Mit anderen Augen

Von Michielverbeek – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=5129016

Maarten t’ Hart, der niederländische Schriftsteller, der vor nicht allzu langer Zeit seinen 75. Geburtstag feierte, na, sagen wir: dessen 75. Geburtstag vor kurzem gefeiert wurde, er selbst ist wohl kein Mensch, der Feierlichkeiten schätzt, hat, was sollte ein Schriftsteller auch sonst tun, ein Buch geschrieben und seinen Leser*innen damit ein Geschenk gemacht. De Nachtstemmer heißt es und ist wohl noch nicht auf Deutsch erschienen. Es handelt von einem Mann, der Orgeln stimmt. Es handelt auch von einer Frau und ihrer Tochter. Es spielt, und das ist für mich der Anlass, diesen Text zu verfassen, in Maassluis.

Na und, wird fragen, wer weiß, dass Maarten t‘ Hart aus Maassluis stammt und gefühlt 90 Prozent seiner Romane und Kurzgeschichten dort angesiedelt sind. Wer weder Maarten t‘ Hart noch Maassluis kennt, darf trotzdem weiterlesen, denn es geht mir nicht um Maarten t‘ Hart und auch nicht um Maassluis. Es geht um den literarischen Kunstgriff, mit dem der Autor in diesem neuen Buch ein ganz anderes Maassluis kreiert.

Gabriel Pottjewijd, so heißt der Nachtstimmer, stammt nämlich

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Einmal Reichtum und zurück

Door Parsifal2000 - Eigen werk, CC BY-SA 3.0 nl, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15495585

Door Parsifal2000 – Eigen werk, CC BY-SA 3.0 nl, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=15495585

Wer Ruhe sucht, ist in Oudeschans gut aufgehoben, ganz sicher um diese Jahreszeit, denn in den Sommerferien wird es sogar hier lebhaft. Im Mai ist das anders, zwei Hunde kläffen uns an, geben aber bald wieder Ruhe, einige Bullenkälber starren uns von ihrer Weide aus nach. Hier und da eine Katze, die mitten auf der Straße sitzt.

Deutsch wird verstanden, aber nicht unbedingt gesprochen. Jeder Passant grüßt. Moin, höre ich den ganzen Tag über, so wie im benachbarten Ostfriesland. Die Landschaft ist ebenso flach wie jenseits der Grenze. Polderland eben. Eingedeichtes, dem Meer abgerungenes Land, das allerdings oft genug dem Meer wieder abgerungenes Land ist, weil die Nordsee sich wieder und wieder große Teile der Küste einverleibte.

Schwerer fruchtbarer Ackerboden, Klei, Marschland. Im 19. Jahrhundert war dieser Weiterlesen

Oldambt

Altes Bauernland, Polderland, geprägt von der See, doch noch mehr vom menschlichen Willen, diese schier übermächtige See zurückzudrängen, ihr Land zu entreißen. Seit mehr als 9.000 Jahren leben dort Menschen. Niederländer nannten sie sich wohl erst viel später. Flachland. So platt, so weit, dass es eigentlich ein anderes Wort brauchte. Unendliche Weizenfelder wogen im kaum einmal nachlassenden Wind, bewahren die Erinnerung an den Rhythmus der Wellen.

Kleine Ortschaften, Dörfer, dann wieder diese Höfe, Herrenbauern nannte man ihre einstigen Eigentümer. Herrschaftlich sind die Häuser, groß, mit parkähnlichen Vorgärten und je weiter ein Haus von der Straße zurückliegt, desto prächtiger ist es meist. Manchmal ein Klinkerbau, oft eine weiße Villa, immer der dahinter liegende, unmittelbar mit dem Herrenhaus verbundene Hof, das Wirtschaftsgebäude und die Stallungen.

Bellingwolde, Oudeschans, Nieuw-Beerta… die Waterstaatskerk , ein Grund, einmal anzuhalten. Nicht eine dieser mächtigen Glaubensfestungen, wie sie oft in den Niederlanden, aber auch im angrenzenden Ostfriesland zu finden sind und die uns schon im Vorbeifahren ihr „ein feste Burg ist unser Gott“ zurufen.

„Kerk Nieuw-Beerta“ by Gouwenaar op de Nederlandstalige Wikipedia – Eigen werk. Licensed under Publiek domein via Wikimedia Commons – https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Kerk_Nieuw-Beerta.jpg#/media/File:Kerk_Nieuw-Beerta.jpg

Gar nicht trutzig liegt sie da, die einfache Kirche, aber da ist eine Gedenktafel, fast hätten wir sie bei all den blühenden Sommerblumen übersehen. Der schöne Sommertag bekommt Risse und eine sehr dunkle, sehr deutsche Vergangenheit begegnet uns wieder einmal. Bastiaan Jan Ader, bis 1944 Pfarrer dieser Kirche, bot Juden und anderen Verfolgten Unterschlupf und Hilfe. Mehr als 300 Menschen verdanken ihm ihr Leben. Dafür wurde er 1944 in deutschem Namen erschossen.