Grenzerfahrung

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Im Literaturmuseum Haus Nottbeck läuft eine Ausstellung unter dem Titel „Go east“. Zu dieser Ausstellung ruft das Museum dazu auf, Reisetexte zur Verfügung zu stellen. Die Bedingungen stehen auf der Seite des Museums. Mein kleiner Text ist schon dabei.

Grenzerfahrung

Als ich zum ersten Mal im Ausland war, war ich überhaupt nicht im Ausland. Nur im Sauerland, mit der Zündapp meines Vaters und eine Zündapp ist keine App für das  Smartphone, sondern ein Moped. Ich war total begeistert, im Ausland zu sein, machte mir aber zugleich Sorgen, weil wir kein sauerländisches Geld dabei hatten. Mein Vater, der vor mir saß, natürlich ohne Helm, lachte und erklärte mir, dass wir nur ein paar Kilometer von zuhause entfernt waren. Zuhause, das war Hagen, vielleicht sogar noch Hohenlimburg, das war Rauch und ein metallischer Geruch in der Luft, blinde Fenster in hohen, staubigen Gebäuden und Gleise, die über die Straße liefen.

Es dauerte noch zehn Jahre oder mehr, bis  ich die holländische Grenze erstmals überschritt, aber das zählte nicht, weil mein Onkel dabei war, die Schnittstelle zur fremden Welt. Später, mit langen Haaren und Parka und mit meinem Freund Manni, mit langen Haaren und Parka und mit dem Zelt meines Onkels, spürte ich die Fremde, als wir per Anhalter, wie auch sonst, nach Amsterdam fuhren. De koffie is klaar , das war alles was wir verstanden – und Kaffee tranken wir nicht.

Wir suchten, auch wenn wir das nicht hätten sagen können, den Geist der Revolution, die Magie der späten Sechziger, lange Haare und Musik und Kiffer und das Gefühl der universalen Verbundenheit mit der Jugend der ganzen Welt. Auch mit den Mädchen.

Der Magic Bus parkte vor dem Rijksmuseum und im Paradiso spielten Bands. Das Paradiso, Mann, das Paradiso! Freiheitsstatue und Unabhängigkeitserklärung in einem. Dass mir in der Menge vor dem Eingang mein Portmonee geklaut wurde, geschenkt, der Preis der Freiheit. War ohnehin fast nichts drin. Was brauchten wir denn, außer Tabak und Blättchen?

Aber hinter dem Rauch, hinter dem  Rausch sahen wir nichts, verstanden wir nichts und waren wir blind für die Stadt und ihre Geschichte und unsere Geschichte in diesem Land und dieser Stadt. Was sind denn zwanzig, fünfundzwanzig Jahre, wenn der Krieg über die Grenze kam, Juden in den KZs verschwanden und die Männer und Frauen aus dem Widerstand, dem Verzet, verraten und ermordet wurden?

Die Gnade der späten Geburt, dass ausgerechnet ich Helmut Kohl zitiere, war die Blindheit der späten Geburt, die Ahnungslosigkeit und Geschichtsvergessenheit der Nachkriegsgeneration. Wir lange Haare, die lange Haare, wie oberflächlich wir waren.

Auf dem Rückweg, irgendwo zwischen Groningen und Winschoten, sammelte uns ein Typ auf, nahm uns mit in seinem 2CV, einer klapprigen Ente, aber waren die nicht schon ab Werk klapprig? Aus Richtung Deutschland ein ständiger PKW-Strom mit deutschen Kfz-Kennzeichen. Irgendwann brach es aus ihm heraus.

Rottmoffen.

5 Gedanken zu “Grenzerfahrung

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