Nanu, Besuch?

Bild: Elfie Voita

Bild: Elfie Voita

Christel Lechners Alltagsmenschen: Der Leser

Wenn Sie schon mal hier sind, bleiben Sie doch ein paar Minuten. Warum? Das sollen Sie auf dieser und den folgenden Seiten erfahren!
Aktuelle Termine, Veröffentlichungen und andere Kleinigkeiten, ohne die sich die Welt nicht weiter drehen kann, finden hier in den unendlichen Tiefen des Netzes ihren Raum.

 

Wer oder was?

Ansgar Schulze, seines Zeichens Reiseleiter mit Entertainerqualitäten, erzählte einen Witz. Irgendwas mit Fußball und Sex. Jürgens Sinn für Witze war unterentwickelt. Er konnte sie nicht erzählen und fand sie selten witzig. Aber selbstverständlich brüllte die gesamte Truppe los. 52 Menschen, Bildungsbeflissene, die sich im Bus auf dem Weg durch Sachsen befanden. Auch Jürgens Sitznachbarin, die sich als Samira vorgestellt hatte, einiges jünger und um vieles attraktiver, lachte. So ein leises Lachen, das ihn gleich an Wondratschek erinnerte. Das leise Lachen am Ohr eines anderen. So hieß der Gedichtband. Vermutlich.

„Delitzsch!“ sagte Jürgen und wies mit dem Zeigefinger auf das Schild am Straßenrand, das eine Ausfahrt ankündigte.

„Aha.“

Gut, einen Brüller hatte er nicht erwartet, nicht wie bei Fußball und Sex und dem Herrn Reiseleiter. Aber etwas Aufmerksamkeit, selbst geheucheltes Interesse hätte ihm schon genügt. Für den Anfang. Er redete trotzdem einfach weiter. „Hermann Schulze-Delitzsch stammt hier her. Der Begründer des deutschen Genossenschaftswesens. Falls Sie also ein Konto bei der Volksbank haben sollten…“

„Entschuldigung?“ fragte sie nach. „Mein Konto?“ Weiterlesen

Feierabend

Foto: Amelie Voita

Foto: Amelie Voita

 

SCHWEIGENDE FAHRGÄSTE

Die Fremden, mit denen ich fahre,
Gezwungen einander gesellt —:
Aus jedem Augenpaare
Träumt eine andere Welt.

Doch wie ich mich allen verbinde
In schweigender Rätselei,
Irr ich vielleicht. Doch ich finde:
Man wird versöhnend dabei.

Joachim Ringelnatz

 

Ruf nicht an

 Hl. Valentin Bischof von Terni mit Gefährten. Codex: Français 185, Fol. 210. Vies de saints, France, Paris, 14. Jahrhundert

Hl. Valentin Bischof von Terni mit Gefährten. Codex: Français 185, Fol. 210. Vies de saints, France, Paris, 14. Jahrhundert Quelle: Wikipedia

Ich bin kein direkter Rüpel, aber die Brennnessel unter den Liebesblumen

Karl Valentin

Kann man den Valentinstag, heute übrigens ein Valendienstag, einfach verstreichen lassen? Ohne Blumen? Äh.. ja! Ohne Text? Natürlich nicht!

Wie das so ist mit Heiligen, entweder hat es sie nicht gegeben bzw. es wird empfohlen, sie nicht mehr anzurufen – vermutlich kein Anschluss unter dieser Nummer, oder die Zeit hat dazu beigetragen, dass alles ein wenig unscharf wird, dass nicht mehr deutlich ist, was einst überhaupt nicht klar war. Valentin, das steht fest, hat es gegeben. Irgendeinen Valentin, ganz sicher. Ich kenne auch einen. Aber für den Valentinstag zuständig ist ein anderer, möglicherweise der Valentin von Terni, der in der dortigen Basilika bestattet ist. Der gute Mann hat ein recht umfangreiches Aufgabengebiet, dafür das er schon im Jahre 269 den Löffel abgab, Verzeihung, den Bischofsstab fallen ließ.

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Vorwärts, egal wohin!

von Bernd Schwabe in Hannover (photograph), Fritz Gottfried Kirchbach (1888-1942, poster) (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) oder Public domain], via Wikimedia Commons

von Bernd Schwabe in Hannover (photograph), Fritz Gottfried Kirchbach (1888-1942, poster) (Eigenes Werk) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0) oder Public domain], via Wikimedia Commons

„Es ist ein Unglück, daß die SPD Sozialdemokratische Partei Deutschlands heißt. Hieße sie seit dem August 1914 Reformistische Partei oder Partei des kleinern Übels oder Hier können Familien Kaffee kochen oder so etwas – : vielen Arbeitern hätte der neue Name die Augen geöffnet, und sie wären dahingegangen, wohin sie gehören: zu einer Arbeiterpartei. So aber macht der Laden seine schlechten Geschäfte unter einem ehemals guten Namen.“

Kurt Tucholsky: 16 Satiren – Kapitel 13

Also wenn das nicht blöd ist! Da regiert Frau Merkel mit ihrer C/D/S/U mit wechselnden Partnern, also in so einer Art politischem Swingerclub und jetzt, wo wir uns langsam daran gewöhnt haben, jede Hoffnung auf Veränderung aufgegeben und das Achselzucken als äußerste Form des außerparlamentarischen Widerstands akzeptiert haben, schickt uns ein gewisser Herr Schulz wieder auf eine emotionale Achterbahn.

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Vlöggeln

 

By Tubantia (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

By Tubantia (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html) or CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

In Ootmarsum ist, wie schon berichtet, einiges an Kunst zu sehen, zum Beispiel eine Figurengruppe neben dem Eingang der Simon und Judaskirche. Augen zu und durch. Wäre mal wieder einfacher gewesen. Aber nein, ich muss ja wieder gucken.

Foto: Elfie Voita

Foto: Elfie Voita

Weil die Informationstafel zu dieser Gruppe ziemlich unleserlich ist, wird sie gleich mit fotografiert und anschließend ausgewertet. Die Künstlerin heißt Kiny Copinga-Scholten, das Werk „De Poaskearls“, denn so spricht man in Twente, Paaskerels wäre Niederländisch. Paas steht für Pasen, Ostern, wie wir sagen. Pasen ist viel näher am Original, dem jüdischen Pessach- oder auch Passahfest. Das interessiert mich zwar, aber nicht jetzt, nicht hier.

By Proborc (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons

By Proborc (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons

Die Poaskearls, die Osterkerle, wie man sie übersetzen könnte, sind nämlich eine Besonderheit, es gibt sie tatsächlich nur in Ootmarsum und sie gehören zum nationalen kulturellen Erbe der Niederlande. Der Brauch, der mit ihnen und von ihnen gepflegt wird, heißt Vlöggeln und ist vermutlich sehr alt, nachweisbar allerdings erst seit 1840. Acht katholische Junggesellen ziehen am ersten und zweiten Ostertag durch Ootmarsum, dabei werden zwei Lieder gesungen. Weiterlesen

Ootmarsum, Kunst, de Keyzer & Korinthen

Dirk de Keyzer Foto: Elfie Voita

Dirk de Keyzer: La Grande Guide des Voyages
Foto: Elfie Voita

Ootmarsum, mit langem o, Betonung auf dem mar und einem u, das ü gesprochen wird: Eine kleine Stadt in den Niederlanden, westlich von Nordhorn und nördlich von Enschede gelegen, die zur Gemeinde Dinkelland gehört. Ootmarsum hat  rund 4.500 Einwohner und liegt in der Provinz Overijssel.  Der Fluss, der den Namen der Provinz prägt, die Ijssel, entspringt als Issel im Münsterland, wie übrigens auch die Dinkel und die Vechte. Ootmarsum, besonders der ältere Teil, also Oudootmarsum, ist bemerkenswert hübsch. Das ist nichts Besonderes in den Niederlanden, es finden sich viele Dörfer, aber auch kleine und große Städte, deren mittelalterliche Kerne erhalten geblieben sind.

Ootmarsum ist anders. Es ist deshalb anders, weil es die Heimat des niederländischen Maler Ton Schulten ist. Diese Tatsache hatte weitreichende Folgen. Ton Schulten ist auch in Deutschland mit seinen Bildern bekannt geworden. Farbenfroh und dekorativ, als Original oder als Kalender. Ich nehme an, dass sich seine Kunst gut verkauft, denn in Ootmarsum gab es bald eine Galerie mit diesen Bilder, Chez-Moi Ton Schulten Galerie International, dann einen kleinen Garten, der den klangvollen Namen Place de la Fontaine bekam – ein ummauerter Hinterhof – und inzwischen ein ganzes Museum. Weil deshalb noch mehr Touristen nach Ootmarsum kamen, als das schon zuvor der Fall war, siedelten sich weitere Galerien an und inzwischen ist die Galerie die typische Nutzungsform für einen Laden im Ort.

Foto: Elfie Voita

Foto: Elfie Voita

Außerdem prägen viele weitere Kunstwerke den öffentlichen Raum. Wie das mit Kunst ist, man muss nicht alles mögen, was da gezeigt wird, es gibt, wie kaum anders zu erwarten, auch eine Tendenz zum Dekorativen, aber wir haben uns schon lange in die Plastiken von Dirk de Keyzer verguckt. De Keyzer ist ein belgischer Künstler und leider viel zu teuer für uns. Als er noch preiswerter war, war er auch schon zu teuer für uns.

Seine ersten Arbeiten sahen wir in  Ton Schultens Galerie, natürlich in Ootmarsum. Einige seiner Werke sind heute im Ort zu sehen.

Foto: Elfie Voita

Dirk de Keyzer: Siepelvrouwtje Foto: Elfie Voita

Falls jemand völlig resistent gegen Kunst sein sollte: In Ootmarsum gibt es auch noch overheerlijke krentewegge, also ein Korinthenbrot. Eins, das sich von unseren Rosinenbroten dadurch unterscheidet, dass der Bäcker es beim Hinzufügen von Rosinen oder Korinthen ernst meint. Mit etwas Butter und einem Kaffee dazu…

Wertlos

Caspar David Friedrich [Public domain], via Wikimedia Commons

Caspar David Friedrich [Public domain], via Wikimedia Commons

Gestern in den Nachrichten, heute in den Zeitungen: Die Luft in Deutschlands Städten ist mit Stickstoffdioxid belastet – und wie! An über 57 % der verkehrsnahen Messstationen wurde der Grenzwert im Jahresmittel überschritten, also nicht einfach mal so zwischendurch, nein, die ständige Belastung ist zu hoch. Es sterben mehr Menschen an unseren Straßen als auf unseren Straßen.

Da wird es Zeit für entschiedene Maßnahmen. Es ist kaum anzunehmen, dass die Autoindustrie und die Politik wirklich daran interessiert sind, die Belastungen zu reduzieren. Das kostet nämlich Geld. Jetzt nicht das der Politik oder der Autoindustrie, sondern natürlich unser Geld, dass wir entweder durch Steuern oder aber direkt über den höheren Kaufpreis für sauberere Autos zu bezahlen hätten.

Weil Industrie und Politik sich aber mehr Sorgen um unsere Kaufkraft als um unsere Gesundheit machen, brauchen wir einfache und praktische Lösungen. Wenn der Grenzwert nicht eingehalten werden kann, dann stimmt etwas mit diesem Grenzwert nicht.

In einem grenzenlosen Europa sollten wir von starren Grenzwerten Abschied nehmen. Sind wir nicht, wie die Politik immer wieder betont, eine Wertegemeinschaft? Weiterlesen