Zeug

Zeug

Vermutlich sagen die Rummelschublade und der Werkzeugkasten mehr über einen Haushalt, als der Bücherschrank und die Plattensammlung. Okay, die Plattensammlung verrät schon mal das Alter, denn wer eine Plattensammlung sein eigen nennt, ist entweder Hipster oder… äh… alt. Eine Rummelschublade und ein Werkzeugkasten gehören aber zu jedem Haushalt, so zu jedem Haushalt, dass sie eigentlich bei Ikea im Angebot sein sollten. Und damit meine ich nicht die Schublade, die man natürlich im Möbelladen bekommt und den Werkzeugkasten, den man vermutlich auch im Möbelladen, aber ganz bestimmt im Baumarkt kaufen kann.

Die Rummelschublade darf sicher mit der Wundertüte verglichen werden, von der ich allerdings nicht weiß, ob es sie noch gibt. Ihr Name versprach keineswegs, was wir zu finden hofften, nämlich etwas Wunderbares, sondern lediglich, dass ihr Inhalt Verwunderung auslöste. Enttäuschung wäre vielleicht eine zutreffendere Bezeichnung. Aber wer hätte von seinem mageren Taschengeld schon eine Enttäuschungstüte gekauft?

Dass hier die Rummelschublade und der Werkzeugkasten in einem Text, schlimmer, in einem Kontext aufgeräumt – nein, natürlich nicht auf-, sondern abgeräumt werden, spricht allerdings Bände. Und für die Jüngeren unter den Leser*innen: Nein, Bände ist kein falscher Plural von Band im Sinne von gemeinschaftlich musizierenden Menschen, sondern bezieht sich auf Bücher, die, so war das früher, manchmal sogar in mehreren Exemplaren in einem Haushalt vorkamen. Mehrbändig waren zum Beispiel Lexika. Daraus ist aber nicht abzuleiten, dass ein einzelnes Buch als Einband bezeichnet wird. Damit wäre in all dem Durcheinander dieses Textes immerhin auch noch ein Bildungsauftrag erfüllt.

Unser orangefarbener Werkzeugkasten, übrigens ein Geschenk meines Vaters, ist so etwas 40 Jahre alt. Er ist von beeindruckender Größe, jedenfalls für Menschen, die außer einem Hammer, einer Zange und ein paar Schraubendrehern eigentlich kein Werkzeug benötigen. Er ist sogar so groß, dass wir, was wir gerade suchen, nicht finden.

Okay, das hängt vielleicht nicht so sehr von der Größe des Kastens, sondern mehr von unserem Ordnungssystem ab. Dieses System besteht darin, dass wir alles, was einmal gebraucht werden könnte oder was uns so fremd ist, dass wir uns nicht trauen, es einfach wegzuwerfen, im Werkzeugkasten aufzubewahren versuchen.

Bei manchen… Sachen?.. wussten wir zum Zeitpunkt der Einlagerung eventuell auch noch, wozu sie dienen sollten, inzwischen sind sie aber zu mysteriösen Artefakten menschlichen Erfindungsreichtums geworden. Kunststoff- und Metallteile in seltsamen Formen und Maßen, mit und ohne Löcher, gern in altersmilden Farben. Zwischen Schraubenziehern mit rundgedrehten Spitzen und krummen Nägeln, keine Ahnung, wer die in den Kasten geworfen hat, Schrauben und Dübel, Muttern und Unterlegscheiben. Gern auch mal ein Reißbrettstift, der sich schmerzhaft unter den Fingernagel bohrt, wenn gerade wieder einmal etwas gesucht wird. Und natürlich Staub und Flusen. Natürlich nicht aus den letzten vierzig Jahren. Manches davon muss älter sein. Heute habe ich  aufgeräumt. Also von rechts nach links und von oben nach unten. Von einigen krummen Nägeln konnten wir uns trennen. Von Staub und Flusen natürlich auch.

Die rätselhaften Teile, hmm, vielleicht in die Rummelschublade?

Vergebliche Werbemühen

Vergebliche Werbemühen

„Echte Freiheit braucht die exklusive Ausstattung“, lese ich gerade. Ich wusste doch, dass mir was fehlte an der echten Freiheit. Ich bin auch mehr der Typ für die inklusive Ausstattung, aber wie kann ich überhaupt wissen, wie sich echte Freiheit anfühlt, wenn ich mir die exklusive Ausstattung nicht leisten kann? „Das Beste oder nichts“ heißt es weiter. Jetzt kommt es aber richtig dicke. Gerade noch dachte ich, es fehlt mir nur an der echten Freiheit, jetzt wird mir der jämmerliche Rest, also die unechte Freiheit, auch noch madig gemacht.  Es geht um den GLE oder das GLE, ich weiß es nicht, ich kann es ja auch nicht wissen, weil das Beste ja immer noch kommen muss, also spätestens oder vielleicht sogar im Normalfall zum Schluss.

Gerade höre ich die Kraniche über dem Haus, Zugvögel, die sich sammeln und in großen Gruppen und manchmal zumindest eleganter Formation… äh… abziehen. Wenn das mal nicht echte Freiheit ist, ganz ohne exklusive Ausstattung.  Jahr für Jahr wieder und ich kann sie nicht sehen oder hören, ohne dass es mich anrührt, dass ich raus muss vor die Tür und hoch an den Himmel starre und ihnen folge mit den Augen und weiß, dass der Herbst da ist und es Winter wird und das das irgendwie traurig ist aber auch schön und das es kein Geräusch irgendeines Motors geben kann, das damit mithalten könnte. Das Beste oder nichts.  

Quellenangaben

Quellenangaben

Mark Twain hatte den Mississippi, Willy Millowitsch den Rhein. Von uns aus sind es nur ein paar hundert Meter bis zur Ems und dem Emsradweg. Wir hören ihn also fast rufen. Wäre es doch bloß nicht die Ems. Die ist so unspektakulär. 371 km von der Quelle bis zur Mündung. Der längste Fluss, der in Deutschland entspringt und ins Meer mündet. Das sind Infos für Statistiker, da springt man doch nicht gleich auf das Fahrrad und ruft: Das muss ich jetzt aber unbedingt mit eigenen Augen sehen!

Gibt es überhaupt ein Lied oder ein Gedicht zur Ems? Der Rhein, der alte Vater Rhein, ist überhaupt nicht so deutsch, aber was für eine Landschaft, was für Städte, was für Lieder und Gedichte. Romantik, habe ich mir sagen lassen. Zur Ems hingegen: Warum ist es an der Ems so schön? Oder vielleicht: Wenn das Wasser in der Ems goldner Wein wär… Schwer vorstellbar.

Nicht mal die Emser Depesche, die Emser Pastillen oder Bad Ems haben was mit dem Fluss vor unserer Haustür zu tun. Puh. Jetzt habe ich das überprüft. Es gibt Gedichte, aber die verlinke ich besser nicht. Nicht mal Heinrich Heine hat die Ems besungen und der hat sich mit den Schönheiten und dem Elend Deutschlands doch nun wirklich beschäftigt. Okay, es gibt im Emsland eine Heinrich-Heine-Straße, vermutlich sogar mehr als eine, aber das zählt doch nicht.

Die Ems entspringt in Hövelhof. Oder bei Hövelhof. In der Senne. Dorthin führt uns die erste Etappe. Die Emsquelle müssen wir uns ansehen, weil es sonst noch weniger Sinn hat, den Fluss entlangzufahren. Hat wohl was mit der Idee von Anfang und Ende zu tun. Es ist ein Fluss entsprungen… aber das stimmt natürlich nicht. Da entspringt kein Fluss, da blubbert es nicht mal. Erst ist da noch nichts, dann hier eine Pfütze, da eine Pfütze, es kommt Bewegung in die Angelegenheit, es rinnt, plätschert sogar ein wenig und macht sich auf den Weg. Eine Flächenquelle nennt man das wohl, wenn das Wasser nicht ordentlich an einem Punkt aus dem Fels oder dem Boden hervortritt, sondern eher beiläufig rumsteht, etwas schmuddelig, einfach so im Waldboden. Wenn man’s nicht wüsste… aber wenn man’s nicht wüsste, wäre man natürlich nicht hier.

Es gibt sogar ein Informationszentrum und eine Menge Menschen, die dabei sein müssen, wenn die Ems sich auf den Weg macht, aber das sollte sich doch spektakulärer gestalten lassen. In Amerika ziehen die sowas bestimmt ganz anders auf, viel größer und sicher mit Licht und Musik.

Aber dann darf da natürlich nicht so ein Getröpfel im Zentrum stehen. Da muss man das bisschen Ems erstmal aufstauen und – genau, die in Form gebrachte Ems wie Champagner aus einem Felsen (Notiz für den Regisseur: Fels beschaffen) brausen lassen, perlen und plätschern und dann hängt da ein Monitor gleich ein paar Meter weiter,  mitten im Wald, da, wo die Ems ihre Kinderstube nass macht, ein Monitor, der uns zeigt,  wie im fernen Ostfriesland ein mächtiges Schiff auf dem breiten Strom dem Meer zustrebt. Eine Schiffssirene brummt, Möwen schreien und am Horizont bläst ein Wal. Ja, so muss man das machen!

Okay. Ich glaube, ich mag die bescheidene Version doch lieber.

Ein alter Sehbär

Ein alter Sehbär

Mir fehlten nur wenige Meter zum Seemann. Nur wenige Schritte trennten mich vom Kapitänspatent auf große Fahrt. Wie anders hätte mein Leben verlaufen können…

Ich wohnte in der Friesenstraße und die Seemannsschule war in der Bergmannstraße. Die Kleine Möwe, die Stammkneipe der Seefahrtsschüler, lag sogar noch näher und dort hätte ich mich sogar ohne Abitur, Fernweh und technisches Verständnis oder Numerus Clausus betrinken können. Habe ich aber nicht. Also ohne Abitur, Fernweh und technisches Verständnis habe ich mich schon betrunken, aber eben nicht in der kleinen Möwe.

Zu meiner Schulbildung gehörte auch nur das Fach Erdkunde, niemals die Geographie. Schon wenn es um Flüsse ging, wenn diese große physische Landkarte aufgehängt wurde, die ohne irgendwelche Beschriftungen, aber mit braunen Gebirgszügen und blauen Flüssen, wusste ich genau, dass ich an meine Grenzen stieß, wenn ich auch nicht hätte sagen können, welche Länder sich jenseits dieser Grenzen befanden. Flüsse gingen gar nicht. Nordsee, Ostsee, klar. Aber die Südsee lag nicht gleich hinter Bayern, nicht mal hinter den Alpen und die Westsee habe ich immer schmerzlich vermisst. Vermutlich ist es auch mein Sinn für Vollständigkeit, geschult bei diversen Runden Autoquartett, der mir den Zugang zur Welt der Seefahrer versperrte. Was zum Beispiel soll es, dass einem Boot oder einem Schiff, der Unterschied ist mir nie klar geworden, gerade mal zwei Seiten zugeordnet werden: Backbord und Steuerbord. Und die auch noch für rechts und links.

Dabei weiß man doch, das rechts ist, wo der Daumen links ist. So lernt das doch jeder, auch ohne Seefahrtsschule. Und kommt mir jetzt nicht mit Bug und Heck, die sind bei mir fest mit Thomas verbunden. Thomas Bug und Dieter Thomas Heck. Ich wäre, schon wegen der klanglichen Nähe, für Sideboard und Keyboard. Wie, Board oder Bord? Wer stellt sich denn wegen eines zusätzlichen Buchstabens an? Und im Englischen fällt dieser Unterschied eh weg. Backboard. Wäre Englisch doch immer so einfach, ein a dazu und fertig.

Ich verzettele mich.

Mir fehlte zum Studium an der Seefahrtsschule neben dem technischen Interesse auch, nein, nicht das Fernweh, das Abitur. Zweiter Bildungsweg, also Fachoberschule, Fachhochschule und danach war es eh zu spät, denn schon als Fachoberschüler habe ich gelernt, was es heißt, seekrank zu sein. Dafür braucht man auch überhaupt keine nautische Qualifikation. Bei der Suche nach der geeigneten Reling helfen Begriffe wie links und rechts, hinten und vorn auch nicht weiter, es geht nur noch um die Windrichtung.

Was bleibt ist das Fernweh.

Schreiben, lesen, hören, reden

Eigenes Bild

Puh, das ist aber abgelegen. Sage ich, denke ich, höre ich. Muss also stimmen. Obwohl es mit dem Auto mal gerade eine halbe Stunde braucht, um das Westfälische Literaturmuseum Haus Nottbeck zu erreichen. Eine halbe Stunde, das ist doch nicht viel. Um die zu vertrödeln, brauche ich höchstens eine halbe Stunde, wenn nicht weniger. Schön, Nottbeck liegt etwas einsam. Man könnte auch sagen: Es liegt da sehr schön einsam. Ruhig. Still sogar. Spätsommersonne, zwei Gänse watscheln, nee, sie bewegen sich einfach träge über den Rasen vor dem Gartenhaus.

Literaturmuseum klingt komisch, als ließe sich Literatur besichtigen. Ansehen wie Gemälde. Autorenbilder sind tatsächlich auch zu sehen, Bücher, Textauszüge, Geschichte der westfälischen Literatur. Viele Namen, die ich kenne, viele Namen, die ich nicht kenne. Viele Bücher, die ich nicht gelesen habe und wohl auch nie lesen werde. Aber hier begegnen sie mir. Männer und Frauen, die sich mit Sprache beschäftigt haben oder die es drängte, etwas zu erzählen.

Nottbeck pflegt immer auch die Begegnung mit Autoren. Literatur wird Weiterlesen

Unhörbar

Photo by Mohammad Metri on Unsplash

Je älter ich werde, desto weniger Zeit verbringe ich damit, Musik zu hören. Die Selbstverständlichkeit, mit der ich früher das Radio einschaltete, um NDR 2 zu hören, Musik für junge Leute oder später am Nachmittag den Club, ist mir längst abhandengekommen. Je mehr Geld ich für Musik ausgeben konnte, desto weniger gab ich aus. Je teurer die Anlage wurde, desto seltener wurde sie genutzt. Das lässt sich alles vermutlich gut erklären. Irgendwann geht man eben seltener aus, hört nicht mehr, was gerade neu und gut ist, findet vielleicht auch nicht mehr gut, was neu ist und koppelt sich langsam von der musikalischen Entwicklung ab. Ein guter Zeitpunkt, Jazz zu hören. Oder ein paar Konzerte zu besuchen, bei denen ältere Herrschaften auf der Bühne stehen, die ihr Handwerk beherrschen. Was auch wieder nach Jazz klingt.

Übrigens gefiel es mir früher, dass die Künstler*innen ungefähr so alt wie ich waren, meist Weiterlesen

Abschied mit Anlauf

Jordan White@unsplash

„Wir ziehen um.“

Drei Wörter, zweihundertvierzig Kilometer. Vierzehn sein war auch so schon hart genug. Und da stellten meine Ernährungsberaterin und mein Finanzdienstleister, auch als Mutti und Papa bekannt, doch tatsächlich noch in Frage, wo ich war. Dabei wusste ich nicht mal ganz genau, wer ich war. Aber das mit dem Umziehen war nicht zu diskutieren. Das heißt, diskutieren schon, bis zur totalen körperlichen und psychischen Erschöpfung. Nur änderte das nichts mehr.

„Es ist doch auch schön dort.“

Landschaftliche Schönheit, kulturelle Vielfalt und das Vorhandensein bedeutender Baudenkmäler verschiedenster Epochen gehörten zu den Argumenten, die während der Pubertät und in den darauf folgenden zehn Jahren aber auch so was von daneben waren, dass bereits ihre Erwähnung zur Aberkennung der Erziehungsberechtigung führen sollte. Fand ich.

„Und außerdem hat Papa einen besseren Arbeitsplatz gefunden. Nach den Sommerferien gehst du dann dort zur Schule.“

So gesehen reichten zweihundertvierzig Kilometer nicht aus. Wenn schon umziehen, dann doch bitte so weit, dass es keine Schulpflicht mehr gab oder wenigstens 14jährige mit der Schule fertig wären. Dann könnte ich vielleicht so etwas wie ein Abitur h.c. bekommen. Aber nein,

Weiterlesen

Keiner da

Photo by Apostolos Vamvouras on Unsplash

Da hätte ich mich fast vergessen, sagte der Mann. Was für eine interessante Idee, mal nicht den Schirm oder den Schal zu vergessen, sondern gleich sich selbst. Nach ein paar Stunden auf der Parkbank oder in der Bahn fällt es mir auf. Ich habe mich vergessen. Jetzt bin ich gedanklich längst zuhause, habe mich aber irgendwo vergessen. Vielleicht spricht mich jemand an, fragt mich, was ich denn bei Regen auf der Bank mache, aber ich reagiere nicht. Ich bin ja abwesend, also schon da, aber eben vergessen. Man sammelt mich ein, obwohl, nein, ich bin ja nicht zerstreut, das wäre noch viel schlimmer, ich habe mich ja nur vergessen.

Das soll es ja geben, natürlich nicht ständig, die meisten vergessen sich ja nur fast, also die kehren noch mal um, tun gedanklich einen Schritt zurück ins Restaurant und nehmen die Jacke von der Garderobe und den vergessenen Menschen von Tisch 12 wieder mit. Mir ist das leider nicht passiert. Ich habe mich vergessen. Möglicherweise nimmt mich jemand mit, für das  Sofa. Ein sehr einsamer Mensch, dem es nichts ausmacht, dass ich nur Weiterlesen

Gebremste Tierliebe

Photo by Vincent-van-Zalinge on Unsplash

Nach dem Ortsausgangsschild beschleunige ich. Unser schon etwas in die Jahre gekommener Diesel braucht seine Zeit, aber wenn er erstmal läuft, dann auch wie am Schnürchen. Früher Morgen, vielleicht sieben Uhr. Noch nicht ganz hell. Um Acht soll ich vor der Klasse stehen, vorher noch ein paar Kopien machen, vielleicht einen Kaffee mit den Kollegen trinken. Auf WDR 5 erläutert irgendwer die nationale oder internationale Politik. Wenig Verkehr. Die Münsterländer Parklandschaft liegt vor mir, ab und zu ein Hof, ein Restaurant, Weiden und Felder. Ein paar Bäume am Straßenrand.

100, 120. Nicht schneller, aber auch nicht langsamer als die anderen, nicht schneller, aber auch nicht langsamer

Weiterlesen

Osterbrink macht Augen (3)

Rüdiger Wölk This photo was taken by Rüdiger Wölk. Münster. CC BY-SA (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)

Dritter und letzter Teil

Teil 1

Teil 2

Osterbrink, dessen bisher erste und einzige Begegnung mit den Alltagsmenschen sehr rauschhaft verlaufen war und der deshalb keine gerichtsverwertbaren Erinnerungen an dieses Ereignis mehr besaß, war beeindruckt. Weniger von Toni Schulte Zumbrook, die er zunächst kaum zur Kenntnis genommen hatte, obwohl…  Groß, stämmig, von gesunder Gesichtsfarbe, fast immer mit einem Lächeln im Gesicht, ja, von einer schier überirdischen Heiterkeit, all das traf neben den gemütlich rundlichen Touristenmagneten auch auf seine Stadtführerin zu.

So viele neue Eindrücke, dazu die Last der Verantwortung, Osterbrink musste sich sammeln. Vor einer kleinen Buchhandlung, in deren Schaufenster eine Skulptur stand, die ihn sehr an den Landrat erinnerte, wie sollte man denn so nachdenken? Vor einem Restaurant, dessen Speisekarte ihn an die Uhrzeit und seinen leeren Magen erinnerte. Nein, auch kein Ort, um einen klaren Gedanken zu fassen. Schließlich vor den Auslagen eines Herrenausstatters, die ihn völlig kalt ließen und da sah er sie, die freundlichen Riesen, die sich in Normalgröße spiegelten. Davor ein kleineres, rundliches Paar, das in Formen und Farben dazuzugehören, Teil der Inszenierung zu sein schien und als jetzt auch noch versuchsweise ein kleines Lächeln auf seinem Gesicht erschien, konnte er nicht anders, als Toni Schulte Zumbrooks Hand zu ergreifen und mit dem Sommer, der Stadt und den Alltagsmenschen zu verschmelzen. Freundliche Betonköpfe, standhaft und zerbrechlich zugleich, gestellt in eine Welt, die sie nicht verstanden. Hatte er das wirklich gedacht? Er würde sich das aufschreiben müssen, später.

Jessica Wagenkötter, die per Zufall Zeugin dieser Szene geworden war, während sie in einem Bistro einen kleinen Salat mit Grünkohlpesto und Mettwurststückchen verzehrte, verschüttete vor Freude glatt ein wenig Grauburgunder. Osterbrinks Date erwies sich offenbar als echtes Update. Aber man soll die Mahlzeit nicht vor dem Nachtisch, den Tag nicht vor dem Abend loben, denn nur wenige Schritte weiter stieß das Paar, sich der verschränkten Hände durchaus bewusst, aber unfähig, als Erste oder Erster wieder loszulassen, auf eine gut gelaunte Männergruppe, die, den Coronaregeln trotzend, offenbar von einer vermutlich feucht-fröhlichen Weiterlesen

Osterbrink macht Augen (2)

Von User Kapitän Nemo on de.wikipedia – eigenes Foto, freigegeben zum weiteren Gebrauch, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1218939

Zweiter und vorletzter Teil

zu Teil 1

Seit einiger Zeit bekam Osterbrink nämlich Mails von Polizeipsychologinnen, Versicherungsvertretern und Immobilienmaklern, die er sich nicht erklären konnte, einmal sogar von einer Kollegin aus Gütersloh, die sich aber nach einem kurzen Austausch per Mail auf den Corona-Lockdown berief und nie wieder schrieb. Er konnte ja nicht ahnen, dass Jessica Wagenkötter für ihn ein Profil auf dem Datingportal der Polizei, der Bullenbörse, erstellt hatte.

Es war ja nicht so, dass Osterbrink darunter litt, keine Frau, keine Freundin und nicht einmal eine Exfrau oder Exfreundin zu haben. Kurzzeitig hatte der Kommissar sogar als begehrtester Single zwischen Axtbach, Mussenbach, Werse und Ems gegolten, weil es hieß, er werde bei „Mario Barth deckt auf“ ganz groß rauskommen. Es war dann auch was rausgekommen und um ein Haar wäre Osterbrink strafversetzt worden. Aber er war ja schon bei der Kreispolizeibehörde in Warendorf. Jedenfalls hatte sich in der Folge sein Status bei Facebook von Single zu „unvermittelbar“ verändert. Seine Unbeweibtheit war ihm bisher eigentlich nicht einmal groß aufgefallen. Aber diese kurze Phase, in der ihn Frauen anriefen, um sich mit ihm zu verabreden und, das hatte er schnell raus, Karten für die Mario-Barth-Fernsehaufzeichnung zu bekommen, hatte ihm verdeutlicht, das ihm möglicherweise etwas fehlte. Immer hieß es nur Osterbrink hier, Osterbrink da und manchmal sogar: Osterbrink! Niemals sagte jemand Bernhard und so hatte er fast seinen Vornamen vergessen.

Jessica Wagenkötter, die letztlich für das folgende Schlamassel verantwortlich war, hatte Osterbrink, als er sich unbeobachtet Weiterlesen

Osterbrink macht Augen

Dietmar Rabich / Wikimedia Commons / „Telgte, Clemenskirche und Gnadenkapelle — 2014 — 8455“ / CC BY-SA 4.0

Im Laufe der Jahre sind einige Geschichten um den etwas kauzigen Kommissar Osterbrink entstanden. Sein neuester Fall spielt wieder einmal in Telgte. Heute gibt es den ersten von drei Teilen.

Erster Teil

„Telgte!“ Dr. Averkamp, der leitende Polizeidirektor der Kreispolizeibehörde Warendorf, ließ das Wort im Raum stehen wie ein Ortseingangsschild.

„Nicht meine Zuständigkeit, Herr Polizeidirektor“, murmelte Osterbrink und drehte schon ab. Seine Reflexe stimmten noch: Erst die Nichtzuständigkeitserklärung und wenn die nicht zog, dann… aber so weit kam er nicht mit seinen Gedanken.

„Wieder so eine Kunstangelegenheit. Da sind Sie doch der Experte hier im Hause.“

Osterbrink meinte, ein unterdrücktes Lachen aus dem Vorzimmer gehört zu haben. Weber-Hollendorf, seit dieser Karnevalsgeschichte hatte ihre professionelle Neutralität ordentlich gelitten.

Dr. Averkamp holte zu einer seiner langatmigen Erklärungen aus, zusammengefasst ging es wohl darum, dass im Kreistag ein Abgeordneter der Handfesten Heimatfreunde behauptet hatte, der Bevölkerungsaustausch habe auch im Landkreis längst begonnen. Nach dem Zwischenruf „Aber er geht nicht schnell genug“ sei es zu tumultartige Szenen gekommen. Also beinahe, nur durch die vorzeitige Eröffnung des Buffets sei Schlimmeres verhütet worden.

„Aber“, fuhr Dr. Averkamp fort, „darum geht es überhaupt nicht. In Telgte findet“, der leitende Polizeidirektor unterdrückte ein Gähnen „zum gefühlt 100sten Mal die Ausstellung Alltagsmenschen statt. Dagegen ist ja weiter nichts zu sagen. Allerdings ist es in der Vergangenheit zu mutwilligen Beschädigungen der Skulpturen gekommen. Die Figuren sind versichert, aber sowas schadet natürlich dem Image eines Wallfahrtsortes. Kurz: Wir müssen da ran. Der Polizeistützpunkt in Telgte ist nicht ständig besetzt, die Kolleginnen und Kollegen brauchen Unterstützung und wer, wenn nicht Sie, mein lieber Osterbrink, könnte diese Aufgabe übernehmen?“

Osterbrink bewegte sich nicht. Er versuchte, sich durch reine Willenskraft unsichtbar zu machen, dann ginge alles Weiterlesen

Badetag

Komischer Vogel
– eigenes Foto –

Es ist heiß draußen und da ist es besonders angenehm, nicht draußen zu bleiben, sondern kühle Räume aufzusuchen und kalte Getränke zu genießen. Allerdings lassen wir nicht jeden rein. Die Gartenvögel zum Beispiel nicht. Die müssen draußen bleiben und mit der Hitze zurechtkommen. Weil wir nett sind, machen wir den Vögeln ein paar Badeangebote.

Der ausgediente Deckel eines Windeleimers,  ein großer Untersetzer, für den es gerade keinen Aufsetzer gibt, sogar eine eigens gekaufte Vogeltränke, die allerdings völlig ignoriert wird. Offenbar mögen unsere Gartenvögel eher unsere improvisierten Lösungen. Okay, die Vogeltränke wird jetzt von Insekten genutzt, die in den beiden anderen Vogelbädern jämmerlich ersoffen. Also sie wird natürlich nicht von denen genutzt, die da schon ertranken, sondern von anderen, die rechtzeitig erkannten, dass es nun ein geeigneteres Angebot gibt.

Gerade an heißen Tagen herrscht ein reger Badebetrieb und es lässt sich schön beobachten, was für eine Rang-, möglicherweise auch Hackordnung es bei diesen Wildvögeln gibt. Amseln und Stare zelebrieren ihre Bäder.

Zum Beispiel diese Amsel: Sie setzt sich zunächst vorsichtig auf den Rand, nimnt den einen oder anderen Schluck und setzt dann ein Bein ins Wasser, vermutlich um zu überprüfen, ob die Temperatur stimmt. Dann steht sie für einen Moment mitten in der Wanne, betrachtet die Welt und lässt sich von der Welt betrachten, bevor sie sich hemmungs- und rückhaltlos ins Badevergnügen stürzt. Unter wildem Flügelschlagen spritzt sie sich das Wasser über Kopf und Rücken, gleich nochmal, bricht ab und setzt sich wieder auf den Rand.

Ein Blick auf die wartenden Kleinvögel: Meisen, Sperlinge, mal ein Hausrotschwanz oder ein Rotkehlchen. Dann zurück ins Wasser Weiterlesen

Hin und weg

Von Autor unbekannt – Archiv Horst Alsleben, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=74898435

Noch einmal ein Griff ins Archiv. In eine ganz dunkle Ecke: Hin und weg

Eine ganz indiskrete Frage: Haben Sie in letzter Zeit einmal versucht, in Ihrer Heimatstadt eine Leiche zu entsorgen? Keine Angst, wir wollen Ihnen nichts anhängen, sondern etwas abnehmen. Aufgrund Ihres Vorstrafenregisters, Ihrer bekannten Neigung zur Gewalttätigkeit und Ihrer negativen Schufa-Auskunft gehören Sie zu dem exklusiven Empfängerkreis dieses Schreibens. Machen wir uns nichts vor, nach einer erfolgreichen kriminellen Karriere möchten auch Sie Ihr Geld – oder wessen Geld auch immer – genießen können und dann bleibt ja auch immer noch genug Zeit, um über Moral nachzudenken, ein paar Euro in den Klingelbeutel zu stecken und bürgerlich zu wählen. Diese rosige Zukunft ist es, die Sie im Auge behalten sollten, wenn es um die lästigen Details der Gegenwart geht.

Weiterlesen

Kurskorrektur

 

Mal wieder ein Text aus dem Archiv:

Er überflog das Programmheft. „Retrograder Englischkurs“, stand da. Eigentlich ein plausibles Konzept, das aus der Tatsache heraus entstanden war, das nur wenige Kursteilnehmer bis zum Ende eines Kurses durchhielten, aber kaum jemand den Anfang versäumte. Jetzt fanden die Prüfungen gleich in der ersten Stunde statt, die Lektionen folgten im Anschluss. „Der Jogi-Löw-Effekt – mehr Erfolg mit Akzent“ als Ergänzung zum Bewerbungstraining und – in einer Reiterstadt unvermeidlich – „Abgesattelt – Leckeres vom Pferd“. Nein, das war es nicht. Blieb noch der Wochenendkurs „Wieder nichts für mich dabei!“, der sich an Leute richtete, die gern einmal einen VHS-Kurs besuchen wollten, sich aber für keines der Angebote entscheiden mochten. Aber jetzt war es zu spät dafür.
Der Brief, der in einem blassblauen Behördenumschlag gesteckt hatte, lag vor ihm auf dem Tisch. Graues Recyclingpapier, eine Schriftart, vermutlich Courier, die der guten alten Schreibmaschinentype nahe kam und offenbar als besonders geeignet betrachtet wurde, in offiziellen Schreiben unangenehmer Art als optisches Äquivalent eines nörgelnden Tonfalls Verwendung zu finden.

Weiterlesen