Besucher, die sich führen ließen. Die zweite männliche Nebenrolle war allerdings neu vergeben worden. Nein, ich verzichte jetzt darauf, die Details des Doms zu beschreiben, obwohl das natürlich leicht komisch wirken muss, wenn ich ausgerechnet zu den Toiletten etwas schreibe.

Die Toiletten sind gut, ich habe in anderen Kirchen schon viel schlechtere gesehen, in vielen sogar keine. Was natürlich nicht heißen soll, dass ich in Kirchen grundsätzlich die Toiletten besuche. Man muss jetzt also nicht wegen des Domklos nach Magdeburg. Bemerkenswert für mich war aber, wie hier zwei Zeiten nebeneinander existieren. Man verlässt den Dom und betritt Weiterlesen

Damenprogramm (2)

Foto: Manfred Voita

Das erste Geheimnis ist von Jules in einem Kommentar schon gelüftet worden. Ja, mit dem Damenprogamm spielte ich darauf an, dass bei großen politischen Veranstaltungen die mit angereisten Damen mit Kultur und Sozialem bespaßt wurden.

Nun reisen heute auch Regierungschefinnen mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin an und so ist das Damenprogramm inzwischen keine rein weibliche Veranstaltung mehr. In Magdeburg nahm meine Frau an einer Tagung teil, mein Damenprogramm bastelte ich mir selbst.

Aber ein virtuelle Stadtführung? Nein, damit meinte ich nicht, dass die Führung am Rechner oder sonstwie medial vermittelt stattfand. Unser Führer… ich kann das Wort nicht schreiben, ohne nach einem Synonym zu suchen, ob das jungen Menschen auch so geht? Also der Stadtführer führte uns ganz real, persönlich und gemessenen Schrittes durch die Innenstadt Magdeburgs.

Virtuell war die Führung in dem Sinn, dass er uns mehr zeigte, auf mehr hinwies, als in Magdeburg zu sehen ist, noch zu sehen ist. Die Stadt hat unter dem dreißigjährigen Krieg gelitten, sie ist im zweiten Weltkrieg Weiterlesen

Damenprogramm

Grab Otto I.
Bild: Manfred Voita

Vielleicht sollte ich das Goldene Blatt abonnieren, die sind doch, wenn ich mich nicht täusche, auf Adelsgeschichten spezialisiert. Oder mal einen Termin mit Rolf Seelmann-Eggebert machen. Doch, vielleicht besser mit dem, schon wegen seines Alters. Der kennt möglicherweise noch einige persönlich, von denen die Macher des Goldenen Blattes noch nie gehört haben.

Oh, das war jetzt ein ziemlich dummes Vorurteil. Nur weil jemand Klatsch und Tratsch über europäische Adelshäuser verbreitet, kann er oder sie ja ein rundum gebildeter oder zumindest geschichtskundiger Mensch sein. Was für eine Tiefe die Berichterstattung über Gloria von Thurn und Taxis käme, wenn ein Familienzwist mal eben in Beziehung zur Ermordung Otto Wilhelms durch seinen Bruder Wolf Ernst im Jahre 1617 gesetzt würde. Nein, nicht im Haus der Thurn und Taxis, sondern im dem Weiterlesen

Schreiben und lesen

Albertus Magnus
von Heinrich Apel, Magdeburg
Foto: Manfred Voita

Es ist schon wieder ein paar Tage her. An einem Dienstagabend war es soweit, das Buch mit den Bildern und Geschichten zur Vechte wurde der Öffentlichkeit präsentiert. Die im wesentlichen aus den Autorinnen und Autoren, ihren Familien und Freunden, den Vertretern der regionalen Politik und den Menschen bestand, die von Anfang an dabei waren. Nennen möchte ich besonders die Projektkoordinatorin Christiane Nitsche, die auch den Schreibworkshop in Nordhorn geleitet hatte und an besagtem Dienstag durch das Programm führte.

Ein Saal in einem der Gebäude, die einst von der Textilindustrie genutzt wurden, dem Wirtschaftszweig, der Nordhorn auf die Karte der deutschen Industriestandorte gesetzt hatte.

Christiane hatte gefragt, wer bereit wäre, aus seinem Text vorzulesen und ich Weiterlesen

Von Gestern

Von früher erzählen kann ja jeder, aber bei mir ist von früher eben einiges früher als bei manch anderen, die sich hier tummeln. Deshalb war Jules so freundlich, mich als Gastautor für seine neue Reihe „Das Technikmuseum“ zu berücksichtigen. Meinen Beitrag findet der freundliche Leser, die freundliche Leserin hier.