Rad, Ruhr, Ruhe

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Mit dem Fahrrad auf dem Ruhrtalradweg unterwegs. Nur ein Stück, denn der Weg ist lang, länger, als wir an einem Tag fahren wollen bzw. können. Von Warendorf aus mit dem Auto nach Wickede (Ruhr). Erst durch das vertraute Münsterland, dann ein Stückchen Soester Börde und dann Wickede, ein Industriestädtchen, für uns an diesem Tag der Anfang des Ruhrgebiets.

Ein Maitag mit Sonne und Wolken. Viele, aber erträglich viele Radfahrer*innen auf der Strecke. Immer wieder führt der Weg über die Ruhr oder begleitet sie ein Stück.

Ich bin im Ruhrgebiet aufgewachsen. In Hohenlimburg geboren und in Hagen zur Schule gegangen. 14 Jahre meines Lebens war mir nicht klar, dass wir im Ruhrgebiet lebten, weil Hagen mit dem Slogan „Tor zum Sauerland“ warb. Hätte ich wissen müssen, dass wir vor dem Tor lagen? Draußen, im schmuddeligen Ruhrgebiet? Schreckliche Wahrheiten bringt man seinen Kindern vielleicht so spät wie möglich bei. Ich habe es nebenbei bemerkt nicht als schrecklich erlebt. Als laut und grau, als staubig und voller Ruß und Qualm, das schon. Aber das war so und musste dann ja wohl auch so sein.

Das Ruhrgebiet von heute ist anders, grüner. Das Ruhrtal sowieso. Statt der zerbombten Häuser in den Städten, die ich als Kind noch gesehen habe, gibt es jetzt Industriebrachen, leerstehende Gewerbeimmobilien, verlassene Kneipen, dass schon.

Die Ruhr habe ich als Kind nicht gesehen, ich musste mit der Lenne vorliebnehmen. Der Weg ist eben, meistens führen kleine, gutbefestigte Pfade durch Naturschutzgebiete oder entlang Wassergewinnungsflächen. Nur selten radeln wir neben einer stark befahrenen Straße und nur einmal, für wenige hundert Meter, ist der Radweg so schmal, der Verkehr so stark, dass es wirklich unangenehm wird. Die Orte, Wickede, Fröndenberg, Schwerte, kenne ich nur dem Namen nach, aber sie sind mir merkwürdig vertraut mit ihren verputzten Ein- und Mehrfamilienhäusern, mit dem Fachwerk und den Hügeln, Bergen, dem Wald. Da ist auf einmal ein Gefühl von Heimat, von Kindheit.

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In Schwerte gibt es Kaffee und Waffeln mit Vanilleeis, heißen Kirschen und Schlagsahne auf dem Marktplatz. Viele denkmalgeschützte Häuser, darunter den Wuckenhof. Weil ich neugierig war, habe ich den gegoogelt und eine sehr seltsame Auskunft gefunden: „Schwerter*innen kennen ihn nur zu gut – den Wuckenhof.“

11 Gedanken zu “Rad, Ruhr, Ruhe

    • Ja. Es hat sich sehr verändert in den vergangenen Jahren, besser wohl Jahrzehnten. Auch die Städte sind grün geworden, was natürlich nichts daran ändert, dass fast überall das Auto Vorrang hat. Da muss noch viel passieren.

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  1. Mehrmals bin ich durchs Rurtal gefahren, zweimal von Aachen aus, einmal von Hannover in Gegenrictung, damals noch auf der Kaiserroute, einem leider aufgegebenen Radfernweg von Aachen nach Paderborn. Jedesmal war ich sehr angetan von der schönen Landschaft an der Ruhr. Glückwunsch zu dieser Radtour am Vatertag!

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    • Einen Tag vor dem Vatertag haben wir die Tour gemacht. An solchen allgemeinen Ausflugstagen macht es keinen Spaß, schöne Strecken zu fahren. Aachen – Paderborn war vielleicht ein zu anspruchsvolles Programm. Beliebte Radwege folgen ja gern mal Flußtälern.

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  2. Der graue Ruf des Ruhrgebiets reichte bis in unser Schweizer Klassenzimmer. Das ist zwar 40 Jahre her, aber was einmal in den Köpfen ist, prägt die Vorstellungen bis heute. Darum danke für Deine liebenswert andere Perspektive.
    Und die Tafel erinnert mich an all die Häuser in Frankreich, in denen der berühmte Schriftsteller Victor Hugo nie eine Nacht verbracht hat 😉

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    • In Deutschland haben wir in jeder Stadt irgendwo ein Haus mit einem Schild, das darauf hinweist, das Goethe dort übernachtet hat. Der Mann kann kaum einmal in Weimar geschlafen haben. Es ist viel schöner, die Orte zu bezeichnen, die jemand nicht aufgesucht hat. Und ja: Das Ruhrgebiet hat sich verändert. Es gibt viel mehr Grün in den Städen, Berge und Wälder gab es schon immer.

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