So geht es jedenfalls nicht weiter

So geht es jedenfalls nicht weiter

Es hat einige Zeit gedauert, bis ich soweit war, aber jetzt kann ich meine Erkenntnisse der Öffentlichkeit präsentieren und damit einen Vorschlag unterbreiten, auf den die Welt gewartet hat. Okay, sie wartet nicht ausdrücklich darauf, dass da was von mir kommt, sitzt also nicht, vertreten durch den UN-Generalsekretär bei mir im Wartezimmer, was auch besser ist, weil ich sowas nicht habe, trommelt mit den Fingern ungeduldig auf der BRAVO-Ausgabe aus dem Januar 2019 herum und reaktiviert die Coronaviren eines ganzen Pandemiedurchlaufs. Nein, so nicht, aber die Welt harrt auf Lösungen und ich kann sie bieten.

Das mag etwas unbescheiden klingen, aber wenn man auf den Friedensnobelpreis abzielt, also eigentlich auf alle ab 2023, dann sollte die Klingel auf die man drückt, schon bis Stockholm zu hören sein. Besser sogar noch bis Oslo. Von nichts kommt nichts und die Sonne bringt es an den Tag, das sollte ich vielleicht vorwegschicken.

Intensive Studien waren nötig. Natürlich waren sie das, wann wären sie einmal nicht nötig gewesen? Die meisten davon in tiefer nächtlicher Einsamkeit, mit einem Kopfhörer abgeschirmt  gegen die Ablenkungen des Tages und  die klagenden Rufe meiner Frau. Gern möchte ich die Details übergehen, aber im Sinne der Intersubjektivität und des freien Zugangs zu meinen Erkenntnissen werde ich meine Quellen offenlegen, also eigentlich eine: Netflix.

Ich verstehe, akzeptiere mögliche Bedenken aber nicht. Die Tatsache, dass etwas geschaffen wurde, um uns zu unterhalten, um uns preiswert abzulenken, lässt ja nicht den Umkehrschluss zu, dass da nicht mehr ist als Unterhaltung und Ablenkung. Ihre Bratpfanne ist vermutlich mit Teflon beschichtet, aber weil sie das ist, verliert Teflon doch nicht seine überragenden Fähigkeiten. Nein, es wurde nicht, wie immer wieder einmal behauptet, im Zusammenhang mit der amerikanischen Raumfahrt entwickelt, Außerirdische haben ganz andere Dinge auf der Pfanne! Teflon diente dem Korrosionsschutz beim Manhattan-Projekt! Was Woody Allen damit zu tun hat? Mal abgesehen davon, dass dieser Film erst 1979 veröffentlich wurde und alte weiße Männern mit Korrosionsschutz wenig gedient ist? Obwohl, wie wir wissen, rostet, wer rastet und Woody Allen legt eine gewisse künstlerische Rostlosigkeit an den Tag. Mit geht es aber nicht um Rostlosigkeit, sondern um die universelle Trostlosigkeit.

Nach dem Studium diverser Serien und einiger Spielfilme, ein Wort, bei dem ich sofort an Heinz Rühmann denken muss, was uns aber nicht wirklich weiterbringt, habe ich das Prinzip verstanden, dass der Lösung all der irdischen und galaktischen Probleme zugrunde liegt. Superkräfte, Magie, Götter und Gewalt. Neben diesen Basiselementen gibt es natürlich noch weitere Zutaten wie außerirdische oder künstliche Intelligenz oder entschiedene Sturheit. Ich muss zugeben, dass es, wenn es um fortgeschrittene Lösungsansätze geht, der nordamerikanische Raum dominiert, Superhelden scheinen keine Anknüpfungspunkte in der europäischen Tradition zu finden, weder in der Aufklärung noch bei den feudalen Gesellschaftsstrukturen der Vormoderne.

Äh… ja. Europa steht für rohe Gewalt, für schwertschwingende Rächer und Totschläger und willst du nicht mein Bruder sein, dann kommt Karl der Große und veranlasst einen tiefgreifenden Umbau des widerspenstigen Körpers der ungläubigen Seele. Götter, Halbgötter und Helden agieren gern vor dramatischen Landschaften, die Kontaktaufnahme im Teuto, der münsterländischen Parklandschaft oder der Soester Börde scheint daher wenig erfolgversprechend.

Superhelden hingegen sind eher großstadtorientiert und scheinen auf eine Art und Weise miteinander verwandt, die ich noch nicht ganz durchdrungen habe. Während Superhelden meist damit zufrieden sind, ihre immensen Kräfte zum Wohle der Menschheit oder Gotham Citys eingesetzt zu haben, verlangt es Götter und Helden nach Opfern oder Belohnungen, von daher sind Superhelden vorzuziehen.

Hinzu kommt, dass das Studium diverser Serien Belege dafür erbrachte, dass Superhelden auch bei ökologischen Katastrophen erfolgreich tätig wurden, während Wikinger oder andere Krieger eher Tendenzen zur Umverteilung oder der Regelung von Erbfolgestreitigkeiten zeigen. Es sollte also keine größeren Schwierigkeiten bereiten, eine Datenbank der potenziellen Problemlöser aufzubauen, in der die jeweiligen Fähigkeiten und die Erfolgsnachweise erfasst werden, so dass im konkreten Notfall rasch auf geeignetes Personal zurückgegriffen werden kann.

Abschließend möchte ich mich noch kurz dagegen verwahren, mich für völlig bescheuert zu halten, weil ich – ich weiß, so wird der Vorwurf lauten – blind darauf vertraue, dass grob entworfene Kunstfiguren, die namenlose Drehbuchautoren in abstruse Abenteuer schicken, tatsächlich einen Beitrag zur Lösung globaler Konflikte leisten können. Dem halte ich entgegen, dass die dramatischen Krisen, denen die Menschheit gegenübersteht, doch ebenfalls nur im Fernsehen stattfinden – okay, im vergangenen Sommer musste ich tatsächlich die Beete etwas mehr wässern und gerade jetzt, Anfang Januar, drehe ich die Heizung ein wenig herunter – und wem, wenn nicht Fernsehhelden, sollten wir denn sonst vertrauen, wenn es darum geht, uns mal wieder zu retten?

Bild: Manu sejas, CC BY-SA 4.0 https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0, via Wikimedia Commons

Eines Morgens im Deutsch-LK

Eines Morgens im Deutsch-LK

„Okay, Annette, jetzt du.“
„Ich hab ein…“
„Etwas lauter bitte. Nein, nicht ihr. Annette, nicht ganz so leise, ja!“
„Ein Gedicht, ich habe ein Gedicht geschrieben.“
„Klar, typisch so ein Mädchending. Love, love, love und Sonnenuntergang in Pink und…“
„Danke Ben. Offenbar kennst du den Text ja schon. Kleine Kooperation zwischen euch?“
„Ich? Mit der? Niemals!“
„Dann warten wir doch einfach mal ab und geben Annette anschließend ein konstruktives Feedback, okay?“

„Darf ich bitte raus? Ich hab ein Attest. Lyrik verklebt nämlich meine Synapsen.“
„Na klar, Ole. Nimm dann bitte das Arbeitsblatt zur Wahrscheinlichkeitsrechnung mit. Das trainiert deine Synapsen.“
„Das verstößt aber so was von gegen die Menschenrechte.“
„Es gibt kein Menschenrecht auf Unfug.“

„Der Knabe…“
„Was? Annette, das ist Ole. Nicht der Knabe.“
„So heißt mein Gedicht.“
„Der Knabe?“
„Nein. Der Knabe im Moor.“
„In welchem Moor? Venner Moor?“
„Im Moor. Einem Moor oder dem Moor, wie Sie wollen. Wenn es Ihrer Phantasie hilft, es zu lokalisieren, dann gern auch das Venner Moor. Aber etwas mooriger. Kann ich jetzt?“
„Nicht so zickig, Annette. So ein „von“ im Namen ist kein Freibrief für Schroffheit.“
„Entschuldigung. Kann ich jetzt?“
„Dann mal los. Und Ruhe bitte.“

Der Knabe im Moor

O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
Wenn es wimmelt vom Heiderauche,
Sich wie Phantome die Dünste drehn
Und die Ranke häkelt am Strauche,
Unter jedem Tritte ein Quellchen springt,
Wenn aus der Spalte es zischt und singt! –
O schaurig ist’s übers Moor zu gehn,
Wenn das Röhricht knistert im Hauche!

„Das war schön, Annette. Also mein erster Eindruck. Das Reimschema..“
„Ich bin noch nicht fertig. Darf ich weitermachen?“
„Bitte.“

Fest hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt, als ob man es jage;
Hohl über die Fläche sauset der Wind –
Was raschelt drüben am Hage?“

„Das ist der Erlkönig, der da raschelt.“
„Ben, das ist jetzt nicht nett, obwohl ich die Assoziation auch hatte. Annette, ist dir die Ähnlichkeit nicht aufgefallen?“

„Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,
Was Erlkönig mir leise verspricht? –
Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;
In dürren Blättern säuselt der Wind.“

„Klar, das ist auch eine Ballade. Bei Goethe säuselt und bei mir sauset der Wind. Falls das reicht, bekenne ich mich des Plagiats schuldig. Aber vielleicht darf ich erstmal fertig lesen?“
„Na, ich hoffe mal, dass das jetzt nicht ein Erlkönig 2.0 wird!“
„We want Moor!“
„Ist ja gut, Ben. Hast du einen Farbwunsch für den Eintrag ins Klassenbuch?“
„Also. Kann ich?“

Fest hält die Fibel das zitternde Kind
Und rennt, als ob man es jage;
Hohl über die Fläche sauset der Wind –
Was raschelt drüben am Hage?“
Das ist der gespenstische Gräberknecht,
Der dem Meister die besten Torfe verzecht;
Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind!
Hinducket das Knäblein zage.

„Wird das noch heftiger, so ein Horror-Ding? Das ist ganz schön harter Stoff. Ich weiß nicht, ob wir da nicht Ärger mit der Klassenpflegschaft bekommen. Na, lies mal weiter. Wir müssen ja langsam fertig werden.“

Vom Ufer starret Gestumpf hervor,
Unheimlich nicket die Föhre,
Der Knabe rennt, gespannt das Ohr,
Durch Riesenhalme wie Speere;
Und wie es rieselt und knittert darin!
Das ist die unselige Spinnerin,
Das ist die gebannte Spinnenlenor’,
Die den Haspel dreht im Geröhre!

„Starke Bilder und diese Sprache… Dylan Thomas trifft Edgar Allan Poe. Ja, Ole?“
„Spinnen-Lenor? Ist das Product-Placement? Waschmittelwerbung? Kriegen wir gleich noch  Hummel-Persil? Und den Haspel im Geröhre, den würde ich auch gern mal drehen, wenn sich’s machen ließe.“
„Darüber müsst ihr gar nicht albern kichern. Das war ziemlich billig. Annette?“

Voran, voran! Nur immer im Lauf,
Voran, als woll es ihn holen!
Vor seinem Fuße brodelt es auf,
Es pfeift ihm unter den Sohlen,
Wie eine gespenstige Melodei;
Das ist der Geigemann ungetreu,
Das ist der diebische Fiedler Knauf,
Der den Hochzeitheller gestohlen!

„Zombies! Das ist ne echte Zoombienummer von unserem Annettchen, hätte ich ihr überhaupt nicht zugetraut mit ihren Spitzenkragen und Perlenketten. Der diebische Fiedler Knauf… Fiedler Knauf… das war bestimmt ein Hipster.“
„Alle noch wohlauf? Wird das auch nicht zu viel für euch? Falls jemand das nicht mag, ich zwinge hier keinen, sich Gruselgeschichten anzuhören und anschließend eine posttraumatische Belastungsstörung zu entwickeln.“
„Annette, ab jetzt aber nur noch unter Vorbehalt. Ich hoffe, du kennst die Grenzen dessen, was während des Unterrichts geht.“

Da birst das Moor, ein Seufzer geht
Hervor aus der klaffenden Höhle;
Weh, weh, da ruft die verdammte Margret:
„Ho, ho, meine arme Seele!“

„Wer ist denn jetzt wieder diese Margret? Mir schwirrt schon der Kopf. Alles Moorleichen und Gespenster?“

Der Knabe springt wie ein wundes Reh;
Wär nicht Schutzengel in seiner Näh,
Seine bleichenden Knöchelchen fände spät
Ein Gräber im Moorgeschwele.

„Bleichende Knöchelchen? Was stimmt denn nicht mit deiner Fantasie? Das ist morbide! Und Moorgeschwele – darunter kann mich mir beim besten Willen nichts vorstellen.“

Da mählich gründet der Boden sich,
Und drüben, neben der Weide,
Die Lampe flimmert so heimatlich,
Der Knabe steht an der Scheide.
Tief atmet er auf, zum Moor zurück
Noch immer wirft er den scheuen Blick:
Ja, im Geröhre war’s fürchterlich,
O schaurig war’s in der Heide.

„Aus? Du bist durch mit deinem Text? Okay, danke Annette. Ihr dürft auch mal klopfen. Das war ja schon eine Leistung, ein starkes Stück, hätte ich fast gesagt. Nein, Ben, kein Stück Torf. Schaurig, sicher, schauderhaft nicht. Natürlich bist du keine Goethin. Aber nett, dass du den Knaben überleben lässt, sonst hätte der Direx sicher deine Eltern einbestellt und Pfarrer Große Wegkamp einen Exorzismus durchgeführt.

Jetzt ist auch gleich Pause, aber wenn du noch schnell meine Meinung hören willst: Der Knabe im Sumpf… entschuldige, im Moor, der hat schon was. Das ist alles sehr anschaulich, man kriegt beim Zuhören richtig nasse Füße und macht sich Sorgen um den Jungen, gerade weil wir ja wissen, wie es beim Erlkönig ausgegangen ist. Ich würde es nicht gleich beim Literarischen Quartett versuchen, aber für die Schülerzeitschrift reicht es. Voll umfänglich. So, und ihr, raus jetzt, Pause. Voran, voran! Nur immer im Lauf, wie Annette es sagen würde.“

Die Ballade Der Knabe im Moor von Annette von Droste-Hülshoff ist zuerst am 16. Februar 1842 erschienen. Annette soll neben einem scharfen Verstand und einem außergewöhnlichen literarischen Talent auch Humor besessen haben.

Ein unpassendes Gedicht

Ein unpassendes Gedicht

Entlang des Nordhorn-Almelo-Kanals radelt es sich gut in Richtung Denekamp. Denekamp liegt in Twente und Twente ist ein Teil der Provinz Overijssel. Tukker nennen sich die Menschen, die in Twente leben. Eine Erklärung für diesen Ausdruck bezieht sich auf die Hosentaschen, die im Platt, das man in Twente spricht, Tuk heißen. Beide Hände in den Hosentaschen, etwas rustikal, bäuerlich, so sei der Tukker. Vermutlich gibt es noch reichlich andere Erklärungen. Na gut, Regionen basteln sich ihr Selbstbild. Übrigens kenne ich die Bezeichnung schon etwas länger, aber wie das so ist, wenn man etwas dazu erzählen will, schaut man mal nach.

Der Nordhorn-Almelo-Kanal ist nur einer der Kanäle in der Gegend und es fährt sich wunderschön unter den herbstbunten Bäumen und über das großzügig verteilte Laub auf den mal schmalen, mal breiteren aber immer gut ausgeschilderten Radwegen. In den Niederlanden, aber auch in der Grafschaft, ist das Knoppunten-System verbreitet, eine simple Methode, die eigene Tour zu planen und die Wege auch zu finden. Ab Denekamp kennen wir den Weg nicht mehr und sind augenblicklich überrascht, wie schön es weitergeht. Bald gelangen wir an eine Brücke, der meine Frau nicht traut, was natürlich nicht heißt, dass sie nicht auf die andere Seite will, sondern dass ich vorgehen soll. Ich bin zwar nicht mutig, habe aber keine Wahl. Die Brücke hält wider Erwarten.

Wie schön und fremd eine Gegend doch sein kann, wenn man abseits der Hauptstraßen unterwegs ist. Ich denke an ein Gedicht von Hendrik Marsman. Es heißt „Herinnering aan Holland“ und eigentlich denke ich auch nur an die erste Strophe.

Denkend aan Holland

zie ik breede rivieren

traag door oneindig

laagland gaan,

Übersetzt könnte es etwas so heißen:

Denke ich an Holland,

sehe ich breite Flüsse

träge durch endloses

Tiefland strömen

Okay, das passt überhaupt nicht zur Landschaft, zu dem eher lieblichen Kanal, den schmalen Wegen, den schmucken Bauernhäusern, aber was kann ich denn dafür, das mir gerade dieses Gedicht einfällt? Der Hälfte der Niederländer fällt es auch ständig ein, zumindest die ersten zwei Zeilen und Marsman war am Mittelmeer, als er in den frühen dreißiger Jahren das Gedicht schrieb. Es ist also überall und jederzeit erlaubt, völlig unpassende Gedichte zu erwähnen. Regelmäßig denke ich an dieses Gedicht, wenn wir bei Deventer über die Ijssel fahren. Und während ich sowas vor mich hin denke, sind wir auch schon beim Landgoed Singraven und das wollen wir uns gern zeigen lassen.

Unsichtbar

Unsichtbar

Selbstporträt Jean Siméon Chardin, Public domain, via Wikimedia Commons

Für einen Text, der ohne Brille geschrieben wurde, ist das noch ganz okay, denke ich, während ich das gerade schreibe, dabei habe ich meine Brille doch auf und es gibt Leute, die schreiben ihre Texte immer ohne Brille, aber die brauchen auch keine oder sie nehmen sie extra ab zum Schreiben, wie mein ehemaliger Chef, ich wollte gerade schreiben: mein alter Chef, aber es hätte eh beides gestimmt, denn er war mein ehemaliger Chef und er war ein wirklich alter Chef, also gut Mitte achtzig, also wenn das nicht alt ist, jedenfalls nahm er zum Lesen immer die Brille ab und beugte sich gefährlich weit vornüber, bis seine Nasenspitze fast das Papier berührte und wir dachten manches Mal, wenn wir ihn so sitzen sahen, dass er nun so gestorben wäre, wie er sich das immer gewünscht hatte, nämlich in der Schule, also im Klassenraum seiner eigenen Schule, eines privaten Bildungsträgers und ich brauchte schon damals eine Brille, um lesen oder schreiben zu können, aber nicht, um ihn an seinem Tisch zu sehen, wie er da saß und las, der kleine Mann in dem immer zu großen Anzug, obwohl, vielleicht hatte der mal gut gepasst und mein alter Chef war bloß immer kleiner und schmaler geworden, bis er dann eines Tages ganz verschwunden war, aber das passierte dann doch nicht so, wie er sich das gedacht hatte, sondern kurz nachdem die letzte Gruppe, die wir unterrichteten, ihren letzten Unterrichtstag hinter sich gebracht und ich die Schule abgeschlossen und den Schlüssel weggeworfen… nein, das stimmt nicht, ich habe ihn in den Briefkasten gesteckt, jedenfalls war mein Exchef da schon im Krankenhaus und hatte eine böse Diagnose erhalten, eine, gegen die es keinen Einspruch mehr gab und ich habe ihn noch im Hospiz besucht, wo er klein und verloren da lag und doch immer noch darauf wartete, dass Fragen an ihn gestellt würden, die er beantworten wollte, so wie er es so lange getan hatte und ich weiß nicht, ob ihm noch eine Frage gestellt wurde und ob er sie beantworten konnte, aber ich war dann auch dabei, als er beerdigt wurde, er war übrigens mein erster Chef, an dessen Grab ich gestanden habe, das bedeutet sicher etwas, möglicherweise, dass er eben mehr als nur ein Chef war, sondern so ein Patriarch, wie es sie nicht mehr so oft gibt und wie wir sie eigentlich auch nicht mehr wollen, aber wenn so einer alt wird und mit einem nachsichtigen Blick auf die Welt schaut und weiß, dass alles immer irgendwie funktionieren wird und keiner ihm glaubt, weil wir alle wussten, dass es so nicht klappen könnte und wir deshalb alles möglich angestellt haben, um es doch zum Laufen zu bringen und es dann schließlich doch geklappt hatte, dann hatte er ja doch wieder recht gehabt und drückte uns ein paar Euro für ein Eis in die Hand oder für Zigaretten und seine Frau spottete mal über mich, weil ich mich auf den Beifahrersitz gesetzt hatte, als er irgendwo hin musste und ich dabei sein sollte und sie dann meinte, dass sie schon lange nicht mehr mit ihm gefahren wäre, weil er so schlecht sah, aber dann hat er sich die Augen lasern lassen oder was man mit Augen so tut und er sah wieder wie ein Adler und meinte, er würde auch wieder Auto fahren wollen, aber damit hat er dann doch nicht wieder angefangen, was mich an einen anderen alten Herren erinnert, der, auch schon hoch betagt, mit seinem Auto in der Ausfahrt seines Grundstücks darauf wartete, dass sich eine Lücke im Verkehr auf der Straße vor dem Haus auftun würde und irgendwann die Geduld verlor und einfach losfuhr und das ging immer gut, aber irgendwann verkündete er zur Freude seiner Angehörigen, dass er das Auto verkaufen wollte und wie sie ihm alle zu diesem weisen Beschluss gratulierten, erzählte er ihnen, dass er nun ein Motorrad kaufen wolle, aber das war zum Glück nur ein Scherz, aber vielleicht hat er auch nur so lange in der Ausfahrt gestanden und immer wieder ein wenig Gas gegeben, weil er nicht mehr so gut sehen konnte und das ist ja auch mein Problem, nicht gerade jetzt, bei diesem Text, den schreibe ich mit meiner Lesebrille, aber ansonsten fast ununterbrochen, weil ich nämlich gestern meine Brille verloren habe und ich weiß nicht, wo das passiert ist, okay, das ist wohl die Regel beim Verlieren, sonst ist das Finden ja auch zu einfach, aber wir haben schon überall gesucht, was natürlich nicht stimmt, weil überall, das kann ja keiner schaffen, da wäre eine neue Brille ja viel schneller fertig, aber die Erfahrung lehrt uns ja, dass wir da suchen müssen, wo wir etwas nicht vermuten, aber das leuchtet mir auch nicht ein, denn wenn ich jetzt nach China fahre, denn da vermute ich meine Brille nun wirklich nicht, dann wird sie dort auch nicht sein, während sie bestimmt irgendwo ist, wo ich sie vermute, nur, dass sie sich böswillig vor mir versteckt hält, falls Brillen das können, nein, eigentlich glaube ich das nicht, aber wenn ich nicht gut aufpasse, dann denke ich es doch gleich wieder, dass sie irgendwo liegt und sich absichtlich so gedreht hat, dass sie kein Sonnenstrahl aufblitzen lässt, obwohl, es ist meine Brille, die blitzt nicht so leicht, jedenfalls, wenn man katholisch wäre, könnte man einen zuständigen Heiligen anrufen, Antonius ist das glaube ich, was man hier im Münsterland gern mal zu Tönnes macht und wir haben sogar einen Ort, der Tönneshäuschen heißt, also eigentlich Isendorf, aber nur wegen der Kapelle des heiligen Antonius seinen Namen bekam, eine Skulptur von ihm, nee, mit ihm gibt es dort auch, vielleicht sollte ich ihn doch mal anrufen, oder checken die vorher in einer Art Kartei die Vereinszugehörigkeit und man bekommt einen Ablehnungsbescheid wegen fehlender Zuständigkeit und muss dann den evangelischen Landesbischof anrufen und der steht vermutlich im Telefonbuch und sagt in salbungsvollem Ton, dass ich besser auf meine Plörren aufpassen und dafür nicht Erde und Himmel in Bewegung setzen solle, aber das brächte ja auch nichts, während der Antonius, falls er es denn war, in Brasilien, wenn er trotz Anrufung nicht dafür gesorgt hat, dass, was verloren war, sich wiedereinfindet, in den Kühlschrank kommt und das ist nicht nett gemeint, obwohl es in Brasilien ja schon mal sehr heiß werden kann, aber wenn man nicht dran glaubt, dann wäre es irgendwie unfair, einen Antonius in den Kühlschrank zu stecken, obwohl ich vermutlich den Antonius, wenn ich denn einen besessen hätte, inzwischen auch verbummelt hätte und dann einen neuen bräuchte und so ginge es dann weiter, bis ich einen Devotionalienhandel aufmachen könnte, der aber schnell insolvent wäre, weil ich ja nicht richtig sehen könnte, was die Sachen kosten und ob die verehrte Kundschaft auch ehrlich bezahlt, da ist es so schon besser, obwohl, gut ist es ohne Brille auch nicht.

Extreme Ungleichverteilung

Extreme Ungleichverteilung

„Extreme Ungleichverteilung“ lese ich heute im Spiegel. Online, in die Papierausgabe schaue ich bestenfalls mal beim Arzt rein, wenn die Brigitte und die Petra gerade nicht verfügbar sind und es auch schon Vormerkungen für die Apothekenrundschau gibt. Wenn man keine Magazine kauft oder im Abo hat, muss man seine Ärzte ja danach aussuchen, wo die Wartezeiten am längsten sind, aber das klappt halt nicht immer.

Die Bundestagswahlen nähern sich, wenn das mal kein Thema ist. Die Linke hat gerade ihr Programm beschlossen, die CDU/CSU festgestellt, dass die Grünen viele Ideen, aber keine Erfahrung hätten (während es bei den Unionsschwestern vermutlich umgekehrt ist, weiß nicht, ob die Umkehr der Aussage von den Programmmachern mitgedacht worden ist, wenn ja, Respekt für die subversiven Textproduzenten).

Extreme Ungleichverteilung und das bei uns. Ich meine, nicht die Tatsache der extremen Ungleichverteilung, die ist schon klar, nur: Darüber muss man doch nicht extra reden. Das weiß doch jeder. Bei Einkommen, Vermögen, Chancen, Lebenserwartung und BMI. Darüber regt sich doch keiner auf, das ist doch gottgegeben, zumindest aber von Smith, nein, nicht von Sam, schon von Adam, Ludwig Erhard, Christian Lindner und der versammelten deutschen  Wirtschaftswissenschaft als Grundvoraussetzung für den Wohlstand aller, zumindest aber weniger erkannt worden. Selig sind, die da geistig arm sind, denn ihrer das Himmelreich. Sonst aber auch nichts.

Erwähnt bitte diese extreme Ungleichverteilung nicht öffentlich, die macht die Leute so, nein, rebellisch ist das falsche Wort. Nein, auch nicht neidisch. Passiv, genau, gelangweilt und passiv, denn wer will schon immer wieder gesagt bekommen, was er ohnehin schon weiß. Die Erde ist rund, über die Zukunft des Klimas beschließt ein FDP-Parteitag, extreme Ungleichverteilung ist unabdingbar, damit die Leistungsträger nicht auswandern und uns mit der ganzen Arbeit allein lassen.

Warum also diese Meldung? Und dann lese ich weiter: „Millionen-Stichprobe zeigt extreme Ungleichverteilung bei EM-Stickern“ Hölle. Es geht um Panini-Bildchen. Vermutlich hat man ein Team um Christian Drosten und diesen Lauterbach darauf angesetzt, scheiß auf Corona, um diesen Skandal aufzudecken. Fußballbilder! Es gibt nicht annähernd gleich viele Bilder von Christiano Ronaldo wie von Damjan Siskovski.

Nehme ich an. Ich habe vor lauter Empörung nicht weiterlesen können. Gleich ziehe ich los, um den nächsten Paniniladen zu zerlegen. Panini, sind das nicht diese italienischen belegten Brötchen? Mit Salami, Mozarella und Ronaldo? Und spielen die eigentlich alle drei für Italien?

In aller Eile

In aller Eile

Ich ertappe mich dabei, dass ich nicht das Buch lese, das ich schon vor mir auf den Tisch gelegt habe, sondern mal wieder das Smartphone in der Hand halte und die Kritik einer Talkshow durchgehe.

Bei der Gelegenheit: Zählt das als körperliche Betätigung, praktisch als Sport, wenn man Texte nicht liest sondern durchgeht? Na, vermutlich nicht, meiner für meine Fitness zuständigen App war das jedenfalls völlig egal. Ich werde sie deinstallieren, denn seit sie mir täglich vor Augen führt, dass ich meine Ziele mal wieder nicht erreicht habe, fühle ich mich viel weniger fit als damals, als ich mir noch einreden konnte, doch eigentlich recht viel zu Fuß oder auf dem Fahrrad unterwegs zu sein. Gut, dass das Ding keine Zugriff auf andere Dienste hat, sonst hätte es vielleicht schon den Notdienst oder gar den Bestatter angefordert.

Aber ich habe einfach keine Zeit für Bewegung. Ich muss ja diesen Artikel lesen, also ich muss nicht, aber ich tue es ja, obwohl ich eigentlich nicht mal die Talkshow sehen wollte. Ich bin da nur reingeraten und irgendwie hängengeblieben. Und jetzt schreibe ich auch noch über eine Talkshow, die ich nicht sehen wollte und den Bericht in der Online-Ausgabe irgendeines Magazins,, den ich eigentlich auch nicht lesen will, für das ich keine fünf Pfennig – sagt man das noch oder heißt das jetzt keine fünf Cent – ausgeben würde, gäbe es eine Bezahlschranke. Gäbe es allerdings für diesen Artikel eine Bezahlschranke, dann würde ich vermutlich ziemlich lange rumrecherchieren, ob ich nicht irgendwo kostenlos an diese Information kommen könnte, die mich doch keinen Deut interessiert.

Prokrastination heißt das wohl und ja, selbst das Buch, das ungelesen auf dem Tisch liegen blieb, wäre nur eine weitere Ausflucht gewesen, denn ich weiß ja, was ich zu tun habe und dass die Zeit schon knapp wird. Ich spüre gerade mal in mich hinein, ob sie schon knapp genug ist, ob ich schon diesen Druck spüre, dieses Zittern, dass es diesmal wirklich nicht reichen wird, bestimmt nicht und ich nicht mal eine Ausrede habe, wenn es denn keine sein sollte, dass ich keinen hinreichenden Druck verspürt habe.

Und ja, ich glaube, es wird knapp, vielleicht sogar zu knapp, weil dieser Text ja auch noch hochgeladen werden muss, ein Bild muss gefunden werden, eine Überschrift, ein paar Schlagwörter und wenn ich gerade dabei bin, dann tauchen da im Reader ein paar Texte auf, die ich ganz schnell, nur mit einem Auge, auch nur mit dem linken, aber doch noch lesen muss. Jetzt aber schnell, die Zeit reicht nicht mehr, um noch nach groben Fehlern und dem besseren, weil treffenderen Wort zu suchen.

Wie komme ich hier jetzt raus? Egal. Aus.

Augen auf und durch

Adolfo Hohenstein (1854–1928), Public domain, via Wikimedia Commons

Sag ich’s oder sag ich’s nicht? Aber vermutlich sind die Würfel ja längst gefallen, alle Entscheidungen ohne das Zutun meines Bewusstseins getroffen und ich – also der, der nach außen verantwortlich ist für all das, was hier verzapft wird – stehe oder besser sitze nun da und muss damit fertig werden.  John-Dylan Haynes, Hirnforscher an der Charité, ja, es gibt dort nicht nur Virologen und Leute, die Nawalny behandeln, hat sich – und das wollte ich nun wirklich nicht hier ausbreiten, oder vielleicht ja doch, vielleicht ist es das, was Haynes meinte bzw. erforscht hat – also ich fange besser einen neuen Satz an.

Haynes hat sich mit der Frage des freien Willens beschäftigt, die mir im ersten Satz dieses Textes in die Quere kam. Dabei geht es nicht um so etwas wie Gedankenfreiheit, die man von einem rabiaten Despoten oder einem weisen Herrscher einfordern könnte, sondern darum, ob der Mensch tut, was er will oder ob dieser sein Wille schon vorbestimmt ist. Nicht im großen Buch des Schicksals, in dem alles, was mir widerfahren wird, schon geschrieben steht und das ich gern mal lesen möchte, oder nein, doch nicht, sondern ob das Gehirn Entscheidungen trifft, die dem Bewusstsein dann als seine eigenen Ideen verkauft werden, so wie man das mit einem Vorgesetzten auch macht, wenn man erfolgreich sein will.

Es gab dazu schon Tests, bei denen die Teilnehmer zu einem beliebigen, von ihnen frei zu wählenden Zeitpunkt den Arm heben sollten. Schaut man sich die Abläufe in ihrem Gehirn an, kann gezeigt werden, dass dort schon vor der Bewegung die Entscheidung fällt. Da gibt jemand den Startschuss Weiterlesen

Ein Gutschein für Tante Emma

Thomas photography, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Common

Armin Laschet hat uns alle dazu aufgerufen, Gutscheine örtlicher Unternehmen zu verschenken, statt bei großen Konzernen zu kaufen, die in Europa keine Steuern zahlen. Dazu sind ein paar Anmerkungen notwendig. Die erste, ganz spontane: Hallo, sind wir das, wir Konsumenten, die dafür verantwortlich sind, dass Amazon, denn auf Amazon zielt Herr Laschet ja, keine oder kaum Steuern zahlt? Ich hatte bis gerade noch gedacht, dass das eine Aufgabe der Politik sei. Schauen wir doch mal, ah ja, da war doch was: Frankreich erhebt eine Digitalsteuer. Komisch, wieso nur Frankreich?

Weil Deutschland, also Frau Merkel, zwar Herrn Macron versprochen hat, die Besteuerung der Internetgiganten anzugehen, also auf der europäischen Ebene eine gemeinsame Lösung zu finden, dann aber wurde Herr Scholz losgeschickt, um auf genau dieser europäischen Ebene diese Lösung zu verhindern. Der übliche Weg.  

Deutschland hat nämlich kein so großes Interesses an dieser Steuer, weil die Amerikaner möglicherweise verärgert waren und dann mit Steuern auf unsere Exporte reagieren könnten. Exporte. Wenn es etwas gibt, das uns heilig ist, dann unser Export. Damit verdienen wir Geld. Also nicht wir, schon die deutsche Wirtschaft und zwar richtig. Da kann der Einzelhandel nicht mithalten. Zumal der ja eher den Import ankurbelt, Zeugs, das in China hergestellt wird, wie Handys, Kameras, Spielekonsolen. Oh, betreibt der Kandidat um den Vorsitz der Union etwa Exportförderung für China?

Also noch mal: Man kann, wenn man will, eine europäische Lösung finden. Will man aber nicht. Dann macht das Frankreich eben allein. Als nächstes beklagt man, dass Amazon keine Steuern zahlt und ruft zum Boykott auf.

Ob ein Boykottaufruf rechtlich zulässig ist, wäre zu prüfen, mir aber in diesem Falle egal. Ich denke, dass Amazon das schon selbst prüfen wird. Der Aufruf, nicht im Netz zu kaufen, träfe allerdings auch viele einheimische Unternehmen, die ihre Produkte eben nicht mehr nur stationär, sondern über Onlineshops oder direkte über Amazon vertreiben. Ob Herr Laschet das mitbedacht hat? Und wo überhaupt bekomme ich meine Gutscheine, wenn die Läden ab morgen dicht sind? Online vielleicht? Oder alle noch heute? Ach nein, die basteln wir selbst, schön am PC mit Cliparts und lustigen Schriftarten, kostet auch nichts und bis die Läden wieder öffnen dürfen, sind die Dinger auch längst vergessen. So machen wir anderen eine Freude, schonen unser Budget und wischen bei der Gelegenheit gleich auch China noch einen aus.

Weiß nicht

Von Carl Larsson – Åt solsidan, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=447496

Wir wohnen in einem Haus mit einem Flachdach. Ich ahne schon, wie jetzt einige die Hände über dem Kopf zusammenschlagen: Ein Flachdach? Aber man weiß doch… Ja. Weiß man. Früher oder später gibt das Ärger. Mit jahrzehntelanger Spitzdacherfahrung kann ich sagen, dass es früher oder später immer Ärger gibt.

Wasser marsch: Im Arbeitszimmer standen Eimer, in die es tropfte. Braune Flecken an der Zimmerdecke, die langsam größer wurden. Eine halbeingestürzte Decke im Arbeitszimmer, einem anderen Arbeitszimmer in einem anderen Haus übrigens. Nur eine feuchte Auswahl.

Trotzdem blöd, dass es wieder passierte. Der Dachdecker kam, fand und reparierte die schadhafte Stelle. Im Jahr darauf: Blöd, dass es wieder passierte. Der Dachdecker kam, fand und reparierte die schadhafte Stelle. Wir beschlossen, dass es jetzt gut sei, dass er jetzt das Problem gelöst hätte und wir künftig Ruhe haben würden. An dieser Stelle.

Doch da waren noch die Flecken auf der Wand. Mit einer kleinen Fläche hatte es begonnen, schließlich war ein braun umrandeter Streifen daraus geworden, der von der Decke bis fast zum Fußboden hinab reichte. Mit einer Grundierung überdeckt, zwei Tage gewartet, bis es Weiterlesen

Nomen est omen

Biontech wurde die Zulassung für die erste klinische Studie eines Impfstoffes gegen das Corona-Virus erteilt. Das wird auch Zeit, sogar meine Rechtschreibprüfung kennt bereits Corona. Erst war ich skeptisch, ob das was wird mit dem neuen Impfstoff, aber dann habe ich nachgesehen, wo das Unternehmen seinen Sitz hat: An der Goldgrube! Das muss doch etwas zu bedeuten haben, das kann doch kein Zufall sein.

Gemeinschaftsprojekt

Von wetwebwork – Keyboard and Cress, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1576198

Christiane Nitsche, die ich aus dem Buchprojekt über die Vechte kenne, hat ein  Projekt gestartet, ich zitiere mal:

„Die Liebe in Zeiten von Corona“

soll ein Gemeinschaftsprojekt werden – eines, in dem wir einander von der Liebe erzählen, von den Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, die sie in der Zeit der weltweiten Krise erfährt. Das Ziel: ein Kanon der Liebe aus allen möglichen Kulturen, damit wir uns später nicht nur an die Schrecken und Ängste erinnern, sondern an das, was uns stark und menschlich macht.
Ich freue mich auf viele Beobachtungen, Erzählungen, Alltäglichkeiten, auf Dramatisches, Lustiges und Unglaubliches, was Ihr dazu zu erzählen habt.

Die Beiträge werden von mir literarisch bearbeitet, anonymisiert und in einem täglich erweiterten Blog veröffentlicht.

Es haben sich schon ein paar gemeldet, die mitmachen. Aber es dürfen gerne mehr werden.
Darum bitte auch gerne teilen!

Kontakt: loveisallyouneed.corona@googlemail.com

Mir doch Latte

Von Andrea014 – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=59556364

Eine unserer Töchter ist umgezogen. Bei dieser Gelegenheit wollte – oder sollte? – sie einen großen Lattenrost statt der bisherigen zwei kleinen Lattenroste für ihr Bett bekommen. Okay, da wir ohnehin mit dem Anhänger zu ihr fuhren, ließ sich der Lattenrost – der große – gut transportieren. Bis wir ihn in die Hände von Umzugshelfern gaben, denen es gelang, die Latten, die, wie ich gerade feststelle, Leisten heißen… äh, Unterbrechung: Ich habe gerade gegoogelt. Ich hätte nicht gedacht, dass ich den Lattenrost googeln könnte. Falsch, hätte ich das nicht gedacht, hätte ich es auch nicht versucht. Der Lattenrost heißt mit Hausnamen eigentlich Bettenrost, was nichts damit zu tun, dass, wer rastet oder ruht, rostet. Wikipedia sei Dank, durfte ich mich gerade an den Drahtrost oder auch Sprungfederrahmen erinnern. Sowas hatten meine Eltern mal.

Und da ist natürlich die Nähe zum Grillrost viel größer, denn der heutige Lattenrost eignet sich kaum als „tragfähiges horizontales Gitter, beispielsweise über oder unter einem Feuer“. Wie doppeldeutig ein Wortes sein kann, zeigt sich auch hier, denn im Allthochdeutschen, wer wüsste das nicht, steht rōst für den Grill, die Pfanne und den Scheiterhaufen, während das germanische raustaż eine „Vorrichtung zum Bräunen von Fleisch“ bezeichnet haben soll – was Grill und Scheiterhaufen in eine unangenehme Nähe rückt. Ende der Unterbrechung: Den Umzugshelfern, denen ich ansonsten übrigens sehr dankbar bin, gelang es also, die Leisten aus den Weiterlesen

Ein Niederländer in Münster

Vor einiger Zeit hat ein Freund mir ein Buch geschenkt. Nun habe ich in meinem letzten Beitrag darüber berichtet, dass es mir schwerfällt, mich von Büchern zu trennen, bei Sachbüchern ließe ich aber mit mir reden. Okay, das wäre ein Selbstgespräch, nennen wir es lieber einen inneren Dialog. Das Geschenk war, wie inzwischen klar sein dürfte, ein Sachbuch. Begegnungen mit der deutschen Kultur. Niederländische – deutsche Beziehungen zwischen 1780 und 1920 von Meindert Evers. Wer bitte soll den sowas lesen?

Ich.

Das Buch stand rum und wartete auf seinen Einsatz. Der Krimi war durch, spannend aber sicher nicht von bleibendem Wert. Auf einem Regal im Arbeitszimmer, auch wenn ich Rentner bin, gönne ich mir ein Arbeitszimmer, Rentnerzimmer klänge blöd, stehen Bücher, die ich noch nicht oder noch nicht zu Ende gelesen habe. Evers stand da und war dran. Nach einem kurzen Abriss der niederländischen Geschichte/Kulturgeschichte geht es in sechs Kapiteln um Niederländer, die auf jeweils eigene Art Deutschland für sich entdeckten. Der erste in dieser Reihe ist Christiaan Winand Staring,  24 01.1767 bis 18.08.1840, von dem ich noch nie gehört hatte.

Staring hat in Göttingen studiert und später in Vorden in der niederländischen Provinz Gelderland gelebt. Vorden? Das liegt doch bei Ruurlo. Weiterlesen

In den Sand gesetzt

Foto: Elfie Voita

Ein kleines Stück noch. Nur noch um die nächste Düne.

Bei Paal 19 hatten wir angefangen. Ich hatte noch nie bewusst auf diese Pfähle geachtet, aber auf der Karte waren sie eingezeichnet, also konnten wir die Länge unseres Strandspaziergangs vorher ermessen, denn bei Paal 24,2 sollte das Drenkelingshuisje stehen. Nein, nicht das Haus der Ertrunkenen, sondern für die dem Ertrinken Entkommenen, für die, die sich aus dem Meer retten konnten und auf Terschelling Boden unter die Füße bekamen. 24,2 – 19 = 5,2 Kilometer bei schönstem Wetter über den Strand spazieren, um eine touristische Attraktion der Insel zu besichtigen, klang eigentlich ganz gut. Ursprünglich wollten wir ja bis zu Paal 22 oder lieber bis zu Paal 23 fahren, aber der Radweg endete vorher und die Karte zeigte uns nicht, ob es von dem Wanderweg auf der Landseite der Dünen einen Weg zum Strand gab.

Also ab Paal 19. Viele Menschen an der See. Ebbe. Die Strände auf Terschelling sind auch bei Flut noch breit, aber bei Ebbe  bis zum Wasser? Ein Kilometer vielleicht? Also 6,2 Kilometer, plus den Weg durch die Dünen bis zum Strand natürlich.

Es läuft sich nicht gut auf feinem losen Sand, auch nicht auf hartem, von der See in ein Wellenmuster geformten Sand. Feuchter Sand, der unter den Füßen nachgibt, macht auch keinen Spaß. Also am Wasser bleiben. Aber dann tun sich kleine Sandbänke auf, die zu tiefen Stellen führen, zu tiefen Stellen führen. Ich habe das zu im zweiten Nebensatz betont, nur als Hinweis, damit das niemand überliest. Also die kleine Halbinsel zurück und das Wasser umgangen. Wieder ein paar hundert Meter. Nicht  mehr ganz so viele Menschen unterwegs, wir sind jetzt bei Paal 22. Sehen kann man noch nichts. Doch schon, Seevögel, Muscheln, Quallen, Schiffe und das Meer, das ja nie langweilig wird, nur noch kein Drenkelingshuisje.

Barfuß durchs Wasser. Ab und zu einen Schluck trinken, es ist hochsommerlich warm. Paal 24. Die Pfähle stehen Weiterlesen

Ein Abend in Neuenhaus

Dinkelberg43 [CC BY-SA 3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, von Wikimedia Commons

 

2018 hatte ich mich mit meinem Text „Der Kahn“ erfolgreich an dem Wettbewerb „Vechtegeschichten / Vechtverhalen“ beteiligt. Ich habe an anderer Stelle darüber berichtet. Am 17.01.19 findet wieder eine Lesung statt, diesmal in Neuenhaus in der Grafschaft Bentheim. Eintritt frei und für die Besucher gibt es das Buch gleich mit dazu. Das ist möglich, weil die Europäische Union das Projekt gefördert hat. Das bedeutet umgekehrt allerdings auch, dass dieses Buch nicht im Handel erhältlich ist. Man muss schon in die Grafschaft Bentheim oder eine Weiterlesen