Zeitmaschine 2.0

von Lomita (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

Mulmig beschrieb das Gefühl nicht annähernd. Es war wie ein Sturz ins Bodenlose, eine rasende Fahrt auf einer Achterbahn, nur hatte jemand die Schienen entfernt. Ungeheurer Druck lastete auf meinen Ohren, bunte Kringel drehten sich vor meinen Augen. Ich kannte mich zwar in diesen Angelegenheiten nicht aus, doch selbst als Laie kapierte ich: Da stimmte was nicht. Und im nächsten Moment stürzte der Maschinist in die Zentrale, hektische Flecken im Gesicht und Panik im Blick.
„Verdammt, Käp’n, der Hebel klemmt. Ich krieg ihn nicht zurück!“
„Worauf steht er?“ fragte der Käp’n ruhig, nur enge Vertraute vernahmen das Zittern in seiner Stimme.
„Imperfekt!“
„Verflucht!“

Das aus dem Mund des Käp’ns hören zu müssen, traf uns alle hart. Die Lage mußte schier ausweglos sein.
Mit ein paar handfesten Männern eilte der Käp’n runter in den Maschinenraum der Zeitmaschine. Angeschnallt blieb ich zurück und tat, was mir zu tun blieb: Ich hoffte. Durchsagen ertönten, Techniker sprangen auf und hetzten hin und her. Niemanden hielt es noch auf seinem Platz, auch so folgte schließlich auch ich der allgemeinen Bewegung und fand mich an der halb geöffneten Tür des Maschinenraums wieder. Weiterlesen

Penner

By F.Cecconi / Vorzinek.org – Own work, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15772612

 

Weiß gar nicht, warum der Kerl mich so frech angrinst!
Nur, weil mir mein Buch runter gefallen ist?

Dem ist wohl noch nie was weggefallen, wie?
Passiert mir ja auch eher selten, eigentlich nur wenn ich einschlafe – und selbst dann nicht, es sei denn, ich schlafe ziemlich tief, so ganz entspannt. Es scheint da einen Zusammenhang zwischen pendeln und pennen zu geben.

Meine Frau sagt, ich schnarche dann und gebe kleine piepsende Laute von mir. Dann fällt mir eben das Buch runter, im Zug, wenn ich da sitze, anders kann man da ja gar nicht schlafen.
Im Sitzen sinkt mir  – und wohl auch anderen – immer der Kopf auf die Brust, das sieht ziemlich blöd aus, bei anderen – und man sabbert dann auch schnell mal ein bisschen.
Aber es kann doch wohl nicht sein, dass der Bursche mich da so stumpf angrinst, nur weil mir mein Buch runter gefallen ist

Neben der Spur

Behzād [Public domain], via Wikimedia Commons

Im Auto unterwegs, eine Verkehrsmeldung im Radio: „Auf der A30 kommt es zu Verkehrsbehinderungen. Eine Fahrbahn ist wegen Massierungsarbeiten gesperrt.“

Und schon sehe ich ihn vor mir, den gesperrten Fahrstreifen: Stühle mitten auf der Straße, darauf kräftige Männer gesenkten Hauptes, deren verhärtete Nackenmuskeln von schwieligen Fingern nicht weniger harter Männer im Blaumann samt Warnweste und Helm geknetet und gelockert werden. Keine Ostfriesen unter ihnen, denn die würden mit der linken Hand noch eine Zigarette drehen, während sie widerspenstige Wirbel mit festem Griff einrenkten. Weiterlesen

Auf Trab kommen

Von Don-kun – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=7982268

„Turnier für traditionelle Anspannung“ steht auf dem Flyer. Ich bin irritiert. Haben die Asiaten, also die Inder, die Chinesen oder wer auch immer sich im Fernöstlichen mit Religion und Kampfkunst – oder sind das etwa nur zwei Wörter für dasselbe Phänomen? – uns neben der traditionellen Medizin und dem Yoga, Tai-Chi und Qigong, neben all den beliebten Entspannungstechniken auch etwas anzubieten, was der von der 35-Stunden-Woche, endlosen Wochenenden samt Brückentagen, Weiterlesen

Ereigniskette

Berlin, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Gemäldegalerie, Inventar-Nr. 922B, alte Katalog-Nr. GG Dahlem, Zugang: 1874

Elf Grad zeigt das Thermometer vor dem Hallenbad. Sieben Uhr vierzig, Sonntag morgen. In einer halben Stunde fährt mein Zug.

Es ist schon hell, der Tag soll freundlich und warm werden, doch noch sind die Bänke auf dem Bahnsteig taufrisch.

Über eine lang gezogene Betonbrücke schlendere ich in Richtung Innenstadt. Eine wuchtige katholische Kirche liegt drüben, jenseits des Flusses auf einer Anhöhe, doch den wenigen Menschen, die schon unterwegs sind, steht der Sinn wohl nicht nach jenseitigen Freuden und Tröstungen, sie steuern die Bäckereien an. Was sollte denn auch ein paradisischer Apfel gegen den Duft frischer Brötchen und Croissants ausrichten?

Ich kehre um, bald wird mein Zug in den Bahnhof einfahren. Hinter mir beginnen die Glocken zu läuten, mehrstimmig und mit einer Wucht, die ich körperlich spüre. Von den Häusern jenseits der Ems wird der Schall zurückgeworfen, überall um mich herum läutet es jetzt.

Auf einer Bank gleich vorn am Ufer sitzt ein Mann, ich sehe ihn zunächst nur von hinten, im Vorübergehen bemerke ich, dass er eine breite, mehrgliedrige Kette aus seinem Mund hervorzieht. Er grüßt mich freundlich, ich grüße zurück und mit einem breiten Grinsen gehe ich weiter in Richtung Bahnhof.

In das Geläut der Glocken mischt sich ein falscher Ton, gleich darauf erneut. Dann verstehe ich: die Sirene eines Einsatzfahrzeugs, Polizei, Krankenwagen, Feuerwehr. Der Weg vor mir riecht nach Katzenpisse, das war vorhin noch nicht so.