Badetag

Komischer Vogel
– eigenes Foto –

Es ist heiß draußen und da ist es besonders angenehm, nicht draußen zu bleiben, sondern kühle Räume aufzusuchen und kalte Getränke zu genießen. Allerdings lassen wir nicht jeden rein. Die Gartenvögel zum Beispiel nicht. Die müssen draußen bleiben und mit der Hitze zurechtkommen. Weil wir nett sind, machen wir den Vögeln ein paar Badeangebote.

Der ausgediente Deckel eines Windeleimers,  ein großer Untersetzer, für den es gerade keinen Aufsetzer gibt, sogar eine eigens gekaufte Vogeltränke, die allerdings völlig ignoriert wird. Offenbar mögen unsere Gartenvögel eher unsere improvisierten Lösungen. Okay, die Vogeltränke wird jetzt von Insekten genutzt, die in den beiden anderen Vogelbädern jämmerlich ersoffen. Also sie wird natürlich nicht von denen genutzt, die da schon ertranken, sondern von anderen, die rechtzeitig erkannten, dass es nun ein geeigneteres Angebot gibt.

Gerade an heißen Tagen herrscht ein reger Badebetrieb und es lässt sich schön beobachten, was für eine Rang-, möglicherweise auch Hackordnung es bei diesen Wildvögeln gibt. Amseln und Stare zelebrieren ihre Bäder.

Zum Beispiel diese Amsel: Sie setzt sich zunächst vorsichtig auf den Rand, nimnt den einen oder anderen Schluck und setzt dann ein Bein ins Wasser, vermutlich um zu überprüfen, ob die Temperatur stimmt. Dann steht sie für einen Moment mitten in der Wanne, betrachtet die Welt und lässt sich von der Welt betrachten, bevor sie sich hemmungs- und rückhaltlos ins Badevergnügen stürzt. Unter wildem Flügelschlagen spritzt sie sich das Wasser über Kopf und Rücken, gleich nochmal, bricht ab und setzt sich wieder auf den Rand.

Ein Blick auf die wartenden Kleinvögel: Meisen, Sperlinge, mal ein Hausrotschwanz oder ein Rotkehlchen. Dann zurück ins Wasser Weiterlesen

Hin und weg

Von Autor unbekannt – Archiv Horst Alsleben, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=74898435

Noch einmal ein Griff ins Archiv. In eine ganz dunkle Ecke: Hin und weg

Eine ganz indiskrete Frage: Haben Sie in letzter Zeit einmal versucht, in Ihrer Heimatstadt eine Leiche zu entsorgen? Keine Angst, wir wollen Ihnen nichts anhängen, sondern etwas abnehmen. Aufgrund Ihres Vorstrafenregisters, Ihrer bekannten Neigung zur Gewalttätigkeit und Ihrer negativen Schufa-Auskunft gehören Sie zu dem exklusiven Empfängerkreis dieses Schreibens. Machen wir uns nichts vor, nach einer erfolgreichen kriminellen Karriere möchten auch Sie Ihr Geld – oder wessen Geld auch immer – genießen können und dann bleibt ja auch immer noch genug Zeit, um über Moral nachzudenken, ein paar Euro in den Klingelbeutel zu stecken und bürgerlich zu wählen. Diese rosige Zukunft ist es, die Sie im Auge behalten sollten, wenn es um die lästigen Details der Gegenwart geht.

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Kurskorrektur

 

Mal wieder ein Text aus dem Archiv:

Er überflog das Programmheft. „Retrograder Englischkurs“, stand da. Eigentlich ein plausibles Konzept, das aus der Tatsache heraus entstanden war, das nur wenige Kursteilnehmer bis zum Ende eines Kurses durchhielten, aber kaum jemand den Anfang versäumte. Jetzt fanden die Prüfungen gleich in der ersten Stunde statt, die Lektionen folgten im Anschluss. „Der Jogi-Löw-Effekt – mehr Erfolg mit Akzent“ als Ergänzung zum Bewerbungstraining und – in einer Reiterstadt unvermeidlich – „Abgesattelt – Leckeres vom Pferd“. Nein, das war es nicht. Blieb noch der Wochenendkurs „Wieder nichts für mich dabei!“, der sich an Leute richtete, die gern einmal einen VHS-Kurs besuchen wollten, sich aber für keines der Angebote entscheiden mochten. Aber jetzt war es zu spät dafür.
Der Brief, der in einem blassblauen Behördenumschlag gesteckt hatte, lag vor ihm auf dem Tisch. Graues Recyclingpapier, eine Schriftart, vermutlich Courier, die der guten alten Schreibmaschinentype nahe kam und offenbar als besonders geeignet betrachtet wurde, in offiziellen Schreiben unangenehmer Art als optisches Äquivalent eines nörgelnden Tonfalls Verwendung zu finden.

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Grenzerfahrung

Eigenes Foto

Im Literaturmuseum Haus Nottbeck läuft eine Ausstellung unter dem Titel „Go east“. Zu dieser Ausstellung ruft das Museum dazu auf, Reisetexte zur Verfügung zu stellen. Die Bedingungen stehen auf der Seite des Museums. Mein kleiner Text ist schon dabei.

Grenzerfahrung

Als ich zum ersten Mal im Ausland war, war ich überhaupt nicht im Ausland. Nur im Sauerland, mit der Zündapp meines Vaters und eine Zündapp ist keine App für das  Smartphone, sondern ein Moped. Ich war total begeistert, im Ausland zu sein, machte mir aber zugleich Sorgen, weil wir kein sauerländisches Geld dabei hatten. Mein Vater, der vor mir saß, natürlich ohne Helm, lachte und erklärte mir, dass wir nur ein paar Kilometer von zuhause entfernt waren. Zuhause, das war Hagen, vielleicht sogar noch Hohenlimburg, das war Rauch und ein metallischer Geruch in der Luft, blinde Fenster in hohen, staubigen Gebäuden und Gleise, die über die Straße liefen.

Es dauerte noch zehn Jahre oder mehr, bis  ich die holländische Grenze erstmals überschritt, aber das zählte nicht, weil mein Onkel Weiterlesen

Berlinbesuch

Foto: Elfie Voita

Es gibt, habe ich gehört, Städte, die man liebt, weil sie so schön sind. Amsterdam zum Beispiel. Es gibt auch die Stadt, die man um seiner selbst willen liebt, weil sie Heimat ist und so vertraut wie die eigene Haut, die man, auch wenn sie mal Pickel oder Wunden hat, doch nicht verlässt. Das wäre ja mal eine ganz neue Definition von Reisen: aus der Haut fahren!

Dann sind da noch die Städte, die man gar nicht richtig sehen, nicht richtig spüren kann, weil sie so aufgeladen sind mit Geschichte, mit Erinnerungen, mit Bildern, die sich über die reale Stadt legen und sie fast unsichtbar machen. Städte, in denen man nicht zuhause ist und nicht zuhause sein kann, weil es sie überhaupt nicht gibt, weil es sie so, wie man sie im Kopf hat, nicht gibt und vielleicht auch nie gegeben hat.

Berlin ist so eine Stadt. Amsterdam nicht. Nicht, weil Amsterdam nur eine schöne Oberfläche, ein touristisches Gesicht besäße und keine Tiefe, oh doch, und ein bisschen davon weiß ich und kenne ich, aber es ist so schön, dass das allein schon reicht, dass ich immer wieder nur hinsehen muss, stehenbleiben muss und gucken und mich umdrehen und schau mal da und sieh mal dort sagen und fotografieren muss.

Berlin, da muss ich eigentlich überhaupt nicht hin. Das kenne ich schon, kannte ich, bevor ich da war und, obwohl ich nichts finde und überhaupt nicht weiß, was eigentlich wo ist, denke ich, so wird es sein und dann ist es auch so. Dagegen kann die Stadt überhaupt nicht an. Klar, sie kann mich begeistern, aber das Weiterlesen

Papa

Ephraim Moses Lilien / Public domain

Ist das Verlieren eine Augenblickssache, etwas, das in einem Moment passiert, oder ist es auch ein Prozess, der andauert und dessen Ergebnis nicht darin besteht, nicht immer darin bestehen muss, das etwas gänzlich weg ist, sondern das da noch ein wenig, ein kleiner Rest, übrig bleibt, einer, der den Verlust markiert?

Erinnerungen, die wie Live-Fotos wirken, die nicht nur den Augenblick festhalten, in dem der Auslöser gedrückt wurde, sondern 1,5 Sekunden davor und danach. So erinnere ich mich an meinen Vater Franz Willibald Voita. Eine Reihe, nicht viele, dieser kurzen Sequenzen. Eine Art Fotoalbum, dessen einzelne Bilder vertraut sind, die aber auch längst an Farbe verloren haben und zwischen denen keine Beziehungen bestehen, die keine Geschichte miteinander verbindet und die ich auch nicht Weiterlesen

Schulkinder im Kreis Gütersloh

 

Mama, wir dürfen nicht in die Schule! Warum darf Onkel Tönnies das denn bestimmen, will er denn nicht, dass wir noch mehr über die lieben Schweine lernen? Die sind uns doch so ähnlich, hat die Lehrerin gesagt.

Vielleicht will er gar nicht, dass wir lernen, wieviel Aua das macht, wenn die ermordet werden.

Aber wir wollen das alles wissen und auch wieder in die Schule. Onkel Tönnies ist vielleicht gar kein lieber Onkel.

Och, Mama!

 

Rainer Strobelt, 17.6.20

Dornröschen oder die Handwerker

Neulich kaufte mir meine Frau zwei neue Bücher. Nicht nur das, ich durfte sie mir sogar selbst aussuchen. Ich betone das nur deshalb, weil es eher ungewöhnlich ist, dass ich mir etwas aussuchen darf. Meistens bringt sie mir etwas mit. Kleidung zum Beispiel. Wenn ich Glück habe, bringt sie mir zwei Sachen zur Auswahl mit, aber nur dann, wenn sie sich nicht ganz sicher war. Meistens ist sie das.

Ab und zu muss ich natürlich mit, zur Anprobe, weil ich wieder mal aus allem raus gewachsen bin: Wir betreten den Laden, die Verkäuferin kommt auf uns zu, taxiert mich kurz und spricht dann mit meiner Frau. „Was braucht er denn?“ Und dann unterhalten sie sich in einer weiblichen Fachsprache, die sich mir weitgehend verschließt: über Größen, Längen, Qualitäten und was auch immer noch eine Rolle spielen mag beim Erwerb einer Hose, einer Jacke, eines Pullovers oder sonst noch zu erstehender Utensilien. Immer wieder werde ich, werden wir Männer dort unter den fadenscheinigsten Vorwänden („Nur wegen der Größe!“) genötigt, Kleidungsstücke anzuziehen, mit denen wir uns in freier Wildbahn nirgends sehen lassen könnten. Und warum? Weil es Sachen sind, die der gedachte Idealpartner hätte tragen können, Brad Pitt oder George Clooney oder sonst wer. Wir aber, die Durchschnittsmänner, sehen komplett lächerlich darin aus – und das lässt man uns dann auch wissen.

Auf geradezu klassische Art belegt ein Erlebnis, das ich kürzlich in der Umkleidekabine eines Herrenfachgeschäfts Weiterlesen

Da Capo

Foto: Elfie Voita

Ich sagte irgendetwas, lachte auf und gab ihm einen Stoß, nicht besonders heftig, aber es reichte, um ihn auf die Straße und vor den herannahenden Bus zu bugsieren. Was danach geschah, weiß ich nicht mehr.

Jedes Wort davon ist wahr – und zwar nicht so wahr, wie es Geschichten sind und auch nicht so wahr, wie etwas wahr ist, wovon in einer Geschichte gesagt wird, dass es wahr sei. Nein, es ist innerhalb und außerhalb dieser Geschichte wahr – und ich bereue nichts. Das heißt, etwas bereue ich schon: Das Ganze hat sich nämlich auf einer Bühne abgespielt und es kam niemand zu Schaden; ich weiß nicht einmal mehr, wer nicht zu Schaden kam. Was ich bereue, ist die Tatsache, dass ich auf dieser Bühne stand und mir gefühlt hunderte von Menschen auch noch dabei zusahen.

Es war der Tag der Schulentlassung und gemeinsam mit unserer Parallelklasse hatten wir wochenlang geprobt. Vielleicht hätte es geholfen, wenn ich wenigstens ein paar Minuten lang meinen Text gelernt hätte. Andererseits war mir klar, dass mir vor lauter Lampenfieber ohnehin kein Wort mehr einfallen würde, wozu also die vergebene Mühe?

Die Generalprobe war ein ziemliches Desaster, was ja angeblich ein gutes Zeichen ist, woran aber offenbar niemand glaubt, der an einer Generalprobe teilnimmt oder gar für das Gelingen der Veranstaltung Verantwortung trägt. Mein Klassenlehrer war nicht so leichtfertig gewesen, mir eine Hauptrolle Weiterlesen

Entfristet

Es wurde Zeit. Nein, genau das wurde es nicht. Wie auch? Hat schon mal jemand beobachtet, wie Zeit wird? Zeit vergeht, dass lässt sich beobachten, z. B. an Zügen, die gerade abgefahren sind. Also: Es wurde nicht Zeit, es verging gerade die letzte ihm verbleibende Zeit. Der richtige Moment, um den Onlineantrag auf Gewährung ewigen Lebens auszufüllen. Name, Anschrift, Geburtsdatum… das war schnell erledigt. Dann die Seite mit der Begründung, auch stichwortartig. Er zögerte. Als er zur Welt kam, hatte ihn ja auch keiner gefragt, was er vor hatte mit seiner Lebenszeit. Okay, er hätte die Frage auch nicht beantworten können. Jetzt, nach vielen Jahrzehnten auf diesem Planeten, sollte er wissen, warum er eine Entfristung anstrebte.

Es waren dann doch weniger Gründe, als er eigentlich von sich selbst erwartet hatte. Nächste Seite. Puh, warum er denn, was er in Zukunft zu tun gedächte, nicht bereits erledigt habe. Keine Zeit, wollte er spontan notieren, aber das stimmte natürlich nicht. Ja, vieles hätte er wirklich längst erledigen können, wenn er die ihm zugemessene Zeit auch nur halbwegs genutzt hätte. Zu viel Fernsehen, zu viel Computer, zu viel von allem und zu wenig Zeit für die Dinge, die ihm

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Warum gelb?

Von American Printing Company – catalog, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=4275407

Mein Drucker belügt mich.

Ich besitze keine Druckerei, ich habe auch keinen persönlichen Drucker, der meine Druckaufträge übernimmt. Es handelt sich bei dem betrügerischen Drucker um ein handelsübliches Gerät, dessen Marke ich hier verschweige, um kein can Onheil anzurichten. Weder beim Hersteller, beim Händler, noch bei ungläubigen Leser*innen.

Jetzt, beim Versuch, das Geschehene zu verarbeiten, fallen mir Ereignisse aus der Vergangenheit ein, die ich hingenommen habe, ohne ihre Tragweite zu begreifen, erste Täuschungsversuche, die ich als Softwarefehler oder Hardwareversagen einordnete und die mich hätten Weiterlesen

Weiß nicht

Von Carl Larsson – Åt solsidan, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=447496

Wir wohnen in einem Haus mit einem Flachdach. Ich ahne schon, wie jetzt einige die Hände über dem Kopf zusammenschlagen: Ein Flachdach? Aber man weiß doch… Ja. Weiß man. Früher oder später gibt das Ärger. Mit jahrzehntelanger Spitzdacherfahrung kann ich sagen, dass es früher oder später immer Ärger gibt.

Wasser marsch: Im Arbeitszimmer standen Eimer, in die es tropfte. Braune Flecken an der Zimmerdecke, die langsam größer wurden. Eine halbeingestürzte Decke im Arbeitszimmer, einem anderen Arbeitszimmer in einem anderen Haus übrigens. Nur eine feuchte Auswahl.

Trotzdem blöd, dass es wieder passierte. Der Dachdecker kam, fand und reparierte die schadhafte Stelle. Im Jahr darauf: Blöd, dass es wieder passierte. Der Dachdecker kam, fand und reparierte die schadhafte Stelle. Wir beschlossen, dass es jetzt gut sei, dass er jetzt das Problem gelöst hätte und wir künftig Ruhe haben würden. An dieser Stelle.

Doch da waren noch die Flecken auf der Wand. Mit einer kleinen Fläche hatte es begonnen, schließlich war ein braun umrandeter Streifen daraus geworden, der von der Decke bis fast zum Fußboden hinab reichte. Mit einer Grundierung überdeckt, zwei Tage gewartet, bis es Weiterlesen

Rad, Ruhr, Ruhe

Eigenes Foto

Mit dem Fahrrad auf dem Ruhrtalradweg unterwegs. Nur ein Stück, denn der Weg ist lang, länger, als wir an einem Tag fahren wollen bzw. können. Von Warendorf aus mit dem Auto nach Wickede (Ruhr). Erst durch das vertraute Münsterland, dann ein Stückchen Soester Börde und dann Wickede, ein Industriestädtchen, für uns an diesem Tag der Anfang des Ruhrgebiets.

Ein Maitag mit Sonne und Wolken. Viele, aber erträglich viele Radfahrer*innen auf der Strecke. Immer wieder führt der Weg über die Ruhr oder begleitet sie ein Stück.

Ich bin im Ruhrgebiet aufgewachsen. In Hohenlimburg geboren und in Hagen zur Schule gegangen. 14 Jahre meines Lebens war mir nicht klar, dass wir im Ruhrgebiet lebten, weil Hagen mit dem Slogan „Tor zum Sauerland“ warb. Hätte ich wissen müssen, dass wir vor dem Tor lagen? Draußen, im schmuddeligen Ruhrgebiet? Schreckliche Wahrheiten bringt man seinen Kindern vielleicht so spät wie möglich bei. Ich habe es nebenbei bemerkt nicht als schrecklich erlebt. Als laut und grau, als staubig und Weiterlesen

Form und Inhalt

Von Creator:François-Nicolas Martinet fils – Martinet, Histoire des oiseaux, peints dans tous leurs aspects, pl. 19, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=56710701

Es hatte mal wieder nicht geregnet. Unser Rasen, gut, die Grünfläche hinter dem Haus, okay, das Grün nehme ich auch zurück, also: Die Fläche hinter dem Haus, die unter günstigeren Bedingungen als Rasen bezeichnet werden könnte, zeigte sich in allen möglichen Farben, von denen uns keine gefiel.

Dunkelbraun, fast schwarz das Moos, kräftig grün der Klee, hellbraun die Erde, die wie kahle Stellen durch lichter werdendes Haar lugte und schließlich gelblich das Gras. Ich vermute ja, dass die Graspflänzchen, die zwischen all dem Kraut um einen Platz ringen, ein Gespür dafür haben, dass ich nicht voller Liebe über die Fläche schreite, dass sie meine unterschwellige Ablehnung ahnen und darauf mit Wachstumsverweigerung reagieren, dass der Rollrasen sich wieder aufrollen und dann trollen möchte, müsste er nicht befürchten, dann im Licht der Sonne zu Staub zu zerfallen wie Graf Dracula.

In solchen Fällen wird gegossen. Nicht regelmäßig, aber immer dann, wenn die Bambusblätter sich einrollen und der letzte Rest Feuchtigkeit in der Vogeltränke eine teerähnliche Konsistenz hat. Ich schritt also langsam mit einer Art Brause am Stiel über die staubige Fläche und goss.

So führte

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Vor dem Wigwam zu lesen

Von Paul Kane (1810-71), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1336538

Um eine Geschichte zu erzählen, die Hand und Fuß hat, muss man manchmal, auch wenn sich das eigentlich nicht gehört, das eigene Auge an ein fremdes Schlüsselloch drücken, weil sich jenseits der Tür nicht nur Möbel sondern eine ganze Welt befinden kann. Das stand auf Seite 2 des Lehrbuchs für angehende Medizinmänner und Geschichtenerzähler.

Dass das nur metaphorisch gemeint war, verstand der kleine Indianer, den seine Familie Löwenherzchen nannte, der aber bei allen anderen Kindern als Kleiner Feigling bekannt war, erst, als er feststellte, dass ein Wigwam nicht über ein Schloss, geschweige denn ein Schlüsselloch verfügte. Es hätte schon eines Zauberstabs bedurft, um dieses Problem zu lösen, aber so lernte unser kleiner Indianer gleich noch, was es bedeutet, dass man nicht jedes Wort auf die Goldwaage legen darf.

 

Reinheitsgebot

Von Credit Line & Copyright Adam Block/Mount Lemmon SkyCenter/University of Arizona – https://www.adamblockphotos.com/cw-tauri.html, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=85833056

„Jede hinreichend fortschrittliche Technologie ist von Magie nicht zu unterscheiden.“

  1. Gesetz, Arthur C. Clarke

Nicht ist schneller als das Licht… es sei denn, man kennt eine Abkürzung.

Der gelbe Sprinter mit dem roten Logo stand mit laufendem Motor vor Jepsens Haustür.
„Morgen. Steinfelds sind nicht zuhause. Nehmen Sie ein Paket für sie an?“ Gelangweilt hielt der Mann einen braunen Karton in der Hand, auf dem in großen Buchstaben der Name eines bekannten Internethändlers stand.
„Okay. Geben Sie her.“ Sabrina Jepsen quittierte auf dem kleinen Display, das sie immer an die Zaubertafel ihrer Kindheit erinnerte und nahm das Paket entgegen. Damit war die kritische Masse erreicht, was Sabrina natürlich nicht ahnen konnte.
„Ganz schön staubig!“ stellte sie fest.
„Ja, weiß auch nicht, was die für ein Problem in ihrem Versandzentrum haben.“
*
Manchmal half Weggucken nicht. Hinschauen auch nicht. Was für die Unendlichkeit gemacht schien, kollidierte mit der Endlichkeit. Bald gäbe es niemanden mehr, der sich an Unvergessliches hätte erinnern können.  Auch die Ewigkeit würde bald vorbei sein. Galaktische Katastrophen nahmen keine Rücksicht auf individuelle Befindlichkeiten und wissenschaftliche Berechnungen. Sie traten ein. Manchmal schneller als erwartet. Dann musste man handeln. Das galt auch für die Bewohner des Planeten Azamon.
*
„Was heißt eigentlich DHL?“ fragte Robert, als er später das Paket sah.
„Deutsche… Haushaltslogistik? Könnte sein, oder?“ rätselte Sabrina.  Das Thema war damit auch durch, es gab anderes und Weiterlesen