Durchgepustet

Von Dimitris Papazimouris from Halandri, Greece - Jan Garberek sax machine - IMG_7410 ed, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8268140

Von Dimitris Papazimouris from Halandri, Greece – Jan Garberek sax machine – IMG_7410 ed, CC BY-SA 2.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=8268140

Es ist immer so. Wenn etwas schief gegangen ist, dann hat man anschließend viel zu erzählen, ich verweise hier auf meinen Versuch, Ginger Baker in Oldenburg zu sehen. Erwartungsvoll bestieg ich also die Eurobahn, um mich auf den Weg nach Münster zu machen, dort in den Zug nach Osnabrück umzusteigen und schließlich den Regionalexpress nach Bremen zu nehmen. Der Zug kam pünktlich, was mich hätte stutzig machen sollen, ich stieg aber einfach ein – und begegnete dem Triebfahrzeugführer, der gerade ausstieg und bei der Gelegenheit verkündete, dass der Zug wegen einer Streckensperrung nicht nach Münster fahren würde. Allerdings gäbe es einen Schienenersatzverkehr, also einen Bus, der uns nach Telgte brächte, damit wir dort wieder in den Zug steigen und nach Münster weiter fahren könnten. Damit war für Spannung gesorgt, denn ich hatte nur 15 Minuten eingeplant, um Anschlusszug in Münster zu erreichen. Wenn irgendein Zug pünktlich abfährt, dann ist das nämlich immer der, den du unbedingt erreichen musst. Wenn das mal bloß kein Gottesbeweis ist.

Egal, es passte, haarscharf, aber es passte. In Osnabrück hatte ich beruhigend viel Umsteigezeit, fast eine Stunde. Ein bemerkenswerter Hauptbahnhof. Das Empfangsgebäude macht richtig was her, spätes 19. Jahrhundert, der Tunnel zu den Gleisen ist schmal und eng. Steht man aber auf dem Bahnsteig, sieht man, dass es von dort aus Verbindungen zu anderen Gleisen gibt. Osnabrück verfügt nämlich über einen Turmbahnhof, d. h., dass sich innerhalb des Bahnhofs Bahnlinien kreuzen, wofür es natürlich einer zweiten Ebene bedarf.

Da ich aber nicht an Bahnhöfen, sondern an Bahnverbindungen interessiert bin, holte ich mir nur eine Tüte gebrannte Mandeln. Pünktlich in Bremen, Freunde holen mich ab. Richtig viele Menschen unterwegs, also im Vergleich zu Warendorf. Die Stimmung ist noch gut, Werder hat ja noch nicht gespielt.

Dafür spielt die Jan Garbarek Group in der Glocke. Garbarek ist ein norwegischer Saxophonist, der von Rainer Brüninghaus am Keyboard, dem brasilianischen E-Bassisten Yuri Daniel und dem indischen Percussionisten Trilok Gurtu begleitet wird. Das hört sich alles ganz falsch an. So, als würde ich sagen, Paul McCartney ist ein englischer Bassist, der von.. Zugegeben, Garbarek hat nicht den Bekanntheitsgrad des Ex-Beatles, aber mit ’norwegischer Saxophonist‘ ist er eben nicht hinreichend charakterisiert. Er ist der norwegische Saxophonist, einer der wichtigsten europäischen Saxophonisten und vor allem: Er ist ein phantastischer Komponist und Musiker. Mir doch egal, wo er herkommt.

Triluk Gurtu begleitet ihn auch nicht, sondern ist sowas von präsent auf der Bühne, dass ich mir viele Musiker denken kann, die nicht gemeinsam mit ihm auftreten möchten. Ein Erlebnis für Ohren und Augen, was der Mann da veranstaltet. Wenn ich Garbarek und Triluk Gurtu so herausstelle, wirkt das, als seien Brüninghaus und Daniel nur dabei gewesen, stimmt aber nicht, sie waren Teil eines hervorragenden Ensembles, das an diesem Abend ein denkwürdiges Konzert gespielt hat. Es war rasend schnell, es war melancholisch, es war lyrisch, es war rockig. Es war perfekt. Hut ab.

Und ich bin auch problemlos wieder nachhause gekommen.

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20 Gedanken zu “Durchgepustet

  1. ..als ich las,“Die Stimmung ist noch gut. Werder hat ja noch nicht gespielt!“ musste ich lachen. Ja das Derby steht an. Und das kann gefährlich werden! Manfred, ich habe deinen Roadtrip gelesen und mich köstlich amüsiert. Dass am Ende alles glatt gelaufen ist freut mich für dich. Dank dir möchte ich den Saxophonist Garbarek unbedingt kennenlernen und selbst erleben.
    Lieben Gruß, Tanja

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  2. Lieber Herr Voita!
    Da hatten Sie vor allem auch Glück, dass der werte Herr Garbarek überhaupt pünktlich in Bremen angekommen ist. Vermutlich hatte er mehr als eine Viertelstunde Spielraum eingeplant. Die Querelen mit der Deutschen Bahn dürften sich vermutlich bis in den Norden herumgesprochen haben 🙂
    Törööröö…
    Herzliche Grüße aus dem Stuttgart21-Ländle
    Mallybeau

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  3. Zweimal umsteigen, um ein Konzert in Bremen zu besuchen, ist schon ein beachtlicher Aufwand, bei den immer drohenden Imponderabilien der Bahn. Deine Bereitschaft zum Abenteuer hat sich offenbar gelohnt. Von den genannten Musikern hatte ich noch nie was gehört. Ist immer wieder erstaunlich, wieviel Qualität abseits des Mainstreams es in allen Künste gibt.

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  4. Garbarek habe ich auch noch im Ohr, aber das intensivste Saxophon ist für mich seit Jahrzehnten das von Michael Brecker im Zusammenspiel mit Frank Zappas Gitarre auf Live in New York: The Purple Lagoon. – Zu einem Konzert bin ich auch mal gefahren, nach Dortmund, allerdings mit dem Auto. 😉

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  5. Wieder einmal einer dieser Loriot-mässigen Texte, der mir altem Klassik-Hasen nebenbei wieder einmal eine neue musikalische Perpektive eröffnet.
    Das letzte Mal war’s Joe Bonamassa. Was für eine Entdeckung, vor allem im Zusammenspiel mit Beth Hart. Echt der Hammer! Danke! 🙂

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