Kurzgeschichte: Kültür

Das es nicht reicht, auf die Armbanduhr zu gucken, um sich hinreichend mit dem Phänomen Zeit auseinandergesetzt zu haben, war mir eigentlich schon länger klar – dafür hätte es nicht eines populärwissenschaftlichen Bestsellers bedurft.

Jeder, der einmal versucht hat, eine Geschichte zu schreiben, kommt nicht umhin, sich Gedanken zu machen über Erzählzeit und erzählte Zeit, vollendete Gegenwart und was auch immer die Germanisten sonst noch an Fallstricken ausgelegt haben mögen. Naturwissenschaftlich ist Zeit ein noch viel komplexeres Problem – und bis ins Detail verstanden hat es offenbar noch keiner – soweit immerhin habe ich den schon angesprochenen Bestseller gerade noch kapiert.

Offen gestanden lese ich solche Bücher auch nicht in der Erwartung, wirklich viel darüber zu erfahren, wie unsere Welt funktioniert, nein, es geht mir eher um das angenehme Gefühl, das wirklich kluge Menschen sich mit all diesen … Dingen herumschlagen und schon dafür sorgen werden, dass die Naturgesetze auch von niemandem übertreten werden.

Deswegen weiß ich auch nicht recht, ob ich den fachwissenschaftlichen Diskurs wirklich voranbringe, wenn ich eine kleine eigene Erfahrung beisteuere, aber wenn ich nun schon einmal dabei bin und eine Menge Zeit, wenn auch erst wenig Papier damit verschwendet habe, Anlauf zu nehmen, dann soll jetzt auch endlich gesprungen werden: Eine spezielle Form der Zeit, nämlich die Urlaubszeit, dehnt sich in zumindest zwei Richtungen aus: Die Qualität eines Urlaubs ist keineswegs nur von seiner Länge abhängig, sondern wird mindestens ebenso von seiner Breite bestimmt – und damit will ich keineswegs auf den während der Ferienzeiten meist deutlich ansteigenden Alkoholkonsum anspielen. Und kommen Sie mir jetzt nicht damit, dass ich mir das nur deshalb aus den Fingern sauge, weil wir in diesem Jahr keinen langen Urlaub machen konnten, das könnte ich nämlich erklären, aber das tue ich nicht. So. Kurzen Urlaub, gut, ganz kurzen Urlaub haben wir aber gemacht.

„Trajectum Lumen“ stand auf der Website der Stadt Utrecht. Lümen, so wie Ütrecht. Utrecht kannten wir schon, ich meine die Aussprache, nicht die Stadt. Doch, die kannten wir auch, aber jetzt bleiben wir bitte mal bei der Aussprache, ja? Lumen sprachen wir selbstverständlich trotzdem falsch aus. Fuck, oder wie die Niederländer sagen würden: Fück.

Was die ganzen Üs betrifft, erinnert das doch ein wenig ans Türkische und während ich das gerade schreibe, denke ich: und was ist mit den ganzen Ypsilons? Aber da habe ich mich – und damit beinahe auch Sie – getäuscht, denn die Niederländer schreiben ij also I Jot, das sogenannte lange ei und das schreiben sie manchmal, na ja, oft einfach wie das y – aber sie schreiben es eben nur so, es sind und bleiben zwei Buchstaben, nämlich i und j. Andererseits: wer weiß schon, was sich die Türken dabei denken, wenn sie Ypsilon schreiben. Apropos Türken: die scheint es in Utrecht kaum zu geben, vermutlich wegen der ganzen Griechen. Nicht, dass wir Griechen gesehen hätten. Griechische Restaurants und Gyrosstände allerdings schon, an jeder Ecke. Ist Ihnen übrigens das Ypsilon in Gyros aufgefallen? In Döner ist jedenfalls keins. Wahrscheinlich bevorzugen die Holländer deshalb das Gyros – nur: wie sprechen sie es wohl aus?

Das Ü jedenfalls war, wie gesagt, auch Bestandteil des Namens eines kulturellen Großereignisses. Utrecht plante, europäische Kulturhauptstadt zu werden und dafür machten die Utrechter schon mal das Licht an. Kunstlicht im wahrsten Sinne des Wortes. Lichtkünstler, so versprach die Website, brächten die Stadt an vielen Stellen zum Leuchten.

Eine schöne Stadt bei Licht besehen, das klingt gut, dachten wir uns und machten uns auf den Weg. Und weil Lichtkunst bei Tageslicht nicht funktioniert, buchten wir eine nächtliche Führung plus Übernachtung. Nicht einfach eine Führung: eine Kanutour durch die Grachten sollte es sein, vorbei an all den eindrucksvollen Baudenkmälern und unter Brücken hindurch, die auf das Schönste illuminiert sein würden.

Nach der Freude über die Bestätigungsmail tauchten erste Zweifel auf: Was hatte ich bloß getan? Eine Kanutour in einer Meute von zwanzig oder mehr olympiareifen Niederländern, die, weil ihr Land fast überall unterhalb des Meeresspiegels liegt, quasi schon im Boot geboren werden? Ich, der ich Backbord mit einer Billigbäckerkette verwechseln könnte. Rudern, wo ich doch Sportarten ablehne, bei denen ich mich bewegen muss. Nachts, wo mich niemand aus der eiskalten Gracht retten wird, weil man mich einfach nicht finden kann. Und kommen Sie mir bloß nicht mit der Eskimorolle, ich bin schon froh, wenn ich mit der Zitronenrolle zurechtkomme.

Glücklicherweise gab es noch ein wenig Korrespondenz und so wurden wir auf ein Fluisterbootje umgebucht. Ein Flüsterbötchen – oder simpler und viel weniger geheimnisvoll – ein Boot mit Elektromotor. Mit nur einer halben Stunde Verspätung ging es um 22:30 Uhr los. Stefan, unser Guide, mit uns beiden deutschen Bewegungsmuffeln in einer Art Plastikkasten mit Motor. Alles um uns herum paddelte mit großem Vergnügen in der nächtlichen Gracht umher. Gut, die Fröhlichkeit war vermutlich zumindest teilweise der Einnahme diverser Stimulanzien, legaler wie illegaler Drogen, geschuldet und führte zu einigen waghalsigen Manövern, trotzdem sah das von den Brücken betrachtet bestimmt viel cooler aus.

Leider handelte es sich bei den meisten der angesteuerten Lichteffekte um Lichtdefekte und als wir die Hauptsehenswürdigkeit erreichten, war sie, wie immer um 24:00 Uhr, abgeschaltet worden. Immerhin beschrieb Stefan sie uns in leuchtenden Farben, vermutlich um uns klar zu machen, dass wir da wirklich etwas verpasst hatten. An weitere Sehenswürdigkeiten kann ich mich leider nicht erinnern, weil es inzwischen stockdunkel geworden war und wir ohne Licht, begleitet von einer Horde jauchzender angeschickerter Kanuten durch lichtlose Grachten und Kanäle glitten. Wussten Sie, dass man in einer Großstadt nie weiter als zwei Meter von einer Ratte entfernt ist? Stefan wusste das!

Vom Hörensagen – sehen konnten wir ja nichts – kenne ich nun zwei weitere Attraktionen der Stadt: Die Universitätsbibliothek, einst für Louis Bonaparte, Bruder Napoleons und König der Niederlande, gebaut und im Jahre 1808 gerade einmal vier Monate von ihm bewohnt – und das Papsthaus, erbaut für Hadrian VI, den einzigen niederländischen Papst, der 1523 starb, ohne sein Haus in Utrecht je bewohnt zu haben. Natürlich wohnt auch Herman van Veen, der immerhin in Utrecht geboren wurde, nicht mehr in Utrecht. Niemand, so hat es zumindest den Anschein, wohnt in Utrecht. Warum kriegt man dann keinen Parkplatz?
Ach so: Glauben Sie bloß nicht, ich hätte vergessen, was ich zu Anfang behauptete habe: das mit der Länge und Breite eines Urlaubs. Unserer war zwar nicht lang und breit, dafür aber kurz und gut.

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4 Gedanken zu “Kurzgeschichte: Kültür

  1. O, das ist aber toll geschrieben. Ich fühle mich im besten Sinne mitgenommen.

    Über „Zeitstillstand“ hatte ich gerade bei Achim Landwehr einen Beitrag gelesen, der interessanterweise einen Bezug zwischen Perfekt und Perfektion herstellt: https://achimlandwehr.wordpress.com/2015/08/17/37-wider-die-perfektion-oder-das-vollkommene-im-gewesenen/ – Ich glaube, es ist keine Zeitverschwendung da auch mal reinzuschauen.

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    • Nicht dafür. Ich wollte damit ja eigentlich nur sagen, dass in Deiner „kleinen“ Geschichte ein großer Gedanke steckt. Vermutlich ist sowieso alles wirklich Wichtige schon von irgendwem gedacht und irgendwo niedergeschrieben worden. Das sollte uns nicht daran hindern, es für uns wieder zu entdecken, neu zu verpacken und weiter zu verschenken.

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      • Klar, letzlich basteln wir alle immer – ob wir wollen oder nicht – an einem einzigen großen Palimpsest, bauen aufeinander auf, übernehmen, überschreiben, überdenken- und, wie Du sagst, weiter zu verschenken.

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