Ein unpassendes Gedicht

Ein unpassendes Gedicht

Entlang des Nordhorn-Almelo-Kanals radelt es sich gut in Richtung Denekamp. Denekamp liegt in Twente und Twente ist ein Teil der Provinz Overijssel. Tukker nennen sich die Menschen, die in Twente leben. Eine Erklärung für diesen Ausdruck bezieht sich auf die Hosentaschen, die im Platt, das man in Twente spricht, Tuk heißen. Beide Hände in den Hosentaschen, etwas rustikal, bäuerlich, so sei der Tukker. Vermutlich gibt es noch reichlich andere Erklärungen. Na gut, Regionen basteln sich ihr Selbstbild. Übrigens kenne ich die Bezeichnung schon etwas länger, aber wie das so ist, wenn man etwas dazu erzählen will, schaut man mal nach.

Der Nordhorn-Almelo-Kanal ist nur einer der Kanäle in der Gegend und es fährt sich wunderschön unter den herbstbunten Bäumen und über das großzügig verteilte Laub auf den mal schmalen, mal breiteren aber immer gut ausgeschilderten Radwegen. In den Niederlanden, aber auch in der Grafschaft, ist das Knoppunten-System verbreitet, eine simple Methode, die eigene Tour zu planen und die Wege auch zu finden. Ab Denekamp kennen wir den Weg nicht mehr und sind augenblicklich überrascht, wie schön es weitergeht. Bald gelangen wir an eine Brücke, der meine Frau nicht traut, was natürlich nicht heißt, dass sie nicht auf die andere Seite will, sondern dass ich vorgehen soll. Ich bin zwar nicht mutig, habe aber keine Wahl. Die Brücke hält wider Erwarten.

Wie schön und fremd eine Gegend doch sein kann, wenn man abseits der Hauptstraßen unterwegs ist. Ich denke an ein Gedicht von Hendrik Marsman. Es heißt „Herinnering aan Holland“ und eigentlich denke ich auch nur an die erste Strophe.

Denkend aan Holland

zie ik breede rivieren

traag door oneindig

laagland gaan,

Übersetzt könnte es etwas so heißen:

Denke ich an Holland,

sehe ich breite Flüsse

träge durch endloses

Tiefland strömen

Okay, das passt überhaupt nicht zur Landschaft, zu dem eher lieblichen Kanal, den schmalen Wegen, den schmucken Bauernhäusern, aber was kann ich denn dafür, das mir gerade dieses Gedicht einfällt? Der Hälfte der Niederländer fällt es auch ständig ein, zumindest die ersten zwei Zeilen und Marsman war am Mittelmeer, als er in den frühen dreißiger Jahren das Gedicht schrieb. Es ist also überall und jederzeit erlaubt, völlig unpassende Gedichte zu erwähnen. Regelmäßig denke ich an dieses Gedicht, wenn wir bei Deventer über die Ijssel fahren. Und während ich sowas vor mich hin denke, sind wir auch schon beim Landgoed Singraven und das wollen wir uns gern zeigen lassen.

Vergebliche Werbemühen

Vergebliche Werbemühen

„Echte Freiheit braucht die exklusive Ausstattung“, lese ich gerade. Ich wusste doch, dass mir was fehlte an der echten Freiheit. Ich bin auch mehr der Typ für die inklusive Ausstattung, aber wie kann ich überhaupt wissen, wie sich echte Freiheit anfühlt, wenn ich mir die exklusive Ausstattung nicht leisten kann? „Das Beste oder nichts“ heißt es weiter. Jetzt kommt es aber richtig dicke. Gerade noch dachte ich, es fehlt mir nur an der echten Freiheit, jetzt wird mir der jämmerliche Rest, also die unechte Freiheit, auch noch madig gemacht.  Es geht um den GLE oder das GLE, ich weiß es nicht, ich kann es ja auch nicht wissen, weil das Beste ja immer noch kommen muss, also spätestens oder vielleicht sogar im Normalfall zum Schluss.

Gerade höre ich die Kraniche über dem Haus, Zugvögel, die sich sammeln und in großen Gruppen und manchmal zumindest eleganter Formation… äh… abziehen. Wenn das mal nicht echte Freiheit ist, ganz ohne exklusive Ausstattung.  Jahr für Jahr wieder und ich kann sie nicht sehen oder hören, ohne dass es mich anrührt, dass ich raus muss vor die Tür und hoch an den Himmel starre und ihnen folge mit den Augen und weiß, dass der Herbst da ist und es Winter wird und das das irgendwie traurig ist aber auch schön und das es kein Geräusch irgendeines Motors geben kann, das damit mithalten könnte. Das Beste oder nichts.  

Seespaziergang

Foto: Elfie Voita

Foto: Elfie Voita

Ein Tag zum aus dem Haus fahr’n,

zum Augen weiten,

zum über’n See seh’n,

zum Staub aufwirbeln und Eichhörnchen beobachten.

Einer, der Blau macht.

Einer, noch einer von den Guten,

wen schert’s, was morgen wird?

Manfred Voita: Noch einer

Verblättert

Foto: Manfred Voita

Foto: Manfred Voita

Milde Oktobertage mit Sommersonnenschein aus den Restbeständen des Septembers, einem Cappuccino im Straßencafe und einer Eiswaffel in der Hand, gaukeln uns vor, dass alles gut ausgehen könnte. Doch dann, wenn wir ihm gerade auf den Leim gegangen sind,  lauert der Herbst uns in einer Waschküche auf, wäscht uns den Kopf und föhnt uns eine Sturmfrisur. Sein Bläserensemble zeigt was es kann: das laue Lüftchen, der frische Wind, die steife Brise, der schwere Sturm und manchmal sogar der starke Orkan. Und wer sich nicht ehrfürchtig beugt, dem reißen sie den Hut vom Kopf.

Böige Winde aus wechselnden Richtungen? Da neckt doch einer Radfahrer!

Wenn keiner hinsieht, färbt der Herbst mit seinen prächtigen, garantiert ungiftigen, Weiterlesen