Pausenclown

verschiedene, Public domain, via Wikimedia Commons

Rasten, denke ich und sage ich auch gleich. Wir sind mit den Fahrrädern unterwegs, es ist noch haarscharf Februar, gerade noch so kalt, dass Handschuhe und Mützen gebraucht werden und so schön, so sonnig, dass wir trotzdem raus wollen. Aber nach einer angemessen langen, also eher kurzen Zeit steht mir der Sinn nach einer Rast, denn auch wenn es schön und kalt ist und Bewegung eine Art Pflicht ist… wieso gibt es eigentlich Grundrechte, aber keine Grundpflichten? Also… oh, gibt es ja, nennen sich zehn Gebote, sind aber nicht von den Eltern des Grundgesetzes zusammengestoppelt worden, sondern entbehren – würde man von Entbären sprechen, wenn man den Eisbären die Scholle unterm Hintern wegtaut? – jeglicher demokratischer Legitimation. Offenbar neige ich heute, wie ich gerade feststelle, zu einer schwer zu zügelnden Albernheit, egal. Sollten wir uns also auch mal Grundpflichten geben oder eher geben lassen? Artikel 1. Ohne Bewegung geht es nicht voran. Also rührt euch. Artikel 2. Abgeben ist keineswegs nur eine Aufforderung an Fußballer und Teilen gibt es nicht nur als Grundrechenart. Wir haben auch für andere Menschen etwas übrig.

Artikel 4. Seht auch mal über etwas hinweg, also zum Beispiel über den fehlenden Artikel 3. Und nicht nur über eigene Fehler.

So in der Art?

Zurück zum Thema. Mir ist nach einer Rast, sogar den Füßen, die statt der Pedale auch Fußrasten zu schätzen wüssten. Bewegung ist gut, nehme ich an, sollte aber nicht in Rastlosigkeit ausufern, Rastlosigkeit ist nicht gut, obwohl ja rostet, wer rastet folglich sollte, wer rastlos ist, also auch rostfrei sein.

Jetzt muss ich aufpassen, dass ich mir meinen Wunsch nach einer Rast nicht selbst madig mache. Rasten also denke ich und sage ich und gleich denke ich weiter. Rasten meint ja so viel wie Pause machen, nur irgendwie hochwertiger. Eine Zigarettenrast wäre doch undenkbar, während ich mir die Zigarettenpause abgewöhnt habe, also eigentlich nicht die Pause, sondern die Zigaretten. Rasten hat was von einer Decke mit Picknickkorb im saftigem Gras, wärmender Sonne, aber auch Schatten, ein Bächlein plätschert im Hintergrund, Vögel singen, Bienen summen und niemand schmeißt seinen Müll einfach so in die Natur oder geht zum Pinkeln über diesen kleinen Trampelpfad bis hinter den nächsten Busch. Das wäre nämlich nur eine Pause. Rasten will ich, Ruhen, Ausruhen, nicht gleich die ewige Ruhe, aber dann verrutschen mir die beiden Ausrücke und aus Ausruhen und Rasten werden Ruhen und Ausrasten und die ganze Stille ist dahin.

Quellenangaben

Quellenangaben

Mark Twain hatte den Mississippi, Willy Millowitsch den Rhein. Von uns aus sind es nur ein paar hundert Meter bis zur Ems und dem Emsradweg. Wir hören ihn also fast rufen. Wäre es doch bloß nicht die Ems. Die ist so unspektakulär. 371 km von der Quelle bis zur Mündung. Der längste Fluss, der in Deutschland entspringt und ins Meer mündet. Das sind Infos für Statistiker, da springt man doch nicht gleich auf das Fahrrad und ruft: Das muss ich jetzt aber unbedingt mit eigenen Augen sehen!

Gibt es überhaupt ein Lied oder ein Gedicht zur Ems? Der Rhein, der alte Vater Rhein, ist überhaupt nicht so deutsch, aber was für eine Landschaft, was für Städte, was für Lieder und Gedichte. Romantik, habe ich mir sagen lassen. Zur Ems hingegen: Warum ist es an der Ems so schön? Oder vielleicht: Wenn das Wasser in der Ems goldner Wein wär… Schwer vorstellbar.

Nicht mal die Emser Depesche, die Emser Pastillen oder Bad Ems haben was mit dem Fluss vor unserer Haustür zu tun. Puh. Jetzt habe ich das überprüft. Es gibt Gedichte, aber die verlinke ich besser nicht. Nicht mal Heinrich Heine hat die Ems besungen und der hat sich mit den Schönheiten und dem Elend Deutschlands doch nun wirklich beschäftigt. Okay, es gibt im Emsland eine Heinrich-Heine-Straße, vermutlich sogar mehr als eine, aber das zählt doch nicht.

Die Ems entspringt in Hövelhof. Oder bei Hövelhof. In der Senne. Dorthin führt uns die erste Etappe. Die Emsquelle müssen wir uns ansehen, weil es sonst noch weniger Sinn hat, den Fluss entlangzufahren. Hat wohl was mit der Idee von Anfang und Ende zu tun. Es ist ein Fluss entsprungen… aber das stimmt natürlich nicht. Da entspringt kein Fluss, da blubbert es nicht mal. Erst ist da noch nichts, dann hier eine Pfütze, da eine Pfütze, es kommt Bewegung in die Angelegenheit, es rinnt, plätschert sogar ein wenig und macht sich auf den Weg. Eine Flächenquelle nennt man das wohl, wenn das Wasser nicht ordentlich an einem Punkt aus dem Fels oder dem Boden hervortritt, sondern eher beiläufig rumsteht, etwas schmuddelig, einfach so im Waldboden. Wenn man’s nicht wüsste… aber wenn man’s nicht wüsste, wäre man natürlich nicht hier.

Es gibt sogar ein Informationszentrum und eine Menge Menschen, die dabei sein müssen, wenn die Ems sich auf den Weg macht, aber das sollte sich doch spektakulärer gestalten lassen. In Amerika ziehen die sowas bestimmt ganz anders auf, viel größer und sicher mit Licht und Musik.

Aber dann darf da natürlich nicht so ein Getröpfel im Zentrum stehen. Da muss man das bisschen Ems erstmal aufstauen und – genau, die in Form gebrachte Ems wie Champagner aus einem Felsen (Notiz für den Regisseur: Fels beschaffen) brausen lassen, perlen und plätschern und dann hängt da ein Monitor gleich ein paar Meter weiter,  mitten im Wald, da, wo die Ems ihre Kinderstube nass macht, ein Monitor, der uns zeigt,  wie im fernen Ostfriesland ein mächtiges Schiff auf dem breiten Strom dem Meer zustrebt. Eine Schiffssirene brummt, Möwen schreien und am Horizont bläst ein Wal. Ja, so muss man das machen!

Okay. Ich glaube, ich mag die bescheidene Version doch lieber.

Rad, Ruhr, Ruhe

Eigenes Foto

Mit dem Fahrrad auf dem Ruhrtalradweg unterwegs. Nur ein Stück, denn der Weg ist lang, länger, als wir an einem Tag fahren wollen bzw. können. Von Warendorf aus mit dem Auto nach Wickede (Ruhr). Erst durch das vertraute Münsterland, dann ein Stückchen Soester Börde und dann Wickede, ein Industriestädtchen, für uns an diesem Tag der Anfang des Ruhrgebiets.

Ein Maitag mit Sonne und Wolken. Viele, aber erträglich viele Radfahrer*innen auf der Strecke. Immer wieder führt der Weg über die Ruhr oder begleitet sie ein Stück.

Ich bin im Ruhrgebiet aufgewachsen. In Hohenlimburg geboren und in Hagen zur Schule gegangen. 14 Jahre meines Lebens war mir nicht klar, dass wir im Ruhrgebiet lebten, weil Hagen mit dem Slogan „Tor zum Sauerland“ warb. Hätte ich wissen müssen, dass wir vor dem Tor lagen? Draußen, im schmuddeligen Ruhrgebiet? Schreckliche Wahrheiten bringt man seinen Kindern vielleicht so spät wie möglich bei. Ich habe es nebenbei bemerkt nicht als schrecklich erlebt. Als laut und grau, als staubig und Weiterlesen

Rad Tor Tour

Gegen den Wind. Im strömenden Regen. Vorbei an der Müllverbrennungsanlage – der Nase nach. Es donnert. Eine schmale Straße, ausgeschildert als Radweg, auch als Radweg, nicht nur als Radweg. Zu viele, zu schnelle Autos. Kopf einziehen, weiter.

Wasser in den Schuhen. Abbiegen in einen Weg, kaum befestigt, durchweicht. Tropfnasses Gebüsch tropft nass. Flachland, ein Bahndamm am Horizont, jenseits davon Industrie. Vollgelaufene Gräben trennen Weideflächen. Möglicherweise Naturschutzgebiet. Tiere auf den Weiden, Rinder, Pferde, stehen still, den Kopf gegen den Regen gesenkt. Stoisch. Natur gegen Natur: Unentschieden.

Nur wir machen weiter, strampeln uns ab. Da lang. Vermutlich. Weiterlesen

Fietsen

Mein nächstes Projekt hat zunächst einmal nichts mit Texten zu tun, aber das weiß man ja eigentlich immer erst hinterher – und wann genau hinterher ist, weiß man auch erst, wenn es dann doch zu einem Text wurde. Vielleicht aber auch nicht, weil man sich nicht mehr daran erinnert. Bevor das hier ausufert: Es geht um meinen Urlaub. Um unseren Urlaub natürlich.

Wir haben den Fahrradurlaub für uns entdeckt. Ein paar hundert Kilometer fahren wir vorher schon mit dem Auto, bevor wir dann auf unsere Räder steigen. Sonst könnte man ja denken, dass wir uns eine richtige Reise nicht leisten können.

Diesmal radeln wir in Ostfriesland und den angrenzenden Niederlanden, also der Region zwischen Winschoten und Groningen auf der niederländischen Seite und Leer, Aurich, Norden und Emden einschließlich der Krummhörn auf der deutschen Seite. Wer meinen Blog kennt, weiß, dass wir die Niederlande sehr mögen. Ein wenig kennen wir uns da schon aus, trotzdem sind wir immer dankbar für gute Tipps

In jener fernen Vergangenheit, in der deutsche und niederländische Fußballer sich noch bespuckten und die Geschäfte samstags noch um 13:00 Uhr schlossen, habe ich mal Niederländisch gelernt. Leider sehen die Niederländer das nicht ein. Also spreche ich nicht mit ihnen – oder wenn, dann halt auf Deutsch. Dafür höre ich dann heimlich hin, wenn sie sich auf Niederländisch über uns lustig machen, damit sind wir quitt.

Aber in der Folge meiner Bemühungen um die niederländische Sprache und Kultur habe ich es zu schätzen gelernt, niederländische Autoren im Original zu lesen – und es gibt einige, bei denen sich das lohnt. Um die zu hören, wäre es vermutlich klüger, einfach zuhause zu bleiben, denn früher oder später lesen sie im niederländischen Seminar der Uni Münster. Maarten ’t Hart, Geert Mak und Thomas Rosenboom – um nur einige zu nennen, die in Münster lasen – haben es ja auch in die deutschen Buchhandlungen geschafft.

Also werden wir in Groningen oder wo auch immer wir eine Buchhandlung finden… daran vorbei gehen, weil wir nämlich keinen Platz für Ballast haben (ich hätte nie gedacht, dass ich das einmal über Bücher sagen würde.) Folglich werden wir ins Museum gehen, da kann man gucken, darf aber nichts mitnehmen. Ich kann nämlich in einer Buchhandlung nicht Bücher gucken gehen, man geht doch auch nicht zum Bäcker, um sich dort Brote anzusehen. Jedenfalls nicht zu einem holländischen Bäcker.