Analog, digital, egal

Analog, digital, egal

Vor einiger Zeit habe ich schon ein paar alte Videos digitalisiert, was ja in Wirklichkeit nichts anderes bedeutete, als dass ich sie von einer Kassette auf den PC rüber kopierte. Okay, die technischen Details sind vielleicht etwas komplizierter, für mich reduzierte sich das aber auf die richtige Herstellung von USB-Verbindungen.

Jetzt bin ich mit Dias beschäftigt. Bis ungefähr 1990 haben wir Diafilme verwendet und nach dem Entwickeln die einzelnen Bildchen ordentlich gerahmt. Seitdem stehen sie in grauen Kästen im Schrank. Standen sie jedenfalls bis vor ein paar Tagen. Dann dachte ich mir, es könnte nett sein, diese Bilder wieder zugänglich zu machen. Heute schreckt ja der Dia-Abend niemanden mehr, denn was sind ein paar Dutzend Dias gegen die Masse an Fotos, die ein Smartphone bereithält? Bilderwochen könnte ich veranstalten, Monate, nähme ich die Festplatte meines Rechners noch hinzu. Und nichts davon will irgendwer sehen. Das immerhin haben die Digitalbilder mit ihren analogen Vorgängern gemein. Warum also sollte ich die Zahl der verfügbaren Bilder nicht um ein paar Hundert erhöhen?

Sogar der Diaprojektor war noch da und spendete Licht. Okay, die Lichtwurflampe und das Objektiv haben sich voneinander verabschiedet, so dass ich mit Fingerspitzengefühl versuchen muss, eine Einstellung zu finden, bei der das Bild einigermaßen scharf ist. Die Vorrichtung, mit der ein einzelnes Dia aus dem Magazin in den Projektor geschoben wird, ist abgebrochen. Zum Glück gibt es oben auf dem Projektor so eine Art Noteinstieg, mit dessen Hilfe genau ein Dia der Lichtquelle zugeführt werden kann. Die Automatik beginnt zu surren und versucht das Bild scharfzustellen, erreicht aber aus den genannten Gründen das Gegenteil. Also drehe und drücke ich, bis das Bild meinen bescheidenen Ansprüchen genügt und fotografiere dann das Ergebnis. Nicht von der Leinwand, die hat die dreißig Jahre nicht so gut überstanden, sondern von der Wand im Flur, der oben zwischen Bad und Gästezimmer. Da passt das Bild gerade unter den Lichtschalter links und den Türrahmen rechts.

Mit dem Smartphone lässt sich das auch fotografieren, allerdings nicht mit meinem, jedenfalls nicht, wenn man darauf verzichten kann, die eigenen cholerischen Anteile kennenzulernen. Mit der Kamera geht es besser. Nicht gut, das nicht. Nach all dem habe ich dann die Bilder da, wo sie vor dreißig Jahren auch schon mal waren: in der Kamera. Nur diesmal natürlich auf einer Speicherkarte. Und anschließend muss ich alles noch zuschneiden und vielleicht etwas bearbeiten, also heller machen oder dunkler oder einfach löschen. Wenn auch das erledigt ist, zeige ich sie allen und stoße auf mäßiges Interesse, speichere sie auf einer externen Festplatte und vergesse sie dort wahrscheinlich endgültig. Die Dias könnte ich jetzt entsorgen, aber…mhm, vielleicht warte ich damit noch ein paar Jahre.

Meine Vorgehensweise ist natürlich gänzlich unprofessionell. Es gibt Diascanner für richtig viel Geld, Handbücher, Youtube-Filme. Es gibt sogar Unternehmen, die sich darauf spezialisiert haben, die Urlaubsfotos von 1982 vorzeigbar zu machen und die Highlights des vierunddreißigsten Geburtstags, an den sich zurecht niemand mehr erinnert. Aber mein Vater, der hätte das auch so hübsch umständlich gemacht.

Von drauß‘ vom Walde (2)

Von drauß‘ vom Walde (2)

Teil 2

zu Teil 1

„Und du? Bist du eine Mädchen oder so?“ äffte der kleine Bursche ihren Tonfall nach.

Benni knurrte.

„Ja. Ist ja schon gut. Ich bin hier der Waldmeister. Llanfairpwllgwyngyll, aber du darfst Willi zu mir sagen, Lina.“

„Dieses Lalafair, bedeutet das was?“ fragte sie

Willi schüttelte den Kopf. „In der Schule haben sie mir gesagt, es bedeutet „Blöder Zwerg, dessen doofe Eltern ihn nach einem Dorf in Wales genannt haben“. Aber das glaube ich nicht. Und Willi bedeutet… eben Willi.“

„Puh“, Lina seufzte und Benni sah auch erleichtert aus.

„Ich heiße Lina und das ist Benni.“

„Der Hund muss an die Leine und dass du Lina bist, das weiß ich doch längst.“

Willi war ganz schön streng. Quengelig, hätte Mama gesagt.

„Ich darf überhaupt nicht mit dir reden“, stellte Lina entschieden fest.

„Aber Puh sagen, wenn ich mich vorstelle! Und wie willst du deinen doofen Baum finden? Ohne meine Hilfe?“

Willi drehte sich um und… war verschwunden.

„Willi!“ Jetzt, ohne den komischen Kerl, fühlte Lina sich plötzlich ziemlich allein im Wald. Aber da war er auch schon wieder und grinste.

„Umsonst gibt’s hier aber nichts. Dass das schon mal klar ist.“

Lina zückte ihr pinkes Portemonnaie.

„Geld?“ Willi sprang einen Schritt zurück. „Komm mir bloß nicht damit.“ Er schien einen Moment lang nachzudenken, dann leuchteten die Gläser seiner Sonnenbrille kurz auf.

„Ein Gedicht!“

„Sowas wie ‚Lieber, guter Weihnachtsmann, zieh die langen Stiefel an‘?“

„Ja. Aber rückwärts.“

„Na…“ sagte Lina und das stimmte natürlich, war aber ein bisschen kurz.

„Du kannst auch einfach rückwärtsgehen und das Gedicht vorwärts aufsagen.“

Schon bei „Weihnachtsmann“ lag Lina lang im Schnee.

„Super!“ sagte Willi und klatschte vor Freude in die kleinen dicken Hände.

„Das ist aber nicht nett!“ Lina setzte sich im Schnee auf und streckte die Hand aus, um sich hochziehen zu lassen. Willi zögerte einen Moment, aber dann half er ihr hoch.

Überrascht blickte Lina auf ihre Hand, das war ja seltsam gewesen. Eine Wärme und eine Kraft hatte sie gespürt und plötzlich war ihr der Wald auch überhaupt nicht mehr dunkel vorgekommen. Willi zwinkerte ihr zu, drehte sich um und stapfte los. „Da lang!“

Es war eigenartig mit Willi, denn sogar, wenn der Weg geradeaus führte, kannte Willi noch eine Abkürzung und so schien nur ein Augenblick vergangen zu sein, als sie auf dem kleinen Hügel standen. Hinter ihnen lag der grüne und graue, braune und ziemlich schäbige Wald, aber was da vor ihnen lag, das war… also sowas hatte Lina überhaupt noch nicht gesehen. Es blitzte und glänzte und funkelte so, dass in der Luft über diesem Wald ein kleines, lautloses Feuerwerk stattzufinden schien und Lina war so fasziniert, dass sie nicht gleich bemerkte, dass sie vor dem Nadelwald stand, vor einem metallisch glänzenden Wald mit starren spitzen Nadeln, so dicht wie Tannennadeln und so schrecklich spitz und scharf wie die feinen Nadeln, mit denen Mama zu lange Hosenbeine absteckte. Und erst jetzt, als sie das entdeckt hatte, bemerkte sie auch, dass diese gruseligen Nadeln kleine Schmetterlinge und Käfer, sogar Vögel und andere Tiere aufgespießt hatten. Dieser Nadelwald war rechts und links und vor ihr und schien überhaupt kein Ende zu nehmen. Benni, der, wie Hunde das so machen, ein wenig vorgelaufen  war, kam jaulend zurück und Lina sah, dass er einen kleinen Blutstropfen an der Nase hatte.

„Ich glaube, ich hatte die Leinenpflicht erwähnt.“ Willi betrachtete den Hund Weiterlesen

Von drauß‘ vom Walde (1)

Von drauß‘ vom Walde (1)

Teil 1

Die letzte Häuserreihe der Neubausiedlung war geradeso vor dem Fest bezugsfertig geworden. In manch einem der Häuser stapelten sich deshalb noch die letzten Umzugskartons neben bunten Paketen, Päckchen und Umschlägen mit vielen Briefmarken aus den Staaten und von Tante Inge aus Hannover. Im allerletzten Haus lagen noch keine Pakete unterm Christbaubaum, im allerletzten Haus stand noch nicht einmal ein Baum.

Draußen, jenseits des Gartenzauns, wuchsen Bäume, Birken und Weiden, nicht sehr viele und nicht besonders mächtige Bäume, sondern solche, die einst gepflanzt und später geduldet worden waren und die trotzdem auf geheimnisvolle Weise verbunden waren mit dem großen Wald. Vorposten waren sie, den Launen der Menschen ausgesetzt, die sie mal umarmen und mal umhauen wollten.

Hinter dem Feld, das nun im Winter ruhte, hinter dem vereisten Entwässerungsgraben, der die Grenze bildete, begann der Wald, der Nadelwald, wie Mama gesagt hatte. Mit jedem Schritt weg vom befestigten Pfad hinein ins Unterholz, blieb das Bekannte zurück. Schnee knirschte unter den kleinen Stiefeln. Es knackte, huschte und flatterte, aber nur, wenn Lina nicht so genau hinschaute, nur aus den Augenwinkeln ein wenig nach links oder rechts schielte, sah sie ein Kaninchen davonhoppeln oder ein Reh erstarren.

Lina tastete nach ihrem Lillifee-Portemonnaie. Ja, es war noch da. Papa hatte gesagt, dass es in diesem Jahr keinen Weihnachtsbaum geben würde. Das neue Haus hatte so viel Geld gekostet, vielleicht brächte der Weihnachtsmann ja noch ein kleines Geschenk für Lina, aber einen Baum brächte der bestimmt nicht mit.

Bäume, das wussten ja schon babykleine Kinder, wuchsen im Wald. Also war Lina losgegangen, um einen Weihnachtsbaum zu holen. Wo sollten denn die Geschenke liegen, wenn nicht unter dem Weihnachtsbaum? Wie sollte es denn im Wohnzimmer leuchten und duften und überhaupt Weihnachten werden, wenn da kein Baum stand? Lina schüttelte empört den Kopf und stapfte weiter, die Hände in die warmen weiten Taschen ihres pinken Sternchenmantels gesteckt und die Kapuze tief in die Stirn gezogen, so dass nur die Augen und eine kleine rote Nase  herausschauten. Es roch schon ganz schön gut nach Weihnachtsbaum, fand Lina, aber die Bäume, die sich immer dichter drängten und nicht mehr viel Licht auf den ziemlich unaufgeräumten Waldboden fallen ließen, waren alle viel zu groß und zu dick und überhaupt nicht schön. Eigentlich ein bisschen unheimlich. Grüne Riesen waren das mit langen Ästen, wie dicke Bärte sahen die aus oder wie weite Ärmel.

Huh, da hätte sie sich aber beinah erschreckt, Weiterlesen

Hinter Singravens Mauern

Hinter Singravens Mauern

Wenn es auch in der Vergangenheit immer wieder Versuche gab, paranormale Vorfälle auch in Reihenhäusern glaubhaft zu machen, zu einem Gespenst gehört etwas Großzügigeres, eine Burg, ein Schloss, zumindest aber ein Herrenhaus. Nur dürftig darauf vorbereitet, haben wir das Landgoed Singraven bei Denekamp besucht, ohne Kenntnis seiner Geschichte, ohne irgendwelche Amulette, Knoblauchketten oder andere Schutzmaßnahmen. Dass wir in den Innenräumen nicht fotografieren durften, hätte uns misstrauisch machen müssen, denn was wir nicht durch die Linse unserer Kameras oder Smartphones gesehen haben, das haben wir nicht gesehen, doch wer weiß, was die Kamera festgehalten hätte, wo unsere wenig geschärften Sinne versagt hätten?

Die Kette unglückseliger Ereignisse, die mit dem Landgut Singraven verbunden sind, dort ihren Ursprung hatten oder ihr Ende fanden, ist wahrlich zu lang, um sie hier aufzulisten, erwähnt sei nur der unglückliche Herr des Hauses, dessen Bart in Flammen geriet und der nicht mehr zu retten war, obwohl ihn seine herbeistürzenden Bediensteten in den nahen Fluss geworfen hatten. Dann war da noch Jan Adriaan Laan, der das Gut 1915 ersteigerte und mit seiner Frau Eva und zwei seiner Kinder fortan dort lebte. Oder eben nicht, denn erst starb seine Frau, dann raffte es ihn dahin und 1922 schließlich auch noch seine Tochter Agatha. „Het zwarte huis“, das schwarze Haus, so wird Singraven wohl auch genannt.

Früher, also viel früher, im 15. oder 16. Jahrhundert, war Singraven ein Kloster und eine der Nonnen, deren Name bedauerlicherweise nicht überliefert ist, nahm es wohl nicht so genau mit den Regeln ihres Ordens. Unkeusch sei sie gewesen, heißt es und da fand man es natürlich nur angemessen, sie  bei lebendigem Leibe einzumauern. Jetzt ist es nicht weiter überraschend, dass diese Dame, der man das Verlassen des Hauses unmöglich gemacht hatte, es fürderhin auch nicht mehr verließ und bis auf den heutigen Tag immer mal wieder das Haus begeistert.

An manchen Tagen, so heißt es, könne man sie hinter einem der Fenster des Hauses stehen sehen. Die Nummer mit dem Einmauern glaube ich jederzeit, in diversen Kirchen haben sich Menschen einmauern lassen, mir fällt kein gescheiter Grund dafür ein, und zu sehr vielen Burgen gibt es ähnliche Geschichten, nur dass sie eben nichts mit freiwilliger Entsagung, sondern eher mit ungebührlichem Verhalten oder einer unglücklichen Liebe verknüpft waren.

Was hinter den Mauern Singraven geschah, ob es mehr als eine Schauergeschichte ist, ich weiß es nicht. Aber in den neunzehnhundertzwanziger Jahren wurde, so heißt es, hinter einer Mauer ein Hohlraum gefunden, über dessen Inhalt bisher Schweigen bewahrt wurde. Gut, über manche Räume unseres Hauses würde ich auch gern schweigen.

Ein unpassendes Gedicht

Ein unpassendes Gedicht

Entlang des Nordhorn-Almelo-Kanals radelt es sich gut in Richtung Denekamp. Denekamp liegt in Twente und Twente ist ein Teil der Provinz Overijssel. Tukker nennen sich die Menschen, die in Twente leben. Eine Erklärung für diesen Ausdruck bezieht sich auf die Hosentaschen, die im Platt, das man in Twente spricht, Tuk heißen. Beide Hände in den Hosentaschen, etwas rustikal, bäuerlich, so sei der Tukker. Vermutlich gibt es noch reichlich andere Erklärungen. Na gut, Regionen basteln sich ihr Selbstbild. Übrigens kenne ich die Bezeichnung schon etwas länger, aber wie das so ist, wenn man etwas dazu erzählen will, schaut man mal nach.

Der Nordhorn-Almelo-Kanal ist nur einer der Kanäle in der Gegend und es fährt sich wunderschön unter den herbstbunten Bäumen und über das großzügig verteilte Laub auf den mal schmalen, mal breiteren aber immer gut ausgeschilderten Radwegen. In den Niederlanden, aber auch in der Grafschaft, ist das Knoppunten-System verbreitet, eine simple Methode, die eigene Tour zu planen und die Wege auch zu finden. Ab Denekamp kennen wir den Weg nicht mehr und sind augenblicklich überrascht, wie schön es weitergeht. Bald gelangen wir an eine Brücke, der meine Frau nicht traut, was natürlich nicht heißt, dass sie nicht auf die andere Seite will, sondern dass ich vorgehen soll. Ich bin zwar nicht mutig, habe aber keine Wahl. Die Brücke hält wider Erwarten.

Wie schön und fremd eine Gegend doch sein kann, wenn man abseits der Hauptstraßen unterwegs ist. Ich denke an ein Gedicht von Hendrik Marsman. Es heißt „Herinnering aan Holland“ und eigentlich denke ich auch nur an die erste Strophe.

Denkend aan Holland

zie ik breede rivieren

traag door oneindig

laagland gaan,

Übersetzt könnte es etwas so heißen:

Denke ich an Holland,

sehe ich breite Flüsse

träge durch endloses

Tiefland strömen

Okay, das passt überhaupt nicht zur Landschaft, zu dem eher lieblichen Kanal, den schmalen Wegen, den schmucken Bauernhäusern, aber was kann ich denn dafür, das mir gerade dieses Gedicht einfällt? Der Hälfte der Niederländer fällt es auch ständig ein, zumindest die ersten zwei Zeilen und Marsman war am Mittelmeer, als er in den frühen dreißiger Jahren das Gedicht schrieb. Es ist also überall und jederzeit erlaubt, völlig unpassende Gedichte zu erwähnen. Regelmäßig denke ich an dieses Gedicht, wenn wir bei Deventer über die Ijssel fahren. Und während ich sowas vor mich hin denke, sind wir auch schon beim Landgoed Singraven und das wollen wir uns gern zeigen lassen.

Komm, erzähl was

Komm, erzähl was

Komm, sag ich, erzähl mir eine Geschichte. So funktioniert es ja – wenn es funktioniert, wir erzählen uns die Geschichten, die wir dann weitererzählen. Was für eine Geschichte, frage ich dann meistens, um Zeit zu gewinnen, weil es ja eigentlich egal ist, was für eine Geschichte das wird. Nachts, wenn Elfie nicht schlafen kann, dann erzähle ich ihr auch Geschichten, Geschichten, von denen ich hoffe, dass sie möglichst wenig davon hören wird und wenn ich Glück habe und sie am anderen Morgen frage, was sie denn noch gehört hat, dann sagt sie: Nichts. Darüber freue ich mich, weil das ja der Zweck der Geschichte war, aber es ist natürlich auch ein bisschen schade, denn diese Geschichte ist dann vergangen wie die Nacht. Aber so schade ist es auch wieder nicht, weil es nämlich stille Geschichten sind, langsame Geschichten, in denen eigentlich nichts passiert, Geschichten, in denen ich einen Spaziergang mache oder eine Besichtigung. Ihr müsstet das mal hören, oder nein, vielleicht besser nicht, denn wenn ihr es hören würdet und es würde funktionieren, wie es funktionieren soll, dann würdet ihr spätestens jetzt gähnen und gleich, zwei drei Sätze weiter, ruhig und regelmäßig atmen, vielleicht mit einem kleinen Laut, nein, kein richtiges Schnarchen, aber so ein Geräusch, wie man es nur im Schlaf machen kann. Solche Geschichten sind das, von einem bekannten Weg, bei dem ich mich an jedes Haus und jeden Baum zu erinnern versuche und in fünf Minuten manchmal keine fünf Meter weit komme.

Aha, so eine Geschichte erzähle ich mir gerade, na, das reicht dann aber für heute, sonst schlafe ich dabei ein. Eine andere Geschichte? Eine von einer Reise, einer kleinen Reise, einer, bei der man nachts nach Hause fahren könnte, um dort zu schlafen, oder Socken zu holen, wenn man sie vergessen hat. Nach Nordhorn. Das liegt in der Grafschaft Bentheim und ich finde, das klingt schön. In der Grafschaft. Obwohl ich es mit den Kaisern, Königen, Fürsten und Grafen ja nicht so habe, weder als historische Figuren, die oft keine gute Figur gemacht haben, noch als aktuelle Großgrundbesitzer und Antragsteller. Nein, nicht auf staatliche Sozialleistungen, oder doch, vielleicht könnte man das ja auch so nennen. Millionen für Schlösser, die man verloren hat.

Puh, die Geschichte will ich auch nicht erzählen. Das ist nicht gut für meinen Blutdruck. Doch lieber eine von einem Spaziergang um den See.

Einen See hat Nordhorn auch. Den Vechtesee. Nordhorn ist unspektakulär. Ich hoffe, niemand aus der Grafschaft liest mit. Die Stadt war mal eine ganz große Nummer im Textilgeschäft. Also nicht im Textilgeschäft im Sinne von Tante Emmas Sockenladen. Ich weiß auch nicht, warum ich es heute immer mit Socken habe. Nordhorn produzierte in ein paar Webereien den Stoff für das Land und kaum einer bekam das mit. Nino war der größte Arbeitgeber und so eine Weberei war schon etwas anderes als der kleine Webrahmen, mit dem man in den siebziger Jahren farbige Läppchen produzierte. Meine Schwester machte das, ich kann nichts, was mit Garn und Stoff zu tun hat, na gut, vielleicht „Die Weber“ lesen. Gerhart Hauptmann. So einer bin ich. Praktisch unpraktisch. Das Gelände, nein, eines der Gelände, die nach dem Ende der Textilproduktion in Deutschland zu Industriebrachen wurden, wird gerade wiederbelebt. Entgiftet. Da grübelt man schon, was die Leute tragen mussten. Zum Glück wird das ja nicht mehr bei uns produziert, sondern in Asien. Obwohl ich nicht so genau weiß, zu wessen Glück. Gesünder ist die Produktion wohl nicht geworden, aber viel billiger natürlich und das ist ja auch was wert.

Oh Mann, nachdem ich gerade die Hohenzollern verärgert habe, schlage ich mich jetzt auch noch mit der deutschen Wirtschaft rum. Das ist kein guter Tag für einen Text. Ich lasse das besser und erzähle heute Nacht weiter, bei diesem Baum hatte ich aufgehört, dem mit den Falten um die Füße, der am Ufer des Emssees steht. Gleich neben dem Busch, der jetzt im Herbst noch Blätter hat, so graubraune, ganz unspektakuläre, wie Nordhorn.

Bild: Philippe Jolyet, Public domain, via Wikimedia Commons

From the Bodden to the Top

From the Bodden to the Top

Gerhart Hauptmann besaß ein Haus auf Hiddensee. Damit stellen sich gleich zwei Fragen: Wer war Gerhart Hauptmann und wo ist Hiddensee? Zwei Fragen, die ich hier nicht beantworten werde. Die Frau im Verkehrsverein hatte gesagt, dass um diese Jahreszeit nicht  mehr so viele Leute das Schiff nach Hiddensee nehmen würden. Außerdem seien sechs Stunden Fahrzeit doch recht viel für einen Aufenthalt von drei Stunden. Wir machten uns trotzdem auf den Weg zum Schiff und fanden gerade noch zwei freie Plätze.

Der Bodden liegt vor uns, es ist noch ziemlich kühl. Schwäne, Kormorane, Grau- und Silberreiher, Möwen, Enten und Gänse. Später dann auch noch ein Seeadler und Kraniche. Jede Menge Natur im Angebot.

Ein Mitreisender versucht, amerikanischen Passagieren die heimische Tierwelt zu zeigen und fachgerecht zu benennen.

Der Bodden ist ziemlich flach, an manchen Stellen wohl nur 20 oder 30 cm tief, also schwimmen die Vögel oft nicht, sondern stehen einfach im Wasser. Stralsund und die Rügen-Brücke sind gut zu sehen, ein Stück weiter ein ehemaliger Wachturm der DDR-Grenztruppen. Dann, es ist Mittag, Hiddensee.

Wir mieten uns Fahrräder, die das Naturerlebnis noch mal deutlich steigern, zumindest die Wahrnehmung von Unebenheiten und Steigungen. Hiddensee ist schön. Unglaublich schön. Vom Dornbusch, einer Erhebung, die während der Eiszeit zur Freude heutiger Touristen zusammenkomponiert wurde, schaut man über die Insel, über das Wasser, die Ostsee und den Bodden und kann sich nicht sattsehen. Hiddensee ist klein, manchmal sind die Wege wirklich nur Wege, breit, aber kaum befestigt. Dann wieder Betonplatten. Als Hauptmann Hiddensee für sich entdeckte, gab es noch keinen Tourismus. Wie schön muss die Welt gewesen sein, bevor wir damit begannen, sie für uns zu entdecken. Aber kann ich denn anders? Muss ich nicht davon erzählen und muss ich nicht zurückkehren, um meine Eindrücke zu überprüfen, das nächste Mal für ein paar Tage, denn das drei Stunden nicht reichen, damit hatte die Frau im Verkehrsverein recht.

Fahrräder abgeben, ein Fischbrötchen auf die Hand und Rückfahrt. Es ist nicht mehr ganz so voll. Dafür stehen kurz nach dem das Schiff abgelegt hat, zwei Leute mit ihren Rädern an der Kaimauer und sehen unglücklich aus. Die dürfen nicht, die müssen länger bleiben.

Nicht lange, und die Sonne beginnt mit einem unbeschreiblichen Lichterzauber, der Himmel über dem Bodden färbt sich in mehr leuchtenden Tönen, als ich zu benennen weiß und während des spektakulären Sonnenuntergangs sind auf einmal die Kraniche am Himmel, erst kleinere Züge, dann  große Scharen. Glücksvögel, wie unser Kapitän durchsagt. Kraniche krakeelen, fliegen flach über dem Wasser und hoch am Himmel, schwarze Silhouetten zeichnen sich gegen den abendroten Himmel ab. Kameras. Ferngläser. Ein Hin und Her an Bord. Backbord die Kraniche, die im flachen Boddenwasser landen, Steuerbord das Lichterspiel. So viel zu sehen. Dann wird es  langsam dunkel, kälter und leise.

Junge Stimmen

Junge Stimmen

Wir entscheiden die Wahlen. Klingt trivial, ist es auch. Natürlich, wer sonst? Klingt weniger schön, wenn man sich dieses wir genauer ansieht, denn wir, die Alten entscheiden. Ab wann man sich zu den Alten zählt, interessiert mich eigentlich nicht sehr, aber die Wählerinnen und Wähler, die 50 und älter sind, stellen die Mehrheit der Stimmberechtigten und nicht nur das, ihr Anteil an denen, die tatsächlich wählen, ist noch einmal größer. Wir dürfen nicht nur wählen, wir tun es auch. Und in den nächsten Jahren wächst diese Gruppe weiter.

Wir sind die, denen es gut geht. Ja, ich weiß, nicht allen ab 50 geht es gut. Wir sind auch die, die mehr Zeit beim Arzt verbringen, als gut für die Krankenversicherungen ist. Zu uns gehören auch diejenigen, die kaum mit ihrem Geld auskommen und die jobben müssen, bis der Arzt kommt. Aber der kommt ja nicht, der behandelt unsere Zivilisationskrankheiten.

Wir sind tendenziell konservativ, wir wollen nicht, dass sich Dinge ändern, weil wir uns die Namen der Handelnden dann nicht mehr merken können und in einer Welt, in der nichts mehr sicher zu sein scheint, sollten wenigstens die Renten sicher sein. Wir machen uns keine großen Sorgen um den Klimawandel, weil wir mehr Angst vor Kriminalität und Terrorismus haben, vor zu vielen Ausländern und zu wenigen Pflegerinnen und Pflegern. Vor dem Gendern und davor, dass die Bäckerblume und die Apothekenrundschau eingestellt werden könnten. Wir mögen es sicher, sauber und satt. Gegen uns entscheidet keiner.

Nach uns die Sintflut.

Vielleicht sollten wir ein Wahlrecht einführen, dass die Zahl der Stimmen, die ein Mensch bei einer Wahl abgeben kann, an die durchschnittliche Restlebenserwartung koppelt. Eine 18jähre hätte bei einer Lebenserwartung von 83 Jahren dann 65 Stimmen, eine 83jähige, gut, sein wir nett, 1 Stimme. Die, über deren Zukunft entschieden wird, würden über die Zukunft entscheiden. Jetzt sagt bloß nicht, junge Leute seien nicht erfahren und vernünftig genug. Ich weiß, was für einen Unfug ich anstelle und was für einen Unsinn ich mir zurechtdenke. Okay, es muss ja nicht gleich jeder so seltsam sein wie ich. Aber klüger und besser als der Rest sind wir auch nicht.

Wenn wir die Stimmen dann auch noch verteilen dürften, kämen viele lustige Parteien in die Parlamente. Ich fürchte nur, dass ich mit den Ergebnissen solcher Wahlen genauso unzufrieden wäre, wie mit den gegenwärtigen.

Bild: Francis Danby, Public domain, via Wikimedia Commons

Ob ich für das Eichhörnchen wohl Deko bin?

Ob ich für das Eichhörnchen wohl Deko bin?

Da ist ein Drinnen und ein Draußen und dazwischen eine klare Grenze aus Stahl und Glas und Stein. Ein Innen, das wir für uns beanspruchen und ein Außen, das wir auch für uns beanspruchen, ein Draußen, das uns auch gehört. Drinnen gelten unsere Regeln, der Hund darf rein, die Taube nicht. Wir verteidigen uns gegen alle, die sich nicht an unsere Regeln halten, weil sie diese Regeln nicht kennen, weil es in ihrer Welt diese Grenze nicht gibt. Die Spinne wartet draußen vor der Tür, bis sie eine Gelegenheit findet, sich in Lebensgefahr zu bringen. Die Mücke weiß das geöffnete Fenster zu nutzen und macht mit ziemliche Sicherheit ihren Stich. Ameisenarmeen marschieren ein und ziehen sich nicht ohne langwierige Kämpfe wieder zurück. Mit Pflanzen sind wir sogar noch strenger. Die haben in ihren Töpfen zu bleiben und wenn sich ein Pilz erdreistet, eine Silikonfuge zu besiedeln, werden Chemiewaffen eingesetzt.

Unser Drinnen ist auch deren Drinnen, unser Haus ist nichts anderes als ihre natürliche Umwelt, ihr Jagdrevier und Rückzugsort und wir, die Damen und Herren dieses Planeten, sind ihnen so egal wie uns dieser kleine schwarze Punkt dort auf der Mauer, der, wenn ich wegsehe, vermutlich macht, das er weiterkommt.

Gleich hinter der Grenze liegt die Terrasse und ein paar Schritte weiter und eine Stufe tiefer wächst das Gras. Unsere Terrasse und unser Rasen, aber wir sind da offen für Besucher. Das Eichhörnchen ist eingeladen, die Spatzen braucht niemand einzuladen, die haben ein lebenslängliches Nießbrauchrecht auf alles, was essbar ist und nicht entschieden verteidigt wird.

Der Rasen wäre heilig, wären wir Gärtner, wüssten wir ihn zu bändigen, doch so: ein Mischgebiet, eine Übergangszone, auf die wir gewisse Rechte anmelden und in der wir auch schon mal grob werden können, wenn die Wühlmäuse es gar zu toll treiben oder die Tauben den Grassamen wegpicken. Aber es ist nicht wirklich unser Rasen, es fühlt sich eher an, wie ein Stadtteil, in dem die Polizei noch patrouilliert, die Hoffnung aber aufgegeben hat, auch wenn sie das Gegenteil behauptet. Da wächst, was will und was sich wiederzukommen traut, wenn der Tag des Zupfens und Rupfens, des Stechens und Schneidens vergangen ist.

Dann ist Ruhe und die Amsel kontrolliert, ob ein Wurm den Fehler macht, die aufgekratzte Erde neugierig zu erkunden. Die Elster kommt, klaut eine Nuss von der Terrasse und gibt uns schwarz auf weiß, dass das auch ihr Garten ist. Nein, das auch, das würde sie nicht unterschreiben. Der Grünspecht schon, der flüchtet immer mit großem Spektakel, dabei nehme ich ihm die Löcher, die er in den Rasen haut, doch nicht einmal übel. Seit kurzem kommt auch eine Taube, keine von den groben, ungelenken, die sich für Sänger halten und doch nicht aus dem Stimmbruch kommen, sondern ein Täubchen, ein schlanker, grauer Vogel mit Federn wie gebürstet. Das Rotkehlchen schaut wohl gern auf andere herab, denn es sitzt meist auf der Skulptur, dem Geschenk einer Freundin an uns, die, hätte sie das geahnt, die Skulptur auch dem Rotkehlchen geschenkt hätte.

Dann eine Mähkante und direkt danach und einen Stein hoch: die Mauer, die uns gegen das Chaos schützen soll. Noch immer sind uns von Staat und Kirche alle Rechte gegeben, beurkundet und eingetragen, sind wir von Gott gerufen, uns den Garten untertan zu machen, denn so heißt es in Genesis 1, 28: „füllet die Erde und machet sie euch untertan und herrschet über die Fische im Meer und über die Vögel unter dem Himmel und über das Vieh und über alles Getier, das auf Erden kriecht.“

Ja, wir haben es versucht, wir sind haben die Füße gehoben über den Stein und sind hinabgestiegen in die, nein, nicht die Hölle, sondern in die Tiefe, in den Graben, den breiten Graben,  das Reich der Brombeeren und Brennnesseln, des Efeus und der Pflanzen, die wir nicht gesät und nicht gepflanzt haben und die doch wachsen, der Bäume, die uns mit Laub zuschütten und knarren im Sturm  und drohen, sich auf uns zu stürzen und die nicht Untertan sein wollen, denn groß sind sie und alt und haben ihr eigenes Recht, dort zu wurzeln, ein Recht, das vor Gericht sogar bestand haben würde. Jetzt, da es gerade dunkel wird, stehen sie da, schwarz, bewegen sich im Wind und machen, was Bäume so machen.

Natürlich wir sind umgekehrt, zerkratzt, gebissen und dreckig, denn hinter dem Stein, hinter dem Mäuerchen, wächst und lebt, was wachsen und leben will und an manchen Tagen bricht dieses Leben aus und klettert über die Mauer und kommt in den Garten und auf den Rasen und in den Rasen und fordert mehr und es stimmt, das, wenn man der Brennnessel den kleinen Finger gegeben hat, sie auch die ganze Hand will und das Bein und sie kein Mitleid kennt. Aber sie soll ja gut sein gegen Rheuma.

Wasserwege

Wasserwege

67 Kilometer sind für einen Fluss nicht so richtig viel, obwohl die Pader es mal gerade auf vier bringt und dennoch als Fluss durchgeht und einer Stadt – richtig: Paderborn – ihren Namen gibt. 67 Kilometer sind ganz okay. Sie reichten sogar aus, um den Werseradweg zu entwickeln. Der ist – Überraschung – 125 Kilometer lang. Man fängt einfach etwas früher an und fährt noch ein bisschen weiter und auch mal etwas flussferner, kriegt man schon hin.

Bevor nun jemand auf den Gedanken kommen könnte, sich für seine Touren einen etwas längeren Fluss zu suchen, will ich ein bisschen Reklame für die Werse machen. Sie ist nämlich schön. Schön schmal, schön leise, mal rechts, mal links des Weges, flach, mit dicken Steinen darin, die ein Überqueren möglich machen, mit Stromschnellen, okay, zugegeben, künstlich angelegten Stromschnellen, mit Fauna und Flora. Mit Graureihern, die sich in ihrer etwas nörgelig wirkenden Altmännerhaltung an einem kleinen Hügel versammeln, mit Kühen und Kälbern in den Farben der Saison, mit Ponys und Fohlen und Pferden, mit kleinen Mädchen, die stolz ihre ersten Reitstunden nehmen und vielen Rentnern, die mit ihren E-Bikes und unangepasster Geschwindigkeit die schmalen Wege noch schmaler wirken lassen. Mit Bauernhöfen und Kirchtürmen, mit Brücken und steilen Ufern.

Von Angelmodde nach Rinkerode, das war unsere Tagestour. Und zurück von Rinkerode nach Angelmodde. Ortsnamen, die klingen, als hätten ihre Wurzeln schon in der sumpfigen Ursuppe gestanden. Leider können die Orte trotzdem nicht mit der Flussromantik mithalten, weil unsere Automobilität ihre Ortskerne in Durchgangsstraßen verwandelt hat.

Rinkerode hat gerade mal dreieinhalbtausend Einwohner, einen Bahnhof und eine Bundesstraße. Münster ist nicht weit. Jeder grüßt. Eine Handvoll schöner alter Häuser, die hübscheste Sparkasse des Münsterlandes, eine Kirche, Kneipen, die alle noch geschlossen sind. Jeder grüßt.

Bei Tage wird hier nicht öffentlich getrunken. An der Durchgangsstraße, die reichlich und zügig befahren wird, eine Bäckerei und ein Fleischer, ein umzäuntes Grundstück, demnächst entsteht hier exklusiver Wohnraum. Mit einem Becher Kaffee und einem Liebesknochen, so heißt das Gebäck, knochentrocken übrigens, wieder auf die andere Straßenseite, zwei Bänke, ein voller Papierkorb, ein Brunnen, kein Trinkwasser, aber ohnehin abgestellt. Jeder grüßt.

Dörfliche Ruhe gibt’s hier nicht mehr, aber wer nicht gerade mit dem Fahrrad kommt, merkt das vielleicht nicht mal. Der letzte Happen des Liebesknochens, der mit der Schokolade, mundet dann doch. Und dann ist da ja auch noch der Rückweg.

Bild von I, Jkl-foto, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2491478

Autsch

Autsch

Es gibt ein Schmerzgedächtnis, was bedeutet, dass der Körper, genauer das Gehirn oder das Rückenmark, einen Schmerzreiz, der intensiv genug war, lernt und künftig reproduzieren kann, auch wenn der Anlass dafür eigentlich nicht ausreicht. Das erklärt nicht, dass ich schon mal entschieden jammern kann, obwohl es überhaupt nicht schlimm ist. In solchen Fällen geht es nämlich nicht um das Schmerzgedächtnis, das mir Böses will, sondern um fehlende Aufmerksamkeit. Wer Kinder hat oder mal ein Kind war, weiß, wovon ich schreibe.

Hier will ich aber von einer eigenen Erfahrung berichten, die mit einem Schmerz begann. Zu meinen hauswirtschaftlichen Aufgaben, über die ich nicht groß klagen will, gehört auch, dass ich ab und an die Fensterbänke abwische. Unsere Fenster werden durch Raffstoren beschattet, ein System, das aus Kunststofflamellen besteht, die durch Bänder zusammengehalten werden. Und durch Drähte. Diese Drähte stehen unten hervor, ragen also ein Stückchen aus der untersten Lamelle heraus und wenn man unvorsichtig über die Fensterbank wischt, kann man sich an einem solchen Draht die Haut aufschürfen.

Den Schmerz, der dabei entsteht, hat mein Körper verinnerlicht. Interessanterweise, also interessant für mich, funktioniert dieses Schmerzgedächtnis aber nur, wenn der Draht auch da ist und ich den Lappen in der Hand halte, verbunden mit dem festen Willen, jetzt auch die Fensterbank zu wischen. Es  lässt sich nicht täuschen. Jetzt, da ich darüber schreibe, weiß ich, dass es wehtat, ohne den Schmerz zu spüren. Gehe ich an der Fensterbank vorbei, passiert nichts. Nehme ich den Lappen und nähere ich mich putzwillig der Fensterbank, ist der Schmerz da. Ein strahlender, blitzblanker Schmerz. Ohne körperlichen Kontakt, einfach so, auch nicht an einer konkreten Stelle der Hand, sondern als psychisches Erlebnis. Ich erfahre den Schmerz. Ganz großes Kino. Und immer wieder. Aber nur bei der Fensterbank vor dem Haus.

Wenn unsere Schmerzgedächtnis ein wenig menschenfreundlicher wäre, wie friedlich die Welt dann wohl wäre? Wenn wir spürten, was der andere fühlt, den Schmerz eines anderen Menschen körperlich erführen wie den eigenen, wem könnten wir noch wehtun?

Bild: Von Guillaume Duchenne – Scanned from 1965 version with foreword by Konrad Lorenz published by University of Chicago Press, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4045698

Sprachgrenze

Sprachgrenze

Wir waren in Haltern am See. Also nur in Haltern, nicht am See, aber die Stadt heißt eben Haltern am See. Der See ist in Wahrheit ein Stausee, aber Haltern am Stausee klänge natürlich bei weitem nicht so gut. Ein See und ein Römerlager, Aliso hieß es. Varus, lagerte dort. Der Feldherr, dessen Legion im Jahre 9 im Raum Kalkriese – oder doch im Teutoburger Wald? – von Arminus, der überhaupt nicht Hermann hieß, geschlagen wurde, also nicht von Arminus allein, sondern von einem germanischen Heer.

Noch einmal kurz zum Mitdenken: Arminus, der die Schlacht schlug, wurde für die deutsche Geschichte zu Hermann, weil es besser klingt, wenn der Held einen kernigen deutschen Namen hat, nehme ich an. Dieser falsche Hermann steht bei Detmold auf einem Sockel und droht mit erhobenem Schwert den Feinden des Reiches. Praktisch wäre gewesen, hätte man den Herrmann auf einen drehbaren Sockel gestellt, damit er immer den aktuellen Feinden drohen kann. Jedenfalls steht er am falschen Ort, dort hat die Schlacht eher nicht stattgefunden. Ob sie in Kalkriese stattfand, ist auch nicht so sicher, immerhin haben die dort ein Museum. In Haltern hat zumindest der Gegner des Arminius, der Feldherr Varus, gelagert, das scheint völlig unstrittig. Verzeihung: in Haltern am See.  

Mit Haltern am See gibt es ein anderes Problem, weil irgendwie nicht ganz klar ist, wohin es gehört. Ist es nun Ruhrgebiet oder Münsterland? Wikipedia sagt. „Die Stadt liegt am Nordrand des Ruhrgebiets und gleichzeitig am Südrand des Münsterlandes.“ Gleichzeitig? Kippt sie noch in die eine oder andere Richtung oder wird das am Schreibtisch entschieden, so wie bei Schiermonnikoog, der östlichsten der Westfriesischen Inseln? Schiermonnikoog ist durch Sandanspülungen in die Provinz Groningen gewachsen und  gehört nur dank eines Vertrages ganz zur Provinz Friesland. Damit auch das mal klar ist.

Ruhrgebiet und Münsterland? Das geht doch nicht zusammen. Gut, unter dem gemeinsamen Oberbegriff Westfalen schon, aber sonst? Wenn man im Ruhrgebiet unterwegs ist, dann trifft man auf Menschen, die freundlich und gesprächig sind, die etwas fragen oder etwas erzählen wollen, einem durch nichts gerechtfertigten Gruß auch noch ein paar freundliche Worte anhängen, sowas wie „Tschüss und noch ein schönes Wochenende“. Das wünscht man doch nicht Wildfremden? Jedenfalls nicht in einer städtisch geprägten Region? Okay, auf dem Lande, da, wo der Gruß und der prüfende Blick ein Teil der sozialen Kontrolle und Kriminalitätsprävention sind, da grüßt man schon jeden. Aber nicht freundlich.

In „Das Büro“, dem Romanzyklus des niederländischen Schriftstellers  J. J. Voskuil, ist einer der Protagonisten in das Bijlmermeer gezogen. Das Bijlmermeer ist eine 1965 entstandene Vorstadt Amsterdams, die für 100.000 Einwohner gebaut wurde und rasch zu einem sozialen Brennpunkt wurde. Zu viele Menschen in zu hohen Häusern auf zu wenig Raum. Jedenfalls grüßt die Romanfigur dort einen Nachbarn, der daraufhin mit „Krijgen we dit nou iedere dag?“ reagiert, also ungefähr mit „Machen Sie das jetzt immer?“ Das beschreibt sehr schön den Unterschied zwischen dem Ruhrgebiet und dem Münsterland. Der Münsterländer an sich kann auch sprechen, er muss es aber nicht.

Das Foto stammt von Dietmar Rabich, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=29504769

Das wird schon gehen

Das wird schon gehen

Habe ich von unserem Urlaub in einem Ferienhaus an der holländischen Küste erzählt? Nachts, bei offenem Fenster, hörten wir die Brandung der Nordsee. Also nicht gleich die ganze Nacht, zwischendurch schliefen wir schon auch mal. Morgens war die Brandung dann nicht mehr zu hören, obwohl die Nordsee, davon haben wir uns mehrfach überzeugt, immer noch da war. Menschen sind einfach ziemlich laut. Wir hatten morgens aber auch anderes zu tun, als der Brandung zu lauschen. Wir frühstückten nämlich.

Wäre dieser Text ein heiß-kalt-Spiel, würde es jetzt wärmer werden, wir nähern uns dem Kern und der Ursache dieses Textes. Mein Stuhl stand ganz links am Tisch, von der Außenwand nur noch durch einen Heizkörper getrennt. Einen kalten Heizkörper. Wären meine Tischmanieren manierlich, hätte ich beide Hände, aber nicht die Unterarme, auf den Tisch gelegt, eine Haltung, die für mein Empfinden etwas angriffslustig aussieht, gäbe es diesen Text nicht. Mein linker Arm suchte außerhalb des Tisches Halt. Ich muss das leider eingestehen, obwohl ich ansonsten ein Gegner von Armlehnen bei Stühlen bin. Da war aber nur dieser kalte Heizkörper und niemand kann gemütlich frühstücken, während der linke Unterarm auf einem kantigen kalten Heizkörper liegt. Also suchte ich nach einer Lösung für diese unangenehme Lage und fand sie fast augenblicklich: Der linke Arm gehörte in eine Schlinge. In der Folge hätte ich natürlich während der Mahlzeiten meine linke Hand nicht mehr frei bewegen können, hätte also eine Art Verlängerung für die Gabel gebraucht, um Kartoffeln vom Teller zu befördern oder die Zeitung umzublättern.

Das war’s, das war der Moment, um den es geht, der Moment, in dem ich unser Universum verließ und in ein paralleles Universum eintauchte. Wir alle haben von der Theorie der Multiversen gehört, aber ausgerechnet ich muss mich daran versuchen, sie in meinen Text einzubauen. Für meine Zwecke reicht allerdings die Idee, dass alles immer da ist. Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft existieren gleichzeitig. Was die Wissenschaft aber nicht bedacht hat, Autoren wie Kurt Vonnegut aber sehr wohl, z. B. in seinem Roman „Schlachthaus 5 oder der Kinderkreuzzug“, ist, dass wir uns durch ein Stolpern am falschen Ort oder einen verdrehten Gedanken plötzlich in einem dieser parallelen Universen wiederfinden.

Ich jedenfalls landete in einem nicht genau zu terminierenden Teil meiner eigenen Vergangenheit im Keller meines Vaters und es war die Idee der Schlinge um den Arm, die mich in die Vergangenheit zog, denn so und nicht anders hätte mein Vater dieses Problem gelöst.

Der gerade angesprochene Keller hat sich in meiner Erinnerung längst von jeglicher bestehender Architektur gelöst und existiert als eigene nicht materielle Einheit fort, auch wenn das Haus oder die Häuser, in denen es den Keller gegeben hat, nicht mehr bestehen sollten.

Da ist ein Raum mit einem schwarzen Bakelit-Lichtschalter gleich neben der Brettertür, der von einem ewigen Licht, das von einer in einem Drahtkäfig steckenden Glühbirne ausgeht, völlig unzureichend beleuchtet wird, so dass große Teile des Raumes im Dunklen bleiben und verborgen bleibt, was dort liegt oder lag, Kartoffeln und Eierkohlen, Brikett und Einmachgläser zum Beispiel.

Zwei kleine Fenster über einem Arbeitsplatz voller Werkzeug, voller Schubladen und Kisten, Dosen und Gläsern mit Schrauben und Nägeln, mit Bändern und Ketten, Teilen, deren Zweck in Vergessenheit geraten ist, denen aber eine neue Verwendung zugedacht ist. Farbtöpfe, Lacke und Pinsel, Terpentin und Rostlöser, Fahrradreifen, Kabel, Lüsterklemmen, ein alter Kinderschlitten, Blumentöpfe und Schaufeln, Spaten, Harken und Rechen, Besen unterschiedlicher Feinheit, Eimer, Kannen, Kästen voller alter Zeitungen, in denen etwas verpackt sein könnte und über all dem Konstruktionen aus Kanthölzern und Leisten, Stangen und Ösen und Haken, die sich unter der Decke entlang in den Raum ausbreiten, etwas halten, etwas heben, etwas ziehen, sich selbst sichern und die enden an Pfosten, verschraubt und verklebt, umwickelt mit Teppichband und Plastikschnüren.

Der Keller war der Ort, an dem mein Vater große und kleine Probleme anging, mit harten, schwieligen Fingern, deren Sehnen bei  Arbeitsunfällen durchtrennt worden waren, mit einem großen Plan, das Ziel aus den Augen verlor oder mit untauglichen Mitteln, die durch den großzügigen Einsatz anderer, kaum weniger geeigneter Mittel zu wackligen, wenig vertrauenerweckenden, aber über Jahre benutzten Provisorien führten.

Früher habe ich mich oft gefragt, was ich von meinem Vater habe, worin ich ihm ähnele, denn es ist nicht das Aussehen oder die Größe, die Haarfarbe, soweit man noch davon sprechen kann, aber inzwischen weiß ich, dass es seine Art war, sich mit Problemen auseinanderzusetzen, auch das Verdrehte, das hartnäckige Herumschrauben und noch einen Umweg machen, um dann hoffentlich irgendwo anzukommen. Nur brauche ich dafür keinen Keller, sondern meinen Schreibtisch.

Meine Frau legte ein Kissen auf die Heizung und das Problem war gelöst.

Bild: Gustav Wentzel, Public domain, via Wikimedia Commons

Ans Meer, ans Meer!

Ans Meer, ans Meer!

Wir hatten das Ferienhaus gemietet. In diesem Sommer, auf den wir gehofft hatten, der gut werden sollte, ach was, gut werden musste, nach einer langen Zeit, in der wir kaum zu atmen gewagt hatten. Wer hörte in solchen Zeiten schon auf die Meteorologen, die dann aber leider die einzigen waren, die Recht behielten.

Mitte August, es ließ sich nicht mehr länger leugnen, dass es auch in diesem Jahr einen Herbst geben würde, einen, der die hellen Morgende und langen, warmen Abende einweichen und schließlich von seinem Stundenplan streichen würde. Eigentlich war der Lack ja ab, wenn die Sommerferien vorbei waren, das Jahr war durch und in den Lägern der Supermärkte stapelte sich, kaum noch vor den Kunden verborgen, das Weihnachtsgebäck. Aber noch gaben wir nicht auf! Dieser Sommer war nicht verloren, solange nicht auch wir Sand in den Sandalen gespürt und Salz auf den Lippen geschmeckt hatten.

Es gehörte zu den Merkwürdigkeiten der Architektur, dass Ferienhäuser, ach, vermutlich galt das sogar für alle Häuser und Wohnungen, großzügig wirkten, freundlich und einladend – bis man sie betreten hatte. Gut, vielleicht sollte ich das jetzt doch nicht so verallgemeinern: bis wir sie betreten hatten.

Schon bei der Rückkehr vom ersten Strandspaziergang bot sich nämlich ein gänzlich anderes Bild. Ich weiß nicht, ob die Außenwände nach innen drängten oder die Möbel näher zueinander rückten oder ob die paar Taschen und Koffer mit dem absolut Nötigsten möglicherweise in der Seeluft aufquollen, jedenfalls war die Großzügigkeit einer drangvollen Enge gewichen. Was noch fehlte, war der unverwechselbare Geruch nasser Badebekleidung. Noch ein wenig Möwengeschrei und der Qualm eines Holzkohlengrills irgendwo in der Nachbarschaft, eine im Wind knatternde Fahne, das Bellen eines Hundes… und dann noch eines Hundes. Urlaub!

August

August

Eine leichte Brise. Die Wärme des späten Vormittags verspricht einen heißen Mittag und einen langen, warmen Abend. Ein Tag mit einem Lichtschutzfaktor. Sonnenbrillenwetter. Sattes Grün, meterhoch, rechts und links des Weges. Ein schmaler, gut befestigter Radweg durch die Parklandschaft des Münsterlandes, sanfte Hügel, weite Ebenen, Bäche und kleine Flüsse, Ems und Werse, Bauernhöfe. Schwarzweiß im Quadrat. Fachwerk.

Bildstöcke, Wegekreuze und kleine Kapellen. Ein frommes Volk, gut katholisch. Kirchen und Kornbrennereien, die einen wie die anderen etwas aus der Mode geraten. Pättkes, so heißen hier die kleinen Wege und Leezen die Fahrräder. Wir überholen eine Frau auf einem alten Hollandrad, eine der wenigen, die noch ohne elektrische Unterstützung unterwegs sind. Ohne Motor, aber mit einem leuchtend roten Schulterbeutel.

Maisfelder schieben sich vor die Aussicht, dann wieder Getreide, braune, müde Halme. Es duftet nach Hochsommer. So muss ein  Sommer riechen, so und nach Heu oder Stroh, nach Wald, nach trockenem Holz und Pilzen und einem ganzen Mikrokosmos verborgenen Lebens und Sterbens.

Wasserburgen, Wasserschlösser, Burgruinen und ein versteckter Schatz, den – wer sonst? – der Teufel bewachen soll.

Den Hügel hinab. Schnell geht das. Der Helm hängt natürlich in der Garage. Pferde auf Grün, Kühe auf Grün. Schafe….

Im Liebestal. Unten ein Hof, ein Wäldchen, ein Bach. Schwere, glänzende Erde, gepflügt und aufgebrochen, Erinnerungen an Lavafelder auf Lanzarote. Durchs Dorf, nur wenige Menschen auf der Straße. Im Schatten.

Dann, vor uns: die Frau mit dem roten Beutel. Kann das denn sein, die ohne Motor? Die, die uns nicht überholt hat und jetzt vor uns fährt?

Es ist eben auch das Land der kopflosen Kälber, des Heidekönigs Goldemar und der Spökenkieker, das Land der Annette von Droste-Hülshoff. Aber wen schrecken die Geister des Moores, die Gespenster der Nacht an so einem Sommertag? Wir überholen die Frau einfach ein zweites Mal.  

Auf ausgetretenen Pfaden

Auf ausgetretenen Pfaden

Warendorf hat keinen Bahnhof, was nicht bedeutet, dass Warendorf nicht an das Schienennetz angeschlossen ist. Das ist es sehr wohl, nur hat es eben keinen Bahnhof, weil der 1995 abbrannte. Was da abbrannte, war der neue Bahnhof, während der alte Bahnhof, der 1902 stillgelegt wurde, noch immer besteht. Nur eben nicht als Bahnhof. Dabei hatte man wegen des neuen Bahnhofs sogar die Gleise verlegt. Für einige Zeit war Warendorf eine kleine Spinne im Netz der Eisenbahn oder zumindest ein Knotenpunkt zwischen zwei Linien: der, die von Bielefeld nach Münster führte und der nach Neubeckum. Die Strecke nach Münster gibt es noch, die andere – über die der Pängel Anton dampfte –  hat man 1956 stillgelegt. Wie viele andere Bahnstrecken in Deutschland, wurde auch diese zumindest in Teilen später zu einem Radweg umgebaut.  Unter http://www.bahntrassenradeln.de/ finden sich viele solche Routen.

Darüber schreibt man natürlich keinen Text, oder doch, hab ich schon mal, über eine Tour durch die Eifel, aber da wo man wohnt, kennt man sich ja aus und macht so was nicht. Also wir schon, weil wir hier zwar wohnen, aber keine Alteingesessenen sind.

Bringen wir etwas Ordnung in diesen Text: Wir waren eingeladen worden und hatten uns vorgenommen, einen Teil des Weges mit dem Rad zu fahren, was wir, stolz auf unseren sportlichen Ehrgeiz, sogleich auch kommunizierten und gleich ein paar gute Tipps für die Streckenführung erhielten. Über den Römerweg und den Clemens-Ruhe-Weg. Und dann ab Ennigerloh quer durch. Den letzten Teil der Botschaft verstanden wir sofort, zum ersten Teil nickten wir wissend. Und googelten anschließend. Wie zu erwarten, gab es den Römerweg und den Clemens-Ruhe-Weg. Nur eben nicht auf der Landkarte.

Gibt man sich mit dieser Auskunft zufrieden, wirft sein Navi an und fährt los, kommt man ziemlich sicher an. Gibt man sich aber nicht zufrieden, ist man selber schuld. In Schuld,  wie es auch immer wieder gern mal heißt. Straßen- und Wegenamen sind nämlich alt, sehr alt. Nicht gerade die Angela-Merkel-Straße oder der Rotkehlchenweg. Aber ganz viele Straßen sind einfach schon immer benutzt worden und wurden später mal befestigt oder zur Bahnstrecke ausgebaut. Nicht selten liegt unter dem Pflaster, nein, nicht der Strand, sondern ein jahrhundertealter Weg, einer, der im nächsten Wald noch an tief eingefahrenen Radspuren zu erkennen ist.

Der Römerweg ist so eine alte Verbindung und es gibt hier sogar eine Bushaltestelle am Römerweg, etwas, was den Römern definitiv gefallen hätte, mal abgesehen von ihrem Weg zur Varusschlacht. Beim Clemens-Ruhe-Weg ist das noch seltsamer. Es finden sich Zeitungsberichte über die Reparatur einer Brücke und eine damit verbundene Sperre dieses Weges. Aber der Weg ist nicht zu finden. Online jedenfalls nicht. Es gibt ihn aber. Er ist ein Teil der alten Bahntrasse, vermutlich benannt nach jemandem, der es verdient hat oder um den man nicht herumkam. Auf dem Weg kommt man aber rum. Bis nach Ennigerloh. Hans-Claus Poeschels Buch „Alte Fernstraßen in der mittleren  Westfälischen Bucht“ aus dem Jahr 1968 ist kein Pageturner, eher schon ein Kursbuch, aber es macht sehr schön deutlich, das sich unsere Altvorderen auch schon auf den Weg gemacht haben, Berg auf und Berg ab, über Flüsse und Bäche und auch mitten durch den Wald. Weiß man ein bisschen darüber, fährt es sich eigentlich ganz genauso wie zuvor durch das schöne Münsterland.