Der Tagedieb

Von Albert Letchford – File:Tales from the Arabic, Vol 1.djvu, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=61330156

Wieder einmal ein Beitrag aus der Reihe „Zu Recht vergessene Jugendwerke“. Es geht hier nicht um den CVJM oder die FDJ, sondern um Texte, die ich vor  vielen Jahrzehnten geschrieben habe.

Der Tagedieb

Im Morgenland erzählt man sich bis auf den heutigen Tag Märchen und Legenden, aber auch alte Wahrheiten werden so von Generation zu Generation weitergetragen. Einst wurde mir diese Geschichte erzählt, deren Echtheit mit der Erzähler beim Barte seiner Großmutter beschwor.

Meine Geschichte ist seltsam; würde sie mit Sticheln in die Augenwinkel gestichelt, sie wäre eine Warnung für einen jeden, der sich warnen ließe. Und dies ist sie:

In den Tagen des Hārūn al Raschīd lebte in Bagdad ein Weiser, der lange Jahre treue Dienste für den Kalifen und seine Wesire geleistet hatte und mit vielen Ehrengewändern  dafür belohnt worden war. Nun jedoch war er in Ungnade gefallen, weil er in den Ruch geraten war, mit Geistern Umgang zu pflegen, die nicht zu den rechtgläubigen zählten. Seiner Ämter und seines Ansehens beraubt, sann er auf Rache und fand – mit Hilfe jener frevelhafter Geister, mit denen er sich tatsächlich gemein gemacht hatte – einen Weg, der nur einem verwirrten Geist entspringen konnte.

Er stahl einen Tag aus der Woche –  und zwar den Montag. Anfänglich bemerkte niemand, was geschehen war, doch dann brach der Winter ein – um viele Wochen zu früh, denn das Jahr war um 52 Tage kürzer geworden. Kein Mensch konnte sich erklären, was geschehen war und als auch noch der Dienstag gestohlen wurde, begannen Männer und Frauen, Kinder und Greise zu zittern, denn ihre Lebenszeit verrann viel schneller, als sie erwarten durften. Weiterlesen

Charly Wolf und die 7

Ein alter, wirklich alter Text, den ich vermutlich in den siebziger Jahren geschrieben habe und über den ich nicht mehr weiß, als das er von mir ist.

Kalle Wolf der Name. Charly für Freunde. Tach auch. Ich muss da mal was loswerden, korrigieren ja. Hängt mir schon lange an. Die blöde Ziege, ja, Tschuldigung, Sie werden meine Erregung gleich verstehen, diese Frau Geiß, die mit ihren sieben Töchtern am Waldesrand wohnte… aber ich fang mal besser von vorn an.

Also: Am Waldesrand, Tannenstraße 7b, wohnte Frau Geiß mit ihren sieben Töchtern. Den reinsten Unschuldslämmern. Naja, jedenfalls passte die Alte, ja, schon gut, Frau Geiß, ganz tierisch auf ihre Süßen auf, logo, die Kurzen wollten auch gern mal raus, den Bären losmachen, war aber nicht. Null. Aber auch die „beste“ Mutter kann ja nicht immer wie eine Glucke auf den Eiern ihre Kinder behüten. Mama Geiß musste übers Wochenende zu ihrer Schwägerin aufs Land. Klar hat sie ihren Lieben eingeschärft, bloß nicht wieder die heißen Feten zu feiern und, man stelle sich das mal vor, sie hat ausdrücklich vor mir gewarnt. „Seid auf der Hut vor dem Wolf“, soll sie gesagt haben, „der vernascht euch! Und diese raue Weiterlesen

Abgefüllt

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Arthur_Szyk_(1894-1951)._Arabian_Nights_Entertainments,_The_Husband_and_the_Parrot_(1948),_New_Canaan,_CT.jpg

Die Lichter der Stadt verloschen, schon blickte der Mond gütig hinab auf Gläubige und Ungläubige und die Sterne funkelten am Firmament. Die Hitze des Tages war einer angenehmen Kühle gewichen und aus den vielen Zimmern des Palastes waren noch Musik und Lachen zu vernehmen, doch langsam kehrte Ruhe ein, legte sich wie eine weiche Decke auf die Stadt.

„Dieser Stress, auf Anhieb kreativ sein zu müssen, ich halte das nicht mehr aus. Nacht für Nacht eine neue Geschichte.“ Scheherazade saß in ihren prächtigen Nachtgewändern schluchzend auf dem geräumigen Bett, während Schahrayâr, der König von Persien, gerade im Bad seinen Bart bürstete. Dinharazade aber, ihre Schwester, die treu an ihrer Seite ausgeharrt und mehr mitbekommen hatte, als eine Schwester, und sei es auch eine Lieblingsschwester, je mitbekommen sollte, kniete vor ihr, umschlang die Zitternde mit ihren Armen, tröstete und beruhigte sie und bat sie schließlich, wie sie es seit x-Nächten getan hatte, um eine Geschichte.

„In der Zeit des Herrschers Harun al Raschid“, so begann Scheherazade, „lebte in Bagdad ein Mann, der besaß das zweite Gesicht. In jenen fernen Tagen verstand man darunter nicht, dass er wie Silvio Berlusconi geliftet worden war, sondern dass ihm der Schöpfer die Macht gegeben hatte, die Zukunft zu schauen.

Der Mann, ein kleiner Kaufmann, der in seinem Viertel mit Datteln, Feigen, Granatäpfeln und Rohöl handelte und den jeder Achmed nannte, bewahrte in einem kunstvoll geschnitzten und reich verzierten Ebenholzschränkchen zwei Flaschen auf. In der einen befand sich Gin, den er von seinen Reisen an die Enden der Welt mitgebracht hatte, die andere aber hatte er einst von seinem alten Vater erhalten, der ihm den heiligen Eid abnahm, die Flasche nur in allergrößter Not zu öffnen.

Nun trug es sich zu, dass Achmed den Abschluss eines großen Liefervertrages mit einem russischen Investor feiern durfte. Es wurde aufgetragen, was Keller und Küche hergaben, schöne Frauen tanzten und sangen und weise Männer führten ernsthafte Gespräche, jedenfalls wenn die schönen Frauen nicht gerade tanzten.

Zu später Stunde, als alle anderen Gäste bereits gegangen waren und sein trinkfester Gast die letzten edlen Flaschen geleert hatte, die noch im Keller zu finden waren, erinnerte sich Achmed an die beiden Flaschen in dem Ebenholzschränkchen und da er selbst schon lange keine Macht mehr über seine Beine besaß, bat er seinen Gast, den Gin zu holen und beschrieb ihm die Flasche sehr genau. Ausdrücklich aber verbot er ihm, die andere Flasche auch nur anzurühren.

Der Ungläubige aber, dessen Neugier durch Achmeds Warnungen nur angestachelt worden war, Weiterlesen

Fenstern

Klosterkirche Vadstena, Schweden
Eigenes Bild

Die Welt war einfach wunderschön – und so sollte es im Märchenland ja wohl auch sein – zog man nicht gerade aus, das Fürchten zu lernen oder legte sich mit Rotkäppchen, den Geißlein, dem tapferen Schneiderlein, Dornröschen, Schneewittchen, Aschenputtel oder sonst wem an.

Zugegeben, in vielen Teilen des Märchenlandes mochte es regelrecht scheußlich sein, hier aber war es zum Seufzen schön, märchenhaft schön eben. Jedenfalls an 364 von 365 Tagen – und das ist doch keine schlechte Quote, oder? Einige wenige Gattungen mochten das anders sehen. Amphibien, Kröten und Frösche im Speziellen, entwickelten gar eine ansonsten völlig unbekannte Allergie gegen Jungfrauen.

Es galt als allgemein anerkannte Tatsache, dass der Kuss einer Jungfrau verwunschene Prinzen erlöste. Einen kürzeren als diesen, zugegeben etwas unappetitlichen, Weg zu Reichtum und Ansehen gab es einfach nicht.

Dummerweise fehlten jegliche Angaben darüber, mit wie viel verwunschenen Prinzen zu rechnen war und in welcher Gestalt sie ihr Dasein fristeten. Rehe, Hirsche, Adler und Raben waren ohne Gewaltanwendung nur schwer in einen kussfertigen Zustand zu versetzen – und welches Mädel wollte schon einen Prinzen, dem man Weiterlesen

Mit aller Gewalt

Vor der Tür liegt Schnee, auf meinem Schreibtisch Neonregen. Ging nicht anders, musste ich einfach mitnehmen. Neonregen ist der Titel eines Kriminalromans von James Lee Burke. Es ist der erste aus einer Reihe von mittlerweile zwanzig Bänden, die allerdings nicht alle auf Deutsch erschienen sind.

Der Bielefelder Pandragon Verlag hat sich dieser Reihe angenommen. Warum er allerdings die Bücher nicht in der Reihenfolge des Erscheinens veröffentlicht, ist mir ein Rätsel. Band 2 liegt auch vor, dann tut sich eine Lücke auf. Ich mag Reihen, ich mag es aber auch, die Reihenfolge einzuhalten.

Genug gemeckert. Neonregen hat mir gefallen. Ein düsterer Krimi, der in den Südstaaten angesiedelt ist, genauer in New Orleans. Ich war noch nicht dort, streichen wir das noch, ich will ja eigentlich auch nicht hin. Burke beschreibt das Leben dort so anschaulich, dass mir beim Lesen heiß wird und ich einen Dr. Pepper bestellen möchte. Und schmutzigen Reis. Ich bedauere es allerdings, dass ich nachgeschaut habe, was das ist.

Egal. Es gibt eine Menge Gewalt in diesem Buch, niemand ist so richtig gut, Weiterlesen

Hänselt mir die Gretel nicht!

Eigentlich hätte der Held unseres Märchens skeptisch werden müssen, als er erfuhr, wie leicht die Aufgabe war. Aber Skepsis gehört nicht zu den Tugenden von Märchenhelden und so freute er sich sehr, als man ihm zur Belohnung die Hand der Prinzessin versprach.

Später dann, als er seinen Preis einlösen wollte, wies man ihn unmittelbar darauf hin, dass von einem halben Königreich nie die Rede gewesen sei. Er hatte noch gar nicht danach gefragt, war allerdings davon ausgegangen, dass dies eine sozusagen allgemeine Geschäftsbedingung bei dieser Art von Aufträgen sei.

Als er die Prinzessin jedoch sah, wurde ihm klar, dass man ihn böse reingelegt hatte. Er bestand dann seinerseits ebenfalls auf Vertragserfüllung, da nie und nimmer von einer Prinzessin als Preis die Rede gewesen sei, sondern lediglich die Hand der Prinzessin genannt worden sei. Die sei er auch zu nehmen bereit.

Und so blieb unsere Prinzessin weiterhin eine holde Jungfer, aber wenigstens mit zwei Händen.