Das Land von Thorn

Eigenes Foto: Fenster in Thorn

 

Das Land Thorn? Nie gehört? Ich auch nicht, bis unsere Regionalzeitung eine Tagestour anbot. Die wir nicht gebucht haben, wir machen unsere Seniorenreisen auf eigene Faust. Im Süden der Niederlande, nicht weit von Aachen, liegt Thorn, das weiße Städtchen, wie es beworben wird.

Schön und gut, aber das, was heute als touristisches Highlight vermarktet wird, führte am 25. November 1797 zum Ende des Reichsfürstentums Thorn. Französische Revolutionstruppen lösten das Damenstift auf, vieles wurde beschlagnahmt, abgerissen, zweckentfremdet. Die hohen Damen flohen, die verarmten Dörfler wurden mit einer Steuer auf die Fenster belegt, nein, keine Gardinensteuer, wie sie immer als Begründung für die unverschleierten niederländischen Fenster genannt wird. Eine Fenstersteuer also, der die Thorner zu entkommen wußten, indem sie Fenster zumauerten. Nicht gleich alle, aber viele. Und weil das nicht gut aussah, wurde die Wand gleich neu gestrichen. Weiß. Das lässt sich immer noch gut sehen und verleiht dem Ort einen gewissen Reiz. Der nicht ausreicht, um dort hinzufahren.

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Die Geschichte des Ortes allerdings schon. Graf Ansfried und Hilsondis, seine Frau, gründeten  im 9. Jahrhundert ein Kloster, das nach der Regel Benedikts lebte, aus diesem Kloster entwickelte sich ein Damenstift, der weltliche und geistliche Macht verband. Die Äbtissin des Landes von Thorn war zugleich auch die Landesherrin, herrschte über rund 52 km² und ein paar Tausend Untertanen. Zum Vergleich: Warendorf dehnt sich auf üppigen 176 km² aus. Nur hochadlige Damen, die ihre Zugehörigkeit Weiterlesen

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Abendlich gestimmt

Eigenes Bild

Zum Einschlafen zu sagen

Ich möchte jemanden einsingen,
bei jemandem sitzen und sein.
Ich möchte dich wiegen und kleinsingen
und begleiten schlafaus und schlafein.
Ich möchte der Einzige sein im Haus,
der wüßte: die Nacht war kalt.
Und möchte horchen herein und hinaus
in dich, in die Welt, in den Wald.
Die Uhren rufen sich schlagend an,
und man sieht der Zeit auf den Grund.
Und unten geht noch ein fremder Mann
und stört einen fremden Hund.
Dahinter wird Stille. Ich habe groß
die Augen auf dich gelegt;
und sie halten dich sanft und lassen dich los,
wenn ein Ding sich im Dunkel bewegt.

Rainer Maria Rilke: Das Buch der Bilder, 1902

 

Eine meiner Töchter wies mich auf dieses Gedicht hin, als ich ihr gestern Abend von meiner Lektüre erzählte. Stefan Zweig beschreibt in seinem autobiografischen Buch „Die Welt von Gestern“   seine Begegnung mit Rilke. Im 7. Kapitel dieses Buches lässt sich das nachlesen.

Friesland (8): Zurück

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Herinneringscentrum Kamp Westerbork

Einfach nur fahren, unterwegs sein, um dann anzukommen, ist langweilig. Dann sitzt man im Auto die Zeit ab. Beamen wäre praktischer. Der Reiz des Reisens liegt für mich aber auch darin, eben nicht einfach nur von A nach B zu fahren, sondern anzuhalten, einen Umweg zu machen, einem Ortsnamen oder einer Erinnerung zu folgen und zu sehen, wohin man kommt. Auf unserem Weg nach Leeuwarden waren Zwolle und Kampen Zwischenstationen, auf dem Rückweg haben wir uns für das Kamp Westerbork entschieden. Auschwitz, Dachau, Buchenwald, Bergen-Belsen, ich nenne Namen, die jeder kennt, Orte, die jeder besucht haben sollte. Besucht ist ein so falsches Wort dafür.

Aber ich war auch noch nicht an all diesen Orten und den vielen anderen Orten des Schreckens und der Grausamkeit, die ich nicht genannt habe, großen Lagern, Gestapohäusern, Gefängnissen. Manche davon sind weit entfernt, aber für Westerbork gilt das nicht. 200 Kilometer von Warendorf, 100 von Leer aus, wo ich lange gelebt habe. Es war immer erreichbar und jedes Mal, wenn ich auf der Autobahn das Hinweisschild sah, empfand ich es als eine Art Mahnung. Vielleicht ganz zu Recht. Vielleicht sollten wir uns verpflichtet fühlen, diese Orte zu sehen, uns dem auszusetzen, was diese Orte erzählen. Nun also Westerbork.

1939 richteten die Niederländer ein Lager für die überwiegende jüdischen Flüchtlinge aus Deutschland ein. Nicht zu nah bei den Städten, nicht in der Nähe des königlichen Sommerpalastes, also bei Hooghalen in Drenthe, in der Nähe des Dorfes Westerbork, nicht weit von der deutschen Grenze. Die ersten Bewohner waren Menschen, Weiterlesen

Friesland (7): Drachten, Dada, Rinsema

Anfang der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts hatte Drachten rund 5.500 Einwohner. Es gab Autos, es gab eine Bahnverbindung, es gab Arbeit. Man verhungerte nicht in Drachten. Aber Drachten war auch nicht gerade ein pulsierendes Zentrum, ein kreativer Hotspot. Es gab da allerdings eine Werkstatt, die nicht nur für ein abgelegenes friesisches Dorf ungewöhnlich war.

Thijs und Evert Rinsema waren Schuhmacher, beide hatten nur die damals übliche minimale schulische Ausbildung absolviert und mochten sich dennoch nicht auf ihr Handwerk beschränkten. Autodidakten waren sie, Thijs malte, Evert schrieb und ihre Werke konnten in der Werkstatt erworben werden.

Evert Rinsema hatte während seines Militärdienstes Weiterlesen

Friesland (6): Drachten & De Stijl

Theo van Doesburg [Public domain], via Wikimedia Commons

Von Leeuwarden aus unternahmen wir einen Ausflug nach Drachten. Man muss nicht in Drachten gewesen sein, jedenfalls nicht wegen Drachten. Die Drachtener mögen das anders sehen, es gibt jedenfalls außergewöhnlich viele Fotos aus Drachten auf der entsprechenden Wikipediaseite. Je mehr ich von diesen Bildern betrachte, umso trauriger werde ich.

Wieso wir dann hinfuhren?

Weil ich es mir vorgenommen hatte.

Unterwegs nach Drachten, es war ein kalter, windiger Tag, fuhren wir über eine wenig befahrene, ziemlich neue Straße. Ich mag es, wenn das Navi nicht mehr weiß, wo wir gerade sind und uns einen Punkt im Nichts anzeigt, zwischenzeitlich kurz wieder einen Straßennamen aufgreift, um gleich darauf wieder in unerforschter Wildnis auf jeden weitere Anweisung zu verzichten. Wir kamen trotzdem an. Eine endlose Straße führte in die Stadt, die inzwischen die zweitgrößte frisische „Stadt“ geworden ist, trotzdem aber nicht zu den elf Städten Frieslands gezählt wird. Selbst Sloten mit seinen 740 Einwohnern darf sich zu dieser Elite Frieslands zählen, zu den Städten, die das Stadtrecht erhielten. Alles andere sind Gemeinden, Dörfer, zufällige Ansiedlungen. Drachten war ein Weiterlesen

Vorstellung

„Im Kreisverkehr in zweihundert Metern links abbiegen über die dritte Ausfahrt, dann haben Sie Ihr Ziel erreicht. Ihr Ziel liegt auf der linken Seite.“

Er stellte das Navi ab.

„Wieso brauchst du das Navi, um den Weg zu deinen Eltern zu finden?“ hatte Anne gefragt.

„Umgezogen, kürzlich erst“, hatte er geantwortet. Das war die Formulierung aus dem Handbuch, sie hatte sich Weiterlesen

Gefurcht & gefürchtet

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Besuch. Ein Fremder. Nicht vor der Tür, nein, auf der Tür.

Ein gefurchter Dickmaulrüssler. Habe ich natürlich nicht gleich erkannt, aber wenn man ihn googelt…ja, das geht, auch wenn man seinen Namen noch nicht kennt. Käfer. Deutschland. Lange Kopffühler, dann muss man nur noch einige Dutzend Käfer betrachten und ist dann recht zügig beim gefurchten Dickmaulrüssler.

Das geht deshalb so zügig, weil es reichlich Seiten gibt, die vor ihm warnen. Nein, er frisst die Tür nicht weg. Er ist ohnehin kein er sondern eine sie. Immer. Der gefurchte Dickmaulrüssler ist immer die gefurchte Dickmaulrüsslerin. Wer gibt denn einer Dame bitte einen solchen Namen? Obwohl, ich hätte darauf kommen können, also nicht auf den Namen, sondern darauf, dass es sich um ein Weibchen handelt, denn die Natur schafft oft prächtige Herren Weiterlesen