Kurzgeschichte: Kültür

Das es nicht reicht, auf die Armbanduhr zu gucken, um sich hinreichend mit dem Phänomen Zeit auseinandergesetzt zu haben, war mir eigentlich schon länger klar – dafür hätte es nicht eines populärwissenschaftlichen Bestsellers bedurft.

Jeder, der einmal versucht hat, eine Geschichte zu schreiben, kommt nicht umhin, sich Gedanken zu machen über Erzählzeit und erzählte Zeit, vollendete Gegenwart und was auch immer die Germanisten sonst noch an Fallstricken ausgelegt haben mögen. Naturwissenschaftlich ist Zeit ein noch viel komplexeres Problem – und bis ins Detail verstanden hat es offenbar noch keiner – soweit immerhin habe ich den schon angesprochenen Bestseller gerade noch kapiert.

Offen gestanden lese ich solche Bücher auch nicht in der Erwartung, wirklich viel darüber zu erfahren, wie unsere Welt funktioniert, nein, es geht mir eher um das angenehme Gefühl, das wirklich kluge Menschen sich mit all diesen … Dingen herumschlagen und schon dafür sorgen werden, dass die Naturgesetze auch von niemandem übertreten werden. Weiterlesen

Freiheit für das Panorama

Hugo Wstinc – die Niederländer lesen das W in diesem Fall als zwei aufeinander folgende Us und sprechen ihn also Hugo Uustinc. Nein, so sprechen sie ihn nicht, sondern – weil aus dem u im Niederländischen ein ü wird: Hügo Üüstinc. Das g wird natürlich auch nicht als g gesprochen, es klingt eher wie das ch in acht. Nun wissen wir, wie er sich spricht. Pardon, er – Hugo Wstinc – spricht sich schon lange nicht mehr, denn er starb am 06.09.1404. Damit ist er hinreichend lange tot, wir können also ohne Beileidsbekundungen weiter machen.

Geboren wurde er einigen Quellen zufolge vor 1349. All das ist noch kein hinreichender Grund, ihn hier vorzustellen. Wobei: Brauche ich irgendeinen Grund, um hier Text zu produzieren? Reicht nicht die Tatsache, dass mir danach ist? Egal, ich habe jedenfalls ein Motiv, nämlich das auf meinem Blog. Noch einmal und diesmal zum Mitdenken: Ich verwende einen sogenannten Avatar:

dom 3

Und hierbei handelt es sich um das (von Elfie Voita gemachte) Foto einer Skulptur aus dem Pandhof, dem Innenhof des Doms zu Utrecht. Es zeigt den schreibenden Kanoniker – eben jenen Hugo Wstinc. Schön und gut. Muss man das jetzt wissen?

Wichtig ist die Diskussion, die gerade darum geführt wird, ob in Zukunft solche Bilder noch frei verwendet werden dürfen. Im Europaparlament geht es nämlich um genau diese Frage. Zunächst steht da die gewerbliche Verwendung von Fotos an, auf denen Gebäude oder Skulpturen zu sehen sind, an denen jemand Rechte besitzt.

Aber woher soll ich denn wissen, ob jemand noch Recht an der Skulptur des schreibenden Kanonikers hält? Und woher weiß ich, ob ich dadurch, dass ich einen Blog betreibe, vielleicht schon jemandem die Rechte eingeräumt habe, mit den von mir hochgeladenen Bildern zu tun, was immer er mag? WordPress zum Beispiel bietet mir eine kostenlose Möglichkeit, diesen Blog zu betreiben. Von der Werbung, die sie auf meinem Blog platzieren, wird sich das nicht finanzieren lassen. Also aufgepasst, möglicherweise geht uns da unbemerkt ein wichtiges Recht verloren. Mehr dazu: https://juliareda.eu/2015/06/panoramafreiheit-in-gefahr/

Nachtrag: Das Europa-Parlament hat mit großer Mehrheit beschlossen, dass die Panoramfreiheit weiterhin gilt, d. h. bis auf einige Länder, die besondere Einschränkungen kennen, bleibt alles unverändert.

 

Utrecht

Utrecht, das ist schon mal nicht der Versuch, vergangenen Jahrhunderten zu zeigen, wie gut sie ausgesehen hätten, wenn sie doch nur so sauber und ordentlich wie wir gewesen wären, wie es leider in vielen Städten – deutschen wie niederländischen – der Fall ist, sondern eine lebendige Stadt, die sich ihrer in die Jahre gekommenen Schönheit bewusst ist und trotzdem auch mal ungeschminkt daherkommt. Eine Stadt der Geschichte und Geschichten: Liudger, der erste Bischof Münsters, kam aus Utrecht, Papst Hadrian VI wurde hier geboren und starb 1523 in Rom nach einer Amtszeit von gut 18 Monaten, Hermann van Veen stammt aus Utrecht.

C.S.S Crone? Sagt Ihnen nichts? Dann waren Sie wohl noch nicht in Utrecht. Immer wieder findet man dort nämlich auf Hauswänden seine Texte. In der Nähe der Oudegracht, der sehenswerten Gracht im Zentrum Utrechts, nicht weit vom Dom, liegt De Lichte Gaard, ein kurze schmale Straße.

crone

Bild: Elfie Voita

Dort lesen wir:

„Later stond hij in de Lichte Gaard

naar de sterren te kijken.

Nu had hij bij zijn verdriet

nog de hik gekregen“.

Lyrik zu übersetzen ist ja immer so eine Sache, sinngemäß steht dort:

 

Später stand er in der Lichte Gaard

und betrachtete die Sterne.

Nun hatte er neben all seinem Kummer

auch noch den Schluckauf bekommen.

Wenn das kein Grund ist, Niederländisch zu lernen und nach Utrecht zu fahren, was dann?

De Lichte Gaard ist übrigens ein Straßenname, der auf einen ehemaligen Garten, den hellen Garten, verweist.