Vechtegeschichten: Der Kahn

Eigenes Foto

2018 hatte ich mich an einem Wettbewerb beteiligt. Es ging um Texte, die eine Verbindung zur Vechte haben sollten. Die Vechte, nur noch einmal zur Erinnerung, ist ein Fluß, der… aber das kann, wer mag, auch hier nachlesen.  Jedenfalls wurde auch mein Beitrag ausgewählt und veröffentlicht. Das Buch und die dazugehörigen Lesungen habe ich hier auch schon genügend thematisiert. Jetzt ist der Text online. Wer mag, kann ihn hier lesen.

Eisblumen

old_s [CC0], via Wikimedia Commons

Nein, hatte der Fensterbauer gesagt, das Fenster sei in Ordnung. Genauso dicht, wie die anderen im Haus. Neubau, sogar mit Door-Blower-Test. 100 Prozent. Trotzdem waren am nächsten Morgen wieder Eisblumen auf dem Fenster, nur auf dem in Finns Zimmer. Dem Zimmer mit den Dachschrägen und den beiden kleinen Fenstern, von denen er den See sehen konnte. Den See, der jetzt wieder zugefroren war, eine kalte, glatte Eisfläche. Finns Eltern hatten sich gefragt, ob er irgendwas gemacht hatte, irgendeinen Fehler, irgendeine Sache, die man mit solchen Fenstern nicht machen durfte. Der Fensterbauer hatte nur gelacht. Die gingen ja nicht mal auf, einmal wegen der Sicherheit, aber schon erst recht nicht, weil das Haus automatisch belüftet wurde. Passivhaus.

Trotzdem: Etwas war ja nicht richtig, also zog Finn ins Gästezimmer. Nicht in Annas Zimmer, das stand leer, mit fertig bezogenem Bett und ihren Kuscheltieren auf dem Regal. Das Gästezimmer fand er aufregend, ein bisschen unheimlich vielleicht, weil er die Schatten nicht kannte. Stand da nicht vielleicht doch einer in der Ecke? Und es knackte anders, ganz fremd. Doch während er die Schwärze genau beobachtete, musste er wohl eingeschlafen sein.

Am anderen Morgen waren die Eisblumen wieder da, nicht in Finns Zimmer, nicht in Annas Zimmer, sondern am großen Gästezimmerfenster. Seine Eltern sagten nichts. Es musste ja nichts bedeuten, es konnte ja nichts bedeuten. Eine Unregelmäßigkeit, die es zu beseitigen galt.

Ist vielleicht besser, wenn Finn für eine Weile hier unten bleibt, hatte sein Vater gesagt und seine Mutter Weiterlesen

Der Kahn

Foto: Manfred Voita

Meine Schwägerin schickte mir einen Zeitungsausschnitt, natürlich nicht mehr ausgeschnitten, eingetütet, frankiert und so weiter, sondern fotografiert und ab ins Netz. In der Grafschaft Bentheim war ein Kurzgeschichtenwettbewerb ausgeschrieben worden. Thema: Die Vechte. Die Vechte war auch hier schon mal Thema, aber ich bin nicht in der Grafschaft aufgewachsen und fühlte mich nicht angesprochen.

Bis die Ausschreibungsfrist sich gen Ende neigte und meine Frau nach dem Stand meiner Bemühungen fragte. Äh… Also fuhren wir in die Grafschaft und machten uns einen schönen Tag. Spaziergänge an der Vechte, Geschichten und Orte ihrer Kindheit, also nicht die der Vechte, die meiner Frau. An der Vechtequelle waren wir schließlich schon gewesen. Ein Wettrennen mit der Sonne, die es schließlich schaffte, hinter irgendeinem Wald unterzugehen, bevor wir noch einen Blick auf den dicken roten Glutball Weiterlesen

Ein gutes neues Jahr

Bild: Manfred Voita

Der Mann war mit einem der Vorortzüge in die Stadt gekommen. Kompliziert, mit Zugausfällen, mehr Haltestellen und Umstiegen. Eine Tasche hatte er noch bei sich, die andere war irgendwo im Gedränge abhanden gekommen. Zu viele Menschen auf zu wenig Raum, zu viele Betrunkene, zu viel Aggression. Bereitschaftspolizei in der Bahnhofsvorhalle, Männer mit Hunden, die breitbeinig, die Hände in die Hüfte gestemmt, den Weg schmal machten. Vielfache Augenkontrolle. Offenbar als harmlos eingestuft, schlurfte er aus der Halle, auf den großen Platz. Gleich neben ihm knallte es. Scherben auf dem Boden, ein ausgeleerter Abfalleimer. Mayonnaisefußspuren.

Der Anruf hatte ihn nachmittags erreicht, rasch hatte er noch ein paar Sachen eingepackt und war gleich los. Blöd, dass er kein Auto hatte.

Lachen. Eine Gruppe junger Frauen, Mädchen, zu dünn angezogen für die Jahreszeit, aufgekratzt und unterwegs irgendwohin. Eine Rakete flog nah an seinem Kopf vorbei, funkensprühend, plötzliches grelles Licht, Farben regneten vom Nachthimmel. In der Ferne Sirenen. Man sollte nicht allein sein in so einer Nacht, in dieser Nacht. In keiner Weiterlesen

Küs(s)te die Muse

Foto: Elfie Voita

Manch einen ruft der Berg, mich ruft die See.

Ich kann jetzt unmöglich hier sitzen und abwarten, bis es vorbei ist, bis die letzte Welle auf den Strand gelaufen ist.

Ich muss raus, muss mich bewegen, damit mein Denken in Bewegung gerät.

Am Strand entlang, ganz nah am Wasser, gegen den Wind und dann zurück, durchgepustet werden und den Kopf klar bekommen.

Durch den Sand stapfen, nicht suchen und doch zu finden hoffen, über einen Stein stolpern, der etwas ins Rollen bringt, einen Faden erwischen, an dem ich ziehen und einen dicken Fisch an Land hieven kann: der sich möglicherweise nach stundenlanger Arbeit als alter Hut entpuppt.

Ereigniskette

Berlin, Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Gemäldegalerie, Inventar-Nr. 922B, alte Katalog-Nr. GG Dahlem, Zugang: 1874

Elf Grad zeigt das Thermometer vor dem Hallenbad. Sieben Uhr vierzig, Sonntag morgen. In einer halben Stunde fährt mein Zug.

Es ist schon hell, der Tag soll freundlich und warm werden, doch noch sind die Bänke auf dem Bahnsteig taufrisch.

Über eine lang gezogene Betonbrücke schlendere ich in Richtung Innenstadt. Eine wuchtige katholische Kirche liegt drüben, jenseits des Flusses auf einer Anhöhe, doch den wenigen Menschen, die schon unterwegs sind, steht der Sinn wohl nicht nach jenseitigen Freuden und Tröstungen, sie steuern die Bäckereien an. Was sollte denn auch ein paradisischer Apfel gegen den Duft frischer Brötchen und Croissants ausrichten?

Ich kehre um, bald wird mein Zug in den Bahnhof einfahren. Hinter mir beginnen die Glocken zu läuten, mehrstimmig und mit einer Wucht, die ich körperlich spüre. Von den Häusern jenseits der Ems wird der Schall zurückgeworfen, überall um mich herum läutet es jetzt.

Auf einer Bank gleich vorn am Ufer sitzt ein Mann, ich sehe ihn zunächst nur von hinten, im Vorübergehen bemerke ich, dass er eine breite, mehrgliedrige Kette aus seinem Mund hervorzieht. Er grüßt mich freundlich, ich grüße zurück und mit einem breiten Grinsen gehe ich weiter in Richtung Bahnhof.

In das Geläut der Glocken mischt sich ein falscher Ton, gleich darauf erneut. Dann verstehe ich: die Sirene eines Einsatzfahrzeugs, Polizei, Krankenwagen, Feuerwehr. Der Weg vor mir riecht nach Katzenpisse, das war vorhin noch nicht so.

Manche zählen, andere werden gezählt

Und wieder ein kleiner Text aus dem Jahr 2015, also aus der Anfangsphase meiner Versuche, die Welt in meine Schublade schauen zu lassen.

Philipp von Württemberg [Public domain], via Wikimedia Commons

Manche zählen, andere werden gezählt

Nachdem die Nachrichtenredaktionen endlich konsequent den Lehrsatz „Hund beißt Mann ist keine Nachricht“ umgesetzt hatten und folglich Stellungnahmen wie „Der stellvertretende Vorsitzende der Regierungspartei begrüßte die Rede der Kanzlerin….“ oder „Der Oppositionsführer kritisierte die Rede der Kanzlerin als…“ einfach entfielen, kam es zu Zusammenrottungen von Politikern, die randalierend durch die Berliner Innenstadt zogen.

Die Veranstalter schätzten die Zahl der Teilnehmer auf einige Millionen, die Polizei auf rund 500. Wahrscheinlich lässt sich die Differenz durch die Idee der repräsentativen Demokratie erklären, die sich in den Politikerköpfen besonders verfestigt hat.

Der Name der Dose

Aus den Anfangstagen des Blogs gibt es ein paar Beiträge, die keine oder kaum Leserinnen und Leser gefunden haben. Ich nehme an, dass es gute Gründe dafür gab. Aber das hindert mich nicht daran, diese Beiträge, also die Rohrkrepierer, Ladenhüter und Karteileichen, noch einmal ans Tageslicht zu zerren. Den Anfang macht

Der Name der Dose

Adolph von Menzel [Public domain oder Public domain], via Wikimedia Commons

Ein lichtloses Treppenhaus mit riesenhaften Schränken und einer endlosen Treppe, die ihren Anfang in unbekannten Tiefen haben mag und eher zufällig auch zu uns hinauf führt. Dunkles Holz und immer der Geruch von Bohnerwachs.

Eine hellere Wohnung, in der ein Mann, für meine kindliche Vorstellung uralt, dabei gewiss kaum älter als vierzig, mit seiner Haushälterin lebt: Tante Frieda, deren große, unendlich verlockende Blechdose

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Literiki!

literiki Text aussen

Es hat ein wenig gedauert, bis die App zuverlässig funktionierte. Jetzt ist es endlich soweit. Literiki , die von Isabella Hoegger entwickelte Idee, fröhliche Kurzgeschichten für jeden Tag anzubieten, steht unter Google Play zur Verfügung. Für 2,18 € gibt es 90 Geschichten. Die Apple-Version lässt noch auf sich warten.

Es wäre mir jetzt aber schon unangenehm, extra noch einmal darauf hinzuweisen, dass zwei meiner Texte im Dezember zu hören sind, aufgenommen im trauten Familienkreis. Aber, wie gesagt, darauf möchte ich nicht extra hinweisen.

Und jetzt du: nicht

Als Ergebnis eines Diskussionsprozesses, der hier stattgefunden hat, nehme ich den Text zunächst einmal wieder aus dem Netz. Bei dieser Gelegenheit bedanke ich mich noch einmal für die kreativen Lösungsansätze von

http://pmex27.wordpress.com/

und http://wolkentraumsblog.wordpress.com/

Sobald es ein vorzeigbares Ergebnis gibt, werde ich darüber berichten. Die Kommentare, die sich auf den Inhalt beziehen, nehme ich ebenfalls aus dem Netz.

Eine Nummer kleiner

Inzwischen habe ich mich auf allerlei Seiten umgesehen und festgestellt, dass viele Schreibende einen Roman verfassen möchten.

Warum muss es denn immer gleich ein Roman sein?

Dagegen ist zunächst mal ja auch überhaupt nichts zu sagen. Eine eigenständige Veröffentlichung ist eine tolle Sache, die Spiegel-Bestsellerliste, der deutsche Literaturpreis oder eine lobende Erwähnung bei Denis Scheck: Ich will das alles auch, am liebsten sofort.

Mir geht es allerdings so, dass ich Texte mit einer Länge von zehn oder auch zwanzig Normseiten gerade mal bewältigen kann – also die Figuren zusammenhalten, die Geschichte vorwärts bringen und am Ende mit einem Knalleffekt und heiler Haut wieder aus der Nummer raus komme. Natürlich missgönne ich jedem seinen Erfolg und würde schon gern ein allgemeines Schreibverbot verhängen, damit die Nachfrage nach meinen Texten dramatisch ansteigt, doch auch bei mir ist es so, dass ich ganz hervorragende Anfänge für Geschichten in meinen digitalen Schubladen aufbewahre. Ein weißes Blatt kann Angst machen – aber ein guter Anfang ist auch nicht mehr als ein guter Anfang.

Schreiben ist vielleicht eine Kunst aber ganz sicher auch ein Handwerk, da sollten wir nicht gleich mit einem Meisterstück beginnen wollen.

Puh… jetzt ist es raus. Nun die frohe Botschaft: Es ist auch viel leichter, eine Kurzgeschichte in einer Anthologie zu veröffentlichen. Schaut euch im Netz um, es werden ständig Texte gesucht und nichts ist geiler, als sich das erste Mal gedruckt zu sehen (doch, da war noch …*)
*bitte selbst ergänzen

Testpersonen

Kommen Sie mal her. Ja, Sie. Hinter Ihnen ist keiner. Also da Sie nun schon mal hier sind… wie wäre es denn, mal hinter die Kulissen zu schauen? Wechseln Sie doch einfach mal die Seiten… halt, nicht umblättern, so war das nicht gemeint. Schauen Sie sich die Geschichte doch mal aus meiner Perspektive an.

So, jetzt ganz langsam. Erschrecken Sie nicht, für mich sieht das immer so aus. Dieses große Gesicht, das uns viel zu nah kommt – genau, dass sind Sie. Aus der Perspektive sehen Sie sonst nur Ihr Zahnarzt und – richtig! – Ihr Spiegel. Aber bei denen rollen Sie nicht immer so mit den Augen. Zeile für Zeile, von oben nach unten. Aber gut, ich hab mich dran gewöhnt, dass Sie mir bei der Arbeit zugucken, dafür macht man’s ja schließlich.

Nur etwas mehr Aufmerksamkeit dürfte es dann doch sein. Da hab ich an einer Formulierung herum gewerkelt, mir fast einen Mausarm geholt – und dann lesen Sie einfach so drüber weg. Wir sind hier ja leider nicht beim Zirkus, sonst käme erst der Tusch, dann spränge ich übers Stöckchen und Sie könnten begeistert klatschen. Gut, zugegeben, sähe blöd aus, so ganz für sich allein zu jubeln.

Wie wär’s denn, wenn grad mal keiner zuguckt?

Andrerseits, es wär schon ganz schön, wenn Sie mich nicht überall mit hin schleppen würden, nur um den roten Faden nicht zu verlieren. Manchmal stinkt mir das schon!

Und dann, ich reiß mir gerade ein Bein aus, vergieße literweise Tinte und Herzblut – und Sie? Sie gähnen mich an, Klappe zu. Haben Sie sich schon mal gefragt, was ich dann mit dem angebrochenen Abend mache? Es ist angerichtet, aber keiner kommt!

Entschuldigung. Ich wollte nicht jammern. Soll ich Ihnen vielleicht ein paar Tricks vorführen? Macht man doch gern mal am Tag der offenen Tür. Magie… sozusagen – denn was sonst ist Kreativität! Wir Autoren erzählender Texte verfügen über eine schier unbegrenzte Macht. Haben Sie auch schon mal davon geträumt, schöpferisch im eigentlichen Sinne des Wortes tätig zu werden? Na los, probieren wir es doch einfach einmal aus.

Noch ist da gar nichts. Nicht mal Dunkelheit. Nun denke ich mir eine Person und schon ist sie da. Steht vor uns und verlangt nach mehr. So ist das mit den eigenen Geschöpfen. Sie wissen nicht, ob sie Männlein oder Weiblein sind. Da es eine gewisse Tradition hat, zunächst ein männliches Wesen zu kreieren, verfüge ich also, dass mein Geschöpf ein Mann ist.

Lassen wir es zunächst dabei, keine Details, kein Name, keine unveränderlichen Kennzeichen. Sie wünschen einen Test: er soll das rechte Bein heben? Da – er hat sich bewegt, allerdings war es das linke Bein. Nein, doch nicht, da er sich uns zuwendet, befindet sich sein rechtes Bein natürlich links von uns. Hervorragend. Jetzt beide Hände hoch – klappt.

Er hat etwas Marionettenhaftes, finden Sie? Genau betrachtet ist er ja auch eine Marionette. Ich ziehe die Fäden und er muss gehorchen – zumindest solange, wie ich ihn nicht mit einem eigenen Willen ausstatte. Und das werde ich schön bleiben lassen, sonst beginnt er sogleich eine Diskussion über die Willensfreiheit und inwieweit sein freier Wille denn nichts anderes sei als mein Wille, von dem ich auch nicht zuverlässig sagen könne, ob es denn nun wirklich auch mein freier Wille sei und ob ich nicht vielleicht ähnlich wie er…

Sehen Sie, deshalb kriegt er keinen freien Willen. Andererseits ist es langweilig, ihn dort stehen zu lassen, wie eine Barbie-Puppe auf einem Podest, in langsamen Drehbewegungen jeweils auf Anweisung das ein oder andere Körperteil bewegend.

Nach guter alter Sitte stellen wir ihm eine Frau zur Seite und bevor ich den Satz auch nur zu Ende schreiben kann, ist sie auch schon da. Reflexartig dreht der Bursche sich zu ihr um und erstmals stellt sich die Frage, ob die beiden anständig bekleidet sind. Damit es nicht zu peinlichen Entgleisungen kommt, schließlich befinden sich eventuell Kinder unter den Lesern, sind sie, wie wir jetzt bemerken, unauffällig aber immerhin bekleidet. Noch haben wir keinen Laut vernommen, wiewohl das, da nun eine Frau anwesend ist, gewiss nicht mehr lange so bleiben wird. Okay, dieses Klischee musste ich einfach bedienen.

Er sieht sie an, na ja, er starrt sie an. Vielsagend offenbar, sie versteht ihn jedenfalls, haut ihm eine runter und verlässt die Szene durch eine Tür, von deren Existenz ich bis gerade auch nichts wusste. Das erste Geräusch dieser kleinen Welt ist also doch kein menschliches Wort, sondern das Knallen einer Tür, das, wie ich zugeben muss, etwas papieren klinkt.

Da steht er nun, reibt sich die Wange und blickt vorwurfsvoll – hoch? Wohin schaut man denn, wenn man sich an seinen Autor wenden will? Aber er meint ja nicht mich, er weiß nicht von mir. Es ist das Schicksal, mit dem er hadert, doch nicht lange. Ich hasse diese Situationen, mitten in einer Szene entwickeln meine Figuren eigene Pläne und Ambitionen. Schon strebt er der Tür zu und verlässt ebenfalls den Raum. Aus.

Doch so einfach kommt er mir doch nicht davon. Die Wand, die gerade noch wackelte, nachdem unsere Eva zur Tür hinaus gestürmt war, wird transparent und verschwindet schließlich ganz. Wir sehen ihn, wie er ihr nacheilt, sie einholt und… Er will sie doch nicht etwa schlagen? Seinen gekränkten Stolz rächen? Doch nein, er stellt sich ihr in den Weg und hält den Kopf schräg. Ah, ich verstehe, er bietet ihr die andere Wange und peng, damit hat er nicht gerechnet, fängt sich die zweite Ohrfeige. Selbst schuld, der Idiot.

Was macht sie denn? Geräusche! Sie lacht, erst leise, dann immer lauter. Er sieht ja auch zu blöd aus. Sie spricht mit ihm, hakt sich ein und geht einfach mit ihm los. Da, jetzt verschwinden sie um eine Ecke, sind endgültig aus meinem Einflussgebiet verschwunden.

Jetzt reicht es auch. Mir jedenfalls. Die Vorstellung ist vorbei. Und wenn Sie noch nicht genug haben: holen Sie sich doch einfach einen Stift. Platz ist noch da. Gleich hier:

Mein Schreibprozess

Diesmal möchte ich meine Schreiberfahrungen, die ich beim Verfassen von Kurzgeschichten gesammelt habe, thematisieren. Zunächst dient dieser Text der Reflexion, stellt also einen Versuch dar, über mein Schreiben nachzudenken. In diesem Sinne kann er natürlich auch Ausgangspunkt für andere Autorinnen und Autoren sein, ihre eigenen Erfahrungen damit abzugleichen und so zu einem besseren Verständnis des eigenen Schreibens zu gelangen. Perfekt wäre es, wenn diese Erkenntnisse wieder zu mir zurückgespiegelt würden, damit ich nicht nur von mir, sondern auch von anderen lernen kann.

Mein Schreibprozess – oder vielleicht genauer – mein kreativer Prozess lässt sich grob in zwei Phasen einteilen: die Vorbereitung und das Schreiben. Zur Vorbereitung gehört die Ideenfindung und – wenn erste Ideen da sind – das Spielen mit diesen Ideen. Manchmal habe ich sofort eine Idee, sammele dann ergänzende Stichwörter und skizziere einen ersten Handlungsentwurf, der meistens nicht bis zum Ende der Geschichte reicht. Dann ruht das Ganze wie ein Hefeteig, geht entweder auf oder eben nicht. In dieser Zeit arbeitet es in mir an dem Thema, auch wenn ich keinen Stift zur Hand nehme. Der intellektuelle Arbeitsauftrag ist erteilt und wird – sozusagen im Hintergrund und mit niedriger Priorität – abgearbeitet.

Immer wieder einmal setze sich mich an den Schreibtisch und versuche ein paar Zeilen zu schreiben. Das geht auch, aber ich merke schnell, ob ich schon so weit bin. Manchmal taucht in dieser Zeit ein ganz neuer Ansatz auf, einer, der mich direkt anspricht. Das ist es, das muss jetzt gemacht werden. Dazu kommt dann ganz schnell auch eine Idee für den Schluss der Geschichte. Meine ersten Überlegungen habe ich inzwischen notiert und abgespeichert, ich lese sie nochmal durch, schaue, ob sie für die neue Idee etwas hergeben und schlachte sie aus wie einen schrottreifen PKW.
Zur neuen Ideen gibt es jetzt ein paar Zeilen, ein paar Anhaltspunkte, vielleicht sogar Dialogfetzen oder eine Vorstellung von den Personen, die diese Geschichte erleben.

Damit beginnt die zweite Phase: Ich fange an, den Text zu verfassen. Das geschieht fast immer am PC, während die erste Phase häufig auf Papier und Stift vertraut. Der große Vorteil der Kurzgeschichte besteht für mich darin, dass ich diesen Text „in einem Rutsch“ verfassen kann, ich muss nicht unterbrechen. Einerseits habe ich so alle Elemente der Geschichte im Blick und andererseits ist der Text aus einem Guss, es gibt in der Regel keine großen Brüche im Ton und in der Grundstimmung der Geschichte.

Faszinierend an dieser Arbeit ist es, dass die Geschichte sich jetzt scheinbar von selbst erzählt, es kommen Einzelheiten hinzu, Bilder, Gedanken, die in der ersten Phase überhaupt nicht da waren. Manchmal kann das auch in die Irre führen, weil ich Wegen folge, die nicht durchdacht waren und sich dann als Sackgasse herausstellen – oder für die sich erst nach einem längeren Spaziergang eine Lösung findet. Nicht selten wächst während des Schreibens auch eine neue Idee für den Schluss der Geschichte heran, eine, die mich selbst überrascht. Ich setze einen Punkt und die Geschichte ist fertig. Oder auch nicht. Meistens nicht.

Schreibwerkstatt

Wer braucht schon eine Schreibwerkstatt? Im deutschsprachigen Raum kann man schließlich in Hildesheim, Leipzig, Wien und Bern kreatives Schreiben studieren! Zudem gibt es diverse Fernkurse. Und da bietet doch einfach die Volkshochschule in Warendorf, selbstverständlich nicht nur, aber eben auch hier, eine Schreibwerkstatt an. Kein Mensch liest noch, aber alle wollen schreiben. Schreiben ist etwas sehr individuelles, das man nicht in Gruppen erledigen kann, außerdem ist es ein Talent, das man hat, man lernt das nicht in einer Schreibwerkstatt… Moment, mir fallen bestimmt noch mehr Vorurteile ein.

Meine Erfahrungen sehen so aus: In Warendorf – und wohl auch in anderen Städten – sind es mehrheitlich Frauen, die das Schreiben für sich entdeckt haben. Jugendliche sind seltener dabei. Viele Teilnehmer engagieren sich für mehrere Semester. Im Vordergrund stehen eigene Texte, die bei kleinen Übungen während des Kurses oder als „Hausaufgabe“ anhand eines vorgegebenen Themas geschrieben werden. Reinhild Essing, die Gründerin und Leiterin der Schreibwerkstatt „Seitenweise“ in Warendorf, streut das notwendige Fachwissen ein, das meistens unmittelbar an eigenen Texten ausprobiert wird.

Wer bisher nur für die Schublade oder das Internet geschrieben hat, kann die Wirkung seiner Texte an lebenden Menschen ausprobieren. Tierversuche sind in diesem Fall völlig unergiebig. In der Gruppe werden Texte vorgelesen, besprochen und ja, auch kritisiert. Ein wenig Kritikfähigkeit kann nicht schaden, aber wer seine Texte bei einer Lesung einem größeren Publikum – und seien es nur fünf Zuhörer – vortragen möchte, tut gut daran, vorher die sachliche und vorsichtige Kritik der Gruppe gehört zu haben. Dazu habe ich den kleinen Text „Wortmeldung“ geschrieben.

Meine Texte haben sich durch die Schreibwerkstatt verändert, weil ich mehr über das Schreiben, auch mehr über mein eigenes Schreiben weiß. Ganz wichtig sind mir auch die „Hausaufgaben“, die immer wieder Anreize gegeben, immer terminiert sind – ich gehöre zu den Menschen, denen dieser Druck guttut.
Aus meiner Anfangszeit in der Schreibwerkstatt stammt ein Text, der unter http://rainer-strobelt-literatur.de/manfred-voita/ nachzulesen ist.

Anmerkung: Dort steht er noch immer, ich habe diesen Text inzwischen aber auch unter Kurzgeschichten hier im Blog eingebunden.